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Full text of "Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur"

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* • 



BEITRÄGE 



ZUR 



GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SPRACHE 

UND LITERATUR ' - -"— 



UNTER MITWIRKUNG VON 
HERMANN PAUL UND WILHELM BRAUNE 

HERAUSGEGEBEN 
VON 

EDUARD SIEVEBS. 



XXVI. BAND. 



HALLE A. S. 

MAX NIEMEYER 

77/78 GR. STEINSTRASSB 
1901 



INHALT. 



Seite 

Sagengeschichtliclies zum Hildebrandsliede. Von Br. Busse . . 1 

Untersuchungen über Wolframs Titurel. Von A. Lei tz mann . 93 

Zu Überlieferung und text von Kunz Kisteners Jakobsbrüdem. 

Von K. Helm 157 

Ein Zeugnis für Wimt von Grafenberg? Von demselben . . 167 

Dialektisches in der ags. Übersetzung von Bedas Kirchengeschichte. 

Von M. Deutschbein 169 

Saxonica. Von A. Leitzmann 245 

(2. Zum Gemroder psalmencommentar, s. 245; — 3. Zu den 
Essener denkmälem, s. 260.) 

Nachtrag. Von M. Deutschbein 266 

Vom rhythmischen zwischenaccent und schlussaccent im deutschen 

verse. Von A. Brieger 267 

Hercynia. Von S. Muller 281 

Germanisches und slavisches. Von C. C. Uhlenbeck . . . . 287 

Zur deutschen etymologie. Von demselben 291 

Zur Summa theologiae. Von M. Ihm 312 

Die Krimgoten. Von A.Götze 313 

Nachträgliches zu Beitr. 24, 476 ff. Von W. Zuidema .... 315 

Zu Beitr. 25, 567 ff. Von J. Meier 317 

Zum kämpf des vaters und sohnes. Von B. Kahle 319 

Das artikellose substantivum in den predigten Bertholds von 

Regensburg. Von F. Zimmert 321 

lieber ruhe- und richtungsconstructionen mittelhochdeutscher 
verba, untersucht in den werken der drei grossen höfischen 
epiker, im Nibelungenlied und in der Gudrun. I. Von 

E. Wiessner 367 



INHALT. 

Seite 

Northumbrisch blefla? Von E. Sievers 557 

Altsächsische namen im Gandersheimer plenar. Von H.K.Schil- 
ling 558 

Jakob Ziegler über die Krimgoten. Von R. Loewe 561 

Etymologien. Von C. C. Uhlenbeck 568 

Zu Beitr. 26, 290 ff. Von demselben 572 

Nochmals andtcordum im Sächsischen taufgelöbnis. Von A. Leitz- 

mann 573 

Zu Heinrich Kaufringers 22. gedieht. Von K. Eulin g .... 575 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBRANDS- 

LIEDE. 

Vorbemerkungen. 

Qui s'excuse, s'accuse, und doch möchte es vielleicht an- 
gebracht sein, den folgenden erörterungen eine kurze apologie 
vorauszuschicken. Das ehrwürdige, einzige denkmal des helden- 
sangs unserer vorfahren hat schon so früh und in so reichem 
masse die aufmerksamkeit der forscher auf sich gezogen, dass 
es füglich unnötig scheinen möchte, die überreiche literatur 
noch zu vermehren. Mancher wird vielleicht auch fragen, was 
über den längst abgearbeiteten gegenständ noch irgendwie 
neues gesagt werden könne, und unmutig diesen aufsatz bei 
Seite legen ; mancher, der aus Kauffmanns, Lufts, Josephs und 
anderer arbeiten mit staunen gesehen hat, dass man über das 
scheinbar längst abgetane thema noch ganz neues, uner- 
wartetes vorbringen kann, wird vielleicht etwas ähnliches auch 
hier zu finden erwarten. Auch ihm würde die enttäuschung 
nicht erspart bleiben. Meine absieht war es überhaupt nicht, 
neues zu finden, sondern zu ermitteln, was man mit Sicher- 
heit für die entwicklung der sage, speciell der deutschen, aus 
unserm liede herausholen kann. Dass dabei oft dinge gesagt 
werden mussten, die schon andere (von ühland und Lachmann 
abwärts) längst erkannt hatten, dass auch ein grosser teil 
meiner ausf ührungen sich nur mit der kritik gegenteiliger an- 
sichten zu beschäftigen hatte, lag in der natur der sache. 
Aber ich glaube, es ist nicht minder verdienstlich, irrwege 
der forschung nachzuweisen, als positiv neue resultate ans 
licht zu fördern. Und ich halte die neuesten richtungen der 
forschung über das Hildebrandslied, sowol bei Kauffmann, wie 
bei Luft und Joseph, die sich beide gegenseitig eng berühren, 

Beiträge sur geschichte der deutschen spräche. XXVI. jj. 



2 BUSSE 

für irrwege, und ich halte es zugleich für eine pflicht, den 
neuen, blendenderen resultaten z. b. Kauffmanns gegenüber an 
den bescheideneren, aber sicheren, die man schon früher kannte, 
festzuhalten und sie zu verteidigen: nicht etwa aus blosser 
Oppositionslust oder Vorliebe für das alte : der erste teil meiner 
ausführungen wird, denke ich, zeigen, dass ich auch das alte, 
selbst wenn es im neuen gewande erscheint, ebenso kräftig 
bekämpfe. Wenn hier und da doch die lust am streite selbst 
hervorbrechen sollte, so bitte ich, das mit dem heisseren blut 
des anfängers entschuldigen zu wollen: persönlich irgend 
jemand zu nahe zu treten, lag mir vollkommen fern. 

Im übrigen habe ich zu bemerken, dass ich meinen aus- 
führungen den text Braunes zu gründe legen werde, dem 
ich mich ganz anschliesse (auseinandersetzungen mit anderen 
auffassungen sind gelegentlich weiter unten gegeben). Ich 
habe mich überall streng an die Überlieferung gebunden (aus- 
genommen, wo offenbare versehen vorliegen, die auch bei 
Braune schon verbessert sind, vgl. z. b. v. 26. 43), auch in der 
Verteilung der reden (vgl. unten teil II). Natürlich sehe auch 
ich, dass die Überlieferung durchaus nicht vollkommen, sondern 
erstlich lückenhaft, zweitens oft aus formalen gründen un- 
haltbar ist, und ich gestehe daher die berechtigung, ja sogar 
notwendigkeit von emendationen gern zu. Von solchen emen- 
dationen verlange ich dann aber auch, dass sie zunächst 
formell tadellos seien, zweitens inhaltlich nichts dem son- 
stigen text fremdes in diesen hineinbringen, oder doch nichts, 
was nicht mit Sicherheit erschlossen werden kann. Aenderungen 
des textes, wie sie z. b. Joseph, Zs. f da. 43, 59 ff. vornimmt, von 
denen auch nur die wenigsten allein metrischen forderungen 
genügen können, glaube ich daher a limine abweisen zu 
müssen; für noch bedenklicher halte ich es aber, aus solchen 
schon formell unmöglichen ^besserungen' inhaltliche Schlüsse 
ziehen zu wollen, wie sowol Luft, 2) als besonders Joseph 
es tun. 

Was sonst die methode anbetrifft, so war mein bestreben, 
mich möglichst eng an das zu halten, was im gedichte selbst 



^) Braune, Ahd. lesebuch^ s. 76. 

^) W. Luft, Die entwickluug des dialogs im alten Hl. (diss.), Berlin 1895. 



i 



SAGENGBSCHICHTLICHBS ZUM HILDBBRANDSLIEDE. 3 

steht^ und der combination (gleichviel ob historischer, ob 
sagenhafter natur) nur ein möglichst geringes feld einzuräumen. 
Natürlich sind sowol die geschichtlichen Zeugnisse, wie die 
spätere sagengeschichte berücksichtigt worden, aber ich hoffe, 
man wird nirgends die lust am blossen combinieren selbst 
hervorleuchten sehn. Dies bezieht sich besonders auf den 
zweiten hauptteil der ausführungen (die Dietrichsage im Hl.). 
Beim ersten teil, der die sage vom kämpf des vaters und 
sohnes behandelt, wird der leser vielleicht überrascht sein, ein 
so reiches fremdes material herbeigezogen zu sehn; aber ich 
glaube, ein derartiger vergleich kann — abgesehen davon, 
dass die heranziehung dieses materials für die kritische be- 
trachtung anderer anschauungen notwendig war — nur nützlich 
sein. ») Sind es doch überall wider dieselben factoren, die die 
sagenbildung veranlassen, dieselben culturellen bedingungen 
und der gleich veranlagte menschengeist, besonders bei so nah 
verwanten stammen, wie die Indogermanen es sind: was 
wunder, wenn sich da überall ähnliche poetische gebilde ge- 
stalten? Man braucht daraus noch lange nicht den trug- 
schluss der älteren vergleichenden mythologie zu ziehn: weil 
sich später ähnliche Schöpfungen finden, müssten diese alle 
notwendig auf eine schon in indog. urzeit vorhanden gewesene 
grundfassung zurückgehn. Man braucht auch nicht, wie eine 
neuere richtung es liebt, überall eine directe abhängigkeit 
von einem irgendwo zuerst entstandenen prototyp anzunehmen: 
sollte der menschliche geist wirklich so arm sein, dass er 
dasselbe motiv stets nur einmal hervorbringen könnte? Ich 
glaube daher im allgemeinen überall dort, wo, wie bei unserer 
sage, eine directe beeinflussung höchst unwahrscheinlich, um 
nicht zu sagen undenkbar ist, an eine unabhängige poly- 
gen e sie des betreffenden motivs.^) Trotzdem halte ich die 
vergleichung mit den andren ähnlichen fassungen für wertvoll 



*) Man verzeihe, wenn ich schon hier in der einleitung dinge berühre, 
die vielleicht an sich am betreffenden orte besser am platze wären, dort 
aber jedenfalls nicht mit der wünschenswerten klarheit angebracht werden 
könnten. 

2) Etwas ganz anderes ist es dort, wo eine directe literarische beein- 
flussung nachweisbar ist, wie z. b. in den dem afrz. epos entlehnten oder 
ihm naliestehenden fassnngen der vatersohnsage. 

1* 



4 BUSSE 

und notwendig zum vei-ständnis des einzelnen, eben weü sie 
tiberall aus ähnlichen culturellen wie poetischen anschauungen 
herausgewachsen sind, und in diesem sinne bitte ich auch die 
widergabe der von Jiriczek aufgestellten typen der sagen- 
behandlung aufzufassen. 2) 

Meine Stellung zu den übrigen fragen, die sich an das 
HL knüpfen, ist kurz folgende: ich halte, hierin der jetzt am 
meisten verbreiteten annähme folgend, das HL für die nach 800 
von zwei bänden angefertigte abschrift einer schriftlichen 
vorläge. Das original ist hochdeutsch, speciell ostfrän- 
kisch gewesen. 3) Wir haben also in unserm gedichte nicht 
ein Zeugnis für die sächsische gestalt der Dietrichsage, wie 
Kögel wollte, sondern für die hochdeutsche, wenn man 
überhaupt für diese frühe zeit schon einen unterschied zwischen 
hd. und nd. sage machen darf. Auf eine nähere begründung 
dieser Stellung kann ich mich jedoch hier nicht einlassen. 

Die literatur über das HL 

Als einziger rest unserer heimischen heldendichtung in 
in älterer zeit hat das HL schon immer unsere gelehrte weit 
stark beschäftigt, und eine umfangreiche literatur behandelt, 
wie die form der Überlieferung, auch den Inhalt und seine 
einordnung in den grossen Zusammenhang der germanisch- 
deutschen heldensage. Eine bequeme Zusammenstellung dieser 
literatur, soweit sie unmittelbar mit dem Hl. zusammenhängt, 
findet sich bei Braune, Ahd. lesebuch* s. 170 ff. (besonders 
175 f.) und bei Kögel in Pauls grundriss 2a, 174 ff. und seiner 
Literaturgeschichte 210 ff. Ich verzichte daher auf eine noch- 
malige aufzählung der dort bereits angeführten literatur. Von 
in den letzten jähren neu erschienenen Schriften habe ich be- 
sonders benutzt: E. Joseph, Der dialog des alten Hl., Zs. fda. 
43, 59 ff. und C. R. Boer, Zur dänischen heldensage, Beitr. 22, 
342 ff. Am meisten hatte ich mich mit Nutt, Problems of 



^) Vgl. besonders den schlnss, den die fremden fassungen auf den uns 
verlorenen ansgang des Hl. gestatten. 

*) Vgl. unten unter I, C. 

^) Vgl. Kauffmann s. 126 — 138; besonders zu beachten sind die aus der 
Schreibung -brant, -braht für alter und herkunft gezogenen Schlüsse. 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 5 

heroic legend,^) Jiriczek, Hildebrand und die Wülflnge,^) 
R. Heinzel , lieber die ostgotische heldensage, 3) der darstellung 
Kögels im Gnmdriss und seiner Literaturgeschichte und der 
Kauffmanns in den Philologischen Studien *) zu beschäftigen. 

Von sonstigen werken, quellenschriften, wie abhandlungen, 
lagen mir ausserdem hauptsächlich vor^): 

1. Ahlström, Studier iden fomfranska laislitteraturen, Üpsalal892. 

— 2. Aliscanz, Chanson de geste 6d. par F. Gnessard et A. deMontaiglon 
(A.P.F. 10), Paris 1870. — 3. Ammianus Marcellinus, Hermes VI. — 
4. Ans saga bogsveigis (Fomaldarsögur 2^325ff.). — 5. Asmundar- 
saga kappabana (bei Detter, Zwei fomaldarsögur, Halle 1891). — 
6. v.Bahder, Germ. 29, 276ff. — 7. Baudouin de Sebourc(ed. Bocca), 
Valenciennes 1841. — 8. B6owulf hg. von Holder, Freiburg i. B. und 
Leipzig 1896. — 9. Biblioth^que universelle des romans (Conte 
de Tressan, Oeuvres choisies bd. 7, Paris 1788). — 10. Binz, Beitr. 20, 145 ff. 

— 11. Bis trom, Zs. f. Völkerpsychologien. Sprachwissenschaft 6, 132ff. — 
12. Bovo d'Antona (Beali di Francial) ed. P.Eajna u. G.Vardelle, Bo- 
logna 1872. — 13. V.Busse, Fürst Wladimir u. seine tafeirunde. Alt- 
russischeheldenlieder, Leipzig 1819. — 14. Campbell, Populär tales of 
the West Highlands 3, Edinburgh 1862. — 15. Cassiodor, Yariarum libri 12, 
in den MG., Auct. antiquiss. 12. — 16. ComesMarcellinus, in den MG., 
Chronica minora 2 (Auctoresantiquiss.il). — 17. D*Arbois de Jubain- 
ville, Cours de la litt^rature celtique 5 (L' §pop6e celtique en Irlande 1), 
Paris 1892. — 18. D§mantin von Berthold v. Holle, hg. v. Bartsch, Tü- 
bingen 1875. — 19. SagaDiÖriks konungs af Bern udg. af C. R. Unger, 
Christiania 1853. — 20. Lai de Doon, Eomania 8, 61ff. — 21. Du Meril, 
Histoire delapoesie scandinave au moyen äge, Paris 1839. — 22. Ellis, 
Specimens of early English metrical romances t. 3, London 1805. — 23. En- 
nodius, Panegyricus dictus Theoderico regi etc., MG., Auct. antiquiss. 7, 
203 ff. — 24. Fingal, anancient epicpoem in sixbooksetc. translated by 
James Macpherson, Edinburgh 1762. — 25. Floovanz, Chanson de geste, 
M. par H. Michelant et F. Gnessard (A. P. F. 1), Paris 1858. — 26. Gaufrey, 
Chanson de geste, M. par Gnessard et P. Chabaille (A.P.F.3), Paris 1859. 



^) The Second International Folk-Lore Congress 1891. Papers and 
Transactions ed. by John and Nutt, London 1892, s. 113 ff. 

s) Deutsche heldensagen 1, 273 ff. 

8) WSB.119,s.lff. 

*) Festgabe für Sievers, 1896, s. 124 ff. 

'^) Bei den abgekürzten einzelcitaten im context habe ich der kürze 
halber oft bloss die nummem dieser liste in klammem beigesetzt. — Ich 
brauche wol nicht erst zu bemerken, dass auch die citate aus historischen 
quellen u. dgl. nicht bloss nachcitiert, sondern sämmtlich neu verglichen oder 
neu hinzugezogen sind. 



6 BÜSSB 

— 27. Gautier, Les §pop6es£ranQaises', Paris 1878— 82 (bibliographie 1897). 

— 28. Gesta Theoderici regis, MG., Scriptores rer. Merov. 2, 200ff. — 
29. Grein-Wülker, Bibliothek der ags. poesie, Kassel 1881 ff. — 30. W. 
Grimm, Kleinere Schriften 2, 174 f. — 31. W. Grimm, Deutsche helden- 
sage", Berlin 1867. — 32. Gormond et Isembart, hg. von Heiligbrodt, 
Rom. Studien 3, 501 ff. — 33. G. de la Barra (Amaut Vidal de Castelnau- 
dari) ed. P.Meyer, Paris 1895. -^ 84. Guy de Bourgogne 6d. par F. 
Guessard et H.Michelant (A.P.F. 1), Paris 1858. — 35. GuyvonWar- 
wick, hg. vonZupitza, EETS., Extra series 25 u. 26. — 36. Heinzel, 
Über die Hervararsage, WSB. 114, 417ff. — 37. Deutsches Heldenbuch, 
Berlin 1866— 70. — 38. Hörn etRimenild §d. par F. Michel, Paris 1845. 

— 39. Hubad, Ausland 1881, s. 890f. — 40. Isidor, Historia Gothorum, 
Vandalorum et Suevorum (Opera ed. F. Arevalus 7, 1803). — 41. Jor- 
d anes, Getica, MG., Auct. ant. 5, 1. — 42. R. Köhler, Revue critique 1868, 
s. 412 ff. — 43. Krumbacher, Geschichte der byzantinischen litteratur, 
München 1897. — 44. Lachmann, Kleinere Schriften 1, 407 ff. — 45. Le- 
grand, Recueil de Chansons populaires grecques, Paris 1874. — 46. Li eh- 
re cht. Zur Volkskunde, Heilbronn 1879. — 47. Lais de Marie de France, 
hg. von K. Wamke (Bibl. Normannica 3), Halle 1885. — 58. E. H. M ey er. 
Germanische mythologie, Berlin 1891. — 49. 0. Miller, Herrigs archiv 33, 
257ff. — 50. Mogk, Mythologie, in Pauls Grundr.3«, 230ff. — 51. Mone, 
Anz. f. künde der deutschen vorzeit 4, s. 178 ff. — 52. P. E. Müller, Saga- 
bibliothek 2, 543 ff. — 53. W.Müller, Mythologie der deutschen heldensage, 
Heilbronn 1886. — 54. Nöldeke, Das iranische nationalepos (sonderabdruck 
aus dem Grundr. der iran. phil.), Strassburg 1896. — 55. Nyrop-Gorra, 
Storia dell' epopea francese nel medio evo, Turin 1888. — 56. Parisela 
duchesse, Chanson de geste, ed. par Guessard et Larchey (A.P.F. 4), Paris 
1860. — 57. Prise de Pampelune ed. Mussaffia (Afrz. gedichte bd. 1), 
Wien 1864. — 58. R am band, La Russie 6pique, Paris 1^6. — 59. Li 
romans de Raoul deCambray et Bemier, ed. par E. le Glay (R.D.P. 7\ 
Paris 1840. — 60. Raszmann, Deutsche heldensage , Hannover 1863. — 

61. Reimann, Die chanson de Gaydon, ihre quellen und die angevinische 
Thierry-Gaydonsage (Stengel, Ausgaben u. abhh. 3, 105 ff.), Marburg 1881. — 

62. Richars li biaus M. par Casati, Paris 1868. — 63. E. Rohde, Der 
gri(^chische roman, Leipzig 1876. — 64. Rückert, Rostem und Sohrab, Ge- 
sammelte poetische werke 12, 125 ff. — 65. SaxoGrammaticus, Historia 
Danica ed. P. E. Müller, Havniae 1859. — 66. Schröder , Zs. fda. 41, 24 ff. 

— 67. S chulz , Zur geschichte der kritik und erklärung des HL, Naumburg 
1876. — 68. Siebs, Zs.fdph. 29, 394ff. — 69. Sievers, Altgerm, metrik, 
Halle 1893. — 70. Sijmons, Heldensage, Pauls Grundr. 3», 606 ff. — 

71. Wagner, Anz. f. künde d. deutschen vorzeit, N.F. 1863, s. 439f. — 

72. Wesselofsky, Archiv f. slav. philol. 3, 549 ff. — 73. Wigamür, 
Deutsche gedichte des mittelalters, hg. von v. der Hagen undBüschingl, Berlin 
1808. — 74. V. W 1 i s 1 c k i , Magazin f. litt, des auslands, bd. 19 (1880) s. 386 ff. 

— 75. Zimmer, Zs. f. nfrz. spräche u. litt. 13, Iff. — 76. Zimmer, Kel- 
tische beitrage 1 (Zs. fda. 32, 196 ff.). — Schliesslich bemerke ich noch, dass 
es mir leider nicht möglich war, russische werke, wie die liedersammlungen 



SAGEKaESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 7 

KirejewskiJB, femer Kirpiönikow, Versuch einer vergl. theorie des 
westlichen u. russischen epos: 1. Die gedichte des langobardischen cyklus, 
Moskau 1873; O.Miller, Ilja Muromec i bogatyrstvo Kiewskoe, Peters- 
burg 1869; Stasof, Viestnik Ewropy 1868, s. 183ff.; Wesselofsky, 
Bussische revue 4 , heft 6 ; zu benutzen. Ausserdem habe ich mich ver- 
geblich bemüht, das bei Braune s. 171 angeführte programm von A. Bam, 
Motive und stil im Hl., angeblich aus Iglau und dem jähre 1896, aufzu- 
treiben. 1896 — 97 enthalten die Iglauer programme nur einen katalog der 
lehrerbibliothek , 1895 eine philosophische abhandlung; auch sonst konnte 
ich die arbeit nirgends nachweisen, und eine directe anfrage in Iglau selbst 
blieb unbeantwortet. Uebrigens sehe ich aus Josephs anmerkung^Zs. fda* 
43, 79), dass es ihm nicht besser ergangen ist. 

I. Die sage vom kämpf des vaters und sohnes. 

A. Verbreitung der sage. 

Schon auf den ersten blick gliedert sich die behandlung 
der Sagengeschichte des Hildebrandsliedes in zwei grosse 
gruppen: auf der einen seite handelt es sich um das Verhältnis 
des liedes zu den zahlreichen andern sagen, die einen kämpf 
zwischen vater und söhn schildern, auf der anderen um die 
einordnung in den grossen cyklus der gotisch-deutschen sagen 
von Dietrich von Bern. 

Die sage vom kämpf des vaters und sohnes ist ungemein 
weit verbreitet und zeigt — wenigstens in ihrer älteren ge- 
stalt — überall spuren des höchstens alters. Schon TJhland 
(Schriften 1, 164 ff.) kannte ausser der germanischen sage 9 
bereits die persische von Kustam und Suhräb,^) die russische 
von Ilja von Murom und seinem söhne Sbuta (Sokolniek; 
V. Busse 91 ff., Kambaud 54 ff. u. a.) aus dem Sagenkreise Wla- 
dimirs von Kiew , dann die norwegische sage von Ann dem 
bogenschwinger und porir (no. 4, s. 358 ff.), Biterolf und Diet- 
leip, Göde und Galder im dänischen volksroman von Olger 
Danske und den me. Sir Degore (Ellis 3, 43 ff.). Dem eifrigen 
suchen der sagenforscher ist es gelungen, seitdem noch eine 



^) = Hildebrandslied, piSrekssaga cap. 408, späteres deutsches Volks- 
lied, Sun und vater im Dresdener heldenbuch und En vise om mester 
Hildebrand. 

') Firdausts Schahname und die ältere bearbeitung von Anssari; vgl. 
auch Bückerts kunstvolle neudichtun^ (oben no. 46). 



8 BÜSSE 

ganze reihe von widerholungen desselben motivs nachzuweisen. 
So finden wir bei Jiriczek (276 ff.) aus der griechischen sage 
den kämpf des Odysseus und Telegonos, des Zeus und Herakles 
(Liebrecht s. 406. Nonnos, Dionys. 19, 375. Tzetzes), des Laios 
und Oedipus, aus dem irisch-gälischen Sagenkreis den kämpf 
Cüchulains und Conlaochs (bei Ossian-Macpherson : Clessamors 
und Carthonns ; d'Arbois 51 ff. Campbell 3, 184 ff. Macpherson, 
Fingal 1, 15), Finns und Oisins (Nutt s. 128); ebenfalls wol auf 
keltische quellen zurückgehend das Lai de Milun der Marie 
de France (no. 47, s. 152 ff.) und das Lai de Doon (Eomania 8, 
61 fl), Otnit und Alberich im mhd. spielmannsepos, eine ballade 
der Siebenbürgischen Zigeuner (Wlislocki a. a. o.), selbst im 
fernen China hat man in einem Singspiel von Jen-kueis rück- 
kehr (Liebrecht s. 214) eine ostasiatische Hildebrandsage ent- 
decken wollen. 

Besonders häufig kehrt das motiv im bereiche des afrz. 
epos wider. So führt Köhler in seiner recension von Casatis 
ausgäbe des Richars li biaus noch verschiedene andere Vertreter 
des alten motivs an: den provenzalischen roman Guillaume 
de la Barre (Meyer, no. 33, s. 126 ff. ; vgl. besonders v. 4258 — 
5214), dem me. Sir Eglamour of Artoys (Ellis 3, 537) und den 
kämpf Reinaids von Montalban mit Guidon in dem ital. gedichte 
Anchroja regina (Du Meril 423 ff.), wozu dann P. Meyer noch 
den Zweikampf Malabrons und Robastres im Gaufroy (no. 26, 
vgl. besonders v. 5565 ff.) und Balduins und des bastards von 
Bouillon in Baudouin de Sebourc (no. 7, cap. 25, besonders 770 ff.) 
hinzufügt. Ebenfalls der afrz. epik gehören an (vgl. Reimann 
s. 105): Clovis und Floovant (no. 25, vgl. besonders 2463 ff.), 
Gauvain und sein söhn (im Perceval), Julien und Bernier 
(no. 59, s. Xin und 302 ff.), Raynouart au tinel und Desramez 
(no. 2, vgl. besonders 6597 ff.). Hinzuzufügen wären noch der 
kämpf des Isorifes und MaOQ^ris (no. 57, vgl. besonders 1052 ff.), 
Hugues' und Raymonds (no. 56, vgl. besonders 2167 ff.), die 
eingangscapitel des Tristan li L6onois (no. 9, bd. 1, 67 ff.), der 
me. Sir Triamour (Ellis 3, 176 ff.). Berthold von HoUes Demantin 
(v. 4870), und der Wigamür (vgl. besonders 3850 ff.). 

Auf slavischem boden finden sich weitere parallelen 
in den sagen von Eruslan Zalazarewitsch (Rambaud 183), 
Saul Levadinovitsch (Wesselofsky s. 587 ff.), Mstislaw (?; vgl. 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 9 

Busse Vin) , Marko und Vukoschin in den serbischen Volks- 
liedern, i) 

In dem neugriechischen xQayovdiov vom söhne des An- 
dronicus (Legrand s. 186 ff.), dem von Armuri, Armuris söhn 
(Wesselof sky s. 549 ff.), und dem me. Guy von Warwick (no. 35) 
schimmert das motiv wenigstens hindurch, ebenso wie es in 
den aus dem Volksbuch bekannten vier Haimonskindem (Renaud 
de Montauban) eine gewisse rolle spielt. Fasst man es etwas 
weiter, so könnte man schliesslich die chansons de geste von 
Guy de Bourgogne, die von Gaydon (Reimann s. 105) und den 
me. roman von Merlin (EETS. no. 10. 21. 36) hinzuziehn , wo 
zwar nicht direct vater und söhn, aber doch wenigstens auf 
der einen seite das heer der väter, auf der andern das der 
söhne sich gegenüberstehn (im Guy de Bourgogne kommt es 
übrigens gar nicht einmal zum kämpf). Verweisen will ich 
wenigstens noch auf den kämpf der- beiden d'Ailly bei Voltaire 
(Henriade 8, 205 ff.), auf A. v. Arnims Auerhahn (Werke ed. W. 
Grimm 5, 199 ff.) , Gogols Taras Bulba (den tod seines sohnes 
Andreas), die interessante belege für die Verwendung des ur- 
alten motivs bei modernen schriftsteilem sind. Nicht hierher 
gehört dagegen die erzählung aus den Sieben weisen meistern 
(Ellis 3, 43 ff.) trotz ihrer Überschrift : The f ather murdered by 
his son, die nur eine freie Umbildung des bekannten erzählung 
Herodots (2, 121) vom diebischen baumeister Rhampsinits und 
seinen söhnen ist. 

Ebenso war es nicht richtig, wenn man den kämpf Hildi- 
brands des Hunnenkämpfers und Äsmunds (no. 5, cap. 8) und 
den Predrags und Nenads 2) hinzuziehn wollte ; denn in beiden 
fällen handelt es sich um den kämpf von brüdern. Auch das 
motiv der feindlichen bruder, das von Eteokles und Polyneikes 
an eine grosse rolle gespielt hat ^) und das besonders im skan- 
dinavischen norden tiefen eindruck gemacht zu haben scheint, ^) 



^) Dozon, Chansons populaires des Serbes habe ich leider nicht erlangen 
können ; Tgl. aber Bamband s. 183. 

>) Talyj, Volkslieder der Serben 1«, 280ff. 

3) Vgl. anch Parziyal und Feirefiz nnd die schottische ballade The twa 
brothers. 

*) Vgl. die Schilderung des Zeitalters vor dem weitenende, VQluspä 45 (B.) : 
Brcßpr mono herjask oh at b^om verpasJc etc. 



10 BUSSE 

Mer behandeln zu woUen, würde viel zn weit führen; ebenso 
können kämpfe zwischen sich nahestehenden personen, ^ trotz- 
dem beide motive zweifellos in engen beziehungen zu unserm 
stehen, hier nicht behandelt werden.^) 

B. Die einzelnen Versionen. 

Die Zusammenstellung der einzelnen Versionen des motivs 
vom kämpfe zwischen vater und söhn, wie sie im voraus- 
gehenden abschnitt vorliegt, ist chronologisch geordnet, 
d. L in der reihenfolge, in der die einzelnen fassungen bekannt 
wurden. Eine solche anordnung hat den nachteil, dass sinn- 
gemäss zusammengehörendes auseinandergerissen wird, ganz 
zusammenhangloses dagegen nebeneinander auftritt, und so 
fürchte ich, wird kaum jemand aus dem vorhergehenden einen 
klaren überblick über die Verbreitung des motivs erhalten 
haben. Dazu kommt, dass, besonders in der frz. epik, unser 
motiv oft genug nur eben eins der unzäliligen ist, aus denen 
der Stoff einer grösseren dichtung sich zusammensetzt, und 
dass daher auch von einem guten kenner der betreffenden 
werke nicht zu verlangen ist, dass er sich der art und weise, 
wie der kämpf an jedem einzelnen oi1;e behandelt ist, oder 
überhaupt nur seines Vorkommens, entsinnen soll. Ich halte 
es daher für nötig, wenigstens eine knappe angäbe des Inhalts 
der einzelnen dichtungen, soweit er für uns in betracht kommt, 
mit besonderer hervorhebung des kämpf es selbst, seiner ver- 
anlassung, art und weise der behandlung, ausgang etc., zu geben 
und werde dabei zugleich einer methodischeren anordnung folgen. 

1. Griechische Versionen. 

Telegonos (oben s.8), der söhn desOdysseus und derKirke, 
zieht auf geheiss der mutter aus, seinen vater zu suchen, und 



^) Vgl. z. b. Hildebrand und Alphart , Arthur und Modred , Parziyal 
und Gäwän, D^mantin und Gand^r etc. 

3) Im allgemeinen habe ich zu diesem abschnitt noch zu bemerken, 
dass mein streben auf Vollständigkeit der nachweisbaren Varianten 
gieng, und ich glaube auch, alle mir erreichbaren queUen herangezogen zu 
haben; trotzdem zweifle ich keinen augenblick; dass ein besserer kenner 
der romanischen oder slavischen literaturen die liste ohne mühe wird ver- 
mehren können» 



SAGENGESCHICHTLICHBS ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 11 

wird^von einem stürm, ohne es zu ahnen, nach Ithaka ver- 
schlagen. Als er, von not gezwungen, die f eider plündert, 
tritt ihm Odysseus entgegen und fällt von der hand des sohnes. 

Herakles (no. 46, s. 406): 'Ev reo xaraQxäg de rsd^ivra 
jtQcirq) dycopi ^QaxXfjq jcQOSxaXslTO dq naXtjv rov ßovXo/dSPOV . 
ovösvog 06 ToXficovTOg ö Zevg jtaXaiörfj slxaöd^elg öwifdi^sv 
WgaxXel . xal fjtixQC JtoXlov rrjg jt&Xrjg löojtaXovg ysvofJBVtjg 
ö Zsvg g>avsQol iavxov rtp jcaidl (Tzetzes). 

Oedipus will das Orakel in Delphi über seine geheimnis- 
volle herkunft befragen; unterwegs begegnet ihm in einem 
hohlweg ein greis auf einem wagen und fordert ihn auf, platz 
zu machen. Der heissblütige jüngling weigert sich, und es 
entsteht ein streit, den Oedipus dadurch beendet, dass er den 
f remdeu erschlägt : der ermordete aber ist sein vater Laios. 

2. Persische version. 

Rustam (no. 64) hat in Turan mit der fürstentochter 
Tehmina ein liebes Verhältnis angeknüpft, dem Suhräb ent- 
springt. Als der heldenknabe herangewachsen ist, schliesst 
er sich dem gegen Iran ziehenden Türkenheere an; er ver- 
richtet grosse heldentaten, bis sich auf bitten des schahs 
Eustam selbst ihm entgegenstellt. Wol ahnt Suhräb, dass der 
gegner sein vater ist, aber Eustam gibt sich für einen andern 
aus. Am ersten tag verläuft der kämpf unentschieden, am 
zweiten wird Suhräb sieger, verschont aber, durch eine list 
des alten getäuscht, grossmütig den gegner. In der nacht 
erbittet sich Eustam vom geiste des berges die ihm in der 
Jugend anvertraute überschüssige kraft zurück und bezwingt 
nun leicht den söhn; er stösst zu und erfährt jetzt erst, dass 
Suhräb sein eigener söhn ist. 

(Firdausis Schahname ist erst um 1000 [980 — 1011] ent- 
standen, doch geht die sage zweifellos in viel ältere zeiten 
zurück.) 

3. Die keltischen Versionen. 

Cüchulain (no. 17) erzeugt mit der fee Aife einen söhn 
Conlaoch, dem er scheidend einen ring (ordnasc) und drei 
magische Weisungen hinterlässt (vgl. unten unter C, 3, b). 
Conlaoch zieht aus, seinen vater m suchen, und landet in 



12 BÜSSE 

Irland. Jenen magischen Weisungen folgend, weigert er sich, 
den helden Conchobars seinen namen zu nennen. Cüchulain 
will ihn mit Waffengewalt dazu zwingen, aber der junge er- 
weist sich stärker, als der gefeierte held von Ulster. Cüchulain 
muss fliehn und die zauberlanze gae holga holen, mit der er 
den Jüngling durchbohrt. 

(Die hs. [Trinity College, Dublin, H 2. 16] stammt aus dem 
14 jh., sicher bezeugt wird uns die sage bereits im 10. jh., 
s. weiter unten unter C, 1.) 

'Cuchullin (no. 14) gives a feast, and then goes to Skye 
to help Fionn, leaving a ring for his son (== Conlach, söhn 
Cuchullins und der Fairy sweetheart). He grows up and 
foUüws, and his mother swears him never to teil his 
name tili forced. Conlaoch finds the Feinn fighting at 
Thaigh Mheile ann cm Dura, Fionn sends to find out his 
name. Conan goes, they fight, and Conan is beat. Cuchullin 
goes, and the son keeps him up with his sword. They go 
out into the sea, to the bands of their kilts to try caih builg, 
and they cast their spears at each other, but the son casts 
shaft foremost. At last he is pierced by his father and dis- 
covers himself, and they curse the Fairy mother.' 

(Vgl. Campbell 3, 184 ; diese f assung lebt heute noch im 
Volke und wurde auf veranlassung eines fi-eundes von Campbell, 
John MacLean, nach dem dictat des Neil Macalister in Port 
Charlotte, Islay, aufgezeichnet.) 

Carthonn (no. 24) bedroht das land Fingais mit 'söhnen 
der wogen', er will die Zerstörung seiner Vaterstadt Balclutha 
rächen und weist alle friedlichen bemühungen des königs zu- 
rück. Vor seiner furchtbaren lanze^ erliegen Cathull und 
Conall ; da ruft der könig von Morbhenn Clessamor zum kämpf 
gegen den fremdling auf. Vergeblich sucht dieser, von einer 
plötzlichen ahnung erfasst, den greisen krieger zurückzuhalten, 
es kommt zum kämpf, an der zauberlanze Carthonns zerbrechen 
Speer und schwert Clessamors. Schon will Carthonn den be- 
zwungenen gegner fesseln, da gibt er sich eine blosse, der alte 
zieht schnell den dolch und stösst zu, und Carthonn, der söhn 



») Macpherson hat irrtümlich die zauherlanze dem söhne zugeteilt, von 
der Wirkung des ga^ holga scheint Macpherson indessen nichts zu wissen. 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBKANDSLIEDE. 13 

Clessamors und Maonas, stirbt, nachdem er sich zu erkennen 
gegeben, in den armen des verzweifelten vaters. 

*Finn o' Baiscne (vgl. Nutt) was seeking his son Oisin 
throughout Ireland. Oisin had been a year without anyone 
knowing his whereabouts. He was angry with his father. 
Then Finn found him in a waste, cooking a pig. Finn upset 
it and gave him a thrust, Oisin seized his weapons. He did 
not recognise him at once. Then said Finn, that it was a 
f oolish thing for a young warrior to fight with a grey man. 

0. *I am sure, though the grey man ... me, his spears 
are not sharp, his shield is not . . .' 

F. 'Though his spearpoints are not sharp, though his 
shield is not . . . , at the hour of combat the grey man will 
have the upper hand.' 

0. 'It is clear, though his arm is stronger, and though 
his ... is broad, he is not narrow in his ribs . . . ' 

In dieser lieblichen weise setzt sich das gespräch noch 
eine weile fort, der schluss ist nach Nutt s. 128 versöhnlich. 

(Die hs. stammt erst aus dem 15. jh.) 

4. Französische (und vom französischen abhängige) 

Versionen. 

a) In Frankreich selbst. 

Lai de Milun (no. 47): Milun de Suhtoralis hat ein liebes- 
verhältnis mit einer dame angeknüpft, das nicht ohne folgen 
bleibt. Das neugeborene kind wird heimlich zu einer Schwester 
der dame (in Norhumbre) gebracht und von dieser erzogen. 
Als das kind zu einem stattlichen jüngling herangewachsen 
ist, zieht es aus, seinen vater zu suchen, und erhält beim ab- 
schied von seiner pflegemutter einen ring als erkennungs- 
zeichen. Bei einem turnier el munt Seint Michiel besiegt er 
Milun, ohne ihn zu kennen. Milun fragt nach dem namen 
seines überwinders, der söhn sagt diesen, erzählt seine her- 
kunft und zeigt den ring, v. 471 ff.: 

*E deus!' faitil, * cum sui guariz ! eissi uan fors de ma terre.' 
Par fei, amis, tu es mis fiz. Quant eil Toi*, a pi6 descent, 

Por tei trover e por tei querre, sun pere baisa dulcement' etc. 

^Das gedieht ist nach 1170 entstanden). 



14 BUS8E 

Lai deDoon (no. 20): Doon vermählt sich, nachdem er 
zwei proben bestanden, mit einer Jungfrau aus Daneborc*) 
und zieht wenige tage später wider auf abenteuer aus; für 
den neugeborenen söhn lässt er einen goldenen ring als er- 
kennungszeichen zurück. Der zweite teil deckt sich voll- 
ständig mit dem lai de Milun: beim turnier au mont saint 
Michiel en Bretaigne wird Doon von einem jungen ritter über- 
wunden und erkennt an jenem ringe den söhn. 

(Das gedieht ist dem inhalt, wie der spräche nach, gleich- 
zeitig mit dem vorigen, vgl. Ahlström s. 95.) 

Floovant (no. 25) ist von seinem vater Clovis auf sieben 
jähre verbannt und verrichtet viele heldentaten gegen die 
beiden. Unterdessen hat der admiral Galiens von Persien 
könig Clovis in der feste Laon eingeschlossen, und Clovis bittet 
seinen söhn um hilfe. Floovanz rückt heran, zu gleicher zeit 
machen die belagerten einen ausfall, im kampfgetümmel treffen 
sich söhn und vater, vgl. v. 2463 ff. : 

Li bona rois Cloyis i feri comme bers; 

Et lui et Floovanz se sont antrecontrez. 

Li uns ne qnenuit Tantre, granz cons se sont donez; 

Floovanz fit son pere ä la terre verser, 

Sor lui s'est arestez li gentis bachilers; 

II li eust la teste fors don bn desservre, 

Qnant Richiers*) li escrie: *Que faiz tu, forsenez? 

Ja est ce Clovis, ton pere l'andurez.' 

Quant Tantant Floovanz, es piez li est aulez, 

Venuz est ä son pere, merci li a crie' etc. 

(Das uns verlorene original soll bis auf die mitte des 
12. jh.'s zurückgehn ; dass es indessen unser motiv enthielt, ist 
nicht wahrscheinlich, vgl. unter C, 1.) 

Gormond et Isembart (no. 32): König Loevis (= Lud- 
wig ni) bekämpft die Sarazenen (= Normannen) Gormonds, 
unter denen sich besonders der renegat Isembart, ein neffe 
des fränkischen königs, auszeichnet. Während der Schlacht 
trifft Isembart mit seinem vater Bemard zusammen und hebt 



*) Richtiger JEdenburc, vgl. Strengleikar IX, Douns IjoÖ (R. Köhler, 
bibl. Norm. 3, XCVIf.). 

*) Bichier ist der treue gefährte Floovants. 



SAGENGESCHICHTLICHBS ZUM HILDBBBANDSLIBDE. 15 

ihn aus dem sattel. Die beiden fliehn, unter ihnen Isembart, 
der seinen tod herannahen fühlt . . . 

(Die hs. stammt aus dem 13. jh., das original soll noch 
dem 11. angehören.) 

Raoul de Cambrai (no. 59), mit den abenteuern Raouls 
und seinen kämpfen gegen seinen lehnsherm Karl sind die 
seines Waffenbruders Bernier, bastards von Ribemont, ver- 
bunden. Bernier entführt die schöne Beatrix und geht mit 
ihr auf die pilgerschaft nach St. Gilles. Unterwegs schenkt 
sie einem söhn, Julien de St. Gilles, das leben. Die pilger 
werden von Sarazenen überfallen, und Bernier gerät in die 
gefangenschaft des sultans Corsable, aus der er aber durch 
kühne heldentaten zu hohen ehren emporsteigt. Der sultan 
gerät später mit dem emir de Cordes in streit, Bernier eilt zu 
seiner hilfe herbei und hat einen Zweikampf mit einem jungen 
beiden Corsabr6 zu bestehen, durch den er den krieg zu gunsten 
Corsables entscheidet. Corsabre soll hingerichtet werden, zum 
guten glück stellt sich aber heraus, dass er der geraubte söhn 
Julien ist, und alles endet in Versöhnung. 

(Diese chanson de geste ist noch im 12. jh. gedichtet.) 

Aliscanz (no. 2): Raynouart au tinel, der söhn des Sa- 
razenenkönigs Desramez und bruder Guibourcs, ist in seiner 
Jugend von Seeräubern entführt und an könig Ludwig verkauft. 
Er muss den küchen jungen spielen, bis Guillaume nach der 
blutigen ersten schlacht bei Aliscanz zu könig Ludwig kommt, 
um hilfe für die bedrängte mark zu erbitten. Mit einer furcht- 
baren keule bewaffnet, verrichtet er gewaltige heldentaten — 
so tötet er seinen bruder Valegropes, nachdem beide vergeblich 
versucht haben, einer den andern zu bekehren — und trifft 
schliesslich mit seinem vater selbst zusammen, vgl. v. 6597 ff. 

Dist Desramds: 'Eenoars, Max amis, 
Tu es mon filz, par foi le te plevis.' 

Aber Renoai« will nichts davon wissen: 

*Fol plet avez enpris; 
Je TOS defi par le cors saint Denis! 
Ne sui Yo filz, certes, ne yoz amis; 
Si je devoie en enfer estre mis, 
Ne cesseroie tant com tn soies vis' 



16 BUSSE 

und zerschmettert seinem vater mit einem keulenschlag ein 
paar rippen, bricht dann allerdings in reuevolle klagen 
aus, u. s. w. 

(Aliscanz ist noch vor 1200 gedichtet.) 

Parise la duchesse (no. 56): Durch die ranke der Ga- 
neloniden verleitet, verstösst herzog Raymond seine gattin 
Parise. Sie gebiert auf der flucht einen söhn, der ihr aber 
von drei räubern entführt wird, die ihn dem könig von Ungarn 
übergeben. Bei diesem wächst der junge Hugues auf; er 
zieht dann aus, seine eitern zu suchen; zuerst trifft er die 
mutter. Unterdessen hat sich Raymond ganz von den Ver- 
rätern umgarnen lassen, nur der treue Clarembaut verteidigt 
die Sache der herzogin Parise. Zu ihr stösst nun Hugues mit 
den söhnen Clarembauts ; im kämpfe trifft er mit seinem vater 
zusammen, hebt ihn aus dem sattel, verschont ihn aber, weil 
er weiss, dass es sein vater ist. Die erkennung, schliessliche 
entlarvung der Verräter, Versöhnung u. s. w. erfolgt erst ziem- 
lich spät. 

(Die chanson ist vermutlich um 1230 entstanden.) 

Richars li biaus (no. 62): Der inhalt deckt sich im 
wesentlichen mit dem des me. Sil* Degor6 (vgl. unten), nur 
wird Richard von einem ritter, nicht von einem eremiten, 
erzogen, und die erkennung der mutter ist etwas anders 
motiviert. Uebrigens irrt Köhler, wenn er meint, die er- 
kennung von mutter und söhn erfolge im englischen in einer 
pause des kampfes, und der kämpf des vaters und sohnes 
fehle dort. 

G. de la Barra (no. 33), vgl. bes. das cap. Eros ausiretz 
cum sc hatalhec en camp claus ab so filh mosenher G, de la Barra 
e nol conoyssia. Der inhalt deckt sich im wesentlichen mit 
der achten novelle des zweiten tages des Decameron (= ge- 
schichte vom grafen Walther von Anguers). Zuerst eine art 
Potipharerzählung : Guillaume muss fliehn und geht mit seinen 
beiden kindern in die Verbannung. Beide werden von ihm 
getrennt. Ohne es zu wissen, wird er später seneschall bei 
seiner eigenen tochter und soll für seinen herrn gegen den 
könig von Armenien streiten. Der kämpfer des königs ist 
Guillaumes söhn, den der könig adoptiert hat. Zweimal wird 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDE BBANDSLIEDE. 17 

der alte besiegt, doch von dem edelgesinnten sieger verschont. 
Als er zum dritten mal ergrimmt heranstürmt, erkennt der 
sehn den vater an seinem Schlachtruf Barra! Barra! u. s. w. 

(G. de la Barra ist von dem provenzalischen dichter Amaut 
Vidal de Castelnaudari um 1318 verfasst.) 

Gaufrey (no. 26): Robastre, der treue held Garins, ist der 
sehn Malabrons, einer art Proteus. Einst, als Robastre in 
einsamem walde reitet, kommt er zu einer räuberherberge; 
die räuber ermorden den boten Robastres, der um nacht- 
quartier bitten soll, werden dafür aber sämmtlich von Robastre 
niedergehauen. Drinnen findet Robastre eine bahre, auf die 
er seinen erschlagenen freund legt, und schläft ein. Malabron 
le luiton will den mut seines sohnes prüfen, verbirgt sich 
in der bahre und erhebt ein furchtbares geschrei. Robastre 
erwacht, drückt bahre und toten, die sich bewegen, mit aller 
kraft nieder und legt sich wider schlafen. Plötzlich steht 
furchtbar wiehernd ein schwarzes ross an seinem lager; als 
Robastre es besteigen will, verwandelt es sich in einen stier. 
Robastre schlägt nach dem stier, der packt ihn mit den hörnern 
und wirft ihn über die bahre. So kämpfen sie bis zum morgen ; 
da endlich zeigt sich Malabron in der gestalt eines schönen 
Jünglings und gibt sich zu erkennen. 

(Gaufrey ist im 13. jh. entstanden, vgl. übrigens unser 
märchen vom Toffel, der das gruseln lernen wollte.) 

Baudouin de Sebourc (no. 7): Der bastard von Bouillon 
und seine brüder ziehen aus, ihren vater Baudouin, den könig 
von Jerusalem, zu suchen. In Rohais erschlägt der bastard 
den grimmen Thiery und macht sich zum herrn der Stadt. 
Der könig von Syrien erfährt, dass Rohais von fremden er- 
obert ist, und schickt Baudouin gegen die eindringlinge. Der 
streit soll durch einen Zweikampf beider führer entschieden 
werden, vgl. chant 25, 770 ff.: 

Don p^re yers le fil i ot grand caplement: 

Li un ne connoist l'autre, par nös . j convenent, 

Pour ochirre Tun l'autre avoient grant talent. 

Nach heftigem, lange schwankendem kämpfe gelingt es schliess- 
lich Baudouin, den jungen zu bezwingen, der voll schmerz 
ausruft : 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche XXVI. 2 



18 BUSSE 

A! Bandewins, bians p^re, diex von yoeille ayanchier! 
Aigonrd^ni perderds le Bastard droiturier, 
Qni de yons k y^oir ayoit grant d^sirier. 
Jamals ue yons yerrai ne yons franche moullier! 

Bestürzt hält der sieger inne, forscht genauer nach, und vatei 
und söhn liegen sich in den armen. 

(B. de Sebourc, einer der besten kreuzzuggsromane, gehört 
dem 14. jh. an.) 

Prise de Pampelune (no. 57): Pampelona ist von Karl 
erobert, könig Mauzeris und sein söhn Isori6s sind gefangen. 
Beide wollen Christen werden, Mauzeris aber nur, wenn er 
unter die zwölf pairs aufgenommen wird. Als man ihm dies 
verweigert, flieht er und bezwingt zwei barone, die ihn ein- 
holen sollten. Isori6s hat unterdessen die taufe empfangen und 
setzt dem abtrünnigen vater nach. Es kommt zum kämpf, 
der aber unentschieden bleibt, da Mauzeris die flucht ergreift, 
als er in der ferne Roland und die pairs heraneilen sieht. 

(Die entstehung fällt in das jähr 1325.) 

Tristan li Lfeonois^): Die einleitung erzählt die taten 
der vorfahren Tristans. Sadoc ist der zwölfte söhn Brons, des 
bruders Josephs von Arimathia. Einer der brüder verführt 
Sadocs gattin Ch61inde und wird dafür von Sadoc erschlagen. 
Zur strafe für diesen frevel erhelbt sich auf der nächsten reise 
Sadocs ein furchtbarer stürm: man wirft das los, Sadoc wird 
an einer unwirtlichen küste zurückgelassen. Die vielum- 
worbene Chelinde gebiert noch von Sadoc einen söhn Apollo 
l'aventureux, der aber von könig Thanor ausgesetzt wird, da 
ein Wahrsager verkündet, könig Thanor werde von der hand 
dieses knaben sterben. Sadoc hat unterdessen wilde abenteuer 
in hülle und fülle durchgemacht (sein aufenthalt bei dem rätsel- 
riesen), trifft schliesslich mit könig Thanor zusammen und 
verwundet ihn: mais bientöt apres il voit venir derriere lui 
Apollo Vaventureux, son fils ne chez le Bot Thanor, et portant 
les memes armes que ce Roi, II croit son ennemi ressuseite; 
il attaque avec fureur le Chevalier inconnu; et Apollo, qui ne 
sait pas quHl est son pere, le combat et le tue, Luces, fils du 



^) Leider mnsste ich hier den im aUgemeinen sehr nnsmyerlässigen 
angaben der Biblioth^qne nniyerseUe des romans (no. 9) folgen. 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIBDE. 19 

Roi Pellias, arrive sur U champ de hataille, instruit Apollo 
du parricide involontaire quHl vient de commettre et, voyant de 
hin revenir le Roi Thanor, Luces court T attaquer , mais Thanor 
le Hesse ä mort Sun coup de lance. Apollo, furieux et des- 
espere d^avoir tue son pere, et de la hlessure mortelle de son ami 
Luces, aUaque le Roi Thanor, le tue et accomplit la prediction 
du Philosophe etc. 

Eegina Anchroja (vgl. s. 8): Eenaud de Montauban hat 
mit einer Sarazenenffirstin Constance einen söhn erzeugt und 
ihr beim abschied einen ring als erkennungszeichen hinter- 
lassen. Als Guidon le Sauvage herangewachsen ist, zieht er 
aus, seinen vater an Karls hof zu suchen; zunächst will er 
aber erproben, ob sein vater wirklich ein so grosser held ist, 
wie ihn die mutter geschildert hat, und fordert daher die 
beiden Karls zum Zweikampf heraus. Erst nachdem er bereits 
viele Franken besiegt hat, tritt ihm Rinaldo entgegen. Sie 
kämpfen lange und erbittert, der sieg schwankt hin und her, 
bis endlich Guidon sich zu erkennen gibt. 

b) In Dentschland. 

Biterolf (vgl. bes. die beiden äventiuren Wie Dietldp in 
einem stürme mit sinem vater streit und Wie Dietleip sinen 
vater vant): Dietleip macht sich auf, seinen vater Biterolf zu 
suchen, der vor jähren auf abenteuer ausgezogen ist, und trifft 
in einer schlacht zwischen Hennen und Reussen (Polänen) mit 
ihm zusammen. Beide halten sich für gegner und kämpfen 
sehr erbittert mit einander, bis sie endlich durch Rüedeger 
getrennt werden, der dann auch die erkennung vermittelt. — 
XJhland irrt, wenn er meint, die erkennung habe noch in der 
Schlacht stattgefunden und sei durch den klang des Schwertes 
Welsunc herbeigeführt worden. 

(Der Biterolf ist bald nach 1200 entstanden.) 

Künec Otnit zieht aus in den wald, wie seine mutter es 
ihm geheissen hat ; unter einer linde findet er einen lieblichen 
knaben einsam schlummernd. Aber der knabe hat neun 
männerkräf te, denen der starke Lampartenkönig nur mit mühe 
stand hält. Schliesslich gibt sich der scheinbare knabe als 
zwergkönig Alberich und vater Otnits zu erkennen. 

(Der Otnit wird um 1225 entstanden sein.) 

2* 



20 BÜSSE 

Demantin (no. 18), vgl. v. 4868 ff.: 

Gand^r sich dar gebot di gast sprach 'Al^en munt 

dorch ein gestüde üf einen bach. di sal mich trösten, daz is war, 

einen gast he halden sach baz dan ich or nu zwanzig jär 

des he nicht bette irkant. mit ungemache habe unberen. ' 

dar wordin ros mit sporn gemant. *der willich dir noch geweren, 

znsamene worden s! getreben. dn salt von or getröstet sin. 

di sper dorch di Schilde bieben son, ich binz di vater din' etc. 
gestochin üf or beider brüst etc. 

(Der Demantin fällt in die jähre 1251—70.) 

Wigamür (no. 73) wird als kind von der meerfrau Lepia 
entführt, dieser aber wider durch ein meerwunder geraubt. 
In ritterlichen künsten erzogen, zieht er auf abenteuer aus 
und nimmt dienste beim könig Atroklas. Als kämpe des 
königs tritt er seinem vater Paltriot zum Zweikampf gegenüber. 
Beide erkennen und versöhnen sich, Wigamür vermählt sich 
mit der tochter des Atroklas Dulciflür etc. 

(Der Wigamür ist erst nach 1250 entstanden.) 

c) In England. 

Sir Triamour (no. 22): Der kinderlose Aradas zieht nach 
dem heiligen lande, um dort abhilfe dieser not zu erflehen, und 
lässt seine gattin unter dem schütze eines verräterischen 
Vasallen zurück. Es folgt die bekannte Genovefageschichte in 
Verbindung mit der vom treuen hund, der die mörder seines 
herrn entlarvt, i) — Die verstossene gattin hat einen söhn 
geboren, der als jugendlicher ritter mit seinem vater im turnier 
zusammentrifft. Er besiegt ihn, wird dagegen von Aradas 
kurz darauf aus höchster lebensgefahr errettet etc. Die 
erkennung zwischen Triamour und Aradas erfolgt erst am 
Schlüsse des gedichtes. 

Sir Eglamour of Artoys (no. 22) verliebt sich, noch 
als gewöhnlicher ritter, in die tochter des earls von Artoys, 
Crystabell, und besteht, um sie zu gewinnen, drei gefährliche 
abenteuer. Während er aber noch an seinen wunden krank 
liegt, gebiert ihm Crystabell einen söhn, und wird von dem 
erzürnten vater sammt ihrem kinde den wellen preisgegeben. 



^) Vgl. bes. Anbry und seinen hund. 



SAGEKOESCHICHTLTCHES ZX7M HILDEBBANDSLIEDE. 21 

Während sie selbst glücklich zu ihrem oheim, dem könige von 
Aegjrpteh, kommt, raubt ein greif den knaben und setzt ihn 
in Palästina aus, wo ihn der könig von Israel adoptiert. Die 
mutter erkennt den söhn gerade noch wider, wie beide ver- 
mählt werden sollen. Degrabell tut nun ein gelübde, nur wer 
ihn selbst im turnier bezwinge, solle die band seiner mutter 
erhalten. Zufällig ist Eglamour bei einem dieser turniere 
anwesend: als Degrabell alle anderen ritter geworfen hat, 
fordert er auch den einsam abseits stehenden zum kämpf 
heraus. Eglamour weigert sich zuei-st, hebt dann aber den 
jungen aus dem sattel, und nun folgt die übliche erkennung 
und Versöhnung. 

Sir Degor6 (no. 22): Ein ritter vergewaltigt die verirrte 
königstochter von England; beim abschied schenkt er ihr sein 
Schwert, dessen spitze er als erkennungszeichen behält, und 
zwei handschuhe. Die prinzessin gebiert einen söhn und setzt 
ihn aus. Ein eremit findet und erzieht den knaben. Bald 
verrichtet der junge Degor6 gewaltige heldentaten; an den 
handschuhen erkennt ihn seine mutter, deren band er im 
turnier gegen ihren vater erworben hat. Nach mannigfachen 
abenteuern trifft Degore in einsamem walde einen unbekannten 
ritter. Nach heftigem, unentschiedenem streite erkennt der 
vater den söhn an dem Schwerte mit abgebrochener spitze. 

Guy vonWarwick (no. 35): Am schluss des gedichtes 
wird das motiv im kämpfe Raynbums, des sohnes Guys, mit 
seinem erzieher Heraud und im kämpfe Aslaks, des sohnes 
Herauds, gegen Raynburne (und Heraud) wenigstens gestreift. 

d) lu Dänemark. 

Olger Danske (vgl. s. 7): König Göde von Dänemark und 
sein söhn Galder treffen während einer schlacht zusammen, 
aber keiner vermag den andren zu bezwingen. Schliesslich 
erkennt Galder den vater an der stimme, fällt ihm zu füssen 
und bittet ihn um Verzeihung. 

5. Russische (und byzantinische) Versionen. 

II ja vonMurom (vgl. s. 7), der gefeiertste bogatyr des 
Sagenkreises von Wladimir Schönsonne, erzeugt auf einer 
seiner fahrten den Sbuta-Sokolniek (die mutter heisst meistens 



22 BUSSE 

L^tigorka und ist entweder fürstin von Litauen oder eine 
einfache bauemfrau). Als der söhn herangewachsen ist, zieht 
er in die weit hinaus und trifft zufällig mit Hja zusammen. 
Leicht bezwingt der alte den jungen, schenkt ihm aber das 
leben, wie er merkt, wen er vor sich hat.*) Doch der söhn 
sinnt arges. In der nacht dringt er in Iljas zeit ein und 
spannt den bogen gegen den ruhig schlafenden; der pfeil prallt 
an dem eisernen kreuz auf Iljas brüst ab, Ilja erwacht, und 
nun fällt der söhn seinem gerechten zorn zum opfer. 

Nach andern liedem kämpft Ilja nicht mit seinem söhn, 
sondern seiner tochter: eines tages erscheint eine riesige 
polenitza und fordert die beiden Wladimirs zum kämpfe heraus. 
Keiner wagt sie zu bestehn, nur Hja versucht es. Schon 
scheint sein Untergang gewiss zu sein, aber Ilja kann nicht 
im kämpfe sterben, und in erneuter anstrengung gelingt es 
ihm, sich zu befreien und die gegnerin zu bezwingen. Seiner 
aufforderung, ihren namen zu nennen, setzt sie zuerst beissenden 
höhn entgegen, schliesslich gibt sie sich aber zu erkennen, und 
nja umarmt voll vaterfreude die tochter. Doch ihr groll ist 
nicht besänftigt: sie zürnt dem vater wegen ihrer niederlage 
und zugleich auch wegen seiner gewalttat gegen ihre mutter. 
Das pferd Iljas weckt den beiden, gerade als sie ihn ihrer 
räche opfern will : er springt auf und reisst sie mitten entzwei. 

Eruslan Zalazarewitsch (Ruslan Lazarewitsch, vgl. s.8): 
Wie zuerst Stasof (Vjestnik Evropy 1868, s. 183 ff.) sah, ist 
die russische sage von Eruslan Z. weiter nichts, als eine be- 
arbeitung des Schahname, kann also auf selbständigen wert 
keinen anspruch erheben. 

Swetlana und Mstislaw (no. 13): In die schöne Swet- 
lana verliebt sich selbst der grossfürst Wladimir Schönsonne, 
aber sie liebt den jungen Mstislaw, Wladimirs jüngsten söhn, 
und weist daher die Werbung des fürsten zurück. Zornig stellt 
er den söhn zur rede und verbannt ihn aus der heimat. 
Mstislaw entflieht zusammen mit der geliebten; im wilden 
walde tritt ihm ein gewaltiger kämpe entgegen und verlangt 
preisgäbe der Jungfrau. Mstislaw antwortet ihm mit dem 



^) Hiermit schliessen die sog. abschwächenden Versionen. 



SAGEKaESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 28 

Schwerte, doch vor der furchtbaren kraft des feindes scheint 
er erliegen zu müssen. Da führt er mit letzter anstrengung 
einen schwerthieb nach dem haupte des fremden, der heim 
zerspringt, und Mstislaw erkennt in seinem gegner den eigenen 
vater, der, seinen zom bereuend, nachgeritten ist, den söhn 
und seine braut heimzuholen. 

'O viog rov ÄvÖQovlxov (no. 45): Die Sarazenen rauben 
die schwangere frau des Andronikos, in der gefangenschaft 
gebiert sie einen söhn, der, von kindesbeinen an riesenstark, 
Simsonstaten gegen die ungläubigen verrichtet. Dann zieht 
er zum lager seines vaters, das die mutter ihm beschrieben 
hat. Er setzt über die hohe mauer, und nun entspinnt sich 
zwischen söhn und vater folgendes gespräch: 

Andron.: *!ä, ßgh fxtoQov xy ivi^hxovy noS^ev IV rj yevia aov, 

xal Ttod^ev €v ij gll^a aov xal rd yevvrjtixd aov;^ 
söhn: *!äv 8lv fxov ^^fiooyg TQsZg (poQaXq, Shv yvQvo) vd ne^svoo},'' 
Andr.: ^jiv niaa<o xo anad'dxL fxov, xaXa d^iXo} aov ^fioao),'* 
Bohn: ^^v nido^g rb anad'dxi aov, %x^ x^iyw öixov fiov,^ 
Andr.: *!äv nidact} ro xovxdgi fiov, xaXa d'iXw aov ^'fioaw,^ 
söhn: ^*Av ntaayg ro xovraQi aov, ^x^ x^syci Sixov fiov,^ 
Andr.: * Md rb anadl nov t,mvo[iai, xal nay* o/iTCQog xal niao), 
eig tfiv xaQÖidv /jlov vd fivtjx^V, civ ai xataSixtjactf,^ 

Da endlich gibt sich der söhn zu erkennen. 

(Das gedieht ist uns zwar erst aus dem 17. jh. überliefert, 
sicher aber viel älter). 

Armuri (no. 72), Armuris söhn, wächst zu einem fuicht- 
baren beiden heran und erschlägt allein ein ganzes Sarazenen- 
heer. Wie er nach seinem vater fragt, erfährt er, sein vater 
schmachte seit langen jähren in der gefangenschaft der un- 
gläubigen, und er eilt fort, ihn zu befreien. Der emir will seine 
mannen zusammenrufen, aber sie hat Armuri eben erschlagen; 
so muss der ungläubige den alten Armuri frei lassen und dem 
jungen seine tochter zur frau geben. 

Saul Levadinovitsch (vgl. s. 8) zieht aus, das lateinische, 
litauische und sarazenische reich zu erobern; seine frau soll 
ihm, falls sie einen söhn gebiert, diesen im neunten jähre 
nachschicken. Schon mit sieben jähren ist Konstantin riesen- 
stark, mit einem ehernen kolben verrichtet er grosse helden- 
taten, erschlägt allein beere von Sarazenen und Tataren und 



24 BUSSE 

zieht aus, seinen vater zu suchen. Saul ist inzwischen lange 
jähre von den ungläubigen gefangen gewesen; erst jetzt er- 
innert man sich seiner wider, holt ihn aus dem kerker und 
verspricht ihm die freiheit, wenn er den schrecklichen fremd- 
ling bezwinge. Ein furchtbarer kämpf entbrennt zwischen 
beiden. Saul fleht zu gott um hilfe und besiegt endlich den 
gegner. Konstantin gibt sich zu erkennen, und beide um- 
armen sich. 

6. Alleinstehende Versionen. 

Anssaga bogsveigis (no. 4): Der starke Ann wird von 
könig Ingjaldr wegen meuchelmords geächtet und flieht zu 
einem einsamen gehöfte, wo er mit der tochter des hauses 
einen söhn erzeugt; scheidend lässt er für diesen einen ring 
zurück. Nach seiner rückkehr sieht er abends einen licht- 
schein ; er fürchtet, der könig stelle ihm wider nach, schleicht 
sich näher und findet einen jüngling am feuer sitzen, der 
gerade mit essen beschäftigt ist. Ann spannt seinen wunder- 
baren bogen und schiesst mit dem ersten pfeil dem fremdling 
den bissen aus der hand, mit dem zweiten durchbohrt er den 
teller, der dritte zersplittert die messerschale. Als der fremde 
nun auch zum bogen greift, verbirgt sich Ann hinter einer 
grossen eiche, die genau dort, wo er steht, von drei pf eilen 
getroffen wird: pd mcelti sd hinn ungi inadr: 'hitt er peim 
rddy er skaut at mer, at syna silc 7iü, ok hittumst vid, ef hann 
d vid mik sakir,' Siddan gekk Ann fram, ok töku til gltma, 
ok var ]>eirra atgangr mjgk sterkligr, Ann mceddist skjötara, 
pviat hinn var stinnleggjadr ok sterkr, Ann had pd hvilast, en 
hinn ungi madr le^t büinn til hvorstveggja, ok ]>6 reo Ann; 
hann sjpyrr: 'hvert er nafn pitt?' Hann kvedst Porir heita, 
en sagdi fgdur sinn heita An, ^eda hverr ertu?' — 'Ek heiti 
Ann/ sagdi hann etc., bis endlich die definitive erkennung 
erfolgt. 

(Die älteste hs. stammt aus dem 14. jh., die sage ist ver- 
mutlich älter; Ann bogsveigir selbst scheint eine historische 
persönlichkeit gewesen. zu sein, vgl. Vatnsdaelasaga cap. 5 und 
Landnämabök 145. 185.) 

Die Zigeunerballade (no.74; vgl. s. 8): Ein jüngling 
erschlägt im walde am heiligen flusse einen alten mann und 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBRAKDSLIEDE. 25 

raubt ihm sein thagartuch. Hieran erkennt die mutter, dass 
der söhn den eigenen vater erschlagen hat, und verflucht den 
mörder. 

(v. Wlistocki möchte dies kleine gedieht noch in die in- 
dische heimat der Zigeuner zurückversetzen (der 'heilige fluss' 
= Ganges?); ob mit recht, ist allerdings sehr zweifelhaft.) 

Jen-kueis heimkehr (vgl. s. 8): Der weitberühmte feld- 
herr Jen-kuei kehrt nach achtzehnjähriger Verbannung in die 
heimat zurück und erschiesst ^inen ihm unbekannten jüngling, 
weil dieser besser mit dem bogen umzugehen weiss, als Jen-kuei 
selbst. Zu spät erfährt er, dass der ermordete sein eigener, 
erst nach der Verbannung geborener söhn Ting-Schan ist, und 
stürzt besinnungslos zu boden. 

C. Die versohiedenen typen der sagenbildiing und der 
mutmassliohe ausgang des alten Hl. 

Aus der wirren masse der eben angeführten sagen und 
erzählungen, die nur das eine motiv zusammenbindet, lassen 
sich mühelos grössere gruppen herausheben ; ebenso ergibt sich 
schon bei oberflächlicher betrachtung, dass duixhaus nicht alle 
diese beispiele gleichwertig sind, dass besonders für die be- 
urteilung des Hl. ein grosser teil einfach fortfällt. Zunächst 
sind directe nachahmungen, wie Eruslan Zalazarewitsch oder 
Sadoc und Apollo, ganz wertlos;«) ebenso möchte ich den 



^) Dass die erzählung von Sadoc und Apollo nur eine mit ein paar 
mittelalterlichen zügen ausgestattete Umbildung der Oedipussage ist, dürfte 
schon aus der inhaltsangabe hervorgehen, vgl. besonders das orakel und 
den Philosophen, die aussetzung, den rätselriesen und die sphinx und die 
tötung des (pflege-)vaters, den er nicht kennt. Ueberhaupt ist die ganze 
einleitung des Tristan aus allen möglichen sagenfetzen zusammengeflickt, 
vgl. besonders den bnjdermord, die aussetzung Sadocs und die Schicksale 
ChMindens, die von einer band in die andre geht (vgl. z. b. Boccaccios 
Decameron 2. abend 7. erzählung und die Tragikomödie des liebeskampffs) ; 
die rätsei des riesen sind wol mit benutzung des Apollonius von Tyrus 
entstanden. Das motiv des verwantenmordes ist bis zum überdruss gehäuft: 
Sadoc erschlägt seinen bruder, Apollo den vater und nicht genug damit, 
auch noch den pflegevater (der im orakel für den wirklichen vater der 
Oedipussage eingetreten ist). Leider vermag ich nicht festzustellen, wie 
weit der bericht des grafen Tressan hier zuverlässig ist, vgl. auch s. 18> anm. 



26 BUSSE 

kämpf Wladimirs und Mstislaws übergehn, da er von vorn- 
herein einen sehr modernen eindruck macht und ich ihn auch 
nirgends sonst wider erwähnt gefunden habe; vermutlich hat 
also V. Busse diesen gesang selbst erdichtet (ob mit benutzung 
einer alten sage, vermag ich nicht zu sagen). Zwischen den 
rein oder doch halb scherzhaften kämpfen (Herakles und Zeus, 
Otnit und Alberich, Robastre und Malabron) und den übrigen 
fassungen ist wol kaum irgend ein innerer Zusammenhang 
herzustellen; Jen-kueis heimkehr enthält überhaupt keinen 
kämpf, sondern einen ganz gewöhnlichen meuchelmord, auch 
in der Zigeunerballade 9 ist nirgends die rede von einem 
kämpf zwischen vater und söhn: beide sind also mit nicht 
mehr recht hierher zu stellen, als etwa Shakespeares Titus 
Andronikus (Titus und der unbotmässige Mutius) oder die 
bekannte schottische bailade Edward, die schwedische Sven i 
Rosengärd etc., um von modernen dramen, wie Lillos Fatal 
curiosity, Werners Vierundzwanzigstem und Müllners Neun- 
undzwanzigstem februar ganz zu schweigen. 2) 

Was übrig bleibt, teilt sich schon auf den ersten blick in 
zwei grosse gruppen: solche mit tragischem und solche mit 
versöhnlichem ausgang, zu denen dann noch ^abschwä- 
chende ' typen der ersten gruppe kämen. 3) Zur ersten gruppe 
würden Rustam, II ja, Telegonos, Cüchulain (und Hildebrand) 
gehören, zur zweiten die sämmtlichen französischen*) 
und dem frz. epos nahestehenden fassungen, ausserdem die 
byzantinisch-russischen Versionen und die Änssaga, die aber 
ganz für sich steht. Jiriczeks 'abschwächende' gruppe würde 
sich aus der jüngeren Hildebrandfassung, einigen Iljaversionen 
und wol auch dem von Kuno Meyer entdeckten kämpfe Finns 
und Oisins zusammensetzen. 



^) Aehnlich auch in der Oedipossage. 

*) Ich würde diese kaum erwähnt haben, wenn nicht Du M6ril (no. 21) 
a. a. 0. sie zur erklämng des alten motivs heranzuziehen versucht hätte. 

3) Vgl. Jiriczek s. 277. 

*) Nur die kämpfe von Benoars und Isories mit ihren vätem enden 
ohne Versöhnung, wenn auch nicht tragisch; hier ist die motivierung 
(religiöser fanatismus, gegensatz von Christen und Sarazenen) aber so 
durchaus verschieden von den andren fassungen und so offenbar unursprüng- 
lich, dass wir beide ohne weiteres ausscheiden können. 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 27 

1. Der versöhnliche typus. 

Schon beim ersten blick muss der starke contrast zwischen 
der ersten und zweiten gruppe und wider die enge literarische 
Verbindung innerhalb der zweiten gruppe auffallen. Handelt 
es sich bei der ersten um alte heldensage, die teilweise 
selbst mit mythischen zfigen ausgestattet ist, und ist dem 
geiste wirklicher heldensage entsprechend hier das problem 
des kampfes zwischen den allernächsten blutsverwanten mit 
tiefem ernst und erschütternder tragik behandelt, so dient 
dasselbe problem in der zweiten gruppe nur zur angenehmen 
Spannung für einige augenblicke, die nicht minder angenehm 
ausgelöst wird : beide kämpf er erkennen sich oder werden ge- 
trennt, und wo sich gar einige tragische accente bemerkbar 
machen, wie im Baudouin de Sebourc, gibt sich der unter- 
liegende gerade noch zur rechten zeit zu erkennen, und vater 
und söhn liegen sich gerührt in den armen: ganz wie im 
modernen roman oder lustspiel. 

Es fragt sich nun, ob man nicht trotz dieses ganz ver- 
schiedenen geistes einen Zusammenhang zwischen beiden 
gruppen herstellen kann. Zunächst liegt auf der hand und 
ist einfach zahlenmässig nachzuweisen, dass überall, wo tra- 
gische und versöhnliche fassungen unseres motivs nebenein- 
ander, d. h. in derselben literatui-, auftreten, die tragischen 
fassungen die älteren sind: wir können daher schliesseu, dass 
ui-sprünglich der kämpf zwischen vater und söhn überall 
tragisch endete. Wo aber finden wir bindeglieder zwischen 
den beiden so abweichenden behandlungsweisen ? Da die haupt- 
masse und zugleich auch die ältesten Vertreter der versöhn- 
lichen gruppe dem frz. epos angehören, so dürfen wir wol von 
hier aus weiter suchen. Die ältesten fassungen auf frz. boden 
sind die beiden lais von Milun und Doon: beide stimmen 
(wenigstens in dem für uns in betracht kommenden zweiten 
teil) so gut wie ganz überein und gehören ausserdem derselben 
zeit und gegend an (vgl. die spräche), wir können sie daher 
füglich als einheit betrachten, sicher die gleiche quelle für 
beide in anspruch nehmen. *) Wo aber haben wir diese zu 



') Die annähme, eins yon beiden gehe auf das andere zurück, ist nicht 
zulässig, da der erste teil starke abweichungen aufweist (ygl. besonders 
den brie&chwan des Milun). 



28 BÜSSE 

suchen? Schon der name lai weist uns auf bretonischen, 
d.i. keltischen Ursprung; von Marie de France wissen wir 
auch sonst, dass sie aus bretonischer Volksüberlieferung 
schöpfte, *) schliesslich ist die handlung selbst in die Bretagne 
verlegt. *^) Wir können demnach mit Sicherheit sagen, dass es 
vor 1170 eine bretonisch-keltische fassung des motivs 
gab, die unblutig endete. Auf keltischem boden können 
wir aber sonst nur die tragische fassung nachweisen, wie 
sie in Cüchulain und Conlaoch vorliegt; diese geht dafür in 
um so ältere zeit zurück 3) und hat um so tiefere wurzeln in 
der seele des Inselkeltenvolkes geschlagen. **) Diese sage nahmen 
die Aremoriker mit in ihre neue heimat, und hier muss die 
Umbildung zu dem von den beiden frz. lais dargestellten tjrpus 
stattgefunden haben.*) Wir haben es also bei unserer sage 



^) Vgl. Chfevrefeuil (?) Bisclaveret (?), Guingamore, Iwenec etc. 

') au mont Saint Michiel en Bretaigne, der auch sonst in der nor- 
mannisch-frz. epik eine grosse rolle spielt. 

^) Man braucht sich keineswegs den phantastischen, von wissenschaft- 
lichem geiste unberührten träumereien von D'Arbois de Jubainville 
(a. a. 0. s. XXXVf.) anzuschliesseu und kann selbst Nutts ansieht (a.a.O. 
s. 116), die sage von Cüchulain schildere die taten eines mannes, der etwa 
um den beginn der christlichen Zeitrechnung gelebt habe, kritisch gegenüber- 
stehn (wie wenig ängstlich Nutt in Zahlenangaben ist, beweist z. b., dass 
er sagt, die beiden lais von Milun und Doon seien spätestens im 12. jh. 
entstanden, während wir beinah das jähr ihrer entstehung [um 1175] nach- 
weisen können), sicher aber ist die sage von Cüchulain und Conlaoch eine 
der ältesten keltischen und für das 10. jh. durch ein gedieht des Cinaed 
hua Artacain (f 975) sicher bezeugt. Dort heisst es (Leinsterbuch s. 31, vgl. 
D'Arbois de Jubainville a. a. o. s. 52 f.) col. 2, 1. 8 — 9: Do cer Cüchulainn co 
fi — for cneis corthe Crumtheri ; For träig Baue Bressim n-gle, — doro- 
chair dinfer Aife, d. h. es fiel Cüchulainn — welch ein Unheil! — neben 
dem hohen stein von Crumtheri ; am glänzenden gestade von Baile Bressim 
— fiel der einzige söhn Aifes (Aife ist die mutter Conlaochs und geliebte 
Cüchulains) ; vgl. femer Zimmer, Zs. fda. 32, 196 ff. 

*) Die von Campbell (no. 14) a. a. o. widergegebene fassung beweist, 
dass die sage noch heute fast unverändert im volksmunde fortlebt. 

^) Besonders zu beachten ist, dass in der überwiegenden mehrzahl der 
frz. fassungen der söhn sieger ist, während ebenso in der überwiegenden 
mehrzahl der tragischen Versionen der vater den söhn schlägt. Auch diese 
umwandelung beruht auf der alten keltischen sage; denn hier zeigt sich 
Conlaoch zunächst überlegen und wird nur durch die zauberwaife des alten 
schliesslich bezwungen (der ähnliche verlauf in der persischen sage kann 



8AGBNGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBKANDSLIEDE. 29 

mit einem ähnlichen process zu tun, wie er sich mit der alten 
keltischen nationalsage yon könig Arthur und seinen helden- 
mütigen kämpfen gegen die germanischen eroberer, ebenso 
auch mit der Tristansage*) bei den Bretonen vollzogen hat. 
Losgelöst von ihrem entstehungslande und unter dem einfluss 
der neuen lebensverhältnisse und culturbedingungen verloren 
die alten sagen allmählich ihren tieferen Inhalt und das un- 
mittelbare nationale lebensinteresse und sanken zu blossen 
Unterhaltungsstoffen herab, die nun mit einem reichen kränz 
phantastischer neubildungen umschlungen wurden. 

Marie de France und der unbekannte dichter des Doon 
griffen einen dieser zu blossen märchen herabgesunkenen Stoffe 
(eben den, mit dem unser motiv verknüpft war) auf, und so 
wanderte dies in die frz. epik, wo es sich bald als beliebtes 
moule epique geltung zu verschaffen wusste. Dass zwischen 
den einzelnen frz. romanen, die unser motiv benutzen, von 
Raoul de Cambray und Floovanz bis auf Baudouin de Sebourc 
und die Anchroja Regina, wie überhaupt der gesammten afrz. 
epik ein enger literarischer Zusammenhang besteht, bedarf 
wol hier nicht erst des beweises ; ebenso ist völlig sicher, dass 
sowol die me. romanzen, wie der Olger Danske auf frz. quellen 
zurückgehn und dass der Biterolf, der Wigamür und der 
Demantin stark unter frz. einfluss stehn. Wichtiger ist es, 
den einzelnen typen der sagenbehandlung innerhalb dieses 
gebietes nachzugehn. Die einleitung zunächst ist fast überall 
dieselbe: der vater hat irgendwo in der fremde einen söhn 
erzeugt, ihm einen ring oder dergleichen als erkennungszeichen 
hinterlassen, und der söhn macht sich nun auf, seinen vater 
zu suchen. Dagegen ist die art des Zusammentreffens ver- 
schieden motiviert: die älteste form (Milun und Doon) lässt 



wenigstens auf bewnsst künstlerischer erweiterung beruhn, vgl. auch die 
Zerlegung des kampfes auf drei volle tage). 

^) Die Tristansage schilderte ursprünglich den kämpf eines Pictenhelden 
(Tristan) des 9. jh.'s gegen räuberische vikinge, die von Irland her die 
britannischen Kelten brandschatzten (vgl. die irischen Norm annenreiche). 
Später wurde dieser historische kern besonders durch motive aus der Theseus- 
sage und der weit verbreiteten märchen- und noveUenliteratur verdunkelt. 
Vgl. besonders die abhandlung von Zimmer, Zs. f. nfrz. spräche u. litt. 13, 
bes. s. 100 ff. 



80 BUSSE 

vater und söhn sich im turnier zufällig treffen, ebenso 
Eglamour und Triamour; ein zufälliges zusammenstossen 
zeigen auch Richars li biaus, Degor6 und Gander; während 
einer schlacht treffen sich Clovis und Floovanz, Bemard 
und Isembart, Clarembaut und Hugues, Biterolf und Dietleip, 
Göde und Galder. Das motiv eines gerichtlichen Zwei- 
kampfes, ich meine eines besprochenen Zweikampfes, der 
meistens über sieg und unsieg zweier Völker entscheiden soll, 
weisen Raoul de Cambray, Baudouins de Sebourc, Gr. de la Barra 
und Wigamür auf. In der mitte zwischen diesem typus und 
dem Zweikampf aus religiösem fanatismus steht der kämpf 
Rinaldos und Guidons ; die letzte gruppe endlich bilden Eenoars 
und Desram6s und Isori6s und Mauzeris. 

Für die literarisch eng zusammenhängende westeuropäische 
gruppe 9 wäre demnach der ausgangspunkt erwiesen: interessant 
ist, dass auch die osteuropäische (byzantinisch -russische) 
derselben wurzel entsprossen ist. Betrachtet man näm- 
lich die sage von Saul, Leos söhn, etwas genauer, so zeigt 
sich eine bis in einzelheiten gehende Übereinstimmung mit frz. 
parallelen, besonders der sondergruppe des gerichtlichen Zwei- 
kampfes, die kaum anders als durch directe entlehnung erklärt 
werden kann. Wie sollen wir uns aber die Wanderung eines 
frz. epischen Stoffes nach dem fernen, von der westlichen 
cultur schroff abgeschlossenen, heiligen Russland des mittel- 
alters vorstellen? Ich gestehe selbst, dass der gedanke zu- 
nächst etwas phantastisch scheinen mag, die möglichkeit 
an sich darf aber nicht abgeleugnet werden : auch die bylinen 
von Bove Korolewitsch und der schönen Drujnewna sind weiter 
nichts, als eine notdürftig mit einigen zügen der nationalen 
epik ausstaffierte widergabe der afrz. chanson de geste von 
Beuve d'Hanstone, vermutlich nach den Reali di Francia.*) 
Die entlehnung ist unzweifelhaft, wir können aber keine 
Zwischenstufen nachweisen und müssen uns mit der blossen 



^) Nur die Ans saga bogsveigis steht allein. Hat sich hier das motiy 
aus einem wirklichen ereignis entwickelt, oder ist es unabhängig entstanden, 
oder liegen noch unaufgeklärte literarische beziehungen vor? (am ehesten 
erinnert die einkleidung des kämpf es noch an die irische ^abschwächende' 
Version von Finn o' Baiscne und Oisin). 

«) Vgl. Rambaud (no. 58) s. 429 fF. 



flAaEKGBSCHICHTLICHCS ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 31 

tatsache begnttgen. — In unserm falle dagegen wird die auf- 
gäbe dadurch erleichtert, dass ohne Schwierigkeiten schon aus 
den blossen namen^ festgestellt werden kann, dass die 
Saulsage nicht russischen, sondern byzantinischen 
Ursprungs ist. Vermutlich geht dies dem russischen Saul 
Levadinovitsch zu gründe liegende byzantinische gedieht auf 
dieselbe quelle zurück, wie das mgriech. lied von Armuris 
söhn, wo zwar der kämpf selbst fehlt, die einleitung aber 
auffallend mit der des Saul übereinstimmt. In welchem zu- 
sammenhange endlich der söhn des Andronikos^) mit dieser 
sage steht, lässt sich, da das motiv des kämpf es zwischen 
vater und söhn in dem tgcc/ovöiov ganz verwischt ist, nicht fest- 
stellen, doch ist ein solcher wahrscheinlich vorhanden gewesen.*) 
Von Byzanz ist die brücke zum frz. epos nicht so schwer 
zu schlagen, wie es auf den ersten blick scheinen mag. Wie 
in früheren zeiten die byzantinische literatur, besonders der 
spätgriechische roman, einen bedeutenden einfluss auf die ent- 
wicklnng der westlichen literatur ausgeübt hatte,*) so wirkte 
(besonders nach der gründung des lateinischen kaisertums) 
auch die westliche dichtung, speciell das frz. epos, nicht un- 
bedeutend auf die byzantinische ein. Wii* haben eine ganze 
reihe von mgriech. romanen nach frz. mustern, wie directe 
bearbeitungen frz. Stoffe. So den ÜQicßvg ijtjtorrjg (um 1300) 
nach dem Artusroman Gyron li Curteis, ^(inigioq xal Mag- 
yagcova (nach 1350) nach dem frz. Pierre de Provence et la 
belle Maguelone, *'^) 'EQmxoxQixoq mit benutzung der Eeali di 



^) Levadinowitsch = ^sohn Leos'; der söhn Sanis heisst Konstantin, 
die fran Helena. Vgl. übrigens Wesselofsky (no. 72) s. 594 ff. 

*) Der söhn des Andronikos ist Digenis Akritas, der yielgefeierte held 
der nationalen byzantinischen dichtnng. 

^) Die Übernahme byzantinischer Stoffe in die rassische dichtnng hat 
nichts überraschendes: die ganze altrassische coltar war ja eigentlich 
byzantinisch, die rassischen erzählongen von Adam, Noah, Abraham, Salomo, 
Barlaam, dem babylonischen reiche, dem priester Johannes, von Troja, 
Alexander, wie der Physiologns etc. bernhen sämmtlich anf byzantinischen 
qaeUen; selbst die griechische nationalsage von Digenis Akritas hat eingang 
in die rassische literatar gefanden. 

^) Vgl. bes. die freunde, das findelkind und die treuen liebenden, die 
in der abendländischen literatur immer wider auftreten. 

'^ Vgl. auch unser Volksbuch. 



32 BÜSSE 

Francia, ^EgaxplXrj mit benutzung des Tasso.*) Ebenso haben 
wir in Avßiarog xal 'Poödfivrj und BiX&^avÖQog xal XQvöoPT^a 
zwei mgriech. romane, die nach dem muster des frz. angelegt 
sind, ohne dass wir directe fremde quellen nachweisen könnten. 2) 
Eine ähnliche freie Umbildung eines frz. Stoffes aus der Unter- 
abteilung des gerichtlichen Zweikampfes haben wir wol auch 
in dem den liedern von Armuri, Armuris söhn, und Saul, Leos 
söhn, zu gründe liegenden original zu erblicken. 

2. Die 'abschwächenden' Versionen. 

Denselben geist, wie der vom frz. ausgehende versöhnliche 
tjrpus, atmen auch die sogenannten abschwächenden f assungen, 
besonders die jüngere Hildebrandssage: Hildebrand weiss 
genau, dass der fremde kämpe sein söhn ist; er weiss, dass 
sein söhn ein gewaltiger kriegsheld ist und ihn zum kämpfe 
herausfordern wird ; er weiss, dass ein wort von ihm genügen 
würde, den ganzen kämpf unmöglich zu machen, aber es drängt 
ihn, dem jungen zu beweisen, dass er ihm doch überlegen ist, 
und einzig aus diesem gründe entspinnt sich der kämpf, der 
nur durch den verräterischen schlag Alebrands und durch die 
namensverweigerung hier und da eine leise tragische färbung 
erhält. Es fragt sich daher, ob man nicht directe beziehungen 
zwischen dem frz. romantypus und dieser * abschwächenden ' 
f assung herstellen kann. 

Nun lässt sich ja nicht verkennen, dass schon im altei^ 
Hl. ausätze enthalten sind, die eine friedliche entwickelung 
erleichtern. Gewis musste es einer weicher empfindenden zeit 
als furchtbare Unnatur erscheinen, dass der vater den söhn, 
den er gleich an dessen ersten Worten erkennt, tötet, mag der 
söhn den kämpf provociert haben oder nicht, und gewis wird 
man hier versucht haben, zu ändern. Zu einer so radicalen 
änderung, wie sie in den jüngeren f assungen vorliegt, wird 
man indessen nicht ohne weiteres gegriffen, sondern man wird 
zunächst andere, zwingendere motive für Hildebrands hand- 
lungsweise gesucht haben. Glücklicherweise können wir aus 
den späteren f assungen noch ersehen, wie man änderte. Im 



^) Vgl. Krumbacher, Geschichte der byz. lit. s. 866 ff. 
*) Vgl. E. Rohde, Der griech. roman s. 535. 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 3S 

allgemeinen kann man wol sagen: züge, die nicht verstanden 
sind, sind nicht mehr verstanden, enthalten also rudimente 
einer früheren sagenges talt. Solcher rudimente finden 
wir nun in der jttngem Hildebrandsage zwei: den ver- 
räterischen schlag und die namensverweigerung. Ueber 
den ersten punkt erfahren wir genaueres in der piörekssaga, 
der zweite ist in beiden fassungen gleich behandelt. Wir 
würden demnach eine sagengestalt erhalten, wonach der schon 
bezwungene söhn verräterisch den gegner zu töten versucht, 
ausserdem aber seinen namen verweigert. Dass dies eine 
häufung von motiven ist, von denen jedes für sich genügen 
würde, die handlungsweise Hildebrands zu rechtfertigen, liegt 
auf der hand. Was für ein Interesse soll Hildebrand daran 
haben, den gegner, den er nicht kennt (nur so hat ja die 
namensverweigerung einen sinn) und der ihn verräterisch zu 
töten versucht hat, nach seinem namen zu fragen? Wäre es 
da nicht viel natürlicher, dass er ihn in aufloderndem gerechtem 
zorn ohne weiteres niederhaut? Wir dürfen daher wol mit 
Kögel (Lit.-gesch. s. 234, vgl. auch s. 49ff.) diesen zug (den 
verräterischen schlag) schon der alten sage und dem uns ver- 
lorenen ausgang des alten Hl. zusprechen, und sehen dann in 
der namensverweigerung einen anderen erklärungsversuch 
für die tat des vaters. Wir würden auf diese weise eine 
sagenform erhalten, die auffällig mit der persischen und 
irischen übereinstimmen würde, die aber wahrscheinlich nur 
ein secundärer versuch wäre, Hildebrands tat dem gef ühl einer 
späteren zeit gemäss zu motivieren (wobei dann der ver- 
räterische schlag sinnwidrig oder doch ohne ersichtlichen 
nutzen mitgeschleppt wäre), vielleicht aber auch schon neben 
der im Hl. erhaltenen form existierte (sodass dann die der 
piörekssaga zu gründe liegende f assung aus einer contamination 
dieser beiden sagengestalten entstanden wäre ?). Auf alle fälle 
bliebe das resultat des kampfes dasselbe tragische, und es ist, 
so lange man das Hl. als für sich stehendes, abgeschlossenes 
ganze betrachtet, gar nicht abzusehn, warum man diesen auch 
für moderneres Zeitempfinden neugestützten ausgang aufgegeben 
haben sollte. Anders wird dagegen die sache, wenn man das 
Hl. im rahmen der ganzen grossen Dietrichsage ansieht. Für 
den Verfasser einer grossen sagencompilation, wie z. b. den der 

Beiträge xur geschichte der deutschen spräche. XXVI. 3 



34 BÜSSE 

piörekssaga, oder überhaupt für jemand, der mit der aus- 
geprägten Dietrichsage des 12. und 13. jk's vertraut war, 
musste allerdings der tragisch verlaufende kämpf zwischen 
Hildebrand und seinem söhne einen stein des anstosses bilden, 
da die äusseren Verhältnisse des Zusammentreffens völlig ver- 
ändert waren. Im alten liede will Hildebrand an der spitze 
eines hunnischen heeres die landesgrenze überschreiten, von 
der andern seite rückt ein Grotenheer zur abwehr heran, 
zwischen beiden beeren treffen sich söhn und vater: hier ist 
ein blutiger kämpf nur natürlich. Anders in späterer zeit. 
Da kehrt Dietrich heim, nur von Hildebrand und frau Herrat 
begleitet, und ohne scUacht fällt ihm sein reich zu, zumal 
der böse oheim Ermenrich gestorben ist. In diesem frohen 
Schlussbilde würde allerdings der fall Hadubrands- Alebrands 
von der band des vaters einen hässlichen fleck bilden, und es 
war nur natürlich, dass man hier nach einem anderen, ver- 
söhnenderen ausgang suchte ; nicht minder natürlich aber auch 
ist, dass der betreffende dichter») sich an Vorbilder für 
seine umdichtung anlehnte. Solche Vorbilder boten ihm aber 
eben die versöhnlichen typen aus dem machtbereich des frz. 
epos: vorausgesetzt, dass er sie kannte. Mit unrecht und 
nur auf grund eines durchaus unzulänglichen sagenmaterials ') 
versucht Nutt in seinem sonst sehr lesenswerten aufsatz (s. 128) 
diesen gedanken (der ihm doch selbst gekommen sein muss) 
lächerlich zu machen: *we find in Milun and in Doon two 
presentments of the same theme,^) from which the tragic 
issue has been eliminated. If the Hl. really was originally 
tragic, the same development took place in Germany. Now 
the keenest partisan of the borrowing theory will hardly 
maintain that the author of the piörekssaga changed the tragic 
nature of the older G^rman Version be cause the author of 



^) Das dichtende 'volk' der romantiker ist ein wol endlich über- 
wundener Standpunkt, und ob der betreffende dichter nun knnstmässig ge- 
schult war oder nicht, ob er in poetischer form dichtete oder nicht, ob er 
sich überhaupt dessen bewusst war, dass er umdichtete oder nicht, bleibt 
völlig gleichgiltig, jedenfaUs ist aber festzuhalten, dass es sich zunächst 
um einen rein subjectiven act handelt. 

*) C6chulainn, Finn, Hildebrand, Eustam, Milun und Doon. 

^) sc. 'the father and son combat' (s. 127 ff.)* 



SAaEKGESCHICHTLICHBS ZUM HILDBBRANDSLIfiDB. ^5 

Milun had changed the tragic nature of the older Celtic 
Version. Surely here is an example of independent development 
acMeving the same result. ' Auf die gef ahr hin, von Nutt für 
einen der * verwegensten Vertreter der entlehnungstheorie ' ge- 
halten zu werden, behaupte ich dies nicht nur, sondern hoffe 
es sogar zu beweisen, freilich nicht, dass der autor der piöreks- 
saga gerade die Veränderung vorgenommen habe, ^ auch nicht, 
jiass Marie de France das alte keltische motiv umgestaltet 
habe, 2) wol aber, dass die umwandelung der alten 
tragischen sage von Hildebrand und seinem söhne in 
eine solche mit versöhnlichem ausgang unter dem 
einfluss der frz. epik erfolgte. 

Zunächst ist zu beachten (was Nutt nicht erwähnt), dass 
dieses frz. motiv bereits in die hd. wie nd. literatur^) ein- 
gedrungen war, und zwar weniger in die eigentlich höfische 
(keines der drei in frage kommenden epen gehört ja im 
strengsten sinne der höfischen dichtung an), wo es merk- 
würdiger weise überhaupt auf deutschem boden nicht vor- 
Jtommt, als vielmehr in die auf der grenze zwischen volks- 
tümlicher und höfischer kunst stehende dichtung. Natürlich 
meine ich nicht etwa, der umdichter habe gerade die drei 
erwähnten epen gekannt (von denen der Demantin vielleicht 
sogar jünger als die piörekssaga ist), aber das ist auch gar nicht 
nötig: neben der uns literarisch überlieferten dichtung gab es 
ja noch eine reich entwickelte Spielmannsdichtung gerade 
in Niederdeutschland, von der wir so gut wie gar nichts*) 
wissen würden, wenn nicht zufällig der nordische sagaschreiber 
alles das was in irgendwelcher beziehung zu könig piörekr 
stand oder doch in beziehungen zu ihm zu setzen war, in 
seiner grossen sagencompilation verarbeitet hätte. Dass 
rührige fahrende aber, wenn sie auch nicht die feine glätte 
des ausdrucks und die kunst des Versbaues der höfischen dichter 



^) An den Verfasser der piörekssaga ist selbstverständlich keinen angen- 
blick zu denken: dann müssten wir ja zweimal dieselbe umdichtung an- 
nehmen, die beide mal zu ganz gleichem resultat geführt hätte. 

«) Vgl. hierzu s. 28. 

«) Vgl. Biterolf, Wlgamür und D^manÜn. 

«) Einige fetzen, wie Koninc Ermenrikes dot oder die nd. fassung des 
jungem Hl. und das zeugnis Saxos ausgenommen. 

3* 



36 BÜSSE 

erreichen, wenn sie auch nicht, wie jene, die frz. originale 
selbst benutzen konnten, doch sehr wol mit den hauptmotiven, 
Personen und Situationen des höfischen epos vertraut sein 
konnten, zeigt am besten das beispiel des Strickers (im Daniel). 
Woher sie im einzelnen falle diese kenntnis genommen haben, 
lässt sich nicht sagen ; wenn aber z. b. Wimt von Grafenberg 
die frz. quelle seines Wigalois nur aus der erzählnng eines 
knappen kannte, so ist gar nicht abzusehn, warum die fah- 
renden nicht auf ähnliche weise den stoff der ritterlichen 
dichtung (wenigstens im grossen und ganzen) sich angeeignet 
haben sollen. ^ Jedenfalls kann ich keine allzu grosse kühn- 
heit darin sehn, wenn man einem deutschen volkssänger des 
13. jh.'s kenntnis des frz. motivs vom vater und söhn zuschreibt, 
zumal es zu den allerbeliebtesten motiven des frz. epos gehört, 
und die nd. Volksdichtung (wie widerum die piörekssaga be- 
weist) sich auch sonst vom frz. epos beeinflusst zeigt;^) 
im gegenteil vermag ich gar nicht abzusehn, warum er es 
nicht hätte kennen sollen. Ich halte es demnach besonders 
wegen der auffallenden ähnlichkeit der deutschen * abschwä- 
chenden' Version mit dem frz. romantypus nur für natürlich, 
dass dieser die Umwandlung der alten deutschen sage beein- 
flusst hat. Die einwirkung psychologisch-cultureller factoren 
bleibt ja dadurch nicht ausgeschlossen, und gewiss haben wir 
es hier, wie überhaupt in der ganzen heldensage des 13. jh.'s, 
besonders aber wider der piörekssaga, mit einer parallel- 
erscheinung zu jener bretonischen sagenabschwächung , dem 
herabsinken der alten nationalen sage zu blossem unterhaltungs- 
stoff, zu tun. 

Von der alten sage behielt die Umwandlung vor allem 
den sieg des vater s bei, der jedenfalls zu fest im volks- 
bewusstsein wurzelte, als dass er ohne weiteres hätte geändert 



^) Ob die fahrenden yieUeicht nähere beziehong zu Frankreich hatten 
und ob sie, wie Walther von sich rühmt (vgl. Walther hg. von Lachmann I 
8. 31, 13: Ich hän gemerket von der Seine v/m an die Muore, von dem 
Pfade um an die Traben erkenne ich al ir fuore etc.) Frankreich durch- 
streift haben, darüber wage ich nichts zu sagen. 

2) Vgl. z. b. die Genovefageschichte von Sigmundr und Sisibe, Heiinis 
moniage und die einführung von Tristan (Tristram) und Isolde; selbst könig 
Artus wird erwähnt. 



SAGENGESGHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 



37 



werden können. Einen versuch, sich dem frz. romantypus 
(bei dem in der überwiegenden mehrzahl der söhn den sieg 
davonträgt, falls der kämpf nicht unentschieden bleibt 0) zu 
nähern, haben wir wol in dem scheinkampf vor den äugen 
frau Guts im Dresdener heldenbuch zu sehen. Durch- 
geführt liegt diese fassung vielleicht in einem bruchstück 
aus dem jähre 1493 vor, das von Wagner in der Wiener hof- 
bibliothek gefunden wurdet) und das ich, da es wenig beachtet 
zu sein scheint, vollständig widergeben will: 

Nun Schweygend fraw Mutter StyUe Nun sag mir Sun gut Hylteprannd 



Enpiet Im Zucht ynd Er, 
Es ist der alte Hylteprannd 
der liebste Vatter mein, 
Wol vff Stund Sy mit züchte 
ynd Empot Im zucht ynd Er, 
nun sagt mir Edeler herre 
was pringt Ir ynns newe mer. 



wa pringstu dein vatter her, 
Er begegnet mir yfF wyter heyde 
Er hat mich schier erschlagen. 
Da nam Ich In gefangen 
Als einen alten Spot 
Ich faret In mit mir zu lannde 
das helff yns allen gott. 
(Hylprannd von Berenn B. T. 1493.) 



In welchem Verhältnis die keltische 'abschwächende' 
Version (der kämpf Finns und Oisins) zu der alten tragischen, 
wie zu dem frz. romantjrpus steht, vermag ich nicht festzu- 
stellen, zumal da die bei Nutt widergegebene Übersetzung so 
unvollständig ist, dass ich ohne das zeugnis K. Meyers über- 
haupt nicht wagen würde, es einer unserer di'ei gruppen ein- 
zuordnen. Dass sie vielleicht 'an Irish adaptation of the 
Hildebrand story' sei (Nutt s.l29), scheint mir allerdings haltlos, 
eher könnte sie noch mit der Anssaga zusammenhängen (vgl. 
s. 30, anm. 1). 

Es blieben demnach nur noch die 'abschwächenden' II ja- 
versionen zu besprechen. Hier ergibt sich ein starker gegen- 
satz zu unserm Jüngern Hildebrandsliede. Während dies eine 
historisch jüngere Umbildung der alten sage ist, bildet die so- 
genannte abschwächende fassung im russischen — wie sie z. b. 
bei Busse vni vorliegt — einen integrierenden bestand- 
teil der alten tragischen sage, und die sogenannte ab- 
schwächung ist nicht sowol eine Umbildung, als eine un- 



^S^* Auch s. 28, anm. 5. 

«) Vgl. Anz. f. künde d. d. yorzeit 1863, s. 439 f.; auf dem papierblatt 
finden sich sonst noch eim^e liebesUed^r yon derselben han^, 



38 BÜSSE 

VKjUständige widergabe derselben. Ob die alte sage diese 
versöhnende episode von vornherein kannte, oder ob diese 
erst später eingefügt wurde, lässt sich nicht sagen; jedenfalls 
kann man nicht von einer abschwächenden tendenz reden 
wie beim Jüngern HL, da in den russischen bylinen der ver- 
söhnliche ausgang des ersten kampfes zwischen vater und söhn 
nur dazu dient, den verrat des sohnes noch schwärzer zu 
malen und seinen tod von der hand des vaters besser zu 
motivieren. 

3. Der tragische typus und das alte Hl. 

a) Der ausgang des Hl. 

Betrachten wir nun die letzte (historisch erste) haupt- 
gruppe unseres motivs: die tragisch endende. Zunächst gilt 
es, da uns ja der schluss des gedichtes nicht erhalten ist, nach- 
zuweisen, dass unsere Hildebrandsage, wie sie im alten Hl. vor- 
liegt, wii'klich dieser gruppe angehört. Ausser den allgemeinen 
gründen, der Stimmung, die über dem ganzen gedichte liegt,*) 
der consequenten entwicklung, die notwendig zum tragischen 
ende führen muss^), beweisen es bekanntlich auch directe 
Zeugnisse: der Marner berichtet, zu seinen zeiten sei *von des 
jungen Alebrandes 3) tod' ein sehr beliebter liederstoff gewesen, 
und die nordische Äsmundarsaga kappabana cap. 8 beweist 
ebenfalls, dass das Hl. ureprünglich mit dem tode des sohnes 
geendet haben muss. Die saga erzählt zunächst höchst un- 
geschickt und offenbar nur als notbehelf: Ok er Hüdibrandr 
frd pettUy at Jcappar Imns vorn drepnir,^) pd Jcom d kann ber- 
serJcsgangr ok sneriz pegar til ferdar . . . En i vanstilU pessu, 



Vgl. s. 27. 

2) Ich wenigstens habe tou dem sonnigen humor Hildehrands, den 
Luft und Joseph so schön schildern (vgl. unten; übrigens nehmen beide 
.trotzdem tragischen ausgang an) bisher nichts entdecken können^ und das 
leidenschaftliche pathos des welaga nü, wcUtant gotj wewuri skihit verträgt 
sich nicht mit einem matten abbrechen der tragischen katastrophe und darauf 
folgender friedlicher versölinung. 

•) Albrant-Alibrandr ist der corrumpierte name des sohnes in den 
jüngeren fassungen. 

*) Hüdibrandr Hünakappi hatte nicht mit Asmundr kämpfen wollen, 
weil er wusste, dass er sein halbbruder war, und deshalb seine berserker 
nach einander zur bekämpfung Jung-Asmunds ausgesandt. 



SAGENaESCHICHTLIGHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 39 

er d hgnum var, oh kann var d ferdina kominn, pd sd kann 
son sinn oh drap kann pegar. 

Alt sind dagegen die vlsur, bez. der uns davon interes- 
sierende teil 9: 

(Stendr mkx at hQföi hilf in brotua; 
eru par taldir tigir ins ätta 
manna peirra, er ek at mor5i yarö.) 
Liggr par inn sväsi sonr at hQf5i, 
eptirerfingi, er ek eiga gat, 
öviljandi aldrs syujaöak. 

Vgl. femer Saxo s. 356 ff., wo der sterbende Hildigerus sagt: 

. . . medioxima nati 
Ulita conspicuo species caelamine constat, 
Cui manus haec cursum metae yitalis ademit; 
Unicus hie nobis haeres erat, una patemi 
cnra animi^ superoque datUB solamine matri. 

Da hier nicht von einer speciell nordischen dichtung die 
rede sein kann (vgl. Boer a. a. o. s. 348; eine nordische Hilde- 
brandsage ist uns durchaus unbekannt, und die piörekssaga 
beruht auf nd. quellen), so dürfte damit der ausgang unseres 
gedichtes (dass nämlich Hildebrand den söhn fällt) erwiesen 
sein. Unzulässig erscheint es mir aber, mit Müllenhoff, Zs. fda. 
10, 146 ff. noch einen inneren grund für diesen ausgang darin 
finden zu woUen, dass schon im 8. jh. der Untergang des 
heldengeschlechts endziel der gesammten epik gewesen sei: 
Hildebrand habe also, nachdem an Etzels hof alle Burgunden-, 
Hunnen- und Amalungenhelden ausser Dietrich und ihm ge- 
fallen seien, auch noch in seinem söhne jede hoffnung auf eine 
erneuerung des heldenalters vernichten müssen. Solche ge- 
denken an sich sind zwar einer späteren entwicklung nicht 
fremd (vgl. z.b. den prolog der piörekssaga), dass aber diese 
erwägungen (abgesehen davon, dass wir nicht den geringsten 
anhält haben, den Hildebrand unseres gedichtes mit den Nibe- 
lungen zusammen zu bringen) auf die Umbildung der sage 



>) Nach Boer (a. a. o. s. 347 f.) sind die drei letzten zeilen, die im 
jetzigen zusammenhange eine chronologische Unmöglichkeit enthalten, nur 
in folge des anklangs des stendr mer at hgföi und liggr par at hgföi mit 
den sterheyisur des halhhruders Asmunds yerbunden worden und gehören 
eigentlich zu einem yerlorenen HL, das yermutlich aus Deutschland nach 
dem norden gewandert wäre« 



40 BUSSE 

vom vater und söhn keinen einfluss gehabt haben, beweist 
am besten, dass gerade in den späteren fassungeil der kämpf 
mit erkennung und Versöhnung der gegner endet.0 

b) Entstehung der alten sage. 

Wir haben demnach bei Griechen, Kelten, Persem, Russen 
und Germanen (Deutschen) eine alte sage von einem kämpfe 
zwischen vater und söhn, der tragisch, und zwar überall (mit 
ausnähme der Telegonossage) mit dem tode des sohnes endete. 
Wir dürfen daher die Telegonossage ohne weiteres isolieren, 
zumal von dem tief tragischen ernst, der durch die übrigen 
fassungen weht, in der griechischen sage nicht die rede sein 
kann. Wol fällt Telegonos unwissentlich den vater im kämpfe, 
aber er weiss sich bald zu trösten, versöhnt sich mit Telemachos 
und Penelope, nimmt beide mit zu seiner mutter und verheiratet 
sich schliesslich mit Penelope. Schon der letzte zug, der so 
gar nicht zu dem bilde der zwanzig jähre treu auf ihren 
gatten harrenden dulderin der Odyssee passt, beweist, dass wir 
es hier mit einer sehr jungen sagenbildung zu tun haben, und 
dass die Telegonossage uns jedenfalls nur sehr entstellt über- 
liefert ist, wenn ihr kern wirklich alt sein sollte. 

Wie erklärt sich aber die grosse und auffällige Überein- 
stimmung unseres sagen typus bei so entfernten Völkern, wie 
Persern, Russen, Germanen und Iren? So lange man noch in 
jeder heldensage verdunkelte mythen sah, war die erklärung 
ziemlich einfach. Vater und söhn waren dann eben personi- 
ficierte naturkräfte oder auch Jahreszeiten: der alte winter 



1) Vgl. auch 8. 32 ff. Der von Grein (ebenso von Schulze, Zur ge- 
schichte der kritik und erklärung des Hl., progr., Naumburg 1876) ver- 
mutete schluss, Hildebrand sei von der band des sohnes gefallen (vgl. 
Telegonos), erledigt sich durch die oben angeführten Zeugnisse. Grein kam 
zu diesem Schlüsse auch nur, weil er die begriffe 'schuld' und * sühne' in 
das alte lied hineinconstruierte : Hadubrant provoeiert den kämpf, daher 
muss er als sieger aus ihm hervorgehen, um dann den rest seines lebens 
in quälender reue zu verbringen. Die notiz Matthias Burgleitners, die 
Grein zur stütze seiner Vermutung anführt: der cdt Hildeprand, so vor 
Bern ist erschlagen worden, beruht jedenfalls auf der angäbe des anhangs 
zum Heldenbuch: künig Günther, der brüder fraw Crimhüten habe den 
alten Hildebrand vor der Stadt Bern erschlagen (nach einer anderen stelle 
war es nicht Günther, sondern sein söhn). 



SAOENOESCHICHTLIGHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 41 

erschlägt den jugendlichen sommer, der doch sein eigener söhn 
ist, oder die nacht mordet den von ihr geborenen tag,») und 
dieser indog. mythos wäre dann mit den anderen indog. Jahres- 
zeiten-, Sturm- und wolkenmythen etc. von dem indog. urvolk 
mit auf seine fernen Wanderungen genommen. Skeptischere 
Zeiten folgten, und man begann zu fragen, ob denn die sage 
nicht auch auf andere weise entstanden sein könne. Drei 
wege boten sich da für die Untersuchung: man konnte entweder 
directe abhängigkeit, sagenwanderung, oder unab- 
hängige entstehung annehmen. 

Der erste weg ist im allgemeinen nicht betreten, und Nutt 
s. 128 bemerkt dazu mit recht: 'Now I do not think it can 
be contended that the Hildebrand episode (even assuming that 
its issue was tragic) gave rise on the one band to the story 
of Eostem and Suhrab, on the other to that of Cuchulainn 
and Conlaoch; nor do I think it can be contended that the 
original of these three stories is to be found in what late 
Greek legend relates of Odysseus and Telegonos. The idea, 
that the Persian and Irish versions, which are astonishingly 
elike, can have influenced each other, is of course not to be 
entertained for one moment. Dates alone forbid such a possi- 
bility.' Trotzdem hat d'Arbois de Jubainville (allerdings völlig 
unwissenschaftlich und anscheinend nur von nationalkeltischen 
motiven getrieben) zwischen der keltischen sage und unserm 
Hl. ein abhängigkeitsverhältnis construieren wollen, und zwar 
so, dass unser Hl. eine unverständige und abgeschwächte 
nachahmung der keltischen sage wäre. Gründe für diese kühne 
behauptung gibt er nur wenig, und auch diese sind haltlos 
und beruhen grösstenteils auf einem völligen misvei'ständnis 
des deutschen gedichts.2) 

'Dans cette pifece allemande, le combat que Hadubrand 
livre k son pfere, qui l'a düment prevenu de cette paternite, 
n'est pas motiv6 suffisamment; le cadeau fait ä Hadubrand 



Telegonos würde dann den sieg des sommers oder des lichts sym- 
bolisieren. 

') So soll z.b. (abgesehen von dem citierten) das osüand, aus dem Hilde- 
brand kommt, das falsch aufgefasste land der götter und toten Mag Meli 
Beul, wohin der irische Cuchulamu allerdings geht 



42 BUSSE 

par son p^re au moment de se battre avec loi est presque 
ridicule (I); tandis qu'en Irlande ce cadeau re^u par le Als a 
et6 laiss6 par le p^re k la m^re au moment de leur Separation ; 
destin^ au Als, il est port6 par le Als au moment du combat, 
et, aprfes le combat, le pfere le reconnaitra sur le Als mort; 
le Als, en Irlande, ne dit pas son nom, parce qu'une pr^diction 
magique du p6re le lui a interdit ; f atalement son pöre le tue 
Sans le connaitre, et cette mort donne au morceau un charac- 
t^re tragique, d6truit par un sentimentalisme tout moderne 
dans la litterature allemande ou le Als survit (!). Tout est 
puissant, logique, primitif dans la pi^ce irlandaise; sa concor- 
dance avec la pifece persanne atteste une haute antiquit6 (!). 
Elle peut remonter aux 6poques celtiques les plus anciennes 
et avoir 6te du nombre des »carmina« chantfes par les Gaulois 
ä la bataille de Clusium, en 295 av. J.-C. (!). Le poöme 
allemand dont on a une copie du huiti^me si^cle, est une 
Imitation inintelligente et affaibliedu chant celtique, 
qui a du retentir sur les rives du Danube et du Mein 
mille ans plus tot et dont la redaction germanique 
est l'oeuvre de quelque naif Macpherson, pr6d6ces- 
seur honnetement inhabile de celui du dix - huiti^me 
siecle' (!). 

Unwissenschaftlicher kann man wol kaum argumentieren, 
und ich glaube, ich brauche über diese unerfreuliche leistung 
kein wort weiter zu verlieren. Ebenso kann der versuch 
Dambergs (vgl. Jiriczek s. 276), nachzuweisen, dass die Hjasage 
durch die Peringskiöldsche ausgäbe der piörekssaga literarisch 
beeinAusst sei, auf wissenschaftliche beachtung keinen anspruch 
erheben. 

Auch der zweite weg (annähme einer sagenwandeiomg) ist 
verschlossen, da gerade die beiden entferntesten Versionen am 
genauesten mit einander übereinstimmen und die Zwischen- 
stufen so wol unter einander wie gegen die persisch -irischen 
Versionen zu sehr abweichen. Wo sollte man das centrum 
suchen, an dem die sage sich zuerst gebildet und von dem aus 
sie sich weiter verbreitet hätte? Sonstigen analogien gemäss 
doch wol im Orient, also in der persischen sage, bez. ihrer 
Vorstufe. Dann müsste man aber annehmen, diese orientalische 
sage habe sich völlig unverändert über den ganzen occident 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 43 

verbreitet, und diese unveränderte fassung sei nur am aus- 
gangspunkt und im äussersten westen in dieser form erhalten 
geblieben, während sie auf allen Zwischenstufen starke secun- 
däre Veränderungen erfahren hätte. Damit kämen wir aber 
in ein solches tohuwabohu von unwahrscheinlichkeiten, Unmög- 
lichkeiten und vagen Vermutungen, dass es sich wirklich nicht 
lohnen würde, eine solche auffassung ernst zu nehmen. 

Was zwingt uns aber überhaupt, solchen träumereien 
nachzuhängen? Kann eine sage wie die, dass vater und söhn 
zusammentreffen ohne sich zu kennen, und dass der vater 
unwissentlich den söhn erschlägt, sich nicht überall unab- 
hängig bilden, oder besser, musste sie sich nicht von selbst 
überall dort bilden, wo krieg die normale ausfüUung des da- 
seins ist, wo Verbannung, fremder heeresdienst und blutige 
eroberungszüge zu den alltäglichsten dingen des lebens ge- 
hörten? Wir dürfen nicht vergessen, dass derartige fälle sich 
im heldenalter der indog. stamme sehr häufig ereignen konnten, 
und jedenfalls auch ereignet haben: der vater kehrt nach 
langer Verbannung in die heimat zurück und findet den söhn 
als wart an der landesgrenze, oder der vater hat auf einem 
seiner wilden wanderzüge irgendwo einen söhn erzeugt, der 
nun zu einem stattlichen beiden herangeblüht ist und seinen 
vater aufsuchen will; beide erkennen sich nicht, oder verhüten 
selbst die erkennung; der kämpf bleibt unvermeidlich, und 
als dann die erkennung endlich erfolgt, ist es zu spät: der 
vater kniet an der leiche des eben erst gefundenen sohnes. 
Das ist alles so einfach menschlich, so zwanglos, dass ich mir 
eine unabhängige entstehung dieser sage bei allen völkeni 
mit ähnlichen culturellen bedingungen sehr wol vorstellen 
kann und dass mir diese erklärung die einfachste und zugleich 
befriedigendste zu sein scheint. 

Der ergreifende Inhalt wird der sage bald überall zu hoher 
Wertschätzung verhelfen haben. Wir finden in aller alten 
dichtung eine auffallende Vorliebe für das tragische, ja eine 
gewisse freude daran, tragische conflicte bis auf die letzte 
spitze zu treiben: eine verliebe, die oft genug in blosses be- 
hagen am grausigen, blutigen umschlägt. Was ist aber 
tragischer, als wenn der vater den eigenen, einzigen söhn er- 
schlägt, tragischer besonders für das gefühl des Indogermaneu, 



44 BUSSE 

dessen höchstes gut eben seine männlichen nachkommen sindJ) 
Liebrecht (no.46, s.406) hat zur erklärung noch einen, angeblich 
auch bei den Indogermanen bekannten rechtsgebrauch herbei- 
ziehen wollen: auf Baratonga (in Polynesien!) galt als recht, 
dass der söhn den vater schon bei seinen lebzeiten beerbte, 
wenn er ihn im Zweikampf besiegen konnte. Meines erachtens 
ist diese erklärung sowol unnötig, wie falsch; denn erstens 
wissen wir von einer weiteren Verbreitung dieser sitte gar 
nichts, zweitens ist in allen fassungen der sage eine absieht 
des sohnes, den vater zu töten, und umgekehrt, völlig aus- 
geschlossen. 

Die bis auf kleinigkeiten sich erstreckende Übereinstim- 
mung der keltischen und persischen version bleibt immerhin 
merkwürdig, und so hat sie auch jetzt wider einige forscher 
veranlasst, ältere und directere beziehungen zwischen beiden 
fassungen anzunehmen. Lässt sich aber dieses enge zusammen- 
gehen nicht einfacher aus der natur der sache selbst erklären? 
Die einleitung ist in beiden dieselbe, wie überall, mit ausnähme 
des einzigen Hl. (vgl. s.49 ff.). Das erkennungszeichen kehrt 
ebenfalls überall dort wider, wo das motiv der namens- 
verweigerung angewendet wird, fehlt demnach naturgemäss 
im Hl. (vgl. unter 3, c) und einzelnen Djaversionen. Dass im 
persischen wie im irischen Suhräb-Conlaoch erst eine reihe von 
beiden erschlagen und nun erst Rustam-Cüchulainn auf bitten 
ihrer fürsten heraneilen, erklärt sich auf das einfachste durch 
die Verlegung des kampfes in eine schlachte) und durch das 
bedürfnis, den jungen beiden als einen würdigen gegner des 
alten, in hundert siegen ergrauten hinzustellen. Die namens- 
verweigerung ist aber ganz anders begründet. In der persischen 
Version ist es Rustam, der seinen namen nicht nennt, ja sogar 
sich, als Suhräb ihn direct fragt, ob er Eustam sei, für einen 
andern ausgibt; im irischen zwingen drei geis, d.i. magische 
Vorschriften,^) die Cüchulainn dem jungen söhn scheidend 

^) Vgl. den Seelen- und ahnencultus. 

^) Am besten geht dies schon daraus hervor, dass die älteste irische 
Version weder von einer schlacht, noch von irgendwelchen vorhergehenden 
heldeutaten Conlaochs etwas weiss. 

^) Er soll niemand, auch dem grössten helden nicht, ausweichen, 
keinem krieger auf erden aus furcht seinen namen nennen, keinem manne, 
auch dem gewaltigsten kämpfer nicht, den Zweikampf versagen. 



8AGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDB. 45 

hinterlassen hat, diesen zur namensverweigerung und zum 
kämpf. Auffallend bleibt nur, dass in beiden Versionen der 
söhn zunächst die Oberhand gewinnt (von der list Bustams 
weiss indessen Cüchulainn nichts) und dass in beiden fällen 
der alte sich übernatürlicher mittel bedient, um schliesslich 
den gegner zu besiegen. Ob man aber auf diese beiden punkte 
allzuviel gewicht legen darf, scheint mir fraglich, da sie eben- 
sogut aus dem blossen bestreben hervorgegangen sein können, 
die Spannung noch mehr zu erregen und die bedeutung des 
kämpf es zu steigern. Wer bürgt überhaupt dafür, dass die 
persische sage diesen zug besass, und wer will es wagen, in 
der darstellung Firdausis volkstümliche sage und bewusst 
kunstgemässe Umgestaltung zu trennen? 

Ich verstehe daher nicht, wie Nutt einzig und allein auf 
die ähnlichkeit der keltischen und persischen version sich 
stützend, einen gemeinsamen indog. Ursprung der sage hat an- 
nehmen,2) und ebensowenig, dass sich Jiriczek in seinem sonst 
so trefflichen capitel über Hildebrand und die Wülfinge dieser 
ansieht hat anschliessen, ja sie sogar weit bestimmter als 
Nutt hat fassen und unsere sage auf mythische grundlagen 
hat zurückführen können. Die angäbe Jiriczeks, Nutt vermute 
die 'erhaltung einer ursprünglich gemeinsamen epischen form' 
in der irisch-persischen sage, ist übrigens nicht genau, da Nutt 
nur vorsichtig erklärt: 'whether they (d.h. the Celts and the 
Persians) reached it independently of each other by de- 
velopment from an incident once common to both races, or 
whether they alone retained the füll version of what was 
once common to the various Aryanspeaking peoples, is a que- 
stion that probably cannot be decided.' Nutt scheint demnach 
eine historische tatsache als ausgangspunkt der sage an- 
zunehmen. Nun kann es ja an sich wol kaum direct für 



*) Vgl. die vom berggeist rückerbetene kraft und die mystische lanze. 

*) Natt 128: *The idea, that the Persian and Irish yersions, which 
are astonishingly alike, can have influenced each other, is of conrse not to 
be entertained for one moment. Dates alone forbid such a possibility. 
I can come to no other conclusion but that in the father and son combat 
we have a pan-Aryan heroic täte, which has been shaped differently by 
different members of this race (and which has reached its extreme limit of 
beauty and pathos among the Celts and the Persians).' 



46 BÜSSB 

unmöglich erklärt werden, dass die Indogermanen eine gewisse 
heldendichtung besessen haben (ich drücke mich absichtlich 
so verclausuliert aus): irgend eine art von historischer oder 
pseudohistorischer erzählung oder dichtung finden wir ja bei 
allen primitiven Völkern. Ebenso würde ein kämpf zwischen 
vater und söhn für die mutmasslichen lebensverhältnisse des 
indog. urvolkes ebensowenig auffallend sein, wie für die spätere 
heldenzeit. Aus diesen schwachen möglichkeiten von möglich- 
keiten aber irgend welche Schlüsse zu ziehen, scheint mir zu 
gewagt. Zu einer solchen erklärung dürfte man auf alle fälle 
nur dann greifen, wenn alle andern versagt hätten, und ich 
würde (und ich glaube hierin nicht allein zu stehen) jedenfalls 
auch bei vollständiger Übereinstimmung der irischen und 
persischen version unabhängige entwicklung annehmen, die 
unter dem einfluss gleicher cultureller wie poetischer be- 
dingungen zu gleichem resultate geführt hätte. Nun haben 
wir aber schon oben gesehen, dass diese angenommene voll- 
ständige Übereinstimmung gar nicht existiert, und dass die 
ähnlichkeit ohne weiteres in der sache selbst ihre erklärung 
findet: dass nicht alles erklärt werden konnte, liegt einfach 
daran, dass wir es ja nicht mit naturvorgängen zu tun haben, 
die sich mit logischer notwendigkeit entwickeln, sondern mit 
in jedem einzelnen fall subjectiv gestalteten dichtungen. 

Bedenklicher noch als Nutts versuch, eine gemeinindog. 
historische sage zu construieren, scheint mir der Jiriczeks, 
unsere sage auf mythische, d. h. naturmythische, anschau- 
ungen zurückzuführen: bedenklich sowol, weil sie ohne not 
wider die frage nach der existenz gemeinindog. mythen über- 
haupt, wie die nach der mythischen erklärung der heldensage 
aufrollt. 

Was ist überhaupt mythos? und worin unterscheidet er 
sich von der sage? Durch ihre klarheit empfiehlt sich die 
Scheidung Nutts im eingang seiner mehrfach erwähnten ab- 
handlung s. 114: die heldensage enthält erstens geschicht- 
liche bestandteile, d.h. tatsachen oder doch dichterisch um- 
gestaltete wirkliche ereignisse; zweitens sagenhafte, d. h. 
erdichtete, die an sich aber wol geschehen sein können; 
drittens mythische, d.h. erdichtete und zugleich unmögliche 
dinge, die naturvorgänge oder auch historische ereignisse 



«AOENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 47 

symbolisieren; solche bestandteile sind ohne weiteres an 
ihrer physischen Unmöglichkeit zu erkennen: *this is the cha- 
racteristic of myth, its Contents are not only invented, they 
are as a rule invented outside any possible limit of human 
experience.' Schliessen wir uns dieser erklärung an, so ergibt 
sich sofort, dass kein grund vorhanden ist, für unsere sage 
als solche eine mythische grundlage anzunehmen: das zu- 
sammentreffen von vater und söhn und der fall des sohnes von 
der hand des vaters haben nichts übernatürliches an sich. 

Doch vielleicht ist Nutts deflnition zu eng, und mythos 
ist überhaupt nur symbolisierung, ohne dass die äussere form 
notwendig den naturgesetzen zuwiderlaufen muss. Vielleicht! 
Nur hätten wir bei dieser auffassung nicht mehr das geringste 
kriterium dafür, was mythos ist oder nicht. Dem alten hinein- 
geheimnissen von mythen in die allermenschlichsten und aller- 
natürlichsten dinge der weit wäre danach wider tür und tor 
geöffnet, und trotz alledem wäre immer noch die annähme 
zurückzuweisen, unsere sage enthalte einen alten, gemeinsamen 
mythos. Was wissen wir denn überhaupt von indog. mythen ? 
Und welche mittel sollen wir haben, indog. mythen nachzu- 
forschen, nachdem sowol die Sprachvergleichung, wie die ver- 
gleichende my thologie zu negativen resultaten geführt haben ? 
Alles was wir mit einiger Sicherheit sagen können, ist, dass 
die Indogermanen eine gottheit des strahlenden hünmels 
(Dyäus - Z£v§ - Juppiter - *TTwaz) verehrten: sonst können wir 
nur schliessen, dass die Indogermanen wie alle primitiven 
Völker eine gewisse summe von mythischen Vorstellungen 
besessen haben, die sich hauptsächlich mit dem fortleben der 
Seelen nach dem tode und den unzähligen dämonen beschäftigt 
haben werden, die das all bevölkern. Von solchen mythi- 
schen Vorstellungen bis zur ausbildung auch nur eines 
einzigen mythos ist aber noch ein weiter schritt, auf alle fälle 
ein unendlich weiterer, als es uns kindem einer sich überschnell 
entwickelnden culturwelt scheinen mag, ein schritt der bis 
heute von vielen primitiven Völkern noch nicht getan ist und 
der eine culturstuf e voraussetzt, die wir für die Indogermanen 
vor der zeit ihrer trennung gewis nicht in ansprach nehmen 
dürfen.!) 

^) Man darf nicht vergessen, dass unsere ganze coltur yielleicht sechs- 



48 BUSSE 

Man wird mir vielleicht entgegen halten, dass die persische 
wie irische version doch sicher 'mythische elemente' enthalten. 
Indessen fehlen erstens diese mythischen demente in den 
übrigen fassungen, und zweitens beweist der umstand, dass 
eine sage mythische demente enthält, noch keineswegs, dass 
Bih selbst mythisch ist.^) So mögen II ja, wie Cüchulainn, 
wie Rustam, wie Odysseus ruhig auch sonst mythische züge 
aufweisen: auf die beurteilung unserer sage kann das keinen 
einfluss ausüben, und für unsern Hildebrand wenigstens muss 
ich jeden mythisch -heroischen Charakter durchaus ablehnen.2) 

c. Unterschiede der germanischen version von den 

übrigen. 

In der ansieht, dass ein unmittelbarer Zusammenhang 
zwischen den älteren fassungen der vatersohnsage nicht exi- 
stiere, werde ich auch dadurch bestärkt, dass eine ganze reihe 
von unterschieden, wie überhaupt zwischen den einzelnen Ver- 
sionen, so auch besonders zwischen dem Hl. und den übrigen 



tansend jähre alt ist, während der nrsprung des menschengeschlechtes 
sich in unabsehbare hunderttausende verliert, und dass primitive Völker, 
wenn sie nicht von fremden, höher stehenden beeinflusst werden, Jahr- 
tausende auf demselben culturstandpunkt verharren können und verharrt 
haben. 

*) Ist die Dietrichsage mythisch? Und doch enthält sie mancherlei 
mythische züge (rosengarten, drachen, riesen, feueratmen u. s. w.). Ist der 
Sachsenkrieg im Nibelungenlied seinem geiste nach weniger historisch, 
weil der mythische held Siegfried in ihm die hauptroUe spielt? Würde 
der historische Ursprung der Ermenrichsage irgendwie durch die Verbindung 
mit den Härtungen (vorausgesetzt dass dies wirklich mythische persönlich- 
keiten sind) in zweifei gestellt? u. s. w. 

«) E. H. Meyers ansieht (Germ, mythologie s. 299): 'doch wird er (Diet- 
rich von Bern, der halb historisch, halb ein blitzheros sein soll) von einem 
geist oder teufel erzeugt und vom meister Hildebrand erzogen, der als 
alter Wölfing, als Odinsartiger Waffenmeister und kriegsreizer und als 
töter seines eigenen wilden sohnes, vielleicht als ein ursprünglicher wind- 
dämon angesehen werden darf, vgl. Siegfrieds und Thors erzieher', scheint 
mir ebenso vage, wie die Vermutung W. MüUers (Mythologie der deutschen 
heldensage s. 188), ausser religiösen motiven (nach s. 237 soU nämlich Hilde- 
brand ein Wuotansheld sein) seien auch historische erinnerungen an innere 
zwistigkeiten der Goten oder an das gegenüberstehen von Ost- und West- 
goten auf den catalaunischen feldern für die entstehung der sage mass- 
gebend gewesen. 



SAGENGESCmCHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 49 

fassungen besteht. Was erfahren wir denn direct über den 
kämpf zwischen vater und söhn aus unserm gedieht (alles zur 
historischen Dietrichsage gehörige s. weiter unten)? Sohn und 
vater treffen sich zwischen zwei beeren. Sie kennen einander 
nicht. Der alte fragt nach dem geschlechte (und namen) des 
Sohnes und erhält die gewünschte auskunft nebst einem kurzen 
bericht über die flucht des vaters, zugleich aber auch die 
nachricht, dass der söhn ihn für gestorben hält. Er bemüht 
sich vergebens, den söhn zu überzeugen, dass er der angeblich 
gestorbene vater ist; der söhn wird nur fester in seinem glauben 
an den tod des vaters, schöpft den verdacht, der fremde wolle 
ihn betrügen und verräterisch erschlagen, und zwingt durch 
Schmähworte den alten zum kämpf. Auf beiden selten wird 
mit erbitterung gefochten (das ende kann nicht zweifelhaft 
sein: der söhn fällt von der band des vaters). 

Einen wesentlichen unterschied von den übrigen Versionen 
zeigt schon die einleitung. Während bei allen andern der söhn 
auf einem kriegszuge des alten in der fremde gezeugt und 
auf der suche nach seinem, ihm nur dem namen nach be- 
kannten vater begriffen ist, kehrt im Hl. der vater nach 
dreissigjähriger Verbannung in die heimat zurück. Jiriczek 
s. 282 ff. vermutet, dass hier die alte sage von den pseudo- 
historischen Verhältnissen der Dietrichsage beeinflusst sei, und 
gewis ist diese Vermutung der überwältigenden masse der 
übrigen Versionen gegenüber sehr ansprechend (sicheres lässt 
sich freilich nicht sagen 0). Auch sonst ist die motivierung 
teilweise eine andere. So erschlägt in den irisch -persischen 
Versionen der söhn erst viele feinde, und (ähnlich wie Hagen 
im Waltharius) lässt sich der vater erst als letzter schliess- 
lich vom könige erbitten, den kämpf gegen den jungen beiden 
aufzunehmen. Von alle dem ist im Hl. nichts zu finden.^) 



^) Notwendig würde diese Vermutung nur, wenn man mit Jiriczek 
gemeinschaftlichen indog. Ursprung der sage annähme. 

*) Eine ähnliche gestalt unserer sage woUte Müllenhoff zu Denkm. n 
(wie schon Lachmann, Kl. Schriften 1,438) aus v. 56 erschliessen , indem er 
in 8US Mremo man als 'hei einem ebenso hehren mann (sc. wie ich es 
hin') auffasste und diese worte auf das hunnische gefolge Hildebrands bezog. 
Mit der falschen Übersetzung fällt natürlich auch die ganze Vermutung. 
Ebenso ist die ähnliche Situation in der Asmundarsaga nach Boers dar- 
legungen nicht mehr hierher zu ziehen. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVL ^ 



5Ö ^usse 

Besonders wichtig ist ferner, dass das motiv der namens- 
ver Weigerung, das in anderen Versionen eines der weit- 
tragendsten ist, im Hl. völlig feliltJ) Im Hl. dagegen weiss 
der vater ziemlich von vornherein, wen er vor sich hat; trotz- 
dem kämpft er mit dem söhne und erschlägt ihn. Sehr an- 
sprechend ist der versuch Kögels, Lit.-gesch. s. 234, diese wider- 
natürliche handlungsweise Hildebrands durch die annähme zu 
erklären, der schon überwundene söhn habe einen verräte- 
rischen schlag gegen den vater geführt, dem der alte nur mit 
mühe entgangen sei, und der alte habe dann in ehrlichem 
zorn den unwürdigen sprössling erschlagen; vgl. das jüngere 
Hl. V. 35 ff.: 

Ich weiss nit, wie der junge dem alten gab ein schlag, 
Dass sich der alte Hilteprand von herzen sehr erschrack, 
Er sprang hinter sich zurticke wol siben klafter wit: 
'nu sag, du tU junger, den streich 16rt dich ein wip',*) 

und die piörekssaga cap. 408: ok fcer nu Alibrandr mikit sar, 
sua at nalega er honum sinn fotr tmytr, Oc nu mcellti kann: 
'Se her nu mitt sverd, Nu verd eh pat upp gefa, pvi at nu 
fce eh eigi staöit lengr firir per, Pu hefir fiandann i hendi 
]>er,' oh rettir fram hondina, En hinn gamli snyr shüldinum 
fra, oh rettir fram hondina a moti sveröinu oh cetlar viö at 
taha. Nu hoggr Alibrandr til hins gamla leynilega oh vill af 
hoggua hondina, en hinn gamli shytr shüldinum upp hatt oh 
shyndilega oh mcellti: ^Petta slag mun per hent hafa pin 
hona en eigi pinn faöir,' Oh soehir hinn gamli stm fast, 
at nu fellr hinn ungi til iardar u. s. w. In beiden germanischen 
fassungen passt der versöhnliche ausgang nur schlecht zu 
diesem verrat, und die russische parallele von Hja von Murom 
und seinem söhne (seiner tochter) lässt wol darauf schliessen, 
dass ursprünglich der ergrimmte vater den söhn erschlägt. 
Wenn wir die gleiche motivierung auch für unser gedieht 

^) Das jüngere Hl. kennt dagegen die namensverweigerung, vgl. v.45f.: 

Nun sag du mir, vil junger, dein beichtvater wil ich wesen, 
bistu ein junger Wolffinger? vor mir soltu genesen. 

Vgl. auch s. 33. 

*) Kraus (a. a. o. s. 328) scheint bei seiner erklärung dieser stelle die 
piörekssaga vergessen zu haben und wirft daher mit unrecht Kögel ein 
misverständnis des alten Volksliedes vor. 



^^^^^ SAG 

^H Toraussetze 
^" Vaters allei 



SAOBRGESCniCIITLiCHES ZUM HrLDEBBANDSLlEDE. 



I 



Toraussetzen dürfen, so begreift sich die handlungsweise des 
Vaters allerdings um so leicliter, als der söhn um schon vorher 
(v. 37 ff., als er ihm in g;uter absieht die annringe zum ge- 
schenk bot) durch den verdacht verräterischer absichten schwer 
gekränkt hatte und nun selbst verrat ausübt. 

Schliesslich hat d'Arbois de Jubainrille noch das erken- 
nungszeichen, das in den meisten fassungen die erkennung 
veimittelt, in den kreis seiner krausen betrachtungen gezogen 
and die tcuntane bougä, die Hildebrand dem söhn zum geschenk 
anbietet, als residuuni des alten motivs im Hl. auslegen wollen. 
Ihm schliesst sich Jtriczek (allerdings mit starkem vorbehält) 
an, und auf der andern seite sehen auch Kauffmann und Joseph 
in diesem geschenk einen versuch des alten, seine Vaterschaft 
mit vollgiltigen beweisen zu documentieren. An d'Arbois' 
ansieht, die auf einem völligen misverstandnis des gediehtes 
beiuht, brauche ich wol nicht noch einmal kritik zn üben 
(vgl. s, 41 ft), hei der von Kauffmann-Joseph bleibt mir einiger- 
massen dunkel, wie Hildebrand hätte auf den gedanken kommen 
sollen, er könne sich bei Hadubrand durch eine spange mit 
dem bilde des Hunnenherschers oder Zenos (Kauffmann) voll- 
giltig legitimieren, während doch aus dem ganzen gedieht 
hervorgeht, dass Hadubrand nichts von den beziehungen Hilde- 
brands zu den Hunnen weiss. Wenn es noch eine spange mit 
dem bilde Dietrichs gewesen wäre! Jiriezeks vennutang, das 
erkennungszeichen habe einmal eine roUe in der Hildebrand- 
BBge gespielt, ist möglicherweise richtig, aber doch als richtig 
nicht zu erweisen, denn im zusammenhange des HL sind alle 
so weit hergeholten erklärungen unnötig. Hier erscheinen 
die gewundenen nnge nur als freundschaftliche gäbe, die der 
glückliche vater dem endlich widergefundenen söhne bietet, 
und auch Hadubrand scheint sie als nichts anderes aufzufassen : 
nni' in der art der üben-eichung wittert er eine hinterlist 
IcTi habe mich daher von dem tieferen sagenzusammenhang 
dieses geschenkes nicht überzeugen können. 

Doch genug hiervon. Nur noch ein paar worte über eine 
auffallende ansieht Kauffmaiins (s. 113 ff.) Bbei- unsere sage. 
Er zieht freilicli nur die germanisclien Versionen in den kreis 
seiner betrachtungen und erklärt ziemlich überraschend die 
Hüdebrandsage für ein schwertmärchen. Seine gründe scheinen 



52 BUSSE 

mii* freilich nicht sehr überzeugend zu sein. Er geht aus von 
der betrachtung des letzten bestandteUs der namen der Hilde- 
brandfamilie (Heri-brant, Hüti'brant, UadU'brant; -brand 
^feuersbrand', dann 'schwertklinge'); dann erwähnt er, dass 
Hildebrands schweili einen namen trage, 'wie sonst die zauber- 
schwerter namen führen'. Ich vermag darin nichts besonders 
merkwürdiges zu sehen. In der ganzen germanischen, wie in 
der unter germanischem einfluss stehenden sage finden wir ja 
fortwährend, dass jeder irgendwie hervorragende held ein mit 
einem namen versehenes schwert führt: sind das alles zauber- 
sch werter? Und gesetzt, sie wären es, was würde weiter 
daraus folgen, als dass der besitz eines zauberschwertes eben 
für jeden wirklichen beiden der dichtung gleichsam officiell 
war? Soll unsere germanische epik überhaupt etwa eine reihe 
von Schwertmärchen sein? Dass die sage gerade Hildebrands 
schwert keinen besonderen wert beigelegt haben kann, geht 
schon daraus hervor, dass es an den verschiedenen stellen, ai^ 
denen es aufgeführt wird, verschiedene namen trägt.^) Die 
beiden Schwerter in der Äsmundarsaga und bei Saxo sind nach 
Boers mehrfach erwähnter abhandlung nicht mehr für die 
beurteilung der Hildebrandsage zu verwerten.^) Von nicht- 
germanischen Versionen könnte nur die irische zur Stützung 
herangezogen werden (mit der zauberlanze Cüchulains), aber 
der magische sper spielt auch sonst in der keltischen sage 
eine grosse rolle und hat an sich nichts mit dem kämpfe 
zwischen vater und söhn zu tun. Ich kann daher auch hier 
den ausführungen Kauffmanns nicht folgen. 

II. Das Hl. als zeugnIs für die ostgotische Heldensage. 

War für den ersten hauptteil dieser ausführungen wenig- 
stens immer noch die leise möglichkeit vorgermanischen ui'- 
sprungs zuzugeben, so stehen wir bei betrachtung der gotischen 
Sagenbestandteile des Hl. fest auf dem boden rein historisch- 



*) Brinnig in Alpharts tod, Freise in der Virginal, Lagtdfr in der 
piörekssaga (im Dresdener heldenbuch heisst es Weihe, was aber wol nur 
misverständnis ist). 

*) Damit erledigt sich auch, was Jiriczek s. 283 über die roUe der 
Zauberwaffe sagt, vgl. auch den anhang s. 329. 



SAGEKGESCHICHTLTCHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 53 

menschlicher heldensage. Wir müssen also versuchen, ihr 
auch rein historisch beizukommen. Die älteren arbeiten, die 
sich mit dieser frage beschäftigen, kranken fast alle an dem 
fehler, dass man versucht hat, das Hl. in den rahmen der be- 
reits fest ausgeprägten späteren mhd.-nordischen Überlieferung 
zu pressen. Auf der anderen seite ist dann unter den neueren 
Kauffmann meines erachtens wider zu weit in der einsetzung 
historischer Verhältnisse gegangen. Ich will mich bestreben, 
zwischen beiden extremen die mitte zu halten, nichts in das 
gedieht hineinzulegen, was nicht darin steht, aber auch nichts 
zu übergehen, was es enthält. 

A. Das Hl., Übersetzung, Verteilung des dialogs u.s.w. 

Ich hörte das sagen, 
dass sich die kämpf er allein trafen^) 
Hiltibrant und HaÖubrant zwischen zwei heeren, 
söhn und vater.«) Sie richteten ihre rüstungen (zurecht), 
5 bereiteten ihre streitgewänder, gürteten sich ihre Schwerter au,*) 
die beiden über die ringe, als sie zum kämpfe ritten.^) 



^) Aeltere, von Luft s. 6 ff. und A. Erdmann, Beitr. 22, 424 ff. wider auf- 
genommene auffassung: 'sich forderten zum einzelkampf heraus' (muotin 
conj.: es wäre eigentlich muottin zu erwarten; ausserdem wird dasyerbum 
nur im ags. mit dem acc, sonst stets mit dem dat. construiert). Die ' besse- 
rung' Lufts : dat sih ürhBttun dbnon (übatmuotin) ist freilich schon aus me- 
trischen gründen zu verwerfen ; denn ubarmuoUn (^ x ~ x) ist kein mög- 
licher halbvers. Ausserdem macht die ganze auffassung inhaltlich Schwierig- 
keiten, denn Hildebrand tut doch alles, um den kämpf zu vermeiden* 
Man darf dagegen wol nicht geltend machen, dass er gleich erfährt, wen 
er vor sich hat und deshalb dem kämpfe ausweiche. Auch sonst ist eher 
anzunehmen, dass der heimkehrende den kämpf mit einem Volksgenossen 
eher vermeiden wird, als dazu herausfordern. 

*) So zu interpungieren, denn das übergreifen des sinnes in die nächste 
zeile (möglichst consequentes zeilenenjambement) ist stilgesetz. 

*) So. Kögel übersetzt 'fest', was aber nicht dasteht. 

Ö Einigermassen auffallend ist diese beschreibung und auf alle fälle 
nicht zu verstehen, wenn man annimmt, vater und söhn seien während 
einer schlacht aufeinander gestossen. Weit besser verständlich wird sie 
bei der annähme eines zufälligen Zusammentreffens, bei dem jeder 'erst' 
seine rüstung in Ordnung bringt, wie er den fremden heranreiten sieht. 
Der Vorschlag von Luft (s. 8), v. 4 — 6 erst auf v. 62 folgen zu lassen, würde 
beide beiden unverdient zu unvorsichtigen wagehälsen stempeln, die sich 
mit einander einlassen, ohne die notwendigsten schutzmassregeln getroffen 



54 BUSSE 

Hiltibraut sprach [Heribrants söhn]: er war der Wtere*) mann, 

der lebenserfahmere; er begann zu fragen 

mit gemessenen werten, wer sein vater wäre 
10 im Volke der menschen, — — — — ') 

— — — — 'oder welches geschlechtes du seist. 

Wenn du mir einen sagst, weiss ich (mir) die andren, 

kind, im königreiche: kund ist mir das ganze grosse yolk.^') 

Hadubrant sprach, Hiltibrants söhn: 
15 *Das sagten mir unsere leute,*) 

alte und erfahrene, die früher lebten, 

dass Hiltibrant hiesse mein vater: ich heisse Hadubrant. 

Vormals ging er ostwärts, er floh ötachers hass, 

von hier mit Theotrich, und seiner degen viele.*^) 



zu haben. Der annähme plusquamperfectischen sinnes durch Kaufmann 
s. 145 und Siebs, Zs. fdph. 29, 442. Kraus, Zs. f. d. Ost. gymn. 1896, s. 326 ver- 
mag ich nicht beizustimmen, da ich nicht glaube, dass unser dichter, der 
sonst so knapp in der Schilderung der Situation ist, 2V2 zeilen darauf ver- 
schwendet habe, etwas so selbstverständliches mitzuteilen, wie 'dass die 
beiden gerüstet waren' (man vgl. dazu die vorhergehenden 2V2 zeilen, die 
dann die ganze exposition enthalten würden). 

*) So jetzt wol aUgemein übersetzt, vgl. Edzardi, Beitr. 8, 445, übrigens 
schon von Feussner und Schmeller ebenso aufgefasst. 

2) In der lücke ist wol mit recht die frage nach dem namen des 
gegners selbst zu vermuten, vgl. Roediger, Zs. fda. 34 (33, 412). Solche vers- 
ungehener, wie sie Joseph einsetzt, sind deshalb aber doch nicht gleich 
nötig (eddo sage zi furist dinan namun u. s. w. soll eine halbzeile sein, 
die auf furist alliteriert, während dem geforderten sinne entsprechend dinan 
den ton tragen müsste); von dem ' redressierten faux pas' Hildebrands habe 
ich nichts entdecken können. 

ä) Zur interpunction vgl. Siebs, Zs. fda. 33, 412 und Braune, Beitr. 21,1 ff. 
• *) Reimvers? (Lachmann), prosa? (Sievers, Altgerm, metrik § 125). Auf 
alle fälle ist die stelle schlecht überliefert und auch inhaltlich einigermassen 
befremdend. Den kühnen Schlüssen, die Joseph s. 64 hieraus zieht: die verse 
seien nur elende nachbesserung und aus v. 42 ff. geschöpft, vermag ich keinen 
glauben zu schenken, ebensowenig wie ich glauben kann, dass dea erhina 
wärun heissen könne: 'die früher auswärts waren' (das soll = *die See- 
fahrer' sein): erhina heisst doch weiter nichts, als 'früher, von hier aus 
gerechnet'. Die annähme Josephs, der 'Überarbeiter' habe die sache so 
darstellen wollen, als habe Hadubrant überhaupt erst von den Seefahrern 
erfahren, wer eigentlich sein vater sei, ist für mich ebensowenig discutabel, 
wie die andere, der alliterationslose reimvers v. 15 sei ein specimen der 
kunst, die diesem manne eigentlich angestanden haben möge, oder wie die 
metrisch ganz unmöglichen verse, mit denen Joseph den text bereichert hat. 

s) Steinmeyer bemerkt mit recht, ßu könne nicht von miti abhängig ^ 
sein (doch vgl. Kögel, Lit-gesch. s. 218); ob sinero deshalb notwendig auf 
Hildebrand bezogen werden muss, scheint mir allerdings eine andere sache^. 



r 

^P 20 Er 
■^ die 



SAGENOESCHICBTLICHES ZUU HILDEBHANDSLIEDE, 

Er ViesB im lamle üii elend sitzen 

die junge trau im gemache, das nuerwacluene kind, 

erbloa: er ritt ostwärts vou hier. 

Später entstand Deotriche maogel') 

meines TatciB. Das war ein so frenudlofier mann"): 
25 er war Ötacher sehr üoruig gesinnt,') 

der degen beater [bei Deotrlch]. 

Er war immer an der spitee des Tolks: ihm war ii 

kund war er kilhnen mSnnem. 

Ich ginube nicht, daaa er noch lebt' — — — bj 
30 'Bezeuge (?), grosser gott [sprach Hiltibrant] von oben Tom liimniel,') 



r knmpf 21 
[Ueb*); 



') dnrJiä (jisf Vonfun nach Heinz el-KSgel-Eauffmanu ^ ' er hatte nStig, 
er branchte'. Xögel freilich war anf diese dentnng nnr durch seine tbeorie 
von der ss. herknnft des liedes gebracht worden nnd wnest« selbst nicht 
recht, was er inhaltlich mit seiner Übersetzung anfangen sollte ('bezieht 
sieb diese äUHsernng auf eine beiondere, nus uubekanote sage?'). Da ich 
an einen nd. nrsitning des gedichtes nicht glaube, so halte ich mich an die 
bd. bedeutnng des wertes, und die ist anch nach EQgel nur 'privatio, 
jejuninm' (tharf, pearf kann übrigens anch as. ags. = 'privatio' sein). 

•) frimitiaos = ags. frioniüias, winelia» =^ 'geüchtet' {Dietrich oder 
HiHebrand? vgl. unter B, 3). 

*) unmet tim die hs.; anf keinen fall =' unmet tiari, wie Wacker- 
nagel und Ueinzel wollen ; ob man iirt oder fi'm (Orein-KQgel) liest, bleibt 
für den sinn ziemlich gleicbgiltig. Juseph vermutet s. 66 aum. firri, nad 
tthersetzt ungeKkr so: 'H, hStte so weit fliehen mässeu, dass er von ötacher 
sehr fern, aber bei Dietrich der beste degen gewesen wSre'! 

') Kugel vennntet ti leohe; das wBre aber nur eine nichtssagende 
widerholnng der vorhergehenden balhzeile und metrisch wegen der tlber- 
Ia<1ung des auftakts vor eiuem A-verse sehr anstössig. 

*) Der scbluss der ersten rede Hadnbraiits ist leider sehr sebleeht über- 
liefert: haben wir in v. 28 einen halben schwellvere (Sievers, Altgenn. metrik 
§ 128)':' Die ergitnznngsversnche von Martin (man/igem) nnd KQgel (wHo) 
Bind wegen der sinnwidrigen ca«snren abaulehnen. Ganz verfehlt scheint 
mir Josephs test: 

chftd was her er chfinnEm manuuiu 

doh lango nt lint nicham ni wänin ib in lib habbe. 

*) wetlu immer noch nicht gan^ erklärt; obana ab hcuune =^ 'von 
oben vom himmel herab', daher sind deutungen, wie 'wisse gott oben im 
himmel ' mir nicht wahrscheinlich. — Luft s. 17 irrt-, wenn er angibt, Jellinek 
habe die bedeutnng 'ebenso wenig, nicht einmal' für neo dana halt fest- 
gestellti dieser erklärt es vielmehr Zs. fda.87, 20 als 'ebensowenig jemals, 
trotzdem niemals', nnd ihm scliliesst sich KSgeJ, Lit.-gesch. s. 213 mit seinem 
'trotzdem nicht' an. Die ganze anf die deutnug 'nicht einmal einen process' 
anfgebaute constmction fällt mit dieser unmöglichen deutnng (Lnft 
Tennis^ ein bestimmtes erkeunnngawort von selten Hildebrauds, ebenso 




56 BUSSE 

dass du trotzdem nicht mit so verwantem manne 
eine Verhandlung führtest' — — — 
Er wand da vom arme gewundene ringe 
aus kaisermünzen, wie sie ihm der könig gegehen hatte, 
35 der Hunnen herscher: 'dass ich dir es nun in freundschaft gebe 

(oder; 'dass ich dir es nun, um deine huld zu 
Hadubrant sprach, Hiltibrants söhn: [erlangen, gebe). 

'Mit dem ger soll ein mann gäbe empfangen, 
spitze gegen spitze — — — — *) 



eine genügende motivierung des geschenkes und folgerte ungefähr so: der 
alte hat natürlich seinen söhn bei dessen Worten gleich erkannt, freut sich 
über den ruhmredigen eifer, mit dem der junge den glänz seiner abstam- 
mung hervorhebt, und ruft nun launig: 'ich mache dich, gott, zum bürgen, 
dass du nicht einmal einen process [geschweige einen kämpf] zwischen mir 
und einem manne aus so herrlicher sippe (sus sippan) führst!' Er lässt 
sich noch weiter von seiner freude hinreissen und bietet gutmütig ironisch 
dem jungen seine armspangen zum geschenk, gleichsam um damit die gnade 
des gewaltigen zu erkaufen. Aber Hadubrant merkt angeblich diese Ironie, 
fühlt sich beleidigt, wittert verrat und ist nunmehr für alles zureden des 
alten unzugänglich). — Die zur erleichterung seiner annähme von Luft 
s. 30 vorgeschlagene änderung: dat du neo dana hält — mit 8t4S höhsippan 
man leidet an demselben fehler, wie die von Joseph s. 60: dat du neo dana 
hält — ih bin Hiltihrant, din fäter (?), dass nämlich (abgesehen vom übrigen) 
halt alliterieren soll, während der natürliche accent auf neo liegen müsste. 
Freilich sind Lufts verse immer noch besser, als die Josephs, vgl. z. b. mit 
sus sippan man sülih dinc ni gileitös. Sonst hat Joseph wol recht, wenn 
er annimmt, Hildebrand habe sich am ende dieser rede mit klaren Worten 
zu erkennen gegeben (vgl. auch Lachmann -Kaufimann-Müllenhoff). Dass 
Steinmeyer dagegen hervorhebt, durch die nennung des namens werde inan 
V. 43 auch kaum verständlicher, /ällt nicht allzu schwer ins gewicht 
dagegen, dass sonst dunkel bliebe, weshalb Hadubrant überhaupt noch 
einmal so genau von dem tod seines vaters zu erzählen beginnt. — Josephs 
erklärung von v. 30 ff. böimhrt sich übrigens eng mit der von Luft. Auch 
er fasst die worte HildebraJlÄft als scherzhaft auf: 'der kämpf esdialog malt 
sich dem freudig überraschten vater plötzlich zu einem rededuell mit un- 
blutigem ausgang' etc. Ich glaube nicht, dass Hildebrand, der soeben seinen 
söhn als gegner widergefunden hat, ausserdem hören muss, dass der söhn 
ihn für gestorben hält, gerade zu scherzen aufgelegt gewesen sein werde. 
Das heisst doch dem alten recken etwas zu viel frohsinn und zugleich Un- 
bedachtsamkeit zutrauen. Warum sollte ein ursprünglich juristischer ter- 
minus technicus {dinc gileitös), wenn er scherzhaft auf den kampfesdialog 
übertragen werden konnte, nicht auch im. ernste so übertragen werden 
können ? Die rede ist gewis ganz ernst gehalten gewesen und hat die ent- 
hüllung des vaters gebracht. Daher kann ich Lufts ansieht nicht für richtig 
halten, die erkennungsworte seien erst nach v. 41 zu denken. 

Ob Hadubrant den ring wirklich angenommen hat (Kaufmann), 



SASEHQESCHICHTLICHBB ZOK HILDEBRAK DSLIBDE. 

Pn bist (ilir), alter Hiiuiie, sehr sclilan, 
40 verlockfit mich mit deinen woi'teu, willst mich mit deiuem Speere 

werfen, 

da bist ein ebenso alter mann, wie du ewigen trug vollbrachtest. 

Das sagten mir seefahrer 

westwärts über den Wendelsce, ditea ihn streit eutraffte: 

tot ist Hiltibrant, Heribrants söhn.' 
4^ Hiltibrant sprach Eeribrants söhn'): 

'Wol sehe ich an deiner rfistnng, 

dasB du daheim einen guten herm hast, 



I ob er ihn verBchtlich xn boden geschlendert (Lnft -Joseph), ob Hildebrand 
I ihn anf dem sper gereicht (EaufTmiinn), und ob dies eine alte sitte war 
f (J. Grimm, Kl. Schriften 2, 199, Müllenhoff-Kflgcl-Heinzel-KauEfmann) oder ob 
I er ihn in seiner freude, den söhn widergefiinden zu haben, der helden- 
I litte nicht achtend mit der hand angeboten hat (Edzardi-Lntt nnd Schröder, 
[ BeilT. 8, 490), scheint mir ziemlich bedeutnngslos; jedenfalls geht ans dem 
I tost weiter nichts hervor, als dass Hadnhrant hinter dem geschenk eine 
I liinterlist vermutet. 

') Die Verteilung der (olgenden reden ist sehr verachieden aufgcfasst 

I worden; die einen legen sie Hildebrand, die andern Eadnbrant in den muud, 

I ausserdem werden je nach belieben Kicken angenommen nnd verse um- 

I gestellt oder gar die reden auseinander gerissen nnd die einzelnen teile 

I ftnf beide gegner verteilt; vgl. daüu die literaturangaben bei Braune s. 173 f. 

I Hit dem überlieferten lü^t sich immer noch am besten auskommen. Jeden- 

I fitlh darf man die grosse abscblusarede Hildebrands v. 49 ff. nicht dnrch 

I einiügnng von v.-i6— 49 ihrer ganzen wirkmig berauben. Ich kann mit 

I dem wehmf, mit dem Hildebrand das nnabwendbare Schicksal hereinbrechen 

I aieht, wol die furchtbare Ironie v. Ö5ff. vereinigen: ganz nnmGglich ist es 

1 Mir aber, dazwischen noch eine so verhBltnismSssig rnhige betrnchtnng 

r eingefügt nn denken, die selbst von einem strahle freudigen vaterstolzes 

I verklärt winl. Ich nehme daher als sinn von v. 46 ff. an ihrer stelle: Hilde- 

' "braud hofft, den kämpf noch vermeiden zu kSnuen, und setzt sich daher 

Bellet über die schmähworte des jungen (alUr Hün, die verdltchtignng des 

Verrats n.a.w.) hinweg und will nngeltlhr sagen: 'ich sehe an deiner 

schiinen rüstung, dass dn nie verbannt wurdest, daher wcisst du anclt 

nicht, wie es mit einem landflüchtigeu bestellt ist,' Tgl. auch unten unter 

IC, 3. Damit flillt für midi auch Lnfts ansieht fort, der diese worte Hadn- 
lltant in den niund legt und dahin ergänzt, Haduhrant habe an das lob 
der rßstnog die absieht angeknüpft, sie eu erbenten, nnd nun merke erst 
Hildebrand, wie ernst die saclilage sei. Eine scheinbare bestätigung er- 
fährt die Zuteilung der rede anf Eadnbrant allerdings durch das Volkslied 
Btr.6: iJii färest dinhamasch lüier vnile dar, i-etit als du sht eins künegfs 
Unt, du mit mich jungm hdilen mü gtselieiuim ouge» machen Mint u.a.w. 
(die Edzardi freilich dem alten zuteilen mOchtc), nnd sieher hat die be- 
nichntiDg käntges Jcint für den greisen Hildebrand etwa« sehr merk- 
«Didigea. 



58 BUSSE ,A 

dass du unter diesem könige noch nicht verhannt wurdest.'*) 
'Wolan denn, waltender gott [sprach Hütibrant], wehgeschick er- 
füllt sich. 

50 Ich wallte der sommer und winter sechzig') aus dem lande, 
wo man mich immer einstellte in das volk der schätzen. 
Nachdem man mir bei keiner bürg den tod verhängte, 
soll mich nun das traute kind mit dem Schwerte hauen, 
mit der Streitaxt schlagen oder ich ihm zum mörder werden. 

55 Doch kannst du nun leicht, wenn deine kraft dir taugt,^) 
bei einem so alten mann die rüstung gewinnen, 
die kampfbeute rauben, wenn du irgend ein recht dazu hast.^^) 
'Der sei doch nun der feigste [sprach Hiltibrant] der ostleute,^) 
der dir nun den kämpf verweigere, nun es dich so wol nach ihm 

gelüstet, 

60 des Streites gemeinschaft: es versuche der, dem es bestimmt ist, 
ob er heute dieser ringpanzer sich entschlagen muss,^) 
oder dieser brünnen beider walten.' 



^) Vielleicht ist hier eine lücke anzunehmen, vielleicht aber ersieht 
auch Hildebrand einfach aus der haltung des gegners, dass der kämpf un- 
vermeidlich ist. 

«) = *dreissig jähre', vgl. die übrigen sagenzeugnisse und 0. Schröder, 
Symbolae Joachimicae s. 23. Heinzel hat entschieden unrecht, wenn er s. 48 
sagt, man dürfe der auffassung '60 jähre' nicht entgegenhalten, dass dann 
zwei greise sich gegenüber ständen. Wichtiger als die angäbe der einen 
hs. der piörekssaga, Hildebrand sei im exil hundert jähre alt geworden, ist 
die, dass Hadubrant bei der flucht seines vaters bereits geboren war (bam 
unwahsan), oder doch bald darauf geboren wurde. Hadubrant aber wird 
uns überall als jugendfeuriger held geschildert. Ausserdem würde auch die 
anrede chhid v. 13 kaum für einen sechzigjährigen passen. 

^) Davon dass Hadubrant diese worte sprechen soll, vermag ich mich 
nicht zu überzeugen. Steinmeyer hebt mit recht hervor, dass die worte 
in SU8 Mremo man im munde Hadubrants sehr geschraubt klingen würden. 

*) Moralisches recht?; nach Roediger, Zs. fda. 35, 174 'recht auf beute', 
wie die überlegene kraft es gibt, doch vgl. Slauffmann s. 151. 

*) Vielleicht ist zwischen v. 57 und 58 erst eine directe beschimpfung 
Hadubrants wie argo zu denken, an die Hildebrand nun anknüpft; vielleicht 
ist dies wort 'feigling' auch schon vor v. 48 anzusetzen. Die ostleute sind 
wol kaum die Ostgoten (Kögel, Lit.-gesch. s. 214), sondern die Hunnen: 'da 
müsste ich ja der feigste Hunne sein' oder 'da müsste ich allerdings ein 
Hunne sein und zwar der feigste' u. s. w. (zum gebrauche von Hxü/n in 
verächtlichem sinne vgl. v. 39). 

ö) rümen, vgl.Steinmeyer-Kögel-Kauffmann; /»ruornen Lachmann-Kraus- 
Joseph, die dann allerdings hwerdar trennen. Ich glaube der ersten ansieht 
beipflichten zu müssen, da mir nach der zweiten v. 62 nur eine ganze nutz- 
lose widerholung des ehe» i» v- 61 gesagten scheinen würde, 



SAGENOESCHICHTIJCHes ZtIM HILDEBRÄBDSLIEDE. 59 

Da üpaaeii sie znemt mit den Speeren {die msBe) schreiten, ■) (?) 

mit scharfen schauern, dass es in den Schilden stand. 

Da schritten sie zusammen, die kampfschildberilhmten,') (?) 

hieben grimmig die weissen ecliilile, 

bia ihnen ihre liniieu klein wurden, 

mit den waiFen zerschlagen (?) — — — — 



B. Hildebrand. 

1. Die eiitstehnng der Hildebrandgestalt. 
Kurz luid knapp ist die einleitung des gedichtes, die ans 
gleich mitten in die Situation hineinführt. Zivischen awei 
heeren treffen sich allein vater und söhn; ob als kundschafter 
ist nicht gesagt, immerhin aber wahrscheinlicli. Welches sind 
die beiden beere? Das Hadubrants ist natürlich ein gotisches 
bez. italisch-gotisches;') in dem andern heere dürfen wir wol, 
entsprechend der sonstigen Überlieferung, ein hunnisches sehen: 
allir Eün nennt Hadubrant den vater, und die wuntane bougä, 
die Hildebrand dem söhne zum geschenk bietet, hat ihm der 
chunmg, der Suiteo truhtin gegeben. Ein eigenes heer Diet- 
richs kann es trota der degano filu v. 19 schon deshalb nicht 
sein, weil dann nicht abzusehen wäre, weshalb Dietrich Über- 
haupt in die verbanunng gegangen, oder weshalb er nicht 
schon längst wider zurückgekehrt ist. Ausserdem meldet alle 
alte Überlieferung, dass Dietrich seine helden im exil verloren 
habe, vgl, GnÖr.-kv. 2: Pjöpreh- Iconungr var mep Ada ok hafpe 
f }ar lälet flesta*) alh menn sina, und 3,5: 



') So Lochmann-Müllenhoff, vgl. dagegen Meissner, Zs.tda. 42, 122 ft'., der 

Kritan als 'gleiten' fasst nnil den dativ usekim von letlati abhängig machen 

mOchte: 'dB liesaen sie zuerst die spere fliegen' (?). Dem ainne nnch scheint 

1 mir MeisBuera llberBetznng liesser, ila agciim serltan für den sperkarapf zn 

recht sonderbar klingt, gkrilan =^ 'scindere' jetzt wider Kautftnann. 

') So Heinsiel. Der ganze schlnss ist sehr schlecht überliefert und sein 

I Inhalt lfl»>t sich nnr erraten. Ueber den mutmasslichen ansgang des ge- 

[ dicht«« Tgl. 8. 38 ff. 

') Ausser der angäbe, dass der Wendeleee und das Hnnnenrdch im 

^ Mten ZV denken sind, findet sich allerdings nirgends eine spur von loc«li- 

sierung in nuserem gedieht«, und ea hat skh anch keine erinneruug an 

die unter gotischer herschaft lebenden Konianen in der germanischen sage 

erbalten. 

*) Der Inhalt der prosa ist allerdings wol erst aus den versen gesuhüpft, 



Ja 



60 BÜSSE 

Her kom pjofrekr mep }?ria tego, 

lifa }?eir n6 einer^) )?rir tiger*) manna. 

/Die Situation im einzelnen ist etwas dinkel. Nach der 
späteren Überlieferung, und auch weil die dreiSsig verbannungs- 
jahre abgelaufen sind, müsste man annehmen, Dietrich versuche 
jetzt an der spitze eines hunnischen hilfsheeres das land zu 
erobern bez. widerzuerobem. Offenbar weiss davon aber 
wenigstens Hadubrant nichts: er sieht in den ankömmlingen 
nur Hunnen, also feinde. Wüsste er, dass Dietrich heran- 
nahte, so bliebe sein verhalten gegen den alten beiden aus 
Dietrichs beere ganz unerklärlich: auch wenn er ihn nicht 
für seinen vater halten könnte, müsste es ihm doch lieb sein, 
einen mann zu treffen, der ihm auf alle fälle näheres über 
seinen vater, über Dietrich und seine beiden melden könnte. 
Hadubrants benehmen lässt im gegenteil darauf schliessen, 
dass er nicht einmal weiss, dass Dietrich und seine beiden 
sich bei den Hunnen aufgehalten haben. Am wahrschein- 
lichsten ist demnach, dass sich der ganze Vorgang an der 
landesgrenze abspielt, und man im Gotenlande noch nichts 
von Dietrichs heimkehr weiss, wie sie ja auch im ganzen 
liede nicht erwähnt wird. Auf alle fälle kann das zusammen- 
treffen nicht, wie Kögel annimmt, in einer der eroberungs- 
schlachten, etwa in der Eabenschlacht stattfinden: dem wider- 
spricht (und ich muss hierin der auff assung Lufts beipflichten) 
schon die Schilderung v. 4 — 6 iro saro rihtun etc., die ja auch 
so zu bedenken anlass gibt, bei einem zusammentreffen in der 
Schlacht aber völlig sinnlos wäre; vgl. s. 53 f.; ebenso unberech- 
tigt ist es aber auch, die andere auff assung, Hildebrand und 
Hadubrand hätten sich als kundschafter getroffen, durch unmet 
Späher v. 39 stützen zu wollen, wie Luft es tut. 

Wer sind die beiden einsamen kämpf er? Hiltibrant, Heri- 
brants söhn und Hadubrant, Hiltibrants söhn. Der alte Hilde- 
brand ist eine der beliebtesten gestalten unserer deutschen 



und das par ist bedenklich, weil es eine Verbindung pjoöreks mit den 
Nifliingenkämpfen anzudeuten scheint, von der der norden sonst nichts weiss. 

*) Nach der Klage, Nibelunge not, Dietrichs heimkehr, piörekssaga etc. 
wäre freilich Hildebrand am leben geblieben. 

2) Die dreissig spielen überhaupt eine grosse rolle in der Dietrichs- 
sage: 30 beiden, 30 verbannungs- und 30 herscherjahre. 



SAQESQE8CHICHTLICBES ZUM HILDEBEASDSLIEDE. 

, dessen andenken aicli bis in die spätesteu zeitea 
ihres fortlebens gerettet liat,') so recht das urbild eines in 
allen lebensnOten erfahrenen recken ohne furcht und tadel. 
In Ünn verkörpert sich, wie schon üliland^) sah, in idealer 
Verklärung jene wichtige inatitntion germanischer heldenzeit: 
das majordomat. Bei dem typischen Charakter der ganzen 
altgermanischen dichtung könnte man sich vielleicht mit dieser 
erklämng zufrieden geben und Hildebrand einfach als den 
maior domus xor' ^gox'/'' auffassen, wie er zu jedem füi'stenhof 
gehört und infolgedessen auch überall in der heldensage wider 
auftritt (vgl. Berhter, Berlitung, Eckart, Hagen, Wate etc.), 
ohne sich um etwaige historische Vorbilder zu kümmern. Aber 
die Verknüpfung Hildebrands (bez. seines historischen vor- 
gängeis) mit dem der geschichtlichen sage ursprünglich 
fremden märcheu vom kämpf des vaters und sohnes wei^ uns 
darauf hin, dass wir in Hildebrand mehr als solch ein not- 
wendiges inventarstück zu sehen haben, dass er jedenfalls 
früher eine seihständigere rolle in der sage gespielt hat und 
dass er infolgedessen wol auch auf ein directes geschichtliches 
Vorbild zurückgehen wird. Die gotische geachichte bietet uns 
Terschiedene abwiche gestalten, und so kann man einiger- 
massen zweifelhaft sein, m wem wir das historische'') prototjp 
unseres sagenhelden zu erblicken haben, Da hören wir zuerst 
von der treue der maiores domus Alatheus und Saphrax (Saft-ac) 
für den jungen Viderich, Vitliimers söhn,') dann von der Gensi- 
munds für die königsbrüder Walamer, Widimer und Theodemer,'') 
schliesslich wird uns auch noch von einem vertrauten freunde 



') Anspieluugen auf Hildebraad finden sicL noch bei Melchior Goldast 

(1576—1634), Paraenesia l,34Cf.; carmtna de Uälibrando Gotho, und bei 

PratoriuB, WeltbeBobreilniiig (16C6) 1,273: näm'iche gaukdera telU, wo der 

, täte Hildebrand «ft «uWie ponsen, mit docken gespielt werden, puppen^ 

\ comedien genannt, vgl. Grimm, Heldensage* 8.318 f. 

■) Schriften 1, 252, vgl. auch Kttuffmann s. 151 ff., der eine reihe inter- 
[ nsanter belege fUr die etelluig der maJoreB dumns bei Goten, Franken nnd 
I im gennanischeu cpos anführt. 

») An einen mythischen urejiniDg HildehrandB Ut nicht zu denken, 
[ TgL s. 48. 

•) Amm. Marc. 31, 3; chihs [sc. Viüiimeri] parvi fiUi Videricki nomine 
m susceptam Alaliunta tuehalur et Saphraa:, dticea e^ercili et firmitale 
PKlorum noti. ») Vgl. Cassitidor, Variae B, 9. 



62 BÜSSE 

Theoderichs, Ptolemäus, berichtet, in dessen namen tJhland 
zuerst eine gräcisierung des gotischen Hildibrands sehen wollte; 
vgl. Fredegar cap. 57: Tolomeus quidam ex senatoribus vehe- 
menter cum Theuderico amicicias inians quo usque die ovetus 
custudivit, und die späteren Gesta Theoderici: Vita Fuldensis 
cap. 11: unus senat^rum, nomine Ptolomaeus, Theoderico ami- 
eissimus] Vita ex Aimoino hausta cap. 2: Ptholomaeus, qui 
fidissimus amicorum Theuderid dum esset et ab adolescentia 
viri amicitiae foederatus nulla poterat in dus odium calliditate 
deflecti. Leider ist Uhlands geistvoller Vermutung entgegen 
zu halten, dass dieser Ptolomaeus nicht Gote, sondern römischer 
patricius und Senator war, und dass er Theoderich besonders 
diplomatische dienste geleistet zu haben scheint (er soll Theo- 
derich einmal durch list aus der gewalt des kaisers befreit, 
ein anderes mal ihn durch die fabel vom löwen, fuchs und 
hirsch vor gleicher gefahr gewarnt haben, vgl. Fredegar 2). 
Die Vermutung Mones (in seinem Anz. 4, 437), der noch Heinzel 
folgte, die Gesta berichteten nicht die taten unseres Theode- 
rich, sondern die des etwas älteren Theodericus Strabo, eines 
gotischen freischarenführers, der eine schwankende Stellung 
zwischen dem Amaler und Byzanz einnahm, gründet sich nur 
auf ein misverständnis der worte nam ille alius Theudericus 
\Theudoris'\ regi fih'us, natione Gothus fuit Dieser alius Theu- 
dericus wäre eben nach Mone der Ostgotenkönig, ist aber in 
Wirklichkeit der Westgote Theoderich, der bruder Thoris- 
munds.i) Wir dürfen daher nicht mehr bezweifeln, dass jener 
Ptolomaeus wirklich mit unserm Theoderich befreundet war. 
Trotzdem wird man nicht mit Kauffmann wider für die gleichung 
Ptolemaeus = Hildebrand eintreten dürfen, zumal direct be- 
richtet wird, Ptolemaeus sei nicht etwa, wie es ja sonst viel- 
fach Sitte war, nur titularpatricius und Senator gewesen, son- 
dern habe sich dauernd in Byzanz aufgehalten und im geheim- 
rate des kaisers selbst gesessen. 

Mir scheint immer noch die annähme am wahrschein- 
lichsten, dass wir in Gensimund das historische vorbild 
unseres Hildebrand zu sehen haben,^) zumal wir wissen, dass 
Gensimund unter den Goten selbst schon im heldenlied be- 



^) Vgl. Krusch, MG., Script. Merov. 2, 78, note 2. 
>) So schon MüUenhoff, Zs. fda. 12, 254. 



I 



SAGENOESCHICHTLICHES ZUM HILDEBEANDSLIEDE. für" 

sungen wurde, vgl. Atlianarichs worte bei Cassiodor; Exlat 
gentis goticae huius prohilatis j:xemplum : Qensimwndus üle toto 

: eantabilis, sohim armis ßlius factum tanta se Hamalis äe- 
voHone coniunxit, ut heredibus eorum curiosum exhibumt fa- 
mulatum. Quamvis ipse petereiur ad regnum, impendehat aliis 
meritum snum et moderatissimus omnium quod ipsi confeni 
poterat, Ute parvulis exhib^at. Ätgue ideo eum nostrontm 
fama concelebrat : vivit semper relationibus qui qurnidoque 
moriiura contempsii. Sic quamdiu nomen supercsi Goiorum, 
fcrtur eius cunctorum adtestatione praeeonium. 

Dass man Gensimund später mit Theoderich zusammen- 
brachte, würde sich ungezwungen erklären, wenn mau die von 
Heinzel s. 17 für lateinische autoren nachgewiesene vei'wechse- 
luug Theoderichs rait seinem onkel Walamer (Theodoricus 
cognomento Valamer Marcellinus comes s. 92) '} weiter über- 
tragen dürfte. Den Griechen galt übrigens Walamer allgemein 
als vater Theuderichs,^) wie er ja auch zweifellos der be- 
deutendste der drei brttder war und die eigentliche königs- 
herschaft inne hatte. 3) Durch diese Vermischung von Walamer 
und Theoderich würde sich auch der aufenthalt Dietrichs am 
hofe Attilas und die giosse frenndschaft des königs mit ihm 
auf das einfacliste erklären: Walamer war ja die grSsste zeit 
seines lebens am hofe denS grosschans, und neben dem Gepiden- 
könig Ärdaricus Attilas vertrautester ratgeber, vgl. Jordanis 
Getica cap. 38: nam perpcndens Attila sagadtatc sua eum 
[Ärdaricum] et Valamerum, Ostragotharum regem, super ceteros 
rcgulos diligebat 

Leider findet sich aber die Verwechselung WalamSrs imd 

') Nach Heinzel soll sich dieses miBrerstüDdnis durch fnlxclie anffassung: 
deB griech. 6 Oialöftreoq ali nom. erklären. Die verweohaelung ist liiei' nin 
Bu auffallender, als der comes Horcellinus noch Zeitgenosse Tbeoderichs ist. 
') Theophanea 112 ; ScvöIqixos o Ovai.äß(eog;'VitAFaldetiiäal:Tkeiir 
dorieits, Walameris ßius; vgl. femer den Anonymus Yalesianns 42: Tlieo- 
doricws, dux Gothomm, filius Walameris and 58: vir enim btlUcomurmu», 
fortis, cuius pater Watamir dktus, rex Gothomm, naturalis tarnen aus 

I fwt (erinnemng an die nneclite nhknnft Theoderichs). 

\ ') Die annähme von Heinzel a. 17, Valameriad Bei überhaupt feste be- 

Beichnnng der Ostgoten geworden, und die daraus gezogenen aclilüBse über 
die entstehnng von Mh-än, Mitringa bürg etc. liaben mich nicht überzeugen 



64 BUSSE 

Theodericlis nur bei fremden Schriftstellern. Wir sind daher 
nicht berechtigt, ähnliches für die Goten selbst anzunehmen, 
deren sage im gegenteil den namen des vaters Theodemer- 
Dietmar stets treu bewahrt hat. Wir müssen daher Walamer 
aus dem spiel lassen und uns an Theodemer halten. Schwierig- 
keiten für die entstehung der sage ergeben sich daraus nicht, 
da Theodemer sowol zu Gensimund, wie zu Attila in ähnlichem 
Verhältnis steht wie sein bruder. Wir haben also vermutlich 
eine Übertragung historischer Verhältnisse vom vater auf den 
söhn anzunehmen: ein in der sagengeschichte häufig wider- 
kehrender zug, vgl. die merowingische königssage von Hug- 
und Wolfdietrich; noch instructiver ist die genesis der fi^z. 
Karlssage, ähnlich auch die entstehung der russischen sagen 
von Wladimir Schönsonne und Iwan dem schrecklichen. 

Nehmen wir Gensimund als urbild Hildebrands an, so 
bleibt doch immer noch dunkel, weshalb der name verändert 
wurde. Jiriczek vermutet, Hildebrand sei ursprünglich der 
held der alten sage vom kämpf des vaters und sohnes gewesen, 
und als diese sage mit der historischen von Dietrich und Gen- 
simund verbunden wurde, habe der name des gotischen maior 
domus dem des alten sagenhelden weichen müssen: gewis eine 
sehr ansprechende Vermutung. 

Eine völlig abweichende ansieht über die entstehung der 
Hildebrandgestalt hat Kauf f mann: nach ihm wäre Hildebrand 
gleich Heime zu setzen. Kauffmanns argumente sind freilich 
nicht eben schwerwiegend. Aus einigen Unklarheiten in Alp- 
harts tod und der piörekssaga, und aus sonstigen, ganz all- 
gemeinen ähnlichkeiten, die so ziemlich bei jedem Dietrich- 
helden sich widerfinden, zu schliessen, zwei in der ganzen 
Überlieferung so streng geschiedene persönlichkeiten wie Hilde- 
brand und Heime seien ursprünglich eins gewesen, geht doch 
nicht an. Mit ganz demselben recht könnte man auch be- 
haupten, Hildebrand sei gleich Wittich: die allgemeinen ähn- 
lichkeiten (grösste Wertschätzung bei Dietrich, der von Kauff- 
mann Hildebrand untergeschobene Übergang zu Ermenrich, 
innige freundschaft mit Heime etc.) würden ja auch für ihn 
zutreffen; seine rolle in Alpharts tod und sonst ist ebenfalls 
sehr unklar, und vor allem könnte man hier die dunkle stelle 
des ags. Waldere 2, 4 ff. hinzuziehen: 



SAOENO£SCmCHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 65 

Ic wät Ö8ßt hit {das schwert) Öohte p^odrlc Widian 
selfom onsendan and 4ac sine micel 
mäöma mid 6i msece, moni^ ööres mid him 
jolde sejirwan — iül6an jenam — 
)78es5e hine of nearwum NiÖhä^es mdej, 
W61andes beam Widia üt forl6t: 
5arh fifela jeweald forö önette. 

Eine derartige errettung Dietrichs aus der gewalt der 
riesen wird uns sonst nie von Wittich, wol aber von Hilde- 
brand erzählt, vgl. den Sigenot. 

Ganz haltlos ist der hinweis Kauffmanns darauf, dass 
Hildebrand in der ags. dichtung gar nicht vorkomme, wol 
aber Häma. Welche Zeugnisse haben wir denn überhaupt für 
die Dietrichssage in England? Auch Binz lehnt Beitr.20, 141 ff. 
die annähme einer näheren kenntnis dieser sage auf englischem 
boden ab. Wudja und Häma erscheinen im Widsi)? 124 — 130, i) 
im Beowulf 1197 ff.2) nur in Verbindung mit der älteren Goten- 
sage von könig Eormenric und seinen beiden. p6odric wird 
ausser in Deors klage (vgl. s. 78) im Widsi)? 115 zwar beiläufig 
erwähnt, doch ist durchaus nicht sicher, ob der p6odric des 
Widsi)? wirklich Dietrich von Bern ist. 3) Im gegenteil hat 
der Widsi)? die alten historischen Verhältnisse bewahrt: im 
Wistlawudu^) kämpfen die Goten gegen die leute des ^tla 
(die für die Sarmaten eingetreten sind). Die einzige spur der 
Verbindung nicht Heimes, aber Wittichs mit Dietrich ist die 
eben citierte stelle aus dem Waldere, die sich aber jedenfalls 
auf deutsche, nicht auf ags. Überlieferung gründet. Ich kann 

>) Wudjan and Haman. 

ne wseron pset jesipa pä ssemestan, 
]^ah}>e ic h^ än^hst nemnan scolde . . . 
wrseccan pser w6oldan wundnan jolde, 
weram ond wifam Wudja ond Hama. 

*) Nsbnijne ic under swejle selran h;^de 

hordmäöum hsßleöa, syÖÖan Hama setwsej 
to J?8ere byrhtan byrij Brosinja mene, 
sijle ond sincfset, searoniöas fleah 
Eonnenrices, jec^as ecne rsed. 

>) Sijmons in Pauls Grundr. 3', 674 bezieht diesen p6odric nicht auf 
Theoderich, sondern auf Hug- oder Wolfdietrich. 

*) Heinzel, üeber die Hervararsaga, WSB. 114, 51 f., bezieht den Wist- 
lawudu fireilich auf Dacien. 

Beiträge cur getchichte der deutschen spräche. XXVI. 5 



66 BÜSSE 

daher der annähme Kauffmanns, Häma sei Hildebrand, keinen 
viel höheren wert beilegen, als etwa der von Haigh (The 
Anglo-Saxon sagas s. 148 f.), Häma sei der Verfasser des Widsi)?- 
liedes, und bleibe bei der alten anschauung, dass Hildebrand 
und Heime nichts mit einander zu tun haben. Die entstehung 
der Heimefigur kann uns hier nicht interessieren. 

2. Hildebrands geschlecht und Charakterbild. 

Im Hl. erscheint Hildebrand in einer festen genealogischen 
Verbindung mit Heribrant und Hadubrant. Von Heribrant ist 
uns sonst wenig bekannt. Als vater Hildebrands erscheint er 
nur noch im Wolfdietrich und im anhang zum Heldenbuch. 
Hadubrant, im Dresdener heldenbuch Ollebrant, ebenso in der 
piörekssaga Alihrandrp) im jungem Hl. nur als 'der junge 
Hildebrand' bezeichnet, kommt nur in Verbindung mit der 
vatersohnsage vor. Nach dem Hl. wäre er bei Hildebrands 
flucht schon am leben gewesen {harn unwahsan), nach der 
piörekssaga cap. 368 ist er erst später geboren. Sonst erzählt 
die saga von ihm, er sei herzog von Bern gewesen und habe 
nach Erminreks tode bürg und land nicht an Sifka ausliefern 
wollen, sondern habe boten ins Hunnenland geschickt, um 
könig piörekr heimzurufen. Er spielt infolgedessen auch eine 
grosse rolle bei der widergewinnung des reiches, besonders in 
der Schlacht bei Gregenburg, in der er könig Sifka erschlägt. 
Es wird dann noch berichtet, piörekr habe ihn mit dem 
herzogtum Eäna belehnt und er habe dem könige den guten 
hengst Blanka geschenkt; dann verschwindet er spurlos aus 
der sage. Der ganze bericht verrät sich als junge sagen- 
bildung. Nach mhd. sage wird Sibich schon in der Raben- 
schlacht von Eckart gefangen genommen und aufgehängt; das 
kriegerische auftreten Sif kas entspricht überhaupt nicht seinem 



^) AuffäUig ist die yerbindnng der namen Herebrant und Hildebrand 
im me. Child Hom, wo sie als Sarazenen erscheinen. 

*) Wie kommt Kauffmann s. 169 zu dem apodiktischen urteil: *denn 
dass Alebrand nicht eine »yerderbnis« aus Hadubrand, sondern aus Hilde- 
brand ist, liegt für jeden, der nach belegen sich umtut, am tage (vgl. 
übrigens Beitr. 9, 499)'? Ich kann an der citierten steUe weiter nichts als 
den urkundlichen nachweis yon zwei AUebrcmdus finden, ohne irgend eine 
sonstige bemerkung. 




SlOEKOESCHlCnTLICimB ZUM HILDE BBANDSLIEDE. 



I 
I 



Bonstigen benelimen, vgl. aucli Jb-iczek s. 172. Sonst haben 
wir zahlreiche naclirichten über Hildebrands geschlecht. Nach 
dem Wolfdietrich stammt er von Berhtung von Merän ab 
HDd sein geschlecht heisst das der Wülfinge (ob ein Zu- 
sammenhang dieser mhd. Wiilflnge mit den ags.-an. Wylfinsas- 
Ylflngar besteht, ist nicht nachzuweisen, vgl. Jiriczek s. 291 f.). 
Ganz kurz wird v. 21 noch die frau Hildebrands erwilhnt 
(prüt in hüre), die später den typischen namen der helden- 
mutter, Uote, erhält, aber nli'gends besonders hervortritt (ver- 
hältnismässig am meisten noch in Alpharts tod). 

Die Charakteristik Hildebrands im Hl. entspricht durch- 
aus der späteren Überlieferung. Er ist der weitgewanderte, 
vielerfahrene alte,') dem al irmindeot bekannt ist, Agt degano 
dechisio des Dietrich, stets au der spitze der krieger, weit- 
berühmt unter kühnen mannen, von sicherra kampfbewusstsein, 
dabei kein hitzkopf, sondern bedächtig, wie es dem alter ziemt, 
aber von unbeijgsamem heldenstolz, der seiner kriegerehre 
selbst den einzigen söhn opfert. Sogar der von Luft und 
Joseph entdeckt« launige humor v. 30 ff. würde sehr gut zn 
seinem Charakterbild passen, vgl. besonders im jungem Hl.: 
wer sieh an alte kessel reibt, empfahet gern den ravt, besser 
freilich noch die grimmige Ironie von v. 55 ff.: 

doh malit dft nfl aodllhlio, ibn dir din eilen taoc, 

in sna h^remo ninu Iinisti g^winnem, 

nnba birabanen, ibu dft dar Enic reht habls. 

Auffällig sind dagegen v. 24 dat mias so friuntlaos man 
und V. 27 imo was eo fchia ti leop, der so gar nicht in den 
mnnd Hadubrants zu passen scheint. Ist der friuntlaos man 
Hildebrand oder Dietrich? Beides erscheint bedenklich wegen 
der degano fila. Ist friuntlaos ^ ags. friondUas, wineUas nur 
ein typisches epitheton des wrecclteo^ An sich könnte man 
ja auch denken, es bedeute: 'der war (in folge der Verbannung) 
80 verbittert und menschenscheu geworden'; dies würde indessen 
zn der sonstigen Charakteristik sowol Hildebrands wie Dietrichs 

') Von der jngend Hildebrands erfahren wir nnr im Wolfdietrich and 

der tiffirekHsaga einiges: beide» offenbar jimge sagenbildiingen; lonst ist er 

eben immer der 'alte' Hiidebrand, der nach der IHörebasaga (cap. 381) ein 

mythiachea alter von 150 bis SOO Jahren erreicht, Tgl. aach Yirginal 619, 

_llf.: dö ich »trit von erste ane vienc, deiit voüedich teol ahisee jär. 



68 Bussß 

schlecht passen (Heinzeis wie Kauffmanns erklärungen der 
stelle kann ich mich nicht anschliessen). Und was bedeutet 
imo was eo fehta ii leop? Galt der alten sage vielleicht das 
ganze geschlecht Hildebrands als von massloser kampfbegier 
erfüllt, und ist diese eigenschaft des Hildebrandstammes erst 
später speciell auf Wolfhart übertragen worden? ^ Sind dem 
entsprechend die namen Hiltibrant, Hadubrant, Heribrant als 
kampfbrand, Streitbrand, heerbrand zu deuten?^) 

3. Hildebrands Stellung zu Dietrich und 

ötacher. 

lieber die geschicke Hildebrands, seine Verbannung und 
ihre gründe gibt Hadubrant selbst auskunft v. 18 ff.: 

forn her östar giweit, flöh her Ötachres nid, 

hina miti Theotrihhe, enti sinero degano filu. . . 

sid D§trihhe darbä gistuontun 

fateres mines. dat uuas so friantlaos man: 

her was ötachre unmet tirri, 

degano dechisto [miti Deotrihhe]. 

Ich glaube nicht, dass man mit Kauffmann (Philol. Studien 
s. 174 f.) diese stelle so interpretieren kann, als handele es sich 
zunächst nur um eine privatstreitigkeit zwischen Ötacher und 
Hildebrand: 'spiel und gegenspiel liegt in den rollen des Öta- 
cher (Sibich) und Hildebrand (Heime). Hildebrand übernimmt 
es, die gegen seinen brotherren Dietrich eingeleiteten ranke 
des Ötacher zu zerstören und den ungetreuen ratgeber zu be- 
seitigen. Der anschlag mislingt, den attentäter trifft die strafe 
des gesetzes, er wird geächtet, setzt aber von seinem versteck 
aus einen kleinkrieg gegen seinen feind ins werk. Inzwischen 
war Dietrich der hofkabale zum opfer gefallen, musste die 
heimat räumen und flüchtete aus Italien nach dem Balkan. 
Nachdem für Hildebrand alle hoffnung auf ausgiebigen erfolg 
gescheitert und die not Dietrichs aufs höchste gestiegen war, 
hatte der treue meister, dem rufe seines herrn folgend, diesem 
auf der flucht sich angeschlossen' u. s. w. Und das alles nur, 

^) Vgl. auch Alphart und den mönch Ilsän. 

2) Viel anderes würde ja auch Kauf&nanns Übersetzung 'kämpf seh wert' 
etc. nicht sagen, wenn man die beziehung auf eine mystische zauberwaffe 
aufgibt; vgl. s.52. 



SAaENGESGHICHTLICHBS ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 69 

weil V. 18 stellt, Hildebrand sei vor ötachers nid geflohen, und 
erst in der nächsten halbzeile dasselbe von Dietrich und seinen 
degen erzählt wird, und weil v. 23 f. nach Kauffmann nun ein- 
mal heissen muss: 'seitdem brauchte Dietrich meinen vater' 
(Kögel: 'später leistete mein vater Dietrich grosse dienste'), 
das war ein so freundloser mann' (wol Dietrich nach Kauff- 
mann-Kögel). Wie verschieden übrigens dieselbe stelle trotz 
gleicher Übersetzung ausgelegt werden kann, zeigt Heinzel, 
der darhä gistuontun ebenso auffasst wie Kauffmann, dann 
aber (s. 43) in v. 25 ummet Huri liest und somit folgende sagen- 
gestalt erhält: 'Hildebrand war könig Odoaker sehr lieb und 

ihm sehr ergeben, bis nämlich Theoderich seiner bedurfte 

Davon, dass Theoderich nachher Hildebrand verloren habe, 
weiss die sage nichts, und es wäre doch ein wichtiges ereignis 
im leben Theoderichs und Hildebrands nach der Verbannung 
oder flucht aus Italien gewesen. ... Hildebrand war ja 
nicht im conflict mit Odoaker, nur Theoderich, i) aber 
weil dieser ihn bedurfte, so folgte er ihm in die Verbannung.' 2) 

Man sieht, wie weit man hier im resultat der interpreta- 
tion auseinander kommen kann. Ich glaube, wenn man die 
Verse einfach und voraussetzungslos betrachtet wie sie da- 
stehen, so kann man kaum etwas anderes herauslesen als; 
Ötachers hass richtete sich sowol gegen Dietrich wie gegen 
seine freunde; infolgedessen flohen beide ostwärts. Eine be- 
sondere flucht Hildebrands anzunehmen, liegt gar kein grund 
vor, sie würde auch aller sonstigen Überlieferung widersprechen: 
das stärkere betonen der rolle, die Hildebrand gespielt hat, 
liegt vielmehr, wie Luft s. 15 richtig auseinandersetzt, einfach 
menschlich in dem kindesstolz Hadubrands begründet. Ich 
verstehe auch nicht, wie man sich daran hat stossen können, 
dass die sage nichts davon wisse, dass Dietrich später Hilde- 



*) Es ist mir einigermassen dunkel, wie Kanf&nann (s. 141) diese 
klaren worte so misy erstehen kann; 4n der tat handelt es sich zunächst 
um einen persönlichen conflict zwischen Hildebrand und ötacher, wie 
widerum Heinzel zuerst gesehen hat.V 

*) Wie sehr täuschte sich doch Schulze (Zur geschichte der kritik und 
erklärung des Hl.), als er schrieb; 'niemand wird einwenden, dass sich jener 
nid nur auf Theoderich beziehe: erstlich widerstrebt das den Worten selbst, 
zweitens der ganzen stelle und den beziehungen Hildebrands zu Dietrich.' 



70 BUSSE 

brand verloren habe. Woher soll sie es denn wissen? Handelt 
es sich denn hier um wirkliche alte sage oder um ein leeres 
gerücht, das Hadubrant über seinen vater vernommen hat und 
dessen grundlosigkeit schon durch die blosse tatsache erwiesen 
wird, dass Hildebrand leibhaftig vor ihm steht? Mit ganz 
demselben rechte müsste man ja dann auch v. 44: tot ist Hilti- 
brant, Heribrantes sunu angreifen. Ich kann daher auch die 
meinung von Joseph s. 66 nicht als berechtigt anerkennen, 
V. 23 f. seien interpoliert. Seine begründung: '[der interpolator] 
fragte sich: wenn Hildebrand als gefolgsmann Dietrichs auszog, 
wie kommt es, dass er hier ohne ihn und in anderm dienst 
erscheint? Weil Dietrich ihn später verlor, antwortete er findig 
— aber leider möglichst gegen den sinn der dichtung! denn 
diese muss es gerade vermeiden, Hadubrant mit einer kenntnis 
auszustatten, die ihm begreiflich machte, dass sein vater in 
den dienst des Hunnenkönigs getreten sei. Hadubrant muss 
sich vielmehr völlig in der Vorstellung befangen zeigen, dass 
wenn sein vater erschiene, er es nur im gefolge oder als mann 
Dietrichs könne', scheint mir durchaus nicht zwingend. Lach- 
manns Vermutung (Kl. Schriften s. 435), unsere stelle beziehe 
sich auf den 'sieg Attilas über Gundicarius', erledigt sich da- 
mit, dass wir hier nicht den geringsten anhält für eine Ver- 
bindung der Dietrich- und Nibelungensage haben. 

C. Die exilsage. 
1. (Pseudo)historische Voraussetzungen. 

Forn her ostar giweit, floh her Otachres nid 
hina miti Theotrihhe enti sinero degano filn. 

Wir finden hier entgegen der späteren sage, die Ermen- 
rich und seinen bösen ratgeber Sibich-Bikki zu Dietrichs 
feinden macht, noch den alten namen des historischen gegners 
Theoderichs. Sonst freilich nichts, was mit der geschichte 
übereinstimmte. In Wirklichkeit hat ja nicht Odoaker den 
Theoderich vertrieben, sondern Theoderich ist in Italien ein- 
gedrungen und hat den Skirenfürsten des reiches und des 
lebens beraubt, vgl. Comes Marcellinus (MGr., Chronica min. 2, 93): 
idem Theodoricus rex Gothorum optatam occupavit Italiam. 
Odoacer itidem rex Gothorum metu Theodorid pert^rritw 



Torro ab eodem periuriis inleclus 



I 



Havennam est clausus, 
interfeciusgue est. 

Wie ist diese völlige versehiebuug der geschichte in 
unserer sage zu erklären? Und wie erklärt sich ferner, dass 
Theodericli, der in wii-kliclikeit der grösste, ja eigentlich der 
einzige friedensfiii-st der germanischen Völkerwanderung war, 
dessen macht sich weit über Italien hinaus eretreckte, dessen 
befehlen Westgoten, Wandalen, Älamannen, Thüiinge, Bur- 
gunden, Bulgaren und Awaren gehorchten, dem selbst die 
trotzigen Merowiuge nicht offen zu widerstreben wagten, und 
dessen rulim sich bis zu den fernen Esten verbreitet hatte, 
dass dieser Theuderich in der sage als heimatloser reeke er- 
scheint, der in fremden diensten schlacht um schlacht schlägt? 

Was eratlich die angebliehe Vertreibung Theoderichs durch 
Odoaker angeht, so dürfen wir wohl annehmen, es habe sich 
bereits bei den Ostgoten selbst die meinung herausgebildet, 
dass sie das bessere recht auf den besitz Italiens hätten, alB 
Odoaker und seine scharen. Der offieielle rechtstitel, den 
Theoderich von kaiser Zeno erhalten hatte, konnte freilich 
der Volksphantasie der Goten ziu- motivierung kaum geniigen, 
und so bildete sich ganz natürlich allmählich die tradition, 
gotische Stämme hätten bereits vor Odoaker in Ita- 
lien ihre rechtmässigen Wohnsitze gehabt. Eine solche 
ansieht konnte recht wol duich das hervorgerufen werden, 
was mau von den zügen der Westgoten und anderer ger- 
manischer Völkerschaften in Italien wusste. Äussei-dem mögen 
ja auch tatsächlich sowol von den AVestgoten Alarichs, wie 
von den scharen des Radagaisus ') vereprengte reste in Italien 
zurückgebliebeu sein. Ferner war Theoderichs oheim Widemer 
wenige jalu'zehnte vor diesem in Italien eingefallen, aber bald 
darauf gestorben, und von seinem gleichnamigen nachfolger 
hatte kaiser Glycerins den fiieden erkauft, worauf der junge 
Widemer in die provincia zog und sieh dort mit den west- 
gotischen Stammesbrüdern vereinigte: gewis wii-d auch diese 
erinuerung mit eingewirkt haben. Ale erklärung für das ein- 
greifen Theodeiichs ergab sich unter dieser Voraussetzung von 
selbst, Odoaker, der aus natürlichen gründen in der gotischen 

') Aach Rftda^siu galt Air eiiieu Goten, vgl. Isidor, Hiit, Gothonmi 
1^.40} B.T2: rex GoOtoraui Badojjaigua genere Scgtha. 




A^V 



72 . BÜSSE 

sage möglichst belastet werden musste, habe diese italischen 
Goten bedrängt und sie hätten in ihrer not den stamm- 
verwanten Amaler zur hilfe herbeigerufen, vgl. zunächst 
die merkwürdigen werte Theoderichs bei Joannes Antiochenus 
(ed.Mommsen, Hermes 6, 332), als er Odoaker niederstiess: tovro 
hoxLV xal cv tovg ifiovq l6Qa6a(;\ und bei Ennodius (Paneg. 
dictus regi Theodorico, MG. Auct. ant. 7, 268): naia est felicis 
inter vos causa discordiae, dum perduelles animos in propin- 
quorum tuorum necem Romana Prosperität inmtavit Aus- 
gebildet findet sich diese pseudohistorische sage bei Fredegar 
(cap. 56): temporibus Imperator es Honorias regnum Gothorum 
post captam Romam hefaria deuisione partitur: et qui in 
Aetalia consederunt, didonem imperiale se tradent ... In 
his vero, qui in Aetalia consedentes Romano pertinebant 
imperio ... Theodericus natione Macedonum permissum 
Leonis imperatores principatum adsumit Noch ausführlicher 
heisst es im nächsten capitel: Gothi postquam Romam uastaue- 
runt, et terra Äetaliae possiderunt, se didonem imperatores 
Leonis espontaniae tradiderunt . . . Ab Odoagro rege et 
Erolis seo et reliquas uicinas gentes eorum adsiduae 
uastarentur, per legatus Leonem imp. postulauerunt, 
ut Theudericum eis institueret patricium, ut per ipsum 
aduersariis resisterent . . . und in den Gesta Theodorici (Vita 
ex Haimoino hausta cap. 1 [no. 28] : qu^a de causa Romani e t 
maxime Gothi legatus ad Leonem Constantinopolitanum im- 
peratorem dirigunt, oratum ut sibi aliquis mitteretur principum. 
Hier sehen wir also den historischen officiellen rechtstitel Theo- 
derichs mit der volksmässigen anschauung vom sitze der Goten 
in Italien verbunden. Wenn wir es bei Fredegar und den Gesta 
auch nicht mit directer, volksmässiger Überlieferung zu tun 
haben, so gibt uns diese stelle vielleicht doch einen noch nicht 
zur genüge beachteten, wichtigen fingerzeig für den entwick- 
lungsgang der gotischen sage. 

So weit dürfen wir wol die ausbildung der sage den Goten 
selbst zusprechen. Die nächste Veränderung erfuhr sie, als sie 
über die Alpen zu den deutschen stammen (besonders kämen 
jedenfalls die Alemannen in betrachte)) wanderte. Jetzt galt 

^) Südalemannien gehörte ja zum reiche Theoderichs und die aleman- 
nischen herzöge Butnlin und LeT|tharis waren die einzigen, die den Ost? 



I 



^H eine 



■Italien nicht mehr bloss fiii- den ursiiriingliclien wohnsitz ver- 
sprengter gotischer volksreste, sondern überhaupt füi' die recht- 
mässige heimat der Ostgoten. Diese meinnng konnte sich um 
so leichter bilden, als ja die Ostgoten, seitdem sie unter Berig 
die vtiffiita gentium Scandzia verlassen (Jord., Get. cap. i), nii- 
gends wider eine feste heimat gefunden hatten, sondern in 
fortwährenden kämpfen von land zu land hatten wandern 
müssen; vgl. übrigens die Quedlinbm-ger cbronlk 3, 31: Theo- 
dorictts, Theodmari films, ex Ostrogothis, id est qui olim 
in Italia remanserant Golhorum (ebenso Heiinanni Au- 
giensis Chron. 5, 84 und die clironik Bemolds 5, 411). 

Hatte sich aber diese anschauung einmal festgesetzt, und 
war die erinnenmg an die sendung Theoderichs durch Zeno, 
die wol auch bei Fredegar nur auf gelehrter kenntnis be- 
rulit, verschwunden, so musste die sage in ein ganz andere 
licht rücken. Odoaker selbst musste zunächst ein G-ote 
werden: eine änderung, die durch die nahe verwantschaft 
der Odoaker botmässigen stamme mit den Goten sehr erleichtert 
wurde, und sich infolgedessen schon fi-üh nachweisen lässt, 
vgl. Isidor, Hist. Gothorum (no. 40) 282: i^eremptoque Odoacar 
rege Ostrogothorum ... und fugato Arnulfo rege Osiro' 
gothorum;^) Comes Marcellinus 93: Odoacar iddem rex Go- 
thorum, und Quedlinburger chronik: Odoacar, rex Gothorum, 
ILoniam obtinuU. Daneben hatte sich aber die erinnenmg an 
die eroberung des landes durch Theoderich und an seine 
kämpfe mit Odoaker erhalten. Das musste nun anders moti- 
viert werden. Theoderich kann jetzt nicht mehr als eroberer 
eines fremden landes auftreten, sondern will sein an- 
gestammtes land, aus dem er durch Odoakers ranke ver- 

goten in ihrem letzten verzweiflungiekampfe hilfe zu bringen Terenchten, 
freilich erfolglos: LeuÜiftris wnrde mit dem grüasteu teile seines heeres 
TOQ einer senche dahingerafft nnd Butntin fiel in der blntigen schlecht bei 
Cftpua (553), mit ihm sein ganzes heer. Sonst könnte man auch noch an 
die Bttiem denken, die sich ja spBter gern selbst als Goten bezeichneten 
nnd bei denen Dietrich allmählich die stelle eines natioiialheros einnahni, 
Vgl. z. b. dos ChronicoD imp. et pontif. bawaricnm: Bauari, ex quorwm, 
ttit-pt fuit Thcmloricm de Lerne, Ariamis, et fraler eius Ermdrictis, rex 
Hüpunk vel Golhie. Doch fällt die entwickinng dieser anschannng in 
eine spätere zeit. 

') Arnulf oder Ononlf ist der bmder Odoakers. 



74 BUSSE 

trieben ist, widergewinnen, und die gegnerschaft Theo- 
derichs und Odoakers, die beide zu Gotenfürsten und damit 
zu nahen verwanten geworden sind, kann nun nicht mehr 
rein politischer natur sein, sondern muss zum teil wenigstens 
auf persönlichen motiven beruhen {Ötachres nid).'^) 

In der späteren sage tritt dann an die stelle Odoakers 
Ermenrich: auch diese entwicklung ist bei einem nicht- 
gotischen Volke durchaus verständlich und entspricht nur der 
allgemeinen cyklischen tendenz späterer Sagenentwicklung (vgL 
Jiriczek s. 113). Zu untersuchen, welche gründe sie im einzelnen 
hatte, würde uns hier zu weit führen, 3) ich will daher hier 
nur noch kurz auf den versuch einer Vermittlung zwischen 
dem Odoaker- und den Ermenrichtypus hinweisen, wie er in 
der Quedlinburger und Würzburger chronik (31, 11 ff. bez. 
23, 43 ff.) und nach ihnen bei Ekkehard von Aurach (11, 85) 
vorliegt: eo tempore Ermanricus super omnes GotJios regnavit, 
astutior omnibus in dolo, largior in dono; qui post mortem 
Friderici filii sui tmici, sua perpetratam voluntate, patrueles 
mos Embricam et Fritelam patibulo suspendit, Theodericum 
similiter patruelem suum instimulante Odoacro patruele 
suo, de Verona pulsum apud Attilam exulare coegit, vgl. dazu 
die polemik Ekkehards, die das bestehen dieser sagenform auch 
für den volksgesang zu gewährleisten scheint: non solum vul- 
gari fabulatione et cantilenartim modulatione usitatur, 
verum etiam in quibusdam chronids annotatur, scilicet quod 
Hermanarieus tempore Martiani principis super omnes Gothos 
regnaverit, et Theodericum, Dietmari filium, patruelem suum, 
ut dicunt, instimulante Odoagro, item, ut aiunt, patruele suo, de 
Verona pulsum, apud Attilam, Hunnorum regem, exulare coegerit. 

*) Vgl. übrigens die ganz ähnliche motivierung der eroberung des 
Peloponnes durch die Dorier (die Herakliden). 

*) Für eine solche halb politische, halb persönliche gegnerschaft Theo- 
derlchs zu andern Gotenfürsten gab es ja auch geschichtliche beispiele, vgl. 
den oben erwähnten Theodoricus Strabo (Comes Marcellinus 92: Tlieodericus, 
Triarii füius, rex Gothorum) und den gleichzeitigen Amaler Sidimund, 
der eine ähnliche Stellung zwischen Byzanz und Theoderich einnahm wie 
Strabo. 

^) Kaufmann s. 156 will in Hildebrand das bindeglied zwischen der 
Ermenrich- und Dietrichsage sehen. Das wäre aber nur denkbar, wenu 
man, wie er es tut, Hildebrand mit Heime identificiert. 




fQESOHICHTLICHES ZUU HILDEBBAHDSLIEDE. 

Hier spielt also Odoaker die rolle des tjösen rates Emieii- 
riclis, die in der späteren deutsclien sage Sibich gehört, iind 
die wol einerseits aus dem Harlungeiimytlms von Ennenricli- 
Irmintiu (?), andererseits aus der Sönildsage (vgl. Jordanis 
Get. 24) stammt. Leider ist die Quedlinburger chronik für 
sagengeschichtliche zwecke nur mit grosser vorsieht zu be- 
nutzen und ihren angaben daher kein allzu grosser wert bei- 
zulegen (E. Schröder, Zs.fda. 41, 24 ff.); wenn sie sich aber hier 
auf alte sagen stutzen sollte, so wäre wol möglich, dass das 
Hl. auf ähnlichen Voraussetzungen beruliL Direct erfahren 
wir allei-dings nichts über die Stellung Otachers. Nach dem 
Wortlaut des liedes könnte er sowol die rolle des späteren 
Ermenrich, wie die des bösen rates gespielt haben. Es heisst 
ja uui', Hildebrand, Dietrich und viele beiden hätten vor 
Ülachres nid die heimat verlassen und ostwärts fliehen müssen 
und Hildebrand sei infolgedessen Ötacher selu* feindlich ge- 
sinnt gewesen. An diesem wenigen wollen wii' dafiii' aber 
ancli festhalten, und uns nicht stören lassen, wenn auch Kauff- 
mann meint; 'ich lehne diese annalime, die über alle massen 
kühn und gewagt ist, a limine ab und halte alle hypothesen 
zur erkläi'ung dieser vermeintlichen gescbichtsentetellung für 
übei-flüssig und deplaciert. Man hat kein recht, dem liede die 
ansieht aufzubürden, Dietrich habe — zum trotz gegen den 
geschichtlichen vei'lauf — vor Odoakei' aus Italien fliehen 
müssen. Das stellt nii-gends Im liede und ist nirgends voraus- 
gesetzt.' Nach meiner ansieht steht es vielmehr deutlich nnd 
klar im liede, und die sageurestitution Kauffmanns (s. 174 f.) 
ist noch unsicherer. Denn sie vermeidet (um jetzt nur die 
haujitpunkte hervorzuheben) erstens doch nicht die klippe der 
Verbannung und der feindschaft Otachers, zweitens setzt sie 
die Verbindung mit der Ermem-ichsage bereits sicher voraus,') 
drittens nimmt sie schon friedliche i-ückkehr Dietrichs für 
unser lied in anspruch: alles 'zum trotz gegen den geschicht- 
lichen veilauf. Dass Otaelier nun gar noch ein anderer sein 
soll als dei' histoiische Odoaker (Eauffmann s. 1&5) scheint mir 
ganz unglaublich. 





I 
I 



') Wer BoiiBt BuU der 'von Ötacler Übe] berateue maehthalier' nein? 



oeiu? ^H 



76 BUSSE 



2. Das exil selbst. 

Dietrich wurde also von Odoaker (bez. Ermenrich) aus 
seiner heimat vertrieben. ^ Als natürlicher aufenthaltsort für 
den landflüchtigen fürsten ergab sich, allerdings mit einiger 
clironologischer ungenauigkeit, der hofAttilas, und so finden 
wir auch in unserm liede, dass Dietrich und seine beiden ost- 
wärts geflohen seien, und erfahren, dass Hildebrand in be- 
ziehungen zu dem könig der Hunnen gestanden hat. Die 
gleiche anschauung flndet sich in aller späteren sagenüber^ 
lieferung. Um so mehr muss es befremden, dass Kauffmann 
s. 154 auch dies umzustossen versucht hat. Er redet etwas 
dunkel von grössten Schwierigkeiten, in die man dadurch ge- 
raten sei, und meint dann, ostwärts in der Balkangegend 
hätten Griechen, A waren und Bulgaren gesessen, mit denen 
sich der historische Theoderich allerdings in seiner Jugend 
herumschlagen musste; der herscher des Balkans aber sei der 
kaiser von Ostrom, Zeno, erst später sei an stelle des Balkan- 
herschers das Balkanvolk, d. i. die Hunnen, getreten. Dass 
diese erklärung gekünstelt ist, braucht wol kaum hervor- 
gehoben zu werden. Zunächst scheint es mir einigermassen 
auffallend, dass es einer sage, die schliesslich die historischen 
Verhältnisse völlig auf den köpf gestellt hat, so besonders 
schwer gefallen sein soll, nachdem sie einmal Theoderich aus 
dem lande seiner väter vertrieben hat (was doch auch alles 
andere als historisch ist), Theoderich statt seiners vaters Theo- 
demer in beziehungen zu Attila zu setzen. Wo steht femer 
in unserm liede etwas von Theoderichs kämpfen mit Griechen 
und Bulgaren? Ich vermag weiter nichts zu entdecken, als 
dass der könig der Hunnen dem alten Hildebrand wuntane 
bougä, chetstiringu gitän^) geschenkt habe, und das lässt doch 
nur auf freundschaftliche beziehungen schliessen. Ferner leugne 
ich entschieden nicht nur die möglichkeit, Hüneo truhtin auf 

^) Zn beachten ist auch noch, dass die sage nicht einfach Italien als 
heimat Theoderichs nennt, sondern Verona, und dass die erohenmg Italiens 
durch Dietrich überall erst eine folge seiner rückkehr aus dem exil ist. 

') cheisuringu wird auch Kauffmann wol nicht als beweisend auffassen 
(doch vgl. Kauf&nann s. 154): byzantinische goldmünzen giengen ja durch 
das ganze abend- wie morgenland. 



SAGENGESGHICHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 77* 

Zeno, sondern überhaupt die, es auf irgend jemand anders als 
Attila zu beziehen.!) Für die germanische heldensage gibt es 
überhaupt nur 6inen Hunnenherscher, das ist Attila: JEtla 
weold Hünum sagt schon der Widsi}?, so Attila als den ein- 
zigen legitimen Vertreter des hunnischen königtums in der 
germanischen sage charakterisierend.^) Was sich sonst noch 
von der königsgeschichte der Hunnen erhalten hat, beschränkt 
sich auf die erwähnung des Bleda-Bloedel, des jungem bruders 
des grosskönigs, und auf den tod seiner jungen söhne im 
kämpf gegen gotische stamme (die Schlacht am Netad 454 
und die Eabenschlacht; die specielle ausgestaltung im mhd. 
epos ist wol durch die einf ührung Diethers und die erinnerung 
an den durch verräterei herbeigefühi'ten Untergang Theode- 
munds, des jungem bruders Theoderichs, veranlasst, vgl. Heinzel 
s. 57). Die kleine chronologische Schwierigkeit, Dietrich an 
den hof Attilas zu bringen, die uns ja doch bei allen andern 
fassungen nicht erspart bleibt, sollte man nicht zu hoch an- 
schlagen: es handelt sich ja nur um mnd 40 bis 50 jähre, 
während Ermenrich und Dietrich, die doch nachher nicht minder 
eng mit einander verbunden erscheinen, in Wirklichkeit durch 
einen dreifach grösseren Zeitraum getrennt sind. Geschicht- 
liche sage ist eben noch lange keine geschichte, und wie wenig 
ängstlich germanische Sänger gerade in chronologischen dingen 
waren, beweist am besten das älteste denkmal germanischen 
heldensangs, der WIdsi}?: derselbe sänger will bei Eormenric 
(t374), Güöhere (t437) und ^Ifwine (561—573) gewesen 
sein, und im späteren mhd. epos gilt Dietrich für den enkel 
Wolfdietrichs (= Theodeberts I, 534 — 545), der als Zeitgenosse 
des Langobardenkönigs Otnit erscheint. — 250 jähre sind eine 
lange zeit und genügen völlig, um auch eine an geschichtliche 
Verhältnisse angelehnte sage von grund aus umzugestalten: 

^) Woher Kaufmann weiss, dass man erst m der zeit der Quedlinbnrger 
annalen unter den Hunnen die des Attila verstanden, dass man den namen 
des Attila zugleich mit dem des Ermenrich ins leben gerufen habe, und 
dass dies durch die erweiterung der geschichtlichen kenntnisse in Deutsch- 
land erfolgt sei, entzieht sich meiner kenntnis; ebenso woher die ags. 
queUen oder der Bökstein (s. s. 78) irgend etwas von Hunnen, Griechen oder 
Bulgaren wissen soUen. 

>) Der Hunnenkönig Himli der Hervararsaga ist unursprünglich, vgL 
Heinzel, WSB. 114, 460 und 491 ff. 



^8 BÜSSE 

das zeigt am besten die ausbildung der frz. Karlssage, die 
sich, ohne wanderupg zu fremden stammen, bei den Franken 
selbst ausgebildet hat und trotzdem mindestens ebenso stark 
von der historischen Wahrheit abweicht wie die Dietrichssage. 
In unserm fall erklärt sich der chronologische irrtum ausserdem 
auf das einfachste durch die Übertragung vom vater auf den 
söhn, die wir ja auch schon vorhin für die Verbindung Grensi- 
munds mit Dietrich heranziehen mussten. Wir dürfen daher 
Hildebrand und seinen herrn unbedenklich die jähre der Ver- 
bannung im Hunnenlande verbringen lassen. 

Zu widersprechen scheint dem nur die angäbe des ags. 
Sängers, der, nachdem er (D6ors kl. 14 ff.) die traurige läge 
der ihres landes beraubten Goten geschildert hat, fortfährt: 

I)6odric ähte pritis wintra 

Mserin^a bnrj: pset wses monesom cüp. 

(ptes ofer6ode: }>isses swä msBj). 

Dem sinne des ganzen gedichtes entsprechend kann dieses 
dreissigjährige wohnen in der bürg der MsIringe nur als 
grosses unglück für p6odric aufgefasst werden, die pntii 
wintra weisen zugleich auf die zeit der Verbannung. Wo 
liegt aber diese geheimnisvolle Malringenburg? Aus allem, 
was wir wissen (vgl. besonders Heinzel s. 9 ff.), geht hervor, 
dass Mßrer = Märin^as ein alter, epischer name der Ost- 
goten ist, dessen alter und weitere Verbreitung auch die In- 
schrift des runensteins von Rök^ in Ostgötland bezeugt: 

rai]> pianrikB hin pormupi 
stiliR flntna strantu lirai]>maraB 
sitir nn karuB a kuta sinum*) 
skialti üb fatla}>B skati marika. 

Ueber die sonstige Verbreitung dieses namens (Gothi Meranare 
in den Regensburger glossen, Theodoricus rex Mergothorum 
et Ostrogothorum im prolog zu Notkers Boetius) und dessen 
mutmasslichen Ursprung {Valameriaci?) vgl. Heinzel a.a.O. 



^) Zehntes Jahrhundert; die spräche der yerse ist älter. 

*) Dies bezieht sich wol auf eine der vielfach bezeug^ten reiterstatnen 
Theoderichs, vgl. z. b. die von Karl dem grossen nach Aachen gebrachte, 
die Theoderich nur mit dem flatternden bärenfeU bekleidet, den wnrfepiess 
schwingend, darstellte. 



Dass Dietrich in der 'bürg der Ostgoten' dreissig jähre 
geherscht habe, kann aber nicht der sinn der strophe sein. 
Man ■wird also, wenn man, wie ich, vor Ettmüllers «c ähte 
zm-üekechreckt, sich nach einer anderen bedeutung von Md- 
ringa bürg umsehen mössen. So erklärt Kögel unsere stelle 
einfach mit 'im Hunnenlande', er gibt aber keinen ginnd für 
Beine deutnng an. Der name hat sich nun (nnd ich glaube, 
dies wird uns auf den rechten weg führen) in das mhd. epos 
hinübergerettet, das häufig in der gotisch-nihd. sage wider- 
kehrende Merän bezeichnet aber nie Italien, sondern die 
früheren Wohnsitze der Goten, speciell die ostküste des Adria- 
tischen meeres (Istrien, Kroatien, Dalmatien). ') Die einfachste 
erklärung für Mdrinsa bürg scheint mir demnach zu sein, es 
in diesem speciell geographischen sinne zu fassen. Es würde 
demnach anzunehmen sein, Dietrich habe die jähre der Ver- 
bannung in dem östlichen küstenland der Adria zugebracht, 
das dann (um den Zusammenhang mit Attila aufrechtzuerhalten) 
unter hunnischer Oberhoheit zu denken wäre. Ob man freilich, 
der allgemeinen sonstigen Überlieferung widersprechend, die 
gleiche aiiffassung auch für das Hl. annehmen darf, lässt sich 
bei der mangelhaftigkeit des materials nicht sagen. 

Ueber die dauer des exils gibt das Hl. v. 50 die angäbe 
ih tcallöta sumaro cnti wintro schstic ur lante, also volle 
dreissig jähre. Damit stimmt die oben erwähnte ags. angäbe: 
Peodric dkte pritig wintra Mdringa bürg und die des Dresdener 
heldenbucbs überein. Ein wenig abweichend sind die angaben 
der piörekssaga eap. 395, der Klage und des jüngeren Hilde- 
brandsliedes, wo die zeit des fembleibens auf zweiunddreissig 
jähre berechnet wird, was ja nicht viel ausmacht. 

Mau kann zweifelhaft sein, welche historische erinnening 
sich in dieser Zeitangabe verbirgt. Entweder kann man sie 
auf die wanderzüge der Ostgoten unter Walamer, Widemer, 
TheodemSr und auch noch Theoderich in Paunonien beziehen,*) 
oder auf Theoderich selbst, der 462 — 472 nach Konstantinopel 

'} Ygl. V. Balider, Gemiania 29, 276 anm. (der den iiameD allerdiugs für 
BlaTisdi Maroniu hftit) und KirpiEnikov, Abb. tda. 9, 252. 

') Ndcb Aet schlaclit am Nelad (464) suchten sich die Ost^ten unt«r 
(ortwährendeu kämpfen niil Oepideu, Bulgaren, Uriechen und Hunuen in 
dei faunoniBchen ebene ku behaupten. 



I 



vergeiselt war "und erst zwanzig jähre später die eroberung 
Italiens za ende brachte (493 übergibt Odoaker Ravenna, und 
bald darauf wii-d er von Theoderich ennordet). In beiden 
fällen handelt es sich ungefähr um dreissig jähre, also einen 
zeitranm, der von der sage treu bewahrt ist, 

3. Die rückkehr. 
lieber die endliche rückkehr aus der Verbannung und ihre 
folgen gibt unser lied keine directe aiwkunft; aber die zeit 
der Verbannung ist abgelaufen und Hildebrand steht mit hun- 
nischer macht an der landeagrenze. Wir dürfen demnach an- 
nehmen, dass dem dichter ungefähr eine fassnng der sage 
vorgeschwebt habe, wonach Dietrich mit hunnischer hÜfe 
in die heimat zurückkehrt (die Situation ist also ungefähr 
dieselbe, wie die -vor der Kabenachlacht in der späteren mhd, 
Überlieferung), Eine solche kriegerische rückkehr findet 
sich direct nur in den Quedlinburger annalen (8,31) bezeugt: 
Theodoricus Attilae retfis auxilio in regnum Gothorum reductus, 
suum palraelem Odoacrvm in Ravenna civüatc expwfnatum 
(interveniente Attila, ne occiäeretur, exilio deputatum, pauds 
viüis iiiTta contlucntiam Älbiae et Salae flummum donavtf), 
Dass aber auch die spätere Überlieferung von der gleichen 
anschauung ausgegangen ist, beweist noch deutlich genug der 
ausgang der Eabenschlacht: sie endet siegreich, nur in folge 
der einschaltnng des todes Diethei's und der söhne Etzels 
bleibt der sieg ohne fruchte. Ebenso unklar sind Dietrichs 
flucht und Älphai'ts tod. Um so auffallender muss es er-, 
scheinen, dass Kauftmann bereits füi- das Hl. friedliche 
rückkehr annimmt. Seine einzige stütze ist seine auffassung 
von V, 45 ff,: 

wela gisihu ih in dtnfin hnistim 
dat (IQ hnb^B limine herrno göten, 
dat ilü iioh bi desemo riebe reccbeo ni wurti, 
die freilich auch sonst zu verschiedenen deutungen anlass ge- 
geben haben. So legen Kögel und Roediger sie Hadubrant in 
den muud: 'ich sehe an deiuer (prächtigen) rüstung, dass du da- 
heim (d. h. im Hunnenlande) einen guten herm hast und dass 
unter diesem künige (d.h. meinem könige, also wol Ötacher) ') 



I wenigBtenB Kögel, Lit.-gescb. s.223. 



I 

I 
I 



1 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 81 

noch nicht verbannt wurdest'; zu ergänzen ist dabei 'denn du 
bist ja gar kein landflüchtiger Gote, sondern ein Hunne'. Ich 
glaube nicht an eine solche Umänderung der Überlieferung, 
sondern teile, hierin mit Kauffmann übereinstimmend, diese 
Worte Hildebrand zu: 'ich (Hildebrand) sehe wol an deiner 
rüstung, dass du daheim (d. h. im Gotenlande) einen guten 
herm hast, dass du unter diesem könige noch nicht verbannt 
wurdest.' Wer ist dann aber 'dieser könig'? Während alle 
andern, die Hildebrand die worte sprechen lassen, sie auf 
Ötacher beziehen, bezieht sie Kauffmann s. 156 auf Theodemer. 
Er geht von der oben erörterten ansieht aus, Italien habe als 
heimat der Goten gegolten und demnach auch die ahnen 
Dietrichs als herscher Italiens, und fährt dann überraschend 
fort: 'selbstverständlich hat dann auch Dietrichs Vorgänger, 
sein vater Theodemer, der Dietmar der sage, in Italien resi- 
diert, und selbstverständlich ist er es, den Hildebrand mit 
den Worten rühmt: wela gisihu ih etc.' So ganz 'selbstver- 
ständlich' erscheint mir das nun gerade nicht: ich sehe mich 
vielmehr vergebens nach einem anhält für diese annähme um, 
so wol in unserm liede, wie überhaupt in der ganzen ein- 
schlägigen literatur. Wo ist überhaupt von könig Dietmar 
etwas anderes berichtet, als dass er Dietrichs vater war und 
starb, ehe Dietrich zum manne heranreifte? Gleichwol wider- 
hült Kauffmann seine ansieht noch einmal, s. 175: 'in hohen 
ehren haben sie (Dietrich und Hildebrand) gemeinsam ein 
dreissigjähriges kriegerleben auf dem Balkan geführt, bis der 
von ötacher übel beratene machthaber starb, der vater Diet- 
richs ihm auf den thron folgte, der söhn Hildebrands zu 
würden und ehren kam, der rückkehr der vertriebenen nichts 
mehr im wege stand.' Von den im liede erwähnten personen 
könnte meines erachtens mit den worten U desemo riche nur 
Ötacher verstanden sein. Nun ist es aber immerhin möglich, 
dass ötacher hier schon die stelle des bösen rates einnimmt: 
dann wäre (entsprechend der späteren sage) vielmehr an 
Ermenrich zu denken. Die hereinziehung Dietmars scheint 
um so gezwungener, als man gar nicht sieht, woher der alte 
vater Dietrichs auf einmal wider auftauchen und was er die 
ganzen dreissig verbannungsjahre hindurch eigentlich an- 
gefangen haben soll. Ich muss daher auch diese annahme^ 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVI. Q 



82 iBüssö 

Kauffmanns ablehnen und halte an der annähme einer kriege- 
rischen heimkehr fest, ähnlich wie die Quedlinburger chronik 
sie schildert. Was aus Odoaker-Ötacher nach seiner besiegung 
in der sage wurde, können wir nicht einmal vermuten: denn 
die angäbe der Quedlinburger chronik hierüber ist im besten 
falle nur localsage. 

Die friedliche rückkehr der späteren sage erklärt sich 
nur durch die Verbindung der Dietrichssage mit der Nibelungen- 
katastrophe (Heinzel s. 60 ff.) und ist, wie überhaupt die dop- 
pelte rückkehr, sicher unursprünglich. 

4. Die entstehung der sage. 

Bei nichtgotischen (deutschen) stammen verwandelte sich, 
wie wir gesehen haben, die eroberung Italiens durch Theoderich 
allmählich in eine pseudohistorische sage von der Verbannung 
Dietrichs aus seinem heimatlande Italien, seinem exil und 
seiner endlichen rückkehr. i) Dabei bleibt aber noch unerklärt, 
warum das hauptereignis im leben Theoderichs, die gewinnung 
Italiens (die * rücker oberung' der sage) immer mehr und mehr 
in den hintergi'und tritt, warum von der darauf folgenden 
segensreichen und glücklichen friedensherrschaft des grossen 
königs so gut wie gar nichts gesagt, und warum das Schwer- 
gewicht der Sagenbehandlung allmählich auf den aufenthalt 
im exil verlegt wird. Gewis haben auch hierzu historische 
erinnerungen beigetragen. Indem man die angebliche Ver- 
bannung Dietrichs mit dem unstäten herumziehen in Pannonien 
und der Balkanhalbinsel contaminierte, ausserdem das Ver- 
hältnis Walamers, Widimers und Theodemers zu Attila auf 
ihren nachfolger übertrug, ergab sich die notwendigkeit einer 
langen dauer des exils, und sie machte dann wider eine reihe 
kühner heldentaten Dietrichs während dieser dreissig jähre 
nötig. Auf die reiche ausbildung dieser exiltaten hat sicher 
eingewirkt, dass der typus des recken sowieso einer der be- 
liebtesten in der germanischen poesie war: vgl. Wudja und 
Häma, Sijemund und Fitela, Wolfdietrich, Walther, Iring etc., 
auch könig Rother, Wate und Horant geben sich wenigstens 



^) Die historischeu erinnerungeu, an die man bei der ausbildung dieser 
sage anknüpfte; s. im vorhergehenden abschnitt. 




ESCHICHTLICHES zum niLDEBEANDSLIEDE. 



I 



I 



für recken aus, und wie sehi' der begriff 'recke' mit dem des 
epischen beiden überhaupt verechmolz, lehrt ja am besten die 
bedeutnngseiitwicklung: des Wortes selbst. Alles dies aber 
begründet noch nicht znr geniige den lunstand, dass der 
aufenthalt im exil ausschliesslich über die spätere zeit domi- 
niert. Die erklärung hierfür müssen wir wol schon bei den 
GotCE selbst und im wesen ihrer dichtung suchen. 

Die gotische, wie überhaupt die granze germanische poesie, 
hatte einen sehr eng begrenzten ki-eis von motiven und Situa- 
tionen, die überall typisch widerkehren. Wie alle alte poesie 
erscheint auch sie eng mit der Wirklichkeit verbunden und 
eutuimmt aus dieser jeue typen, die die Quintessenz des Inhalts 
sowol des täglichen lebens, wie der geachichte des volkes 
aufimachen. Welche hervorragenden ereignisse boteu sich da 
für den gotischen sänger?') Zunftchst die uralte wandersage 
vom auszug der Goten und Gepiden aus Scandzia, von ihren 
versuchen, an der Weicliselmündung wohnsitze zu erringen, 
und von ihren fortwährenden kämpfen gegen die gennanisdien 
und slawischen nachbarvölker. Viel besungen wurden dann 
sicher die gi-ündung des grossen reiches im südliehen Rnssland, 
die kriegstaten Erraanarichs gegen Heiniler und Veneter, die 
kühnen vikingszüge über das Schwarze meer nach Eleinasien, 
die heldentaten Vidigöjas im kämpfe gegen die Sarmaten, vor 
allem aber der zusammenbnich des reiches und der verrat der 
Eosomonen. Aus der zeit der Hunnenherscliaft sang man von 
der treue Gensimunds, von den krieg.=izügeu 'Väterchens', dem 
glänze seines hofes und seinem plötzlichen tod in der braut- 
nacht; aus späteren tagen von der abschüttelung des Mongolen- 
jochs und dem fall Ellaks am Netad, von den unstäten zügen 
in Paunonien, den kämpfen gegen Gepiden, Bulgaren und 
Byzantiner, vom jungen Theoderich und seinen heldentaten 
gegen Bulgaren und Äwaren, endlich von der Wanderung nach 
Italien, den wechselnden geschicken des kriegs gegen Odoaker 
und dem schliesslichen siege. 

Der Inhalt dieser jedenfalls sehr reichen heldeudichtung 

') Gotischer heldenaang ist nn» frcUick nicht überliefert, aber der he- 
richt des Jordanes, verbnaden mit dem was wir sonst von gennaniacber 
dichtnng wissen, genQgt, nm den allgemeinen Charakter dieser poesie fest- 
nutellen. 



84 btissfi 

der Ostgoten ist demnach eigentlich überall derselbe: kämpf, 
kühne heldentaten, unstäte wanderzüge, Vertreibung aus den 
alten Wohnsitzen und eroberung neuer. Damit ist zugleich 
das gebiet nicht nur der gotischen, sondern überhaupt der 
ganzen germanischen epik umschlossen, wenn man von den 
mythischen bestandteilen absieht. Innerhalb dieses gebietes 
war dafür die entwicklung um so reicher, das thema des 
kämpf es wurde unermüdlich variiert und eine ungemeine fülle 
von typischen ausdrücken und Situationen hierfür ausgebildet. 
Wie lebendig wird z. b. selbst der poetisch sonst so armselige 
Widsi}>, wenn er auf dies thema zu sprechen kommt; vgl. 

V. 38 ff.: 

ac Offa jeslo; &rest monna 

cniht wesende cynerica msest 

nseni^ efeneald him eorlscipe märan 

on orette: ane sweorde 

merce jeinderde wiö Myrsinsum 

bi Fifeldore: Moldon forö 8i]7]7an 

En^le and Sw^fe, swä hit Offa ^eslo^. 

V. 45 ff.: 

Hröpwulf and Hröpjar heoldon lenkest 

sibbe BBtsomne suhtorfsedran, 

8i]7]7an hy forwr&con Wicinja cynn 

and In^eldes ord forbi^dan, 

forh^owan set Heorote HeaÖo-Beardna prym, 

und V. 127 ff.: 

Fuloft of ]7äm h6ape hwlnende fl^a; 
jiellende jär on jrome pöode. 
wrsBccan }?*r w6oldan wundnan jolde, 
werum ond wifum, Wudja and Häma. 

Dass der krieg als normalzustand des lebens betrachtet 
wurde, beweist nicht minder die art, wie z. b. im Bfeowulf die 
einfache tatsache umschrieben wird, dassHrö}?3är *könig wurde'; 

vgl. V. 64 ff.: 

pä wses HroÖjire here-sp6d jyfen, 
wijes weorömynd, ptet him bis winemajas 
jeorne h^^rdon etc. 

Für das leben im frieden dagegen hatte das germanische epos 
nur 6in bild: der volksfürst und seine mannen sitzen in der 
königshalle, das methorn kreist, der Sänger singt zur harfe 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HTLDEBRANDSLIEDE. 85 

von kühnen taten, und der ^ milde' herscher spendet ihm 
goldene ringe zum lohn; vgl. wider den Widsi}?, wo dieses 
motiv bis zur ermüdung widerkehrt; 

v.65ff.: 

• ■ * IC n'reS • • • 

. . . mid Bur^endmn, p&i ic b^a^ sej'ah: 
m§. J?8er Güöhere forjeaf ^Isedlicne ina}7]7um 
son^es to l§ane; 



V. 70 ff.: 



V. 88 ff.: 



Swylce ic wsbs on Eotule mid ^Elfwine: 
s6 hsefde moncyiines mine ^efr^^e 
leohteste hond lofes tö wyrcenne, 
heortan nnlm^aweste hrinja ^edales, 
beorhtra bea^a, beam Eadwines; 

And ic W8BS mid Eormanrice eaUe {Tä^e, 
pger m§ Gotena cyninj jode dohte, 
s6 m§ b^a; forjeaf, bnrjwarena fruma; 



V.97ff.: 



and me pä Ealhhild öpeme (sc. bea;) for^eaf, 
dryhtcwen dn^ut'e, dohtor Eadwines; 

und V. 137 ff.: 

pearfe secjaö,!) poncword sprecap, 
simle stp oppe norö snmne gemetaö 
jydda jleawne, ^eofum unhn6awne, 
se J?e fore dujupe wile dom arseran, etc, 

und den Beowulf v. 80: 

h6 beot ne äl6h, beajas ddelde, 
sine set symle, 

und V. 88 ff.: 

(]78et h6 dö^ora ^ehwam) dream ^ehyrde 
Uüdne in healle: pesr wsbs hearpan sw^;, 
swntol sanj scopes, etc. 

Für den gotischen Sänger, der die friedensherschaft Theo- 
derichs hätte schildern wollen, ergab sich demnach, mutatis 
mutandis, eine ähnliche Schwierigkeit, wie für die späteren 
christlichen Germanen, als sie das leben des heilands besingen 
wollten: die ganze poetische technik versagte. Wir 
lieben es zwar, z.b. unserm Helianddichter es als besonderes 

*) Die ^Uomen gumena. 



86 BUSSE 

verdienst anzurechnen, dass er den dem sächsischen volks- 
bewusstsein an sich direct entgegengesetzten Stoff so geschickt 
in das altgewohnte gewand gekleidet und dadurch dem gefühl 
der neubekehrten so sehr genähert habe; aber in Wirklichkeit 
war dies verdienst wol weiter nichts, als dass der dichter 
notgedrungen, ohne irgend welche besonderen zwecke dabei 
zu verfolgen, die ihm überkommene technikj vor allem die 
dichterische spräche, an deren stelle er keine neue zu setzen 
vermochte, auf den ganz fremden stoff übertrug, und so kommt 
es, dass die gesammte as.-ags. christliche epik, bei allem glänz 
der technik gerade im Heliand, nur den eindruck eines un- 
erfreulichen compromisses direct entgegengesetzter factoren 
zu erwecken vermag: man glaubt fast zu spüren, wie die 
dichter befreit aufatmen, wenn endlich eine stelle kommt, wo 
Inhalt und form sich decken, vgl. z. b. Heliand v. 4865 ff.: 

Tho gibolgan iiuard 
snel suerdthegan Simon Petras: 
uuel imu iunan hugi, that he ni mähte euig 

[uuord sprekau: 
so härm uuard imu an is hertan, that man is herron thar 
binden uuelde. Tho he gibolgan geng, 
suido thristmod thegan for is thiodan standen, 
hard for is herron: ni uuas imu is hugi tuifli, 
bloth an is breostun, ac he is bil atoh, 
suerd bi sidu, slog imu tegegnes 
an thene furiston fiund folmo craftu, 
that tho Malchus uuard mäkeas eggiun 
an thea suidaron half suerdu gimälod: 
thiu hlust uuard imu farhauuan: he uuard an that 

[hobid uund, 
that imu herudrorag hlear endi ore 
beniuundun brast: blöd aftar sprang, 
uuell fan uundun. Tho uuas an is uuangun scard 
the furisto thero fiundo. Tho stod that folc an rüm: 
andr§dun im thes biUes biti. 

Die christlichen Sänger hatten aber vor den ostgotischeu 
noch den vorteil voraus, dass der Inhalt ihrer dichtungen und 
auch die art der behandlung ihnen ja schon in den evangelien 
etc. vorlag, und dass es für sie mehr oder weniger nur auf ein 
umgiessen des dort berichteten in germanische verse ankam, 
während den Goten jedes vorbild fehlte. Glücklicherweise 
können wir verfolgen, wie sich ein germanischer sänger in 



SAGENGESCHICHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 87 

solcher not zu helfen (richtiger freilich: nicht zu helfen) wusste: 
auch an den Beowulfdichter trat die aufgäbe heran, nach den 
heldentaten gegen Grendel und seine mutter Beowulfs fünfzig- 
jährige friedensherschaft über die Geaten zu schildern. Was 
tut der dichter aber? Während der auf enthalt bei Hrööjär 
und die rückkehr mit fast ermüdender breite (2200 verse) ge- 
schildert werden, heisst es ganz kurz v. 2207 ff.: 

Syööan Beowulfe bräde rice 
on band jehwearf : he jeMold tela 
iiftiz wintra (wses öä frod cynmj, 
eald epelweard), [oööset an on^an 
deorcum nihtum draca ricsian], 

und darauf folgen dann wider fast tausend verse, die den 
drachenkampf, tod und bestattung des helden behandeln. 
Aehnlich wird es auch bei den Ostgoten gewesen sein: für 
den heldengesang ignorierte man einfach die spätere zeit*) 
und beschränkte sich auf die epische verheiTlichung des kampf- 
frohen Jugend- und frühen mannesalters Theodorichs.2) 



1) Uhland wollte in den mythischen kämpfen Dietrichs einen versuch 
sehen, die friedenstätigkeit des grossen königs darzustellen, und brachte die 
eindämmung und austrocknung von sümpfen, die Cassiodor (Variae 1, 21. 32) 
lobpreisend hervorhebt, mit den späteren drachenkämpfen in Zusammenhang. 
Doch beruht diese anschauung auf einer heute wol überwundenen allego- 
risch -abstrahierenden auffassung des mythischen bildes. Ausserdem sind 
diese sagen sämmtlich erst in späterer zeit und auf deutschem boden mit 
Dietrich verbunden worden (vgl. Jiriczek s. 204 ff.). Doch möchte ich die 
anlehnung an charakterzüge des historischen Theoderich zur erleichterung 
der Verschmelzung nicht so unbedingt von der band weisen, wie Jiriczek 
es tut, vgl. Ennodius, Panegyricus 21 : Itcdiae rector in amicitiam coUigit 
duo ßiversissma, ut sit in ira sine conparatione fulmineuSy in 
laetitia sine nube formosus und den feueratem und die dämonische her- 
kunft Dietrichs in der deutschen sage. 

2) Vgl. dazu auch die Umgestaltung der historischen Verhältnisse in 
der Karlssage. Auch diese ignoriert vöUig die friedliche tätigkeit Karls, 
die doch in dessen leben einen breiten räum einnimmt, und beschränkt sich 
ebenfaUs nur auf behandlung der kriegerischen ereignisse. Ausserdem ist 
zu bedenken, dass die germanische heldenpoesie durchaus Standespoesie ist: 
das publicum, an das sie sich wendet, ist ausschliesslich der kriegsadel. 
Jedenfalls wird daher ausser den technischen Schwierigkeiten auch noch 
die im grossen und ganzen ablehnende haltung des gotischen adels gegen- 
über der milden Versöhnungspolitik Theoderichs (und besonders seiner nach- 
folgerin) die gotischen sänger abgehalten haben, dieses friedliche wirken 
des königs zu verherrlichen. 



88 BUSSE 

Gotische sänger verbreiteten diese episch umgestalteten 
Jugendschicksale Theoderichs in den angrenzenden germanischen 
gebieten (vgl. dazu z. b. die Schilderung der fahrten ger- 
manischer Sänger von einem f ürstenhof zum andern im Widsij? 

V. 135 ff.: Swa Bcripende jesceapum hweorfaö 
Sleomeu jumena jeond jninda fela, 
pearfe secjaö, poncword spreca}?, 
simle süp oppe norö sumne jemetaö 
Xydda jl^awne, ^eofum iinhn6awne, 
se pe fore dujupe wile dorn ärseran, 
eorlscipe sefnan, oppset eal scseceö, 
leoht and lif somod: lof s§ jewyrceö, 
hafaö under heofonum heahfsestne dorn), 

und hier bildete sich dann die sage in der richtung aus, die 
ich oben anzudeuten versucht habe. 

Ob die wenigen kriegerischen ereignisse der späteren 
regierungszeit Theoderichs, die entsetzung von Arles durch 
Ibba und der kämpf Pitzias gegen Sabinianus und die Bul- 
garen noch gegenständ des gotischen heldensangs wurden, 
lässt sich nicht ermitteln. Auf alle fälle könnte man nicht 
als argument dagegen anführen, es habe an zeit gefehlt, diese 
Stoffe episch zu verarbeiten. Die germanische poesie war im 
gegenteil zum guten teile gelegenheitsdichtung (vgl. z. b. die 
historischen lieder der ags. Chronik). Vom tode Theoderichs 9 
und den späteren Schicksalen seines Volkes hat sich dagegen 
sicher kein nachhall in die deutsche epik gerettet. An ihrem 
bestehen zu zweifeln haben wir trotzdem keine veranlassung: 



*) Was sich im Anhange zum heldenbuch, in der piörekssaga und 
sonst gelegentlich über den tod oder vielmehr das geheimnisvolle ver- 
schwinden Dietrichs findet, geht nicht auf gotische sage zurück und be- 
deutet nicht, wie Dahn meinte, ÖÖinn habe seinen liebling nach ValhQll 
geholt, sondern ist nur ein nachklang der kirchlich-tendenziösen legende, 
die sich zuerst in Gregors Dialogen findet. Auch die nachricht der schwe- 
dischen Didrikssaga, Didrik habe erfahren, dass Witege sich auf einer 
fernen, einsamen insel versteckt halte, sei durch list in den Schlupfwinkel 
Witeges eingedrungen und habe ihn niedergestreckt, sei aber selbst bald 
darauf den wunden erlegen, die ihm Witege geschlagen, beruht nur auf 
dem bedürfnis, den tod Diethers und der Etzelsöhne gerächt zu sehen, und 
zeigt deutlich ihren späten Ursprung in dem misverstandenen zug von dem 
riesigen, schwarzen pferde, das Dietrich unter der erde für diese letzte tat 
aufziehen lässt. 



SAGENGESGHIGHTLICHES ZUM HILDEBRANDSLIEDE. 89 

die klage um den tod des gestorbenen beiden ist ein der 
germaniscben epik geläufiges tbema (vgl. z.b. die Schilderung 
der bestattung Attilas bei Jordanes cap. 49, die doch wol eher 
auf gotische, als auf hunnische quellen zurückgeht, und den 
schluss des B6owulf). Diese lieder aber, wie die von den 
Siegestaten des jugendschönen Totila und die vom letzten 
Verzweiflungskampf am Mons lactarius und vom heldentode 
Tejas sind ebenso spurlos verschwunden, wie die armseligen 
letzten reste des Ostgotenvolkes, die von den blutgetränkten 
felsschluchten des Vesuvs nordwärts den Alpen zu zogen, *um 
sich mit andern barbarischen stammen zu vereinigen'. 

Die epischen nachrichten über Theoderich, die über die 
Alpen drangen, schlössen demnach mit der eroberung Italiens 
ab, die nun, da man weiter nichts von Dietrich wusste,i) folge- 
richtig an das ende seines lebens gestellt wurde. Als dann 
die Dietrichssage mit den übrigen grossen deutschen sagen- 
cyklen verschmolzen wurde, wurde Dietrich natürlich auch 
mit der Nibelungenkatastrophe in Verbindung gesetzt, und 
hierdurch ergab sich wider eine neue, wichtige Umgestaltung 
der rückkehrsage. Durch die kämpfe mit den Burgunden 
verlor Etzel die macht, Dietrich zu helfen. Die erinnerung, 
dass Dietrich an der spitze eines hunnischen heeres in die 
heimat zurückgekehrt sei, blieb aber, und man sah sich daher 
genötigt, eine doppelte rückkehr anzunehmen: Dietrich ver- 
sucht zunächst mit hunnischer hilfe sein land zurückzuerobern. 
Der versuch verläuft aber unglücklich, oder der sieg kann 
wenigstens nicht ausgenützt werden (ob die Verbindung mit 
der sage vom tode der söhne Etzels von anfang an mit dieser 
fassung verbunden war, lässt sich nicht feststellen). Dietrich 
kehrt daher zu Etzel zurück. Da dessen macht in den Nibe- 
lungenkämpfen für immer gebrochen wird, tritt an stelle eines 
neuen eroberungsversuches die friedliche rückkehr der über- 
lebenden (Dietrichs und Hildebrands), die nun nui* noch wie 
ein unvermeidlicher romanschluss wirkt und jedenfalls kein 



1) Die wenigen, sehr unbedeutenden taten, die die piörekssaga noch 
nach der eroberung von Komaburg von Dietrich (und Heime) zu erzählen 
weiss (die plünderung des klosters Vedincüsan, riesenkämpfc etc.) sind ihrer 
ganzen haltung nach, ebenso wie die Verschmelzung piöreks mit Wolf- 
dietrich^ erst in sehr späte zeit zu setzen. 



90 BÜSSE 

lebhafteres Interesse mehr zu erwecken veimochte. Der ver- 
such der piörekssaga, dieser friedlichen rückkehr doch noch 
durch kämpfe zwischen piörekr und Sifka grösseres Interesse 
zu verleihen, ist sicher unursprünglich, vgl. s. 66. 

Schlussbemerkungen. 

Ich stehe am ende meiner, ausführungen und will nur noch 
kurz die hauptresultate der vorhergehenden Untersuchungen 
zusammenfassen: 

Die alte tragisch endende sage vom kämpf des vaters und 
Sohnes hat sich überall, wo sie nachweisbar ist, unabhängig 
entwickelt, sowol die annähme einer gemeinschaftlichen lier- 
kunft, wie die gegenseitiger beeinflussung sind abzulehnen. 
Die trennung der jüngeren fassungen in eine 'abschwächende' 
und eine ^versöhnliche' giaippe kann sich nur darauf stützen, 
dass bei den sogenannten abschwächenden Versionen der Zu- 
sammenhang mit der alten sage nie verloren gieng; ein innerer 
unterschied zwischen beiden gruppen existiert nicht, und auch 
der versöhnlich endende typus ist auf eine abschwächung der 
alten, tragisch verlaufenden sage zurückzuführen. Diese ab- 
schwächung vollzog sich bei den Bretonen und drang von hier 
aus als 'moule epique' in die frz. und vom fi'z. abhängige 
romandichtung von Frankreich selbst bis nach Byzanz und 
Russland ein, und sämmtliche glieder dieser versöhnlichen 
gruppeO gehen auf den fi'z. typus zurück; ebenso erfolgte die 
Umbildung der alten sage von Hildebrand und Hadubrand in 
eine solche mit versöhnlichen ausgang unter dem einfluss der 
frz. epik. 

Im Hl. ist die alte sage vom kämpf des vaters und sohnes 
auf Personen des Dietrichsagenki-eises übertragen worden; doch 
scheinen die ursprünglichen namen beibehalten zu sein. Der 
hauptträger der handlung, Hildebrand, geht vermutlich auf 
den historischen Gensimund zurück; bemerkenswert ist, dass 
seine Charakteristik bereits durchaus der späteren sage des 
12. und 13. jh.'s entspricht. Für den stand der deutschen 
Dietrichsage im 8. jli. geht aus dem lied hervor, dass sie 
bereits den allgemeinen Charakter der exilsage angenommen 

1) Mit ausnähme allein der Ans saga (?). Vgl. s. 30, anm. 1. 



SAGENSEBCHIGHTLICUES ZUM HILDEBBAKD8LIEDE. 

liatte, dass aber die eiiiinening an den liistoiischen gegner 
Tlieoderichs (Odoaker-Ötacher) und an die kriegeiische erobe- 
nmg von Italien noch nicht verloren gegangen war. Die sage 
war bereits, ähnlich wie in späterer zeit, mit der hunnischen 
verbunden. Dagegen lässt sich nicht ermitteln, ob die Ver- 
bindung mit der älteren ostgotischen sage von könig Ermana- 
rich bereits vollzogen war. Die Umgestaltung der historischen 
Verhältnisse in der deutschen Dietriehssage erkläi't sieh ans 
dem wesen der germanischen poesie und der unvollständigkeit 
der über die Alpen gedrungenen gotischen aberlieferungen. 
Die ausbilduug der sage erfolgte vermutlich zunächst bei den 
Älamannen. 

Das wäre wol alles, was mit einiger Sicherheit sagen- 
geschichtlich ans unserm Hl. gefolgert oder in Verbindung mit 
ihm behandelt weMeu kann: neben vielem bekannten anch 
einiges neue. Manches musste auch unerklärt bleiben, docli 
ich denke, das erklärt sich zur genüge aus der art des matti- 
rials. Vou dem dürftigen rest von 68 zeilen, die noch dazu 
schlecht tiberliefert und anvollständig sind, wii'd niemand eine 
genaue aufklärung über alle sagengeschiclitlichen fragen ver- 
langen, die man an das gediclit knüpfen kann. Im gegenteil 
dürfen wir uns fi'euen, dass wir docli verhältnismässig noch 
so viele positive resnltate haben gewinnen können. Für un- 
bedingte Sicherheit dieser resultate kanu mau fi-eilich keine 
garantie überaehmen: anch der logischeste schlnss kann bei 
so subtilen und schliesslich subjectiv völlig freien dingen 
vorbeitreffen, und immer wider muss man schmerzlich be- 
dauern, dass die absieht des giossen Karl, der nachweit die 
lieldensagen seiner zeit nnd seines Volkes zu erhalten, nicht 
gehuigen ist, luid dass sich nui' in folge eines nicht genug zu 
preisenden Zufalls wenigstens ein kleiner rest der alten helden- 
dichtung unseres volkes zu uns hinübergerettet hat. Dass 
dieser selbst dadui"ch unendlich an wert und Wichtigkeit für 
uns gewonnen hat, dass er jedem, der niu- einigermassen mit 
unserer älteren literatui- vertraut ist, persönlich wert geworden 
ist, brauche ich wol nicht erst zu sagen, und ich denke, auch 
dies wird erklären, weshalb ich schon so oft geführt« nnter- 
suchnngen wider aufgenommen habe. Führt doch das Hl. 
allein uns die heldenzeit unseres Volkes vor äugen: nicht die 



92 BUSSE, SAGENGESCHICHTLICUES ZUM HILDEBBANDSLIEDE. 

höfisch umgestaltete der kreuzzüge und der Hohenstaufen, 
sondern das alte, echt germanische reckentum der Völker- 
wanderung. Wem weht es nicht wie ein hauch aus den tagen 
der Rombezwinger entgegen, wenn er die verse hört: 

Ik gihörta öat seggen, 
öat sih nrh^ttun ^non muotin, 
Hiltibrant enti HaÖnbrant untar heriun tn^m, 
sunufatanmgo? 

LEIPZIG. BRUNO BUSSE. 



UNTERSUCHUNGEN UEBER WOLFRAMS 

TITUREL.0 

Wenn wir die reiche, allmählich zu recht stattlichem 
umfange angewachsene literatur über Wolfram von Eschen- 
bach durchmustern, wie sie uns jetzt Panzers handliche 
bibliographie bequem zusammengestellt darbietet, fällt uns 
der merkwürdige umstand ins äuge, dass dasjenige seiner 
werke, welches von jeher als dichtung am höchsten gepriesen 
worden ist, der Titurel, von der forschung immer recht stief- 
mütterlich behandelt worden ist. Das gedieht, das Gervinus 
(Gesch. d. d. dicht. 1^, 603) gewis mit vollem recht und ohne 
Übertreibung * einen der herrlichsten, vielleicht den ausgezeich- 
netsten rest altdeutscher dichtung' genannt hat, das nach 
Wilhelm Grimms Worten in der einleitung zu seiner Vorlesung 
über Hartmanns Erec (Kl. sehr. 4,583; ähnlich auch Heldens.^ 
S.428) 'an macht der darstellung, des gefühls und des aus- 
drucks sich dem höchsten zugesellen kann', ist tatsächlich so 
sehr vernachlässigt worden, dass fast über keine der bei seiner 
betrachtung sich aufdrängenden fragen sich bis heute eine 
übereinstimmende, fest begründete ansieht hat durchsetzen 
können. Andrerseits kann man es doch nur schwer für mög- 
lich halten, dass das auf uns gekommene material so lücken- 
haft und unzulänglich oder so schwer deutbar sein sollte, dass 

*) Den hier vorgelegten drei capiteln dieser Untersuchungen, von 
denen das zweite und dritte am 29. September 1899 in der germanistischen 
section der Bremer philologenversammlung einem kleineren kreise von fach- 
genossen zuerst bekannt wurden, sollen in allernächster zeit fünf weitere 
folgen: IV. Stilistisches. V. Zur metrik. VI. Gesammtauffassung und ten- 
denz. Vn. Zur quellenfrage. VIII. Beiträge zur kritik und erklärung des 
textes. 



94 LEITZMANN 

wir an einem versuch zur lösung der vorliegenden probleme 
gänzlich verzweifeln müssten. 

Lachmanns kritische bemühung ist nicht allen werken 
Wolframs mit gleicher innerer anteilnahme und mit gleichem 
erfolge zugewant gewesen: das darf man wol heute behaupten, 
ohne der bleibenden bedeutung seiner monumentalen edition 
zu nahe zu treten. Die kritische behandlung des Willehalm 
steht, wie Paul und Panzer nachgewiesen haben und Kraus 
nicht zu widerlegen vermocht hat, entschieden nicht auf der- 
selben höhe wie die des Parzival. Dass er aber beim Titurel 
von einer genaueren vergleichung des Docenschen textes mit 
der Münchener hs. glaubte abstand nehmen zu können, weil 
er Docens erste dreizehn Strophen genau fand (s. xxvii), stimmt 
übel zu dem von ihm selbst (s. vi) aufgestellten cardinal- 
grundsatz *die echte lesart aus den quellen zu holen'. Und 
wenn wir ihm weiter auch zugeben müssen, dass der text des 
gedichtes stark verderbt und eine plausible herstellung nicht 
überall möglich ist, so berührt uns doch die resignation eigen- 
tümlich, die in dem satze ^ein geschickter leser wird sich 
durch besserungen aus dem Stegreif zuweilen selbst helfen 
müssen' (s. xxviii) zum ausdruck kommt. Auch abgesehen 
von der heranziehung des j. Tit., in dessen handschriftenchaos 
erst Zarnckes abhandlung über den graltempel licht gebracht 
hat (vgl. besonders den excurs s. 48), scheint mir Lachmanns 
kritische leistung beim Titurel am wenigsten gelungen. Die 
besondere beschaffenheit der Überlieferung gab ihm hier für 
die specifische richtung seiner kritischen begabung keinen 
geeigneten angriffspunkt (vgl. auch Paul in seinem Grundr. 

12,91). 

Die anschauungen und resultate Lachmanns wurden hier 
wie überall canonisch für die folgezeit, deren arbeiten ich hier 
kurz mustere. Streng auf dem Lachmannschen wege hielten 
sich die bemerkungen Haupts, die auch seine beistimmung 
fanden (vgl. s. xxvin). Pfeiffers hypothese über das chrono- 
logische Verhältnis des Titurel zum Parzival wirkte, obwol 
verfehlt und auch durch Bartschs spätere unbedingte billigung 
nicht gerettet, doch dadurch fördernd, dass sie energisch auf 
das gedieht hinwies und zu erneuter betrachtung anregte. So 
hat der Widerspruch gegen sie Herforths tüchtige abhandlung 



UNTERSUCHUNGEN ÜEBER WOLFRAMS TiTüREL. 95 

gezeitigt. Bartschs inzwischen veröffentlichter versuch, zwei 
verlorene bruchstücke Wolframs aus dem j. Tit. durch recon- 
struction zu gewinnen, hat noch heute anhänger wie gegner, 
ohne dass bisher eine neue, nachprüfende Untersuchung dieser 
so eminent wichtigen frage vorgelegt worden wäre. Wenn ich 
unbedeutendes und wertloses übergehe, so sind von fördernden 
kleineren beitragen zu unserm thema nur noch die für die 
textkritik bedeutende miscelle Zarnckes sowie Stoschs und 
Behaghels bemerkungen zur chi'onologie des gedichtes zu 
nennen. Ein verhängnisvoller einfall Haupts und Müllenhoffs, 
welche in den beiden von Lachmann hergestellten abschnitten 
der Titureldichtung den alten volksmässigen Nibelungenliedern 
nachgebildete einzelne 'lieder' zu erkennen glaubten, wurde 
endlich der angelpunkt einer abhandlung Stoschs, durch die 
die unbefangene betrachtung unsres denkmals meines erachtens 
aufs schwerste geschädigt worden ist; auch an diese these 
und ihre begründung hat trotz ihrer ungemeinen bedeutung 
für wichtige fragen der altdeutschen literaturgeschichte noch 
niemand bis heute die kritische sonde gelegt. In welche Sack- 
gasse die Titurelforschung durch diese betrachtungsweise ge- 
raten ist, geht am deutlichsten wol aus der tatsache hervor, 
dass Grolthers epochemachende entdeckung einer dritten und 
zwar sehr guten hs. weder von dem entdecker selbst irgendwie 
ausgenutzt wurde, noch auch sonst in denseitdem verflossenen 
sechs Jahren eine revision der bisherigen ansichten angeregt hat. 

So brauche ich denn wol die existenz der folgenden blätter 
nicht weiter zu rechtfertigen. Was ich hier vorlege, ist mir 
durch langjährige, fast ein decennium in ihren anfangen zurück- 
liegende, nie lange unterbrochene beschäftigung mit Wolfram 
und speciell dem Titurel allmählich zu immer festerer Über- 
zeugung geworden. Dass ich die herrliche dichtung mehrfach 
und mit besonderer verliebe akademischen Übungen zu gründe 
gelegt habe, wird man, hoffe ich, dem exegetischen capitel 
anmerken. 

Die von mir benutzte literatur findet sich in Panzers 
bibliographie s. 15 verzeichnet. Seitdem ist nur noch Pipers 
abdruck der Münchener hs. G in seinen Nachträgen zur älteren 
deutschen literatur von Kürschners Deutscher nationalliteratur 
s. 352 hinzugekommen. Erst längere zeit nach dem abschluä^ 



96 LEITZMANN 

der hier vorgelegten drei capitel kamen mir Noltes bemerkungen 
im Anz. fda. 25, 304 zu gesicht, die sich inhaltlich mit einigen 
meiner ausfühnmgen decken. Leider hat Panzer drei wichtige 
recensionen übersehen, die in den jähren 1811 und 1812 Docens 
abdruck der Münchener hs. von 1810 erfahren hat; da ich sie 
öfters zu eitleren haben werde, verzeichne ich sie gleich hier. 
A. W. Schlegel besprach das ihm gewidmete büchlein Docens 
in den Heidelbergischen Jahrbüchern der literatur 4, 1, 1073 
(widerholt in den Sämmtlichen werken 12, 288), Benecke in 
den Göttingischen gelehrten anzeigen 1812, s. 937, Jacob Grimm 
in der Leipziger literaturzeitung 1812, 2, 2401 (widerholt in 
den Kleineren Schriften 6, 116). 

I. Der 8trophenl>estand. 

Dass die Münchener hs. G, nach der Wolframs Titurel 
zuerst 1810 von Docen herausgegeben wurde, uns das gedieht 
nicht vollständig überliefert, sondern an mehreren stellen 
lücken aufweist, ergab sich schon aus der Ambraser hs. H, 
die, wenn auch im Wortlaut vielfach verderbt und durch 
Schreibfehler entstellt, aus einer vollständigeren vorläge ab- 
geschrieben ist; leider bricht sie schon mit str. 68 ab, so dass 
eine weitere controUe von G aus ihr nicht möglich ist. Die 
in H allein überlieferten str. 30. 31. 33. 34. 36 und 53 sind 
daher mit vollem recht von Lachmann in den text aufgenommen 
worden. Darauf dass Haupt unter Lachmanns Zustimmung 
zwei davon für unecht erklärt hat, komme ich später bei 
gelegenheit der noch weiter gehenden athetesen zu sprechen, 
die Stosch innerhalb der handschriftlich überlieferten Strophen 
glaubt empfehlen zu müssen. 

Auch die von Golther zuerst herausgegebenen wichtigen 
bruchstücke einer zweiten Münchener hs. (ich bezeichne sie 
im folgenden mit der sigle M) ermöglichen uns nun eine con- 
trolle des in G überlieferten Strophenbestandes, und das glück- 
licherweise auch für andere teile des gedichts als den in H 
allein auf uns gekommenen anfang. Es sind uns von M eine 
reihe fragmentarischer streifen, die zu zwei blättern des 
ursprünglichen codex gehören, und ein drittes vollständiges 
blatt erhalten. Der Inhalt dieser blätter stellt sich folgjender- 
massen dar: 



7'/i stropheu 
7'/. » 



l 



blatt 1 vorderBeite: 31, 1 — 38, 2 . . 
rlUkseite: 38,3 — 45,4 . . 

zusammen 15 Strophen 
Matt 2 Vorderseite: 76,4—81,4 (ohne 79 und 80, 

mit »56. '57. «58 und *b9) . . . TU Strophen 
rUukBeite:81,4— ffip4(niit79.80nnd*61) 7'/, „ 

BOsamuien 14'/» Strophen 
Watt 3 Torderseite: 100,3 — 106,4 (mit 96) . 7'/» Strophen 

Hickseite: 107,1 — 114,2 7','. „ 

zuMmmen 15 atrophen. 
Mit einer regelmässigkeit, wie sie bei dem fortlaufend 
geschriebenen, nicht nach reimzeilen abgesetzten texte wol 
nicht strenger erwartet werden kann, finden sich also hier 
auf jeder seite des alten codex 7 '/j, aaf jedem blatt 15 Strophen. 
Diese tatsache ermöglicht einen absolut sicheren rUckschluss 
auf die strophenzahl der am anfang und zwischendurch fehlen- 
den blätter der hs. und damit eine reconstruction des strophen- 
bestandes derselben bis Str. 114, die ims bei der spärlichen 
Überlieferung des Werkes doppelt willkommen ist. Es fehlen 
demnach: 

zwei blHtler vor blfttt 1: 1,1 — 30,4 30 Strophen, 

üwei blSIter zwischen blatt Innd 2: 46, 1 — 76,2 . . . 30'/, „ 
ein blfttt zwischen blatt 2 nnd 3; 86, 1 — 100, 2 (ohne 96) . 13'/- „ 

So erhalten wir folgendes resultat: Innerhalb der ersten 
114 Strophen hatte M, als es noch vollständig war, 
alle sechs zusatzstropben von H; durch fünf neue 
zusatzBtrophen beweist es andrerseits, dass G auch 
in der auf str. 68 folgenden partie unzuverlässig und 
lückenhaft ist. Angesichts der Sicherheit der hier vor- 
getragenen combinationen ist es besonders zu beklagen, dass 
keines der späteren blätter, deren schwerlich mehr als vier 
oder fünf gewesen sein dürften (Lachmanns text gibt von 
114,3 an noch öe'/^ Strophen, also von zusatzstropben ab- 
gesehen den inhalt von noch nicht vier blättern), sich erhalten 
hat, und uns so die miiglichkeit genommen ist, die gewichtige 
stimme von M bei der fi-age des etwaigen Zusammenhangs der 
beiden abschnitte der Titui'eldichtung zu verwerten. Nach 
Golthers mitteilung (Zs. fda. 37, 280) stammt der band, von 
dessen einband die streifen von M abgelöst sind, aus dem 

, lur gi:schi,:hu der dcuuchsD Ipncbe. XXVI 7 



98 LEitZMAim 

minoritenkloster zu Landshut; bei der Wichtigkeit des fundes 
verlohnte es sich doch wol der mühe, systematische nach- 
forschungen anzustellen, ob sich nicht noch weitere blätter 
finden Hessen. 

Nur bis zur 114. Strophe des Lachmannschen textes kann, 
wie bisher gezeigt worden ist, auf grund der drei auf uns 
gekommenen hss. die Untersuchung über den echten Strophen- 
bestand des Titurel geführt werden; darüber hinaus haben 
wir nur die einzige mehrfach stark unverlässlich erfundene 
hs. G als quelle vor uns. Für die Schlusspartie des gedichtes 
sind wir genötigt auf eine abgeleitete und mannigfach getrübte 
quelle zurückzugreifen, auf die bearbeitung der Wolframschen 
dichtung in dem sog. j. Tit. Ob in dieser von Lachmann 
(s. xxix) mit recht langweilig und albern' gescholtenen com- 
pilation sich doch vielleicht noch einzelne edelsteine zu uns 
herübergerettet haben, die in echt Wolframscher fassung uns 
nicht mehr erhalten sind, darüber zu einer ansieht zu gelangen 
ist für den fortgang unserer Untersuchungen dringend notwendig. 

Die wissenschaftliche benutzung des j. Tit. ist durch den 
an sich beklagenswerten umstand erschwert, dass wir bis heute 
noch keine kritische ausgäbe des gedichtes besitzen, und jeder 
der sich nicht die zeitraubende mühe eigener coUationen macht, 
noch immer auf den von Hahn mit sträflicher nachlässigkeit 
veranstalteten rohdruck der Heidelberger hs. B* (ich schliesse 
mich im folgenden Zarnckes bezeichnung der siglen an) an- 
gewiesen ist. In das schier unentwirrbare chaos der hss. und 
bruchstücke der im mittelalter so beliebten dichtung hat erst 
Zarnckes 1876 erschienene abhandlung *Der graltempel, Vor- 
studie zu einer ausgäbe des j. Tit.' licht gebracht, in der nach- 
gewiesen wurde, dass die ganze weitverzweigte Überlieferung 
am ende auf drei von einander unabhängige redactionen zurück- 
geht, von denen widerum zwei sich zu einer engeren verwant- 
schaf t zusammenordnen. Diese trotz vereinzelter complicationen, 
auf die ich hier nicht einzugehen habe, verhältnismässig ein- 
fachen Verhältnisse sind meines erachtens ganz mit unrecht 
von Schönbach (Anz.fda. 3, 170) in zweifei gezogen worden: 
für die von mir selbst verglichene grössere partie des textes 
hat sich mir durchaus eine bestätigung der Zarnckeschen auf- 



ÜNTERSüCHüNGBK UEBfiR WOLFRAMS TITUREL. 99 

Stellungen über das abhängigkeits- und verwantschaftsverhältnis 
der hss. ergeben. lieber die beziehungen der Wolframschen 
dichtung zur Überlieferung des j. Tit. hat Zamcke in einem 
schon früher citierten excurs (s. 48) fördernd, wenn auch mehr 
anregend als abschliessend gehandelt. Die hierbei auftauchen- 
den sehr complicierten fragen lasse ich hier unerörtert, da sie 
den gang der vorliegenden Untersuchungen nii-gends beeinflussen, 
eher vielmehr den künftigen kritischen herausgeber des j. Tit. 
angehen; ob die von Zamcke (s. 49) vor nunmehr fast einem 
viertel Jahrhundert angekündigte arbeit eines 'jüngeren freundes, 
der schon länger das volle material gesammelt hatte', noch zu 
erwarten ist, weiss ich nicht zu sagen. Zamckes auf den 
j. Tit. bezüglicher nachlass, der mir durch die gute der frau 
Johanna von Hase in Leipzig zugänglich war, enthält, wie ich 
hier im vorbeigehen mitteilen darf, keinerlei materialien, die 
nicht in der abhandlung von 1876 ihre Verwertung gefunden 
hätten; offenbar hat Zarncke über die im 'GraltempeP ver- 
öffentlichten Partien der dichtung hinaus keinerlei textkritische 
Untersuchungen ernstlich in angriff genommen. — Eine vor- 
zügliche arbeit, deren resultate wol in allen hauptpunkten als 
gesichert gelten dürfen, ist ßorchlings 1897 erschienene Studie 
über den j. Tit. und sein Verhältnis zu Wolfram. Dass der 
gelehrte nachahmer und compilator nicht nur in allen sprach- 
lichen und stilistischen eigenheiten, sondern auch in bezug 
auf den stoff in seinen einzelnen elementen von seinem vor- 
bilde sklavisch abhängig ist, hat der Verfasser ausführlich und 
schlagend nachgewiesen. Diese Untersuchungen lassen uns in 
mancher hinsieht das nichtvorhandensein einer kritischen aus- 
gäbe des gedichtes verschmerzen, da denn einmal zu einer 
solchen noch niemand, wie Panzer (Lit.-bl. 1898, s. 123) sich 
treffend ausdrückt, 'den mut oder besser die resignation' hat 
finden mögen. 

Wo ich im folgenden den j. Titurel eitlere, beruhen meine 
angaben auf eigenen coUationen der haupthss. aller drei redac- 
tionen (A*, B\ T)\ IP, C\ D^, H nach Zarnckes bezeichnungen), 
die ich mir für die ganze partie von str. 449 — 1300 angefertigt 
habe. Die daneben in betracht kommenden bruchstücke be- 
nutze ich nach den vorhandenen abdrücken (vgl. Zs. fdph. 6, 135. 
Germ. 21, 434. 24, 177. 25, 172. Docen s. 65). 






100 LEITZMANN 

Vergegenwärtigen wir uns kurz, in welcher weise die 
Strophen der Wolframschen dichtung von dem jüngeren nach- 
ahmer in sein werk eingeordnet sind (vgl. Bartsch, Germ. 13, 6 
und Borchling s. 13; die dem Schlüsse dieses capitels angehängte 
tabelle, in der ich die differenzen der Strophenordnung durch 
fettdruck gekennzeichnet habe, hat den zweck, die gesammte 
Überlieferung anschaulich vor äugen zu führen). Die ersten 
13 Strophen Wolframs sind vom bearbeiter weder in der Ord- 
nung des Originals noch auch in ihrem ursprünglichen zu- 
sammenhange benutzt; sie finden sich in einer reihe von 155 
Strophen (476 — 630) verstreut. Von der 14. str. an folgt der 
jüngere dichter schritt für schritt seinem grossen vorbilde 
nach und unterbricht den fluss der Originaldichtung nur ver- 
einzelt durch zwischengeschobene Strophen, die bald eine para- 
phrase, bald eine gelehrte oder spitzfindige Weiterbildung 
Wolframscher gedanken oder andeutungen enthalten. So geht 
es fort bis zum ende des ersten Wolframschen abschnitts (779). 
Nachdem er dann die zwischen den beiden abschnitten für sein 
gefühl klaffende lücke dui'ch eigene erfindung ausgefüllt hat, 
verfährt er bei der herübernahme des zweiten abschnitts der 
Originaldichtung (1140 — 1188) durchweg in der zuletzt geschil- 
derten verhältnismässig conservativen art. Dass er ihm im 
original vorliegendes gänzlich unbenutzt habe beiseite liegen 
lassen, werden wii' ihm, wenn wir seine ganze arbeitsweise und 
seine ungemessene hochschätzung Wolframs bedenken, nicht 
wol zutrauen: nur eine halbe Strophe des alten textes (8, 1) hat 
er übergangen, wahrscheinlich weil ihm, worauf ich später 
noch komme, hier ein verderbter text vorlag, den er nicht 
verstand. Es gilt nun seine zusatzstrophen kritisch zu prüfen, 
ob wir darin noch weiteres Wolframsches gut zu entdecken 
vermögen, das uns durch den nachlässigen Schreiber von 6 in 
echter gestalt vorenthalten worden ist. Da frühere forscher 
(vgl. besonders Bartsch, Germ. 13, 8 und Stosch, Zs. fda. 25, 200. 
26,145) diese prüfung, da ihnen M noch nicht bekannt war, 
schon bei str. 69 (der ersten, wo wir die controUe von H ent- 
behren müssen) beginnen, so wollen auch wir an dieser stelle 
einsetzen, obwol für uns durch die autorität von M noch eine 
strecke weit der weg für rascheres fortschreiten geebnet ist. 
Was die allgemeinen kriterien der beurteilung betrifft, so 



mtTEBSUCHÜNOEH DEBBR WOLFRAMS TITÜBBI.. 



101 



I 
I 

I 



werdeu wir weder auf formelle, speciell metni-clie verliältnisse 
(die zudem, wie später gezeigt werden soll, ganz anders zu 
deuten sind) so viel gewicht legen wie Bartsch, noch auch die 
begriffe und Schlussfolgen einer bald utopisch -pliantastisehen, 
bald pedantischen betrachtungsweise zu hilfe rufen, dereu 
Stosch sich vielfach bedient. Eine möglichst genaue inter- 
pi-etation der worte und des gedankenzusammenhangs im 
verein mit den inneren kriterien, die uns unsere sonstige 
kenntnis von Wolfiams eigenart an die hand gibt, wird uns 
fast überall zu einer sicheren entscheidung führen; aus Borcb- 
lings Untersuchung lernen wir einem allzu wörtlichen anklang 
an stellen in den echten werken Wolframs eher zu mistrauen 
als darin die klane des löwen zu erblicken. 

Nach Str. 80 des alten textes bietet der j. Titurel fünf 
Zusatzstrophen *55 — *59 (ich bezeichne nach Stosclis Vorgang 
die Strophenzahlen in Lachmanns lesarten mit einem Sternchen ; 
bei Hahn 720—724), die wir einzeln besprechen. 

Es ist erzählt, dass Gamuret sich zur fahrt nach Bagdad 
rüstet, um seinem früheren diensthemi, dem kalifen, im kämpfe 
gegen seine angreifer, die brüder Pompejns und Iponiidon, bei- 
zustehen. Seine ausrüstung ist beschrieben: knappen, rosse, 
gold und edelsteine nimmt er mit, aber keinen schildtragenden 
mann. Dann berichtet str. *55 (720) weiter (nach B^C^D"): 
Sin pantel d4 verkStet wart: von nobel ein anker tiure 
slnoc man M sinen schilt die vart, als in traöc in recken wSs 
algnii wart fiz (geziert der loliea rtche; [der gehinre. 

darnnder natu er ende vor Baldac mit Ijost ImrticlSche. 
Schon Lächmann (s, xxix) bat diese Strophe für echt erklärt; 
Bartsch (s. 8) und Stosch (s. 200. 147) haben ihm zugestimmt. 
Die autorität von M erweist, dass sie ein znsatz des bearbeitei-s 
ist, nnd sie kann auch bei genauerer betrachtung üire nnecht- 
heit gar niclit verleugnen. Das was sie erzählt, ist gänzlich 
sinnlos, nnd der nachahmer wollte nui' zeigen, dass er sich an 
den Wappenwechsel Gamurets im ersten und zweiten buche 
des Parzival erinnerte, ohne das motiv zu demselben richtig 
veretanden zu haben. Als Galoes nach dem tode Gandins 
fürst von Anjon geworden ist, und Gammet, der jüngere erb- 
lose söhn, auf abenteuer ausziehend das land verläset, wählt 
er sich an stelle seines väterlichen hauswappens, des panthers, 



102 LBTTZMANK 

das nunmehr allein dem Galoes zukommt, ein ^phantasiewappen' 
(Schultz, Das höf. leb. 2^, 95), den anker: wie dieser festen fuss 
im meeresgrunde zu fassen sucht, so will er sich ausserhalb 
der heimat eine statte erringen (vgl. Parz. 14, 12. 29). Als er 
dann später auf dem turnierplatz vor Kanvoleiz erfährt, dass 
Galoes gestorben, er selbst also nun fürst von Anjou ist, ver- 
tauscht er das symbolische wappen mit dem väterlichen panther: 
wie hat nü mins ankers ort in riuwe ergriffen landes hohe! 
der wäpen teter sich do abe . . . ich sol mins vater wäpen tragen, 
sin lant min anker hat beslagen, der anker ist ein recken zil 
(^Symbol des heimatlosen'); den trage und neme nü, swer der 
wil . . . daz pantel, daz sin vater truoc, von zohele üf sinen 
schilt man sluoc (Parz. 92, 12. 99, 13. 101, 7). Diesen wol- 
motivierten wappentausch hat der bearbeiter gar nicht ver- 
standen, wenn er den Gamuret bei seinem neuen zuge nach 
Bagdad nun wider den panther mit dem anker vertauschen 
lässt. Was hätte Gamuret damit bezwecken sollen? Er wurde 
doch dadurch nicht wider zum recken und hörte nicht auf 
fürst von Anjou zu sein. Bei Stosch (s. 200) freilich ist er ein 
'abenteuernder glücksritter' und musste, da er 'nicht erkannt 
sein will', auch 'sein schildzeichen verändern' (s. 201. 147). 
Von einem nicht erkannt sein wollen berichtet aber Wolfram 
gar nichts; wie hätte auch Gamuret, der dem kalifen zu hilfe 
eilte und gewis dort als retter in der not begrüsst wurde, 
diese sonderbare absieht haben können? Dass dieses motiv 
des Wappentausches noch zweimal im j. Tit. (2528, 1. 5685, 1) 
begegnet, zeigt ganz deutlich, dass es aus jener misverstandenen 
Parzivalstelle erwachsen ist (anders Stosch s. 147). Diese klingt 
ja auch wortgetreu in den beiden ersten zeilen der Strophe 
nach; der anker tiure stammt aus Parz. 98, 26. Die Wendung 
sin pantel da verkeret wart für das was der Verfasser meint, 
ist mindestens in ihrer prägnanz befremdlich; ob die von 
Lexer 3, 140 citierte stelle Apoll. 18908 er verkerte do sin wäpen 
gar hiermit zu vergleichen ist, kann ich nicht ausmachen, da 
sie in Strobls ausgäbe fehlt; jedenfalls würde Wolfram sich 
schwerlich so ausgedrückt haben. Dass Bartsch (s. 8) fälsch- 
lich zur erklärung Parz. 99, 11 heranzieht, hat schon Stosch 
(s. 200, anm. 2) bemerkt. 

Anders steht es mit den vier folgenden str, *56— *59 (721 



MfTEBSCCHÜNGEN TJEBEK W0LFKAM8 TITUREL. 



103 



I 



I 



— 724). Lachmanu (s. xxix) hielt die erste davou für echt, die 
andern drei für interpoliert; Bartsch (a. 8) und Stosch (8.200. 
201) traten dieser ansieht bei. Der letztere fand die trennungs- 
scene 'nach gewöhnlicher Schablone weitergeführt: thi'änen und 
das versprechen baldiger heimkehr'; Bartsch blieb trotz einiger 
Wolframiach klingender Wendungen und dreier stumpfer cae- 
sureu, die sonst für ihn das wichtigste merkmal der echtheit 
sind, bei der annähme Lachmanns stehen. Einer genaueren 
jirüfung sind wir bei diesen Strophen überhoben, da sie dui'ch 
M alle vier als echt erwiesen werden. 

Auf Str. 82 des alten textes folgt die vielbesprochene str. 
*61 (727), in der des landgrafen Hennann von Thüringen ge- 
dacht wird. Ihj'e echtheit, die durch das zeugnis von M sicher- 
gestellt wird, ist schon 1810 von Docen behauptet worden, 
der zu str. 82 (s. 41) bemerkt: 'nächst dieser Strophe lese man 
die .. . no. 61 im anhange; zo ihr passt der folgende vers besser'. 
Weiter wurde sie für echt gehalten von J. Grimm (s. 119), 
Laclimann (a. xxix, zweifelnd auch KI. sehr. 1, 352), Herforth 
(Zs. fda. 18, 293), Bartsch (s. 9) und Stosch (s. 201. 145). Ueber 
die unbegründeten ändeiningen, welche Bartsch an dem über- 
lieferten Wortlaut vorgenommen hat, handle ich später. Die 
Strophe wird uns weiterhin für wichtige sclünssfolgernngen 
als unterläge zu dienen haben. 

Das Zwiegespräch zwischen Schionatulander und Gamuret, 
in dem jener dem älteren freunde seine liebe zu Sigunen ge- 
steht, ist im j. Tit. nach str. 106 des Wolfi'amschen textes 
durch die str. *85 und *86 (751 und 752) erweitert worden: eine 
halhmonologische apostropheSchionatulanders an Sigunen nimmt 
das gleichnis vom Salamander im berge Ägremontin aus str. 121,4 
vorweg; Gamni-ets ermahnungen, hoffnungsvoll in die zukunft 
zu bücken, sind im vertauf des gesprächs schon nicht mehr 
nen. Beide Strophen sind von Bartsch (s. 10) mit recht ver- 
worfen worden, was dadurch bestätigt wird, dass die hs. M 
sie nicht enthält. 

Diesen sicheren führer haben wh' nun im folgenden nicht 
mehi' zui- seite. Zwei zusatzstiophen weist gleich wider die 
gewaltige, monologisch gedachte Uebesklage Sigunens auf, *97 
(763) nach str. 116 und *102 (768) nach str, 120 des alten ge- 
dichts. Lachmann (s. xsix) hielt sie beide füi" echt, Bartsch 



104 LEITZMANN 

(s. 10) nennt die erste sogar ^unzweifelhaft wie wenige echt'; 
Stosch dagegen (s. 202) verwirft beide, obwol sie * manches 
verlockende haben'. Str.*97 (763) lautet (nach A»D«B2C2D2H): 

Ez wart üf mer geworfen nie üz kocken noch üz kiele 

ein anker also swsere, der ie ze tal durch wäc s6 tiefe geviele, 

also min herze in jämer ist versenket. 

ez nert ein klein gedinge, daz ez vor tode alsam ein hase wenket. 

Dass das erste lang ausgeführte bild für den ersten augenschein 
etwas bestechendes hat, ist nicht zu leugnen; man begreift 
daher Bartschs uneingeschränkte anerkennung sehr gut, zumal 
wenn man bedenkt, von wie starkem gewicht für ihn formelle 
kriterien des metrums sind; hier sieht er durch den verdäch- 
tigen männlichen caesurreim die ungereimten weiblichen aus- 
gänge noch klar erkennbar durchscheinen. Stoschs gegen- 
beweise allerdings bringen die frage um keinen schritt weiter. 
Die Überlieferung in 6 biete keine 'lücken': das tut sie auch 
sonst nirgends und niemand wäre im stände, die echten plus- 
strophen aus M oder auch aus H durch etwaige ^lücken' in 
G als notwendig zu erweisen. Dass durch eine stelle, wo die 
metaphem sich drängen, einem interpolator die Versuchung, das 
original zu überbieten, besonders stark nahegelegt werde, 
könnte uns schon eher mistrauisch machen, aber dies argument 
ist doch zu allgemein gehalten, um durchzuschlagen. Aber 
noch mehr: die beiden Strophen treffen nicht *den innersten 
ideengang des ersten dichters', sind nicht 'aus einem gusse 
mit den übrigen gesetzen', da Sigune in str. 116 — 119 die grosse 
ihrer liebesqual 'nach den Symptomen, nach der Wirkung' be- 
schreibt, Str. *97 dagegen 'nicht eine äusserung, sondern einen 
vergleich dieser unbegrenzten Sehnsucht' bringt! Das ist die- 
selbe schematische betrachtungsweise, dieselbe Vergewaltigung 
einer dichterpersönlichkeit durch eine blutleere logik, wie wir 
sie auf dem gebiete der sog. höheren kritik immer und überall 
bei dem versuche, Interpolationen nachzuweisen, widerfinden. 
Trotz alledem aber dürfte die Strophe unecht sein, und zwar 
aus dem gründe, weil die Wolframianismen zu aufdringlich 
sind. Wollten wir auch Wolfram das an sich wirkungsvolle 
bild von dem ins meer geworfenen anker, der in ungemessene 
tiefen gleitet (vgl. aber j. Tit. 1872, 2), trotz des verdächtigen 
anklangs an Parz. 461, 13 hunde gotes kraft mit helfe sin, waz 



r mTBBSDOHnKGEN UEBEB WOLFKAHS TTTOBEL. 105 

anJcers ivtere diu vrcude min! diu sinl;et durcii der rimee gnmt 
wirklich zutrauen, so bringt doch die viei-te zeile die ganze 
Strophe zu falle, da sie Pai-z. 1, 18 wände es kan vor in wenkcn 
rehte alsam ein sckcllec käse einfach ausschreibt. Auch sonst 
hat der nachahmer hie und da gute vergleiche aufzuweisen 
(vgl. Borchling s. 156), und so werden wii' ihm aueli den vor- 
liegenden zuschreiben; dass er damit eine Wolfi'amsche vor- 
stellungsweise adoptierte (vgl. Ludwig, Der bildl.ausdr.b.Wolfi'. 
V. Esch. s, 42), entspricht ganz seiner art. 
Str.*102 (768) lautet (nachE^C): 
Öwi, Hwenne ich entaläfen bin, so kniut er mir vil dicke 
nnd ich erwache (er ist dahin) der ril BÖeBen minneclicheii 
so wirt über eminwet min alteü trftren. [schricke: 

man mühte tlf mtn vlioBÜclie sorge wol vllr stürme eiu hure müreu. 

Bailschs argnmente (s. 11) sind hier genau die gleichen wie 
bei der eben besprochenen Strophe: das 'kühne bild' der vierten 
zeUe, die zugleich stumpfen caesun-eim und einige ausgelassene 
Senkungen aufweist, und der umstand, dass er die urform der 
beiden ersten zeUen durch die angeflickten caesurreime durch- 
scheinen sieht, entscheiden ihm die echtheit. Auch Stoschs 
gegenheweis (s. 203) gleitet in gewohntem fahrwasser: die 
Strophe 'unterbricht den Zusammenhang oder schwächt doch 
die Wirkung'; zudem würde sie mit den vorhergehenden 'nicht 
harmonieren', weil Sigune dort 'in activer, nicht wie hier in 
passiver weise ihre Sehnsucht zu erkennen gibt'! 'Ich glaube 
nicht, dass ein und derselbe dichter die Symmetrie der dar- 
stellnng so verletzen konnte!' Auch hier düi'fen wir wol be- 
scheiden darauf hinweisen, dass die phantasie eines dichters 
nicht mit dei- pedantischen genauigkeit einer nähmaschine 
arbeitet. Meines erachtens ist auch für diese strophe die 
Bchlusszeile vei'hängnisvoll : die bürg als bild der festigkeit 
nnd der vUns als bild dei- härte und unwiderstehlichkeit sind 
Wolfram durchaus geläufig (vgl. Parz. 339, 5. 678, 20. Willeh. 
12, 16. 76, 7. Lied. 9, 32), aber das bild von einer auf die stein- 
hai'te sorge gemauerten bürg, die dem stürme trotz bietet, 
scheint mir doch für ihn zu gewagt und entspiicht ganz der 
weise des nachahmers, der 'die ihm überlieferten bilder nach 
der einen oder der andern seit«, meistens zum nachteil des 
' dichtei'ischen wertes' weiter aus?ufühi'en pflegt (Borchling 



106 LEITZMAKK 

s. 156) und das gleichnis vom vlins besonders liebt (vgl. noch 
1002, 4. 2046, 2. 2333, 4. 3765, 3. 5057, 2. 5259, 2. 5412, 4). Er- 
wachest mit dem genetiv ist zwar nach den Wörterbüchern 
nicht unerhört, aber doch bei Wolfram sonst nicht belegt; 
auch schrie in dieser Verwendung kennt er nicht, während es 
dem nachdichter geläufig ist (vgl. 381, 2. 505, 2. 4. 1752, 2. 
2534,4. 2644,4. 2877,1. 4369,2. 4894,2. 5019,2. 5253,2. 
5387,2. 5558,1. 5773,4. 5948,3. 6023,3). Nach alledem 
werden wir auch diese Strophe dem alten Titurel absprechen 
müssen. 

Wenn wir uns nun zum zweiten abschnitt der älteren 
dichtung wenden, um auch hier die zusatzstrophen der jüngeren 
Überlieferung zu prüfen, so ist uns hier unsere aufgäbe wesent- 
lich vereinfacht. Da von den neun in betracht kommenden 
Strophen nur eine einzige bisher für Wolfram in anspruch ge- 
nommen worden ist, die unechtheit der übrigen aber deutlich 
zu tage liegt, so dürfen wir auch unsere nachprüfung auf 
diese eine Strophe beschränken. Es ist das str. 1151, die bei 
Lachmann in den lesarten fehlt. Nachdem in str. 138 voraus- 
deutend bemerkt ist, wie verhängnisvoll der bracke mit dem 
kostbaren halsband, den Schionatulander soeben eingefangen 
hat und auf den armen zu Sigunen trägt, in das Schicksal 
des Jünglings eingreifen wird, unterbricht den i-uhigen f ort- 
gang der erzählung folgender bericht (nach A^B^D^; in den 
andern beiden klassen B^C^D^ und H fehlt die Strophe, vgL 
Stosch s. 148): 

Der bracke was harmblanc gevar, ein klein vor an der stime, 
diu 6ren lanc, rot sam sin här, ze rehte gemület und mit breitem 
nach bracken wis geedelt und geleret; [hime, 

daz wilt, daz er da jagete, mit guldiner sträle was ez ges^ret. 

Der gedanke an die mögliche echtheit dieser beschreibung des 
bracken kam Lachmann offenbar überhaupt nicht, denn sonst 
hätte er sie wol nicht von seinen lesarten ausgeschlossen, wo 
er sonst alle zusätze der jüngeren dichtung sorgsam verzeichnet. 
Bai^tsch hielt sie (s. 12) zwar nicht unbedenklich für echt wegen 
des männlichen caesurreims und der Wolframisch klingenden 
bildung gemület, hat sie aber später in seine ausgäbe von 
Wolframs Titurel mit aufgenommen. Stoschs gegenargumenten 
(s. 206 und besonders s. 148) kann man in allen einzelheiten 



UNTEBBUCHITNaElT UEBBB WOLFRAHB TITUBBX. 

nur zustimmen: die Spannung: dei" an dieser stelle gerade rascli 
weiterschreitenden erzählung wird durch eine beschreibung der 
äusseren erscheinung des hracken, der für WoUram weit weniger 
wichtig ist als sein seil, an einer sehr unpassenden stelle unter- 
brochen, und, was noch bedeutungSToUer ist, die Strophe steht 
nur in einer der drei 1iss.-k1assen, während die beiden andern 
eine ähnlichen Inhalts an späterer stelle (zwischen 1432 und 
1433) bringen, wo sie wahrscheinlicher ihren platz gehabt haben 
düi'fte; sicher war dieser umstand auch füi- Lachmann bereits 
ausschlaggebend. Dem gegenüber ist das gemutet, bei dem sich 
übrigens Bartsch statt an gekündet Tit. 142, 2 eher an genaset 
als ein hunt Parz. 313, 21 hätte erinnern sollen, eine belanglose 
kleinigkeit, zumal derartige verbalbildungen bei dem jüngeren 
dichter beliebt sind (vgl. Borcliling s. 132). 

Ich fasse das ergebnis der bisherigen betrachtungen noch 
einmal in kürze zusammen. Ausser den durch die hs. M 
bestätigten strr. *56 — *59 und *61 ist kein einziger der 
Zusätze, die wir im j. Tit. finden, der alten dichtung 
Wolframs zuzuschreiben. Die von Bartsch vorgebrachten 
argnmente, formelle wie inhaltliche, beruhen sammt und sondere 
auf einer zu sporadischen und nirgends tiefer gehenden kenntnis 
der literarischen persönlichkeit des nachahmers; manches was 
ihm für echt Wolframisch galt, forderte uns gerade am stärksten 
zum mistrauen auf. Bartsch bekundet weiterhin damit ein so 
geringes mass von Verständnis für die eigenart Wolframs selbst 
luid ein so wenig fein ausgebildetes Stilgefühl, dass wii- seinen 
weiteren kritisch -chorizontischen Unternehmungen am j. Tit. 
von vornherein sehr skeptisch gegenüberstehen werden, 

Wii- wenden uns zu den beiden neuen bruchstüeken des 
Tit., die Bai'tsch innerhalb des contextes der jüngei'eu über- 
liefei'ung zu erkennen glaubte. Seine ansichten fbiden sich 
in der zweiten hälfte seiner schon mehi'fach citierten abhand- 
lung (Germ, 13, 13). Nur mit ihnen haben wir es im folgenden 
zu tun, wenn wir seine für die echtheit vorgebraeliten argu- 
mente zu entkräften und die ganze hyi)0these als unhaltbar 
zu erweisen versuchen, nicht mit der von ihm versuchten 
lierstelUing des textes in ihren einzelheiten, wie er t 
dei'selben stelle und später in seiner ausgäbe der Wolframschen 



108 LEITZMANN 

gralepen vorgelegt hat. Diese reconstiiiction des von ihm 
vorausgesetzten Originaltextes wäre be,sser als dichtung Bartschs 
zu bezeichnen und ist durchaus wertlos: dass er diese von ihm 
zurechtgemachten Strophen für Wolframisch oder auch nur 
annähernd Wolframisch halten konnte, beweist nur, wie me- 
chanisch ihm seine auch an andern denkmälem mit gleich 
geringem erfolg geübte, von ihm selbst offenbar sehr hoch- 
gehaltene reconstructionsmethode verlorener älterer fassungen 
geworden war, und wie sehr es ihm trotz seiner grossen 
belesenheit an sicherem gefühl für stilistische Individualitäten 
selbst bei einer so leicht fassbaren eigenart, wie sie uns in 
Wolframs werken entgegentritt, gebrach. Merkwürdig ist die 
tatsache, dass Bartsch auch durch das nach erscheinen seiner 
ausgäbe des Albrecht von Halberstadt aufgefundene echte 
bruchstück der Metamorphosen sich nicht zu grösserer vorsieht 
und Zurückhaltung in derlei experimenten bewogen fühlte, da 
ihm doch die Unfruchtbarkeit seiner methode an diesem bei- 
spiel so grell als möglich vor äugen geführt vnirde. Zugegeben 
selbst, dass man das frühere Vorhandensein weiterer Wolfram- 
scher Titurelbruchstücke nachweisen könnte, wäre man doch 
sicherlich gezwungen, auf eine widergewinnung derselben aus 
der jüngeren dichtung zu verzichten: denn, wie Stosch (s. 196 
anm.) mit recht bemerkt hat, wer von uns würde im stände 
sein, die ersten 13 Strophen von Wolframs gedieht aus dem 
j. Tit. zu reconstruieren? Und wenn auch später der nachahmer 
sich fast schritt für schritt an sein grosses vorbild anschliesst, 
wer könnte uns dafür bürge sein, dass er eine solche gewalt- 
same Zerstückelung nicht doch an einer späteren stelle wider- 
holt haben könnte? Sind doch jene anfangsstrophen des Ori- 
ginals in dem werke des epigonen im wahrsten sinne des 
Wortes disjecti memhra poetae (Docen s. 21)! 

Bartsch war nicht der erste, der Wolframs geist und aus- 
drucksweise aus einzelnen stellen der jüngeren dichtung heraus- 
zuhören glaubte. Ohne es zu wissen, hatte er einen Vorgänger 
an J. Grimm, der in der oben erwähnten recension (s. 118) 
bemerkt: * vielen der übrigen Strophen, z. b. den herrlichen in 
Sigunens klage, hat notwendig derselbe echte grund unter- 
gelegen, und alle sie tragen das zerarbeitete und zerstörte, 
vornehmlich in den zwei ersten zeilen an sich, welches durch 



I 



TINTBESUOHÜNGEN DBBEB WOLFRAMS TITDBEL. iDS 

die Umarbeitung so einleuchtend erklärt wird und an sich 
durchaus nicht in der beschaffenheit der siebenzeiligen versart 
liegen kann.' Grimm liat hier die mit str. 5058 einsetzende 
partie (vgl. Borchling 5.84) im äuge, hat sich aber au* eine 
nähere auseinandersetzuug und begründung seiner ansieht nicht 
eingelassen. Die frage positiv anzufassen und, wie er wenig- 
stens glaubte, mit streng pliüologiscliem rastzeug, hat erst 
Bartsch unternommen. Zwischen Wolframs ersten und zweiten 
abschnitt schiebt ei- ein fi-agment ein, dem er die Überschrift 
'Gamurets tod' gegeben hat. Es umfasst str. 923^955 des 
j. Tit.: str. 932 und 939 scheidet er aus, weil in ihnen die 'geist- 
liche richtung des jüngeren dichtere' deutlich zu Worte komme, 
Str. 948 dagegen aus dem rein äusserlichen gründe (s. 2ö), weil 
er 'den inneren reim nicht zn beseitigen' wisse. Hinter Wolf- 
rams zweiten abschnitt stellt er ein weiteres fragment mit 
dem titel; 'Der abschied': dieses besteht aus str, 1234 — 1264 
des j. Tit., wobei nach str. 1237 nach der autoritftt eines Wiener 
fragments fbei Zarncke no. 34) str. 1192 eingefügt ist. Auf 
diese weise erscheint bei ihm der echte Titurel um 62 Strophen, 
also um fast ein drittel des bisherigen umfangs, vermehrt. Die 
forschung hat sich dieser bereicherung des Wolfi'amtextes 
gegenüber fast durchgängig recht lau verhalten; nur von einer 
Seite ist, wenn ich nichts übersehen habe, bedingungslose Zu- 
stimmung ausgesprochen worden. Dass die neueren auflagen 
der literaturgeschichten von Gervinus und Koberstein diese 
hypothese als bewiesene tatsache aufführen, kann nicht wunder 
nehmen, da Bartsch bei jenem werke als bestimmender rat- 
geber, bei diesem als selbständiger bearbeiter beteiligt war. 
Einen zweifei an der richtigkeit der ai'gumentation von Bartsch 
haben nur Stoseh (s. 195 anra.) und San Marte {Zs. fdph. 15, 391) 
geäussert, beide jedoch ohne sich bis zu beheraterem Wider- 
spruch oder offener negation zu wagen: der letztere gibt nur 
einigen bedenken ausdruck, da er auch in von Bartsch un- 
beanstandet aufgenommenen Strophen 'des salbungsvollen prie- 
ßters spräche', also unwolüamische töne zu vernehmen meint; 
dass der erstere in einei' doch als abschliessend gedachten 
Untersuchung über den älteren Tit. gar nicht daran denkt, das 
Problem fest ins äuge zu fassen, ist beinahe unbegreiflich. 
Mit der zusatzerklärung, dass ich ihn sonst nirgends ernst 



110 LEITZMANN 

nehme, darf ich hier wol auch erwähnen, dass Domanig (Par- 
zivalstud. 1, 5, anm. 1) kurz und klar sein mistrauen bekennt, 
indem er meint, dass Bartsch den Titureltext ' wol freilich mit 
mehr Zuversicht als gründen' bereichert habe. Diesen mehr 
oder weniger sicheren stimmen des zweifeis gegenüber (vgl. 
auch Bötticher, Die Wolframlit. s. 9) hält allein Hamburger in 
seiner abhandlung über den dichter des j. Tit. (Zs. fdph. 21, 418) 
Bartschs fragmente 'als unwiderleglich echt Wolframisch er- 
wiesen'; bei dieser festen formulierung seines beifalls begreifen 
wir es, dass ihm Bartschs metrische argumente 'durchschlagende 
gründe' scheinen und dass er sogar versucht mit diesen 'objec- 
tiven kennzeichen' ausgerüstet einen eroberungszug in bisher 
unberührte teile der jüngeren dichtung zu unternehmen, auf 
welchen schwankenden boden wir ihn zu begleiten ablehnen 
müssen. Eine nachprüfung der aufstellungen Bartschs ist von 
keinem der genannten forscher auch nur im mindesten ver- 
sucht worden. So steht denn noch Vogt, der letzte wissenschaft- 
liche bearbeiter der mittelhochdeutschen literaturgeschichte, 
der so bedeutungsvollen frage mit einem kühl referierenden 
non liquet gegenüber (vgl. Pauls Grundr. 2\ 1, 282). 

Es ist zunächst unsere aufgäbe, die beweisgründe, die 
Bartsch zur stütze seiner chorizontischen thesen aufführt, 
etwas genauer ins äuge zu fassen. Es sind dieselben beobach- 
tungen, die auch bei der betrachtung der früher behandelten 
einzelnen Strophen sein urteil in erster linie bestimmt haben, 
beobachtungen , die sich auf die rein formelle seite, speciell 
auf die metrik des gedichtes beziehen. Ich habe ihnen früher 
bei der frage nach der echtheit einzelner Strophen keine nähere 
beachtung geschenkt und nur im allgemeinen auf die mislich- 
keit derartiger argumente bei ungenügender empirischer 
Statistik hingewiesen, weil sie eigentlich erst für das uns 
jetzt beschäftigende problem von erheblicherer Wichtigkeit 
sind. Womit beweist nun Bartsch die echtheit seiner beiden 
neuen bruchstücke? Man sollte meinen, er hätte vor allem 
andern versuchen müssen nachzuweisen, dass stil und aus- 
drucksweise, composition und Charakteristik, mit einem worte 
die individuelle dichterische eigenart in jenen abschnitten 
sich erheblich und durchgängig von der sonstigen dichtweise 
des jüngeren epigonen, zu deren genauerer Charakterisierung 



ÜNTEESüCHÜNGEN ÜEBER WOLFRAMS TITÜREL. 111 

uns ja in seinem endlosen machwerk ein reiches material vor- 
liegt, unterscheidet, und dass diese eigenart sich mit der Wolf- 
rams deckt, dessen dichterische und stilistische Individualität 
man mit vollem recht immer für eine durch ihre schroffe und 
scharfkantige form unschwer erkennbare gehalten hat. In 
zweiter Instanz mochten ja immerhin beobachtungen rein 
formeller natur als erwünschte bestätigungen die so gewonnene 
these fester begründen helfen. Aber genau das umgekehrte 
begegnet uns in der abhandlung Bartschs. Für jenen nach- 
weis rührt er keine hand, er begnügt sich vielmehr mit mageren 
bemerkungen: 'gerade in dieser Strophenreihe finde ich einen 
andern dichterischen geist, als sonst im j. Tit. weht' heisst es 
(s, 14) von 'Gamurets tod', 'dass gerade diese Situation Wolfram 
sich auswählte und bearbeitete, wird, wer seine art kennt, 
nicht auffallend finden' (s. 37) vom 'Abschied'. Im Vorder- 
gründe der beweisführung stehen zwei an sich sehr heikle 
formelle beobachtungen, und zwar so aufdringlich, dass die 
beiden eben citierten sätze über den poetischen Charakter der 
bruchstücke sich nur ungefähr wie lichter ausnehmen, die ein 
maier ohne innere anteilnahme einem fertigen bilde nachträg- 
lich aufsetzt. Psychologisch beruht dieser merkwürdige tat- 
bestand, wie ich schon oben erwähnte, auf dem ausgesprochenen 
mangel, den Bartschs philologische begabung nach der seite 
des Stilgefühls hin aufweist, und auf einer mechanisierung der 
Untersuchungsmethode, wie wir sie in seinen textkritischen 
arbeiten schrittweise verfolgen können. 

Doch es ist an der zeit, die kriterien selbst näher zu 
betrachten. Die eine beobachtung Bartschs hat es mit dem 
geschlechtscharakter der caesuren in der Titurelstrophe zu 
tun. Bei Wolfram besteht die Strophe aus drei je durch eine 
caesur in zwei hälften gespaltenen langzeilen von differentem 
umfang und einer kurzzeile mit feststehender hebungszahl. 
Die reimstellen haben durchgängig weiblichen ausgang, in den 
caesuren dagegen wechseln weibliche ausgänge mit männlichen. 
Der jüngere dichter, der im ersten und zweiten verse der 
Strophe den weiblichen caesurreim obligatorisch einführt, ge- 
winnt dadurch also drei klingende reimpaare; diesem über- 
wiegenden gebrauch weiblicher ausgänge fügt sich dann auch 
die caesur der vierten zeile, so dass die typische form der 



112 LEITZMANN 

Strophe bei dem jüngeren dichter an allen sieben in betracht 
kommenden stellen klingenden ausgang zeigt. Bartsch hat 
nun richtig beobachtet, dass der nachdichter in einer grossen 
zahl von fällen die stumpfen caesurausgänge beibehielt, wo 
er sie im originale bereits vorfand; aus dieser tatsache zieht 
er dann den rückschluss, dass überall da wo sich stumpfe 
caesuren in erheblicherer zahl finden, echte Wolframsche 
Strophen zu gründe gelegen haben müssen. Wäre die regel, 
dass der jüngere dichter überall klingende ausgänge bevorzugt, 
stumpfe dagegen meidet, ausnahmslos, so wäre gegen diese 
Schlussfolgerung nichts einzuwenden. Nun ist aber, wie die 
Statistik zeigt, jene alleinherschaft der klingenden ausgänge 
nur in der tendenz, in dem idealtypus der Strophe vorhanden, 
während in Wirklichkeit stumpfe ausgänge in allen drei caesur- 
stellen durch den ganzen j. Tit. hindurch mehrfach vorkommen, 
wenn sie auch, je weiter das werk vorschreitet, desto seltener 
werden. Angesichts dieser tatsache zeigt sich also in Bartschs 
argumentation ein logischer fehler. Die resultate einer früher 
von mir angelegten Statistik der stumpfen caesuren hier vor- 
zulegen bin ich durch Borchlings genaue angaben über diesen 
punkt (s. 112, anm. 1. 2. 113, anm. 1) überhoben. Aus einer er- 
wägung dieser Verhältnisse ergibt sich, dass Bartsch zu keiner 
richtigen ansieht der dinge gelangt ist. Während der dichter 
des j. Tit. an dem ersten viertel seines werkes arbeitete, hat 
er, auch abgesehen davon, dass er Wolframs männliche caesui*- 
ausgänge aus bequemlichkeit beibehielt, seinerseits den be- 
wussten verzieht auf diese art von ausgängen noch gar nicht 
in der schärfe sich als gesetz vorgehalten, zu der er beim 
f ortschritt der arbeit gelangte, ohne doch je ganz sich von 
ihnen freihalten zu können. Diese, wenn ich es so nennen 
darf, entwicklungskrankheit seiner verstechnik kann jedenfalls, 
wenn man dem bisher gesagten beitritt, für unser problem von 
gar keiner bedeutung sein. 

Die andere formelle beobachtung Bartschs erweist sich 
noch weniger brauchbar; sie betrifft die häufige ab weichung 
der lesarten in den caesuren der beiden ersten verse. Er 
constatiert, dass zuweilen die beiden hss.-klassen von einander 
abweichende innere reime aufweisen, und fährt fort (s. 22): *das 
lässt sich nur so erklären, dass die gemeinsame grundlage 



lÜCmjNQEN tIEBEB WOLFRAMS TITUEEl,, 

beider klassen in den betreffenden stroplien überhaupt noch 
keine gereimten caesui*en hatte.' Da nun derartige differenzen 
in den eaesori'einien aueb bei sieber echten Strophen begegnen 
and die originalgestalt des j. Tit., die den uns bekannten be- 
arbeitungen vorausliegt, die alten Strophen Wolframs noch in 
metrisch unbearbeiteter form beiiess (vgl. schon Laclimann 
s. xsix), so schliesst Bartsch 'allein schon' aus der 'analogie 
der tatsachen', dasa alle Strophen mit abweichenden innei-en 
reimen echt sein müssen. Hier liegt nun der logische fehler 
der schlussfolgeiirag noch deutlicher vor äugen als oben bei 
den stumpfen ausgängen: das ausschliessende 'nur' in dem 
oben citierten satze ist vollkommen unberechtigt. Bartsch 
übei-sieht vollständig, dass auch andere als reüi metrische 
motive für die änderung der lesart in dieser oder jener hss.- 
klasse massgebend gewesen sein können, und dass eine ände- 
rung nielit von der reimstelle ausgegangen zu sein braucht, 
wenn sie auch die reimworte in mitleidenscbaft zieht. Genau 
demselben trugschluss begegnen wir in Bartscbs wenige jahi-e 
früher abgeschlossenen Untersuchungen über die vermeintliche 
urgestalt des Nibelungenliedes; auch dort werden abweichende 
lesarten verschiedener hss., die auch die reime berühren, durch 
ihre blosse existenz beweisgründe für das Vorhandensein von 
ält«ren assonanzen. Die factiscben Verhältnisse sind hier wie 
dort ganz analog und legen auch ähnliche erklärungen nahe; 
mit vollem recht hat daher Paul in seiner eingehenden kritik 
der assonanzentlieorie (Beitr. 3, 394) die Unrichtigkeit der er- 
kläning Bartscbs durch beispiele aus dem j. Tit. nachgewiesen. 
Erst eine kritische ausgäbe des j. Tit. kann lehren, wie häufig 
die vielgestaltige Überlieferung des Werkes uns diese merk- 
würdigen abweicimngen der inneren renne darbietet, und sache 
des herausgebei-s wird es «ein, die geschichte des textes so 
darzustellen, dass sie uns in ihren motiven begieiflicli werden. 
Dass sie häufig sind, einsieht man schon aus den von Paul 
nach Zamckes collationen mitgeteilten fällen, die ans den 
letzten 270 strojiben entnommen sind; bestätigt wii-d es auch 
durch die von mir coUationierte partie des textes. Da es un- 
^^ verhältnismässigen räum heanspmchen würde, diese letzteren 
^ft stellen liier aufzuführen, so verweise ich lieber auf Zamekes 
^B kritischen text des Gi'altempels, dessen apparat die ab- 

^^B Beit^e lur gacbicbl« dn deuucbca ipncbc XXVL 



114 LeitzmaKN 

weichungen der lesarten vollständig übersehen lässt. Die 
dort vorkommenden fälle (10, 1. 13, 2. 16, 1. 28, 1. 29, 1. 36, 1. 
69, 1) und die von Paul citierten sind hinreichend, um nach- 
zuweisen, dass Bartschs Schlussfolgerung irrig ist, und dass 
differenzen in den inneren reimen als kriterium der echtheit 
der betreffenden Strophen nicht verwertbar sind. 

Die formellen beweisgründe, die Bartsch als stützen seiner 
construction verlorener Titurelbruchstücke aufgeführt hat, 
haben, wie sich aus den bisherigen betrachtungen ergibt, 
einer kritischen prüfung nicht standgehalten. Nebenher und 
ganz ohne nähere ausführung wurde von Bartsch noch be- 
merkt, dass er in diesen partien der dichtung den geist Wolf- 
rams, seine art und kunst verspüre. Der umstand, dass auf 
diesen wichtigsten punkt einer normalen beweisführung so 
gar nicht näher eingegangen wird, deutet handgreiflich darauf 
hin, dass nicht hier, sondern in dem metrischen calcul und nur 
dort der psychologische grund liegt, auf dem die ganze hypo- 
these erwachsen ist. Wie es aber mit diesem Wolframschen 
geiste steht, das wird aus den betrachtungen deutlich werden, 
durch die ich im folgenden die unechtheit beider abschnitte 
darzutun hoffe. 

Eichten wir unsere aufmerksamkeit zunächst auf 'Gamu- 
rets tod'. Nach Bartschs muster beginne ich mit der äusseren 
form und zwar mit der reimtechnik; ich lasse dabei die caesur- 
reime, da sie ja erst vom bearbeiter eingeführt sind, ganz 
ausser berücksichtigung. Durch die Untersuchungen von 
Kraus und Zwierzina über den reimgebrauch unserer mittel- 
alterlichen klassischen epiker ist neuerdings mit erfolg die 
aufmerksamkeit auf diese sprach- wie literarhistorisch wichtige 
Seite ihrer poetischen technik gelenkt worden. Damit ist eine 
betrachtungsweise glücklich eröffnet worden, die, mit nüch- 
terner vorsieht angewant, der forschung hoffentlich nie mehr 
abhanden kommen wird. In den arbeiten jener beiden ge- 
lehrten sind nun auch für Wolframs reimgebrauch eine anzahl 
von sprachlichen und stilistischen tatsachen nachgewiesen 
worden, die für die vorliegende frage von bedeutung sind. 
Dass reimtechnische beobachtungen für echtheitsfragen mit 
glück verwertbar sind, zeigt Kraus' arbeit über das zweite 
büchlein, das nun wol niemand mehr ernstlich Hartmann von 



I 



ONTEBSUCIIONGEN tlKBEK WÖI.FKAMS TITDREL, 

Aue zuschreiben wird. Prüfen wir den reimgebrauch in 'Ga- 
murets tod' mit den für Wolfram auf grund vollständiger 
Statistik gewonnenen reimtechnisclien gepflogentieiten, so be- 
gegnen wir einer i-eilie von bindungen, die bei Wolfi'am un- 
möglich sind. Wolfram reimt rückumgelautete praeteritale 
indicative wie hisk, luste stets nur mit einander, andrerseits 
nmgelautete casusformen wie brüste, vUiste, ähüste gleichfalls 
nur mit eiuander, so dass durch die strenge seheidung das 
Vorhandensein des Umlauts für die letzteren formen gesichert 
ist (Kraus, Abhh. z. germ. phil. s. 127): 942, 1 finden wir den acc. 
pl. brusle auf den ind. kuste gereimt. Beim typus -unge(n) 
reimt Wolfram die umlautsfähigen conjunctivformen starker 
verba der dritten Masse nui' unter einander, nie etwa mit 
junge, samenunge oder ähnlichen woiten, die widemm unter 
sich eine reimende gruppe bilden, wonach es nicht zweifelhaft 
sein kann, dase er jene conjunctive umlautete (Kraus s. 120): 
947, 1 steht der conj. runge mit junge gebunden. Schon Her- 
mann Fischer (Z. gesch. d. mhd. s. 68; vgl. auch Wrede, Anz. fda, 
16, 287 und Zwierzina, Abhh. z. germ. phil. s. 471) hat gezeigt, 
dass Wolfram die contraction seit, seite < saget, sagete nicht 
kannte und im reime niemals anwendet: 954, 3 zeigt entsdte 
< entsageic im reim auf leite 'leitung'. Nicht Wolfi'amisch 
Ist ferner die bindung zwie {^= zwige) : amie 929,3: er kennt 
das wort 'zweig' nui' mit auslautendem guttural; vgl. zwic : wie 
Parz. 57,9, ewicstic 120,13 und erewiget : stiget TM, im, \. 
Schwache flexion bei nachgestelltem possessivnm verwendet 
Wolfram sehr selten im reim (Kraus s. 135), während sie dem 
jüngeren dichter bei seinem streben nach klingenden ausgängen 
natui'gemäss nahe lag (Borchling s. 113, anm. 2 hat die formen 
nicht richtig beurteilt): 948, 3 reimt die gähe sine auf Äckerinc. 
Endlich ist ein rülirender reim von der art Anschoutce : sckouwe 
944, 1 hei Wolfram nirgends belegt: er reimt den namen von 
Gamurets stammland neunmal auf vrottwe (Schulz, Reimreg. 
8. 96). Im ganzen enthalten also die 30 Strophen von 'Gamu- 
rets tod' sechs reime, die mit Wolfi-ams sonst ganz consequenter 
reimtechnik unvereinbai- sind- 

Auch was die Wortwahl anbetrifft, unterscheidet sich 
'Gamurets tod' merklich von Wolframs echten werken. Wenn 
mir nichts entgangen ist, sind folgende worte und Wendungen 



116 t^BITÄMAKK 

Wolfram unbekannt, während sie in dem bruchstuck begegnen 
(ich lasse wider, was in den caesurreimen steht, ausser be- 
tracht, wodui'ch die liste beträchtlich vermehrt werden könnte) : 
geschefte 923, 4 (das wort ist wol hier im juristisch-technischen 
sinne als 4etztwillige Verfügung, testament' zu fassen, wofür 
Lexer 1, 897 reiche belege aus prosaquellen gibt); sich sloufen 
bildlich 'sich eindrängen' 929,2 (die belege der Wörterbücher 
entstammen sämmtlich jüngeren quellen; auch sliefen hat Wolf- 
ram nicht reflexiv; es war wol Parz. 28, 12 und Tit. 69, 1 bei 
der obigen wendung dem nachahmer im sinne); vor valsche gar 
schoene 933, 4 (so haben alle hss. statt von bei Hahn; die sonder- 
bare Wendung ist nach den bei Borchling s. 158 besprochenen 
gebildet); genende 'person' 935, 1 (die grammatik verlangt hier 
genenden : wenden, wie nur in D^ überliefert ist); rosenvarwe 
942,4 und rdsenUüete 947,4 (diesen trivialen vergleich kennt 
Wolfram nicht, trotzdem er das bild der tauigen rose oder der 
sich eben erschliessenden knospe sehr liebt; vgl. Ludwig, Der 
bildl. ausdr. b. Wolfr. s. 17); diner vreuden Spiegel bildlich für 
Gamuret 943, 4 (das bild ist sehr selten und, wie es scheint, 
nur aus Mariengr.397 und MSF. 168, 12 belegt; auch das banale 
gleichnis vom Spiegelglas, das Meier zu Jol. 148 aus der lite- 
ratur der epigonen reichlich belegt, hat Wolfram nur zweimal 
im Willehalm, worüber Zwierzina s. 462 zu vergleichen ist; 
etwas seitab steht doch Parz. 692, 13); drum 'splitter' 951, 2 
(Wolfram kennt das wort nur in der bedeutung 'ende', für 
'Splitter' braucht er sprize und truni2Ün)\ entrennen 'zerhauen' 
952,1 (ebenso 1341,2. 4953,2; Wolfram kennt nur zertrennen, 
worüber ich im letzten capitel zu 41,2 handle; auch bei dem 
jüngeren dichter ist dieses compositum beliebter); in starJce 
jämers snite kleiden 953, 4 (für dieses seltsame und geschmack- 
lose bild weiss ich keinen weiteren beleg, doch vgl. Borchling 
s. 160); leite 'leitung' 954, 3 (hier liegt eine freie Weiterbildung 
eines Wolframschen bildes vor, deren Varianten Borchling s. 165 
zusammenstellt); söte 'aufwallen' 955, 1 (ähnlich 5058,2. 5864,2); 
geloßte 'gewicht' 955,4 (die verderbte zeile lautet nach B^ diu 
wäge stner hrefte und siner jugent viel nähen gen tödes geloete). 
Durch Borchlings Zusammenstellungen ist uns zum ersten 
male recht deutlich vor äugen getreten, wie der dichter des 
j. Tit. in Charakteren, motiven, bildem, subjectiven und humo- 



DNTBBSDCHDNGEN UEBHB WOI-FRAMS TTFÜREL. 



117 



ristischeii bemerkuugeii, wenduiigeu imd grammatiMclieii stvuc- 
tureii, kiirz auf allen gebieten von AVolframs übeirageoder 
Persönlichkeit beeinflusst ist. Die abhängigkeit ist so stark, 
dass man vielfach geradezu von einer mosaikarbeit ans Wolf- 
ramscheu steinclien reden kann. Charakteristisch f5r den 
epigoneii ist es bei verschiedenen von ihm nachgeahmten stil- 
mitteln und vorstellungsweisen, dass er das vorbild weiter- 
bildet und in mannigfacher weise variiert, womit er, ohne es 
selbst zn merken oder zu beabsichtigen, dem "Wolframscheu 
erbgTit den Stempel seiner eigenen Individualität aufs deut- 
lichst« aufdrückt. 'Garaurets tod' enthält nun eine ganze 
zahl von stellen, die sich als derartige nachahmungen oder 
fortbildungeu Wolframscher gedanken und Wendungen erweisen 
mid damit für die ecbtheitsfrage von bedeutung werden. Ich 
habe mü- folgendes angemerkt: davon ir vrmde wart sihte 923,4 
(viele belege bei Borchling s. 158); diu jämers unerlöste 927, 1 
beruht auf Parz. 733, 16 und Willeh. 92, 30. 166, 29 trürens un- 
erlöst (von Borchling nicht aufgeführt; vgl. noch 2710,4. 3892, 2. 
4512, 2. 5089, 2. 5403, 2); Jmifen im sinne von 'erwerben' 929, 1 
(vgl. Borchling s. 161 ; Wolfram hat es nur vereinzelt neben 
dem sehr häufigen h:zaln); die strengen jämers lere 9S4, i nach 
Parz. 28, 19. 575,12 (vgl. Borchling s. 156 und Förster, Z. spr. 
u. poes. Wolfr. 8.43); altissimus als bezeichnung gottes 936, 1 
nach Willeh. 100, 28. 216,5. 434,23. 454,22 (vgl. noch 60,2. 
1011,1. 1594,1. 5049,2. 5911,3); m vreuden gephendet 941,2 
(vgl. Borchling s. 161, Förster s.50 und Bock, Wolfr. bild. u. 
wöJt. f. fi-. u. leid s. 32); der feuerbei-g Ägi-emont 945, 3 (vgl. 
noch 751, 2, 1662, 3 und Kant, Scherz u. hum. in Wolfr. dicht. 
8.92); der reim soldimente : presente 946,3 stammt aus Pai'z. 
77,5 (die hss. der gruppe G haben auch hier die längereu 
formen); du wtere U rinden scJuirph ein dorn 947,4 erwuchs 
wol aus Parz. 365, 22. 600, 10 (vgl. Borcliling s. 164 und Förster 
8.62); das bild von der presse 948,1 ist ungeschickte Weiter- 
bildung von Willeh. 391, 20 (vgl. Borchling s. 162); e^ ist an 
dir diu minne niat 951, 1 (vgl. Borchling s. 161 und Förster 
8.53); feuer aus helmen schlagen 951,3 (reiche Variationen 
dieses Vergleichs bei Borchling s. 165). Die liste könnte noch 
um einige stellen vermehrt werden, doch mag das angeführte 
fax den vorliegenden zweck genügen. 



118 LEITZMANN 

In reimtechiiik, spräche und stil von ^Gamurets tod' findet 
sich also nichts, wodurch dieses stück aus dem rahmen des 
j. Tit. herausfiele und einem andern Verfasser zugeschrieben 
werden müsste; vielmehr ergaben sich eine reihe merkmale, 
dass jedenfalls Wolfram nicht der Verfasser des Stückes sein 
kann. Dass es keine spur Wolframschen geistes enthält, lehrt 
uns schliesslich auch eine allgemeine erwägung des Inhalts 
und der composition und ein blick auf das zweite buch des 
Parzival, auf dem es in seinen einzelnen elementen ganz offen- 
kundig beruht, indem der Verfasser die erborgten motive mit 
eigener Weisheit zusammenarbeitete. Gamuret reitet, so erzählt 
der Verfasser, zum tode verwundet aus dem kämpfe; Schiona- 
tulander fängt den sterbenden in seinen armen auf. Dass er 
vom pferde gestiegen ist und sich auf der grünen wiese nieder- 
gelegt hat, wird nicht berichtet; die hauptsache ist dem dichter 
die nun folgende lange abschiedsrede des beiden an seinen 
erben. Gamuret vertraut dem jüngling die sorge für sein ver- 
waistes weib und den noch ungeborenen söhn ; zum lohne dafür 
soll ihm Herzelöude später Sigunens band geben, nachdem er 
sie sich zuvor durch ritterdienst erworben hat; verweser von 
fünf ländern soll er sein, in notfällen die hilfe Artus', Kaylets 
und Ekunats anrufen; endlich bittet ihn Gamuret, seine ver- 
waisten mannen sicher in die heimat zu geleiten und alles 
nötige für das heil seiner seele zu tun in hospitäl und guoten 
religiösen, der wort ze himel dringet vil soelecUehe üz hlostem 
und uz Jclosen (932,3). Nach einem kurzen schmerzausbruch 
Schionatulanders beginnt Gamuret eine zweite längere rede: 
zunächst betet er zu Christus und gott um Vergebung der 
Sünden und Verleihung des Sakraments, dann übergibt er Herze- 
löudens hemd und die aus seiner wunde gezogene Speerspitze 
dem Schionatulander, um beides der königin zu überbringen, 
gesteht nochmals seine hoffnung auf erlösung durch das kreuz 
Christi und bittet schliesslich, der kalif möge ihm ein christ- 
liches begräbnis zu teil werden lassen; dann stirbt er. Schio- 
natulander ergiesst endlose klagen über den toten, in die dann 
auch der kalif einstimmt, der den an der leiche ohnmächtig 
gewordenen jüngling zu seiner gemahlin bringen lässt. Diese 
ganze stelle mit ihren endlosen reden ist sicherlich nichts 
anderes als eine breite ausgestaltung des kurzen berichts des 



mrrBRSDCBUNQEN UEUEH WOLb'KAHR TTTUBEL. 

knappen Tarapanis im zweiten biielie des Parzival, der mau 
idie individuelle denk- und empfindungsweise des jüngeren 
dichters auf schritt und tritt ansieht. Jenes pathetische woi"t- 
£eklingel erwuchs aus den in ihrer einfachen und monumentaleu 
Jmappheit ergreifenden werten Wolframs (106,18): 

Alz bemüe und iaz selbe aper, 



s gescheiden hat 
er starp äue alle misselät. 
juncherreiL and die knappeu siu] 
bevalch er der kilnegTn. 



iedoch gtBiHi der wigant. 
altOnwende er Ab dem strite reit 

pläu, der was breit. 
fiber in kom sin kapellSn. 
er sprach mit kurzen Worten sän 
Sine bthte nnd xande her 

Wolfram liess sich sicher nicht die haarsträubende miwahi-- 
Beheinlichkeit zu schulden kommen, einen sterbenden, der sich 
kaum mit mtthe auf dem rosse hielt, lange pathetische reden 
kalten zu lassen; hebt er doch oben selbst hervor, dass Gamuret 
seine beichte mit liurzen warten sprach. Hier hat ein naeh- 
alunender verseschmied die einzelnen von Wolfram angegebeneu 
gedanken jenes mündlichen testaments breit und hohl zum 
ausdmck gebracht, wobei ihm eine anzahl geschmacklosigkeiten 
mit unterlaufen, die niemand Wolfram zutrauen wird (vgl. 937,4. 
843,1. 944,4. 948,4): so namentlich in Schionatulanders klage- 
rede der hinweis auf Gamurets liebesverhältnisse, der aus- 
spruch, dass Herzelöude hei der nacliricht seines todes nicht 
tanzen werde, die Versicherung, dass Gamuret mehr aus kampf- 
Jast als aus geldgier zum kalifen gezogen sei, und anderes 
mehi'. Bestätigend kommt noch der umstand hinzu, dass auch 
für viele andere gedanken des frfigments das zweite buch des 
Parzival nach der sonstigen manier des na^lidichters aus- 
|j;ebentet worden ist, wofüi- ich folgende beispiele anfülire: 
927,3 ich weiz ouch wol, daz si die vmht Terderbet, 

die ai von miner minne empliienc 
= Pftrz.110,14.20 

si sprach: mir w\ got senden 

die werden vrnht von Gamnrete . . . 

die wUe ich bl mir trtlege, 

eiTvähnung von Gamurets minneverhältnissen (943, 1) gelit 
Bof Parz.108,20. 110,5 zurück; 

944, 1 6w6 knt ze Nargäls, WAlei« und Au^honwe, 
fil werdia etat Kingriv&U 



120 LEITZMANN 

= Parz. 103, 7 Wäleis und Anschouwe, 

darüber was si yrouwe; 
si truoc onch kröne ze Norgäls 
in der houbetstat ze Kingriväls; 

946, 1 drier künicriche darüber trüege du kröne 

= Parz. 103, 6 künegin über driu lant, 

108,6 gewaldec künec über driu lant, 
iegltchez im der kröne jach. 

Andererseits ist auch ein schlimmer widersprach mit dem im 
Parzival gegebenen bericht vorhanden: in str. 940 lässt Ga- 
muret den kaufen um ein christliches begräbnis bitten; auch 
im Parzival wird ihm ein solches zu teil, aber wir tätens äne 
der heiden rät erzählt Tampanis (107, 16). Im Parzival werden 
die näheren umstände von Gamurets tod sehr wirkungsvoll 
nur in der rede des Tampanis vor Herzelöude angedeutet, da 
es dem dichter mehr auf den eindruck des ereignisses als auf 
die tatsachen selbst ankam: unser stück ist ein beweis von 
der Sorgfalt, mit der der jüngere dichter sich bemühte, in jede 
kleine lücke, die in der erzählung gelassen war, mit seiner 
nacherfindung einzuspringen, unbekümmert, ob ihr Vorhanden- 
sein vielleicht einer künstlerischen absieht entsprach. Freilich 
findet auch Bartsch (s. 13) jene lücke * auffallend', ^wo doch 
dem liebenden weibe der bericht über seine letzten augen- 
blicke das kostbarste sein musste'. Die dort dafür gegebene 
erklärung ist an sich schon für uns undiscutierbar, da sie auf 
einer falschen ansieht von der Chronologie der Wolframschen 
werke beruht. 

Bei dem zweiten bruchstück Bartschs, dem abschied', 
kann ich mich wesentlich kürzer fassen, da hier schon eine 
kurze betrachtung des inhalts es ganz unbegreiflich erscheinen 
lässt, wie man diese Strophen Wolfram zuschreiben konnte. 
Das stück beginnt mit einem längeren gespräch Schionatu- 
landers und Sigunens: jener fragt die Jungfrau, ob es ihr denn 
mit ihrem brennenden wünsche das brackenseil zu bekommen 
wirklich ernst sei, und bittet ihm die fahrt zu erlassen, wor- 
auf Sigune ihm erklärt, dass nur um diesen preis ihre minne 
zu erlangen sei. Schionatulander versichert, dass für diesen 
lohn nichts ihm zu schwer sein solle, und fleht sie an, sie 
möge ihn einen teil ihres blanken libes, nämlich ihre brüste, 



DNTER80CHÜNGEH OEBEB WOLFRAMB TITÜHEL. 



121 



I 



nackt sehen und beriihi'eii lassen, um mehr ki'aft und mul füi- 
clie bevorstehenden kämpfe dadurch zu gewinnen. Siarnne löst 
ihren gürtel und erfüllt ihm seine bitte, er nimmt innigen 
abschied und folgt der fähi'te des bracken, den inzwischen 
Teanglis von Teseae gefunden hatte. Es liegt deutlieh auf 
der band, dass diese motive und Situationen nicht Wolframiscli 
sind. Das gespräeh der beiden liebenden im anfang wider- 
spricht dem schluss des zweiten echten Wolframschen ab- 
Schnitts: dort weiss Schionatulander bereits sicher, dass die 
ierwerbung des brackenseüs die unumgängliche bedingung 
dafür ist, dass ihm Sigunens liebe zu teil wird; dass ihm 
neuerdings zweifei darüber entstehen, ist ebenso töricht wie 
das ganze gespräeh gesclu'aubt und inhaltsleer. Dass dann 
die geliebte sich dem liebhaber nackt zeigt, am seinen liebes- 
mut zu erhöhen, ist ein motiv, das Schlegel in der Lucinde 
und Gutzkow in seinem geschmacklosen roman 'Wally die 
zweiflerin' verwerten konnte, das aber Wolframs kunst nie- 
mand wird zutrauen wollen. Dem jüngeren dichter freilich 
die Situation so gut, dass er sie noch zweimal wider- 
bringt (2502, 1. 4104, 2). Und nicht nur das ganze motiv, auch 
die einzelzüge sind unmöglich Wolfranüsch: so nennt z. b. 
Schionatulander Sigunens brüste direct die cphel ungevelsckt 
Af bittendem rise {1247, 3). Gewis ist Wolfram in seinen schil- 
demngen der Sinnlichkeit nirgends prüde, aber mit dieser 
atrophe würde man ihm doch eine rohheit der ausdrucksweise 
anfbürden, von der seine höfische kunst nichts weiss. Dass 
flie weiblichen brüste mit äpfeln oder bimen verglichen werden, 
kommt in der hlifischen poesie vereinzelt bei jüngeren epikem 
wie Konrad von Würzhurg und dem dichter des Wigamur vor 
{vgl.SchiiItz, Das höf. leb. 1^,217, anm.5); dass sie direct als äpfel 
oder bh'uen bezeichnet werden, finden wir sonst nur in der 
roheren phantasie und ausdrucksweise Oswalds von Wolkenstein, 
des mönchs von Salzburg oder der fastnachtsspiele. Da der 
dichter des j. Tit. auch sonst anf diesem gebiete wenig zaj-t- 
gefühl besitzt, wird man mir nicht die belege aus Uoethe ent- 
gegenhalten, die Grimm (DWb. 1,533) citiert. 

Dass die sprachliche und stilistische form des bmclistücks 
widerum nicht zu derjenigen der echten werke AVolframs 
stimmt, brauche ich wol nur duich ein paar beispiele zu zeigen, 



122 LEITZMANN 

ohne in eine genauere zergliedemng der Strophen einzugehen. 
Von unwolframschen Worten und Wendungen nenne ich folgende: 
der minne florie 1237, 1 (Wolfram kennt Florie nur als eigen- 
namen, daneben zweisilbiges flori 'glänz der haut', das Parz. 
531, 25. 796, 5. 809, 14 mit U reimt; der nachahmer liebt den 
wortstamm ausserordentlich in appellativen wie eigennamen, wie 
Borchling s. 124. 129 nachweist); morgensterne bildlich 1246,2; 
gezillet: gewület 1248,1 (Wolfram hat beide verba nicht); scelden- 
wünschelarm 1248, 4 (Wolfram kennt überhaupt die composita 
mit wünschel' nicht, die im j. Tit. sehr beliebt sind; vgl. Lexer 
3, 998); begerde 1252, 4 (wie 80, 2. 6061, 2); schrove 1257, 3 (noch 
4923, 1). Auf nachahmung von Parz. 114, 14 beruht 1192, 2 min 
herze klemmet sam ein habendiu zange, ein bild, das der jüngere 
dichter dann nach seiner manier abnutzt (Borchling s. 162). Mit 
Wolfi-ams reimgebrauch unvereinbar sind folgende bindungen: 
soldemende : sende 1239, 1, da Wolfram das t der fremdwörter 
auf -ent nicht erweicht (lente : Nouriente Parz. 790, 15; sente : 
pigmente Willeh. 276, 5) und zudem bei ihm der nominativ 
soldement heisst; brachen : lachen 12hl , 1 wegen sma^he : brache 
Willeh. 240, 9. König Teanglis von Teseac (1263, 1. 1264, 4), 
'ein typischer junger höfischer fürst' (Borchling s. 31), ist gewis 
eine erfindung des jüngeren dichters; die von ihm handelnden 
letzten Strophen des bruchstücks können daher nicht echt sein, 
zumal sie einen neuen faden nur anknüpfen, ohne ihn weiter- 
zuspinnen. Dass der name des turnierorts Florischanze (1235, 3) 
nach dem muster von Alischanz gebildet ist, hat Borchling 
(s. 129) richtig erkannt; durch die bildung vom stamme flör- 
erweist er sich als unecht. Endlich liegt kein grund vor an- 
zunehmen, dass Wolframs Titurel irgend eine Verwendung für 
könig Artus hatte, der hier (1235,4. 1236,2) wie auch in 
'Gamurets tod' (930,3) genannt wird; auch seine einführung 
dürfte auf die rechnung des nachdichters zu setzen sein. 

Somit wird man nach allem vorhergehenden als erwiesen 
ansehen müssen, dass die beiden von Bartsch als stücke 
der echten Titureldichtung aus dem jüngeren Titurel 
construierten bruchstücke unecht sind undinzukunft 
keinen anspruch mehr haben, in einer ausgäbe der 
werke Wolframs zu figurieren. Wir gewinnen durch 
dieses ergebnis eine sichere unterläge für alle weitereu an 



UNTERSUCHUNGEN UEBER WOLFRAMS TITUREL. 



123 



das gedieht anzuknüpfenden untei-suclmngen, die volle bestäti- 
gung der ansieht Laehmanns (s. xxix und sehon früher Kl. 
sehr. 1, 158. 175. 352), dass Wolfram nichts weiter von seinem 
Titurel der naehwelt hinterlassen hat, als was uns in den 
alten hss. überliefert ist; auch der eompilator des jüngeren 
epos hat nicht mehr davon gekannt und vor äugen gehabt, 
als wir heute kennen und besitzen. Ich erwähne noch, was 
schon Zarncke (Beitr. 7, 606) bemerkt hat, dass für die richtig- 
keit dieser auffassung auch der umstand schwer ins gewicht 
fällt, dass die vielbesprochenen Strophen, in denen sich der 
umdichter über seine Wolframsche vorläge und die principien 
seiner bearbeitung derselben ausführlicher auslässt, gerade an 
den beiden stellen des gedichtes stehen, wo die beiden echten 
abschnitte der Originaldichtung beginnen. Den ursprünglichen 
Zusammenhang dieser wertvollen confession hat Zarncke mit 
durchaus einleuchtenden gründen dargelegt. 

Anhang. 

Strophentabelle (ygl. s. 100). 



Lachm. 


G 


H 


M 


j. Tit. 


I. 1 


1 


1 




476 


2 


2 


2 


— 


477 / 478 


3 


3 


3 




568 


4 


4 


4 




585 


5 


5 


5 




588 / 587 


6 


6 


6 


— 


488 


7 


7 


7 


— 


591 


8 


8 


10 




— /617 


9 


9 


8 




618 


10 


10 


9 


— 


619 


11 


11 


11 


— 


573 / 574 ») 


12 


12 


12 




574 a»)/ 621 


13 


13 


13 




622 


14 


14 


14 




631 



') 618. 619 nach 590 H. «) Fehlt ßsC^D^. 
steht aber in allen drei hss.-klassen. 



8) Fehlt bei Hahn, 



Lwbm. 


G 


« 


U 


j.Tit. 


1.15 


15 


15 


_ 


632 


16 


16 


16 


— 


633') 


17 


17 


17 


— 


6M 


18 


19 


18 


— 


m') 


19 


1B 


19 


_ 


636 


20 


20 


20 


— 


637 


31 


21 


21 


— 


638 


22 


ZZ 


23 


— 


639 


23 


23 


2* 


_ 


641 


24 


24 


22 


— 


642 


25 


25 


25 


_ 


643 


26 


Z6 


27 


_ 


649 


27 


27 


28 


— 


651 


28 


2B 


26 


— 


645 


29 


29 


29 


— 


652 


30 


— 


30 


— 


655 


31 


_ 


31 


1 


656 


32 


30 


32 


2 


658 


33 


— 


33 


3 


659») 


34 


— 


34 


6 


661 


35 


31 


35 


6 


662 


36 


— 


36 


4 


660 


37 


32 


37 


7 


664 


38 


33 


38 


8 


665') 


39 


34 


39 


9 


666 


40 


3ö 


40 


10 


667 


il 


36 


41 


11 


670 


42 


37 


42 


12 


671 


43 


38 


43 


13 


672 


U 


39 


44 


14 


673 


45 


40 


45 


15 


674 


46 


41 


46 


_. 


675 


47 


42 


47 


— 


676 


48 


43 


48 


- 


677 



nach 626 H. ») 631—636 nach 626 B'C»D'. 
') 665,3 — 754,2 (fünf blättw) fehlen H. 



CNTEBSUOHÜNOEN CGBBR WÖLF8AM8 TITUBEL. 



125 



Lachm. 


G 


H 


M 


j. Tit. 


1.49 


44 


49 




678 


50 


45 


50 




679 


51 


46 


51 




680 


52 


47 


52 




681 


53 




53 




682 


54 


48 


54 




683 


55 


49 


55 




684 


56 


53 


56 




685 


57 


50 


57 




686 


58 


51 


58 


— 


687 


59 


52 


59 


— 


688 


60 


54 


60 




689 


61 


55 


61 


— 


690 


62 


56 


62 




691 


63 


57 


63 




692 / 693 


64 


58 


64 




697 


65 


59 


65 




704») 


66 


62 


66 


— 


705 


67 


60 


67 




706 


68 


61 


68 




707 


69 


63 






708 


70 


64 


— 




709 


71 


65 






710 


72 


66 






711 


73 


67 






712 


74 


68 




— 


713 


75 


69 




TT 


714 


76 


70 




1 


715 


77 


71 


— 


2 


716 


78 


75 




3 


717 


♦56 






4 


721 


*57 






5 


722 


♦58 






6 


723«) 


♦59 






7 


724 3) 



1) Fehlt B«C*D2. «) Nach 725 B«C*D« und im Regensburger bruch- 
stück (Docen s. 65). ») Fehlt B'C^D«. 



Lachm. 


ö 


H 1 M 


j. Tit. 


1.79 


72 


_ 


9 


718 


80 


73 


— 


10 


719 


81 


7* 


— 


8 


725 


82 


76 


_ 


11 


726 


•61 


— 


— 


12 


727 


83 


77 


_ 


13 


728 


84 


78 


— 


14 


729 


85 


79 


— 


15 


730 


86 


80 


— 


— 


731 


87 


81 


_ 


_ 


732 


88 


82 


_ 


_ 


733 


89 


83 


_ 


— 


734 


90 


84 


— 


— 


735 


91 


85 


— 


„ 


735a') 


92 


86 


— 


— 


736 


93 


87 


_ 


_ 


737 


94 


88 


_ 


— 


740 


95 


89 


— 


— 


738 


90 


9D 


— 


B 


747 


97 


91 


— 


— 


739») 


98 


92 


_ 


— 


741 


99 


m 


— 


— 


742 


100 


94 - 


I 


743 


IUI 


95 ! - 


2 


744 


102 


96 


— 


3 


745 


103 


97 


_ 


4 


746 


104 


98 


— 


6 


748 


105 


99 


— 


7 


749 


106 


100 


— 


S 


750 


107 


101 


— 


9 


753 


108 


102 


_ 


10 


754 


109 


103 ; - 


11 


755 


110 


104 


12 


756 


111 


105 


- 


13 


757 



■) Fehlt bei Hohn, steht aber in beiden hss.-klasseii und im Regent 
burger bruchstUck (Docen s. 69). *) Fehlt B>C'D*. 



tlKTERSUCnUKOBK ÜEBEB WOTiPAAMS TITUBEL. 



Lacbm. 


Ö 


H 


M 


j. Tit. 


L112 


106 


_ 


14 ! 758 


113 


107 


— 


15 


75a 


114 


108 


— 


16 


700 


115 


109 


— 




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116 


110 


— 


— 


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— 


— 


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_ 


_ 


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119 




_ 


_ 


766 


120 




— 


_ 


767 


121 




— 


_ 


769 


m 




— 


— 


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123 




— 


— 


771 


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118 


_ 


_ 


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— 


_ 


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126 


120 


— 


_ 


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— 


— 


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— 


— 


770 


129 


123 


_ 


_ 


777 


130 


124 


_ 


_ 


778 


131 


125 


- 


- 


779 


n.l32 


126 


_ 


_ 


1140 


133 


127 


— 


_ 


1141 


184 


128 


— 


_ 


1142 ') 


135 


129 


_ 1 _ 


1143 


136 


130 


— 


_ 


1145 / 114Ö 


137 


131 


— 


_ 


1148 


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132 


— 


_ 


1149 / UdO 


139 


133 


— 


_ 


1152 


140 


134 


— 


_ 


1I5S 


141 


135 


— 


_ 


1154 


142 


136 


- 


— 


1165 / 1156 ■) 


143 


137 


— 


— 


1157 


144 


138 


— 


_ 


1158 


146 


139 


- 


- 


1159 



') 1142,8—1143,2 feUen H. 



128 



LEITZMANK 



Lachm. 


G 


H 


M 


j.Tit. 


11.146 


140 


— 




1160 


147 


141 






1161 


148 


142 






1162 


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1164 


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1165 


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— 




1166 


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147 


— 




1167 


154 


148 






1168 


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1170 


157 


151 






1171 


158 


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153 




— 


1173 


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155 






1175 


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1178 


163 


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1180 


165 


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— 




1182 


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162 


— 




1186 


169 


163 


— 




1187 


170 


164 






1188 



II. Die composition. 

Im ersten capitel seiner abhandlung 'Zur geschichte der 
Nibelunge not' kommt MüUenhoff, indem er die Stellung der 
mhd. dichter zur nationalen heldensage und zum Stile der 
volkstümlichen dichtung in kurzem überblick mustert, auch 
auf Wolfram zu sprechen: er verrate genaue bekanntschaft 
mit der heldensage, sei stilistisch vom volksepos beeinflusst, 
* seine Titurelstrophe ist nur die kunstvolle gestalt einer der 



1) Fehlt H. 



DKTBRStTCHDNGEN ÜEBBS W0LFBAH3 TTTUBBL. 139 

epischen naliverwanten volksmässigen stroplie ... ja, die ganze 
art, wie er, die herschende höfische weise verlassend, in dieser 
form den fremden stoff zu behandeln anfieng und so das höchste 
in mhd. poesie en-eichte, lässt sich in mehr als einer hinsieht 
eine riickkehr zui' volksmässigen weise nennen' (s. 15). Diese 
Worte charakterisieren bei aller knapplieit die Stellung vor- 
trefflich, welche die Titui-eldJchtung in der dichterischen ent- 
wicklung Wolframs und seiner poetischen ideale und damit 
in unsrer mittelalterlichen literaturgescMchte einnimmt; ich 
komme im sechsten capit«] auf diese dinge zurück. Zwanzig 
jähre später citiert MüUenhoff diese selbe stelle in einem 
redactionellen zusatz zu der bekannten tüchtigen arbeit Her- 
forths über Wolframs Titurel (Zs. fda. 18, 296) 'in einer etwas 
erweiterten fassung', wie er selbst sich auadrüekt; diese er- 
weiterung gibt jedoch der sache ein gänzlich anderes gesicht, 
dessen formen duixih eine hinzugefügte anmerkmig noch schärfer 
und greller beleuchtet werden. Dass er statt 'verlassend' 
'kühn verlassend' setzt und die 'volksmässige' weise nun eine 
'altnationale volksmässige' nennt, sind nur kleinigkeiten ; aber 
statt der worte 'in dieser form den fremden stoff zu behandeln 
anfleng' lesen wii" nun 'ein paar einzelne abschnitte von be- 
sonders anziehendem Inhalt aus dem fremden Stoff herausgriff 
und in einer der yolksmässig epischen nahe verwanten kunst- 
vollen sti-ophe behandelte'. Früher nahm also Miillenhoff wie 
alle andern an, dass Wolfram in nachahmung der volks- 
epik in stil und strophenfoim einen höfischen roman zu dichten 
begann, dessen weitevführung aus irgend einem nicht näher 
berührten gründe dann unterblieb; später dagegen war seine 
ansieht die, der dichter habe einzelne nicht zusammenhängende 
abschnitte seines Stoffes mit bewusster künstlerischer absieht 
isoliert in balladenform behandelt, auf eine bearbeitung des 
ganzen romans aber niemals damit hinausgewollt, Da beide 
Auffassungen sich principiell vollkommen ausschliessen, ja die 

I zweite die ei-ste direct aufhebt, ist es schwer zu begreifen, 
wie Müllenhoff jene eine 'erweiterte fassung' von dieser nennen 
kann. Dass wir aber jene zweite fassung, die den oben dar- 
gelegten sinn nicht mit directen und deutlichen worten aus- 
spricht, richtig gedeut«t haben, zeigt die anmerkung (s. 297): 
'dass diese stücke als einzelne lieder gleich den Nibelungen- 
B.il,i.g, ,ur B<..l,id,l= d=. dcuUchf« sprüht. XAV], ö 



J 



132 LEITZMANN 

Wolfram jedoch undenkbar; er habe den * künstlerischen takt' 
besessen, romane nicht in * lyrische strophenform' einzugiessen. 
Resultat: 'die sogenannten bruchstücke des Titurel müssen 
epische lieder sein, in denen der dichter abschnitte seiner sage 
besungen hat.' Da Wolfram ferner allein unter den höfischen 
epikern sich der strophe bedient, die sonst nur dem volksepos 
eigentümlich ist, und er auch sonst Verständnis und neigung 
für den volkstümlichen Charakter zeigt, so beruht auch hierin 
die nachahmung auf bewusster absieht. Daraus folgt streng 
Lachmannisch: 'dann aber heisst es dem philologen überhaupt 
jede folgerung von dem gewissen auf das ungewisse nach ana- 
logie ähnlicher erscheinungen verbieten, wenn er in den so- 
genannten bruchstücken des Titurel, sofern nicht gewichtigere 
gründe dawider sind, nicht auch lieder nach der weise des 
volksepos voraussetzen darf.' Diese ganze argumentation steht 
und fällt mit der annähme der liedertheorie : nur für den der 
die existenz der volksepen, vor allem des Nibelungenlieds und 
der Kudrun, in form von Lachmannschen einzelliedern um 1200 
für bewiesen annimmt, sind die Schlussfolgerungen bindend. 
Glücklicherweise sind wir nun durch einen dankenswerten Zu- 
fall genau davon unterrichtet, welche gestalt der Nibelungen 
Wolfram bekannt war; da eine kenntnis der Kudrun für ihn 
nicht belegt werden kann, so werden es ja auf dem gebiete 
der volksepik wol in allererster linie die Nibelungen gewesen 
sein, deren form und stil ihm als muster vorschwebten, als er 
auf den bahnen des volkstümlichen epos wandelte. Zarncke 
hat in seiner ausgäbe des Nibelungenliedes (^ s. v; vgl. aber 
schon Pfeiffer, Germ. 2, 84) auf die wichtige tatsache hin- 
gewiesen, dass Wolfram im Parz. 420, 26 auf eine stelle der 
Nibelungen anspielt, die nur in der Wallersteiner hs. über- 
liefert ist (1408,5; bei Zarncke 224,1), die der hss.-klasse C 
zugehört. Diese stelle steht weder in der nach Lachmann 
ältesten redaction A noch in einem seiner echten lieder. 
Wolfram kannte also das Nibelungenlied in derselben gestalt, 
in der es auch uns bekannt ist, und nicht in form von einzel- 
liedern: eine tatsache, deren bedeutung für unser specielles 
Problem wie für die gesammte Nibelungenfrage gar nicht hoch 
genug angeschlagen werden kann. Wer nun noch epische 
lieder als Vorbilder des Titurel annehmen will, muss zugleich 



I lichkeit gemiinen' ebenda), und denen das zu gewinnende 
rcsultat von vornherein sich mit einem parteünteresse amal- 
gamiert ('aber von gewisser seite scheut man einmal alles, 
I was episches lied heisst und die vielbestrittene liedertheorie 
an weiteren beispielen bestätigt' ebenda). Jene 'unbefangenen', 
denen eine hypothese gleich eine erkenntnia repräsentiert, er- 
scheinen bei genauerem zusehen durch die Lachmannsche lieder- 
theorie recht arg voreingenommen. Das xqStov ^ptvdoq in 
Stosehs beweisverfahren sei hier im anfang unsrer kritischen 
Dachprüfung gleich in aller kürze aufgezeigt: durch eine pa- 
rallele niit den alten epischen liedem soll nachgewiesen werden, 
dass die bruchstücke des Titurel ähnliche epische lieder sind, 
obwol wir jene lieder ja gar nicht als historisch gegebene be- 
sitzen, sondern nur durch eine hypothetische, in ihrer Sicher- 
heit und zulässigkeit von mehreren selten stark bezweifelte 
constiTiction gewonnen haben; umgekehrt sollen wider die 
danach auch nur durch hypothese gewonnenen Titurellieder 
die esistenz jener epischen lieder beweisen. Wenn das kein 
typischer zirkelschluss ist, so gibt es keinen. Dieser generelle 
hinweis auf eine hier vorhandene petitio principii mag noi' im 
voraus zeigen, auf welch schwankendem boden das beweis- 
verfahren Stosehs und der anbänger der liedertheorie überhaupt 
in der vorliegenden frage sich bewegt, und soll uns nicht ab- 
halten, den einzelnen von Stosch vorgebrachten argumenten 
I die gebührende autmerksamkeit zu schenken. 

Gewissermassen einieitungsweise bespricht Stosch zunächst 
drei äussere gründe für Müllenhoffs ansieht: die atrophische 
form trotz des umfangreichen Stoffes, den volkstümlichen Cha- 
rakter der Titurelsü-ophe und das Verhältnis des Titurel zum 
Parzival. Die ersten beiden punkte will ich, da sie in un- 
mittelbarer beziehung zu einander stehen, gemeinsam betrachten, 
Stosch construiert aus den bei Wolfram gegebenen vereinzelten 
andeutungen den vermutlichen inhalt und gang der ei'zählung 
von Schionatulander und Sigune und findet dann, der stoff, 
'der verarbeitet zum roman ein umfangi'eiches werk ergeben 
hätte', passe in keiner weise zu der 'künstlich gebauten lyi-i- 
sehen' Strophe. Ein solcher 'misgriff in der form' sei wol dem 
^B- j. Tit. und den 'Sammlern unsrer Nibelungen und Kudrun mit 
^K ihrem flickhand werke' zuzutrauen, bei einem 'nieiater' wie 



I 



132 LEITZMANN 

Wolfram jedoch undenkbar; er habe den 'künstlerischen takt' 
besessen, romane nicht in 'lyrische strophenform' einzugiessen. 
Resultat: 'die sogenannten bruchstücke des Titurel müssen 
epische lieder sein, in denen der dichter abschnitte seiner sage 
besungen hat/ Da Wolfram ferner allein unter den höfischen 
epikern sich der strophe bedient, die sonst nur dem volksepos 
eigentümlich ist, und er auch sonst Verständnis und neigung 
füi' den volkstümlichen Charakter zeigt, so beruht auch hierin 
die nachahmung auf bewusster absieht. Daraus folgt streng 
Lachmannisch: 'dann aber heisst es dem philologen überhaupt 
jede folgerung von dem gewissen auf das ungewisse nach ana- 
logie ähnlicher erscheinungen verbieten, wenn er in den so- 
genannten bruchstücken des Titurel, sofern nicht gewichtigere 
gründe dawider sind, nicht auch lieder nach der weise des 
volksepos voraussetzen darf.' Diese ganze argumentation steht 
und fällt mit der annähme der liedertheorie : nur für den der 
die existenz der volksepen, vor allem des Nibelungenlieds und 
der Kudrun, in form von Lachmannschen einzelliedern um 1200 
für bewiesen annimmt, sind die Schlussfolgerungen bindend« 
Glücklicherweise sind wir nun durch einen dankenswerten Zu- 
fall genau davon unterrichtet, welche gestalt der Nibelungen 
Wolfram bekannt war; da eine kenntnis der Kudrun für ihn 
nicht belegt werden kann, so werden es ja auf dem gebiete 
der volksepik wol in allererster linie die Nibelungen gewesen 
sein, deren form und stil ihm als muster vorschwebten, als er 
auf den bahnen des volkstümlichen epos wandelte. Zarncke 
hat in seiner ausgäbe des Nibelungenliedes (^s.v; vgl. aber 
schon Pfeiffer, Germ. 2, 84) auf die wichtige tatsache hin- 
gewiesen, dass Wolfram im Parz. 420, 26 auf eine stelle der 
Nibelungen anspielt, die nur in der Wallersteiner hs. über- 
liefert ist (1408,5; bei Zarncke 224,1), die der hss.-klasse C 
zugehört. Diese stelle steht weder in der nach Lachmann 
ältesten redaction A noch in einem seiner echten lieder. 
Wolfram kannte also das Nibelungenlied in derselben gestalt, 
in der es auch uns bekannt ist, und nicht in form von einzel- 
liedern: eine tatsache, deren bedeutung für unser specielles 
Problem wie für die gesammte Nibelungenfrage gar nicht hoch 
genug angeschlagen werden kann. Wer nun noch epische 
lieder als Vorbilder des Titurel annehmen will, muss zugleich 



UHTEmBCCHTnrQEIT ÜBBER WOLFEÄHS TTTÜREL. 



133 



I 



annehmen, dass sie unbekannten inhaJts und für uns spnrlos 
untergegangen sind; damit entgeht ihm natürlich jede mög- 
Ijchkeit eines Vergleichs und dadurch jegliche Sicherheit der 
sehlussfolgemng. Näher liegt es doch, sich die sache so 
zurechtzulegen, wie sie dem einfachen und unbefangenen blicke 
notwendig erscheint: allerdings ahmte Wolfram mit bewusster 
absieht das volksepos seiner zeit nach, sicherlich in erster 
linie das Nibelungenlied, das ihm als umfangreiches strophisches 
gedieht bekannt war; er kannte keine epischeu einzellieder im 
sinne Lachmanns; das erklärt uns zugleich sein unternehmen, 
die strophische form für ein längeres epos, einen roman anzu- 
wenden. Mag die strophe des Nibelungenliedes immerhin 
ihrem ui-sprunge nach 'lyrisch' sein: wenn sie in dem liede 
,ZH episclier darstelinng vei'wertet und zu so gewaltiger Wirkung 
gebracht war (man traut seinen obren nicht, wenn man 8tosch 
von 'flickhandwerk' sprechen hört), so bewies Wolfi'am damit, 
dass er sie nachahmte und gleichfalls strophisch zu erzählen 
unternahm, sowol den von Stosch vermissten künatlerisehen 
takt als auch ein hohes und mntvolles poetisches streben. 
.Weit entfernt, sich in dei' form täppisch zu vergreifen, konnte 
er gerade mit dieser strophischen erzählung nach Müllenhoffs 
■Worten 'das höchste in mhd. poesie' erreichen. Alles stimmt 
psychologisch wie literargeschichtlich trefflich zusammen und 
gibt eine einfache und einheitliche auffassung, wählend bei 
der auffassung Stoschs sich alles verschiebt und der theorie 
zu liebe gezwungen wird. Auf die epischen formein, die der 
Titurel mit dem volksepos gemein hat, brauche ich nicht näher 
einzugehen, da Stoscli selbst (s. 190, anm.) keinen höheren wert 
auf diese Übereinstimmungen legen will: sicherlich entstammen 
anch sie weniger der nachahmung des volksepos als vielmehi- 
Wolframs dichterischer individualität , zu deren charakteri- 
stischen eigenheiten ja eben das enge pei-sönliche Verhältnis zu 
seinem leserkreise gehört (vgl. im allgemeinen Förster, Z. spr, 
u. poes. Wolfr. a. 30 und Borchling s. 170). Auch das dritte 
äussere argument Stosclis, das Verhältnis des Tit. zum Parzival, 
öbergehe icli kui^z, weil er mir hier auch nicht das mindeste 
beigebracht zu haben scheint, das die lösung der frage fördern 
könnte. Ich gestehe, dass mir die logische folgen chtigkeit in 
einem satze wie 'weil Pai'zival und Titurel demselben sagen- 



134 LEITZHAKK 

kreise angehören, konnte Wolfram nur in dieser volkstüm- 
lichen manier zum zweiten male an seinen Stoff herantreten, 
ohne sich zu widerholen' (s. 191) nicht deutlich geworden ist: 
wer sagt uns denn, dass er sich hätte widerholen müssen? 
Was wissen wir überhaupt von dem, was Wolfram im Titurel 
dargestellt hätte, wenn er ihn vollendet hätte? Nach Stosch 
freilich wollte er * weniger neues bringen ... als gewisse punkte 
des schon früher (im Parzival) gesagten stärker hervorheben ' 
(s. 192): dass der Inhalt der beiden bruchstücke dieser Cha- 
rakteristik entspreche, wird niemand ernstlich behaupten 
wollen. 

Durch die im bisherigen secierten gründe glaubt nun 
Stosch seine aufgäbe bereits erledigt und den beweis für die 
unumstössliche richtigkeit der Müllenhoffschen these erbracht. 
Er weiss nun als gesicherte erkenntnis, dass Wolfram seinen 
Stoff in epischen liedem behandelt hat, ja sogar, ^weshalb er 
ihn so behandeln musste' (s. 192); er hat ein 'resultat ge- 
wonnen' und braucht dies nur noch an der Überlieferung zu 
'erproben'. Dass diese geduldig stillhalten muss, wenn sie in 
das Prokrustesbett der theorie eingespannt wird, ist klar. 
Aber ein eigenartiges beweisverfahren bleibt es immer, rein 
aus theorien und constructionen heraus über eine kritisch- 
historische einzelfrage eine ansieht und ein festes resultat zu 
gewinnen und dies dann an der Überlieferung, die doch den 
eigentlichen ausgangspunkt der betrachtung hätte bilden 
müssen, nur nachträglich zu erproben! Wie nun bei dieser 
Prüfung der Überlieferung nach dem codex der theorie sub- 
jective Willkür und gezwungene construction schrankenlos 
herschen, müssen wir im folgenden in etwas hellere beleuchtung 
rücken. 

Zunächst wendet sich Stosch (s. 192) zu einer betrachtung 
über die composition und innere gliederung des ersten Wolf- 
ramschen bruchstücks. Er gibt eine kurze Inhaltsübersicht 
in einzelnen kleinen absätzen, die die Symmetrie der entwick- 
lung und des aufbaus verdeutlichen wollen. Da auf diese 
gliederung in eine einleitung und sechs kleine abschnitte 
nachher eine wichtige und sehr eigenartige Schlussfolgerung 
gegründet wird, so müssen wir sie einer genauen nachprüfung 
unterziehen. 1) str. 1—12 (s. 196). Hier wird durch die 



l 

I 



Bbschiedsrede des Titiirel. die im eingang das thema der ritter- 
lichen minne bedeutsam und yernehmlicli ansclüägt, die ex- 
Position 'historisch und der intention gemäss' (s. 193) gegeben. 
Zweifellos büdet Titiirels rede den stimmenden accord, aber 
nicht bei str. 12, sondern bereits bei str. U ist ein fühlbarer 
.abschnitt des sinnes: durch die thronentsagung des greisen 
königs erschüttert steht das Ingesinde des grals in tiefem 
schmerze und gedenkt in wehmut seiner langen kräftigen 
mannesjalire. Dann setzt str. 12 neu ein: so war es denn wirk- 
lich unvermeidlich geworden, dass Frimutel an seines vaters 
stelle trat; und str, 13 fährt in unmittelbarem anschluse fort: 
ihm waren zwei holde töchter erblüht. — 2) str. 13—37 (8.196). 
Der abschnitt reicht von Schoysianens vei-mälUung bis zu dem 
-punkte, wo die verwaiste Sigune zu Herzelöude gebracht wird. 
Bei dieser gliederung ist zunächst ein deutlicher Sinnesabschnitt 
bei Str. 25 übersehen (Stösch will fälschlich s. 198, anm. even- 
tuell eine teilung schon bei str. 24 voniehmen); bis dahin wii'd 
.Schoysianens Vermählung und tod, Sigunens geburt und taufe 
erzählt, der Jammer der brüder des verwitweten königs ge- 
schildert, endlich in str. 25 abschliessend berichtet, dass Sigune 
mit ihi-es oheims tochter Kondwiramui's eine frohe und sorg- 
lose kindheit verlebt. Dass mit str. 2ö dann ein neuer abschnitt 
einsetzt, der zunächst Herzelöudens Schicksale nachholt, hat 
bereits J. Grimm (s. 121) an der Übereinstimmung der eingangs- 
formel mit stellen wie Nib. 1083, 1 und Fandgr.2, 149, 41 richtig 
«■kannt. Weiterhin aber schliesst dieser mit str. 2ö beginnende 
absatz sicherlich nicht, wie Stoseh will, mit str. 37, sondern 
schon mit str. 35: hei Herzelöuden, der trefflichsten und be- 
rühmtesten frau ihrer zeit, hatte Sigune das glück erzogen 
zu werden. Str. 36 bringt dann das thema des folgenden, 
Sigunens magtuoniliche mhme, vordeutend ins bewusstsein, 
worauf der Übergang zu Schiouatulanders kindheit gemacht 
wird. — 3) str. 38 — 55 (s. 196). ScHonatulanders knabenalter 
und das aufkeimen der liebe zwischen ilim und Sigunen wird 
geschildert: die melu'fach eingestreuten längeren reflexionen 
unterbrechen den gang der ereignisse und könnten den ge- 
danken, kleinere teüabschnitte zu constatieren, nahe legen, 
wenn nicht ohnehin schon die haaischarfen Spaltungen der 
abschnitte Stoschs den prachtvollen gewaltigen ström der rede 



136 LEITZMANN 

zuweilen recht gewaltsam und zum schaden der poetischen 
Wirkung durch stauende dämme unterbrächen. Sicher aber 
scheint mir, wenn schon wider abgeteilt werden soll, ein 
stärkerer Sinnesabschnitt nicht bei str. 55, sondern erst bei 
Str. 56 zu sein, die das thema des ganzen romans vor dem 
beginn des grossen dialogs der liebenden nochmals aufstellt, 
— 4) Str. 56 — 73 (s. 196). Das liebesgespräch, das dieser ab- 
satz enthält, schliesst mit str. 72; in str. 73 beginnt schon 
etwas neues, und wir begegnen hier wider derselben eingangs- 
formel, die oben zu str. 26 nachgewiesen wurde. Stosch hat 
auch hier den schluss des abschnitts um eine Strophe zu spät 
angesetzt. — 5) — 7). Die letzten drei abschnitte des ersten 
bruchstücks kann selbst Stosch (s. 199) nicht mit seiner son- 
stigen schärfe durch die str. 83 und 108 als grenzsteine fest- 
stellen, da beide Strophen die eigentümlichkeit haben, zugleich 
das vorhergehende abzuschliessen und das folgende anzukün- 
digen, also gewissermassen eine neutrale zwischenregion bilden. 
Hier können wir also ebenso wie beim zweiten bruchstück, 
dessen sehr schwach begründete teilungen (s. 205) einzeln zu 
besprechen ich mir wol ersparen kann, den versuch einer 
solchen Scheidung, gegen den wir überhaupt schon mehr und 
mehr mistrauisch geworden waren, als gänzlich gescheitert 
betrachten. Die geheimen compositionsgesetze, die auf diese 
weise erschlossen werden, sind doch im letzten gründe, mag 
man nun den teilungen Stoschs beistimmen oder andere vor- 
ziehen, deren möglichkeit und grössere Wahrscheinlichkeit ich 
nachgewiesen habe, blutlose Schemen gegenüber der pathetischen 
grosse der diction der genialen dichtung, deren einheitlicher, 
wahrhaft künstlerischer aufbau aller chorizontenklugheit spottet. 
Was soll nun aber eigentlich, wii'd man fragen, durch dieses 
ganze teilen in kleine abschnitte, vorausgesetzt dass es sich 
wirklich widerspruchslos durchführen Hesse, gewonnen werden ? 
Wird denn die wissenschaftliche erkenntnis der dichtung da- 
durch irgendwie gefördert? Zu einer wichtigen entdeckung hat 
Stosch diese betrachtungsweise verholf en, deren resultat gläubig 
hinnehmen mag, wer dazu im stände ist. Die strophenzahl 
jedes einzelnen dieser kleinen abschnitte ist, wie er gefunden 
hat, immer durch 6 teilbar (s. 194)! Wolfram hat also bei 
der abfassung des Tit eine völlig sinn- und zwecklose mystische 



UNTERSUCHUNGEN UEBER WOLFRAMS TITUREL. 137 

Zahlenspielerei getrieben und die mhd. literaturgeschiclite darf 
mit stolz nun neben den heptaden der Lachmannschen Nibe- 
lungenlieder auch die hexaden des Titurel registrieren. Bä 
hceret ouch geloube isuo! Stosch weist zwar (s. 207) darauf 
hin, man werde nicht 'die teilungszahl sechs mit wolfeilem 
spotte widerlegen', da dies auch bei den heptaden nicht ge- 
lungen sei. Indessen wird mir jeder unbefangene zugeben, 
dass es schwer, ja fast unmöglich ist, ein derartiges hirn- 
gespinnst ernsthaft zu discutieren, seit Zarncke in seinem be- 
kannten aufsatz (Preuss. jahrbb. 40, 475) die zahlenspielereien 
Lachmanns gründlich beleuchtet und, sollte man denken, für 
immer abgetan hat. Aber unsere position dieser frage gegen- 
über ist durchaus gar nicht so verzweifelt schwach, dass wir 
notwendig zu den waffen des spottes greifen müssten: auch 
hat das Zarncke meines erachtens in seinem aufsatze nirgends 
getan. Im ernste will ich Stosch nur das oben gewonnene 
resultat entgegenhalten: eine unbefangen vorgenommene gliede- 
rung des Titurel in kleinere abschnitte ergibt nicht durch 6 
teilbare Strophengruppen; vielmehr entstehen nur dann hexaden, 
wenn man mit einer petitio principii ihr Vorhandensein voraus- 
setzt und mit diesem Vorurteil an die betrachtung herangeht. 
Stosch hat die hexaden nur gefunden, weil er sie suchte; ihr 
objectives Vorhandensein ist unbewiesen und unbeweisbar. 

Und noch ein zweites kommt hinzu. Auch wenn man Stosch 
in allen punkten in seiner feststellung der einzelnen abschnitte 
der Titureldichtung beistimmt, auch dann können die hexaden 
erst durch die üblichen weiteren manipulationen, durch athe- 
tesen und ansetzung von lücken, hergestellt werden, wie wir 
sie ja bei der liederconstruction überall in kauf nehmen müssen. 
Auch auf diese kritik des echten und die dabei in action ge- 
setzten kriterien muss ich mit ein paar werten zu sprechen 
kommen. Auf die allgemeine begründung (s. 196), die kenn- 
zeichen des unechten seien dieselben, die Müllenhoff für die 
Nibelungen präcisiert habe, und es zeige sich in der er- 
weiterung und Sammlung epischer lieder überall dasselbe 
princip, das von der 'geschmacklosigkeit gewisser compilatoren' 
bestimmt wurde, brauche ich wol nicht einzugehen: es ist 
schon oft darauf hingewiesen worden, was für ein sonderbarer 
inenschenschla^ diese menge von geschmacklosen interpolatoren 



138 LEITZMANN 

gewesen sein müssten, die es sich zur lebensaufgabe machten, 
schöne und vollendete dichtungen planmässig durch alberne 
oder langweilige zusätze zu zerstören, wenn — es je der- 
gleichen gegeben hätte; denn nirgends und zu keiner zeit ist 
etwas derartiges historisch nachgewiesen, das zudem zu den 
psychologischen Ungeheuerlichkeiten gehören würde. Dass die 
Lachmannschen kriterien des echten von verschiedenen Seiten, 
namentlich von Heinrich Fischer in seiner bekannten Streit- 
schrift einer eingehenden kritik unterzogen worden sind, musste 
Stosch erwähnen und sich mit den dort ausgesprochenen zweifeln 
auseinanderzusetzen versuchen, wozu gar kein ansatz gemacht 
wird. Nun decken sich aber die gründe, durch die sich Stosch 
zur athetese einzelner Strophen bewogen fühlt, durchaus nicht 
immer mit den von MüUenhoff präcisierten kennzeichen. Sechs 
Strophen (33. 34. 36. 94. 135. 136) sind nach Stoschs macht- 
spruch nicht von Wolfram ; nur in zwei fällen aber wird eines 
der MüUenhoffschen kennzeichen verwertet. Str. 33 und 34 
wurden schon von Haupt (Zs. fda. 4, 396) wegen je eines inneren 
reimes für unecht erklärt: nun wird der innere reim einmal 
für die erste dieser beiden Strophen erst durch eine sicher 
falsche caesurstellung hergestellt, die dann leider in die späteren 
auflagen von Lachmanns ausgäbe übergegangen ist, andrerseits 
ist das kriterium, wenn wie hier nur ein verspaar der strophe 
caesurreim aufweist, nicht stichhaltig, da dieser eine innere 
reim sehr wol unbeabsichtigt und zufällig sein kann (vgl. 
Kauffmann, D. metr. s. 80) ; also hat Haupt seine athetese nicht 
'bewiesen', wie Stosch (s. 197) behauptet. Bei str. 135 und 136 
wird der Übergang der construction von einer strophe in die 
nächste als kriterium geltend gemacht (s. 205): dass dies kein 
absolut bindender grund zur athetese ist, musste sogar Lach- 
mann selbst zu Nib. 827 zugestehen. Die str. 36 und 94 da- 
gegen fallen einzig dem hexadensystem zu liebe; denn was 
Stosch (s. 197. 202) gegen sie ins feld führt, dass sie 'unnötig' 
den Zusammenhang unterbrechen und 'unschöne' wortwider- 
holungen enthalten, wird er wol selbst nicht anders als rein 
subjectiv begründet nennen können. Da war freilich guter 
rat teuer, aber den hexaden zu liebe mussten zwei Strophen 
fallen, und er meinte wol, um mit Lachmann (zu Iwein 3474) 
^u reden, mau werde keine andern 'mit leichterem gewissen 



DMTEB8ÜCHUNGBH UBBEH WOLFRAMS TITDBEL. 139 

hingeben' können. — Auch zwei lücken statuiert Stosch ohne 
jede handschriftliche gewähr aus der theorie heraus. Die eine 
vor Str. 132 (s. 204) würde man üim leicht glauben, da der 
nnvermittelte anfang mit sus natürlich kein 'liedanfang' sein 
konnte; wie es sich mit dieser stelle in Wirklichkeit verhält, 
werden wir später sehen. Die zweite nach str, 36 angesetzte 
lücke gewinnt er jedoch nur dui-ch ein gramniatisches mis- 
verständnis (s. 198): er findet, dass nicht erzählt worden ist, 
dass Gamuret es war, der Herzelouden gewann, nachdem er 
vorher zu Belakanen und Amphlisen in beziehungen gestanden 
hatte: 'der dichter will aber str. 37 nur verschweigen, wie 
Gamuret diese eisten Verbindungen löste und wie er Herze- 
löuden sich erkämpfte'. So hat Wolfram das ivie sicherlich 
nicht gemeint, und ich glaube nicht, dass diese stelle ausser 
von Stosch jemals so aufgefasst worden ist: wie ersetzt hier 
wie so häufig im mhd. und nhd. das gewöhnlichere dae in 
objectssätzen (belege dafür im Mhd. wb. 3, 573 a und bei Lexer 
3, 876). Die hexadenhypothese verrät Stosch sogar den um- 
fang der beiden von ihm angenommenen lücken; nach str. 36 
sind zwei, vor str. 132 fünf, wenn nicht elf oder gar siebzehn 
Strophen verloren. Damit dürften wir wol den festen boden 
nüchterner Untersuchung endgiltig verlassen haben, und es ist 

ujEeit, von Stoschs abhandlung abschied zu nehmen. 

Ich hielt es für angemessen, der Widerlegung der aus- 

l'Mnandersetzungen Stoschs so viel zeit und räum zu widmen, 
wie im vorhergehenden geschehen ist, nicht weil sie mii- an 

l^nd für sich so ausserordentlich bedeutsam erschienen, sondern 
weil sie, wie ich schon früher hervorgehoben habe, so kühn 
mit der absieht, etwas abschliessendes zu geben, hervorgetreten 

! sind, und weil factisch seit ihrer Veröffentlichung die forschung 
■ßber diesen grössten torso unsrer mittelalterlichen dichtung 
völlig stagniert hat. Selten dürfte ein altdeutscher text einer 
theoretischen constmction oder einem pai'teidogma zu liebe so 
gemishandelt und vergewaltigt worden sein wie Wolframs 
Titurel durch Stosch, und doch haben wir derartiger esperi- 
mente nicht wenige zu verzeichnen. 




140 LEITZMANN 

Wenden wir uns nun von der negation ziu' position und 
versuchen wir zusammenzustellen, was sich über plan und 
composition von Wolframs Tit. etwa mit hilfe der geringen 
handhaben, die uns leider nur gegönnt sind, wahrscheinlich 
machen lässt. 'Die Vermutung, dass Wolfram es damit auf 
ein grösseres ganze abgesehen habe', so waren MtiUenhoffs 
Worte, * entbehrt ganz und gar jedes haltes.' Dass er selbst 
diese * haltlose Vermutung' früher angenommen und aus- 
gesprochen hatte, wurde oben gezeigt. Und er stand damit 
keineswegs allein; vielmehr ist von allen forschem, die sich 
mit der dichtung eingehender beschäftigt haben, ohne aus- 
nähme die ansieht vertreten worden, dass wir den Tit. als 
brachst ücke einer höfischen erzählung anzusehen haben, die 
aus irgend einem grande nicht fortgesetzt und zum abschluss 
gebracht wurde. Schon der erste herausgeber Docen hat das 
in einer anmerkung klar und scharf ausgesprochen, deren 
Wortlaut ich nachher eitlere. Sein recensent J. Grimm gibt 
einer ähnlichen anschauung ausdruck, wenn er sagt (s. 118): 
'wir gehen davon als etwas gewissem aus, dass das alte lied 
kein blosses fragment, kein blosser versuch, sondern ein ganzes 
gewesen ist, dessen anfang und ende verloren gegangen'; auch 
ihm schien also, was für unsere betrachtung das wesentliche 
ist, das auf uns gekommene fragment nur als teil eines grösseren 
ganzen verständlich; ob dieses ganze einmal vorhanden, wie 
er meint, oder nur im geiste des dichters geplant war, wie 
Docen behauptete, ist eine nebensächliche frage. Mit modifi- 
cationen, die den kern der sache nicht treffen, haben sich in 
ähnlichem sinne Lachmann (an den schon früher citierten 
orten), v. d. Hagen (MS. 4, 210), Pfeiffer (Germ. 4, 305), Bartsch 
(ausgäbe 1^, xvi), Domanig (Parzivalstud. 1, 32, anm.), San 
Marte (Zs. fdph. 15, 390) und zuletzt noch Borchling (s. 96) aus- 
gesprochen. Wenn eine ansieht übereinstimmend von so ver- 
schiedenen selten aus gewonnen wird, so müssen wol in der 
Überlieferung momente gegeben sein, die mit einer gewissen 
zwingenden notwendigkeit den weg dahin weisen. 

Diesen von Müllenhoff abgeleugneten, aber darum nicht 
weniger festen und sicheren *halt' bildet in erster linie str. 39, 2 
des alten gedichtes selbst. Dort heisst es, wie Schionatulander 
in die erzählung; eingeführt wird; 



I 



I 



I 



lUu wenle küneginne im lech rtiz kint; dnz mlleKen wir nocli priBeii. 

ilaz erwarp sin wäriu kiudes süeze: 

er wirt ilirre äventinre herre. ick hän rekt, Aax ick kint durch in giUeze. 

Schon Docen (s. 30) maclit hierzu die anmei'kung: 'der dichter 
hatte es also zuverlässig darauf angelegt, den ganzen romau 
Ton Schoyiiatulanders und Sigunen liebe so zu bearbeiten.' 
Wenn man die genane parallele Parz. 140, 12 daa ir wol müget 
erTcennen, wer dirre ävcntiure herre si daneben hält, so sieht 
man deutlich, dass dirre äventiure herre nichts anderes be- 
denten kann als 'held dieses romans, dieser geachiclite'; ähn- 
lich nennt Wolfram Parz. 434, 1 der frau Äventiure gegenüber 
wortspielend den Paizival ihren und seinen herren. Wenn 
Stosch (s. 207) bemerkt 'äveniiure bedeutet den schriftlich auf- 
gezeichneten bericht, die urkundliche quelle, ohne dass damit 
über die dichtungsart, ob lied oder epopöie, etwas entschieden 
wäre', so setzt er eine gezwungene deutung an stelle einer 
einfachen nnd naheliegenden und kommt ausserdem mit dem 
Sprachgebrauch der mhd, dichter in confliet. Durchaus treffend 
hat Laehmann (s. x) darauf hingewiesen, dass, so alt der name 
äventiure für teile grosser gedichte in hss. sei, hei den dichtem 
selbst nur die ganze sage so heisse; für Wolfram speciell be- 
zeugt das ein überblick über die im Mhd. wb. 1, 71 gesammelten 
stellen. So muss es denn wol angesichts dieser ausdrücklichen 
angäbe Wolfiams bei der anschaaung, dass er einen höfischen 
roman von Schionatulauder dichten wollte, sein bewenden 
haben. Wenn ich weiterhin darauf hinweise, dass er auch 
schwerlich etwas anderes als einen roman habe dichten können, 
da die ganze praxis und technik seiner zeit ihm nm- eben diese 
und keine andere höfische kunstform für ein erzählendes ge- 
dieht nahe legte und er in diesen traditionen seiner zeit natur- 
gemäss befangen war und blieb, so kann ich mich mit diesem 
Wahrscheinlichkeitsargument freilich nur an diejenigen wenden, 
die nicht durch die liedertheorie von anderen künstlerischen 
traditionen überzeugt sind. 

In zweiter Unie kommen dann auch noch eine anzahl 
anderer stellen in betracht, in denen der dichter auf den inhalt 
des von ihm geplanten romans, wenn auch nur in allgemeineren 
Wendungen, anspielt. Diesen inhalt in genaueren einzelheiten 
zu reconstruieren, wie dies mehrfach versucht worden ist, ist 



142 LEITZMANN 

uns natürlich unmöglich. Aus den anspielungen, die im Parz. 
vorkommen, geht nur das mit Sicherheit hervor, dass den beiden 
liebenden, die wir im ersten fragment so glühend ihre empfin- 
dungen für einander äussern hören, eine befriedigung dieser 
Sehnsucht ihrer herzen nicht beschieden war. Die schwere 
Verschuldung, die Sigune dadurch auf sich lud, dass sie ihre 
minne an die widererlangung des brackenseils knüpfte, musste 
sie mit bitteren schmerzen büssen, indem Schionatulander seine 
treue liebe durch einen frühen tod in ritterlichem kämpfe be- 
siegelte. Der Parz. führt uns dann Sigune mit dem leichnam 
des geliebten im schösse und später als einsiedlerin bei seinem 
grabmal vor äugen, wie sie ihr ganzes übriges leben der er- 
innerung an den verlorenen geweiht hat. Wie und auf welchen 
Umwegen im einzelnen Wolfram seine zuhörer zu diesem glanz- 
vollen endpunkte führen wollte, wissen wir nicht. Dass, wie 
Stosch (s. 189) will, auch Schionatulanders Schicksale im Orient, 
ein darauf folgendes neues zusammenleben mit Sigune und 
später abenteuer im suchen nach dem seile und in der Ver- 
teidigung von Parzivals erbe gegen Lähelin geschildert wurden, 
möchte ich nicht mit solcher Sicherheit behaupten. Ein zu 
genaues reconstruieren scheint um so bedenklicher, wenn man 
den Inhalt unsrer beiden erhaltenen bruchstücke mit den 
mageren andeutungen im Parzival zusammenhält, aus denen 
auch nur einen zug der Wolframschen erzählung zu gewinnen 
niemand im stände gewesen wäre. Die oben erwähnten all- 
gemeineren Wendungen, die uns auf den gang der handlung 
einen rückschluss erlauben, vorausdeutungen auf zukünftige 
ereignisse, wie sie das volksepos liebt und wie sie Wolfram 
auch in seinen beiden andern romanen nicht so gar selten, 
wenn auch nicht so häufig anwendet wie hier, wo er den ton 
der volksepik bewusst nachahmt, sind von Stosch in seiner 
abhandlung meines erachtens nicht richtig aufgefasst worden. 
Er bezieht diese vorausdeutungen viel zu ängstlich auf das 
unmittelbar folgende, was ihm freilich bei der aufstellung seiner 
symmetrischen abschnitte in den biedern', die wir oben als 
mislungen zui'ückweisen mussten, eine wesentliche Unterstützung 
gewährt. Dabei übersieht er aber, dass diese Wendungen weder 
im volksepos sich jemals in dieser art, sozusagen als capitel- 
überschriften oder paragraphentitel gebraucht finden, noch 



DHTEEBDCHOSOEN DEBEH WOLFRAMS TTTUHBIi. 



l-fl 



^^^^^ DB 

^B flberliaupt eine solche schematische unbeholfenbeit echten 
^^ dichtem zuzutrauen ist. Diese vorausdeutungen beziehen sich 
stets auf den weiteren oder auch zuweilen weitesten verlauf 
der gesammtfabel; das lehrt eine durchsieht schon einer kleinen 
partie irgend eines uiarer volksepen. Genau so ist es mit 
den ähnlichen stellen im Titurel, die Stflsch (s. 190, anm.) un- 
vollständig aufgezählt hat. Wenn Wolfram str. 37, 4 von mag- 
tuomlicher minne künden will oder 56, 2 ausruft km heeret 
magüick sorge undc manheit mit den arbeiten, so gibt er damit 
das thema seines ganzen romans, nicht einzelner teilstückchen 
an: die liebenden gelangen nie zum gegenseitigen besitz, nach 
dem Schionatulander nt den süesen süren arleiten (72, 2) ringt, 
und so ist Sigunens liebe und der dadurch ihr vei-ursachte 

Rkiunmer zeitlebens jungfräulich; sie bleibt eine magtuomlicke 
witewe (35, 1), wie Herzelöude, ehe Gamuiet sie gewann. Auf 
die ritterlichen kämpfe, die Schionatulander bevorstehen, wird 
auch 102,1. 128,1. 163,4 hingedeutet; noch häutiger wird 
genau wie im Nibelungenliede der tragische ausgang der er- 
zälitung namentlich im zweiten bnichstück von anfang an be- 
tont (108,4. 135,3. 136,4. 138,1. 154,3. 158,4. 159,4). Inder 
Rclilussstrophe (170, 3) wird dann ausdrücklich die Spannung 
auf das endresultat der abenteuerlichen fahrt des jUnglings in 

I aller scbäi-fe en'egt. Wenn Stoscli also (s. 194) fragt, wo in 
den bruchstücken eine lilcke in der composition, wo ein motiv 
Bei, das nicht bis zu ende durchgeführt wäre, wo ein punkt, 
■der zu seinem Verständnis einer directen fortsetzung bedürfte, 
so vermag ich diese fragen mir so wenig anzueignen wie die 
daian angeknüpfte spitzfindige Unterscheidung zwischen einer 
dem 'epischen Sänger' zukommenden 'freiheit', den grundstock 
seiner sage als bekannt vorauszusetzen, und einer lücke in der 

1 composition. Wir sehen nichts von manheit mit den arbeiten 
(56,2), von Schionatulandei« waldverschwendung im minne- 
dienst (102,1), von seinem an prise üf stigen (128,1); nui- 
versprochen wird uns, dass wir es sehen sollen, und die 
Schlussstrophe stellt eine weiterfühi'ung der erzählung direct 
und unzweideutig in aussieht. Und alle diese Spannungen zu 

I lösen, alle diese angedeuteten motive fortzuspinnen war nui' 
möglich im rahmen eines romans. 
Zwei bruchstücke nur dieses geplanten äcbionatulander- 



144 LEITZMANN 

romans sind uns aufbehalten, in der Überlieferung zwar un- 
mittelbar zusammenhängend, aber inhaltlich unverbunden; 
zwischen beiden klafft eine fühlbare lücke, die uns auch der 
j. Tit. nicht überbrücken hilft. Der anfang des zweiten 
fragments schwebt mit einem recapitulierenden sus, dem nichts 
vorangehendes Inhalt gibt, völlig in der luft; wir befinden uns 
in einer ganz andern Situation als zum Schlüsse des ersten 
bruchstücks. Es liegt kein zwingender grund vor, diese lücke 
allein der entstellenden Überlieferung zuzuschreiben: schon 
früher habe ich darauf hingewiesen, dass bereits der jüngere 
bearbeiter diesen unvermittelten anfang vorgefunden hat (vgl. 
oben s. 123). Die str. 170 kündigt eine nicht vorhandene fort- 
setzung an; es ist äusserst wahrscheinlich, dass auch str. 1 
nicht den anfang des ganzen romans hat bilden sollen. Seine 
beiden andern grossen gedichte eröffnet Wolfram durch all- 
gemeine betrachtungen, von denen aus er erst zu seinem 
Stoffe überleitet; man wird schwerlich annehmen wollen, dass 
er es beim Tit., seinem dritten höfischen roman, so ganz anders 
gemacht haben und ohne irgend ein einleitendes wort, ohne 
exposition direct mit der rede des greisen gralkönigs eingesetzt 
haben sollte. Wir erinnern uns, dass schon J. Grimm ähnliche 
anschauungen aussprach und anfang und ende des romans für 
verloren hielt. Näher wol liegt eine andere annähme, die 
den zustand der Überlieferung einfach und vollständig erklärt: 
Wolfram hat zunächst zwei ihn besonders anziehende stücke 
seiner fabel gesondert bearbeitet, ist aber dann nicht mehr 
dazu gekommen, die Verbindung zwischen beiden herzustellen, 
ebenso wie er anfang und ende, vorausgehendes und nach- 
folgendes, sich für spätere zeit zur bearbeitung aufsparte. Er 
bearbeitete also seine quelle nicht streng nach dem chronolo- 
gischen faden der ereignisse, sondern stückweise nach freier 
neigung, um dann die fertigen teile aneinanderzufügen. Diese 
anschauung von seiner arbeitsweise wird uns durch die Über- 
lieferung der Titurelbruchstücke ungezwungen nahegelegt. 
Die perspective, die sich dadurch auch auf seine beiden 
anderen grösseren erzählungen eröffnet, darf ich hier nur 
andeuten: man hat die Selbstverteidigung am Schlüsse des 
zweiten buchs des Parzival für ein späteres einschiebsei ge- 
halten ; man hat neuerdings mit gewichtigen gründen, die mir 



UNTERSUCHUNGEN UEBEB WOLFRAMS TITUREL. 145 

durch Zwierzina und Nolte, auf deren gegenargumente ich an 
anderer stelle näher einzugehen hoffe, nicht erschüttert scheinen, 
die ersten beiden bücher und mit ihnen die reflectierende ein- 
leitung für jünger erklärt als die zunächst folgenden. Der- 
artige behauptungen würden an der composition des Tit. eine 
gewichtige stütze finden. Weshalb Wolfram den Tit. unvollendet 
liess, können wir gleichfalls mit ziemlicher Sicherheit sagen. 
In früherer zeit hat. sich namentlich Pfeiffer (Germ. 4, 805) 
damit abgequält, motive für diese merkwürdige tatsache aus- 
findig zu machen, da ja ihm der Tit. für eine Jugendarbeit 
des dichters galt. Ich brauche auf seine auseinandersetzungen 
nicht des genaueren einzugehen, da alles was er angeführt 
hat und worin ihm Bartsch in der einleitung seiner ausgäbe 
treulich gefolgt ist, sich beim ersten blick als gesucht und 
gezwungen erweist und zum teil auch auf falschen Voraus- 
setzungen beruht. Da der Tit., wenn ich das ergebnis des 
folgenden capitels hier kurz vorausnehmen darf, Wolframs 
letztes, nach dem Willehalm begonnenes werk ist, so werden 
wfr nicht zweifeln können, dass der tod ihn an der fortsetzung 
und Vollendung der bruchstücke gehindert hat, die wir nun 
als gewaltigen torso besitzen. 

Unsre bisherigen betrachtungen über composition und 
technik des Tit. haben, wenn ich es noch einmal kurz zu- 
sammenfasse, folgendes resultat ergeben: die beiden inhalt- 
lich unverbundenen bruchstücke sind nicht 'epische 
lieder' von gesonderter künstlerischer existenz nach 
dem muster etwa der von Lachmann construierten 
Nibelungenlieder'; es sind vielmehr fragmente eines 
geplanten höfischen romans von Schionatulander, an 
dessen abschliessender, lückenloser ausgestaltung 
der dichter, in dessen absieht eine solche zweifellos 
gelegen hat, durch den tod verhindert worden ist. 

HI. Die abfassungszeit. 

lieber das chronologische Verhältnis des Titurel zu den 
beiden andern höfischen romanen Wolframs sind im laufe der 
zeit die verschiedensten ansichten aufgestellt worden. Die 
kritiker der Docenschen ausgäbe (vgl. J. Grimm s. 118 und 
Schlegel s.310) setzten ihn an das ende der dichterischen 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVL IQ 



146 LEITZMAKN 

laufbahn Wolframs, und zwar mehr aus gründen des geffihls 
und wegen eines gewissen eindrucks von künstlerischer reife, 
den sie von den bruchstücken empfiengen, als dass sie ihre 
anschauung durch greifbare beobachtungen und discutierbare 
gründe zu stützen auch nur versucht hätten. Und ein solcher 
nachweis müsste doch unternommen werden, wenn wir auch 
von vornherein zugeben müssen, dass Grimms feiner poetischer 
sinn zu einem durchaus richtigen Werturteil geführt hat, wenn 
er sagt: ^Oranse und selbst der Parzival können sich dem 
Titurel auf keine weise messen'. Zu derselben auf Stellung ist 
dann selbständig, wie es scheint, auch San Marte (Leben und 
dichten Wolframs 2,344) gelangt; aber auch er formuliert, 
ohne sich der älteren gewährsmänner zu erinnern, nur schlecht- 
weg einen subjectiven eindruck von rein individueller beweis- 
kraft. Späterhin erscheint diese möglichkeit, das chrono- 
logische Verhältnis der Wolframschen dichtungen anzusehen, 
ganz und gar ausser beachtung gestellt, und ist auch nirgends 
wider von selten neuerer forscher einer prüfung wert erachtet 
worden; wenn daher ganz neuerdings Wechssler (Die sage v. 
heil, gral s. 181) die Titurelbruchstücke schlechthin als Wolf- 
rams 'letztes, unvollendetes werk' bezeichnet, so spricht er 
nicht die bis heute allgemein herschende ansieht aus. Zwischen 
Parzival und Willehalm hat Lachmann in seiner ausgäbe den 
torso des Tit. eingeordnet, und man darf wol annehmen, dass 
er mit dieser Ordnung auch seiner meinung über die Chrono- 
logie der drei werke ausdruck geben wollte. Pfeiffers hypo- 
these, dass der Tit. ein jugendversuch des dichters und vor 
dem Parzival geschrieben sei, hat Herforth widerlegt, der 
seinerseits zu dem resultat kam (Zs. fda. 18, 297), die bruch- 
stücke seien, 'obwol später begonnen, gleichzeitig mit dem 
Willehalm entstanden'. Dieser meinung, die hauptsächlich auf 
dem Inhalt der nachher näher zu besprechenden str. *61 be- 
ruht, ist man heutigen tages wol fast allgemein beigetreten 
und hat sie auch anderweitig zu stützen versucht. Wer sich 
von der echtheit der str. *61 nicht wie Herforth und andere 
überzeugt halten mochte, ein zweifei, der jetzt allerdings durch 
die auffindung der Münchener fragmente gegenstandslos ge- 
worden ist (vgl. oben s. 103; Nolte, Anz. fda. 25, 304 anm. hat 
das übersehen), musste Lachmanns ansieht zu der seinigen 



UHTBESÜOHÜirGBN ÜEBEB WOLFRAMS TITDREL. 



U7 



I 



machen. Es lässt sich nun, wie ich glaube, in der ganzen 
frage und epeciell auch in bezug auf das zeitliche Verhältnis 
des Titurel zum Willehalm mit Sicherheit zu einem festen er- 
gebnis gelangen iind der Sachverhalt ist wirklich so, wie ihn 
J.Grimm schon vor fast neunzig jähren intuitiv erkannt hat: 
der Schionatiilanderroman ist jünger als der Wille- 
halm und Wolframs letztes, leider unvollendet ge- 
bliebenes werk. Die bausteine, wie ich sie im folgenden 
zum beweise dieser neuen und doch alten behauptnng benutzen 
werde, sind zum allergrössten teile schon von früheren forschem 
zusammengebracht und hergerichtet worden; aber man hat das 
verstreute material bisher nie im zusammenhange betrachtet 
und aus richtigen beobachtongen oft nicht die richtigen schluss- 
folgerungen gezogen. 

Während ich die übrige einschlägige literatur dankbar 
verwerte, darf ich wol, ohne Widerspruch zu befürchten, die 
abhandlungen von Pfeiffer, Domanig und Jauker ein füi- allemal 
von der berücksichtigung ausschliessen; als begründung dieses 
Verfahrens genügen wenige worte. Pfeiffers versuch (Germ. 
4, 301; widerholt Freie forsch, s. 85), Wolframs Titurel als einen 
mislungenen und deshalb vom dichter selbst mit absieht auf- 
gegebenen jugendversuch nachzuweisen, hat ausser bei Bartsch 
(ausgäbe 1^, xv), soviel ich sehe, nur bei Edzardi (Ünterss. 
üb. d. ged. V. St. Oswald s. 105, anm.) volle Zustimmung gefunden 
und darf dui-ch Herforths einwandfreie beweisfühnmg (Zs. fda. 
18,281) für eudgiltig widerlegt gelten. Pfeiffers ansieht ruhte 
in erster linie auf einer falschen deutung der str. 37, die doch 
schon Docen (s. 17. 29) richtig verstanden hatte (vgl. auch noch 
Lachmann s. xxvn und v. d. Hagen, MS. 4, 210); dass dieselbe 
Strophe später für Stosch quelle eines neuen misverständnisses 
wurde, habe ich oben (s. 139) gezeigt. Schon das citat 78, 4 
zeigt klar, was Herfortli noch dui'ch eine reihe anderer stellen 
nacliweist, dass Wolfram im Tit. genaue bekanntschaft mit dem 
voraussetzt, was er im Parz. berichtet hat. Pfeiffers sonstige 
nebengrUnde sind gleichfalls durch die argumentation Herforths 
hinfällig geworden: die ganze construction der stilistischen 
und dicliteiischen entwicklung Wolframs, zu der Pfeiffer auf 
grund dieser hjTJothese gelangt, tut der Überlieferung offen- 
bare gewalt an und ist entschieden zui'ückzuweisen. Bartschs 

10» 



148 LEITZMANN 

darlegung schliesst sich sklavisch an Pfeiffers ausführungen 
an, ohne die dagegen erhobenen schwei'wiegenden einwände 
irgend zu berücksichtigen ; so sind denn auch die neueren auf- 
lagen der literaturgeschichten von Gervinus und Koberstein 
durch die hypothese inficiert worden. Auf die wunderlichen 
theorien näher einzugehen, die Domanig im ersten heft seiner 
Tarzivalstudien' über das chronologische und sonstige Ver- 
hältnis von Tit. und Parz. aufzustellen sich gedrungen gefühlt 
hat, liegt nach den ausführlichen besprechungen von Lucae 
(Anz. fda. 6; 152) und Kinzel (Zs. fdph. 11, 126) trotz des Ver- 
fassers rettungsversuch (ebenda 11, 486) keine veranlassung vor. 
Auch den versuch Jaukers in seinem programm über die chro- 
nologische behandlung des Stoffes bei den klassischen höfischen 
epikern (s.31), die Priorität des Tit. vor dem Parz. aus begriffen 
und erwägungen einer rationalen poetik heraus zu construieren, 
kann man wissenschaftlich nicht ernst nehmen: Wolfram, der 
seinen stoff im Parz. und Willeh. so streng chronologisch zu 
fixieren verstehe, habe diese technik im Tit. nicht geübt, also 
noch nicht gekannt! Die beobachtung an sich mag richtig 
sein; wert für die frage der Chronologie kommt ihr natürlich 
nicht zu, und die tatsache erklärt sich genügend durch den 
oft mit recht hervorgehobenen lyrischen grundcharakter des 
Tit. oder, vorsichtiger gesagt, der auf uns gekommenen frag- 
mente; denn wie Wolfram im vollendeten roman die erzählung 
chronologisch gegliedert haben würde, wissen wir nicht. Es 
wird niemandem beikommen, Jaukers resultat als bestätigung 
von Pfeiffers ansieht, mit der es sich inhaltlich deckt, gelten 
zu lassen. 

Aber noch ein weiterer punkt muss erledigt werden, ehe 
ich zum eigentlichen beweise meiner obigen these fortschreiten 
kann. Herforth schliesst seine mehrfach erwähnte abhandlung 
mit den Worten (s. 296): 'es ist demnach der Tit. . . . unter den 
werken Wolframs dasjenige, das am letzten begonnen worden 
ist. Dass es aber des dichters letzte arbeit überhaupt sei, dürfen 
wir wegen des ebenfalls unvollendeten Willehalm nicht an- 
nehmen. Die bruchstücke werden, obwol später begonnen, 
gleichzeitig mit dem Willehalm entstanden sein'. Gegen den 
Inhalt dieser Sätze und ihre allgemeinen Voraussetzungen muss 
ich zwei einwendungen machen. Einerseits scheint mir die 



UNTERSUCHUNGEN ÜEBER WOLFRAMS TITUREL. 149 

annähme einer gleichzeitigen entstehung von Tit. und Willeh. 
an sich aufs äusserste unwahrscheinlich. Bei einem modernen 
dichter wundern wir uns natürlich keinen augenblick, wenn 
wir ihn an mehreren dichtungen gleichzeitig beschäftigt finden, 
mögen sie nun derselben poetischen und stilistischen gattung 
angehören oder verschiedenen, ja heterogenen dichtungsgebieten 
zuzurechnen sein: die vielfältig verschlungenen fäden des 
modernen geisteslebens, die fülle verschiedenartigster an- 
regungen, ideen und motive, wie sie heute und überhaupt in 
den neueren Jahrhunderten einer dichterpersönlichkeit von 
allen selten zugeführt werden, lassen uns mehrfach neben 
einander aufkeimende und zu gleicher zeit in bearbeitung ge- 
nommene dichterische conceptionen durchaus begreiflich er- 
scheinen; wir bedürfen sogar heutzutage häufig einer eigenen 
absichtlichen concentration, um den anf orderungen einer ein- 
zigen aufgäbe gerecht werden zu können. Diese Verhältnisse 
lassen sich aber nicht ohne weiteres ins mittelalter übertragen; 
sie sind vielmehr für einen mittelalterlichen dichter undenkbar. 
Dieser bearbeitet die eine ihm vorliegende quelle und bedarf 
zu dieser seiner aufgäbe gewis der vollkommensten concen- 
tration: gibt er nun die dichterische bearbeitung nicht aus 
irgend einem gründe vor dem abschluss ganz airf und lässt 
sein werk unvollendet, so dürfte er wahrscheinlicherweise sich 
im bannkreise seiner aufgäbe eingeschlossen halten, bis er 
dieselbe völlig gelöst hat. Ich spreche absichtlich von einer 
aufgäbe, denn in den meisten fällen, wo wie beim höfischen 
roman der klassischen zeit Übersetzungen fremder literatur- 
werke in betracht kommen, arbeitet der dichter direct oder 
indirect auf veranlassung oder im auftrage eines fürsten oder 
gönners, durch den ihm auch seine quelle zu banden kam. 
Entstand während der arbeit ein neuer dichterischer plan, 
der gedanke einer dichterischen behandlung einer anderen 
quelle, so wurde doch gewis das angefangene werk erst zu 
ende geführt, ehe das neue in angriff genommen wurde ; schon 
die lectüi^e der neuen quelle würde, ganz abgesehen von dem 
Zeitverlust, den dichter in einen ganz fremden gedankenkreis 
versetzt und so der älteren arbeit schaden getan haben. Auch 
historisch können wir nirgends, wenn ich nichts übersehen 
habe, einen fall von gleichzeitiger arbeit an verschiedenen 



150 LEITZMANN 

höfischen romanen constatieren. Ich muss daher Herforths 
lösung der vorliegenden frage als innerlich unwahrscheinlich 
abweisen: wir müssen uns die alternative stellen, dass der 
Tit. entweder vor oder nach dem Willehalm gedichtet ist, 
und die entscheidung muss nach einer von beiden selten hin 
ausfallen. Trotz der technisch - metrischen Verschiedenheit 
beider werke, wie sie durch die anwendung der Strophe im 
Titurel und der reimpaare im Willehalm notwendig bedingt 
war, haben wir es doch in beiden fällen mit derselben dich- 
terischen gattung, dem höfischen roman, und mit bearbeitungen 
fremder quellen zu tun; eine gleichzeitige abfassung erscheint 
mir darum um so mehr ausgeschlossen. 

Andererseits scheint mir Herforths auffassung der ent- 
stehung des Willehalm anfechtbar. Zu jener annähme einer 
gleichzeitigen abfassung wird er dadurch förmlich gezwungen, 
dass er den Willehalm für unabsichtlich unvollendet hält. 
Diese verbreitete ansieht ist meines erachtens unrichtig, 
jedenfalls aber unerweisbar. Ich gedenke anderweitig auf 
diese frage eingehend zurückzukommen und begnüge mich hier 
mit einigen kurzen andeutungen. San Hartes ausführungen 
über den plan, den Wolfram in seinem Willehalm verfolgte 
(Ueb. Wolframs ritterged. Wilh. v. Oranse s. 122), sind durch 
Seeber (Ueb. Wolframs Willeh. s. 17), wie ich glaube, nicht 
widerlegt worden; aber sie verlangen eine kritische nach- 
prüf ung, die ich seiner zeit zu geben hoffe. So viel wird 
man mii' ohne weiteres zugeben, dass die tatsache, dass im 
Willehalm der letzte abschnitt der Bataille d'Äliscans (vgl. 
darüber San Marte s. 94) nicht berücksichtigt ist, sondern das 
neunte buch mit dem abzuge des Matribleiz ins heidenland 
schliesst, sich an sich auch anders erklären lässt als dui'ch 
die annähme, Wolfram sei dui'ch den tod an der fortsetzung 
verhindert worden. Es kann sein, dass das exemplar der 
Bataille, das Wolfram durch den landgrafen Hermann erhielt 
und nach dem er arbeitete, am schluss unvollständig war, ihm 
also nichts weiter vorlag.' Noch näher liegt eine andere 
erklärung, die mir die. vorhandene Sachlage richtiger zu 
deuten scheint. Der Willehalm ist nicht unabsichtlich, sondern 
absichtlich unvollendet gelassen worden. Wolfram hat gegen 
ende des achten buches aus irgend einem gründe die lust an 



ÜNTEESüCHÜNGEN UEBEB WOLFRAMS TITÜREL. 151 

der arbeit verloren; das sagen mit aller wünschenswerten 
deutlichkeit die schlussverse (402, 18. 28): 

swer si kan an geläzen, 

als ez der riterschefte gezeme, 

mit minem urloube er neme 

diz maere an sich mit worten . . . 

swer nü lieze niht verderben 

dirre äventiure msere, 

deste holder ich dem wsere. 

Aus freiem entscMuss bricht der dichter seine arbeit ab und 
will sich freuen, wenn der noch übrige dankbare stoff nicht 
verloren geht, sondern von einer andern kundigen hand wider 
aufgenommen wird. Was das treibende motiv zu diesem ent- 
schlusse gewesen sein könnte, wissen wir nicht sicher. Viel- 
leicht war es der tod des landgrafen Hermann, der im neunten 
buche (417,22) als verstorben erwähnt wird: von ihm hatte 
Wolfram einst, wie er selbst (3,8) berichtet, die quelle und 
den auf trag der bearbeitung erhalten, in seinem dienste das 
werk rüstig gefördert; nun mochte ihm sein tod die freude 
an der Vollendung für immer getrübt haben, zumal Hermanns 
nachfolger die weitgehenden literarischen interessen und Sym- 
pathien seines Vorgängers nicht teilte. Dass er dann doch in 
einem neunten buche, dessen eingang (403,6) die verflossene 
arbeitspause deutlich erwähnt, wenigstens die hauptsächlichsten 
fäden der erzählung zu einem gewissen ende spann (vgl. auch 
Kohl, Zs. fdph. 13, 162), dazu liess er sich vielleicht durch das 
zureden teilnehmender freunde bestimmen: aber die alte lust 
fand sich nicht dauernd wider, und auch dies neunte buch 
wurde vor der Vollendung mit einem notdürftigen abschluss 
aufgegeben; es befriedigte z. b. Wolframs fortsetzer Ulrich von 
Türheim so wenig, dass er grosse stücke daraus, wie Kohl 
(s. 158) nachweist, unberücksichtigt liess und die quelle neu 
übersetzte. Nimmt man an, dass der tod die Vollendung ver- 
hinderte, das werk also unabsichtlich fragment geblieben 
wäre, so bleibt der schlusspassus des achten buches unver- 
ständlich und dunkel. Bei der von mir vorgetragenen ansieht 
scheinen mir die tatsachen am ungezwungensten und ein- 
fachsten erklärt zu sein. Die Überlieferung des Willehalm 
kann uns also so wenig wie etwa die bekannten worte Ul- 



152 LEITZMANK 

richs von Türheim über seinen gi^ossen Vorgänger ein hindernis 
sein, den Tit. eventuell für jünger zu erklären; für die chro- 
nologische frage hat jener als vollendet zu gelten, da der 
dichter freiwillig auf eine fortsetzung verzichtet hat. 

Ich wende mich nach erledigung dieser Vorfragen nunmehr 
zum beweise der oben aufgestellten these, dass der Schiona- 
tulanderroman Wolframs letztes werk und später als der 
Willehalm gedichtet ist. Hier ist zunächst der Inhalt von 
str. *61 von allerhöchster bedeutung. Obwol bis zur auffindung 
der Münchener fragmente nur aus dem j. Tit. (727) bekannt, 
wurde sie doch ganz allgemein von Docen bis auf Stosch 
für echt gehalten (vgl. oben s. 103); erst Nolte konnte sie 4n 
Wolfi'ams munde ganz unmöglich' erscheinen; seit dem be- 
kanntwerden von M kann niemand mehr daran zweifeln, dass 
sie Wolframisch ist. An die bemerkung, dass Gamurets rühm 
bei Christen und beiden nie vergessen werden könne, schliesst 
Wolfram die worte an (ich suche den ursprünglichen text 
herzustellen und verweise für das einzelne auf die bemerkungeu 
des letzten capitels): 

Si müezen in erkennen: er mac et niht eralten. 

Hennan von Düringen wilent phlac §ren, der immer künde 

Wunsches walten: 
swä man hoert von sinen genozen sprechen, 
die vor im hin gescheiden sint, wie künde sin lop vür die 

so brechen! 

Daz rede ich wol mit wärheit, niender nach wäne. 

Der rühm Hermanns von Thüringen übertraf alles bisher 
dagewesene, ruft der dichter in stolzer erinnerung seinem 
dahingeschiedenen gönner nach, indem er zugleich den nach- 
geborenen ein bild der nacheiferung aufstellt. Für Bartsch 
war diese Strophe, da er den Titurel für ein jugendwerk 
Wolframs hielt, naturgemäss ein stein des anstosses: statt sie 
aber für unecht zu erklären, stellte er die gezwungene Ver- 
mutung auf, ursprünglich hätten statt der praeterita praesentia 
gestanden, die Umwandlung in das tempus der Vergangenheit 
sei erst durch den jüngeren umdichter vorgenommen worden; 
der Tit. müsse ja auf alle fälle noch bei lebzeiten des land- 
grafen geschrieben sein (Germ. 13, 9). Seine argumente sind 
durch Herforth (s. 294) mit recht als nicht stichhaltig zurück- 



UNTERSUCHUNGEN UEBER WOLFRAMS TITUREL. 153 

gewiesen worden, zumal sie eine petitio principii enthalten. 
Später hat dann Stosch (Zs. fda. 26, 146) diesen nachruf auf 
Heimann mit vollem recht mit der oben erwähnten stelle im 
Willehalm in nähere Verbindung gesetzt, in der des land- 
grafen als eines verstorbenen gedacht wird; aber er hat die 
Schlussfolgerung nicht gezogen, die notwendig aus dieser Zu- 
sammenstellung folgt. Die bewusste stelle im Willehalm steht 
im neunten buche; wir glaubten vorhin den resignierenden 
schluss des achten auf den tod des landgrafen und Wolframs 
tiefen schmerz über dies ereignis beziehen zu dürfen. Wahr- 
scheinlich war Hermann gestorben, während Wolfram am 
achten buche arbeitete, sicherlich nicht erheblich früher; 
demnach würde das erste Titurelfragment frühestens in die- 
selbe zeit wie das neunte buch des Willehalm fallen. Erinnern 
wii' uns nun weiter der obigen ausführungen über die wahr- 
scheinliche continuität der arbeit an ein und demselben roman 
und über die wahrscheinliche entstehung des neunten buches, 
so leuchtet ein, dass es kein allzu gewagter schritt mehr ist, 
wenn wir den Tit. erst nach dem neunten buche entstanden 
ansetzen. Dazu stimmt eine vergleichung der beiden nach- 
rufe, von denen der strophische zweifellos wärmer und mehr 
mit dem ton der tiefsten, durch den wandel der dinge in 
Thüringen gefestigten Überzeugung vorgetragen erscheint. 

Weiterhin haben nach Bartschs vorgange Stosch (Zs. fda. 
32, 471) und Behaghel (Germ. 34, 488) die beobachtung ge- 
macht, dass zwei namen, der des kalifen von Bagdad, Akarin, 
und der der graf Schaft Ehkunats, Berbester, sowie die sara- 
zenische Würdenbezeichnung admirät Wolfram erst durch die 
Bataille d' Aliscans ^ die quelle seines Willehalm, bekannt ge- 
worden sind. Der kalif von Bagdad, der in den ersten 
büchern des Parzival eine wichtige rolle spielt, hat dort keinen 
namen; im Willehalm (vgl. die stellen bei San Marte, Ueber 
Wolframs ritterged. Wilh. v. Oranse s. 140) und im Tit. 40, 2 
heisst er Akarin nach der Bataille (vgl. schon Bartsch, Germ, 
stud. 2, 130). Aus derselben quelle (vgl. ebenda s. 131) stammt 
der Ortsname Berbester, der im Willehalm (die stellen bei San 
Marte s. 142) als Schlachtruf, im Tit. 42, 2 als name der heimat 
des pfalzgrafen Ehkunat vorkommt. Auch hier wider hat 
Stosch die notwendige consequenz seiner beobachtungen nicht 



154 LEITZMANN 

gezogen: 'mithin', sagt er (s. 471), 'wurde der Tit. verfasst 
zu einer zeit, als Wolfram entweder schon am Willehalm 
arbeitete oder doch bereits mit der hauptquelle desselben, 
der Bataille d' Aliscans, sich bekannt gemacht hatte.' Dass 
ich die erste dieser beiden möglichkeiten nicht gelten lassen 
kann, habe ich schon mehrfach betont; aber auch die zweite 
ist äusserst unwahrscheinlich. Wolfram sollte erst die Ba- 
taille d! Aliscans gelesen, dann den Tit. geschrieben und dann 
erst jene früher gelesene quelle bearbeitet haben? Bei jedem 
modernen dichter könnte ich mir einen derartigen process 
denken, bei Wolfram nicht. Dieser konnte wol nicht so gut 
französisch, um ein umfängliches gedieht wie die Bataille zum 
vergnügen durchzulesen und vor der bearbeitung erst eine 
andere dichtung zu schreiben. Als er das französische buch 
vom landgrafen erhielt, bekam er doch wol unmittelbar den 
auftrag der Verdeutschung, und lectüre und dichtung giengen 
dann band in hand; diese annähme scheint mir glaubhafter 
als die Stoschs. Wie genau müsste Wolfram zudem gelesen 
haben oder eine wie merkwürdige auswahl nahm sein ge- 
dächtnis mit dem beträchtlichen namenmaterial der Bataille 
vor, wenn ihm gerade jene zwei nebensächlichen namen, die 
in dem französischen gedieht keine rolle spielen, bei der 
lectüre hängen geblieben sein sollten! Dass er vielmehr beide 
namen für den Tit. aus seinem fertigen Willehalm entnommen 
hat, wird ganz deutlich, wenn wir uns das vorkommen des 
Wortes admirät näher ansehen; auch hier muss die beobachtung 
Stoschs erst fruchtbar gemacht werden. Erst in der mitte 
des neunten buches des Willehalm taucht der name admirät 
als bezeichnung Ten^amers, einer der hauptpersonen des ganzen 
Werkes, auf (432, 16). Kurz darauf wird der name erst er- 
klärt (434, 1): 

Swer den keiserlichen namen hat, 
den die beiden nennent admirät, 
der ist oueh voget ze Baldac. 
Terramßr der beider pblac: 
er was voget und admirät, 

und kommt dann im verlauf des neunten buches nicht weniger 
als vierzehn mal vor (zu den bei San Marte s. 139 gesammelten 
stellen kommt noch 457,21). Wolfi'am gebraucht diese neue 



UNTERSUCHUNGEN UEBEB WOLFRAMS TITUBEL. 155 

bezeichnuiig mit unverkennbarer Vorliebe, und wir können 
sogar bestimmen, woher er sie entlehnt hat: aus dem Rolands- 
lied des pf äffen Konrad. Den engen beziehungen, die den 
Willehalm mit diesem gedieht verbinden, ist San Harte (s. 97) 
sorgsam nachgegangen, hat jedoch diese entlehnung über- 
sehen: der amirät von Palvir (Rol. 130, 28) ist Wolframs 
quelle und die veranlassung dafür gewesen, dass sich auch 
ihm noch am ende seines gedichts der französische wortstamm 
in zwei getrennte worte emeral und admirät spaltete. Aus 
dem neunten buche des Willehalm ist dann der admirät al 
der Sarrazine Tit. 93, 2 übernommen, dessen bedeutung nun 
als bekannt vorausgesetzt wird. 

Landgraf Hermann von Thüringen starb am 25. april 1217 
in Gotha. Nach diesem termin also ist das neunte buch des 
Willehalm gedichtet. Nachdem sich Wolfram dann von der 
Vollendung dieses romans endgiltig losgesagt hatte, nahm er 
den Schionatulanderroman in angriff, von dem er nur zwei 
fragmente hinterliess, als der tod ihn, wol nicht später als 
1218 oder 1219, abrief. Der dichter des j. Tit., der gegen 
1270 schrieb, war, wie es scheint, recht gut orientiert über 
die lebensverhältnisse seines grossen Vorgängers, denn seine 
angaben bestätigen die von uns im vorigen gewonnenen 
resultate durchaus. Er setzt Wolframs Titureldichtung etwa 
fünfzig jähre vor seiner eigenen an und weiss auch, dass 
jener durch den tod an der Vollendung seines werkes ver- 
hindert wurde; das lehrt die in B^C^D^ auf 1139 folgende, 
bei Hahn fehlende Strophe: 

Rime die zwivalten dem brackenseil hie waren 

vil verre hin dan gespalten: darnach die lenge wol in vtinfzic 

jären 
zwivalter rede was ditz msere gesümet. 
ein meister istz üf nemende, swenne ez mit tode ein ander 

hie gerümet. 

Mit den merJcerichen seiner zeit übereinstimmend nimmt er 
zwar an (5910, 1), dass dem Willehalm der anfang, dem Par- 
zival der schluss fehle; hier wird er aber wol die fortsetzung 
Ulrichs von Türheim stillschweigend auf Wolframs rechnung 
setzen, weshalb ich seine ansieht für die oben dargelegte auf- 
fassung des Willehalm nicht als zeugen anführen möchte. 



156 LEITZMANN, UNTERSUCHUNGEN UEBER WOLFRAMS TITUREL. 

Eine betrachtung des stils soll im folgenden das hier ge- 
wonnene resultat noch weiter stützen. 

[Correcturuote. Seit dem abschluss der vorstehenden imtersuchungen 
und der ablief erung des manuscripts an die redaction ist nur eine arbeit 
erschienen , die mir im hinblick auf s. 150 zu einigen bemerkungen anlass 
gibt, Bernhardts aufsatz 'Zum Willehalm Wolframs von Eschenbach' (Zs. 
fdph. 32, 36). Auch Bernhardt kommt (s. 40) auf grund der Schlussworte 
des achten buches, die doch deutlich genug reden, zu dem resultat, dass 
Wolfram * willig' einem fortsetzer seine stelle räumen wollte, dann aber 
doch einen 'notdürftigen schluss' im neunten buche anfügte. Wenn er als 
grund für das abbrechen der arbeit 'ermüdung' und *gefühl der alters- 
schwache ' anführen möchte, so sind das für uns uncontrolierbare annahmen ; 
eine greifbarere motivierung habe ich oben zu geben versucht. Der be- 
kannte nachruf Ulrichs von Türheim steht, was ich noch ausdrücklich be- 
tonen möchte, mit meiner auffassung in gar keinem Widerspruche. Wenn 
Bernhardt (s.37) angibt, auch Gervinus habe wol den Willehalm für vollendet 
gehalten, so stimmt das nicht ganz, da dieser vielmehr sagt (Gesch. d. d. 
dicht. 1^, 610), Wolfram habe das ende des gedichts, das er anfangs nicht 
ganz übertragen wollte, liegen gelassen; auf eine begründung dieses Ver- 
zichts geht er nicht ein. Weiteres mag der oben angekündigten Unter- 
suchung vorbehalten bleiben. — Für die Wolfram bekannte Nibelungen- 
redaction (oben s. 132) und den gebrauch der bezeichnung äventinre (s. 141) 
ist jetzt auch auf Braune, Beitr. 25, 88. 189, anm. 2 zu verweisen. 2. april 
1900.] 

JENA, 4. october 1899. ALBERT LEITZMANN. 




» 



f zu UEBERLTEFERUNG UND TEXT VON KUNZ 
KISTENERS JAK0B8HRÜEDERN. 

In Eulings arbeit über die Jakobsbrüder Kunz Kistenei's 
war die berstelliing des textes die scliwierigste aufgäbe, da 
wir für den gi'üssten teil des werkes auf eine einzige diu-chaas 
nicht fehlerlose hs. zu Wolfenbüttel (A) und auf Gengenbachs 
bearbeitnng (C) angewiesen sind. Trotzdem ist es Euling 
gelungen, un.s einen guten text zu bieten, wenn auch freilich 
noch nicht alles in Ordnung ist. Ich gebe im folgenden einige 
Vorschläge zur Verbesserung zweifelhafter stellen,') und beginne 
mit V. 861—956, die allein ausser in AC noch in den Frank- 
furter fi-agmenten B überliefert sind (abgedruckt mit gegen- 
fiberstellung von A und (■ von R. P. Wülcker, Germ. 17, 55 ff.). 

Für den text der partie ist es natürlich wichtig, das Ver- 
hältnis dieser drei Überlieferungen zu einander sicherzustellen. 
Wülcker a.a.O. s. 55 macht die bemerkung, dass öfters Gengen- 
bachs vorläge melir zu B als zu A stinmie. Er schliesst daraus 
jedoch nicht auf eine engere zusamraengehilrigkeit beider: dies 
wäre auch nicht richtig gewesen. Euling nimmt s. 32 für ABC 
eine gemeinsame grundlage an, die schon stark fehlerhaft ge- 
wesen sei; eine nähere verwant-schaft zwischen zwei derselben 
Bei jedoch ausgeschlossen. Diesen satz begründet er mit dem 
hinweis, dass alle drei Versionen ziemlich viel eigene fehler 
fa&tteu. Das beweist aber nichts, und E.'s annähme ist über- 
haupt nicht stichhaltig. 

Die imtersuchung der verwantschaft von ABU, wobei 
nnter C Gengenbachs vorläge verstanden werden soll, muss 

>) Die nächst elipuden bemerkiingen erwuchsen ana einer demnächst im 
Lit--bL L genn. n. rum. phil. eracheinenden heaprechnng, von der sie ihrea 
lunfftuges wegen losgelilat werden inngsten. 



158 HELM 

ausgehen von v. 867—876, die in AC fehlen, aber in B stehen 
und zweifellos echt sind, nicht ein zusatz von B. Nähmen 
wir an, A und C seien nicht näher verwant, so müssten wir 
behaupten, dass sie beide diese zehn verse selbständig aus- 
gelassen haben. Eine betrachtung der verse zeigt aber, dass 
dies ein sehr merkwürdiger zufall wäre. Es müsste doch ein 
äusserer oder innerer anlass nachzuweisen sein, der diesen 
zweimaligen ausfall wahrscheinlich machen könnte. Davon 
ist nichts zu finden. Weder überspringen auf den gleichen 
reim noch auf einen vers ähnlichen Inhalts ist anzunehmen. 
Der einzige nähere berührungspunkt zwischen 866 und 877 
ist das wort darnach^ man könnte allenfalls zugeben, dass 
dies möglicherweise einmal mitwirken konnte, v. 877 direct 
an V. 866 anzuschliessen. Dass es aber zweimal derart gewirkt 
habe, ist doch im höchsten grade unwahrscheinlich. Viel ein- 
facher und ganz natürlich erklärt sich der Verlust von 867-876 
in AC aus einer gemeinsamen vorläge y, die bereits diese 
verse verloren hatte. 

Ob zwischen dieser vorläge und AC noch weitere Zwischen- 
glieder einzuschieben sind, ist nicht bestimmt zu ergründen, 
für A ist es aber, wie sich unten zeigen wird, anzunehmen. 
Die gemeinsame grundlage aller hss. x ist, wie schon Euling 
erkannt hat, bereits nicht mehr fehlerlos gewesen, so dass sie 
nicht mit dem original gleichgesetzt werden darf. Wir erhalten 
also für die Überlieferung folgendes Schema. ^ 

♦original 



B *y 



♦z C 



Von einer grundsätzlichen bewertung einer der Versionen 
einer andern gegenüber kann also allerdings nicht die rede 
sein, wol aber darf im allgemeinen eine lesart als gesichert 



*) Dass wir eine so beträchtliche zahl von hss. annehmen müssen, hat 
nichts befremdliches, da ja das thema sich, wie wir wissen, einer besonderen 
beliebtheit erfreute. Es wäre deshalb nicht ausgeschlossen, dass auch noch 
weitere fragmente gefunden würden. 



zu KXJNZ KISTENERS JAKOBSBRÜDERN. 159 

gelten, wenn B und eine hs. der gruppe y übereinstimmen. 
Aber auch davon sind ausnahmen möglich. Wenn in x schon 
ein fehler eingedrungen war, so konnte eventuell B und eine 
hs. der gruppe y ihn beibehalten, während die dritte ihn ver- 
besserte; solche gemeinsame fehler von AB oder BC s. unten 
bei V. 905. 925. Wo sich B einerseits und AC andererseits 
mit verschiedenen lesarten gegenüberstehen, muss von fall zu 
fall die entscheidung getroffen werden. Ich gebe nun zunächst 
eine Zusammenstellung der fälle, in denen wir in v. 861 — 956 
auf grund des Verhältnisses der Überlieferung von Euling ab- 
weichen müssen. Daran schliesse ich textkritisches zu den in 
B nicht überlieferten partien des Werkes. 

V. 861 lies well hegern BC. 

V. 866 wol, das Euling beseitigt, ist durch BC gesichert. 

V. 883. Der vers ist in der Überlieferung (AB) metrisch 
zu kurz. Aber das von Euling eingesetzte vor will mir nicht 
recht gefallen. Ich würde als ergänzung vorziehen: verr und 
wit, vgl. Troj. 36033. 

V. 895f. Die von Euling aufgenommene lesart steht nur 
in A. BC haben gemeinsam 

daz er in lieze wizzen daz 
wie im ze helfende was. 

Dem hss.- Verhältnis nach ist dies für das original anzusetzen : 
die ausdrucksweise ist ganz die Kisteners. Das im reime 
stehende da^, das den folgenden satz vorwegnimmt, begegnet 
bei ihm oft, vgl. v. 282. 321. 429. 543. 734. 791. 851. 1035. 
1111. 1114. 1141. 

Auffallen könnte in v. 896 der indicativ. Aber wir haben 
im gedieht selbst noch weitere beispiele für denselben gebrauch : 
V. 907 des herren sun gedahte, wie er die trü volhrahte; v. 1126 
e£f ist nüt lang, do seile er mir, wie im ze helfende was (wörtl. 
= 896!). 

V. 905 fehlt AB aber, das Euling aus C in den text auf- 
nimmt. Zweifellos verlangt der sinn ein doch oder aber: es 
wäre jedoch verfehlt, aus diesem * gemeinsamen' fehler von AB 
auf eine engere Zusammengehörigkeit zu schliessen. Solches 
zufälliges zusammentreffen von hss., die ganz unabhängig von 
einander sind, findet sich ja in der Überlieferung jedes denk- 



160 HELM 

mals. Es wäre übrigens leicht möglich, dass der fehler schon, 
in X steckte und C selbständig dem sinne entsprechend ge- 
bessert hat. 

V. 920 do fehlt AB. Das vom ausfall des aber in v. 905 
gesagte gilt hier in noch höherem grade, da dieses do gar 
nicht vom sinn gefordert wird. Ich würde deshalb sogar vor- 
ziehen, es als einen zusatz von C zu betrachten und zu streichen. 

V. 925 BC da heyme, Euling streicht heyme mit recht. 
Dass BC selbständig heyme zugesetzt haben sollten, ist schwer- 
lich anzunehmen. Wahrscheinlich gehört der fehler schon x 
an, und wurde von A wider beseitigt. 

V. 927 lies einer trachte B, speise, gericht. 

V. 928 lies halde amme und trags (auf trachte zu beziehen) 
hinab, halde ist durch AB, amme durch BC gesichert, se ist 
Zusatz von y, das an der knappen ausdrucksweise halde und . . . 
anstoss nahm und zu trag ein correspondirendes verbum ein- 
setzte. B tilgte das ihm überflüssig scheinende und, das aber 
gerade durch die ergänzung in y für x belegt wird. Zur aus- 
drucksweise selbst ist zu vergl. v. 1030 halde, daz wir hin 
ahe sind, wo halde wie in 928 an stelle eines ganzen Satzes 
steht; 853 sü uf unde halde hin, 

V. 941— 945. 941 f. fehlen in A, sind aber durch BC in 
der von Euling aufgenommenen lesart gesichert. 943 — 945 
übernimmt Euling den text von A; davon fehlen aber 943 f. 
in BC, und 945 lesen diese beiden er sprach: nu wil ich sniden. 
Hierin sieht E. gemeinsame änderungen von BC. Nach dem 
Verhältnis der Überlieferung ist dies nicht denkbar. Vielmehr 
sind auf grund von BC die verse 943 f. dem original abzu- 
sprechen und trotz Euling s. 34 als ein zusatz von A zu be- 
trachten. Wie dieser entstand, ist leicht zu erkennen. Wir 
müssen zwischen y und A noch ein weiteres glied annehmen, 
in welchem v. 941 f., die nach dem ausweis von C in y noch 
standen, ausgefallen waren. Die daduixh entstandene lücke 
im gedankengang sucht A durch einfügen der neuen verse zu 
füllen. V. 945 muss dann ebenfalls die lesart von BC eingesetzt 
werden. Euling hat das wil jedenfalls nicht aufnehmen wollen 
wegen v. 949. Der Widerspruch ist aber nui' ein scheinbarer. 
Der gedankengang ist folgendermassen anzusetzen. V. 934 ff. 



zu KUNZ KISTENEKS JAKOBSBRÜDERN. 161 

klagt der graf , dass er sein kind umbringen müsse; 945 f. 
spricht er den entschluss aus, nun zu ehren der leiden Christi 
die tat zu vollbringen; 947 erwacht das kind und lächelt ihn 
an. Dadurch wird sein entschluss erschüttert. Es ist dies 
ein zug der auch sonst begegnet, z. b. in der sage von Wolf- 
dietrich: Berchtung reitet in den wald, dort das kind zu töten, 
als der kleine aber mit seinen panzerringen spielt und ihn 
anlacht, vermag er die tat nicht zu vollbringen. 

V. 951. BC sprach. Das von Euling aus A aufgenommene 
brach ist zweifellos richtig. B und C haben selbständig ge- 
ändert, was bei diesem ungewöhnlichen ausdruck durchaus 
erklärlich ist. 

V. 74 ff. sind wol anders abzuteilen. Ich ziehe v. 75 zu 74 
und lese durch daz er ein vrum man hiez. Der sinn ist durch- 
aus klar: er hatte land und leute; deshalb hiess er ein an- 
gesehener mann. Das von Euling eingesetzte ze rehte ist 
überflüssig und wird in der Überlieferung durch nichts gestützt. 

V. 76 f. müssen dann natürlich wider in Verbindung gesetzt 
werden. Dazu will aber die lesart von A nicht recht passen. 
Ich lese deshalb 76 mit C durch liep und Idt er nit enliez und 
setze in v. 77 ern were ... 

V. 122 f. können wol recht sein, auffällig ist dabei aber 
die widerholung von v. 122 in v. 129, wenn auch solche wider- 
holungen dem dichterkreis, in welchen Euling Kistener ein- 
reiht, durchaus nichts fremdes sind (vgl. P. Jäckel, Egenolf v. 
Staufenberg s. 17 ff.). Vielleicht ist deshalb in v. 122 zu lesen 
üf der vart V. 123 würde dann eher zu erwarten sein so ez .,, 
Das von Euling in den text aufgenommene daz scheint dagegen 
durch A {daz ez) und C (darumbe daz ez) gesichert, wenigstens 
für die gemeinsame vorläge beider. Ich vermute aber, dass im 
original dieses daz eine andere Stellung hatte und schon dem 
vorhergehenden verse angehörte, dort den Inhalt des folgenden 
vorausnehmend, wie Kistener dies oft tut (s. oben s. 159 zu 
V. 895); wir könnten also für das original wol lesen: 

der her gelobte daz üf der vart, 
so ez ein knabe were, . . . 

V. 210 f. Euling hat 211 gegen die Überlieferung als do 
zugesetzt. Dadurch erhält der vers aber einen sinn, den der 
dichter wol nicht beabsichtigt hat. Eulings text besagt: 'sie 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXYI. H 



wurden nie so froh, als damals und später mänclien tag\ Da 
der dichter aber ja einen ganz besonders hohen grad von 
freude bezeichnen will, so wäre viel angemessener, wenn er 
sagte: 'so froh wurden sie nie vorher noch jemals später 
wider'. Diesen sinn erhalten wir, wenn wir an der Überliefe- 
rung eine änderung vornehmen, die weit geringer ist als die 
Eulings, und lesen noch darnach mangen tag. Das nie in 
V. 210 ist prägnant zu fassen etwa als ob da stünde vor des nie. 

Bedenken erheben sich sodann noch gegen den ausdruck 
sie wurden vröuden vro, der mindestens sehr auffällig ist und 
nirgends belegt werden kann. Ich schlage vor zu lesen an 
oder mit vröuden vro. Zum zweiten Vorschlag ist zu ver- 
gleichen Virginal, str. 136, 12 weset frcelich mit fröuden vro 
(Zupitza, Deutsches heldenbuch 5, 27). An vröuden vro scheint 
sonst nicht belegt zu sein, ist aber sprachlich durchaus in 
Ordnung und hat eine parallele bei Konrad v. Kirchberg 6 so 
wirde ich an stceten vröuden geil (HMS. 1, 26). 

Möglicherweise ist aber vröuden, das ja nur in A steht, 
überhaupt zu streichen und dafür vordes einzusetzen; ein flüch- 
tiger Schreiber konnte sehr leicht vröuden statt vordes lesen. 

V. 229 f. Sowol A als C geben keinen befriedigenden text. 
Wenn Euling trotzdem A folgt, so ist daraus wol nicht zu 
schliessen, dass er dessen lesart für das original in anspruch 
nehmen will. Ein reim wol : vor kann durch nichts glaubhaft 
gemacht werden. Der sonst im alem. bezeugte Übergang von 
r zu Z ist eine reine dissimilationserscheinung, an die hier 
nicht zu denken ist. Wir müssen also notwendig die Über- 
lieferung corrigieren. Ich schlage vor, mit möglichstem an- 
schluss an A zu lesen: 

der pfaffe segente ez wol. 
er vröte sie aber vor: wie sol 
des kindelins name sin. 

Das von Euling v. 229 eingesetzte gar ist nicht nötig (vgl. s. 35 
seine eigene Warnung die verse zu sehr nachzuglätten); zu vröte 
vgl. vrogte : genote v. 671. 717. 

Geschickt ist die darstellung der heiligen handlung v. 229 f. 
geNvis nicht. Es wäre deshalb auch zu überlegen, ob wir in 
V. 229 nicht lieber an einen segen denken sollten, den der 
priester zu beginn der handlung den anwesenden in gesammt- 



Zu KUNZ KISTEKERS JAKOBSBR ODERN. 163 

heit erteilt, und demgemäss sü statt ez lesen; in v. 230 dürfte 
dann das ungeschickte vor gestrichen werden. Freilich ist mir 
von einer benedictio zu beginn der taufhandlung sonst nichts 
bekannt. 

V. 253 — 255. Der nebensatz diez mit ougen sähent hat bei 
dem text, den Euling gibt, keinen sinn: leute, denen die zeichen 
geschahen, müssen sie selbstverständlich mit äugen gesehen 
haben. Sowol A als C weisen aber auf einen andern text hin: 
beide construieren lüte zu v. 253 idi hän gehceret sagen lüte (A), 
von lüten (C). Man lese also: 

. . . sagen 
groze zeichen, die geschähent, 
von Ititen dies {nicht diez!) m. o. s. 

(so übrigens auch Euling in der einleitung s. 47) oder vielleicht 
besser noch mit Umstellung der verse: 

... sagen 
lüte diez mit ougen sahen 
groze z . . . 

V. 263 f. Die Überlieferung lautet: 263 A daz noch wol 
geraten wil, C daz zu eren werden wil, 264 AC daz Teint darf 
man nüt straffen vil, Euling ergänzt für v. 263 den text von 
A nach Staufenberg 501 {des du noch wol genieeen mäht) zu 
daz noch wol g, w. Diesen vers zieht er dann zu v. 262 als 
eine lobende äusserung über die vorher angegebene erziehungs- 
methode. V. 264 betrachtet er als isoliert stehende allgemeine 
Sentenz, vielleicht gegen Rudolf von Ems gerichtet. Dieser 
auffassung fällt das durch AC überlieferte daz zum opfer. 

E.'s auffassung und herstellung dieser verse scheint mir 
durchaus verfehlt. Der von AC überlieferte Wortlaut von v. 264, 
den zu ändern an sich keinerlei grund vorliegt, lässt keinen 
zweifei daran, dass die verse 263 f. in syntaktischem Zusammen- 
hang stehen. 263 ist relativsatz zu 264; der sinn ist klar: 
'das kind, das (von natur) gut geraten will, braucht man nicht 
viel zu strafen'. 

Auf grund davon ist nun v.263 herzustellen, JVöcä wol 
wäre möglich, aber kein glücklicher ausdruck: das noch passt 
nicht in den gedanken hinein. Die Überlieferung zeigt uns 
einen besseren weg. 

Wenn auch das iu A überlieferte geraten vor werden C 

11* 



164 HELM 

zweifellos den Vorzug verdient, so hindert uns doch nichts an- 
zunehmen, dass in einem anderen punkt C das ursprüngliche 
besser bewahrt hat. Ich glaube bestimmt, dass das in C über- 
lieferte eren dem ursprünglichen text angehört. Wir könnten 
also vielleicht einfach dies eren in den Wortlaut von A herüber- 
nehmen und hier noch statt noch einsetzen. Nach eren geraten 
ist freilich ein ungewöhnlicher ausdruck, den ich sonst nicht 
belegen kann, er Hesse sich aber wol erklären. Ich würde in 
nach eren keinen rein modalen zusatz zu geraten erblicken, 
sondern übersetzen: *nach dem vorbild der ehre', wie man 
sonst etwa sagt nach sinen mägen geraten *nach dem vorbild 
seiner verwanten geraten'. Man wird zugeben müssen, dass 
ebensogut als eine person auch ein abstracter begriff als vor- 
bildlich hingestellt werden kann. Ganz ebenso lässt sich der 
ausdruck nach wünsche geraten verstehen. Nach moderner 
auffassung heisst dies: in erwünschter weise geraten, und das- 
selbe kann es auch im mhd. bedeuten. Aber möglich wäre 
auch, dass im mhd. der ausdruck noch mehr sinnliche fülle 
hatte und zu übersetzen ist mit: *nach dem vorbild des »Wun- 
sches« d.h. der idee der höchsten Vollkommenheit'. 

Die lesart nach eren g, liesse sich also wol vertreten. Ich 
ziehe jedoch vor, noch zu streichen und durch das in C ge- 
botene ^e zu ersetzen, und lese also die verse: 

daz ze §m geraten wil, 

daz kint darf man nüt strafen yil. 

Ze eren geraten darf betrachtet werden als ein durchaus pas- 
sendes passivum zu /se eren bringen, das Walther v. d. Vogel- 
weide 87, 3 (den man ze eren bringen mac) anwendet, um ein 
erfolgreiches erziehen zu bezeichnen. Da Walther an dieser 
stelle einen gedanken ausspricht, der dem in unseren versen 
ausgesprochenen ganz ähnlich ist, so wäre es leicht denkbar, 
dass ein directer Zusammenhang zwischen beiden stellen vor- 
liegt. Walthers gedieht hat durchaus den ton, der es populär 
machen konnte. 

V. 266. A im seite, C von im seite. Es ist darnach höchst 
wahrscheinlich, dass in y im gestanden hat, und wir müssen 
versuchen damit auszukommen. * Einem ein ding sagen' = 
einem etwas zusprechen, als eigen beilegen, ist nur selten zu 
belegen. Elisabeth 9517 got dem ere und ewecliche dugent 



zu KUNZ KISTENERS JAKOBSBRÜDEBN. 165 

gesaget si, Fridanc 80, 25 swer in guot und ere seit. Besser 
wäre deshalb wol grozer zu lesen, wozu dann die parallelen 
Wendungen mit jehen zu vergleichen sind (Walther 71, 9 und 
andere). Ja ich halte es sogar für wahrscheinlich, dass im 
original jach stand. Im 14. jh. beginnt das verbum jehen ab- 
zusterben; es wäre deshalb leicht möglich, dass die jüngeren 
Schreiber es beseitigten, wo es Kistener noch angewendet 
hatte; tatsächlich ist es in unserer Überlieferung nur im reim 
( : gesehen 619) belegt. 

V. 296. A dajs din din muoter ist ganz richtig. 

V. 299—302 scheinen nicht in Ordnung zu sein. Gegen die 
lesart von A, die Euling in den text aufgenommen hat, erheben 
sich bedenken wegen der einfachen widerholung der gleichen 
ausdrücke. Wahrscheinlich gehören dem original nur die verse 
299 f. an, die auch C gibt, und die verse 301 f. sind jüngere 
Interpolation. V. 299 f. in C sind sicher eine junge überflüssige 
erläuterung einer zeit, der die Jakobfahrten nicht mehr ge- 
läufig waren. 

V.343f. Diese in A fehlenden verse werden allerdings 
echt sein; aber Bühelers Königstochter 6519 darf als stütze 
dafür nicht herangezogen werden. Die Wendung ist zu all- 
gemein; B kann sie ebensogut selbständig angewendet haben. 

V. 357 f. stehen in der Überlieferung in umgekehrter reihen- 
folge. Die von Euling gegen AC vorgenommene Umstellung 
ist nicht triftig. Die reihenf olge der verse in der Überlieferung 
lässt sich sehr wol rechtfertigen, nur darf man sie nicht mit 
Euling im anschluss an C nach v. 356 einreihen, sondern muss 
ihnen nach A ihre Stellung nach v. 346 anweisen. Hierher 
gehören sie. Auf den ganz allgemein gefassten rat des vaters 
(v. 345 f.) antwortet der söhn gerne, herre, daz tuon ich (Euling 
357); dann gibt der vater eine nähere anweisung, wider be- 
ginnend mit den worten (358) lieber sun, des bit ich dich, 
C hat die verse an den schluss gestellt, um die worte des vaters 
in einem stück zu haben. Dies ist ein leicht begreifliches ver- 
fahren; aber schwer wäre es einzusehen, wie ein schi'eiber dazu 
hätte kommen sollen, die verse, wenn sie ursprünglich am ende 
gestanden hätten, in die mitte zu setzen. 

V. 366. Der vers in A ist zu kurz, aber die einschiebung 
von dich hätte genügt. 



166 HELIC, ZU KUNZ KISTENERS JAKOBSBRÜDERN. 

V. 769 ist wol besser nach C emphäi zu lesen, als gebirt A. 

V. 794 schreiben AC do, das Euling in dar ändert. Die 
lesart der Überlieferung ist jedoch beizubehalten; es heisst nicht 
* dorthin ritten viele', sondern 'dort ritten viele', nämlich im 
tumier (v. 795). 

V. 855 lies uns (C) statt mir. 

V. 1098 A muoter, Euling schreibt vrouwe. In C fehlt der 
vers, aber C 1099 se lieber sun zeigt, dass auch die vorläge 
von C muoter gehabt haben muss. Dass diese lesart dem ori- 
ginal angehört, ist dadurch freilich nicht bestimmt erwiesen; 
ich sehe aber keinen grund daran zu zweifeln. 

Dass A 1099 die anrede lieber man hat, die ich mit Euling 
für ursprünglich halte, widerspricht dem nicht. Wie der junge 
graf vater genannt wird, wo von dem kinde die rede ist, ebenso 
wird seine frau muoter genannt, so auch v. 1149. Dies bedachte 
der Schreiber von C nicht, und setzte in v. 1099 lieber sun ein, 
da er glaubte, unter der muoter in v. 1098 sei die alte gräfin 
zu verstehen, 

V. 1160 ff. Ich glaube nicht, dass nach v. 1162 etwas aus- 
gefallen ist. Wir erhalten einen völlig befriedigenden sinn, 
wenn wir v. 1160 lesen in einen, wie C hat, und in v. 1162 
und streichen. Die interpunction kann fraglich bleiben. Wir 
können v. 1161 mit 1160 verbinden und nach lobe einen punkt 
setzen. Oder wir setzen den punkt nach orden und ziehen 
V. 1161 zum folgenden: got zu eren — und ze lobe dem vürsten 
sant Jacope büwetens . . . Ich ziehe die zweite interpungie- 
rung vor. 

GIESSEN, 20. märz 1900. KARL HELM. 



EIN ZEUGNIS 
FÜR WIRNT VON GRAFENBERG? 

Nachdem das von Benecke zuerst angeführte zeugnis für 
Wirnt von Grafenberg aus dem jähre 1217 sich bei genauerer 
betrachtung in ein nichts aufgelöst hat, müssten wir eine neu 
auftauchende urkundliche erwähnung des dichters mit beson- 
derer freude begrüssen. Eine solche glaubt v. Aufsess gefunden 
zu haben. Im dritten teile seiner Untersuchungen über die 
alten freien geschlechter im gebiet des bistums Bamberg 
(59. bericht des histor. Vereins zu Bamberg, 1898) erwähnt er 
(s. 19 ff. 34) eine Urkunde aus dem jähre 1172, in welcher 
Sigehard und Wiritto de Grevenherc als zeugen für abt Ecke- 
hard von Weissenohe auftreten. 

Es fragt sich, ob wir berechtigt sind, mit ihm in diesem 
W. den dichter des Wigalois zu erblicken. Seine auffassung 
wäre sehr gut zu vereinen mit Pfeiffers ansieht (Wigalois 
s. xiv) über das lebensalter Wirnts bei abf assung des Wigalois. 
Aber umgekehrt zwingt uns Pfeiffers ansieht, falls sie richtig 
ist, gewis nicht dazu, die Urkunde auf den dichter zu beziehen. 
Auch wenn dieser erst etwa 1165 geboren war, kann er zur 
zeit der abf assung des Wigalois als ein mann in reiferem alter 
bezeichnet werden. 

Durch Sarans Untersuchungen (Beitr. 21), die v. Aufeess 
offenbar nicht kennt, ist nun aber Pfeiffers ansieht widerlegt 
und die ältere von Benecke wider in ihr recht eingesetzt 
worden, wonach W., als er den Wigalois schrieb, noch jung 
war. Es folgt daraus, dass der in dieser Urkunde genannte 
W. nicht mit dem dichter identificiert werden darf. Die Ur- 
kunde ist also aus der reihe der quellen für Wirnts leben 
wider zu streichen. Immerhin ist sie von wert als ein beleg 



168 HELM, EIN ZEUGNIS FÜR WIBNT VON GRAFENBERG? 

dafür, dass in dem geschlecht der fränkischen Grafenberger 
der name W. tatsächlich vorkommt. Dadurch wird die Zu- 
gehörigkeit des dichters zu diesem hause, für die wir sonst 
nur wenig anhaltspunkte haben (Saran s. 257 ff.), weiter ge- 
stützt. In dem W. der Urkunde dürfen wir wol einen nahen 
verwanten, vielleicht grossvater, vater oder vatersbruder des 
dichters erblicken. 

GIESSEN, 6. märz 1900. KAEL HELM. 



DIALEKTISCHES IN DER AGS. UEBERSETZUNG 
VON BEDAS KIRCHENGESCHICHTE. 

Einleitung. 

Als Verfasser der ags. Übersetzung von Bedas Barchen- 
geschichtei) hat lange zeit unbestritten Alfred der grosse 
gegolten. Doch ergibt eine nähere prüfung der hss. zunächst, 
dass die ihnen gemeinsam zu gründe liegende vorläge aus 
einer nördlichen (mercischen) gegend stammt, und dass unsere 
hss. nur eine Umschrift in das ws. enthalten. Schon dieser 
umstand erfordert eine eingehendere Untersuchung. Dem- 
gemäss geht die vorliegende arbeit einmal darauf aus, die 

^) Von ausgaben dieses textes kommen jetzt nur noch in betracht die 
von Th. Miller, The Old English Version of Bede's Ecclesiastical History of 
the English People, London (EETS.) 1890—98 und die von J.Schipper 
(Leipzig 1899, = Bibl. der ags. prosa bd. 4); endlich die bnichstücke die 
Zupitza, Zs. fda. 33, 165 f. veröffentlicht hat. Citiert wird im folgenden stets 
nach Miller. [ ] bei einer zahl deutet an, dass die hs. T an der betr. 
stelle fehlt. 

Ueber die fünf erhaltenen hss. des textes s. Miller 1, xiu ff. und 2, ix ff. 
Was Miller über die fünf Schreiber der hs. T (hier mit T* — ^T* bezeichnet) 
sagt, stimmt vollkommen gut zu den ergebnissen der folgenden sprachlichen 
Untersuchungen. 

Das schon früher von Zupitza aufgestellte filiationsschema: COCa auf 
der einen, BT auf der andern seite, ist durch Miller bestätigt worden. 
Nur erscheint es bei der grossen Verschiedenheit, die der text von B zeigt, 
nicht unmöglich, dass B auch mit der andern gruppe verwant ist; vgl. z. b. 
den fehler 426, 32, wo T V (= lat. quinqtie) morma, fif monna hat, aber 
Ca mfmonna, B wifmanna, 

Ueber den augenblicklichen stand der Bedaforschung orientiert J. Schip- 
per, Die geschichte und der gegenwärtige stand der f orschung über K. Alfreds 
Übersetzung von Bedas Kirchengeschichte, Wien 1898 (aus WSB. bd. 138); 
die ältere iiteratur verzeichnet Wülker, Grundr. zur gesch. der ags. lit. 
§ 438. 463. 

•lO 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVL ^'^ 



170 DfiUTSCfiBEm 

spräche des denkmals festzustellen, wie es uns überliefert ist. 
Andrerseits habe ich mich stets bemüht, auch den dialekt der 
ursprünglichen vorläge zu fixieren, soweit dies möglich war. 
Vor allen in der ältesten und besten hs. T tritt uns eine 
reiche fülle von dialektformen entgegen (was Miller in seiner 
einleitung bietet, ist durchaus nicht erschöpfend). Ein ver- 
gleich der übrigen hss. ergibt dann, dass diese dialektformen 
von T durchaus nicht alle auf das conto der einzelnen Schreiber 
zu setzen sind, vielmehr grösstenteils auf die alte gemeinsame 
vorläge zurückgehen. Wir haben ja ein leichtes mittel, dies 
festzustellen. Namentlich wo eine dialektform in zwei hss. 
erscheint, die verschiedenen familien angehören, dürfen wir 
aufnehmen, dass sie bereits der gemeinsamen vorläge unserer 
Überlieferung angehört hat.i) 

Auch eine reihe weiterer gründe deutet auf anglischen 
Ursprung der vorläge (im folgenden mit V bezeichnet) hin. 
Yot allem erklären sich zahlreiche lesef ehler und misverständ- 
nisse der hss. nur durch die annähme, dass die ws. Schreiber 
dialektformen von V falsch aufgefasst haben. 

Aus T führe ich an: T^ here 142, 7 (V her^; vgl. § 28); 

— seälde 342,22 für scalde; OCaB sceo-; § 14. 2; — Jmrh all 
meodum 262, 32 (für meodume V; B richtig medeme; medum; 
Ca eadmodl)] vgl. § 27; — ead^um 230,30 für da^um (V dea- 
sum)\ dazu T* eadi^a 406,20 für da^a (V dea^a); vgl. § 26; 

— B steaftum [4, 1] für stafum; vgl. § 26; — T^ smaelo 354, 23 
(V smealo ?); vgl. § 26; — on^eneman 278, 11 (OCa on^eneoman 
= V); vgl. § 27; — aus T^ niedbehcefdlic 396,24 (nydbehoflic 
OCaB; C nedbehöflic] V nedbehcefelic); — hrceöran 436, 15 (OCaB 
reöran, V rceöran)\ vgl. § 12, 41) und anm. 3; das unorganische 
h erklärt sich vielleicht dadurch, dass der Schreiber an hrasöe 
dachte; — puhteswe^ 430, 6 für purhsweg V; ws. purhsweoz] 
§28G. 

^) Wenn Schipper a. a. o. s. 5 meint, mercischer Ursprung sei wegen der 
verhältnismässig geringen anzahl der gerade in mercischem dialekt uns 
erhaltenen und zur yergleichung dienenden Sprachdenkmäler nicht ohne 
weiteres sicher, so ist dies insoweit richtig, als uns zur genauen localii^e- 
rung die hilfsmittel fehlen. Aher das stört nicht im mindesten die tatsache, 
dass alle erhaltenen hss. auf eine vorläge zurückgehen, die auf kein^en 
fall westsächsisch gewesen ist. 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. l7l 

Aus den anderen hss. führe ich auf: CaB odercende 346, 3 
für eodorcende TOC, vgl. § 28; — OCa ^eheor^anne 76,25 für 
V. ^ebeor anne, so in T; vgl. § 28; — B [50, 7] acennede (Ca 
aci^de] V. acede); vgl. § 23; — C ^ifeff [478,32] (Ca fehlt, 
B friöl V. ^efiff); vgl. § 29; — B ncenne für ncemne (nenne) 
der V.; s. s. 173. — Besonders interessant ist der fehler OCa 
226, 29. 30; die Schreiber lasen für ^efeondum falsch ^eofendum 
und machten daraus unsinniges ws. ^yfendum (der lat. text hat 
gaudente rege, congaudente universo populo); ebenso [160, 15] 
^feonde C; ^yfende 0; gife B; Ca; 434,7 T^ ^efeana, gyfena 
OB; gifena Ca; [470,6] gifiende C für gefeonde; seofum 142,27 
T^ (OCa sefean)\ vgl. dazu § 27. — Ferner: fore se e^e 
256, 34 (forse^e T^; -sce^e Ca; -sealde B!); vgl. § 7. 1; — feones 
OCa 88,6 ifeondes B; fosdnis T und V.); vgl. § 12,4 A; — 
wcestene 52,10 B für V. wceste (Ca weste)\ § 12, anm. 3; — B 
mceran 110,24 für mcerwan V. T; § 22. — C wepende 404, 1 
für werpende T; § 22. 

Die bisher allein besprochene mercische 'vorläge' erscheint 
aber weiterhin mit dem original der ganzen arbeit identisch 
gewesen zu sein, die demnach ihren Ursprung einem Mercier 
verdankte. Darauf weist vor allem der Wortschatz, welcher 
deutliche spuren nichtws. Charakters trägt. Zwar sind bei 
der Umschrift die im ws. ungebräuchlichen Wörter oft besser 
bewahrt als die vorher erwähnten dialektformen, oft jedoch 
setzen die Schreiber auch ein ihnen geläufigeres wort ein, oder 
sie glossieren ein dem ws. fremdes wort. Hierfür einige ge- 
legentlich gesammelte belege 9: 

Nichtws. sind z.b. rec,^efe^on (praet.); — neosian ist häufig 
im Beda; fehlt vollständig in CP. und Or. — scoedöan, sceÖÖan 
(wofür man im ws. scyööan mit unfestem y erwarten sollte, 
vgL skapjan > scyppan) fehlt bei .Alfred und in ^Elfrics Ho- 
milien und Heptateuch und Buch Hiob (s. Brühl, diss., Marburg 
1892) und Grammatik (s. Braunschweiger, diss., Marburg 1890); 
in der CP. kommen nur das (selbstverständlich denominative) 
adj. unsceadful (2 mal) und 1 unsceaöfulnes vor; s. Bülbring, 

^) Wie stark der Beda auch lexikalisch vom ws. ahweicht, besonders 
von der spräche Alfreds, kann man beim vergleich der Wortlisten in Co- 
s^ns Grammatik sehen: man braucht keineswegs mit den seltenen Wörtern 
zu operieren, die Miller auf s. l aufführt. 

12* 



l72 D£UTSCHB£:m 

Anglia, Beibl. 9, 98, anm. Im Beda ist das verbum sehr häufig 
und zwar stets mit ce, e, auch in den hss. OCaB. — ^escrepe 
(auch mit m, ce) scheint dem ws. unbekannt zu sein (übrigens 
nur noch im Rit. belegt). Das e, m, ce ist wol als unüaut von 
ö aufzufassen, und schon dadurch ist das wort auch der form 
nach als dialektisch gekennzeichnet, und so haben selbst OCaB 
gerade in diesem worte öfters «, ce. — Ebenfalls ein dialekt- 
wort ist das fem. strynd\ belegt sind: strynde 194,6 (= CS; 
cynnes B; cynne OCa); 328, 17 (= CaO; gestreones B); 406, 10 
(= CaO; ^ebyrdo B); ausserdem noch [52, 14] Ca (B cynne); 
[452, 29] OCa (B ^ehyrdo). 

Den gebrauch von on (= ond) und den Wechsel von in 
und on hat schon Miller, Introd. xxvi dargelegt, ebenso von 
ono. — Vielleicht ist auch Son, pon ^) (= quam nach comp.) 
als ausserws. anzusehen. Da aber bei einer etwaigen abkurzung 
pofl leicht auch das - weggelassen werden konnte, so muss bei 
der beurteilung der überlieferten pon immer der grad der 
Sorgfalt des betr. Schreibers in betracht gezogen werden. Da 
nun T^ im allgemeinen sehr sorgfältig ist und neben 23 ^onne 
11 pon zählt (die andern hss. haben stets ponne), so muss man 
die form pon für T^ bez. dessen vorläge offenbar als berech- 
tigt anerkennen.2) 

Auf das nebeneinander von nemne^) und nympe (beides be- 
sonders häufig in Ps. und R^, während es ws. so gut wie fehlt) 
hat schon Mather, MLN. 9, 154 hingewiesen; zu seinen 15 be- 
legen aus Beda füge hinzu: 180, 17. 31. 208, 27. 220, 26. 232, 1. 
244,24. 264,5. 384,23 (naemne) 426,11; ausserdem noch [52, 22J 
Ca; [462, 7] Ca; [162, 15] 0; [304, 10] 0. Dass aber die form 
nemne dem originale zukommt, beweist das verhalten der hss.: 
278,31 und 280,2 hat auch Z nemne; stets nemne, ausser 208,27, 
wo überhaupt beide hss. auseinander gehen (s. unten). Bezeich- 



^) Es sei gleich hier bemerkt, dass auch im Beda, wie auch sonst, 
kein unterschied zwischen Ö undj& besteht; T* setzt gewöhnUch anlautend j&, 
in- und auslautend Ö; die anderen Schreiber sind ohne jedes princip. 

*) Wie ich nachträglich sehe, will auch Trautmann (Bonner beitr. zur 
Anglistik 1, 86) für Cynewulf und über ihn hinaus aus metrischen gründen 
pon für ßonne setzen (dass in der hsl. Überlieferung der poet. denkmäler 
meist j&on staXt ßon steht, braucht uns nicht wunder zu nehmen). 

8) Zur etymologie dieses Wortes s. MLN. 9, 314—318. 



DIALEKTISCflES IM AGS. BEDA. 173 

nend ist auch der gebrauch in Ca, das nympe und nemne öfters 
(z. b. 52, 22. 78, 24. 160, 17. 162, 15. 190, 31. 244, 24 etc.) durch 
lutan glossiert, wodurch diese formen als dem Schreiber nicht 
gebräuchlich erwiesen werden (daneben zeigt Ca 9 nympe, 
auch nemj>e 220, 26. 228, 1. 426, 11; 1 nymne 78, 1). B hat das 
WS. buton (btitan) neben 2 maligem nemne und 2 nympe 78,1. 
264,5; 78,27 steht ncemne; 80,30 hat B sinnloses ncenne, das 
nur als misverständnis von nemne (ncemne) zu erklären ist. 
C scheint nemne nicht zu kennen; 182,24 steht &t*^an, 304,10 
ne\ C entfernt sich überhaupt dem ganzen Sprachgebrauch nach 
von T weiter als CaO. Bemerkenswert ist femer, dass R^R^ 
und L nur nympe kennen, während Ps. nemne bevorzugt. Dies 
passt gut dazu, dass auch sonst der Beda mehr nach Ps. als 
nach R^ hin neigt. 

Hierher möchte ich femer ^ien(a), ^iet(a) stellen (über die 
etymologie s. Hempl, Academy 40 [1892], no. 1024, s. 564. Sievers, 
Ags. gramm.3 § 74, anm. 1). Hart (MLN. 7, 122) betrachtet die 
formen mit n (also gena, ^en) mit recht als ausserws. Auch 
das verhalten der Bedahss. weist darauf hin. TOC haben 
zahlreiche ^5^ew(a), CaB fast nur ^y^(a);») vgl. dazu die folgende 
belegliste^): T^ a)^en 60,3. 64,21. 96,16. 108,6. 114,5 (29mal); 
sean 338, 29; davon weicht ab: 150, 13 ^ewa; 154, 19, 156, 11 
seen\ ^yt 254, 26. — gen 338, 29; 202, 12. 23 fehlt 0, da es hier 
aus der ws. Version geschöpft hat. — b) ^ena 66, 23. 70, 25. 
72, 13. 84, 27. 86, 23. 24. 110, 13. 112, 11. 122, 23. 140, 20 
(27 mal). davon abweichend: ^yta 166, 14. 270, 22; — 294, 15 
^ena glossiert durch ^yt, — c) s^t 172, 14. 226, 28 (0 in beiden 
fällen ^yO- — d) ^ytd 104,32. 210,13. 246,15. — e)^«/^62,3. 
96, 29. 128, 30 (15 mal); abweichungen von 96, 29. 126, 33 ^m. 
— T2— . — T3 ^ewa 374, 30. 376,18. 378,12; T* ^ewa 394, 4. 8. 
398,27. 408,24. 428,6; ^6^408,20 (0 ^«/O; 438,6 (^ena 0); 
geta 438, 8 (0 ^ena). — T^ ^en 420, 25; sena 414, 2; set 420, 14 



*) Dazu passt auch wider die dialektform beider Wörter mit 5 (gegen 
den einwand, dass ^en[a] nnd s^t[a\ ältere formen nnd später durch ^yt[a] 
verdrängt worden seien, spricht das verhalten des frtihws., das weder e- 
noch w-formen hat; vgl. s. 56): das aws. kennt eben weder e- noch n-formen. 
Wir haben also anzusetzen: ausserws. ^en(ay, get(a)j ws. nur ^yt(a). 

*) Wo nichts bemerkt, geht mit T zusammen; CaB haben stets 
^yt(a)j wo nichts anderes bemerkt. 



174 DEüTSCHBEm 

(0 ^en). Ausserdem kommen aus an stellen, wo T nicht 
erhalten ist, hinzu: ^en 446, 19. 448,9. 96,16. 136,10; ^en 
304,27; jeen 150,28; ^ena 444,5. 446,3. 10. 22. 452,4. 458,7; 
^eta Ca 18, 25; aus C ^en 474, 9, C ^eta 476, 29. An aus- 
nahmen für Ca habe ich 8 fälle gezählt: ^et [28, 22. 28. 96, 16. 
136, 10. 446, 10]; geia 246, 15. [18, 25]; ^e»a 428, 6; bezeichnend 
ist auch ^eond to cUb^ Ca 28, 29 (B ^yt to dce^e) wol für ^eon(a), 
wie Miller einsetzt. C schwankt stark; es ist nicht so rein 
wie 0; ich habe gezählt: 1 ^en, 4 s^^^, 2 ^eta, 5 ^ita, 1 ^it, 
2^yt 

Auch die syntax des Beda zeigt abweichungen von -äJlfred, 
wie im gegensatz zu Wülfing (der den Beda unterschiedslos 
mit den sicher aelfredischen werken zusammenwirft) zuerst 
Sarrazin, Zs. fdph. 29, 223 hervorgehoben hat. Seine ausftth- 
rungen über die construction von onfon, fyls(e)an, (^e)fult€mian 
bestätigen sich durch das verhalten der einzelnen hss.: z. b. 
bei onfon bevorzugen TCO den dativ, während CaB in gleichen 
fällen meist den acc. haben; ebenso hat bei fyUan TO meist 
den acc, CaB den dat. Ferner ist mir aufgefallen: 1) fore (so 
meist in TO gegenüber for CaB) mit dem dat. oder acc. (TO); 
— 2) betweoh in TOCa mit acc., in B mit dat. (iElfred und 
^Ifric gewöhnlich dat.); — 3) wiä mit dat. oder acc. (letzterer 
fall kommt auch sonst vor). 

Endlich kann es nach meinem erachten auch nicht ein 
blosser zufall sein, dass die hss. um so stärkere dialektische 
färbung haben, je älter sie sind: zeigen doch die von Zupitza 
publicierten excerpte noch mehr dialektformen als selbst T. 

Wenn wir aus allen diesen gründen, wie ich glaube, ge- 
zwungen sind, ein anglisches original des Beda anzunehmen, 
so müssen wir auch den glauben an die autorschaft iElfreds 
des grossen fallen lassen, wie das auch schon Miller in seiner 
einleitung getan hat. Wie aber steht es dann mit dem Zeug- 
nisse iElfrics und Williams von Malmesbury?0 Sie beweisen 
doch nur, ebenso wie die verse der ziemlich späten hs. Ca: 

Historicns qnondam fecit me Beda latinuin, 
.Alfred rex Saxo transtnlit iUe pins, 



») Vgl. Wülker, Grundr. § 446. 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 175 

dass geraume zeit nach Alfred eine tradition bestand, welche 
diesem das werk beilegte. Eine solche tradition kann an sich 
historisch richtig sein, in unserem falle lässt sich ihr aufkommen 
auch leicht verstehen, wenn sie falsch ist; denn iElfreds schrift- 
stellerische tätigkeit war ja bekannt und forderte geradezu 
dazu heraus, ihm weitere bedeutendere werke beizulegen. 
Steht ja doch auch in beiden hss. des Boethius ein Vorwort, 
das iElfred als den Verfasser der prosaischen und der allite- 
rierenden Übertragung nennt, und doch stammt die letztere 
von einem anonymus des 10. jh.'s (vgl. Wülker a. a. o. § 487 — 499 
und Geschichte der engl. lit. s. 55). 

Nach angäbe der Marie de France (Warnke s. xliv f.) soll 
Alfred sogar fabeln übersetzt haben: 

Li reis Alyrez qni mnlt Tama 
le translata pnis en engleis 
et jo Tai rim^ en fran^eis. 

Aber auch diese angäbe wird mit recht von Warnke und G. Paris 
verworfen. 

Auch ist nicht zu übersehen, dass die annähme der autor- 
schaft iElfreds für unsere Übersetzung auch mit einer reihe von 
Schwierigkeiten verbunden ist. Schon ten Brink und Wülker 
haben darauf aufmerksam gemacht, dass der Übersetzer dem 
lat. originale nichts aus der kirchengeschichte von Wessex 
hinzugefügt hat.i) Andrerseits ist die geschichte Nordenglands 
fast ohne ausnähme vollständig widergegeben; selbst tatsachen 
die nur ein locales interesse haben konnten, sind nicht über- 
gangen worden; und was das fehlende betrifft, so kann dies 
ebensogut ein Engländer des mittellandes wie des Südens aus- 
gelassen haben. 

Ferner unterscheidet sich der Beda von den anderen Über- 
setzungen, die iSlfred zugeschrieben werden, durch eine fast 
sklavische anlehnung an das lateinische (vgl A. Schmidt, Unter- 
suchungen über könig iSlfreds Bedaübersetzung, Berlin 1889 
und Schipper a. a. o. s. 9).^) Wesentlich gewanter ist schon die 



Vgl. hierzu Hoops, Lit.-bl. 18, 226 f. 

>) Auch Sweet, Dictionary s.vni bemerkt, dass gerade die Bedaüber- 
setzung sich durch bildung nichtidiomatischer Wörter besonders hervortue. 



176 DEITTSCÖBBIN 

Übersetzung der CP.,9 die doch gemeiniglich 2) als früheste 
Übersetzung Alfreds gilt. 

Gegenüber diesen Schwierigkeiten schlägt Schipper einen 
vermittelnden ausweg ein. Er hält zwar an der Überlieferung 
fest, dass iElfred der grosse unsere Übersetzung gemacht habe, 
meint aber, diese sei mit Unterstützung von ihm an den hof 
gezogenen gelehrten geschehen (er denkt dabei besonders an 
Werferö, den bischof von Worcester): wir hätten also dasselbe 
verfahren wie bei der Übersetzung der Cura pastoralis, in 
deren einleitung iElfred selbst seine arbeitsmethode schildert. 
Vielleicht liegt die annähme näher, dass Alfred überhaupt 
einen gelehrten wie Werferö zu der Übersetzung des Beda 
veranlasst habe, ohne selbst an der arbeit teilzunehmen. Dann 
liesse sich auch der mercische dialekt der vorläge unseres 
denkmals leicht erklären. Das vorwort, mit dem iElfred die 
auf seinen wünsch von Werferö verfasste Übersetzung der dia- 
loge Gregors 3) einleitet, würde vollständig zum Beda passen: 
and for pan ic sohte and wilnade to minum ^etreowum freon- 
dum pwt hi me of godes bocum he hali^ra manna peawum 
and wundrum awriten pas wfterfyl^endan lare, pcet ic Purh 
pa mynegun^e and lufe ^escypped (hs. H ^etrymmed) on minum 
mode betwih pas eordlican ^edrefednesse hwilum ^ehic^e pa 
heofonlican (Anglia 2, 68 f.). Denn es ist bemerkenswert, dass in 
der ags. Bedaübersetzung, die ja sonst zahlreiche auslassungen 
gegenüber dem lateinischen zeigt, fast keine der wunder- 
geschichten der heiligen weggelassen ist, die vielmehr mit 
einer gewissen Peinlichkeit genau registriert werden. 

Die spräche und die ausdrucksweise der dialoge,^) die 
nach Skeat einen hochpoetischen Charakter trägt, verdiente 
wol einmal mit der unseres Beda verglichen zu werden. Denn 
auch diese zeigt, worauf mich prof . Sievers aufmerksam macht, 



^) Vgl. G. Wack, Ueber das Verhältnis von könig -Alfreds Übersetzung 
der Cnra past. zum original, Greifswald 1889. 

*) Schipper, der an der autorschaft -Alfreds im wesentlichen festhält, 
ist aus diesen gründen gezwungen, den Beda als die erste Übersetzung 
Alfreds anzusehen, wodurch er die bisherigen ergebnisse der kritik preisgibt. 

8) Vgl. Wülker a. a. 0. § 503—506. Krebs, Anglia 2, 65—70. 3, 70—73. 

*) Nach einer persönlichen mitteilung von prof. Wülker ist die schon 
längst notwendige ausgäbe in bälde zu erwarten. 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 177 

namentlich in wort- und formelschatz manche eigenheiten, die 
sich sonst nur in den poetischen texten finden, die eben auch 
vorwiegend dem anglischen Sprachgebiet enstammen und somit 
den Wortschatz und die diction der nördlichen gebiete wider- 
spiegeln. Ich führe hier nur einige beispiele an: bone Jesu 
wii'd mit dtiguöa hcelend übersetzt 486, 3 (hs. CCa), während B 
das prosaische goda hcelend dafür einsetzt, nach Sweets Dic- 
tionarjj^ Oxford 1897, fehlen der ws. prosa z. b. hJeoöor 340, 6, 
sehleoöre (adj.) 60, 18, Ueodrian 212, 9, hleoörade 268, 19. Viel- 
leicht ist auch hea^ als poetisches wort anzusehen, wenigstens 
haben es die Schreiber nicht mehr verstanden: heh [470,22] 
Ca {beaJi B, 6c^CW); hi^es\ [472,14] Ca (ßhea^es)-, heage [472,24] 
B (Ca ese\ der 'palatalumlaut' stammt aus der vorläge; richtig 
[40, 5] leah CaB). 

Wie aber auch Werferö und iElfred zu der Bedaüber- 
setzung stehen mögen: an dem anglischen Ursprung des Beda 
ist festzuhalten, und demnach eine beweisführung abzuweisen, 
die folgendermassen calculiert: die ws. originalhs. des königs 
ist verloren gegangen, ebenso alle ws. abschriften davon. Vor 
diesem grossen Verluste war jedoch eine mercische Umarbeitung 
bez. abschrift vorgenommen, und auf diese sind unsere hss. 
zurückzuführen. Vielmehr liegen die Verhältnisse derart. Ent- 
weder ist die Überlieferung, die iElfred als Übersetzer nennt, 
in dem sinne aufzufassen, dass dieser der anreger und damit 
der geistige urheber der Übertragung ist, und dass ein anderer 
(natürlich ein Angle [Werferö?]) sie ausgeführt hat. Oder 
wenn sie doch im buchstäblicheren sinne der worte richtig 
ist, so hat es zwei verschiedene Übersetzungen, eine angl. und 
WS., gegeben. Diese ansieht mag zunächst etwas frappierendes 
haben: aber bei dem Interesse, das Bedas werk bei den Angel- 
sachsen finden musste, und bei der Verbreitung und beliebt- 
heit, die seine werke überhaupt genossen, wäre es doch nicht 
erstaunlich, wenn man an zwei verschiedenen orten an die 
Übersetzung herangegangen wäre. Für eine derartige annähme 
sprechen vielleicht auch folgende erwägungen. 

Die differenz der hss. TB einer- und OCa (C) andrerseits 
von 202, 9 — 204, 33 und 208, 5 — 210, 2 (letztere scheint Miller 
völlig übersehen zu haben) fände bei unserer annähme der 
existenz zweier Übersetzungen eine befriedigendere erklärung, 



178 DEUTSGHBEm 

als die von Miller 1, xxiv versuchte. OCA hätten hier aus der 
südenglischen vorläge abgeschrieben, während TB aus der 
nördlichen schöpfen ; 206, 1 — 208, 4 hätten dann (sie fehlen in 
TB) nur in der südlichen version, 210, 3 — 220, 18 nur in der 
nördlichen vorgelegen. Und in der tat, vergleicht man beide 
Versionen, so hat der Wortschatz der betreffenden partien in 
CaO ein stärker südwestliches gepräge als in TB; letzteres 
schliesst sich der übrigen Übersetzung an. 

Vielleicht hängt hiermit auch die eigentümliche beschaff en- 
heit von iElfrics citat zusammen. Während sonst ^Elfric die 
ags. Übersetzung des Beda nicht benutzte (vgl Wülker, Grundr. 
s. 460, anm. 10), sondern vielmehr bei gleichem Stoffe nur einen 
freien bericht oft mit hinzunahme anderer quellen gibt, ähnelt 
die homilie über Gregor (gerade die stelle, wo ^Elfric die 
Bedaübersetzung citiert, Thorpe 2, 116 und 180) einigermassen 
unserem Beda, aber doch nicht völlig; und da -äJlfric hier mit 
dem lateinischen ziemlich wörtlich übereinstimmt, so könnte 
er vielleicht die etwa zu construierende Übersetzung -Alfreds 
benutzt haben. Durch eine solche annähme würden dann 
auch die angaben Layamons über seine quellen verständlicher 
werden (vgl. darüber Wülker, Beitr. 3, 524 ff.). Wie bekannt, 
nennt Layamon als erste quelle für seinen Brut ein englisches 
buch, das der heilige Beda verfasste: 

He nom pa Englisca boc 
pa makede seint Beda. 

Gewöhnlich, und mit recht, versteht man darunter unsere ags. 
Übersetzung. Wie kommt aber Layamon dann dazu, diese 
dßm Beda selbst zuzuschreiben? Es muss doch wol in War- 
cester eine tradition nicht existiert haben, die dem könig 
Alfred unseren Beda zuerkannte: aus welchem anderen gründe 
sonst hätte Layamon den namen des königs verschwiegen? 

I. Teil. Lautlehre. 

A. Vocalismus. 

Die vooale der stammBÜben. 

Vorbemerkungen. 1. Ein Verzeichnis der benutzten 
grammatischen abhandlungen s. bei Sievers, Ags. gramm.» 
s, 272 ff.; seitdem sind noch die wertvollen ausführungen 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 179 

Bülbrings im Beibl. zur AngUa 9, 1—65. 85—112. 10, 1 ff. hin- 
zugekommen. Um den dialekt des Beda sicherer bestimmen 
zu können, habe ich die arbeiten von Brown über Ri und Zeuner 
über den Vesp. Psalter benutzt, da Beda diesen beiden grosseren 
denkmälern am nächsten steht. Da Brown (Br.) in seiner 
verdienstvollen arbeit die vergleichung v(jji R^ mit den übrigen 
kleineren merc. und kent. denkmälern durchgeführt hat, so 
kann ich mich mit einem hinweis auf ihn begnügen. Wichtig 
ist ausserdem noch R.Wolff, Untersuchung der laute in den 
kentischen Urkunden, Heidelberg 1893. 

2. Die handschriftlichen accente habe ich mit angeführt, 
ohne mich jedoch im stände zu sehen, sie irgendwie verwerten 
zu können. Wenn man annehmen wollte, dass jeder accentu- 
ierte vocal lang sei, so würde man bald keinen kurzen vocal 
im ags. mehr antreffen. Auch die accentuierung von i und ü 
in offener silbe in der hs. B bedarf einer erklärung, da ja die 
dehnung von i und ü nur in den nördlichen dialekten ein- 
geti*eten ist. Was soll es auch bedeuten, dass (namentlich in 
T*) oft neben der accentuierung doppelschreibung erscheint? 
Die ganze frage bedarf erst noch einer gründlichen Unter- 
suchung. 

3. Bei der darstellung der spräche des Beda liegt im 
wesentlichen die hs. T zu gründe, nicht nur weil sie die beste 
ist, sondern vor allem weil sie als die älteste dem originale 
am nächsten steht. Die anderen hss. sind nur insoweit be- 
rücksichtigt worden, als sie aus grammatischen oder sonstigen 
gründen interessant sind; auch hat schon Sievers, Beitr. 9, 197 
ien Whelockschen text nach dieser hinsieht durchgesehen. 

Ueber die einzelnen Schreiber der hs. T sei im voraus 
bemerkt: T» und T» sind Westsachsen; T^ hat jedoch im 
ganzen die anglische vorläge treuer bewahrt als T^, so dass 
dieser am meisten von allen Schreibern ein ws. gepräge zeigt. 
T2 steht dem Psalter am nächsten, rückt jedoch etwas mehr 
nach Kent hin; T^ und T-^ endlich sind Kenter, aber nicht 
ans derselben gegend. 

Was den dialekt der übrigen hss. betrifft, so scheidet B 
sofort aus, das alle characteristica des spätws. hat (für festes 
i tritt y und für festes y auch i ein; formen wie äcenne, hwamne, 
masnif sind nicht selten); OCa haben im ganzen auch ein ws. 



180 DEÜTSCHBEIN 

gewand, wenn auch in folge seines höheren alters mehr 
dialektformen zeigt als Ca; letzteres hat einige besondere ab- 
weichungen (s. § 19, anm. 1. § 2, anm. 2); C (nur fragmentarisch 
erhalten) steht T am nächsten. 

Miller hat in einer besonderen schrift: Place Names in 
the English Bede and the Localisation of the Manuscripts, 
Strassburg 1896 (QF. 78) versucht, auf grund der Schreibung 
der Ortsnamen eine localisation der hss. vorzunehmen. Bedenken 
gegen ein derartiges verfahren hat Binz (Zs. fdph. 29, 414 f.) 
erhoben, dem sich Pabst, Anglia, Beiblatt 8, 133 f. anschliesst. 
Beide betonen namentlich, dass das resultat einer solchen 
Untersuchung nur ein mehr negatives als positives sein kann. 
Ausserdem ist noch zu beachten, dass ein sorgfältiger Schreiber 
auch wol ihm unbekannte namen so genau und präcis wider- 
geben kann, dass es uns unmöglich wird, seine heimat irgend- 
wie zu bestimmen. Andrerseits haben wir mit der verschiedenen 
bildung der Schreiber zu rechnen: eine grössere kenntnis der 
geographie eines landes kann einen solchen befähigen, die ihm 
nur auf schriftlichem oder mündlichem wege bekannt gewor- 
denen namen richtig niederzuschreiben. Interessant z. b. ist 
die widergabe des namens der Dere: 140, 18 Dera OCa, ^(Bre 
TB; 194,7 dere OCa, ^ara T, daera B; 300,7 dera B, pcere 
TOC, öodre Ca (daneben auch häufig richtig). In diesen drei 
fällen also haben die jüngeren hss. den namen besser bewahrt 
als die älteste hs. T; in 300, 7 hat sogar B allein das 
richtige. 

Ueberhaupt ist den eigennamen gegenüber grosse vorsieht 
am platze. Diese werden oft mechanisch in ihrer ursprüng- 
lichen gestalt weitergeführt und können daher für die bestim- 
mung von alter und dialekt eines denkmals nicht in betracht 
gezogen werden. Wenn daher Miller in seiner einleitung s. li 
unter den i-stämmen formen wie Edwini, gen. Edwinis auflEührt, 
so sind diese vielmehr auf rechnung der lateinischen vorläge 
zu setzen. Deutlich zeigen dies formen wie gen. apostolts, 
Peodoris, die doch nur eine contamination der lat. genetiv- 
endung -i und der ags. -es sein können. Existiert haben alte 
i- formen um die zeit der Bedaübersetzung nicht mehr, denn 
der Übergang des alten unbetonten i in e fällt nach Sievers 
(Anglia 13, 13) um die mitte des 8. jh.'s. Vielleicht stammt 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 181 

auch aus der lat. vorläge 358, 2 TO Cuffberhte (lat. Cudbercto), 
Ca Cuffberht, B Cuffbriht^s. 

Aus allen diesen gründen habe ich die eigennamen nur 
insoweit mit aufgenommen, als sie in directen gegensatz zum 
lat. original treten; bei den Ortsnamen kann ich mich auf die 
erwähnte Schrift Millers (abgekürzt mit M.P1.N.) beziehen. 

4. Um die dialekteigenheiten des Beda deutlicher hervor- 
treten zu lassen, bin ich zunächst überall vom w s. ausgegangen. 

§1- 

A. Ws. a entspricht im Beda gewöhnlich a. 

Anm. 1. Wegen einer reihe von fällen, wo o/w-umlaut auftritt, vgl. § 26. 
Anm. 2. Wegen dialektischer marken, gewarden etc. vgl. § 14. 

B. An besonderheiten habe ich folgendes notiert: 

1. ac, ah erscheint in T» stets als ac (ah nur 98,7); T^ 
nur ah (5); T^ ah (5), ac (13); T^ ah (12), ac (8); T^ nur ah 
(9); ah stets im angl., ac und ah im ws. (Cos. 1, § 1, 2). 

2. a stets im inf ., gerund, und plur. ind. praes. von habhan 
und dessen compositis; bei ahabban (= abstinere) ist zuweilen 
Vermischung mit ahebban (= tollere) eingetreten: ahabban 64, 26. 
76,32. 82,31. 86,18; ahabban 76,8. 82,3; ahaabbenne 82,6 
{'hebb' BO; -habb- Ca) {aa in T ist Schreibfehler); ahmfde (conj. 
pl.) 84, 5. — e liegt vor in ahebban inf. 228, 21 (= B; a CaO); 
dhebbe 400, 7 (= B; ce CaO; aJmfde C); ahebban (conj. pl. 70, 27 
(cbO; a Ca; ahebbenB); ausserdem noch forhebbendran 242,2 
(-hcebbendra OCaB). Zur erklärung dieser formen diene folgen- 
des: hdbban und hebban stehen in enger Wechselbeziehung, 
namentlich wenn sich die bedeutungen so nähern wie in unserm 
falle. Auch scheint das spätws. hefde und hefod zum inf. hebban 
wol nach hcefde und hwfed gebildet zu sein. 

3. Wegen der formen hafast, hafad, saga, sagast, sa^ad s. 
die belege in der formenlehre. Alle diese formen sind im Beda 
belegt, und zwar neben T auch in CaO; B hat meist die ws, 
formen; gerade diese bildungen sind ein wichtiges dialekt- 
kiiterium. Nach Sievers § 416, anm. 1. 3 fehlen sie dem streng- 
ws., das north, zeigt meist öb, ebenso E^; nur Ps. hat hafast, 
hafaö, asasas (und segaff); hier steht also Beda wider dem Ps. 
näher als E^ Hierzu würde noch kommen für Kent 1 hefst 



182 DEUTSCHBEIN 

KGl. und hafest KHymnus; daher hat auch der Kenter T^ 
hmfö 410, 18 (gegen hafad COCaB); sci^e 410, 17 {sa^a OCa; 
sege B); sa^a 412, 1 (= OCa); doch hat T^ wider sagast 345, 10; 
hafast 354, 81, während für T^ belege fehlen. 

4. Aus altem ablaut erklärt sich nose (acc.) 144, 17; nasum 
428,10 T* {nosum OB; nosum Ca); rodor 424,20 T^^; rodor 
428, 25 T* {reador CW deutet auf rador), 

5. Während das subst. ondswaru stets a hat (z. b. 64, 5), 
wechseln im verbum a und o: z. b. ondswarede 60,1; ondswo- 
rede 136,26. 192,6. 214,6. 260,4, -on 276,32, awd- 192,11. 
Ausserdem treten in formen mit e auf, z. b. jsweredon 
276,32 0; jswerede 426,3 etc. Zwar ist ondswarian ein de- 
nominativum, und die formen mit o könnten auf das subst. 
ondsworu (Siev. § 51) zurückgehen, aber das ist etwas un- 
wahrscheinlich. Die iformen mit e erklären sich vielleicht aus 
alter ^-flexion (Siev. § 416, anm. 13). 

6. Vor sc erscheint a in ascan 352,26 (acsan B, axsan 
CaO), aber wcescan 378, 18 (= BC, wacsan CaO). 

7. Die conj. des praes. der starken verba der 6. klasse 
haben angl. ce, ws. a. Beda hat T» wiöscecen 212,26; aus T* 
noch fere 410,19 (= 0, fcBre Ca, fare B: gehört wol kaum zu 
feran) ; das e für cb erklärt sich nach § 4. Vgl. dazu auch das 
part. purhfcerende 250, 24 (= OCa), purhfarende (B). 

8. Ich stelle mit hierher das part. praet. von seon, das 
WS. meist als gesewen bez. ^esawen erscheint. In Beda finde 
ich: T» gesewen 60, 6. 27. 142, 4. 294, 10; bevorzugt jedoch ist 
das dialektische ^ese^en 64, 3. 68, 14. 20. 26. 70, 32 etc., fore- 
se^en 340,33 (= C); im ganzen hat T^ 19 -se^en neben 4 ^e- 
sewen (OCaB haben nur ^esawen j ^esewen\ B 324, 21 auch ein 
sesdkwen). — T^ (das überhaupt dem ws. am nächsten steht) 
hat ^esewen 366, 19 ; ^esawenliera 362, 5. — T^ hat 4 ^esewen, 
1 ^escewen 430,22 und 1 jewen (verschreibung) 428,29, da- 
gegen 3 gesehen 436, 2. 438, 11 (= C). 438, 32. — Ts hat ^ese^n 
424, 20, ^ese^ene 424, 27. Ausserdem noch C ^esegen [470, 12J. 

§ 2. a vor nasalen. 

Vor nasalen wird a im ags. zu offenem o. Die ältesten 
quellen schreiben dafür a, im 9. jh. herscht o vor; Ps. hat 
stets 0, E^ 800 o gegen 122 a; north, hat ebenfalls o, mit 



DIALEKTISCHES IM AQS. BEDA. 183 

ausnähme der praett. der 3. klasse; später dringt a wider durch 
(letzteres auch in der hs. B des Beda). T^ hat stark über- 
wiegend 0. — T2 hat nur o (ausnahmen ablann 390,2; naman 
388, 30); nicht hierher zu stellen sind (gegen Miller, einl. s. liv) 
hwonan 352, 31 und from^an 384, 22 ; ancorlifes 384, 6 ist wol 
mit ä durch anlehnung an an anzusetzen; vgl. T^ ancorlifes 
218,8, -e 218,11; aancoran 100,20; adncorstowe 424,12 T^; 
dncorlif 412, 18 T^ — T», bei anschluss der unter I auf- 
geführten fälle: o:a = 2:l; T^o:a = 5:l; T^o:a = lj:l 
(ausserdem 1 momise T^ 368, 11). o scheint in dieser zeit be- 
sonders merc. zu sein, wie aus den Urkunden hervorgeht. T^ 
neigt dem ws. zu, daher der hohe procentsatz von a. 

I. In T^— T^ erscheint stets mit o: ond (wechselnd mit 
on, s. Miller, einl. s. xxvii). In den nominalcompositis sollte die 
betonte form and- erscheinen, wofür jedoch in unserm denkmal 
ond' eintreten musste; and- steht in T» in andlifne 54,4, and- 
sware 64, 5. 344, 3, andsworode 192, 11, andweardnesse 208, 24, 
andwlitan 352,22; in T^ stets o; T^ 1 andweardnesse neben 5 
ond'. T^ 19 ond; 3 and'; für T^ fehlen belege. — Die verbal- 
composita haben on' (auch verkürzt zu a-). 

Anm. 1. Wenn T^ onweard 88, 29, onweardre 200, 16 (neben 12 ond-); 
T* ebenso onwearde 390, 3 (neben 3 ond-) zeigt, so ist dies wol ebenso auf- 
zufassen wie der wecbsel von ond und on (s. o.) 

Aehnliches gilt von der praep. on' (so stets in T); an sollten wir eben- 
falls in nominalcompositis erwarten; es ist jedoch stets zu on- geworden, 
mit ausnähme von T* anwald 120,4, anweald 120,3 (neben 4 on-); T* än- 
walde 364,21, onwalde 382,1; T* ansien 426,11 neben 2 onseone. 

Femer haben stets o: ono 31 mal; onw 118, 20; ona 172,30; hwowne, 
ßonne; ponne,pon (= quam); pone (acc. s.) hwone (acc. s.). Ausnahme bildet 
pasne 350, 23; pane 220, 13 M., Seh. pone; auch ein bon (acc.?) 428,24. 

j&on, hwon erscheinen in T* — T* stets in dieser form (nur eimpan 250, 22); 
T« ban 410, 32, forpan 412, 2. 414, 7 (neben 14 o). 

Die praep. from hat in T^ 234 from gegen 7 fram; T« stets o; T« 22 
from, 2 fram; T* 12 /rowi, 10 fram; T* 9 from, fram. 

IL / a in sonstigen Wörtern. 

1. in T: a) vor einfachem n: mow^ (und cas.) stets o; 
ebenso unmonegum 204, 13, ^emom^feäldaÖ 268,29; montan 54,9 
(15), monun^ 124,3 (7); honcred 212,5. 338,24; (w^)hwonan 
90,34 (8), hwonon 334,23; ponon 86,12 (18), ponan 120,10. 
228,15; ^ewon 110,31, won 350,1, wonin^um 68,5, wonun^e 
104,7. 110,23 (wonpe 238,1. 252,9. 386,25), wan 118,9, ^c- 



184 DEÜTSCHBEIN 

wanad 358, 14; part. asponen 258, 29, ^esponen 220, 31, Despotien 
332,20, sesponan (inf.) 316,32; moni^ellQ,!. 120,5. — b) vor 
einfachem m: noma 54, 13 (56 mal), naman 106,7. 218,1, freo- 
nama 110, 18; from (adj.) 260, 18. 336, 18, fromlice 106, 24. 
292, 3, fromesta 146, 29. 150, 3. 208, 25, fromsäpe 92, 14, fro- 
mian 162, 17, fromade 162, 25, -edon 212, 17; lichoma 66, 7 (105), 
lichomlecan 88,12, lichomlic 254,11, -lice 100,8. 200,22, -licre 
116,32 (7) und 1 licumlicre 120,23; somod (4), somed (5). — 
c) vor n + consonant: a) man (pron.) (70); mon (subst.) 
54, 13. 14 (66) neben monn 122, 8 (11), monnes 54, 14 (13), 
monnan 80, 9. 10, monna 56, 14 (29), monnum 66, 3 (27) gegen 
man (subst.) 110 10. 23. 208, 6. 270, 34, mannes 228, 22, manna 
296, 28; also im ganzen 148 o : 6 a. In den compp. mit mon 
als erstem oder zweitem bestandteil erscheint stets o (40). [Dazu 
tritt noch Gearumon 240, 16, Gearomonne 260, 23 (dat.), wo 1 
Geraman 250, 19 (aus der lat. vorläge) eintritt.] — ^) vor nd: 
hond 102, 24 (34), dazu hond^ewinne 274, 21, -um 218, 12 neben 
hand 54, 3, handseax 122, 12, herehand 356, 22; lond 92, 18 
(34), ealond 54,8 (7), in anderen compositis 8 mal; im ersten 
teil von compp.: londleode 96, 15, -fyrde 196,27, -bi^en^an 306,21, 
-are 314, 16; dagegen a: Und 240, 11, lande 236, 6. 282, 13, 
^ehatlandes 346, 8, landleodan 356, 23, hoclanda 236, 1 ; stondan 
102,32(5), sestondan 118,19. 282, IQ, stondeö 2M,h, stonde 
72, 16, stondendan 274, 11, stöndende 204, 3, gestonden 218, 19 
(5), wiöstondan 118,5, astondnessum ^12, h\ a nur in widstan- 
dan 154, 17; spönne 296, 18. [Tondhere 194, 20, TondherU 316, 13, 
Wilbrond 188,21; wegen Con^ : Caw^ 31 : 5 s. M.P1.N. s. 67]. 
Den Übergang von a zu o macht auch das fremdwort ontemn 
60, 18 mit (antefn CaO, untefn B, vgl. Pogatscher § 79, der 
antefen ansetzt: dies erscheint mir fraglich). — y) \or n^: 
über Ongol' und Ongle s. M.P1.N. s. 19: Onsol- 71, On^el- 4, 
On^leQ-, onfonsenhQ,8(2h), fon^ne32i,9, onfon^ennesse 268,2, 
onfon^nesse 64, 17, onfon^ennis 118, 31, onfon^en 64, 27 (conj. 
pl. praes.) i) gegen onfangnon 338, 18, -an 220, 2; also 30 ö : 2 a; 
36 long neben 1 gelang 182, 3, Zaw^j-e 352, 1; song (subst.) 174, 15 
(11); in compp.: sealmsong 242,33 (5); lof- 188,7. 284,10.12, 
ciriC' 298, 23, uht- 348, 14, 6ime- 264, 28, leoö- 342, 9. 344, 26, 







Vgl. dazu praet. onfongon bei Napier, Anglia 10, 144, z. 136. 



DIALEKTISCHES IM AOS. BEDA. 185 

mcesse- 62, 6 (6), son^crceft 260, 19. 342, 15, sondere 258, 17, 
heahson^ere 314,3 gegen sangeras 314,21, uhtsanjes 318,23; 
also 35 : 2 a; stron^ (adj.) 68, 6 (11); verb. ^estron^ade 74, 9; 
also 12 : a; das verbum ^on^an 74, 13. 18 etc. und compp. 
hat 53 und nur 1 ^an^an 340, 23. Daneben besteht ^aan 
186, 4, ^dn 184, 31, ^an 326, 10, ^e^aan 202, 1, ^e^an 144, 23. 
306,24; das subst. gon^ und Zusammensetzungen haben nur o 
(27 mal; z.b. bigonge 66,8); sonst tritt o noch auf in won^e 
74,26, won^ere 296,30; hon^ode 182,1.4. — cJ) vor nc: pon- 
cun^e 76,11 (4), ]>oncunce 130,3, ]>oncmeotun^e 88,4, ponce 
128,3 (2), poncful 278,8, poncfulle 78,21; a in ^anc 188,11 
(2), mod^epanc 344,7, pancwyrdlice 316,8; also 10 o : 4 a; 
Froncna 172,6 (4), Fronclonde 170,12; oncras 200,12. — 
d) vor m + consonant: compian 146,28 (3), wiöcompodon 
356, 26, subst. compe 236, 2. 310, 1, comp- (in compp.) 102, 33 
(7); also 13 o : a; somnian, ^e-, in-, to- 34 mal o gegen a; 
z. b. somnian 62, 6, ^esomnian 66, 27 etc.; das subst. ^esomnun^ 
72,17 (15) und tosomne 132,8, cetsomne 346,28 haben nur o; 
also 51 : a. Ausserdem noch womme 218,29, das fremd- 
wort ompellan 200, 17. — e) die praeterita der m. klasse. 
Hier ist o die regel (112 o : 9 a): ä) ongon 62,11 (41) gegen 
ongan 154, 34 (7), blon 216, 6 (4), blonn 178, 27. 220, 10, ^ebond 
180, 19, bebond 184, 19, son^ 184, 34. 344, 15. 346, 5, ason^ 
344, 29, ddronc 236, 19, purhston^ 122, 21, won 338, 15, wonn 
122, 1 (9); wond 178, 28. — /J) vor w: ^eZomp 96, 8 (30) gegen 

1 ^elamp 62, 10. — /) Das praet. zu findan ist ws. in der 
regel schwach, dialektisch stark. Im Beda hat T^ fond 
144, 25 (CaO fand, B funde), onfond (-funde OCaB) 256, 28 
298, 19, fände 198, 27. 326, 29; onfonde [16, 8] Ca ist deutlich 
Vermischung von onfond und on funde. — ö) mit metathese: 
orwl84, 28. 270,34. 340,16, born 118,15, forbom 180^ Sl. 
204, 21. — e) con 234, 30. 31. 342, 30, conn 82, 25, const 64, 11. 
66, 18, gemon 322, 19. 

2. In T^ (belegsteilen sind nur in denjenigen fällen an- 
gegeben, wo das betreffende wort in T^ nicht vorkommt): 
a) vor einfachem n: 9 moni^, 4 manig, 1 mceni^e 368,11, 

2 öonon, 1 ce^hwonon, 1 monun^e, 1 moningum, 1 manun^e, 
2 manod, 1 wonan, zus. 15 o : 7 a : 1 öp. — b) vor ein- 
fachem w: 4 noma, 5 somod, 1 somed, 1 samod, 13 lichoma, 

Beiträge zur gcschichte der deutschen spräche. XXVI. 13 



186 DEÜTSCHBEIN 

2 lichomlicum, 1 lichama, zus. 2b o : 2 a, — c) vor n + con- 
sonant: a) 3 mon (pron.), 3 mon (subst.), 1 monn, 2 mon- 
gegen 7 man (subst.), 3 man (pron.), zus. 9 o : 10 a. — ^) vor 
nd: 3 Jwnd, 2 hond^ewin, 6 ealond, 1 ealande, 1 morlandum, 

3 land, 1 gestanden, 1 gestanden, 1 Cant-, zus. 12 o : 6 a. — 
y) vor n^: 1 Ongol, 1 onfon^en, 1 onfon^nan, 3 lon^ und 
3 lan^, von ^j-öw^aw {io-, ut-) 4 o und 3 a, 1 (subst.) tn^anz, 

1 sestrongad, zus. 11 o : 7 a (ausserdem noch 1 ^an inf.; /brd^ 
asane part. 368,22). — cJ) vor nc: 1 ]>onc und 1 öoncwyrÖUce, 

— d) vor m + consonant: 3 ^esomnian, 2 campode, — die 
praeterita: a) on^on 1, tvoon 382,9 (verschreibung?), 1 san^, 

— ß) S ^elamp, 1 ^elomp. — ö) ^eorn 366, 32, beorn 360, 26. 
Im ganzen 81 o : S8 a : 1 oe : 1 eo (?). 

3. In T*: a) vor einfachem w: 14 moni^;, 2 J>onon, 

3 ponan, 1 ceghwonan, 1 onhwonan 428, 31, zus. 21 o : a. 

— b) vor einfachem m: 1 fronte, 1 fromlice, 1 fromuns 
406, 29, 1 loma 396, 18, 6 somod, 7 noma, 2 nama, 17 lichoman 
(1 licumlice 392, 1), 4 monian, zus. 38 o : 2 a. — c) vor w + 
consonant: «) 4 wöw (pron.), 18 mow (subst.), 2 won in compp., 
11 man, ymbspannan 392,6, zus. 24 o : 12 a. — ß) vor wd, 
nt: 6 Aowd, 1 hondseax, 2 hand, 6 Zowd, ealond, 1 stonden 
404, 28, 4 gestanden, 1 standenne, 1 Cantwara, zus. 19 o : 3 a. 

— 7) vor w^?-: 5 Zow^j-, 1 strongum, 1 stronglice, 1 gestron^ady 

2 onfongen, 1 onfon^ne, 1 onfongnan, 1 onfan^ne, 14 formen 
von gonsan und compp., 1 ^on^ (subst.), 1 ingon^ (daneben 
2 ^an und 1 ut^an); 1 son^es, 1 sealmsonge, 1 mcessesong, 
1 ^aw«?-, 1 Ongle, 2 Ongel-, 1 suon^rum 434, 5, 2 tangan 428, 1 1. 
22, zus. 34 ö : 4 a. — d) vor m + consonant: 1 ^esom- 
nun^e 430,9, somnin^a i:S0j2i. — e) Praeterita: a) vor n: 
5 ongon, 4 ongan, 1 6Z0«, 1 song, 1 san^, 1 dröwc. — ß) vor m: 

4 gelomp, — d) 1 orn 400, 21 (metathese des r), — s) 1 ge- 
mon, zus. 14 o : 5 a, Im ganzen 152 : 26 a. 

4. In T^: a) 15 moni^, 2 J>onon, 1 panon, 1 won, 1 fore- 
manad, zus. 18 : 2 a. — b) 1 from, 1 soinod, 2 nama, 1 freo- 
naman,^) zus. 2 o : 3 a. — c) vor n + consonant: a) mon(n) 



*) 7 lichoman, 1 licoman 416, 33, i Ucohoman 422, 21 (1 licumliere), 
2 lichaman gehören zum capitel der minderbetonten yocale, da für Uchbma 
frühzeitig licuma eintrat. 



DIALEKTISCHES IM AQS. BEDA. 187 

(6), 1 mon (pron.), in compp. 4 -mon und 1 mannum, ausser- 
dem Tilmon 418,7, zus. 12 o : 1 a. — ß) 7 lond und compp., 
3 land, 1 gestonden, 1 Contweara, zus. 9 o : 3 a. — /) 1 On^ol-, 
1 onfon^en, 1 onfon^ene, 4 lon^, 1 ^on^ (inip.), 1 gonsaö, 
1 up^on^, 1 hisonSy 1 uhtson^, 1 uMsan^, zus. 12 o : 1 a. — 
d) 1 äoncweordlice, 2 Froncna, 2 Froncana 414,6, zus. 4 o : 
a. — e) Praeterita: a) 1 on^ann, 1 hlann. — ß) S^elomp. 
— 7) 1 oferom, zus. 4 : 2 a. — Ausserdem vor m: 1 comp- 
hades 422, 17. Zusammen 71 : 14 a. 

Anm. 2. Für vor nasalen erscheint besonders in Ca eo in freom 
260, 18, freomlices [30, 28], freommig 406, 29, freomigende [14, 20]. [436, 22] 
steht hricsade mit übergeschriebenem freomeöe. Dieselben formen stehen 
im Ps. Zur erklämng vermag auch ich nichts zu tun, wenn nicht alter 
ablaut verbunden mit o/w-umlaut vorliegt, was freilich sehr fraglich ist. 
Weiterhin gehören hierher: T^ 6eoni360,26, seomod 408,3; heahseangere 
[20, 11] Ca ist wol nur Schreibfehler. Zu der ganzen frage s. noch § 14, 5. 

§ 3. Ws. ä. 

Ws. ä ist im Beda gewöhnlich erhalten. Bemerkenswert 
ist folgendes: 

1. Vereinzelte cB für ä sind durch i-umlaut veranlasst 
worden: T^ ^cestlicra 386,30 (sonst stets ^a^O; T^ hced 434,10 
(sonst had), hosten 258, 18 Ca (haien T), cegenne 278, 16. 

2. Regelmässig erscheint ce im acc. sg. und im instr. von 
an: Ti cenne 184,3. 214,12.31. 312,5, cme (acc.) 214,3, cene 
(instr.) 244,23 (5); T^ dne 414,19; T^ cenne 396,2; T^ enne 
424, 7 (auch sonst ist enne belegt, vgl. Sievers § 324, 1 ; oder 
es gehört zu § 9). 

3. Neben ma 56, 3. 66, 21 (43 mal) erscheint auch me 92,4 
288, 18; besonders häufig in B, z. b. 82, 26. 86, 11; auch in OCa 
190,24; daneben noch in B ein comp, mwre 260, 17, wegen T^ 

s. §9. 

4. Der gen. plur. pära etc. erscheint regelmässig in T^. 
T^. T^. T^ als pära; ausnähme nur T^ äeara 138, 12, pcera 
386,22; hingegen hat T^ 2 öeara 354,13. 388,32 neben öara 
356,8. 384,11; T^ s. §9. 

5. Von swä (vgl. Sievers § 121) gilt folgendes: T^.T» stets 
swa, T2 4 swa, 4 swce, T^ 49 swa, 1 swce, T^ 22 swa, 1 suce 
und 1 sue. 

6. Wegen ä = westgerm. ä vgl. § 7. 

13* 



18Ö DEÜTSCHBEIK 

§ 4. Ws. (B, 

Ws. (B, einerlei welchen Ursprungs, erscheint in T^ — T* 
gewöhnlich als ce. An besonderheiten ist folgendes zu be- 
merken: 

1. Wenn in T» 186,10. 218,18 efter für gewöhnliches 
osfter erscheint, so ist dies wol an eft angelehnt (das um- 
gekehrte, T^ (Bft 396,14 neben 24 eft)-, T^ after 104,29; T» 
after 378, 1, aftm-fylgende 372, 19 sind vielleicht als ausserhalb 
des satzaccentes stehend zu erklären. 

2. cet erscheint in compositis nur in dieser form (nur 1 
otwite [6, 3] Ca; C od-, B off-). 

3. Hierher gehört auch die 1. pers. sg. ind. praes. von 
habban, dessen part. praes., praet. und part. praet., das öfters 
in CaB als hefed erscheint (das nähere s. in der formenlehre). 
Diesem schliessen sich an das adj. T^ forhcefdesta 270, 18 
{'hcefed- CaB); die substt. forhcefdnesse (-nisse) 270, 13 (14 mal), 
unforhcefdnisse 76, 32, forJicefednesse 268, 9 (die formen mit 
-hcefed' sind in CaB bevorzugt., auch 5 mal in 0). 

scegde und scegd erscheinen in T stets mit cp; ebenso das 
subst. on{a)s(Bsdnis 330,21 (im ganzen in T 7 verschiedene 
formen); formen mit -sesd- zeigt B 330,21. 370,10. 416,14; 
142, 6, vgl. die spätws. seg(e)stf ses{e)Ö Sievers § 416, anm. 3. 
Wenn B 330, 15. 19 -seged- zeigt und Ca 370, 10 -sceged-, so 
setzt dies ein part. sce^ed voraus (in L ist asce^ed belegt, vgl. 
oben hcefd und hcefed), 

4. Das praet. zu stregdan erscheint stark in T strce^d 
118,13 (CW stred !; B bedraf; CaO fehlen); strce^d [42,21] 
B (Ca stresde), Ws. wird diese form schwach gebildet (vgl. 
Sievers § 389, anm. 1). 

5. Im zweiten teile von compositis bleibt oe in der regel 
bestehen; also stets siöfcet, gemynddceg etc.; nur cern erscheint 
in comp. Imal mit ce und 5 mal mit e: T^ hordcern 174,30, 
blcecern 286, 13. 18, blcecern 286, 21, slceperne 370, 5, gicestern 
414, 27. 

Eine ausnähme bilden ferner die Zusammensetzungen mit 
-fcest' (das simplex fcest, adv. fceste, fcestlice erscheinen natür- 
lich stets mit ce, ausgenommen der comp, festre 380,3). Die 
compp. mit är- (arfcest, arfmstlice, arfcestnesse, -nisse), mit soä-, 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 189 

^emet' haben in T^— T* stets -fcest (im ganzen 72 mal); ebenso 
auch T* sige fcest 154,2, -a 168,3, ^esi^efceste 308,7, lifftjestan 
126, 3 (und nur 1 Uffestan T* 404, 7). Hingegen schwankt der 
gebrauch bei ce-, und zwar zähle ich für T* ce fest 66,26 (15), 
cefestnisse, -nesse 92, 7 (7), dagegen cefcestnisse 60, 11 (7 ce, 1 §); 
für T2 fehlen belege; T3 hat cefest 382, 2, cefeste 368, 11, c§festre 
364, 29 und 1 cewfcestes 360, 26; T^ hat cefestnesse 406, 8, cp/esfe^ 
434, 23; T^ s. § 5, 2. Worauf der unterschied beruht, ist schwer 
zu sagen. 

6. Im gen. und dat. instr. sg. der o- stamme (auch im 
zweiten teile von compp.) erscheint gewöhnlich ce (vgl. dazu 
auch §4,5); ausnähme nur rcesteda^es 404,28 (B zeigt hier 
überall gewöhnlich a: also 6a/>e 70, 33. 138, 18. 140, 14. 234, 8. 
302, 4 etc., hal)es 82, 2. 302, 10, wdle 190, 11. 200, 30, wales 
154, 3. 

7. Aus der adjectivflexion liegt vor: T^ hrcede (instr.) 
138, 21, hwmtesta 148, 7, hraöe (instr.) 154, 23, ^lade T^ 392, 30. 

8. Das adv. hrmöe: Ti hmöe 102,27. 190,22. 252,5. 
266,2. 282,9. 356,28 (6), daneben 9 hraöe 98,1 etc.; T^.T^ 
stets liraöe (3); T< hraÖe 392,29. 428,20, hrmipe) 396,31. Da 
CaOB stets (h)rade haben und B irrtümlich 102,27. 252,5. 
266, 2. 274, 12 hwceöere schreibt, so scheint die form hroeöe 
den Schreibern von OCaB ungeläufig gewesen zu sein. Weitere 
Schlüsse zu ziehen, wage ich vorläufig nicht. 

9. wceter 156,6 etc. und stets mit synkope wcetres, -e, -a, 
-um; ebenso fceder für den ganzen sg.; der pl. stets mit Syn- 
kope fcedraSj -a, -um; ebenso auch ce in fcedran 182, 18 (patmi). 
236, 10, fcederlice 146, 9. Ohne synkope erscheint in T^ wcetercs 
366, 8 und foedera 370, 30. — ce haben auch hwceöer, ceghwceffer, 
hwceöre (1 mal hwcedre 212, 17, 392, 18 hwcedre text, hwceöre 
in der anmerkung). Beachtenswert ist hier, dass in T bei 
hwmdre (und ebenso bei to-, cet^cedre) stets synkope eintritt 
(hwceöere nur 88, 14. 194, 10), während OCaB regelmässig hwce- 
öere haben. Vgl. übrigens Sievers, Beitr. 10, 463. 

10. Der e-umlaut des a vor consonantengruppen ist ce. 
Die bei Sievers § 89, anm. 2 aufgeführten ausnahmen gelten 
auch für T. Abweichend hat nur T* rceste 426,1, rcesteda^es 
404, 28 neben 1 reste 424, 30, mft 396, 14 (neben 24 eft)\ hnescan 
164, 7 Ti hat e (s. Sievers, Beitr. 24, 383). 



190 DEÜT8CHBEIN 

11. Während T*^ sonst stets ce hat, tritt e auf in hweöre 
368,8.22. 374,4, m^hweder 362,4. 364,6, oe^hwederne 362,17, 
ce^heper 368, 29. Dieses stimmt zu R^ (Brown § 2 a, 3 hwceper 
neben 2 hweper und 5 hwepere); auch sonst ist es dialektisch 
belegt (Sievers § 342, anm. 1). Dieses e ist als e aufzufassen 
(vgl. ahd. hwedar). 

12. Die participia der VI. ablautsreihe zeigen starke 
Schwankungen (Sievers § 368, anm. 4. § 378, 2. § 392, anm. 7), 
und zwar steht ajce auf der einen, e auf der anderen seite 
(veranlasst durch den alten Wechsel von onoieno im suffix): 
a) gefaren 56, 2, oferfaren 316, 2 hat a. — ß) hefen hat in T^ 
6e, S§, 2ce (OCaB dagegen a); ahefan 212, 18. 288, 13. 17. 22. 
336, 12, ahefenne 202, 15, h^fen 164, 31, aMfen 164, 26, -nne 
322, 6, ahcefen 284, 18. 320, 31. — y) In on-, apwegen 80, 23 
etc. hat T stets 6 (11 formen), ebenso 0; Ca hat ce und e, B e 
und auch o (3 mal, z. b. 234, 10). Ausserdem noch Ca apwe^en 
[40, 14] (B awegen). — 6) Im part. siegen ist e für T^ das 
normale (36 e und 1 ce 358,17 ofslcegene), also of siegen 114,4. 
138,27 etc.; T2 1 slcegene 356,5; T^ 1 geslcegene 376,24; T^ 
ofslegne 418, 19, geslcegene 422, 30, ofslcegene 416, 24, ofslcegne 
416,31 (also 3 ce neben 1 e trotz § 5). Ausserdem kommen 
noch hinzu: aus Ca (wo nichts besonderes bemerkt, hat B ä) 
besiegen [40,11], geslegene [30,5], of siegen [6,26. 92,20], ofsle- 
genum [12,28]; aus öfslegen [92,19. 152,15. 152,5] (Ca 
ofslcegen), geslegen [^2, 2^] (=B); aus C öfslegen [i72,l]\ aus 
B besiegen [40, 5] {beslagen Ca), slegene [52, 31] (Ca slcegene). 
— ce liegt vor in ofslcegen [14, 16. 30] Ca. Das resultat für 
OCaB ist im allgemeinen folgendes: OCa haben meist e, B a 
(spätws.) — s) gescepene 74, 27. 224, 25 ist als durch i-umlaut 
umgelautetes part. aufzufassen; es könnte jedoch auch sog. 
palatalumlaut enthalten. 

§ 5. Ws. ce in T^. 

Für WS. ce tritt in T^ oft e ein, und zwar sind diese e 
auf rechnung des Schreibers zu setzen. Dieses e ist für den 
Ps. und für die kleineren merc. und kent. denkmäler cha- 
rakteristisch (Brown § le. § 2d. Wolff § 1), in R» jedoch selten. 
Da wir auch aus anderen gründen gezwungen sind, in T^ einen 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 191 

Kenter zu sehen (§ 9), so ist wol unser e hier als kenticismus 
anzusehen. Belege: 

1. 30 wces gegen 14 wes, 1 uues 422, 24, 7 Jxes {dms) und 
7 J^es, 45 pmt und 7 J^et, 1 o^^e^ 422, 27, 8 pmtte gegen ^e^^ 
424, 14; stets mt, auch in compp. (8), 1 §teawed 410, 27, 7 öP/Zer, 
ac/^fer 420, 19, acefter 422, 13 gegen 3 efter und 1 efterfyl^end 
420, 14. — Äcp/a^ (3. pers.) 410, 18 (COCaB hafaffl), ncefdan 416,3, 
^ecefde 416, 12, haefd 412, 29, Äae/3an 410, 11. 416, 15. 26 : hefde 
420, 1. 16. 422, 16, hefdon 416, 1, -an 412, 8, nefdan 420, 13, 
forhefdnessum 424, 13, forhebbendum 420, 26 (vgl. auch § 4). — 
sce^de 410, 10. 25. 424, 18, -on 410. 10, sced 418, 19, asce^dnesse 
416, 14 : 56^d6 410, 31. 422, 22, segdes (2. pers.) 410, 32, se^don 
416,1. — Die starken praeterita: cwceiSf 410,26, cuceff 410,11. 
412, 14 : cueaä 410, 15 : cweff 410, 14, cueff 424, 2. 18; bced 
422, 1. 420, 31, ascet 422, 29, /rcß^n 410, 14, mce^ 410, 17. — 
Hierher gehört auch mcesse (lat. missa, rom. m§ssa) : messe- 
preostas 414, 15. 416, 29 : mcessepreost 414, 4, mcessan 416, 15 
(mcesse ist nonnalform für T^ — T^; nur hat Schipper 244,29. 
246, 9. 12. 248, 10. 252, 12 messepreost, wo Miller mcessepreost 
schreibt). 

2. dceg 424, 6. 13, ^emynddceg 422, 2, dceghwemlice 416, 14 : 
de^ 418, 13. 20, de^hwemlice 422, 27, dcel 424, 24; /ec 420, 26, 
faec 422, 21, äöp^^c« 424, 25, hredlice 422, 23, hr(e)dlice 418, 24, 
hrosdlice 414, 13, m<B^w 424, 28, wacB^na 412, 26, siÖfiBt 410, 17, 
wcesten 412, 22 (für westm), wlceclice 410, 33 (wleclice CO, m;Zcp^ 
Zice Ca, wcecUce B). In den compositis mit -/öp5^ erscheint e 
(vgl. § 4, 5) aefestnesse 416, 13, aefesüice 422, 25, oßwfestlice 
414, 23 (diese drei fälle gehören vielleicht unter § 4, 5), soff- 
festnesse 420, 18. — öp in gemetfcestne 420, 9. 

3. a) dce^e 422, 2, d^^e 416, 30. 422, 28, fcece 422, 12. 424, 9, 
fece 420, 17, hreffe 416, 23, Ät^/te^f^ 410, 29, sifffetes il2, 9, will- 
fe^en 420, 5. — b) fceder 422, 24, festerfceder 410, 13, w;e^er 
418, 21, hwceäer 410, 14, Äw;öB^r6 412, 22, dagegen hweffre 410, 27, 
412,16. 424,3. 414,21, hweffere 410,U. 414,24, ceghweSer 4tU,20, 
oe^hweder 414, 23, gehweder 424, 26 (vgl. dazu § 4, 11). 

4. Wegen der verba der VI. ablautsreihe s. § 4, 12. 

5. Auch für das cp, das als i-umlaut des (b vor consonanten- 
gruppen auftritt (Sievers § 89, 2), erscheint e: aarefnan 424, 29, 
iinaarefndlice 424,25 (hier auch unarefnendlice), forbernan 



192 DEÜTSOHBEIN 

416, 28, gehlested 412, 8. Hingegen bleibt ce in aeöelre 418, 8. 
(Bdele 420, 12. 

Welcher laut der vorläge zukommt, ob (b oder 6, lässt sich 
kaum sagen: T^ hat nur 1 de^e 318,17, 1 bernisse 324,23; 
T2.T3 haben stets cp; in T^ sind die abweichungen schon häu- 
figer: 1 ]>es 394, 27, 1 et 442, 5 neben 10 cet, 1 fre^n 402, 13 
neben 2 frcegn 392,11. 438,20, 1 set 408,9 ^eben scet 398,9. 
434, 25, ^escet 392, 31, stets aber hced (7), oJöPd (1), beer (2), 
^ebrcec (1), CM;cpd^ (40), ^ecwceÖ (1), Zcp,?' (5). Vielleicht hat 
gerade das praet. e gehabt (vgl. das schwanken gerade hier 
in R'; Brown §lc); C hat öfters e: fre^n 410,14. 402,13* 
438, 20, 6e/re^w 468, 20; doch sind diese vier fälle nicht streng 
beweisend, da manche texte e und ce nach r (w) schlecht 
scheiden. Ausserdem wird das angl. wort fces 78, 13 von 
mit fes übernommen; und T^ leten 394, 28 geht wahrscheinlich 
auf lete (für Icete) zurück. 

§ 6. Ws. ce = germ. ce. 

Ws. ce (= got. ßy ahd. as. a) erscheint im ausserws. als e. 
Für Tl. 3 gilt ohne einschränkung ce. Vereinzelte ausnahmen 
erklären sich durch herübemahme aus der angl. vorläge: T^ on- 
drede (part.) 54, 31, ondredan 56, 2 (?), bede (con j. praes.) 162, 21, 
sebede 292, 12, resade 256, 26. 29 neben roman 180, 16 (C re- 
sian); wegen onslepte s. §7,6; femer sprece (subst.) 72,25; 
T2 hat 19 öB, 1 e in were 384, 10 (und wäre 384, 25), her 388,20; 
oe in woedelnisse 388, 12 {wepel- CaO, wipel- C, wedle- B). Auch 
T^ hat in der hauptsache m, aber 1 der, wedlum 394,26, fec- 
nian 390, 14. In T^ überwiegt e: 9 per 418, 4. 19 etc., weran 
416,24. 28. 31. 33 (11), weron 422,30, weeran 424,27, were 
424, 1, beran 416, 15, cuede 410, 32, ^Zep 410, 12, monpuerne 
420,9, seerendade 420,22, ondredan 424,2, wwwe^n 424,28, 
meere 418, 8, meran 422, 6, unmetes 424, 27 für Mwme^»e55e. 
ce liegt vor (in den eigennamen Bcebed 414, 7, Rcedbedde 412, 20) 
und^öpr 414, 8 (4), weeran 412, 12 (12), wcere 410, 27. 28. 412,6. 
416, 20, cerende 410, 16. 416, 1, bcedan 416, 11, -on 414, 27, cwcb- 
daw 416, 32, sceton 422, 30, forlceten 412, 28, forlcegen für /br- 
te^ew 424, 3, sticcemcelum 416, 20, unmcete 422, 30, ma^gffe 414, 18. 
416, 20, me^re 412, 18, mcersade 418, 15. 

Anm. 1. AufTällig yiele e zeigt das fem. subst. wcer nebst ableitungen; 



DIALEKTISCHES IM AGH. BEDA. 193 

das verb. gewcerian kommt vor als geweredon [8, 12] Ca (B waredon); [52, 19] 
BCa, das subst. T* woere 128, 5 (= ; B wäre, Ca wcere, treowöe). 324, 27, 
in w^e 370, 22 (T» 4- ; wcere B, treowÖe Ca), were [478, 30] C. 
Anm. 2. In nebentoniger silbe tritt ce auf in ce^hwcer 54,11. 

§ 7. Ws. a = germ. ö5. 

1. Vor w sollte a erhalten bleiben, besonders im praet. von 
seon. Im Beda erscheint jedoch öfters das angl. praet. gesegon: 
Ti gesawon 90,32. 180,30. 184,32. 334,21 (^ese^on OCa), ge- 
sawe 142, 8. 184, 14 (= B; ^ese^e 0, ^esce^e Ca), ^ese^on 102, 6. 

112.7. 174,18. 208,19. 266,7. 284,5. 310,27. 336,7 (=OCa). 
340, 33. 352, 19, sese^e 216, 25. 268, 7, foresese 256, 34 {-sos^e Ca, 
5eaZde B, fore se ege 0), ^es§^e 174, 6 (gesea^on 200, 16 ist ein 
misgliickter versuch, gesawon herzustellen); ausserdem noch 
^ese^e [474, 21] Ca. T^ ^esegon 386, 4, ^ese^e 356, 10 (conj.pl.). 
T3 ^esawon 372, 21. 376, 5. T^ hat stets a: gesawe 430, 31. 

432. 8. 11. 25. 440, 21, ^esawa (2. pers.) 430, 29. 432, 21 (endung 
-a Schreibfehler? Es folgt in beiden fällen a). T^ hat ^esawe 
418, 11, ^esegon 418, 5. 

2. Aus T3 gehört hierher tdwienne 366, 24 (tawi^enne B, 
teagenne CCa, te^enne 0), ^etawod 366, 24 (= B, ^etead COCa), 
das zu got. f^iM;a gehört. Die formen mit s sind wol dialekt- 
formen und scheinen zu got. taujan zu gehören, vgl. got. straujan 
: angl. stre^an, Jiaujan : hegan, auch Mg (^hawja) [28, 33] BCa. 

3. a erscheint stets in Uäwan, säwan (wahrscheinlich liegt 
aber hier germ. ai zu gründe): sawed%%,l^ satvan 166,27 etc. 

4. Sonst ist a für ^ selten: T^ lacedom 78, 26 neben Ice- 
cedom 180, 20 (5; Iwce 320, 19 hat i-umlaut), Icecnian 326, 11. 20, 
Icecnod 308,17; T^ lacnade 360,11 neben umgelautetem Icece- 
domum 362,14, Icecas 382,5; T^ (Iwce 390,13. 404,2) lecnian 
390, 14 (lacnian COCa). 

5. Vor gutturalen in offener silbe: mcegum 68,27, mcega 
226, 32, mw^an (f.) 320, 2, magas 328, 25, maga 130, 7. 

6. Vor p: ce stets im subst. slcep: T* ^Zcßp 84, 21, -e 340,13 
(2), slceperne 340,5; T^ 354,6. 18; T^ 402,17; T^ slep 410,12. 
Vom verbum sind folgende formen belegt: T* slcepende 80, 22. 
344,15, -an 86,5, -es 86,20, -um 322,7; T^ slmpendtm 376,1 
und 1 slapan 186, 7. Das praet. heisst meist onslepte (dies ist 
das angl. praet. zu slcepan\ im ws. ist die starke form slep 



194 DEUTSCHBEIN 

gebräuchlich; aus diesem gründe hat sich auch im Beda das e 
gehalten; onslcepte in OCa ist mischform): T* onslepie 114,15 
(CW onslwptc, OCa +; B hat gewöhnlich [on]slep). 296, 2 (OCa 
onslwpte) = 296, 15 = 342, 27 = 348, 18 (OCa in allen vier 
fällen onslcepte); daneben onslep 180,7, slepon 128,19, slepe 
128,21 (slepte Ca); T^ onslep 380,4 (OCa onslepte). 

§8. 

1. Wie (on)sUpte dem ws. fremd ist, ebenso ist es der pL 
pe^on (Sievers § 391, anm. 8): T^ pege (conj. pl.) 228, 13 (OCaB 
schwache formen); T^ pege 394,21. 28. 

2. Von gefeon sind im praet. belegt: T» ^efegon (= 0; 
B ^ese^on, gesawon C, Ca gefe^on glossiert durch hlissedon 
272, 3; T3 ^efegon 380, 20 (= C, fcegnedon Ca, fa^Medon 0, 
^efcegnedon B), gefegon [464, 2] Ca (B fcegnodon) [474, 14] CCa 
(B gefcegon), gefege [40, 9] (B geferde). Danach ist das praet. 
gefegon offenbar nur dialektisch (angl.) und dem ws. fremd, 
und gefcegon, wo es in ws. texten auftaucht, nur durch Um- 
setzung von angl. grundf ormen entstanden (z. b. in der poesie). 
In rein ws. texten habe ich kein *gef<]egon gefunden (vgl Cos. 
2, § 95 und die listen bei Fischer [zu uElfrics Hom.], Braun- 
schweiger, Brühl, und Harris, A Glossary of the West-Saxon 
Gospels, Boston 1899). 

3. Während es ws. brcew, hreaw heisst, lautet dieses wort 
angl. hreg: daher Beda T^: hreg 382, 4 (=0C, Ca hregh, brcew B); 
hrege 382, 28 (= 0, breghe Ca, brewe C, hrcewe B), brege 384, 3 
(brcewe CaOB). 

4. Wegen ce nach g vgl. § 20. 
Schlussbemerkung zu § 6 — 8. Da das ausserws. ganz 

allgemein e für ws. ce setzt, so können die e unseres denkmals 
nicht zu genauerer localisierung dienen. Die vorläge hat sicher 
e gehabt, wie aus den angl. formen gesegon, gefegon, pegon 
hervorgeht. T* hat nicht e, sondern meist ce, ein flngerzeig 
zur dialektbestimmung dieses Schreibers. 

§ 9. Ws. ce = germ. ai 

Ws. ce (= i-umlaut von westg. ai) ist consequent ce in 
Ti— T3. Ti hat nur 1 Med 182,18; T* hat auch durch- 
gängig (b; nur 1 er 438, 10 (neben 26 ceri-)), dere 428, 8 (neben 
61 öp), preste 426, 1. Hingegen schwankt der Kenter T^ stark 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 195 

zwischen m und e\ a)impronomen: pmre, dmre (gen. und 
dat. f.) 410,31. 412,6. 23. 24. 30 (14), }(Br(Bil%,\%, neben i>ere (*-) 

410. 10. 418,10. 19. 20. 420,8. 17. 422,6. 7. 424,28 (9 mal); p(Bm 
(dat. sg.) {d') 420, 8. 25 (6), pl. 410, 20 (5) neben dam (pl.) 416, 5, 
^am 412, 22 (pl.) neben pem (sg.) 410, 19. 414, 16. 420, 30 dem 
(sg.) 410,22. 416,17. 418,23. 420,24. 422,27. 424,10 (2mal); dem 
(pl.) 416,32. 418,15.27. 420,5; ausserdem gehört noch hierher 
418, 1 pere sae (verschrieben tiirpem rese), ferner doeghwemlice 
416, 14, deghwemlice 422, 27. Der gen. pl., der eigentlich para 
ist (so auch 414,3 [6]), zeigt 2 mal ^era 418,28. 422,13 (= 0); 
— b) in sonstigen Wörtern: ace 416,19, aefestlice 422,25, 
aefestnesse 416, 13, cewfcestlice 414, 23, cer 416, 32. 424, 4, cerest 
410,21 (3), -a 410,20, erestan 418,22, wni^e 414,18, cenigne 
412, 22, ncengum 410, 25, ncenigum 412, 15, ceghwceder 414, 20, 
egwylcre il8,4, aicedde 4:12,9, brcedo 424,22, d(Bl 4=24,7, -e 4:2^,10. 

412. 11, 'OS 414, 2, norddcele 410, 21, todcelde 424, 10, gedelde 
424, 8, fmmnan 422, 2 (2), äcpZö 412, 21, holendes 410, 16, hcetton 
424, 29, ÄöB^naw 416, 6. 418, 5, -num 416, 32, -nesse 422, 10, 
Zcedaw 416, 2, ^e^öpdaw 418, 17, liBdde 424, 19, gelceded 422, 28, 
Iceranne 410, 29, 19 (im ganzen 9 verschiedene formen von Icedan), 
Ices 412, 6. 424, 25, mae 410, 28. 414, 24 {ma 412, 5. 26), moesta 
418,3, me^toe 424, 10, rcerde 418,29, dazureÄae418,l, 5öb420,15. 

§ 10. Ws. e = germ. e. 

Ws. e (= germ. e) bleibt durchgängig in T* — T"^, nur ist 
sein gebrauch durch häufigeren w/o-umlaut stark eingeschränkt, 
vgl. § 27. 

1. Vereinzelte ausnahmen mit as sind^: a) in der nähe 
von labialen: T» wceg 146,24 (= 0), wces 266,3 (=B, Ca + ; 
wces zu tves corrigiert, C beo)-, cefen 96, 24 neben efe^i- (16), 
4 efn- und 4 efne-, ferner das dialektwort wcere (pain) 322, 24 
(= OCa; B weorees)\ T^ gehaedhus 388,6, imp. cwceö 388,31 
(letzteres offenbar verschreibung, da an dieser stelle der imp. 
cwed und das praet. cwceö stark durcheinander gehen, vgl. das 
praet.cw;6(? 388,31); — b) in anderen fällen: T^sprcece (conj. 
praes.) 372, 1; T^ Jxegn 418. 9 (neben pegnunge 420, 8. 418, 21). 

T* pesy des 82,21. 110,16 (14) und 1 Ö(bs 280,7; T' ß(B8 390,25, 
ßes 404, 9 (B hat meist ce, auch im Ps. cb in diesem worte, Z. § 5) gehört 
zu germ. a. 



196 DEUTSOHBEIN 

2. Hingegen zeigt ce mit Vorliebe T*; hier stimmt T* zu 
R^ (Brown § 15) und zu den kent. Urkunden (Wolff § 14); 
a) nach w: W7er390, 23 (7) neben «<;flBr 436, 23, wcerode 430,10, 
we^e 398, 29. 428, 18, cernewe^ 398, 30, W(B^e 400, 21. 430, 26, 
onww^ 394, 6. 428, 21. 430, 6, wel 392, 10 (5), well 408, 14, wcel 
408, 3. 442, 16, swcefnes 406, 22, swce^re 396, 10 (in e aus öb 
corrigiert), Wesseaxna 404, 17. 406, 9. Oft tritt kreuzung mit 
dem w/o-umlaut ein; daher ist noch § 27 zu beachten: ic cw^Öe 
398, 22, cwedan 406, 26. 442, 21 (1 cweoÖan 400, 18), cweden 
404,11, w;e5an 408,21, n6ÄC 430,30; — b) im acc: mtec 398,22. 
402, 18. 33. 426, 12. 428, 11 neben 30 mec 394,26 etc. und pec 
396, 31 (man beachte, dass uElfred mec, pec natürlich nicht 
kennt); — c) vor gn (auch in R^ häufig): belegt sind pen^ 
436, 24, ffesn 410, 7, pe^nun^a 896, 18, ]>enunge 390, 12. 396, 15. 
402, 30. 31, ]>egnode 396, 9, -ade 396,13, ffcegnian 404,12, gesce^- 
node 394,2. 392,26, -ade 396,29, sce^nade 402,18; — d) im 
verb. sprecan: sprcecende 402, 14. 440, 17, sproecan 402, 20, spre- 
can 438, 19, foresprmcenan 390,22. 404,14 (=OCa), -ana 408,25. 

Anm. 1. Bei stefn (nie mit assimilation von fn >• mn, s. o. efn) ist die 
Sache zweifelhaft; hier hat Ca in 16 fällen cß mit ausnähme von 106,26. 
268,28, T^ hat 314,21 ebenfaUs stasfne, 260,4; T* stasfne 430,18 (= B), 
438, 15 (= C); einmal hat Ca sogar stafne 370, 11; die letztere form macht 
es wahrscheinlich, dass m in stcsfn auf a zurückgeht. 

Anm. 2. Neben swdian mnss ein swyltcm existiert haben (vgl. neben 
unsem hss. OCCa noch die zahlreichen belege bei Bosworth-Toller): wie dies 
zum starken verbum steht, wage ich nicht zu entscheiden; 8tDyltend2l86,6. 
288, 20 OCa, swyltan 242, 22. 27. 228, 23, ic swylte 440, 15 (dazu vgl. abd^e 
212,30, wo B abylgen hat). Daher ist auch wol das swylte in R* 22,24 
(aus swoslte corrigiert, vgl. Sievers § 377) auch der form nach als praes. 
anzusehen, besonders da für die stelle präsentische bedeutung erfordert wird. 

Anm. 3. Hierher stelle ich auch das dialektwort towestnis 300, 3 
(e<i(B) (towesnes OC, Ca towesnes, toworpednes, B 4-); ^ewesnisse 274,5 
(= 0, Ca towisnesse, towesennesse B). Die erklärung des e würde Schwierig- 
keiten bereiten, wenn man es zum starken verb. *wisan (Sievers § 382, anm. 3) 
stellen wollte. 

§ 11. Ws. Umlauts- 6. 

I. Ws. e = i-umlaut von urags. ce ist auch im Beda e. 
Ausnahmen sind sehr selten: in eigennamen T* Trumheere 
240,15, -hcer 238, 18, gegen Trumhere 224,3. 238,24, -es 250,19; 
T* JEcghriht 410, 24. 410, 33, Ec^hrihte 410, 16. 412, 28; ausser- 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 197 

dem T^ bwd 438, 4 (= C) neben bedde 392, 7. Die von Sievers 
§ 89, anm. 1 aufgeführten Wörter verhalten sich folgender- 
massen: a) el(l)- {=gotaljis) erscheint in T^.T^.T^ stets mit e: 
Ti elreordis 56, 4 (7), elreord 158, 6. 258, 20, elpeodan 56, 10, 
elj^eodis 60, 5 (3), -nesse 190, 5 (6), elpeod^un^e 332, 18, ell- 
peodisnesse 244, 19; T^ elpiodisnesse 408, 17, eWod^ian 406, 14; 
T5 hat stets eil- 412,18.22.24. 414,17. 416,12; — b) sec^an 
und compp. erscheinen in T^.T^ stets mit e, T^.T^ schwanken: 
T^ scec^an 394, 1. 426, 3. 430, 12. 434, 5. 8, scecgaä 440, 9 (daher 
auch schwanken im subst. scegene 434, 22 und ^esegene 434, 15) ; 
T^ scecgan 410, 17. 416,27 neben sec^anne 412, 1, sec^ende 418, 10, 
dasecgan 422,23; — c) wrecca 124,29. 126,9 (9) und 1 wrcecca 
158, 7; — d) instwpe 78, 13 stets mit ce (8); T2 instcepe 388, 29, 
instepe 356, 4; T^ instcepe 396, 6. 428, 32. 440, 10, instepe 398, 4 
404,1; T^ instepe 424,8; — e) ^emceccan 316,9, heafod^enioec' 
cum 326,18; — f) wcecce stets mit ce: €0,24 etc., ebenso wcec- 
cenum 210, 16. 266, 16. 352, 6 neben wcecene 128, 23, wceccende 
86, 19 (5), wceccre (adj.) 84, 2. 

IL Ws. e = i-umlaut von ö erscheint auch im Beda als e, 
z. b. efstan 62, 14. Beachtenswert ist der dat. sg. deahter 
122, 29. 338, 4. 

III. Der Umlaut des mit g wechselnden a vor nasalen 
ist e; Beda hat in T' — T^ e mit wenigen ausnahmen (s. c); 
hingegen schwankt der gebrauch in T^.T^ a) T^ hat 39 e, 
19 ce, 1 ^. Ueberwiegend e liegt vor in gefremman 438,17, 
gefremede 440, 4, ^efremedce 410, 2, gefremedan 432, 1, fulfre- 
mede 432, 17 (part.), fulfremedlice 398, 27. 402, 27, fulfremed- 
wme 432,14, ^emede 436, 18; ewde 426,28. 428,29. 440,25, 
endehyrdnesse 430,1 (1 oende-) 434,2; Enklise 408,14, swenced 
396, 11, un^eswencedlice 436, 16 (1 swcencte 436, 17), fore^engan 
408, 5, sendan 428, 12, sende (praet.) 396, 1 (3), onsende 398, 1, 
onsended 430, 19; men (n. a. pl.) 396, 27 (5), men (dat.) 392, 21. 
396, 23, denn 430, 30; pencan 426, 2. 430, 11; genemnan 442, 10, 
^enemned 390, 28, nemned 408, 2 : 2 ncemde 402, 11. 25. Ueber- 
wiegend öB liegt vor in Dcene 408, 23, Ccen^ 408, 7. 9, Usccen- 
cenne 436, 8, schote 396, 9 (tostencte 428, 21), stcences 430, 19, 
semoensde 400,15 (1 gemen^edne 4:28^ 7), Icengo i28, 28 (=Ca); 
ccempa 408, 25 (englcLS 440, 28, cenglds 440, 26). Hierher ist 
wol auch scemninga (COCa semninga, B scemnunga ist wie 



198 DBÜT8CHBEIN 

mcenig zu beurteilen) zu stellen: scemnin^a 426, 8. 14. 17. 28. 
436, 28. 438, 3. 28 und somnin^a 430, 24; — b) T^ hat 38 e, 
2 ce, 2 ae: fremede 414, 1, gefremed 420, 6, fremsumnessum 
414, 11, fullfremednesse 412, 19, ^eendade 420, 27, ^eenddad 
416,8, un^eaendadre 424,23; von nemnan 8 formen: nemdon 
410,24 etc.; von sendan und compp. 8 e (sende 414,8) und 
2 sended 412,U. 420,15; 1 saendan 4U,S; dene 424, 22; llcen^e 
424,23; menn (n. a. pl.) 416,22.26 (5), aldormenn 416,3, eal- 
dormenn 416, 9, dat. menn 412, 5, aldormen 414, 27. 416, 10, 
ealdormen 4:16,17, mcpw 410, 25; semniga 416,22, semnin^a 
422,29 (das wort scheint nach Cos. dem altws. zu fehlen). 
Diese ce deuten auf einen kent. Schreiber (vgl. Sievers § 89, 
anm.5) hin; Ps. hat e (Z. §4,1), Ri 233 e, 24 ce, 1 ^ (Br. 
§ 12); die Corp.-gll. ae (4 mal); öfters auch in den kent. Ur- 
kunden (Wolff s. 20); — c) vereinzelt hat auch T* ce-, doch 
können diese neben den ungemein häufigen e nicht von be- 
deutung sein. Ausser dem fremdwort cenglum 214, 13, cenlice 
96,23 kommen in betracht: nicen 230,23, m^nn (hs. w^) 272,3; 
bigcen^um 114,2, dblcende 122,6; oende 846,21 (übrigens Imal 
schwach endan 138, 29), clcemnessum 290, 2, part. ^eglcen^de 
342, 8, onwmnde 320, 30. 

Anm. 1. Neben dem normalen mensu, -o {menis(e)o, -u) z. b. 166,5 
und seinen derivativen ist in T* 2 mal os belegt in gemangnisse 82,1, ^e- 
mcengnis 82, 5; in T* finde ich mce^i^o 426, 1, mcenigo 426, 32 (könnte natür- 
lich auch zu a gehören). B hat in den beiden letzten fällen mcenigo, eine 
form, die im spätws. ganz gewöhnlich wird und eine art secundärumlaut zeigt. 

Anm. 2. Für das umlauts-e in sendan findet sich in T' 3 mal y: 
synde 126,23, synd 200,25, syndon (praet. oder inf.?) 200,12; dazu Ca 
spndom [42, 1]. Zunächst möchte man dies für einen kenticismus halten 
(Sievers § 154, anm.). Da wir jedoch sonst in T^ keine sichere spuren von 
kent. dialekt haben, so liegt eine andere annähme näher: die 8 p. pl. 
praes. zu wesan war in der vorläge vielleicht sendmi (seondon) (vgl. §27, 
Vorb. 2/9), und bei der Übertragung wurde aus diesem eo (c) ein y her- 
gestellt. Dabei griff der abschreiber vieUeicht hie und da fehl, indem er auch 
einige andere sendan mit umsetzte. Denn es bleibt auffällig, dass nur bei 
diesem worte y für e eintritt; auch hat T* nie c für umlauts-y (vgl. § 15, 2). 

§ 12. Ws. e. 
Ws. e ist in T regelmässig erhalten. Ausnahmen: 

1. Vereinzelt erscheint 1 woe 282, 23 und 1 des 204, 14. 

2. Für WS. med, got. mijs^dö erscheint dialektisches meord: 



DIALEKTISCHES IM AGB. BEDA. 199 

meordum 422, 18 T^, meorSe 378, 16 T^, neben T» mecle 121, 26. 
29 (9 mal). 

3. Auch Fresan gehört hierher; das lat. hat Fresones, 
Später steht daneben Frysan, so gewöhnlich in OCa: T^ Fre- 
sena 190,1, Frysan 328,29 (Ca Fresan); T^ Fresan 408,23; 
T- Fresan Ui, 7, -ena 412, 20. 418, 22. 420, 28, -swa 420,31; 
ausserdem Fresna deode [22,33] Ca (B Fresena)] fresumnesse 
420, 7 falsch für fresum (so in B); Frysena lande [22, 29] Ca 
{Freslande B). 

4. Auch der umlaut von urags. ö erscheint in T'.T^.T^ 
durchweg als e\ die wenigen ausnahmen scheinen« aus der vor- 
läge eingeschleppt, a) T^ semoette 66, 21, neben ^emitte 214,20; 
wegen dieses [angl.?] i s. Cook, MLN. 3, 13), wosri^ian 78,22 
(= B), wo^rsra 212, 14, wosrse 298, 15 (= OC), w^s^n 212, 15, 
hr(Bsden 268, 21, fcednis 88, 6 (feondes B, feones OCa), rosce 
(subst.) 336, 26. — Ferner 4 durch i-umlaut entstandene formen, 
die zu wöh gehören: T* wenesse 82,15, -isse 142,26, -essum 
82, 12, und 1 ce in wmnessum 82, 11. Diese formen fehlen 
sonst; es heisst gewöhnlich wones (T^ wonnesse 442,5), und 
der «-umlaut, hervorgerufen durch das suffix -nis, ist nördlichen 
Ursprungs. — 1 eahtan 68, 14 für ehtan. — Das part. praet. zu 
don heisst in der regel (je)don; ausnähme bildet das dialek- 
tische doen 80, 1. 6; ausserdem vgl. getv^nde 350, 17; — b) T^ 
hat w in ^emcetan 418,11, hloetsun^e 418,26; oe in woepende 
422, 30 und oeshweder 414, 23 neben 22 e; — c) T2 hat ver- 
hältnismässig 4 oe, 2ae, 20 6: — oe: geroeted 384, 18, roeffe 
384, 21, roeönis 386, 13, woen 384, 25; oe (ae): ^emcetton 386, 1, 
haec 38S, 2; e: 6ec 356, 10, hensie Sbiy 10, bletsonge S84, 18, 
gedeme 356, 16, dest 354, 5, gedrefed 354, 30. 352, 29, afeded 
384, 14, fordferde 356, 8. 386, 27, seondferde 354, 15, ^eferum 
388, 7, geferan 388, 1, frecenesse 354, 24, frefrede 354, 4, ^esecan 
384,26, wendon S56, i. 384,23; — d) T^ hat neben 67 e 19 öp 
und 1 oe: w liegt vor in ^efcerscipe 398, 16 (= C), swwg 426, 29, 
swcetnis 430, 20, rceffe 436, 13, hrasöpran 436, 15 (mit unorga- 
nischem h, vielleicht an hrceffe gedacht), niedbehcefdlic 396, 24, 
wcenu 402,9; ce zeigt sich stets in blcetsian (Sievers § 198,4 
setzt bletsian an; dann wäre die obige zahl von 19 w zu 
reducieren): blcetsian 396, 25 (= C), geblcetsode 392, 9. 26. 394, 2, 
-ade 394, 27. 396, 29. 398, 3, blosdsade 402, 18, subst. blcetsun^e 



200 DEÜTSCHBEIN 

390,15. 392,16. 398,24 (=C), bketsun^e 404,3; oe in ford- 
foered 390. 25; — e) aus den anderen hss. sind hier noch auf- 
zunehmen: dfceded 66,19 OCa, hwcene OCa 68,6; brce^den 

428.13, hwcene zu hwene umcorrigiert 80,10. 438,21; Ca 
frcecennesse 3k>4j24:, wcependre [4:4,24], wcepende 422,30; B wceri^ 

114. 14, frcecennesse 324,23. 

Anm. 1. Die eigennamen mit Cen-, Cwen- sind ausgeschlossen worden, 
da das lat. hier oi, oe hat, das die schreiher oft mit £e widergahen: T* Ccen- 
walh 168,15.26, Cenwalh 298,3, Cwenbur^he 138,33; T* Ccmredes 42ß,22, 
Cwosnhurh 392, 28. 

Anm. 2. Verhältnismässig viele oe (cb) zeigen sich in gescrspe und 
ableitungen, und zwar aus dem s. 172 angegebenen gründe. T^ ungescrepnes 
322, 31 (un^escroepnes 0, gewetnmednes Ca, hefignes B), gescrepa 330, 13 
(= B, gescreopa Ca, gescrlpa 0), gescrepe 324, 1 (gescripe 0, gemete Ca, 
gemcete B), gescrepelice 324, 4 {gescro.pelice 0, gesceaplke Ca, gescyrpendlice 
B); T^ imjescrcppe 366, 10 (=Ca, -re B, ungescr^e 0, ww^j-cscrope C), ww- 
gescroepo 382,9 (-gescrepo B, ^j-escropcC; OCa ändern stark); T* gescrope 
398, 30 (= C, gescroepe OCa). Ausserdem gescraswe [26, 4] Ca (^escroßpe C, 
gescrcepe B), ^j-escrcepc [26, 14] Ca (B gescrepene). 

Anm. 3. Die vorläge scheint ce (bez. oe) gehabt zu haben, da die 
selteneren Wörter dies gern beibehalten haben, und auch sonst die verein- 
zelt auftretenden ce am leichtesten ihre erklärung finden; auch deutet der 
fehler B 52, 10 wcestme auf wceste (Ca weste) hin. 

5. Neben den ^-formen der reduplicierenden verba 
mit dem praeteritalvocal ? sind auch dialektische formen mit 
erhaltung des alten reduplicationstypus erhalten, a) Verba mit 
a vor n + consonant im praes.: in T* heisst es stets (on)fen^ 
und andere compp.; stets heng (und compp.), ebenso in T^; 
T2 hat feng 388, 16, onfoetig 386, 28; T^ fen^ 408, 1, onfen^ 
396, 8, onfceng Ö96, 12. 398, 11. 434, 27, fceng 406, 9. 436, 23; 
T'i onfeng 418, 23. 424, 11, -on 420, 20, onfoeng 416, 9; — 
b) verba mit praesensvocal ce: T' ondred 116,2. 196,32. 326,15. 
350,14, -6 (timuisti) 132,25; von (a-, ge')rcedan sind in T» 8 
schwache formen, in T^ 3 belegt neben 1 reordan 316,8 (in 
OCaB misverstanden : OCa reordedon, B geleornoden) ; von Icetan 
heisst das praet. in T^ let; z.b. forleton 62,15; zusammen ist 
das praet. let (einschl. der compp.) 41 mal belegt; daneben hat 
C forleort 112,3, -e 114,21, forUorhte 116,3, forleort 332,9. 
In T erscheint auch 1 mal forlceton 176, 10 (-an Ca, forleton OB; 
das ce ist aus part. praet. eingeschleppt und findet sich beson- 
ders in Ca; 284,15. 318,4. 344,32 [450,11] etc.). T2 hat 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 201 

2 ondred, 1 ondrede, 1 forleton\ T* forlet 404, 18. 426, 18, 
-e 436, 27, forleart 406, 12; T^ 1 ondred, 1 ondredan, forleort 
412,12, -6 416,21. 424,9; — c) mit dem präsensvocal ä: T^ heht 
88,28. 90,20. 104,4 (23 mal), geheht U,16. 60,13. 122,33 
126, 11 (13 mal), -on 266, 32. 278, 14; dagegen het 126, 25. 
140,22 (12), -on 112,25, gehet 120,17. 126,28 (12), -ow 54,3, 
-e 130,16. 132,27; T2 heht 388,10.21.24 (8), geheht 352,30; 
T3 3 het, 2 ÄeÄ^; T^ heht 404,1. 406,4 (3), -on 398,8, Äe^ 
2 mal, Mß^394,23. 394,26 (0 geheht); T^ heht ilQ, 28. 418,16, 
ausserdem heht [460, 29] 0. 

Ueber die bedeutung des ce in (on)fceng T^ und des oe in 
onfoeng in T^.T^ bin ich mir nicht recht klar. Man möchte 
sich versucht fühlen, diese für alte e zu halten, wofür die 
Schreiber ce, oe schreiben, wie sie auch für umlauts-^ ein ce 
und oe haben. Dem widersprechen jedoch die ausführungen 
von Sievers, Beitr. 1, 504 f. 16, 263 f., der dort kürze des vocals 
nachweist. Complicierter wird die sache noch dadurch, dass 
auch fcef eradle 396, 11 mit ce erscheint, und Pogat scher (s. 118) 
und Sievers setzen beide e für dieses wort an. Die ce in T^ 
fänden ihre erklärung, wenn wir § 10 herbeiziehen; doch bleiben 
dann die anderen formen noch unerklärt. 

§ 13. Ws. t 

Ws. t (= germ. i) ist auch im allgemeinen erhalten; wegen 
des o/n-umlauts vgl. § 27. 

1. y für einfaches i tritt selten auf (besonders in T* in 
der nähe von r); sonst ist y nur in den fällen häufig, wo alter 
tf/ö-umlaut vorlag (das nähere s. § 27). a) y erscheint in T^ 
ganz vereinzelt: 1 myd 316, 16, 1 hym 338, 27 (sonst stets htm, 
1 heom dat. pl. 64, 27, in Ca 228, 3. 254, 22), 2 tycgan 84, 16. 
318,22, 1 tyg])ian 220,26, 1 stynge 122,21, 2fyrstlS2,7. 386,9, 
1 sprycest 196, 22, 1 abry^deÖ 66, 29 {abreded OCa). Oefters 
erscheint y in dyder und hwyder (neben regelmässigen dider 
\m^hwider): d^der 322, 34, ^^der 328, 30. 292,31, hwyder 258,5. 
262,2. 298,22, gehwyder 202,28, ceghwyder lU, 22; aus T» 
äyder 366,23. 376,14, pyder 368,16 und 1 ffider 366,21; aus 
T4 öyder (6), 1 pyder 394, 22, 1 pider 390, 30, 3 hider 400, 11 
etc., hwider 426,27. Für dieses i erscheint in B öfters ce: 
J)ceder 386, 1, hwceder 128, 8. 426, 27, ceghwceffer (I) 144, 22 (vgl. 

Beiträge zur geschlchte der deutschen spräche. XXVL "jj^ 



202 DEUTSCHBEIN 

Sievers, Beitr. 9, 263). Ob twiec^e 122, 12, twydce^lic 350, 32 
und tweofealdne [48, 8] CaCS hierher gehört, weiss ich nicht; 
vgl. auch no. 5; — b) aus T» swydust 368,18; — c) aus T^ 
wynstran 424,23 (nach tr); — d) T^ zeigt häufig y neben r: 
frygenisse 434, 23, grymme 438, 4, ge^rypen 440, 16, onsryslican 
426, 6 (neben onsrislican 426, 18, -um 438, 2 (9), on^ryslicre 
438, 33, fyrstmearce 424, 33, dazu auch dry/an 400, 28. — Nach 
l: lyf^an 402, 16 (neben lifigan 434, 2, K^an 432, 22, Ufi^endra 
432, 5, und 3 lifde, syn^an 442, 19). Unerklärt ist mir ^eUese 
406, 8 (B ^elice), ^elise T^ 360, 26 (C gehe). 

2. Die 2. und 3. pers. der starken verba mit dem präsens- 
vocal e hat i; im frühws. meist mit contraction (vgl. Sievers 
§ 358. 371. Cos. § 41). Ri hat e, Ps. i (Zeuner § 6). T^ ctvist 
78, 17. 130, 8, 196, 22, cwiff 84, 24, spriceä 262, 19, iteff 92, 13 
(eteäfB), /br^i/ed^ 82,28. 84,25, a6tVed^72,2 (OCa mit angleichung 
abere])\ hireÖ 88, 25. Daneben zeigt sich schon y nach r: 5pr|/- 
ce5n96,22, aftry^ded^ 66, 29 (aftrede^ OCa). T» forgifeä37Q,24:; 
T* cwid 390, 8 (= 0, cw;^^^ Ca). 

3. Es besteht die neigung, im zweiten teile von compositis 
i in e übergehen zu lassen: T^ neaweste 202,3. 292,16. 346,25, 
neoweste 190,17; T^ neawiste 406,14, nioweste 432,18, ceriste 
108, 1. 250, 29. 284, 24 neben cerest (gen.) 220, 28, we^neste 
338, 24. 348, 12 (= 0). 

4. symle erscheint (116, 31) in T^ stets mit y, mit i nur 
146,23; T2 symle 388,14. 390,1; T^ simle 360,26. 376,9, 
symle 370, 8. 372, 12; T^ simle 416, 13. 

5. Für WS. Jäw- (familie) in compositis erscheint im Beda 
dialektisches heo(wy, hio{wy: T^ heowsäpes 332, 20 (CaOB 
ÄW-); T*^ Uoweslice 386,30 (= C; B+; hiwcudlice OCa); T3 
heoweslice 364,23 (=0; B +; hio- C; heowceslice Ca); T* hio- 
scipes 422, 24 (Mw- OCaB). 

6. Durch w/o-umlaut nach vorausgegangener kürzung er- 
klärt Brown (ähnlich wie seodöan § 27) T^ heorode 64, 16. 
144, 2 (ws.hi(e)red), hyrede 124, 7; T^ Äeörde 422, 26; es ist aber 
wol zu no. 5 zu stellen: das o vertritt ein vocalisiertes w. 

§ 14. Ws. ä. 

Ws. S ist auch im Beda im wesentlichen erhalten. An 
einzelheiten ist folgendes zu notieren: 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 203 

1. Das praet. von niman lautet gewöhnlich nam, von 
cuman com, cwöm. 

2. Für WS. ö erscheint dialektisches a in folgenden fällen: 
Ti on marne 114,28. 182,29; daneben morne 114,10 (3), on 
mor^enne 284, 25 (marne Ca). 344, 17 (marwe 0, mar^enne Ca). 
344,28, flßr mor^enne 140,12, cermer^en 92,13; T* on morgen 
404, 5, (Ermorden 410, 6. 402, 11 (C (Brmersen)-^ T^ ^ewarden 
360, 30 (neben 8 geworden und 1 ^ewordne 376, 6); T^ waldon 
416, 27 neben wolde 410, 29 (3), woMon 414, 12, «;o7de 418, 25, 
scealde (für scalde) 410, 15 neben scoldan 414, 8. 416, 2. Weiter- 
hin ist ein fehler in T^ bemerkenswert: 342,22 hat T sealde 
für scalde (scealde), (0 sceold&*, -an Ca, -ow B). Diese a er- 
scheinen also stets vor gedeckter liquida, und Zeuner § 40 hat 
wol unrecht, wenn er das a von marken auf die ein Wirkung 
des folgenden palatals zurückführt. 

3. T2 ^ewurden 356, 6 (neben 1 geworden) ist angleichung 
an den pl. ^ewurdon (part. ^ewurden besonders häufig in B, 
z.b. 80,2). 

4. Beachtung verdient der Wechsel von smoU — smylte 
(Sievers § 299, anm. 1). Soweit ich zu übersehen vermag, 
scheint sm^lt dem strengws. fremd zu sein: bei Cos. fehlt es, 
nach Fischer auch in ^Ifrics Hom. Es ist daher erklärlich, 
dass auch die hss. des Beda gern smolt in smylte umändern. 
OCaB haben stets y. Belege: T^ smolt 302,33 (=C, smylte 
OCaB). 348, 5 neben smylte 228, 4. 348, 21, -re 348, 20, smyltnis 
268, 23, -nes 200,6; T^ smyltestan 386, 14 (C smoltestan), smyltnes 
384, 20 (C smoltnes)', T^ smolte 380, 5 (= C); T^ smoltes 428, 6, 
ausserdem smoltnesse 480,9. 

5. Nach w erscheint in Ca (seltener in 0) für w;o ein weo, 
dessen bedeutung nicht ganz klar ist. Wenn in Ca auch sonst 
weo zu wo geworden wäre (was vereinzelt vorkommt, vgL 
§ 19, n), so hätte vielleicht der Schreiber kein gefühl für den 
unterschied von weo und wo gehabt und beides promiscue ge- 
brauchen können; aber Ca hält im wesentlichen an dem unter- 
schied fest; häufig steht weorold (vgl. § 19, anm. 1) für ws. 
worold. Als ö-umlaut liesse sich erklären Ca ^edweolda [42, 12], 
gedweola [42,22]. 442,2, dweolisendumS62, 14; durch anlehnung 
an weorc ^eweorhte 346, 14, Ca weorhte 206, 4; unerklärt 
bliebe B 160, 17 heorses (was nur Schreibfehler zu sein scheint), 

14* 



204 DEÜTSCHBEIN 

weolde Ca [58, 6]; vgl. auch hleoöedon Ca 48, 24 zu hlüö] eanum 
Ca 304, 11 (zu anum), und § 2, anin. 2. 

§ 15. Ws. p. 

1. Der Umlaut des it in p gilt für alle Schreiber des Beda. 

2. Ausnahmen sind sehr selten: T^ unsefernessum 356, 2; 
T4 vereinzelt: ^ehled 421, 30, dß/ae 436, 2, c^^aw 434, 9 (?), dede 
440, 31, dedöw 392, 13. 406, 17 neben dyde 390, 15 und 1 ^edyde 
438,25; T^ dede 412,19, dyde 422,1, dedest C [94,25]. Diese 
e sind als kenticismen anzusehen. 

3. Kein kenticismus ist, wenn neben dem gewöhnlichen 
ymb(e) auch emh erscheint: 126,33. 314,25. 318,9. 

4. Nicht hierher gehört cirice (cyrice) und ableitungen, 
die ein i als grundlage haben (Pogatscher § 239): T2.T4.T5 
hat stets i; T» 9 y und 3 i; T^ 13 y und 213 i 

5. micel und ableitungen mit altem i hat i stets in T^. 
T2.T4.T5; nur T^ hat 20 y und 2 i 

6. In ipt {-eT) erscheint der regel nach y: T^ lyt 122, 12. 
264,9, lytel 76,26, unlytel 294,21; i in lüle 232,2; T^ i^^^eZ 

430.21. — lytesne scheint ungebräuchlich gewesen zu sein 
(dialektisch?); wenigstens lassen die anderen hss. es meist 
weg oder geben es falsch wider. T^ lytesne 182, 28 (= O, 
CaB +). 194, 35 (= 0, CaB +). 236, 12 Qytestne OCa, CB +). 
252, 21 (= 0, let B, m(Bt Ca); T^ lytestne 438, 33 (= OCa, C ly- 
telne, B +). 

7. hysen ist ein sehr dunkles wort (Kluge, Sievers setzen 
es mit y an, Cos. mit y, Sweet mit Q; doch scheint auf jeden 
fall festes y vorzuliegen. Annehmbar erscheint mir Cosijns 
versuch (Gramm. 1,79), das i des wortes durch anlehnung an 
bispell auf dem wege der Volksetymologie zu erklären. Im 
Beda hat das wort meist y, ohne synkope des mittelvocals, 
was für y sprechen würde: T^ bysen 314,31. 316,6. 336,24, 
bysene 106, 20 (9 mal), bysenum 106, 27. 216, 29, und 1 mal bysne 

114. 22, i in bisen 338, 6, bisene 196, 5 (6); T» bysene 362, 2. 8, 
bisene 362,5; T* bysen 406,7, bisene 4:^6,18; T^ bisene iU, 15, 
bisenum 412, 26. 

8. Im conj. und part. praes. von cuman tritt neben u auch 
y auf (vgl. die formenlehre). 

9. Vor ht (jedoch nicht vor anderen palatalen und palatal- 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 205 

Verbindungen) erscheint in T^ i t&r y: a) stets heisst es drihten 
60, 17 etc. nebst ableitungen; — b) stets i in ^enihtsumlic 80,12 
und ableitungen; im ganzen 8 formen; — c) y erscheint in 
^ehyhte 164,21. 248,21. 296,34, hyht 858,13; T^ hat 4 y und 
1 i in dryhten('), 1 hyht; T^ schwankt stärker: von dryhten 
und ableitungen sind 13 formen mit y, 2 mit i belegt. Ausser- 
dem ^enyhisumlice 366, 1, ^enihtsumlic 366, 33, ^enihtsumnesse 
366,22, hiht 366,31; T^ bevorzugt y: dryhten 390,10. 402,17 
im ganzen 10 formen mit y), hyhte 434,7, gehihtende 404,23; 
T'^ hat durchgängig i: 4t drihten etc., 1 ^enihtsumu. 

10. Sonst ist i für y selten: in T^ 1 hic^enne96,8 1 än^e 
156.11, scipene 342,26 (vgl. Kluge, Et. wb. unter schuppen), 
bricsade 244,22, sticcemcehim 54, 8 (3) neben styccemcelum 164,7, 
styccum 166,8; T^ 1 styccemcelum, 1 sticcemcelum; T* 2 stycce- 
mcelum, 1 sticcum; T^ 1 sticcemcelum. 

11. In der nähe nichtpalataler consonanten findet sich i 
für y in: T^ J>inre 244, 24 (neben SJ>ynne) und T^ äinre 400, 25; 
Ti pislic 130, 14, -licre 128, 30, ]>yslice 180, 5, l>yslic 174, 6. 
228,5; T3 ätjllic 382,9, T^ m 390,30. 

§ 16. Ws. Sa und &. 

Diese beiden diphthonge werden auch im Beda im all- 
gemeinen streng nach ihrem etymologischen werte auseinander 
gehalten. Vereinzelt tritt jedoch — vielleicht durch die vor- 
läge veranlasst — Vermischung ein. 

I. So für ea: eoferan 208 OCa, ^edeofanade 342, 18 T^, 
ondsweorude 388, 34 T^, ^eorowyrde 390, 17, T^ peowa 174, 2, 
2>eowas 108, 6, ^eteoh 166, 19, heorran 142, 3, neowiste 190, 17, 
geneolecte 186, 14, ^eneolecton 214, 27, T* feoo 434, 16 (wegen 
eawan, eowan vgl. § 23, anm. 1); T^ Heowold 416,22 neben 
Heawald 4:14:,21 (5). Vereinzelt auch in C heorum [486, 12] C. 

II. Sa für So: T^ J>eawa 318, 26, l>eawe (conj. praes.) 210, 17, 
cetfealh 350,21, ^eaüa 186,11. 348, 15. 438, 18 C, fea (für /eö) 
130,34. 216,8. 324,26, neafan 322,24, on^eaton (inf.) 368,18; 
T5 eam 424, 3 (sonst steht com in T^.T»); T^ heara 354, 22. 

ni. Ausserdem erscheint 3 mal ia, Imal io, die als ken- 
ticismen anzusehen sind: T^ hiaöoradon 364,7; T* hliapettan 
390, 9, nioweste 432, 18; T^ Äiara 414, 13. 



206 DEUTSCHBEIK 

§ 17. Ws. ?o und fo. 

In bezug auf den gebrauch von fo/fo gehen die Schreiber 
von T sehr auseinander. T^.T^ haben principiell nur &, ohne 
rücksicht auf die etymologie der Wörter. Daher erscheint auch 
in den fällen, wo westgerm. i oder iu zu gründe liegt, stets &. 
Ich habe in den beträchtlich langen texten von T* und T^ 
nur 1 iode und 1 J>ios gefunden. — Bei den Schreibern T^.T^.T^ 
liegen die Verhältnisse folgendermassen: 1. in allen den fällen, 
wo frühws. io und & nebeneinander stehen, sind auch bei ihnen 
to und & nicht streng geschieden; 2. für westgerm. e und eu 
erscheint in der regel &; doch tritt daneben io auf, das als 
kenticismus anzusehen ist. Offenbar ist es so gewesen, dass 
die vorläge nur eo kannte, dass aber die kent. Schreiber T*. 
T*.Ts den bereich der fe ausdehnten. Solche dial. io begegnen 
in T2 hiofenum 354, 26, hiofones 384, 20, siolfe 354, 25, tlon 
388, 27; T* biorhtnes 430, 22, wiorc 408, 19, -e 432, 17, -um 
432,13, ffiode 406, 11; T^ hiofana 414, 16, hiofonlices 418, 3, 
J>lod 420, 19, -e 422, 7, äiode 420, 1, -um 418, 27. 

§ 18. Ws. fe. 

Frühws. te fehlen im Beda; nur hat T* 1 ^esiehö 354,32, 
T* je 1 seliese (?) 406, 8, aliesan 394, 24, niedhehcefdlic 396, 24; 
wegen hiene, hiere vgl. die formenlehre. Meist erscheint dia- 
lektisches e, ce, wenn nicht durch die Umschrift veranlasstes i, y 
auftritt; vgl. darüber § 22—25 und § 28. 

§ 19. Einflüsse des w. 

I. Wegen we > wce in T^ s. § 10. 

IL Die gruppe wea- bleibt auch in T erhalten; also stets 
weorpan (136, 26 to-) etc., hweorfan 54, 7 (-ende etc.), weorffian, 
weoröan und deren ableitungen, sweord 138, 4, weorc 56, 1 (-c), 
weord (pretium) 162, 19. 330, 5, weordi^ 166, 5, weorpi^e 194, 18 
{wordise B; woröine Ca; worp^ne 0). In diesen fällen hat B 
häufig 0, OCa daneben u : ^eworpan OCa 304, 25, toworpan BCa 
136, 28, 138, 11 OCa, wurffunge SU, 22 OCa, woröoden 108, 1 B, 
worc 94, 4. 9 B etc. 

A nm. 1. Für ws.-north. worold hat T in der regel weorold, wie merc.- 
kent. Die hss. OB haben hier meist o, Ca meist weo-; für T^ habe ich 
für weonUd 21 wo- und 16 weo- gezählt. T* Vacat. T^ weorälicum 372, 3 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 207 

für weonMe lichon/üicum (so C). T* weoi'vMlicra 436, 25, wortüd 406, 6. 
T^ weonUdpmg 424, 9, weomMe 418, 18. 

Bei werod schwankt das ws. zwischen werod und weorod. Im Beda 
hat B stets werod\ OCa schwanken; T* stets eo 88,16. 92,16 etc. (zus. 
40mal) und nur 1 weorodes 358,5; T' 1 weorod; T* 3 weorod, Iworuda 
430,11, 1 wcerode 430, 10; T'' weorod, 1 weord, 

in. Die gruppe whi, wio aus germ. wi wird im ws. ge- 
wöhnlich zu m7m; in T zeigt sich häufiger eo (io) und i (wegen 
des letzteren vgl. auch § 28). Formen mit wio, weo sind im 
WS. sehr selten (ausser weoloc, s. Sievers § 105, anm. 2 und § 107, 
anm. 3). 

a) Die gruppe wi verbunden mit t*-umlaut: T* ^ewiton 
54, 4. 186, 14. 242, 1, seweoton 112, 32, weotan (vb.) 78, 10. 
112, 17, 'on 88, 29. 210, 19, weotum 164, 8. 224, 80 [452, 6] CW, 
wyrgcweodulra 56,14, wcergcweodole 856,26; T^ ^ewitan 956,9 
(praet.); T^ ^eweotan (praet.) 428, 8 -ow 440, 11, ^ewiton 426, 30, 
witon 440, 8, wimm 394, 17; ausserdem weolcscylle [26, 8] Ca, 
weolocas [26, 10] Ca, weolocreada [26, 10] Ca. u erscheint stets 
in uton 98, 27 (3), wuton 234, 30. 348, 15. 

Anm. 2. -hwugu (Siev. § 344) erscheint in T* als hwceihwu^u 72,7 
(6), hwylchwu^u 82, 3 (4), hwcethtou^u 66, 29, huhugu 176, 6. 324, 6, hu^u 
240, 22, htoylchu^u 288, 19, htoylcehugu 86, 12. 328, 14, -hwego (diese form 
ist nach Sievers dialektisch): hwelcehwego 98, 2, hioylcnehwego 156, 22, 
hwylcehwego 226,6; die anderen hss. haben -h(w)u^u. An dialektischen 
formen sind belegt: C hwasihwe^a S2i, 6, 240,22. 402,1, -Ä«?e^o 388, 4, 
huhwe^a 360, 24 ; Ca hwelchwcethwe^a 82, 3, ceUiwe^u 342, 29 (= 0), huhwe^o 
388,4 (=0); B ceihwe^a 112, 5, hwasthwes 342, 29, hwcetJiwego 240, 22, 
hwcethwe^ S90, ^, -Äwe^a 440, 31. Ferner sind in T*—T* belegt : H^huhue^o 
388,4 neben 1 hwelchugu, 1 -humgu; T» 1 hwugu 362,17, huhu^u 360,24; 
T* hu^u 394, 15, 1 huhugu, 1 hwcethwu^u, 1 hwelchivugu, 1 hugu. 

Anm. 3. Von swigian kennen T^T^ nur formen mit i, über dessen 
quantität sich nichts bestimmtes sagen lässt. Ausserdem T^ forswu^ienne 
380,28, T* forswu^ianne 398,14 neben swi^ende 402,4. 

Anm. 4. Neben *8wettU'^ sweotiU existierte *swüul >> swuttd. In 
T* kommen 15 formen mit eo vor (82,15 etc.), und 2 mit u: swutiüice 
174, 15, -lecor 298, 12; in T» sweotoUice 370, 19; in T* sweotole 440, 3, sweo- 
tolice 428,6. Ebenso stehen sweostor und swiistor nebeneinander: in T^ 
erscheint sweostor 70, 4 (15); femer sweostra 284,2. 320,32. 340, 4, ^esweostra 
70,5; daneben gesioustor 68,22, sti?MStor 168,19, swustrtmi 284,8, sz<;t*s*or- 
swntt 104, 19. 

b) Die gruppe wi- verbunden mit o/a-umlaut. T^ weotan 
(int) 100, 24. 148, 23, weotanne 76, 10, weotonne 214, 24, weo- 
tonde 72, 9. 86, 22, ne weotende 86, 10 (B neotende), ne weoten- 



208 DEÜTSCHBEIN 

dum 270, 35 (= CS), weotaö 286, 21, witon (inf.) 100, 31, witaff 
102, 1. 286, 16, sewitan 174, 17, 314, 27, witanne 334, 26, subst. 
weotan 164, 9. 270, 27, weota 144, 11 [454, 22 CW], geweota 
316,20, weotena 154,5. 162,26, w;eVan 120,22, witena 100,16; 
T4 ^ew;i7öw (inf.) 428, 2, gewiotan (subst.) [398, 21 OJ, (T* ^e- 
wunan). u tritt auf in wuda T^ 54,5. 210,23. 302,19; T^ 
wuda 404,11; w;wcaw 242,35 T», 364,9 T» neben «;icaw 350, 
30. 31 (natürlich wiice 388, 23 T^, tmcdce^e 162, 11. 352, 8, 
wiicdce^e 350,9), twis:€i 254,23, twi^ea 278,33. 

Anm. 5. Wegen der ev. noch hinzntretenden ebnnng vgl. § 28, F, IL 

IV. Die Verbindung wio + r + consonant geht im ws. 
durch i- Umlaut zu wie-, wi-, später auch zu wy- über (schon 
im frühws. ie, i, y neben einander, Cos. s. 61. 65), während im 
angl. wiO' über wu- direct zu wy wird. Die y in wyröe u. ä. 
sind also, namentlich für spätere texte, nicht streng für den 
dialekt beweisend. Im Beda erscheint in TO durchgängig y, 
in Ca u (neben seltenem eo, y), in B eo (neben seltenem u, y) 
im adj. wyrde und ableitungen: T^ wyrÖe 80,31 (13 formen), 
unwyrde 190, 31 (5), 1 wyrffnisse, 1 wyrdnesse, wyröelice 130, 3. 
In compp. besonders häufig in arwyröe 88,27 (33), arwyrfflice 
82, 3 (11), arwyrönesse 78, 32 (5), efenwyröe 282, 17; deorwyröe 
130, 34 (3), -estena 174, 31, pancwyrfflice 316, 8. Femer in 
wyrrestan 312, 25, wyrson 142, 3 (B wcersan)\ T^ 2 wyrse. 
wyrcan lautet stets so in T' — T\ ist also auf *wurkjan zurück- 
zuführen; T2 arwyrdnisse 354, 29 etc., im ganzen 7 -wyrö-^ T' 
{ar)wyrde und Zusammensetzungen, zus. 9 fälle; T^ 2 arwyrdan, 
1 aarwyrda, arwyrda 408, 15, wyrdre 404, 15, biscopwyräe 
398, 19, efenwyröum 434, 25 (T efenwyrdum); T^ arwyrde 
(5 formen), 1 wyrfmyndum, 1 gemyndwyröe. 

V. Ueber die Vertretung von westgerm. -ew?- s. Sievers 
§ 250, 2 und Cosijn 1, § 19 [vgl. jedoch auch H. M. Chadwick, Stu- 
dies in Old English s. 37 ff.]. Für den Beda ist bemerkenswert, 
dass die t{;- losen formen des nom. sg. auch in die anderen 
casus eindringen, eine eigentümlichkeit die sonst nur in den 
dialekten auftritt. T»: \. peow 102^1 erscheint stets in dieser 
form, ebenso J>eowes etc.; eine ausnähme bildet nur ^eos 
(=J>eowas) 278,20; ebenso heisst es stets lareow 62,22 etc., 
latteow 54, 12; peowdom erscheint mit und ohne w: peowdom 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 209 

54, 3. 62, 22. 124, 15. 332, 34, peodome 358, 14. üeber peowian 
im einzelnen s. die formenlehre. Es erscheint stets mit eo 
(nie io). — 2. Von treo sind folgende formen belegt: gen. treos 
156,22, treoes 1^2, \^, treowes 192, 17 ; dat. treo 138,21. 156,5. 
27; gen. pl. trea 224, 15; dat. pl. treom 224, 15, treowenre 318, 32 
(adj.), treowgeweorc 272, 5 ; cneo (genua) als pl. 100, 6. 154, 30. 
21. 188, 11. 204, 29; dat. pl. cneom 292, 28, cneom 296, 23 (= C). 
— T2 1 äeotv 364, 14, 1 treowa (gen. pl.) 366, 8; acc. pl. 368, 13 
cneowa (0 cneou\ cneow 380, 1. — T^ 1 ]>eow, 1 deow, 5 lat- 
teow, 1 lateow 432,32, piohade 424,11, deowi^an 434, 29, ^eö- 
^ewde408, 25 (C^owiende), <JVodß 442, 17 (praet). — T^ 12>eO' 
was, 1 J>eoddon 416, 14, lareowas 418, 22, laruw 410, 22, lattowe 
416, 7 (zu den letzteren formen vgl. Sievers § 250, anm. 2). 

VI. Urspr. iw + vocal bleibt im strengsws. als iw erhalten; 
dial. tritt daneben low (eow) auf. Dazu in T* niolnesse 426, 20. 
428, 4, niolnesse 428, 8, neolnesse 426, 24 (OCaB haben in diesen 
4 fällen neowol-, -el-), 

§ 20. Wirkung vorausgehender palatale. 

In diesem punkte weicht der Beda nicht wesentlich von 
dem gebrauch des ws. ab. Wegen der vorläge s. weiter unten. 
Die beispiele führe ich im folgenden nach ihrem etymologischen 
Ursprung auf; wegen des umlauts-e nach palatalen verweise ich 
auf § 22, III. 

1. Westgerm. a. 1. Ws. ob nach c, sc wird ea: stets ceaster 
(ceastre 60, 15) und compp.; stets Ceadw(e)alla (lat. Ccedwalla) 
146,29. 148, 16 etc.; nach sc: stets 5cea?66, 29, ^esceafte 84,7, 
-a 224, 21, frumsceaft 344, 2, ^esceape 346, 6, orsceattin^a 242, 7. 

2. OB nach ^ (westgerm. ^); hier zähle ich für T^ 19 ea : 
21 e (die 6 in T^ sind wol durch das ^ veranlasst worden); 
T3.T4.T^ haben stets ea. Gesammtbelege: geaf 62,23. 196,5 (5), 
ascafSU, 29, for^eaföO, 13 (5), on^eat 104, 1 (5), be^eat 222, 31, 
^eat (subst.) 184, 29, ^eate 184, 28; forgef 2S6,22. 308,21. 328, 34, 
ons;et 126,31. 168,22 (16), fordet 156,29, be^et 300,24:-, T^ for- 
^eaf 372,18-, T* for^eaf 390, 19, ongeat 392, 12-, T^ for^eaf 422,6. 

Anm. 1. Für angl. to-, on^ce^n, ws. on^ean (Cos. § 3, 1. 7) erscheint 
im Beda meist to-, on^e^n (auf ein *sa^n' zurückgehend). Hier stellt sich 
der Beda mit der erhaltung des g zu den nichtsächs. dialekten: T* ongegnes 
100,33, on^e^n 122,29. 308,22, on^e^en [24,31] Ca; T* on^ecen^ 436, 20 (0 



210 DEÜTSCUBEIN 

on^en aus on^cm corrigiert), to^e^nes 102^3, 132,6. 146,16. 156,1. 196,33. 
198, 4. 236, 5 neben ongen 310, 1, togeanes 196, 11. 228, 16, ongean 118, 8 ; 
aus T« on^en 416, 33. 424, 20. 

8. Nach c, s vor nasal stets o(a): ^on^an (s. § 2), con 
(§2) stets so; 1 forö^eonse [48, 6J Ca (vgl. §2, anm. 2 und 
Sievers § 157, 4). 

4. Nach s (germ.j) vor nasal entsteht eo: ^eond 98,25 
und die zahlreichen compp. von ^eond-, 

5. a in offener silbe nach sc: sceadena 230, 19, sceare 
208, 16. 254, 32, scare T^ 424, 11. 

6. ajo vor nasal nach sc\ scondlicnesse 70,8. 14. 18, scond- 
licum 86, 19, sceondlicnesse 70,17 (Seh. scond-), scomiende 100,12, 
forscome 342, 23. 

7. In Ca ist (vgl. § 28, A, IV) öfters ce erhalten: ^cefim, 6, 
a^€ef20i,S, on^cet [38,2]. 234,7, be^cet 300,24, ^oete 184,28; 
in caestre 90, 19. Dies ce möchte ich überhaupt für das 
original in anspruch nehmen. Deutlich zeigt dies das wort 
sccefj>a, das offenbar im ws. ungebräuchlich war und daher 
unverändert aus der vorläge übernommen wurde: es ist das 
der einzige fall, wo wir ce auch in T finden (abgesehen von 
dem seltenen ^ce^lisce, das T^ 400, 13 mit ob belegt ist): sccef]>an 
192, 13 (=Ca), 282,8 scceßan (=Ca); e in scef]>on 156,6; 
ea in sceaQan 204, 32 (OCa anders; B ^epwit), seeaföan [30, 6] 
Ca (B ^mt man öcer ofscof). [Vgl. aber jetzt Bülbring, Angl., 
Beibl. 11, 106 f.] 

IL Westgerm. e. e nach palatalen wird im ws. über ie 
zu i, y (Sievers § 75. 3. Cos. § 21). Die fälle, wo w/o-umlaut 
concurriert, werden unter § 27, A, II. B, 11 behandelt werden. 
In den übrigen schwankt der Beda zwischen e und i (y). 
Bedingslos i herscht in T ^if 56, 7 etc. Sonstige belege: ^efe 
76, 2, of^efen 288, 29 neben ^ife 62, 10 (33), woroldgife 90, 8, 
fomf{e)nesse 82, 29. 34 (5), for^ifen 78, 28 (8), as;ife 128, 28, 
forgyfen 78, 29, ^yfun^e 86, 25; ^eldan 68, 18; in Verbindung mit 
deofol' erscheint -^üd 106, 14. 112, 4 (13), -^yld 112, 6 (3), -^eld 
116, 3. 12 (6); safoUyldim 92, 9. 110, 6; on^ete (conj. pl.) 80, 34, 
(conj. sg.) 86, 3, ond^ete 84, 30, ond^it 124, 30, on^yten (conj.) 
70,28, on^yten (part.) 76,10. 80,28. 88,4; dazu on^ytenisse 
120, 34, -esse 138, 10; ferner das poet. ^ydde 188, 16, ^e^ddis 
188,12 {syddes OGd^\ HG godes)\ ^ylp^eornesta 92,4. — Nach 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 211 

sc: scyld 122, 20; verb. sdlde 118, 18, scildon 214, 15, gescilde 
250, 12, gesälded 202, 21; y in scyldan 122, 20, ^escylde 126, 17, 
sescyldan 154, 32, scyldon 212, 17. 214, 19, ^escyldnesse 110, 16. 
248, 20. — Nach c: eyste 166,16 (6); T2 vacat; T3 7 sife, 2 ^y/e, 
1 for^ifen, 1 deofol^ylda, 1 scylde, 6 cyste; T^ 1 ,5^e/e 430, 16, 
1 for^ifnesse; T^ 1 ^ife, 1 diofol^eld, 1 -^eldum. (Die eigen- 
namen mit Je/"- [^efmund 298, 26. 408,11; Idit '^ebmundus] be- 
weisen nichts.) 

Die gemeinsame vorläge wird wol e gehabt haben, da sich 
dieses auch in den anderen hss. zuweilen findet: OCa ^efe 
[134,17]; C^e/e238,12. 380,18.25 [472,31], a^e/e [486, 11], 
deofol^eld [304, 12]. Zu einer bestimmten localisierung des 
Originals können aber diese formen nicht dienen, da sie über- 
haupt ausserws. sind. 

in. ulo. 1. u/o bleibt in der regel nach sc unverändert 
(Sievers § 76, 2). Wegen scottas s. M. PI. N. s. 26. Stets biscop. 
Sonst: T* ascofen 300,4, bescoren 254,32, scop^ereorde 342,7, 
scolde 56, 8. 64, 13 (24), scoldon (-an, -en) 102, 32 (7), scolde 
(conj.pl.) 226,23; daneben sceo in sceoMe 62,22. 68,18 (38), 
sceoldon 84, 9 (10). Femer scü in T^ ^escop 164, 23. 224, 20, 
scole 190, 12. 208, 10 und 1 sceop 344, 10; scU in sculon 64, 7. 
68, 9 (15), asaufon 224, 8, wiöscüfan 216, 2, wiöscufe 280, 3, 
sculdre 216, 15, -a 214,33; T^ 1 sceolde; T^ 4 sceolde, 1 sceohn 
378, 8; T* 1 sealmscop, 1 bescoren, 1 bescorene, 8 scolde, 1 5Cö?- 
dow, 1 scoldan, 1 ascufon, 1 scöp 406,1; T^ s. § 14,2. 

Nach germ.j erscheint ws. oft eo (Sievers § 74. Cos. § 48,2. 
§ 51). Im Beda erscheint das wort 'jung' in T als ^eon^a 130,20, 
-e 208, 10 etc., zus. in T^ 8 formen mit eo neben 1 gin^ 220, 22 
und seosuöe 270, 12, ^eo^oähade 350, 12. Der comp, hat öfter 
i-umlaut (vgl. Sievers § 307); auch ws. ist der comp. si'^s'^<^ be- 
legt (Cos. § 51): smran 284, 26, smre 340, 17, seon^ran 288, 2. 
312, 18; ausserdem smrum [160,9] OCa; T^ hat ^ins 388,15; 
T3 1 ^eons, 1 -a, 1 -an\ T^ 1 ^eon^e, 1 -an 400, 1, ^eoguffhad- 
nisse 398, 25, ^eosuölicum 398, 28, ^eoce 438, 17. — u steht in 
sun^a 390, 16, io in ^io^oäliadnesse 432, 11, i in ^i^uöliade 442, 2, 
comp, sinsrum 406, 12; jm erscheint als ^Bo T» ^eo 62, 3. 90, 15. 
124,29 (13); iu 92,6; ^u 138,12, ^iu 126,8; T«* hat io 364,21, 
T4 iw 410, 7, T^ ^iu 410, 13. 

IV. Ws, cB. Nach den palatalen s und 5c wird ^ zu 



212 DEÜTSCHBBTN 

m, später zu e (Sievers § 75, 2. § 109), doch tritt in offener 
Silbe vor velarem vocal das e nur selten ein. — 1) In T^ er- 
scheint meist e: ser 54,18.27. 116,9 (38), ^eres 188,22, sere 
192, 26 (5) neben sear 142, 14. 154, 7 (7), seares 314, 22, ^eare 
54,24. 28 (26), scep 114, 20; wegen on^ete etc. s. no.3. T2 gee 
388, 29, T3 6 sear, 1 sedr 374, 18, ^eare 360, 5. 19. 374, 12; T^ 
2^ear, A^eare, T^ S^ear, ausserdem jm 410,14. — 2) In offener 
Silbe vor dunklem vocal: T^ ^eara (gen. pl. und adv.) 62,3. 90,15 
(17), ^eanm 168,12. 170,9 (13); T^ 1 ^earum, tm^earaSbi,!; 
T^ 4 geanm, 1 seara 370, 22 (B sdra = ne.yore); TlT^ vacat, 
— 3) Im praet. von of?^ietan und giefan erscheint e (ws. hier 
normalerweise ea, Cos. 1, § 61, 2; vgl. jedoch auch Sievers § 109, 
anm. [und Bülbring, Angl.,Beibl. 11,112]): T^ on^eton70,6. 90,31. 
102,12 (11), on^ete 130,18, 224,13. 266,27. 278,28, on^eaton 
340,28, begeaton 226,13; sefon 168,7. 242,7, ^efe 126,29, for- 
sefe 54, 4. 100, 7. 124, 1 (6), for^efe 294, 30, a^efe 126, 22, for- 
^ea/bn 58, 10; T2 öw^e^e 352, 31 ; T^ on^e^e 406, 23; T^ on^eo^an 
416, 12 (0 onseton), hat in allen diesen fällen meist e. Dies 
auffallend häufige e ist wol sicher von dem späteren ws. e nach 
Palatalen zu trennen, da dieses wie bemerkt im ws. nicht in 
offener silbe vor velarem vocal erscheint. Ausserdem bewahrt 
der Beda treu formen wie cms, ^mt, sceat; also spätws. ^er, ces, 
aber geafon, Beda s^r, ceas, aber ^efon. 

V. Ws. a. T» sescead{e) 76,24. 86,4 (6); verb. tosceadap 
358, 32, tosceaden 212, 23, tosceadne 104, 15, tosceadenne 240, 1, 
ascaden 272,26, scdn 192,4; T» ofscan 362,30, scdn 364,14; 
T* Scan 426,11. ^eondscan 430,7, mit umlaut ^esc^nde 436,7; 
T^ tosceaden 414,21, scan 418,4. 

§ 21. Brechung. 

A. Brechung vor r. 

1. Durch r + cons. wird a (ausser im fall der metathese) 
zu ea gebrochen, sowie e zu eo. Diese regel geht auch durch 
T durch, mit 2 ausnahmen: T^ 380, 21 hwerf (neben 2 hwearf) 
und T2 388, 3 barwe. 

2. Es unterbleibt die brechung bei den fremdwörtern: 
cercebiscop (Sievers § 79, anm. 3) in T^. T^; in T^ ercebiscope 
420,31; so heisst es auch stets carcern, martir, 

^) Vor nasalen erschemt stets so; also hnmer ^Eomor. 



DIALEKTISCHES IM A6S. BEDA. 213 

3. Besondere betrachtung erfordert der zweite teil der 
composita (Sievers § 51). Die composita mit -^eard behalten 
stets das ea, z. b. middan^eardes 60,2b; ebenso die mit -pearf- 
gebildeten, z. b. ned^earfleco 60, 27; auch Wi^heard 248, 10 (8). 
Die mit -weard zusammengesetzten schwanken; das ws. hat 
gewöhnlich -weard, später -werd. Im Beda tritt neben -weard 
(-werd in T nie) auch das dialektische -ward (bes. in Ca) und 
-Word auf. Bei der aufzählung habe ich hlaford unberücksich- 
tigt gelassen, da dies auch im ws. gewöhnlich in dieser form 
auftritt. Belege : ondweardnesse 72, 12. 122, 28, -nisse 144, 13, 
andweardnesse 208, 24, ondweard 108, 6 (14), onweard 88, 29, 
-ne 200,16; toweard 128,25 (16), toweardnesse 248,22 (in der 
vorläge muss das dial. toworde [so im Ps., Z. § 24, 3] gestanden 
haben, wodurch der fehler in T^ 218, 15 erklärlich wird); 
wiöerweardan&0,2Q (^)\ daneben i(;i^6r«;örde 72, 3. 74,4. 98,21. 
102, 9. 16, wiöerwordnesse 360, 10, -nissum 330, 10 und noch 
inwordlicor 62, 19 neben inneweardre 96, 17 (4), upweard 188,10, 
foreweard 1 26, 32, mfweard 200, 33 ; mit yrfe- erscheint -weard 
68, 13. 96, 24. 112, 3. 166, 21. 276, 1. Ca hat öfters -ward, z. b. 
134,25. 200,16.21. 224,21. 250,8. 268,32. 368,21; z.2?, towärd, 
-ward in T^ nur in efneerfeward 250,13 (=Ca); T^ hat ond- 
weardnisse 354, 3, forewordum 386, 27 (= C), foreword 388, 10; 
T3 hat stets ea (12 mal); ebenso T^ (6), T^ (3). 

4. In warnian steht a nicht vor urspr. r + cons. (irrtüm- 
lich Brown § 5, b), denn warnian ist erst aus warenian ent- 
standen (Sievers § 50, anm. 1. § 411, 4). Daher ist gewearonode 
132, 13 (= 0, ^ewearnode Ca, ^ewarenede B) als w-umlaut auf- 
zufassen. Die häufigen ea in Ca (128,9. [50,11]. [474,20]) 
können entweder alte formen oder auch neubildungen sein. 

B. Brechung vor l 

I. Brechung von a. 
Vor l + cons. wird westgerm. a meist zu ea gebrochen; 
doch erscheint daneben oft, namentlich in den älteren quellen, 
auch a, besonders vor Id, — 1. T^ hat überwiegend ea gegen- 
über a; in ealV) ist das Verhältnis 239 ea : 33 a, in den übrigen 
Wörtern wie 2:1: a) eall 60, 25 (25), eal 62, 8 (25), ealle 60, 4 

^) Stets mit a erscheint ndles 62, 22, auch bei den übrigen Schreibern 
von T; es ist wol als na Ices (Jes) anfzofassen. 



214 DEUTSCHBEIN 

(87), eallum 64, 24 (65), ealra 54, 10 (16), ealre 102, 9 (6), ealne 
108,4 (3), eallre 288,28, ealles 60,12 (6), eallin^a 84,16 (5), 
aber all 60, 28 (11), al 78, 23 (3), alU 70, H (4), aßwm 88, 1 
(8), alre 246, 19, alne 242, 34, aKc5 170, 33, allican 312, 31, 
allinsa 68, 17 (3). — b) In anderen Wörtern: a) vor Id-. (^e)- 
sealde 60, 14 (47), sealdest 112, 10, sealdon 112, 6 (9), part. 
seald 68, 8. 14 (6), ^eseald 148, 15 (3), ymbsealde 202, 6. 264, 26, 
yrnbseaU 320, 6. 322, 14; a nur in salde 256,34, ymhsald 302, 19- 
324,8, ^eaide (-ön) 102,7 (5), taU 336,3; acwealde 122,25 (4), 
Jcwealde 152, 22, acweald 336, 31, acwald 240, 3; onstealde 344, 9. 
Bei (^e)healdan liegen mit ea 31 formen vor; ausserdem noch 
hihealden 80, 4, behealden 80, 6, hihealdende 288, 14. 290, 15, 
bihealden 254, 28, bihealde(n) 290, 15, zusammen 37 m gegen 

5 a: haldanne 68,15 (2), ÄaWe 80,34, ^ehaldende 294,24, AaWwc 
110, 13; cealdes 156, 32, ca?d 216, 27. Häufig zeigt sich a in 
aW 170, 8 (5), aldan 76, 7 (4) gegen eald 82, 24 (7), subst. aldre 
172, 11, aldres 180, 1, aWör 96, 20. 114, 16, aldores 270, 30, 
aldor- in compp. mit -mon, -dorn, -biscop, -hold, -licnesse, -apo- 
stol, -burs (30 a und 12 ea); alderas 114, 5, ealdras 74, 25, 
vb. forealdise 166,11; 6aWm 130,1 (2), fordheald 144,16; jc- 
monisfealdad 268, 29, wealded 82, 26, gewealde 92, 9. /9) vor 
anderen Z- Verbindungen: ^attW^aw 106,19, toWnendwm 330,14, 
5ceaZ^ 64, 20. 22 (4), «aKere 242, 84; Ä6a?/fe 176, 6 (5), heal- 
sun^e 120, 1, walhstod 158, 22, cetfealh 334, 31 (hs. -ää), gefealh 
226, 16. 336, 2, wallenda 118, 6, -e 154, 25, weallendes 386, 7, 
wealwian 178, 28, 5^eaK 106, 18 (4), healle 128, 11, wealles 
138, 26, -a5 144, 4, walle 226, 2, w;aZ?a5 202, 15, -um 320, 9, ^mijp 
154, 16, onfallendra 216, 33, cwealmnisse 70, 30. — c) im zweiten 
teile von compositis: stiffhealfeli2,32. 204,9, an fealdne 264, 5, 
In -M?aM zähle ich 2 a neben 4 ea: onwald 164,25, anwald 
120, 4 und anweald 120, 1, onweald 124, 12. 272, 16, -e 168, 35. 
Stets a zeigt onwal^ 154,11, -we 292,26, -e 322,13. 350,9, 
onwalhne 192, 12, ontvalhnesse 316, 17 (angl. wort?) — d) Ueber 
die eigennamen, bei denen a vor e + cons. vorkommt, kann 
man kurz hinweggehen, da sie der lat. vorläge entsprechend 
das a meist bewahrt haben. Einige male (7 mal in T^ tritt 
ein: Bcedwold 108, 30 (4) neben 4 Bcedwald, ^öelwold 
228, 30 neben 3 Mdelwald, Eadholde 120, 12, -es 150, 19 neben 

6 Eadbald, 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 215 

2. T^ hat 3 all zu 5 eall. Ausserdem sind für b) belegt 

1 ymbsealde, 1 sealmsonge^ 1 halfre, 1 walle, 1 Stalles, also 

2 ea : 3 a, für c) 1 onwalde. 

3. T» kennt für a) und b) 49 ea und nur 2 a (^aldor 
362, 16, aldorlicnesse 362, 5). Für c) sind belegt onwalhne 
374, 29; 364, 9 liest T^ on anwille für onwalde CO; ferner 
1 dnwalde, 1 onwalde, 

4. In T* überwiegt a gegenüber ea, ausgenommen im falle 
a), wo ich 35 eal gegen 3 a zähle. Für b) sind die belege 

3 sealde gegen Isalde, 1 ymbsaldon, 1 saW, 1 ymbsald, 2 ealdan, 

1 ald {Aldseaxan 408, 23, Äldfrides 404, 16 etc. zählen nicht), 

2 aWor, 1 aWre, 2 aldor-, 1 ealdor-, 1 haldan, 1 ^ehaldene, 
2 cealdan, 1 caldran; 1 ÄaZ^, 1 cetfealh, 1 fallende, 1 befallet, 
1 hälfe, 1 halfbrocenra 436, 6, 1 healfe, 1 sealmson^e, 1 sealm, 
1 5ceaZ^, 1 swealt 440, 18, 1 e«;eaK, 3 walle, 1 wallende und 
1 uppawallende, zus. 15 ea : 23 a. Für d) ist ein Berhtwold 
408, 1 belegt neben pirscwalde 398, 23. 

5. T^ hat in eal 5 ea und 3 a. Für b) liegen vor 1 salde, 
1 sealde, 1 ^esealde, 1 aZd, 1 aMe, 1 ealdum, Ealdseaxe 414, 26 
(4), 1 aldor, 5 aldor-, 4 ealdor-] 2 healfe, 1 salmas, 1 scealt, 

1 wallendum, zus. 18 ea : 11 a; für c) 1 moni^fealdum 422, 17; 
für d) 1 Heawold 416,22 gegen 5 Heawald [und 1 Berhwald 
420, 14]. 

Im Beda ist also die brechung in ziemlich weitem umfange 
durchgeführt. Hauptsächlich kommen die fälle von b) in be- 
tracht (der fall a) beweist nicht viel, da z. b. auch E* sonst 
fast nur a kennt, bei al jedoch 81 ea und 194 a hat). T^ hat 
fast nur ea, bei T* und T^ ist das Verhältnis ungefähr das von 

2 : 1, und nur in T^ (2 ea : 3 a) und T* (15 ea : 23 a) über- 
wiegt a. Da für die merc. vorläge consequentes a anzusetzen 
ist, haben wir hier also eine starke Umsetzung durch die süd- 
licheren Schreiber zu constatieren. 

II. Brechung von e. 

Im WS. tritt brechung von e zu eo nur vor Ic und Ih ein; 
da jedoch im angl. hier ebnung eintritt, so habe ich die hierher 
gehörigen fälle mit unter § 28 aufgeführt. Somit bleibt hier 
nur das ganz anomale seolf neben seif zu erwähnen. Im Beda 
steht in TC fast durchgängig seolf (R* schwankt, Ps. seolf, 



216 DEUTSCHBEIK 

CP. und Chron. stets e, Oros. 76self\mi 3 seolf). In T^ zähle 
ich 109 eo (66, 18. 68, 12 etc.) gegen 1 selfa, 1 selfne, 11 sylf; 
C eo, wo T nicht erhalten: [474,9. 476,3. 21. 480,7.10]; T« 
2 eo, 1 io; T» (ws.) 11 sylf, 3 seolf, 1 seif] T^ 11 eo und 2 e. 

C. Brechung vor ä. 

Die brechung vor h von a zu ca, 6 zu eo und i zu iö 
wird im angl. durch ebnung vereinfacht, vgl. deshalb § 28. 

§ 22. Der i-umlaut von &i. 

Der i-umlaut des ea (entstanden durch brechung vor r, l 
+ cons. oder durch vorausgehenden palatal) ist ws. ie, i, y, 
später i, y (Sievers §§ 97. 98 und Cosijn §§ 14. 15). 

I. Vor r. 
A) T^ hat ce in cerfeweardum 68, 13; e in efnerfeweard 
250, 13, cefenerfeweardas 96, 24 ( : y in yrfeweard 166, 21. 276, 1, 
yrfeweardas 112,3), osrnipa 126,11 {\ ermpum 130,11, ermpo 
308, 30 [= C], yrmdum 302, 24 [C e]). Das verbum cerran hat 
29 e und 5 y (60,11. 62,7. 98,3. 350,3. 12): cerran 104,4, 
secerran 126, 2. 190, 29, cerde 202, 27 (5), cerdon, 56, 4. 62, 19 
(6), secerde 122,5. 144,1. 166,32 (8), ^ecerdon 164,9, oncerde 
202, 18, s;ecerred 116, 15. 146, 7. 226, 17, oncerred 130, 26, awe^- 
oncernis 176, 24 (Ca onwe^cerrednes, onwe^acernes); dyrne 
82, 8 (0 de^rne), -re 280, 3 (Z dernre), y erscheint constant in 
fyrd 102,28. 124,9 (11), londfyrde 198,27 (-/erde CS), fyrd- 
esne 148,8 (nur 1 ferd 92,15); ^^rde 208,28, syrde 228,19, 
Syrdum 180,28; ^e^yrlan 128,16, ^e^yrelan 264, 5, gegyrelena 
322, 25, im verb. on^yrede 264, 4, ^e^yredon 176, 18. 322, 23, 
^esyrede 296,7 (C^e^erede), on^yrtved 212,5, se^yrwed 272,6; 
^ehwerfde 346, 3, ^ehwerfdum 274, 18, geedwerped 326, 8 (y in 
hwyrfde 270, 14. 298, 16. 338, 23, sehwyrfaö 352, 25, ^ehwyrfde 
344, 27. 244, 18 part, gehwyrfed 188, 12, 248, 21 [C e], 250, 7, 
sehwyrfednesse 62, 7, ymbhwyrfd 224, 22 subst., ^ehwyrfnesse 
278,14); ^ewyrpte 192,15; mcerwan 110,24 (= Ca, merwan Oj 
B mceran), myran 188,3. 196,22; syredon 124:, 11, serwaÖ G 
[480, 1]; ^escyrpedne 138, 6; cewerdlan 110, 23, ^ewyrdledon 
202,20 (B ^ecewerdledon), vgl. Sievers § 99, anm. 2; wyr^de 
356,27, awyr^dan 186,19 (weri^an OCa, werianB, s. weris)\ 
dazu wyrscweodulra 56, 14, wyr^nessum 104, 4, wcer^cweodole 



DIALEKTISCHES IM A6S. BEBA. 217 

356, 26; wyrmde 196, 26, wermin^e 196, 27 (= 0, wcermin^a Ca). 
Im ganzen 54 y, 39 e, 4 ce. Der eigenname Merce ist hierbei 
ausgeschlossen; im Beda T stes mit e, nur T^ hat 2 öb, T^ 1 ob; 
M.P1.N.S.23. 

B) T2 hsit 2 ce, 1 e, 1 y: ccerde 386,1, ^ehwerfed SU, 20, 
yrmdum 356, 14. 

C) T3 hat vor r y: yrö 366, 33 {eorö C), daneben eard 
366, 30 (= B, yrö OCaB), hwyrfde 382, 4, ^ehwyrfenne 362, 10, 
sesyrwed 376, 16 (^e^ered C), ^e^yrewaff 376, 19 (^e^erewaö C), 
sesyredon 376, 28 {^e^eredon C), syredon 380, 25 (C gredon, 
B ^eredon), ywelan 380, 23 für ^e^yrelan. 

D) T* ^ecerran 408, 27 (= C), cerde 428, 23, ^ecerde 442, 14, 
cerrende 430, 25, gecerred 392, 5, on^erwed 434, 15, ^e^yrede 
398, 5 (^egerede C), hwerfde 400, 12, ahwerfan 442, 3 [ÄM;er/i5nde 
430, 27 (?, zu Äti7eor/!?nde) J; nerwdon 428, 11, ^ewerntedon 436, 5 
(Vermischung von causativum w;ermaw und incohativum M?ear- 
miaw), werdende 404, 1 (C wepende), wyrpende 394, 3; at«?er^dan 
428, 22. Zusammen 12 6 : 2 y (dazu 1 öb in Mcercna 436, 22 
neben 1 Jfercwa 436,20). 

E) T* hat nur e: ^ecerde 420, 18, -aw 414, 14, cerdan 414, 5, 
acerden 416, 19, ^e^erelan 424, 19; ^ehwerfde (conj. pl.) 416, 20; 
erfeweardas 420,25. 

IL Vor Z + consonant. 

Auch hier findet sich neben y häufig e, ab. Gesanmitresultat 
für Ti 30 y, 20 e, 15 ab, 2 ^, 1 ea, 2 i. 

A) Belege für T^: ^ebylded 114,27, ^ehyl^ed 290, 19, 6edt* 
für 6eZ(?i* [36, 32] Ca; eldins 60, 30, eWew 178, 26, eldnesse 100, 9, 
eidende 192, 11, eldenne 254, 13, cZde 132, 16, Äe?de (für elde) 
130,9; ce in celdenne 76,25, ceZdci? 72, 2. 3, celdend72,S, oeldin^ 
76, 26, ößZde (praet.) 292, 23; y in «/Zde 126, 9, yld (imp.) 130, 15, 
yirfenwe 190, 30; subst. eldo 148, 19. 174, 2 (6), eWrewa 164, 22, 
C eldo [478, 1]. [480, 12], celdo 254, 19, §lde 292, 3. 254, 9, yldo 
176,20. 274,28 (5); ylde 316,1; comparativ von ealdiyldrum 
82,1; yldre 172,23. 284,30, yZdraw 128,33. 234,26, yldrena 
130, 7, fylde 302, 28 (C e), offyllan 302, 31, a/yWe 240, 26, 
subst. ^ehceld 72, 18 (die anderen hss. haben, wo nichts bemerkt, 
yiBhyldon). 334,10 (^eheold Ceß). 334,32 (=B, OCa fehlen), 

Beiträge zur ge^cbichte der deutschen spräche. XXVL j[5 



218 DEÜTSCHBEIN 

^ehcelde 108, 3 {in^ehi^d B). 246, 34 (= C, B ^ehy^de). 292, 5 
(B ^ehceledum). 246, 30 (alle ce). [480,3] C, y ia^ehylde228,26A) 
Ferner onhelde 288, 33, onheldon 322, 30, hylde 178, 20, onhylde 
186, 7. 348, 17 (T oh-\ welme 68, 7. 346, 20 (= C), welm 72, 1, 
wylme 200, 19, welUn 112, 13, w;y?ton 234, 9. 302, 10 (B M;eZaw). 
wyllan 226, 8, wcellan 144, 26, wcell^espryn^um [26, 6] C (B t<;ßZ 
^esprww^enwm); i in monncwilde 190,9, mon- 252,25; ea in 
cwealmde 2i0j 31 (cwylmde OCaB) ist angeleimt an das subst. 
cwealm; wir haben cwelmde zu erwarten. Unklar ist mir be- 
tyldon 358, 4 (betelldon 0., hetilldon Ca, hetyndon B). 

A n m. Wenn s^ZZan wirklich auf *8eallj(m (vgl. darüber Sievers § 80, 
anm. 2; anders Bülbring a. a. o. s. 96, der s^^on ans seUan dnrch einwirkung 
des Palatalen s entstehen lässt) zurückgeht, so muss es hier mit aufgeführt 
werden. Von syUan sind uns mit II 11 formen erhalten: syUan 112,9 etc.; 
sylest 112, 12 ist ausgeglichen (das subst. hat y : sylene 132, 25, sylena 
244, 21); daneben hat T» 15 formen von seUan 60, 9 etc. T« »yUan 382, 17, 
«yßend[ 376, 24. T* seUan 394, 27. 

B) Für T2 fehlen belege. 

C) T3 hat yldo 360, 25, wyllsprin^es 366, 18, moncmldes 
362, 12, eZdiw^ 376, 31, in hcelde 374, 11 (^ehealde C), gehoeled 
snbst. 864, 18 (= B, ^ehyld OCa, ^eheold C), zusammen 2 y, 1 i, 
1 «, 2 öP. 

D) T^ hat überwiegend ce, e; nur ^yße 402, 5 (C feile), 
fille 402, 6. Sonst sind belegt eldo 434, 11, eidende 430, 33, 
eldenne 430, 25 (= CW), eldra 438, 1. 8, -äw 390, 7 (= C), eid«?^ 
438,31; ce in öbZ^ö 404,12 (0 heldo). 440,30, öB^Jm 400, 20 (C 
elden), wcellan 404, 2, forcelde 440, 19. Hierher gehört auch 
das öfter misverstandene stcelldon 424, 31 (= B, stelldon CaC, 
Ä^eZcZow 0, e < öp), oferstcelde 400, 22 (= COCa, y B), aus T& 
stceldan 424, 29 (-on B, OCa stealdon) zu stcellan aus "^stalljan 
'springen'. Auch dies scheint ein angl. wort zu sein, wenig- 
stens fehlt es bei iSlfred und ^Ifric. 

E) T5hatcpZdo422,16; e in M;e?Ze 418, 20, cuelmdon 4clQ,2S. 



>) Offenbar ist der vorläge die form geJiasld zuzuschreiben; das ws. 
kennt nur ^eheäld, nicht *gehield. Daher haben dann die anderen hss. auch 
den comparativ gehasledra falsch aufgefasst, der doch noch wol zu luekm 
gehört (belegt sind gehceledra 56, 3 [^ehyldra CaC, gehdldra B, fehlt], 
^ehceledre 112, 29 [B ^ehealdrejj geh^ran 102, 32 (gehceldran OCa, gehecU- 
denre). 



DULERTISCHES IM AOH. BEDA. 219 

III. Nach palatalen zeigt sich nur e (selten ce) oder y: 

A) in T^: 1) nach sc: sceppendesli^L 290,1, -ß 388, 16, hiscer- 
senne 70, 31, hescerian 72, 23, scyppendes 96, 32. 192, 18. 344, 4. 
348, 23, scyppend 344, 11, hescyrienne 72, 6, hescyred 78, 10. — 
Reichlich belegt ist das ausserws. sceÖÖan (so auch in den 
übrigen hss., wo nichts besonderes bemerkt), sceÖ^an 204, 25 
(OCa onhran), sceS^ende 320,23 (sccBÖpende Ca). 358,10 {sced- 
dede B), unsceÖÖendan 356, 20 {-edan B, unscmödendan Ca), 
unsceÖJ>endan 62, 1. 148, 18, part. unsceöed 218, 25 (unsesceö- 
Ped B), praet. scededen 118, 20 {scaö- B) (über diese schwachen 
formen vgl. Sievers § 400, anm. 1), dazu unscmÖÖednisse 150, 10 
(sc(jeJ>J>i^nysse Ca, sce^inesse 0, B fehlt), sceÖJ>aÖ [94, 10] OCa 
{scedpeÖ B). Mit 1 Ö kommen vor sceöenisse 118, 17 {scednesse B, 
scydenesse 0, scyldenesse Ca), sceöenisse 144, 23 {sceöpednesse B, 
sceapenesse OCa) ; zum capitel öp nach palatalen (§ 20, 1) ge- 
hört die form unsceaööiendra Ca [34, 5] {unsceööendra B). — 
2) nach c: cyle 78, 25. — 3) nach s: bei ^^5^ (^öP5^) ist die 
Sache dadurch compliciert, dass dieses wort auch bei ^Ifric 
mit e erscheint (wenigstens in ^esthiis, Sievers § 75, anm. 2). 
In der CP. ist nur einmal ^iesffhus (!), im Orosius überhaupt 
nichts belegt. Daher erscheint das wort sogar in OCaB mit 
(B, e (sogar mit a) neben y: ^cesta 64, 17 Q;ysta B, ^esta OCa), 
^estliönesse 60, 8 {scist B, gcBst- Ca). 66, 9 (= BCa, ^cBst- 0). 
278, 21 (= B, g(Bst- OCa), in T^ ^icestern (I) 414, 27 Q^estcern 
OCa, healle B), sestliönesse [34, 15] Ca (B +). [34, 23] Ca {gyst- B). 
[36, 3] Ca {syst B). — B) Für T2 fehlen belege. — C) Für T» 
1 sceppende 362, 16. — D) Für T^ sceppende 434, 29, 1 hesdred, 
celes 436, 10, celum 430, 31, dies 424, 30. — E) Für T^ cele 
424, 25, si(ßstern 414, 27. 

IV. Vor Ä.1) 

In der 2. und 3. pers. sg. der starken verba ist der umlaut 
meist unterblieben (s. formenlehre), z. b. weaxed 190, 20 (= CaB, 

wexeöOy, oder es ist ausgleichung nach den übrigen praesens- 
formen eingetreten. Umlaut erscheint in der 3. pers. sg. 'ferit': 
slmhö 78, 4 {slyd B, sle^Ö 0, Ca +, C sleÖ), slceff 270, 5 {slyhj> 
OCa, sleaä B), vgl. dazu § 29, VH. 



^) Wegen neaht und meaht ygl. § 28, A. 

15^ 



220 DEÜTSCHBEIN 

V. Die Verhältnisse des umlauts sind im Beda stark ver- 
wirrt, und zwar erklärt sich dies daraus, dass die vorläge ce 
bez. e hatte und bei dem abschreiber das ws. y nicht überall 
hergestellt wurde. Dass das original ce bez. e hatte, zeigt sich 
auch darin, dass die einzelnen hss. (besonders C) öfters e, ce 
bewahrt haben; die einzelnen fälle sind schon oben mit an- 
geführt worden; aus C füge ich noch hinzu: secerdon 238, 13, 
secerde [304, 17], secerdon [350, 14], seserelena [376, 19]. 376, 28, 
bescered [396, 19]. Ueberwiegend erscheint ce in ^ehceld. Auch 
die Schreibfehler wepende 404, 1 C für werpende, mceran 110, 24 
B für mcerwan weisen auf e, ce der vorläge hin. 

Im allgemeinen steht im Beda ce vor l, und e vor r; die 
vorläge scheint mehr ce gehabt zu haben. Zu einer scharfen 
dialektbestimmung kann dieser umstand nicht dienen (vgl. 
Sievers § 159). Verhältnismässig charakteristisch sind für die 
Schreiber des Beda die häufigen e vor l + cons.: sie zeigen 
sich sonst unter den für die vergleichung in betracht kommen- 
den texten nur in R^ und in den kent. Urkunden (vgl. Wolff 
s. 22). Dagegen hat north, hier stets ce, ebenso Ps., Chad, 
Corp. Gl. In den vereinzelten ce vor r (so in T'.T-.T^) stimmt 
Beda zu R^, Corp. Gl. und Kent. Urkunden (Wolff s. 21), Chad. 

§ 23. i- Umlaut von ea. 

Der i-umlaut von ws. ea ist im Beda durchweg e (seltener ce); 
wenn daneben y erscheint, so stammt dies aus der Umschrift. 
— Vorausbemerkt sei, dass in dem adv. eadelice formen mit 
und ohne umlaut nebeneinander bestanden haben; das simplex 
adv. eade und die composita mit eaö- wie eadmodlic sind stets 
ohne umlaut (vgl. Kluge, Pauls Grundr. 1 2, 474). Für eadelice 
erscheint überdies öfters cej>elice, und dieses scheint sich aus 
der vorläge gerettet zu haben, wobei die Schreiber vielleicht 
an (BÖellice gedacht haben mögen. Bestärkt wird man in dieser 
ansieht, wenn man sieht, dass ceäellice (= nobiliter) durch eade- 
lice widergegeben wird, wobei man nicht annehmen kann, dass 
das ce nur ^ bedeuten soll, da sonst ea stets erhalten ist; vgl. 
eadelice 106,25 (= nobiliter), eaälice 172, b\ vgl. auch ceöelicor 
(= nobilius) 332, 3 (= OCa, cydelicor B). Cosijn (§ 94) hat 
stets i{e)d (facilius), i(e)äelice. — Belege: T^ ce]>elice 72, 11 
(ei^e- OCa, eaj>e B). 348, 29 (= B, OCa eajte), ceäelicum 112, 23 



DIALEKTISCHES IM AGB. BEDA. 221 

(B yöe-), ea]>eUce 350, 30, eaMice 216, 32 (uneaöe 100, 2. 294, 17), 
uneadelice 126, 1 (= B, OCa y\ eadelice 334, 18 {eÖe- OCa, wn- 
cedelicnes B); T^ eadelice 360,4 (= B, cepellice OCaC = nobüiter); 
comparativ: eaä 118, 2 (ea^e B, ß/) CW). 136, 27 (= B, e/> C, 
Cavacat, eä&eO). 332,14 (e^OCa, eaffB)-, T^ uneMice 89i,28 
(= OCa, B +, tmeapelice C). 

Andere Wörter: hecnendlican [482,17] C. [482,23]; — T^: 
be^an 154, 29, he^ean 204, 29 (be^an B), ftc^cZe 212, 20, ^ebe^de 
100, 6, ^efte^de (conj. pl.) 296, 23, ^ebe^dum 292, 28, o/'fte^tie 
118,13, b§^de lU, 21; ce^mw 336,23, ce^de 190,17. 266,12. 
286, 3. 6. 9. 322, 5, -on 356, 24 (2), ce^ed 246, 2, ^ece^aw 250, 21, 
^ece^ean 358, 12, ^ec^^e 268, 32, ^ece^ed 232, 13. 262, 11 (7), 
^ece^d 308, 10. 16 (5), ^eceed 114,6 (vgl. Sievers § 408, 3), ^e^ 
cesde (pari) 96, 29 (3), ^ece^de (praet.) 120, 35. 328, 17, ace^de 
126, 32, ford^ece^de 54, 15, ^ece^nesse 172, 30 {^ecennesse C\ 
ausserdem ^ece^ed [478, 5. 27] C. [468, 15] B;0 cype 96, 10 (cepe 
OCa), cepepifi^ 96, 8 (= Ca), daneben ohne umlaut ceape 242, 6, 
ceapstow 104,17; ecan 106,25, ecte 128,30, ö^fecfe 244,20. 
278, 30, 'On (1), tocetectest (1), tocetecende (1), -re (1), tocetecte 
112,1 (4), tocetecton 296,19, %cfe 228,25 (toecnesse 226,31 
und ceteacffesse 68,20); ausserdem tocetecedC [478,29], tocetecte 
[482,10]; ^eflemde 236,11, sonst y: /Jyma 126,15. 128,8, ^e- 
flymed 208, 29, ^eflymde 298, 8. 300, 11, aflyman 148, 22, ^eflymed 
148,6; ^ma^ 100,30, ^mde 208,16 (4), ^emtion 116,13 (3), 
ne gemoendum 270, 35 (ungemyndel B), dazu ^emeleasnissum 
242, 28, ^emunsum 238, 3 (gemynon C, gemyndum B; nach Sweet, 
Dict. ein north, wort); ferner ^emcenne 190, 13. 210, 29. 246, 21 
(^emenwßC). 318,3. 116,27 (meniolG). 232,17 (^mywe Ca), 
gemcene 106, 28 (== B), gemenne 256, 28 (^emin^e B), ww^^emö^wne 
118,3. 204,21 (un^emcene B), 288,8. 348,28 (= B), gymenne 
326, 11, ^yman 326, 19; ausserdem ^emm [94, 25] (=Ca, ^am^w 
B), kernende [2, 5] B;2) ÄeÄ5fa54,25. 88,16. 268,28, hear 174, 27 
(comp.), -wm 210, 26 neben hyrran 138, 24, hyhstan 318, 16, 
ausserdem heorum [486, 12] C; das vb. contractum hean 106, 27 

^) Eine interessante mischfonn ist ciidon 52, 18, da ws. das ^ erhalten 
bleiben sollte (vgl. Sievers § 408, anm. 13) ; femer ist charakteristisch das 
misverständnis in B [50, 7] acennede (Ca ad^de). 

^) Dass die Vorlage hier e gehabt hat, zeigen die missverständnisse 
in B,. welches offenbar an $emynd etc. gedacht hat. 



222 DEUTSCHUEIK 

(= OCa, hyn B = ws. *Men); zu hienan (ahd. hlfnen, got. haun- 
Jan) gehört gehende [306,11] C, ^ehyned [34,7] Ca (^eheed 
Smith, ^eheadB); hera (sb.) 104,19, herde 190,1.7, Teheran 
162, 25, jeherend 246, 27 (= CS), geheranne 258, 21, ^eherde 
264, 19. 22. 27, -on 174, 16 (2), ^eherde (part.) 222, 16. 292, 18, 
sb. hernesse 250, 4 (= OCa), herenisse 236, 24 (= OCa, Äcm- C), 
hersumnesse 260, 7. 278, 14, ausserdem un^eheredre [40, 33] CaB, 
seherend [474, 18] C, ^eÄcred [472, 8] B; y in hyran 98, 19 (4), 
hyrde 326, 27, -ow 348, 26, -en 214, 22, ^ehyran 178, 17 (5), 
-awwe 62,14. 346,4, -äff 102,2, ^eÄyrcte 114,31 (29), -on 164, 9 
(9), ^ehyrde 290, 30 (part.), ^ehyrede 244, 10 (part.), hyrsumodon 
54,32, hyr$tm(e) 102,11. 158,18, %rne55e 238, 31 (OCaC Aere- 
W655e (2), ^ehymesse 346, 1 Q^ehernesse CO, hernesse Ca, wehere- 
nesse B: offenbar haben die anderen hss. hier an Aman laudare' 
gedacht); mit ea ohne umlaut: unhearsumnesse 280, 2i, hearsum 
130,9. 10. 132,28, hearsumede 116,16; ymbheped 122, 23, fecAeped 
188,14; ÄZe^e 148,2. 154,6, efenhletan 194,4 (= OCa); fe/ed 
100, 1, a?6/ad^ 74, 17 {alefep Ca), ai«/ad^ (3. p.) 74, 14 {-feÖ Ca). 
78, 16 {alefeö OCaB), aUfed 84, 1. 278, 10. 21. 31, dlefde (part.) 
82, 25, alefde 308, 20. 22, ^elefest 192, 8, ^efe/ae 194, 31, -on 
60, 6 (3), gelefed 336, 3, reht^elefdm 246, 33. 310, 30. 312, 9, 
'de 248, 13 (= C), rehiselefed 248, 8 (= C), rihtseUfedra 246, 29, 
dazu riht^elefdon (part.) 474, 15 C; aZy/*aw 132, 7, a?y/!?d 60, 22. 
68,24 (7), selyfo (l.p.) 322,20, -an 234,22, -anne 132,16 (3), 
-enne 224, 23. 234, 13, 1 -aöy 2^elyfed, 1 gelyfedre, ^elyfde 156,23 
(^e/e7deC).224,30(4), -ow 138,31, -ew 222,24, unalyfedre 110,2b. 
80,29, -we214, 11. 228,9, -ne55tim 66,6, riht^elyfde 24Q,S1; 
dazu neben leafnes nördliche umgelautete formen: lefnesse 
100, 14. 112, 6, lyfnesse 230, 28. 328, 34, lefnys Ca [56, 21] 
(IcefnesB, lif CS), lefnysse [10,7] Ca; k^ 118,4.6.9. 202,14. 
18. 214, 14 (= B). 214, 28 (= B). 204, 22 (le^ OCa). 204, 23, 
fe^e204, 15. 348,28, Ze^^wm 118, 19, le^eas 2U, SO (legasB), 
leges 300,2 (= 0, dce^es Ca, dages C, B +), Iabs 214,3, dazu 
lebete 268, 20, -as 268, 29. 30, femer le^eas B [12, 10], U^um 
[444,2]; alesendes 288,Q, alesde 2S%, 10 (=C), alesed 1&,2&, 
onlesde 174, 20. 256, 29. [306, 4] C, onlesed 290, 2. 30. 268, 3. 
322, 22, onlesde 328, 32, tolesde 328, 32, 330, 12, alesnesse 194, 28. 
330, 6, tolesnesse 290, 16 neben alysan 330, 1, alyse 128, 27, 
alysendlecan 328, 6, alysde 142, 26, 162, 19, alysed 350, 25, 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 223 

onlysed 2U, 11, 328,3.13, alysnesse 162,17. 326,31. 330,21, 
Yerh. nedde 78 A7. 222,29 (=0). 254,12 (=OCa), 256,16. 
262, 1, seneded 88, 25, neded 190, 20, genededlic 62, 23 {gene- 
dedlic OCa), ^enedde Ca [8, 5]; aber nydde 62, 18; sb. ned 68, 4. 
70, 9. 86, 14 (6), neede 130, 33, nede 350, 11 neben nead 78, 9. 
146, 23, -e 148, 8. 234, 20; ned- in compositis 60, 26 (need- 0, 
ned- Csi). 64,3. 86,4.31. 90,1. 108,8 (=0). 100,5. 154,22. 
144,29 (=0). 276,13. 278,3. B [10, 11], nedlin^as 200,11, 
nednyme 278, 11 neben nydpearfleco 264, 11 (ned- 0), nydpearfe 
62,25. 318,21, -msse 334, 14 (ned- OCa), nydiw^a 208,22; neten 
346,2 (=C0) neben neatnaC 374,13 für netna-, seete 284, U, 
-an 288, 10 neben scytan 322, 12; ausserdem ^ymeleste [206, 17] 
0, swidstremre [38, 6] Ca; re(?e [426, 23] OCaB. 

T2 1 fte^de 386, 9 (= C), 1 ^ecesed, 1 tocetecte, 1 unalefed- 
nessum, 1 unalefedlecra 354, 21, 1 legum, 1 tolesnesse, 1 onlesed, 
1 diese (also nur e). 

T3 1 be^an, 1 lesendlic 374, 30 (= C), 1 be^don, 1 ee^de, 

1 tocetecan, 1 ^emde, 1 symde, 1 s^ymeleasedan 362, 13, 4 ^ehyrde, 

2 -on, 1 gehyrenne, 1 ^elefde, 1 s^elyfenne, 1 cenlepe 376, 7, 
1 älysde, 1 tolysnesse, 1 ^eneded 368, 17 (= 0, Ca ^enered), 
1 nedpearflican (also mischung von e und y). 

T* be^nisse 392, 24, 1 aee^ende, 1 ^eccenenisse 436, 15, 
1 toceteacte 396, 21 (tocetecte C; an eac angelehnt), aflemde 
430, 6, gemde (1), un^emendum 434, 5 (unsemyndum CaB, 
-dran 0), 1 gemeleasnesse, 1 efenhletum (= COCa) 406,25, 
heran 434, 29 (hyran B, heri^ean 0, herian Ca), 2 herde, 4 ^j-e- 
Äeran, 7 ^eherde, 1 ^eherdest, 1 ^eherdan, 1 ^ehered 434, 19 
(= 0), 1 unhersumnesse, 1 herenisse 436, 26 (-nesse OCaB), 
1 alefde, 2 ^elefde, 1 lefnesse, 1 lefnes 400, 8 (= C), 1 una- 
lefednessum, 5 formen von le^, 1 le^famblawende 432, 7, 1 dle- 
sed, 2 tolesed, 1 alesan, 1 iolesdan, 1 aliesan 394, 24, 1 nede 
442, 23 (= BCa), 1 nedpearfe, 1 nedpearflicu, 1 niedbehmfdlic 
(nedbehöflic C) 396, 24 (also durchgängig e, neben nur 2 ie, 1 asi). 

T^ 1 ymbebe^nesse 424, 10, 2 ^ecesed, 1 eckende, 1 ^emde, 
1 ^emeleaslice 410, 33, 1 herde, 6 formen von Teheran, 1 lef- 
nesse, 1 Icefnesse 418, 26, 1 IcB^um 424, 24, neded 416, 10, ned 
412,9 (also durchgängig ^ neben 2 (b, 1 y\ dy^le 424, 12 s. 
unten anm. 2). 



224 DEUTSGHBEIN 

Anm. 1. Besondere betrachtang bedarf (oet)eaioan. Von diesem exi- 
stieren in T^ nnr nichtomgelaatete formen; das ws. dagegen hat gewöhn- 
lich nmgelantete formen, daher haben OCaB meist y, das ws. kennt daneben 
noch formen mit eo, aber keine mit ea, Cos^jn § 100 (nur 1 ea in der hs. C 
der CP.). Bedabelege: T» ceteawan 74, 7. 130, 7, -c 350, 34, -eÖ 270, 5, 
praet. eawde 114, 28 (eowode B), ceteawde 84, 2. 114, 15. 126, 8. 128, 6. 
130, 18 (18), 'On 292, 11. 186, 16. 322, 13, ceteawed 80, 13. 90, 31. 126, 11. 
138,12 (11); sb. (Bteawnis 182,24, adj. eaweslice 216,16 (wasrltceB); mit 
eo : eowdon 322, 8 (-edc^ 0, -odon Ca, ywdon B), eowde 278, 1, ceteowde 
324,4, 'On 336,33, 1 cdeownesse 62,13; — T' 1 heawan 388,25 (eowian 
COCa); — T* 2 ceteawan (^C), 1 cäeawde, 1 -on, 1 ceteaude 384,4; — 
T* 1 (Bteawde, ceteowde 428,18, -an 426,14, asteowde 440,26; — T« 3 cb«- 
eatide, 1 ceteawde, 1 cetoeawde 410, 31, ^awed 410, 26 (-de C), ceteumesse 
412, 6 (kent.). 

Anm. 2. Statt dea^ol heisst es im ws. c^le^^-cZ (vgl. Cosijn § 92. 100), 
daneben tauchen im ws. formen mit so, lo auf (Cosijn § 98; alter ablaut?). 
Wir können daher sowol die formen mit B als auch mit ea als nicht ws. 
bezeichnen (die hs. B des Beda kennt in allen fällen nur i, y), Belege: 
Ti deagol 194, 21, dea^le 308, 12, -um [54, 9] Ca, dea^olra 202, 12, -re 
242, 24, deahlan 114, 17, dea^olice 240, 9. 262, 14, deagoUtce 308, 17. 328, 17, 
dea^olnesse 130,29. 230,19. 270,6, -nisse 216,16. 262,33, -nissum 386,5; 
— T2 dea^o? 388, 3 (deo^o? C), efca^oZnw«c 354, 28 ; — T» deagolnesse 
376, 14 (= C), «ieo^^-o^nessc 362, 17 (dea^ol- 0), degolnesse 364, 1. 29, -nessa 
362,31, -n€sst*w 368, 15, dt^Zwm 370, 8; — T* dea^oZmssc 390, 5, efeWe 
434,29; — T» dy^Zc 424,12. 

Anm. 3. Hierher stelle ich auch den Superlativ von neah, der ws. 
gewöhnlich mit t-umlaut als ni(e)h8ta (so stets im altws., Cos\jn §66) 
erscheint; daneben superl. nehsta durch neubildung und palatalumlaut. Im 
Beda erscheint häufig e neben y. Dieses e möchte ich als e-umlaut an- 
sehen, da T^ sonst stets eac, ßeah, hedh etc. hat. Die anderen hss. haben 
gewöhnlich nyhstan, B auch daneben nehstan, hier als palatalumlaut zu 
nehmen. Belege: nehstan 100,5. 168,35. 170,17 (Seh. nestan, mit ausfall 
des h). 224,29. 240,3 (11), nehste 290,25, -cna 268, 12; — neahstan 112j 21 
(4), neahste 142,32, neahstena 212,31; — nyhstan 126,7.15. 154,4 (11), 
nyhsia 222, 10, nyhst 318, 20; — T* nestan 384, 25 (mit angl. ausfall des h); 
T3 nehstan 364,16 (5); — T* 1 nehst, 2 nehstan; m%s<an 392, 20. 400,5. 

Anm. 4. Der comparativ von neaÄ hat gewöhnlich keinen umlaut: T* 
nearran 304,5 (nerranC)^ neorran 142,3; — T* near 426, 31 (nt^OCa). 

Anm. 5. ealond (54,8) erscheint stets mit ea (nie i^-)] das simples 
ea erscheint in dieser form für alle casus (nur dat. pl. nicht belegt); es 
fehlt ein gen. oder dat. sing, te (der im Oros. häufig ist, Cosijn § 9). Hin- 
gegen erscheint in T^ eae 188,24; T^ ce 360,21, et 360,31 (2mal); T« eae 
384, 14. 386, 29, eae 388, 4; T* c& 390, 24; T» acc. eae 416, 25 neben ea (acc.) 
416,33; auch B hat 1 (t 272,21. Allerdings geht meist ein eigenname 
voraus. Vgl. dazu das 2 malige eae in E^ und Sievers §284, anm. 4. 

Hierher ist wol auch gesene zu stellen (ws. gesiene)] vgl. Sievers § 222, 2 
(st *säJmia-): T^ ^esBnelice 216, 14, un^esBnelicne 224,20; T* ^esene 394,8. 



DIALERTISCHES IM AGS. BEDA. 225 

§ 24. Urags. Jm. 

1. Der i- Umlaut zu ^o ist ws. ie, i, y, im merc. kent. io, eo. 
Im Beda steht dialektisches eo (Sievers § 159, 5); daneben auch 
t, y, letzteres durch die ws. Umschreibung veranlasst. 

T» heorde 106,19. 114,21, -um 272,1, -es 106,20, heor- 
deleas 150, 15, ausserdem C heorde 94, 26, daneben 2 y in feor- 
hyrde 126, 17, feorhhyrde 130, 28; eorre (subst. und adj.) 350, 3. 19. 
228,19, daneben yrre 96,28. 102,6. 228,1; — T^ yrrß 356, 14; 
— T^ eorre 416,27. — Auffälligerweise findet sich, wie auch 
sonst (Sievers § 159, anm. 1) nur i, y bei T» afyrde 110,15. 
296, 4, afyrred 68, 19, fyr 356, 16, fyrr 166, 31 (2), fyrrestum 
166,26; T^ fyran 426,8, fir 428,4; T^ fyrran 414,7. 

2. toweorpeö 268, 28 ist ausgeglichen. 

3. Zu got. hrinnan, rinnan gehört ws. und kent. mit meta- 
these hiernan und iernan; im angl. erscheinen eö- formen, im 
Beda: T» beornan 82, 24, beorneä 216, 8, heorned 214, 7 (3.pers.), 
heornendne 214, 32, -an 180, 31, eorne 278, 16, upeornende 300, 1, 
uppeornendre [476,12] C, daneben fordyrnendre 54,21, üpyrnende 
230,21, %rwan 180, 29, %rned^ 214, 10 (2 mal). 214,12, 6yrw6n- 
dwm268,34; T^ eörnewde 366,30; T^ ftyrwewdfaw 424, 31. 428,4 
neben heornendra 394, 5. 

4. Für die fälle, wo ebnung hinzutritt, vgl. § 28. 

§ 25. t- Umlaut zu eo. 

Der i-umlaut zu eo ist ws. le, l, y. Im Beda ist meist das 
dialektische eo {io) erhalten; daneben tritt aber auch i, y auf. 

A) eö =westgerm. iw: T^ streonne 82,21, ^estrynde 222,31, 
-on 226,13; peostre 212,21. 286,18, peostru 174,12, -a 96,20, 
peostrodon 292, 18; adj. setreowe 250, 15, -aw 192, 19, s^etreow 
316,27 (-eOCa); getreowestne 194,19, -a 126,30. 200,24; T^ 
^etreowan, ausserdem ^etreowra [4, 32] Ca, [4, 23] Ca; T^J>eostra 
426, 33. 428, 19, äeostra 428, 16, J>eostro 426, 10, peostran 430, 5. 
438,31, deostran 426, 13, Öeostrian 426,8 (=C), aÖeostrade 442, 1, 
daneben 1 iö in piostra 426, 26. 428, 8. 

Anm. 1. Die eo- formen Yon ßeostre sind nicht ganz sicher als dia- 
lektisch zu bezeichnen , da neben piesire auch im ws. umlautslose formen 
mit eo erscheinen (vgl. Cosijn 1, § 105. Fischers listen s. 21). 

Anm. 2. Die erscheinung, die Sievers mit *halbumlaut' bezeichnet 
(§ 100,2 und anm. 2), zeigt sich im Beda in folgender gestait: 



226 DEUTSCÜBEIN 

T'.T^ haben stets eo in leode und compp., z.b. leode 142,9, 
londleode 96, 18; in den ableitungen von peod: ^edeode 60, 11, 
Sepeoddan 62,16, elpeodige 60,5 etc., elpeod^^nesse 56,10 etc.; 
steoran hat 5/yrc7e300, 6 (steordeC), steorde 172, 6, steorendum 
276,11, steore (subst.) 278,8 (styre OCslB)'^ deor hat stets eo: 
deorwyröe 132,34 (3), deorwyröestena 174,31 etc.; s^treowian 
hat 1 y in ^eörtrywanne 316, 16 neben ^etreowe 190, 30, ^e- 
treowende 236,4:, ^etreowde b6,12, 118,7, axisseriem ic ^etreowi^e 
[2,5] Ca; getreowodon [48,22] Ca. T^.T^ schwanken zwischen 
eo und io. T^ hat ^eäeoded 404, 30 (3), underJ>eoded 440, 20, 
^edeodnes 400,29, io in ddiodsianiS)6,\i, eMiodignisse 4,08, 17 , 
diodsdpum 408, 4 (C piod-), ^ediodnesse 404, 2 ; ferner jetreowde 
400,9. T-^ hat elljfeodi^ 412,18, elWeodinesse 412,24. 414,17. 

Anm. 3. Schwanken zwischen eo nnd eo zeigt anch neo8(t)an, got. 
niuhsjan, T^T* hahen dahei natürlich wider eo: T* weosecn 296,10 (mo- 
S2CW C), neosode 230,3 (weosoe^ 0), neosun^e 270,17; T* neostenne 364,5, 
neosedon 366,26, neosode 370,25; T* hat io in mostanne 438,14 (to mo- 
stende C), niosode 402, 19 (= C). 

Anm. 4. Wegen westgenn. tu vor palatalen vgl. § 28. 

B) Westgerm, iww;, ws. l{e)w: T^ hat neowe 60,2. 298,30. 
320,2. 322,13, weöw;aw 64, 21. 74,21. 80,5 (10 mal), neowu 
66, 23, neowum 322, 33, -ne 260, 24, -re 106, 19, edneowunge 
64, 18, edneoivade 90, 14, ednitvian 250, 10, wicendwm 144, 23 
(=r niwan cennedtim, lat. recens nato\ ni- geht hier auf m««;i- 
zurück); ausserdem neowan C 300,10 [478, 27], weöw;w [472, 31], 
Ca 196, 8. Ferner heisst es in T^ heow 144, 15, geheowod 
224, 16. 324, 11, ^leowiende 346, 34. T^ zeigt neowe 376, 4, 
-wm 376, 28 (niowan C). 376, 19, neowan 376, 28 (niowan C). 
378, 9 (niowan C). 380, 29, wwe 374, 22, ^eedneowade 360, 4 
(= C); T4 moi(;an 392, 2 neben heowe 438, 29; T^ möw;e 416, 21, 
-an 416, 19 neben niwan 414, 7. 

C) Contractions-^ö, ws. (i)€: 1) onsyne 96, 14 (5), ow5yn 
242, 26 (acc.) onsynes 194, 34, wcefersyne 158, 19 statt des zu 
erwartenden 'Seon{e) (doch hat auch Ps. in diesem worte 
stetste); T^ ön^^öwe 390, 16. 438, 31 (onseonesC), ansien 4:26,11; 
T^ onsione 424, 19. — 2) Für das Zahlwort 'zehn' erscheint ws. 
tien{e), tin{e), tyn{e), ausserws. ten{e) und teone, T^ hat 5 tyn 
und 1 ten\ in compp. J>reoUyne 280, 10. 342, 1, feowertynum 
846, 23, 'tyno 204, 4; sya?^ywe 320, 1 {-iene Ca), seofontyne 142,29, 



DIALEKTISCHBS IM AGS. BEDA. 227 

240,14. 280,15, eahtatyne S12,lh 324,17; syxteno 108,21, preot- 
teno 54,27, seofonteone 146,26; T'^ feowertene 422,4. — 3. Im dat. 
sg. und nom. pl. von feond und freond gilt auch eo (ws. gewöhn- 
lich fiend, frienO): T^ feonde (dat.) 226,32 (=OCaB), freonde 
164, 15 (= OCaB), pl. feond 228, 2 (fynd OCaB); T3 ffa feond (pl.) 
366, 12 (fynd OCaBC), freonde 382, 17 (-um OCa, C +, fryndB). 
382,25 (freonde COCsi, frynd B); T^ feondas 440, 27 (feond OCa, 
fynd B). 

§ 26. o/m -Umlaut von a. 

Der o/w-umlaut fehlt im allgemeinen in T^.T^.T^.T^ doch 
tritt er vereinzelt auf, ohne feste principien, deshalb scheint 
er dem original zugeschrieben werden zu müssen. Man beachte 
auch die fehler in T* ead^um 230,30 für da^um; eadiga T^ 
406, 20 für dea^a, steaftum B [4, 1] für stafum. — Im folgenden 
sind alle belege aufgezählt. 

1. Der w- Umlaut von a ist im ws. nur in ealu, gen. dat. 
ealoö vorhanden; fehlt im kent. und north.; in R^ (vgl. Brown) 
steht ebenfalls nur 1 ondsweorude, 3 eosule, 1 heage mit o-um- 
laut, dagegen ist dieser umlaut im Ps. die regel (Zeuner § 8, 11). 
Beispiele: a) vor liquiden: jswearodon 348,15 0, jswearedon 
28,10 Ca, earon 178,14 Ti; — b) vor labialen: eoferan 208, 6 
CaO, s^peafunge 224, 31 0, ^edeofanade 342, 18; — c) vor guttu- 
ralen (im Ps. tritt hier ebnung ein, Zeuner § 8, III b): dea^um 
410,30 Ca, deagun^ [26,24] ga, sesea^one 216,29 T^ (sesawone B). 
330,11; — d) vor dentalen: headowi^ 370,30 CaO (hcedewe^ 
BT3), eatolice 240,21 T«, seheadrod T^ (seheaporod ö) 328,34, 
hiadoradon 364, 7 T^ (hea- CaOC, preowodon B), neosu 144, 17 
Ca, reador 428, 25 CW. 

2. Der o- umlaut (ist noch weniger verbreitet als der 
w- umlaut): a) vor liquiden: efnceasterwearan 62,26 Ca, Cont- 
weara 260, 11 0, weara 260, HC, Niniuetwearena 350, 4 T*, 
Contweara 420,13 T^; — b) vor labialen: ^epeafaä 88,4; — 

c) vor gutturalen: peacan 264,24 T^ (=B0), äeacon 202,5 Ti 
(zweifelhaft, dat. pl.?), dea^as 420, 25 T^, hleaca 414, 22 CaO; 

d) vor dentalen: vacat. 

3. Auffallend häufig ist der o/ti- umlaut in den eigennamen: 
vgl. dazu die belege bei Miller, PI. N. für Lindesfarona ea s. 31, 
Uasustaldes ea s. 35, Heacanos s. 41, Weatadum s. 41, Reaeulfe 
s. 71, ausserdem noch die personennamen Beadowine 280, 19 



228 DEUTSCHBEIN 

Ti (=B, Beadwine Cb.0, \dit Badtmint), Beadope^n S7 8, 11 
(= COCaB), Heapolac 478, 14 CCa. Da hier der ags. text so 
frappant vom lat. abweicht und der ö/w-umlaut sich hier in 
allen hss. erhalten hat, so muss dieser auf das original zurück- 
gehen; und er konnte sich in diesen eigennamen in folge der 
traditionellen Schreibung treuer bewahren als in den fällen 
unter 1 und 2. 

4. In T2 ist der umlaut noch ziemlich gut erhalten: 
a) tf- umlaut: ondsweornde 388,34 neben ondswarode 354,29, 
weacenum (richtig ohne gemination) 354, 1. 7. 8 neben wacedon 

354. 18, wacian 390, 3, dasum 354, 31. 33. 388, 13, smaelo 354, 23 
für smealo?; — b) o-umlaut: steafa 388,30 (stafa S88, S2). 

§ 27. Der w/o- umlaut von e/i 

Der u /ö-umlaut von eji ist eine eigentümlichkeit der dia- 
lekte, besonders der mercischen. Ich führe hier alle ein- 
schlägigen fälle des Beda auf, lasse jedoch diejenigen unberück- 
sichtigt, in denen auch im ws. w/o-umlaut eintritt. Besonders 
zu beachten sind die fälle, bei denen der umlaut erst durch 
analogische Übertragung entstanden ist. Hier kommt folgendes 
in betracht. 

1. Der w/o-umlaut fehlt im part. praet. der st. verba, also 
stets awriten 66, 2, onwrecen 70, 32 etc. 

2. Vor doppelconsonanz steht im allgemeinen kein umlaut, 
in Ti jedoch a) mpeossum 214,9. 286,8. 340,34. 342,30 (peos- 
sum 270,22, [136,8]), T^ ferner geossum 3?>6,S0 gegen 
pissxim 70, 25 (43 mal), pyssum 92, 3 (4). Der acc. lautet ^eo5we 
(vgl. Sievers § 105, anm. 8 aus ""pisuna) 60, 18. 84, 24. 178, 4. 

212. 19. 254, 20. 300, 12. 310, 9, pisne 178, 28. 200, 5. 322, 35. 
Analogisch übertragen ist der umlaut in peosses 276, 8 neben 
pisses 54, 8. 14 (23), pises 188, 27, pysses 164, 19 (3), pyses 172, 31. 
266, 17; gen, peosse 288, 27, ffeosse 342, 3 neben 30 pisse; gen. pl. 
pissa 104,28 (3), pyssa 102, 17. 176,25; T^.T^ vac; T^ hB.t pissum 
394, 13 (6), äyssum 406, 16, gisne 438, 17, piosne 440, 24, &issa 
4:10,2, pisse 426,6; T^ ffasstm 422,19 (104,12 auch Zupitza), 
ffisne 418, 20, deossa 414, 15, disse 424, 4. — b) Ws. sindon, 
syndon erscheint in T ^ als syndon 60, 2. 3. 68, 2 etc. (14 mal), 
1 sindon 106,3, synd 68,5 (für syn?), 128,3. 240,1; gewöhnlich 
(21 mal) ist seonden 66,15. 24. 25. 68,3 etc. ; T^ syndon 354, 18. 19 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 229 

sindon 388, 13 (auch Ps. kein eo, io)\ T* siondan 406,27. 430,32, 
seondon 406,25; T^ siondan 410,21, syndon 418,15. Hierzu 
kommen noch aus C seondon [476, 30. 478, 12. 23], siondon [478, 
14. 15]. — c) sidpan erscheint als syäpan 110, 18, sidpan 132, 4 
(6), seodj^an 116, 15. 124, 15. 182, 6. 186, 16. 248, 14. 258, 19, 
seopdan 192, 15, seoj^pon 184, 20. 282, 33, seoddan 292, 9 (T^ 
10 eo, 6 iy \y)\ T^ (kent.) sidöan 410,24, ausserdem noch seoddan 
[92, 24] B, seodan 42, 11 B (wegen der kürzung des l vgl. Sievers 
§ 107, anm. 5). — d) Für ws. bismerian und ableitungen er- 
scheinen im Beda folgende formen: T^ hiosmriendes 426, 30 
(beosmriendes C, bysmri[^]endes OCaB); T^ biosmrun^e 410, 26 
(beosmrun^e C, bysmrun^e OCaB). T' zeigt daher y: bysmrun^e 
84, 22. 86, 4, -un^ 86, 9. 11. 20, dazu bismrad 84, 29. 

Im einzelnen gilt sonst folgendes. 

A. Der w-umlaut. 

I. Von i: a) vor den liquiden l, r und den labialen 
f, p. Im WS. tritt hier regelmässig umlaut ein; nur wird er 
in der flexion oft durch ausgleich beseitigt. In T^ erscheint 
hier regelmässig eo. Beispiele: stets meole 76,28 etc., seofon 
100, 17 etc., endleofan 124, 6 (nur 1 endlyftan) etc., eleofum 
54,6; eleofum 230,20 (zu clifa), seolforfatum 252,16, adj. 
seolfren 164, 31, -e 166, 16, eleopode 154, 29. 190, 16. 286, 2. 
322, 5, cleopodon 274, 11, lileonade 258, 21, teolode 210, 32. 
230, 24, teoledon 212, 25; drcofon 112, 24, adrifon 114, 1, se- 
greopon 214,30; wenn in 07id-, andlifen 54,4 (9) der umlaut 
fehlt , hingegen in ondleofne 60, 26, ondleofone 350, 32 vor- 
handen ist, so liegt wol suffixablaut vor. — T^ hat onleofne 
388,22; T^ 5eo/ew 360, 25, endlefen 37 i, 18, eleopode 364,13, 
teolode 372, 12, teoledon 382, 5; T^ seofon 406, 11, seofoäe i02,l, 
eleopode 392,38. 438,15; T^ vacat. — b) vor m (strengws. 
fehlt hier der umlaut): T^ leomu 114,15 (liomo CW) (5 mal), 
leomum 88, 18. 19. 22. 322, 14, ausserdem nom. pl. leoma [94, 17] 
OCa, meomor [466,2] CW; T^ leomo 378,5 (Homo C). 380,7 
(= C); T5 Umo 410, 12 (leomu OCa). 416,24. — c) vor guttu- 
ralen (hier fehlt der umlaut im ws., vgl. § 28,E,in): T^ asti^on 
200, 10, underhm^on 308, 25, onwreo^on 322, 5. 8, sticode 138, 9; 
T^ 1 asti$on 426,19, dcwicode 402,3] T-^ acuieode 422,29; in 
den Zahlwörtern ni^on 176, 23 (4), ni^oäe 298, 29, -an 194, 25. 



230 DEÜTSCHBEIN 

312. 21. 324, 13, neo^oöa 278, 29, dazu hundni^onti^ 54, 22, -es 
244, 15; T3 ni^en 426, 19; femer -ti^oda neben teoöa (das nach 
§ 29 zu beurteilen ist): zu 'zehn': T^ teoöan 54, 24, teo^Öan 

240. 22, teo^oöa 278, 30 (Zupitza tiojeäa, OCaB haben, wo nichts 
bemerkt, [-]feo<Ja), te^dan 310, 15 (teo^eöan Ca); T* teoÖan 
374,14 (<e^an Ca); zu 'dreizehn': T« J^reottoJ>an 194,25 Q^rco- 
teo^epan OCa, priddan B), preotteopan 358, 6 (-teo^eßan Ca, 
te^{eÖ)an 0, ÖrytteoÖan B). 238, 7 (Preoteofan B, -tegepan O, 
'teo$edan, pritisedan C); T^ dreotteoÖan 377,22 (= B, Preoteo- 
gePan OCa); zu 'vierzehn': feowerteogäan 278,6 {-te^edan O, 
'ti^Öan, teogeäan zu teoÖan corrigiert), feowerteo^epon 0, -aw Ca 
346, 23 (feowertynum T); zu 'fünfzehn': fiftegäan 358,6 (=OCa). 
274, 34 ififteosedan OCa). 310, 16 {-ieo^epan 0, -/e^an Ca, /i/?i- 
^C(faw C), fifteo^eÖan 330,31; zu 'siebzehn': 5eo/bnfeo^an 238, 8 
{-ti^epan CO), seofonteo$edan 310, 18 Ca {-teoÖan B, ^eo/fe .... 
j>aw 0, T +); zu 'neunzehn': nigonteopan [482,3] C; zu 'zwanzig': 
twenteosdan 276, 14 (twentigöan OCaB); zu 'dreissig': Öriti^odan 
[482,4] C {ÖritU^odan B)\ zu 'vierzig': feowerte^äan S58, 6 
{'ty^epan OCa, -ti^odan B). — d) vor dentalen: (das ws. kennt 
hier den umlaut nicht): T^ wreoton 346,5, underwreoton 812^30, 
Pweoton 204, 32, ftidow 186, 9, $ehidon 54, 5, ^ehleodad 320, 10, 
freoöode 116, 5 (= BCW), preodode 148, 21 (= OCa), preodunje 
88. 4, wreotum 246, 7. 268, 13, gewreotum 254, 3. 258, 13, weoruldr 
sewreotum 254, 17, ^ewreotu 234, 7, ^ewritum 190, 12, m(3G^^ee;Z«Yum 
90,9, <?e/Ieo^ö 212,14, /I«7o (praet.pl.) 212, 14, Eotölwara 108,11; 
neben gewöhnlichem n?%r auch neoöor (= B) 208, 19; vgl auch 
weoperweardan [8,10] B; T- Kö(Jöw 384,20 (leodon CO, Uodan 
Ca); T3 aw;n7ow 366,1. 378,8, K^ow 368,11, ^ewreoto 368,7, 
sewreotum 360, 1, durch Übertragung Ec^freodes 368, 4; T* 
w;n7öw 434, 16 (Breotene 408,22. 26. 410,7); T» meodon 424, 16, 
6eödan 412, 10 {Breotene 420, 10. 16. 422, 19). — In dem fremd- 
wort seonod erscheint in Tl T^ regelmässig eo (ebenso in B; 
OCa haben % y): seonod 100, 15. 108, 11. 12, -e 108, 14, -es 170, 33 
etc., in compp. seonodstowe 100,32. 102,5; im ganzen in T* 
22 seonod, ebenso in B ausser 170,35 (^emotstowe B 100,32), 
seonoä 280,13. 312,9. [448,12] (B hat wider i); T« seonoä 
368, 2 (= C, B io), -e 368, 4 (B i). 368, 15 (B eo); ausserdem 
noch io B in [460, 1. 4. 8. 13. 464, 12] und eo [446, 24). — 
e) Wegen des umlaut es nach w vgl. § 19, HE, a. 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 281 

n. Der te-umlaut von e\ Der w-umlaut von e zu eo 
ist im WS. regel vor den liquiden l, r\ doch ist das eo in der 
flexion durch ausgleich beseitigt. Dasselbe gilt von dem umlaut 
vor labialen. Beispiele: a) vor liquiden: T^ hat stets eo in den 
mit Eofor-, Heorot- gebildeten eigennamen, sonst werum 76, 33. 
78,2, weorum 78,4:, weolum 294,7 (=Ca), ausserdem C ^e«€;eoZo- 
^ode 304,6, T ^eweUade 214,21. 304,6, wel^ade 90,22 und natür- 
lich w;eZ?i5' 334, 11. — b) vor labialen: es heisst stets heofon 
in T^, ausserdem noch ^eofu 90, 22 neben ^ifu 344, 24 (^eofu C), 
vgl. §20; ^eofum 90,22. 126,28. 142,27 (^efean OCa). 210,26, 
^iofu C [304, 12]; T^ hiofenum 354, 26, hiofones 384, 20 (ken- 
tisch); T^ hat eo in heofon und ableitungen (14), ^eofu 366,4, 
^ifu 366,22; T* heofona 404,25 etc. (im ganzen 14 formen 
von heofon), 2 Eoforwicceastre 390, 26. 404, 14; T^ hiofana 
414, 16, hiofonlices 418, 3, heofonlices 422, 17, -lico 416, 31. — 
c) vor guttural fehlt der umlaut im ws.; eo konnte sich 
hier auch im angl. nicht halten und musste durch ebnung 
weichen. Beda schwankt zwischen eo und e: T^ ic spreco 
196, 30. 338, 30, Breo^oswiö 336, 29 (lat. Bregu-), wesum 98, 30, 
jpZf^oJe 96, 31 {pleogodeO, -edeCd)\ eine Sonderstellung nimmt 
das wort regol ein, das in T* 26 mal mit e erscheint: resole 
66, 5, re^olum 64, 19, re^olUce 108, 14 etc., ebenso in T^ re^ol- 
ward 362,4. 360,33, regoUicum 362,6; T^ res;olweard 410,18; 
in allen diesen 30 fällen erscheint in Ca eo, ausser 68, 17. 
108, 14. 232, 4. 334, 3. 362, 4 (210, 22 fehlt in Ca ganz); ausser- 
dem haben eo C 346, 18. 242, 3, Ca [158, 30]. [466, 26]. [470,28]. 
[472, 22]. — d) vor dentalen, wo der umlaut im ws. ebenfalls 
fehlt: ic cweöo 82,34, ic on^eote 198,9 (Seh. on^eate), ^eleoso 
190, 24 (= CS), meotodes 344, 4, gemetum 68, 24 (3), ^oncmeo- 
tunse 88, 4, ^ebedum 60, 23 (24), geheodum 230, 11. 350, 22, 
gehedo 72,19 (5), 194,30 (^ebeoda Csl), ^ebeodo 174,3, fleosewade 
122, 17?, eodorcende 346,3 (=C0, oäer [I] CaB), purh all meo- 
dum (!) 262,32 (für meodume, B richtig medeme, medum, 
Ca eadnod (!), ^ele . sum [454, 28] 0; T^ $ebedum 354, 2. 7, ge- 
bedu 388,8; T^ sebedum 368,29, federfotra 374,13 (= B, feo- 
porfotra C, feowerfotira OCa), medemum 364,2 (meodomumC); 
T* sebedum 390, 15 (6), ^ebeda (n. pl.) 432, 5, ^ebeodu 402, 17, 
ic cwqöe 398,22, ic cweoöe 406,28; T^^ ^ebedo 410,12, gebedum 
416, 14. — e) Wegen des umlauts nach w vgl. § 19, anm.4. 



232 DEUTSCHBEIK 

B) Der o-umlaut. 

L Der umlaut von l Urgerm. i wird vor liquiden und 
den labialen p, f normalerweise zu altws. io, gemeinws. eo, 
Bedabelege: a) vor den liquiden und p, f: T^ heora 54, 3. 12 
(193 mal) und 238, 1 gen. sg. f. (sonst hire), gen. pl. hire 60, 26. 
174, 3, cleofan 288, 10, leofad 144, 20. 198, 8, foröhlifad 322, 24 
(i ?); durch ausgleich erklären sich formen wie ckopian 184, 24 
(3), cleopi^aÖ 104, 2, cleopien 270, 5 (= OCa), seofian 180, 3, 
seofiende 190,19; daneben richtig wider tütenne 82,25; T^ hat 
2 hiora, 1 heara 354, 22; T^ nur heora; T< hiora 406, 27. 410,3, 
15 heora 400, 13 etc., leofaff 406, 27; T» 27 hiora, 1 heora, 
1 hiara 414, 23. — b) vor m fehlt der umlaut im ws. Der 
Beda hat in T^ neoman 166,6. 182,8 (5), neomaff, beneoman 
72, 24. 122, 11, ^eneoman 174, 10, cUelneomende 112, 14. 15. 
132,31. 216,4, neomende 178,6, forneomende 282,26 (fomio- 
mende 0). 212, 25. 240, 24 neben nur 1 dcelnimende 142, 18, 
1 nimaä 100, 25;') leoma (gen. pl.) 178, 27 (= 0, hlioma Ca, 
hlima B). 290, 10 {leana B), lima 294, 28 (eo 0), leoma [40, 33] 
Ca, leomo gen. pl. [400, 31] C; in T» ^eneoman, 374, 20; T^ lioma 
396, 18 {leoma C). — c) vor gutturalen fehlen belege. — 
d) vor dentalen (umlaut hier dialektisch): T^ owd(and-)- 
wlitan 96, 11. 19 (7) und 1 jwleotafij jewreota (gen. pl.) 168, 29 
(5), ^ewrita 270, 13, mit ausgleich onhleoniende 204, 17, ^eo- 
niendre 322,11 (= OCa); T'^ ondwleotan 354,3; T^ gewreota 
374, 10 (= C), sewrita 362, 2, leoda 374, 30; T^ ondwleotan, 
392, 31, ondwliotan 438, 29, ondwlitan 402, 33, s^writo (gen. pl.) 
408, 3; T^ ^ewrita 414, 24, mit Übertragung beofiende 424, 1. 
— Wegen der gruppe wi- vgl. § 19, III, b [sweopon sb. 110, 31]. 

IL Der o-umlaut von e. Dieser ist dem strengws. 
nicht bekannt. Alle im Beda auftretenden formen gehören 
also dem dialekte an. Belege: a) vor liquiden: T* weras 
214,20 (3), wera 184,9, welan 212,28 neben teola 138,7, teala 
186,11. 348,15; 4 feola, fela 234,22. 332,2 (feola OCa), feola 
Ca [448,19]. [452,3]. [454,27]; beorreime 100,29, forbeorenne 
70, 11, ^ebeorenne 76, 25 (^ebeor^anne OCa), abeorende 72, 8 

^) on^me^nan 278, 11 (angeneoman OCa) ist Schreibfehler, denn der 
Übergang des westgerm. e zu i yor einfachem nasal ist älter als der 
w/ o-umlaut. 



DIALEKTISCHES Df AGS. BEDA. 233 

foreheorende 294, 7, ieorende 300, 2, wcestmieorende 98, 12. 304, 2. 
-eÄ 74, 24, 'heorennisse 74, 30 neben 6eraw 118, 8 (3), heranne 

330. 19, aieran 216, 33. 290, 20; T^ weras 368, 11, 6emw 372, 11 
{heran 0, ö radiert), aheran 380, 5, herenne 366, 32 (fteorcwwcC), 
ÄcZaw 362,31; T^ ieran 390,7. 440,2, hlostmherende 432,10 
neben unaheorendlic 440, 1 (-Kcre C), ^eoZa 438, 18 (teala C); 
T* weoras 414, 3 OCa (wetras T). — b) vor labial: we/a 

166.20, -an 170,27, neafan 332,4, rum^eofa 194,33, ^eofona 

234, 22, forgeofan 190, 27. 234, 33, /br^i/aw 60, 9. 192, 10; T^ 

for^eofan Sbi,! , weofaä3U,2S; T^ ^ifendes 366,29 {^eofendes C\ 

seofena 362, 10 {^eofona C, ^yfena OCaB, M. im text ^efeana). 

— c) vor guttural: spreocaöS28,8, spreocende 84,7, 190,19, 

sprecad 78, 18. 338, 5, sprecende 130, 23 (9), ^esprecende 84, 4, 

tO' 290, 18, fore- 66, 1 (4), sprecan 156, 21 (4), sprecenne 66, 8, 

abrecan 202, 1, cerendwreca (OCaB stets cßrmd[d]ram, vgl. 

Sievers § 43, 2). 62, 30 etc. (12 mal), 1 cerendwraca 232, 8, 

cerendwrqcan 158, 7; T^ specan 384, 17, sprecende 354, 5, spreocan 

388,28; T^ sprecenne 362,28, cerendwrecan 368,7; T* sprecan 

438, 18, sprcecan 402, 20, sproscende 402, 14. 440, 17, ple^an 

400, 15; T^ spreoende (für spreocende) 424, 16. — d) vor 

dental: T^ weosan 72,17. 82,4. 84,2. 198,4. 340,15. 330,16, 

weosende 142, 8, cneohtwesendtim 188, 1; geieoda 232, 13, ^ebeda 

202,12 (3); on^eaton (inf.) 386,18, öw^eo^öwwc 124, 31. 230,21, 

-awnd 224, 19. 24, ongeotendum 76, 23, -öwde 84, 28, on^eotad 

78,35, ofer^eotende 114,22, on^etan 348,29, ongitan 168,25, 

onsytan 132, 21. 118, 2, cweöad 238, 34, cwedenne 88, 23, -anwe 

164,27. 334,28; etod^80,2, etanne 80,7, etan 178,S0; T^cweoöan 

388, 31, forecwedan 388, 33, ^ecweöan 388, 17; T^ ^eieda 370, 2, 

376, 11, on^eotan 362, 27. 370, 19, cwedenne 370, 16, cwedaö 

378,24; T^ wesan 408,21, widmeotene 408,5 {wiömeotenne G), 

on^eotende 398, 22 {in^eot- ß), on^eotene 440, 30, ie^itan 404, 20, 

weö^aw 400, 18, cM?6^aw 442, 21. 406,26, e^aw398,7; T^ cwe^ad^ 

422, 8, onseotan 410, 14. 424, 15. 

Schlussbemerkung zu § 27. Auch dieser umlaut muss 
der vorläge angehört haben: darauf weisen vor allem die fehler 
hin, die sich nur aus misverständnis umgelauteter formen der 
vorläge erklären, wie ^ebeor^anne 76, 25 OCa für ^ebeoranne 
etc., vgl. schon s. 170 f. Ebenso ist das häufige auftreten um- 
gelauteter formen in den eigennamen anzuziehen. Unter diesen 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVL "^j^ 



234 DfiüTÖCHBEm 

ist namentlich der name Breotone, -ene zu beachten, der in T^ 
58 mal in dieser gestalt, in T^ und T^ je 3 mal als Breotene 
erscheint. 

Wenn lautlich zu erwartender umlaut nicht erscheint, so 
ist teils ausgleichung, teils die Übertragung ins ws. schuld 
daran. Zur flxierung des dialektes können besonders die fälle 
beitragen, die unter § 27, A, I, b— d. II, b — d. B, I, b — d. II, a — d 
aufgeführt sind. 

Besonders charakteristisch sind die formen mit eo vor 
doppelconsonanz (s. 228). Die formen siondon, seondon fehlen 
im WS. (Cosijn 2, 199), ebenso in R^, Ps.; auch im north, (die 
formen in E* 1 sendon, 3 sendun könnten allerdings für seondon 
stehen. Dagegen sind sie häufig in den kent. Urkunden (Sievers 
§ 427, anm. 3); somit rückt unser denkmal wider mehr nach 
Südosten (in T^ stehen 2 syndon und 1 sindon, wie überhaupt 
T^ der spräche des Psalters am nächsten steht). Ebenso ist 
die tormfeossum nur Imal im Ps. belegt, in E* hingegen fehlt 
sie vollständig; in der poesie erscheint sie in den kent. Metra 
4 mal als fiossum und 1 mal als ^eossum, desgl. im Saturn v. 108. 
Der haupt Schreiber T» gehört also in die gegend des w-umlautes 
vor doppelconsonanz, des Übergangs von io zu eo und der 
mangelnden ebnung, vgl. noch § 28. 

§ 28. Die ebnung oder der sog. palatalumlaut. 

Hier muss ich mich damit begnügen, das einschlägige 
material des Beda aufzuführen und im übrigen auf Bülbring, 
Anglia, Beibl. 10, 1 ff. hinzuweisen, der u. a. den mir ganz pass- 
lich dünkenden namen ^ ebnung' vorschlägt. 

In der hs. T finden sich im aUgemeinen solche ebnungen, 
welche auch das ws. hat: nur T^ besitzt auch eine grössere 
anzahl solcher, die dem ws. fremd sind. Manches scheint jedoch 
dafür zu sprechen, dass die vorläge sie in grösserem umfang 
gekannt hat. 1) Unws. ebnung tritt bei den verschiedenen 
Schreibern vereinzelt auf, was sich am besten durch die an- 
nähme erklärt, dass die belege als reste aus der vorläge 
stammen; vgl. dazu A, IV. — 2) Manche misverständnisse und 
fehler des überlieferten textes erklären sich nur aus einer 
entsprechenden Voraussetzung, vgl. H, 1 s. tiä. E, I s. ferh, F, 
anm. 1, G s. ]>uhteswe^» — 3) Deutliche dialektwörter bewahren 



DIALERTISCHES IM AÖS. BEDA. 235 

ihr ce,e; vgl. C. E, anm. 3. — 4) Die correcturen der hs. 0, vgl. 
E, anm. 3. 

A) Ebnung von ea vor h, ht, x (=hs). I. Westgerm, a 
wird vor h + cons. (x = hs) oder beim silbenauslaut zu ea ge- 
brochen (Sievers § 82); dafür tritt spätws. e ein (Sievers § 108,2. 
Cosijn § 3, 2. 7); im angl. steht meist ce (Sievers § 162). — 1) In 
T^ und T2 gilt ausnahmslos ea: also stets meahte, -on, 2. pers. 
meaht, sb. meaht, eahta, feaJd, ]>eahtian, leahtor, eahtian und die 
hierher gehörigen ableitungen, ebenso seah und compp. Auch 
vor X erscheint stets ea: weaxan, feax, seax und ableitungen, 
die Völkernamen auf -seaxe (vgl. M. PI. N. 523 — 25), ebenso in 
der regel die mit Seax- gebildeten personennamen Seaxwulf 
280, 25 (3), Seaxhurh 318, 33 (nur 1 Sexbaldes 228, 27). — 2) T3 
zeigt 10 e : 7 i : 6 ea (die -seaxe nicht gerechnet): mihte (-on) 
366, 18 (7) neben mehton (4), ehta 360, 8, hundehtatis 360, 5, 
wexan 366, 28, gewexen 360, 27, wexendum 364, 28, fexe 382, 31, 
weaxcnde S82,5, ge^eahte 87 4:,27, ge^eahte S78,29, feaxes S82,lß, 
feaxe 382, 26. — 3) T^ hat stets ea; zu den oben aufgezählten 
Wörtern kommen noch hinzu hleahtor 428,5, ceahheton 428,1, 
ceahetunge 426, 30; sonst nur 1 mihtan 424, 31 neben 24 meahte, 
2 meaht und 1 meahton. — 4) T^ hat 7 e und 8 ea: mehte 410,26 
(3), mehtan 424, 14. 29 gegen meahte 410, 14 (3), geseah 412, 28 
(3), geseh 424, 15, foreseah 424, 12, J^ehtiende 416, 17, feaxes 
414, 22. 

II. Das praet. zu ^icgan wird ws. schwach gebildet (Sievers 
§391,8. Beitr. 9, 283); dagegen Beda dialektisch stark: J^eah 
244, 24 (= OCaB). 350, 8 (= OCaB) neben pah 352, 7 {peah 
CaB,j)eÄO), sepah 234,10 (^ei>eaAOCaB), ausserdem j^e^dß 228,15 
{deah OCa, Ireac B); T* pisde 394, 25 (= B, picsan OCa).^ 

III. Die schwachen praeterita ohne mittelvocal (Sievers 
(§ 407) zeigen ws. oft neben ea auch e in anlehnung an den 
praesensvocal. Für T^ sind hier die folgenden fälle belegt: 
a) astreahte 266,21, hepeaht 180,28, weahte 340,22, wreahte 



*) Die formen mit a sind für die gesprochene spräche ganz unmöglich 
und nur ws. Surrogate für die unverständlichen jbeaÄ bez. jbceÄ, dLn(ge)peon, 
(^e)ßah angelehnt; daher lässt sich auch die von Sievers, Beitr. 9, 283 auf- 
geworfene frage, ob die auifällige toim ßah nicht dadurch erklärt werde, 
dass ßeah den ws. Schreibern der poetischen hss. (und wir fügen hinzu des 
Beda) ungeläufig war, bejahen. 

16* 



236 DBirrscHBfiiu 

122, 17; daneben e in awehte 346, 17, awehte 340, 7 (part.); 
T4 hat dweht 402, 12; T^ streUe 410, 12, aweUnesse 422, 20, 
sedrehtnessum 424, 13. — b) Unklar liegen die Verhältnisse bei 
reccan (= gerere, regere), da es sich im praet. schwer von 
rihtan (bez. rehtan nach re7i<) trennen lässt. In einer reihe 
von fällen, wo T reahte, rehte hat, tritt in OCaB rihte ein, 
das sich auch wie meahte > mihte erklären liesse; wunderbar 
wäre es nur, dass sich nur bei diesem verbum und nicht bei 
den unter ni, a aufgeführten i zeigt. Belege: T' reahte 54, 27. 
116, 26. 118, 21. 242, 15, reahton 116, 28 neben rehton (narrare) 
344, 25, arehton 340, 29, areht 352, 20, rehte (regere) 158, 10. 
220, 15. 262, 18, rehton 334, 7; zu reht möchte ich stellen rehte 
260, 2, gereht 110, 32, part. gerehte 68, 5. 74, 1. 10, -geriht 68, 2 
(gereht OCa); in T» stehen rehte (regere) 364, 21 und rihte 360,29 
(zu reccan? rehte OCa); in T* rcBÄ^e 172, 1 (fraglich, da Seh. 
richte liest). 

IV. Auffällig ist, dass die anderen hss., insbesondere Ca, 
öfters cefürea haben, vielleicht als alte residua: awcehte 340, 22 
Ca, arcehton 340, 29, he])ceht 180, 28 Ca, cehte [56, 29] Ca (assti- 
matio), gepcjeht 134, 4 Ca, oshtum (octo) 262, 15 0, asihta 406^ 20 C, 
cehtienne 398,18 C, fceht 192,23 Ca, Westsasxena 404, 17 Ca, dazu 
tmgccehtendlican 84, 12 TOCa. Darauf deutet auch, dass ceht 
(aestimatio) für eaht in OCaB 56, 28 (hier fehlt T) und 306, 28 
bleibt, während T 306, 28 hier richtig wie bei allen solchen oe 
in ea umcorrigiert. Darin geht jedoch T zu weit, dass es auch 
oßht (zu agan ^ haben') durch eahte 110, 14. 298, 21, eahtum 
116, 5. 278, 11, eahta 306, 30 widergibt neben richtigem ceht(um) 
62,25. 214,1 etc. (zusammen 6 ea, 9 ce, 1 a in ahte 104,28; 
aus T^ ceahte 424, 7). Wegen der ce in Ca vgl. auch s. 210. 

V. 1) Während das sb. meaht stets mit ea erscheint (120, 2. 
130, 1. 168, 18. 344, 7), erscheint ea nur 2 mal beim adj. celmeah- 
tegum 66,21, -rmahtigne 224,20, dagegen e, i in celmehteges 
76, 1. 84, 10, -um 338, 16, celmihtig 198, 19. 344, 14, -tigan 72, 19, 
154, 30, -es 74, 24, -ne 98, 27. 100, 7, -mihtegum 66, 7. 80, 12, 
-tega 74,28. 338,31 und 1 mlmihti 90,29; aus T* oslmihtiges 
440,23. Die auftretenden i erklären sich auf einfachste 
weise durch i-umlaut, ebenso sind die i(e) in niht durch i-um- 
laut zu erklären, angl. wäre m<Bht, celmcehtig zu erwarten; vgl. 
dazu formen wie slcehff 78, 4 und slosä 270, 5 (s. 219). — 



DiAliEKTISCHES IM AGS. BEDA. 237 

2) neaht (in CP. und Or. stets mit ie, i (vgl. Cosijn 1, § 14; 
keine bildung mit -e, Cosijn 2, § 35). Im Beda steht neaht 
(nom. sg.) 290, 25, acc. 272, 1. 286, 12. 348, 1, nom. pl. 290, 12, 
acc. pl. 350, 9, im gen. und dat. sg. neahte 114, 17. 122, 26. 
156,17. 31 (13 mal), dazu gen. pl. neahta 162,10, neahtlicum 
184,21; dagegen niht (nom. acc. sg.) 126,32. 290,30. 90,30. 
182, 26. 186, 18. 326, 21. 350, 29, niht (dat.) 128, 15, gen. dat. 
nihte 114,10. 174,11. 184,14. 326,6. 338,31, 1 nihtes 114,13; 
in T2 on neaht 354, 1, neahflicre 354, 6, nihte 390, 2; in T» niht 
378,26 (dat.); in T* mÄM02,4. 9 (acc), -e 402, 8. 426,13, 
feowernihtne 392, 12. 14; in T^ neaht 422, 28 (acc), -e 412, 10, 
neahtlicere 418, 6, nihte 410, 10. 31. 418, 4. 

B) öB vor ^, c als Vereinfachung eines zu erwartenden 
ea aus a mit «/o-umlaut existiert in T nicht (vgl. § 26). 

C) Die Verbindung earc-, ears- bleibt meist (wie im 
WS.) und erhält nicht ein e: T^ spearcan 180,27, ^emearcode 
178,34; T^ fyrstmearce 424,33; T^ ^eswearc 352,20 (mearce 
208, 16 Seh.; M hat sceare), hearh 128, 9 (OCa jedoch berh), nur 
1 wcer^cweodole (?) 356,26. Auffälligerweise steht dagegen öfter 
ein aus der angl. vorläge übernommenes e bei hear^, einem 
Worte, das offenbar (als heidnisch?) nicht mehr recht ver- 
standen wurde (vgl. here 142, 7 für her^); belegt sind hier 7 e: 
her^as (pl.) 136, 25 (B her^eas; CaOB haben ea, wo nichts be- 
merkt), Äer^a« 250, 26, heri^e 138,8.9. 142,5, her 1^138,11, here 
142, 7 ; ea steht in hear^as 250, 10 (her^as B). 

D) Ebnung von ea. Vor e, ^, h (auch h + dental) bleibt 
ea wie im ws. in T^T^.T^. Vereinzelt hat T^ 1 ec neben 34 
eac, T3 1 ec : 23 eac] T« hat 3 ec und 2 eac, 1 örea^e 356, 14, 
1 heahen^les 388,6; T* hat in der regel ebnung: ec 414,9 (9), 
])eh 412, S (6), heh 422, 29 (neben regelmässigem Heawald, Heo- 
wald); ofteah 412, 15 hat das ea durch systemzwang erhalten. 

Anm. 1. neah nnd damit zusammengesetzte Wörter zeigen in der 
regel ea (wegen des Superlativs vgl. § 23, anm. 3), z. b. neah 62, 2. 104, 30, 
doch tritt vereinzelt 1 i auf in nthtnesse 128, 25 T^ (in proocimo, neaht- B, 
eht' Ca, eht' 0); T* ehtnesse 434, 9 (nehnesse OCa). 

E) Ebnung von CO. I. Diese tritt gewöhnlich in den 
Verbindungen -eorc, -eor^-, -eorh, -eolh in T nicht ein; es heisst 
also stets weorc. Vereinzelt ist die ebnun^ nach an^l. art iu 



238 DEUTSCHBEIN 

T* vorhanden: odtfele 210, 15 (mit ausfall des h). T* hat einmal 
ebnung in ferh 406, 27 (nicht verstanden von BCaO, ferliö BCa, 
fmr.dO, feor C). T^ hat ierhte (adj.) 424,19, wrcec (*wcerc) 
414,2 neben weorc 418,26 etc. 

Anm. 2. Die eigennamen mit Eorcen- (im lat. Earcon-) finden sich 
im Beda folgendermassen vertreten: T^ Er conberht 172^5. 252,7, -es 172, 24, 
Ercenhyrhte [452, 21] OCa, .^kconhyrht 318,34, .^h-conwaldes 294,18, JKrcon- 
icald 280, 29, -e 218, 16, Eorconwald 218, 20, Ercongotce 172, 10, -an 172, 25, 
-a [14,14] BCa; neben JEßelbeorg tritt 2 mal -6er^ 172,21. 174,33 ein. 
Hingegen müssen die zahlreichen eigennamen mit -berkt im 1. oder 2. teil 
von compositis ausser betracht bleiben (stets -berht in T^T', nur JErcon- 
byrht 318,34), da hier das lat. -berct hat. Als simplex kommt vor in T^ 
Beorht 356, 20, -e 110, 9, daneben Byrht 58, 13. Hingegen hat T^ öfters 
'byrht, -bryht: Herebryht 372j 1^ 1 Ead-, 6 CuÖ- neben CuÖbrehte 372,29, 
CuÖberhtes 378,8. 380,24, Herebyrht 370,21 (2), 2 Eadbyrht, 3 Ec-, 6 Ct*d-, 
1 Swid-', T* hat JE^cftn^« 408, 15, Berhtwold 408, 1, Berhthun 390, 22, 
^eorÄfÄwn 390, 30; T« TT^^fftnÄ« 412, 16. 414,1, J&c^- 410, 16. 412,28, JEcg- 
410, 24. 33, Swidberht 420, 9. 16, Berhwald 420, 14. 

Anm. 3. Dass schon die vorläge bei eorc etc. die ebnnng gehabt hat, 
ist mindestens sehr wahrscheinlich. Bei dieser Voraussetzung erklären sich 
auch die zahlreichen correcturen in am besten: tt-e^rca 96, 2, wcorc 176, 9, 
feorh 324, 25, vgl. auch geoMl 318, 18. Für die ebnung scheint auch das 
dial. wcerc 322, 24 (= OCa, weorces B) zu sprechen. 

Anm. 4. Nicht hierher gehört ndMilich ßirscwalde 398, 23, ßcerscwaldas 
[22, 19] Ca. 

n. Vor h + cons. liegen die Verhältnisse anders: hier findet 
sich neben eo auch angl. e ziemlich häufig in reht] ausserdem 
kommen i, y vor. T* hat in der regel eo (mit ausschluss des 
namens der Picten: T^ 11 6ö, T* 1 e und 1 eoj vgl. M.Pl.N.): 
cneohtas 96, 10. 26 (6), -um 114, 22, cneoht 142, 8, 186, 21, 
-e 234, 4, 'Wesendum 188, 1, -dld 284, 30, -hada 210, 19, -hade 
242,29; ^efeoht 54, 15. 16 (im ganzen 32 mal), feoU (subst.) 
102, 30, feohtaä 104, 3, -tend 112, 31, -tende 310, 1, wiöfeoUende 
88, 18, afeohton inf. 202, 21 und si^e^efeohtum 158, 6, und nur 
1 gefeht 214, 17, 1 afeliten C [480, 4]. Eine Sonderstellung 
nimmt wider reht, riht (adj. und subst.) ein. Hier ist nur 
1 reohtre 100, 5 erhalten, sonst steht angl. reht und südl. (?) 
WÄ^ neben einander: WÄ^66,26. 68,17 (21), unriJd 70,27, 76,28 
(6), riht in compp. 18 mal (im ganzen 45 {); daneben reht 74, 26 
(13), unreht 74, 10 (5), (un)reht in compp. 7 mal (also im ganzen 
45 i : 25 e : 1 eo). Bei dem Zahlwort 'sechs' erscheint in der 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 239 

regel y»): syx 54,27. 76,9 (24), syxe 302,20, ebenso syxteno 
108,21, Äyx^ywe 320, 1, syxta 110,2, -aw 162, 11 (5), syxti^ 
76,9 (7), syxti 330,32, daneben sexta (durch das lat. sextus 
beeinflusst?) 220,11. 252,6. 256,4. 278,20; C hat e in sextan 
310,17, sex 240,19, sexti^ 236,28 (2), 238,2. 240,19; T^ hat 
1 rihtlice] T^ ^efeoh 372, 17, cnihthades 360, 25, 1 ^efeohte, 
1 riht, 1 unrihium, 1 syx] T* 1 ^eseoh, 1 cneohthade, 1 rehte, 
4 riht, 3 rihüice, 1 rihtnesse, 1 unrihte; T^ ^efeohtes (1), 1 rihtre, 
1 unrihtre, 1 six. 

in. Die fälle, wo eo vor c, gf mit e wechselt, sind schwer 
zu beurteilen (wegen der beispiele s. s. 231, c. 233, c), da hier 
einerseits oft analogiebildung vorliegt, andrerseits das e erst 
durch die Umschrift aus eo hergestellt sein könnte. Dasselbe 
gilt von dem Wechsel io(eo)li (die beispiele s. s.229,c und 232, c). 

F) Ebnung von «o. Während im angl. io durch ebnung 
direct zu i wurde, trat im ws. oft i-umlaut ein, welcher das 
io zu ie und später zu i(t/) veränderte, so dass also das end- 
glied der entwicklung im angl. und ws. z. t. dasselbe ist. Da 
nun der Beda ein mischtext ist, so kann man im einzelnen 
kaum entscheiden, ob ein einschlägiges i für angl. residuum 
oder für ws. form zu halten ist. Nur in der gruppe wio- macht 
sich ein deutlicher unterschied bemerkbar, denn wio- vor pala- 
talen wird im angl. zu wi-, im ws. aber zu wu- (das nähere 
s. unter II). 

I. Die gruppe io (nicht nach w). Hier haben wir im 
Beda meist i, y: T^ ^esiM 216, 20 (9), ^esyM 100, 7. 10 (14), 
wrixendlice 348, 8, firum 344, 14; T2 1 ^esiM, 1 ^esiehäSU, 32; 
T3 1 ^esihäe-, T* 6 ^esiMe, 1 wrixles 424, 33; T^ 7 ^esiMe, 
fyht (?) 416, 8, ^ewrixle 416, 16, wrixendlice 424, 26. 

Anm. 1. meol(u)c 76,28 etc. hat stets eo; doch hat die vorläge wol 
milc gehabt: dadurch wird allein der fehler miclum 76,28 OCa für mücum 
{meolcum) verständlich. 

Anm. 2. Das verb. bierhtan erscheint in T* mit anlehnung an beorht: 
beorhtaö 218,32, beorhte 192,4; T« aber hat byryhte 364,16. 

Anm. 3. Für ws. bier^an erscheinen im Beda formen mit e, die auch 
im angl. auftreten, vgl. Sievers § 164, anm. 4; T» ber^enne 396,4 (C geber- 
genne); praet. bre^^de 430, 20, vgl. auch byrinesse [446, 14] (Ca byn'^-, 
B beorh[ty). 

>) Hier scheint übrigens auch ein «-umlaut vorzuliegen: sicher gilt 
das wenigstens von dem flectierten syxe 302^20 aus *8ehsü 



240 DBÜTSCHBEIN 

A n m. 4. Mit i erscheinen stets dihtaÖ 68, 16 (lat. didare), stthtian 
(daneben fonnen mit hh): gesUhhade 198,27. 218, 9^ gestihtedon 112,33, 
stihtigefide 262,19; T» forestMunge 372,27; T* stMunge 440,22. 

II. Die gruppe wie erscheint im Beda meist als wi- 
(wie im angl.); wenn daneben wu- vorkommt, so rührt dies 
von der Umschrift her; vereinzelt findet sich noch das alte 
io (eo). a) io (eo) entstanden durch e^/o-umlaut erscheint meist 
als i: T4 dcwicode 402,3, T^ acuicode 422,29; T» wucan24c2, 35, 
T3 364, 9 neben wican 350, 30. 31 (natürlich wiice 388, 23, 
T4 wicdce^e 162, 11. 352, 8, wiicdw^e 350, 9); twi^a 254, 23, 
twigea 278,23; wegen swi^ian vgl. § 19, anm. 3. — b) sweora 
(aus "^swirh-, vgl. Sievers § 218, anm. 1): T^ swiran 322, 16 {swü- 
ran B), swiran 322, 24, sweoran 320, 22. 322, 22. 178, 11 (hier 
OCa swiran), T^ sweoran 436, 1; ausserdem noch sweoran 
[40,8] Ca, swiran [48,32] Ca. — c) wio vor ht] für T» gilt i 
in wiht, fulwiht (< f ?), (?w;iÄ^ 64, 24 (9), nowiU 68, 17. 72, 5 
(7) [oft contraction [w]oÄ^[e] 80, 16. 102, 20 (29) ]. Ebenso stets 
fulwiht mit i in T*, z. b. fulwihte 62,19, -es 70,33 (31 mal; 
ebenso mit i in COB; Ca hat fulluM)\ T^ hat [1 noM, 1 -e^], 

1 owiht, T^ 1 ö^«;^Ä^ [1 noht\ 1 «€?«ä^, T^ 2 omA^ [1 wofe^, 4 nahte], 

2 fulwihte, 1 fulwihtes, T^ [1 ohte, 2 noht, 2 -c]. 9 — d) Der 
name Wiht erscheint stets mit i (vgl. M.P1.N. s. 78); ebenso die 
mit Wiht- gebildeten eigennamen: T^ Wihtred 360, 14, T* Wih- 
tred 408, 6, T^ Wihtlriht 412, 16. 414, 1. 

G) Ebnung von eo. Diese tritt im Beda meist nicht 
ein; es heisst also stets leo^an, seoc, weox; nur 1 flehende 
116, 31 ist belegt; puhte sweg 430, 6 steht für purhswes der 
vorläge (= ws. purhsweo^). 

H) Ebnung von lo. Hier treten häufig formen mit l auf; 
diese müssen als anglisch angesehen werden, da man im ws. eo 
(io) bez. i{e), y zu erwarten hätte. 1) io aus westg. m: ^etiid 
78, 19 {setiö Ca, setid 0, setitt B), Uhd 88, 8 {tid 0, tid Ca, ^e- 
tyhd B) ; die formen ohne h sind anglisch, vgl. s. 244), inlihtnesse 

^) Da B (auch OCa) oft -wiht zeigt, wo T contrahierte formen hat, so 
scheint dies mit Sievers § 344, anm. 3 in Widerspruch zu stehen. Doch müssen 
wir stets im äuge behalten, dass auch OCaB manche dialekteigenheiten 
aus der vorläge mit übernommen haben, vgl. B 128,6. 148,25. 178,18. 
200,13. 202,24. 410,28. 414,11. 426,11. 438,27; für OCa 208,27. 426,11. 
438, 27 etc. ; auch ßoewihta [26, 6] CaB. 



DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 241 

100, 8, onlihtnes 122, 7, onlehfed 100, 10 (angleich an leoht). — 
2) io aus westgerm. l: T* l€ohtorS20,25, leohtam [50,1] Ca, 
leöht deicht' (north, leht, Sievers § 165, 2); T» Uohtlice 290, 18 
(2), aber T^ dial. UM 410,12 {leht)0)\ imp. onwreoh 70,14, 
aber onwrüö 70, 18 ; das verb. KÄtow (aus Hiuhtjan zu M^ 
'leicht') erscheint stets mit i, da hier gleichfalls ebnung vorliegt: 
lihte 228, 17. 18. 178, 21. 196, 12. — 3) Für ws. letw€oh neben 
ietwuh zähle ich im Beda folgende entsprechungen: T* 58 6e- 
tweoh, 1 hetuh 62, 10, 9 hetweohn, 1 ietwihan 86, 32, während 
OCaB zahlreiche hetwih, hetwyh zeigen, vgl dazu § 28, F. Als 
beispiele führe ich an ietweoh T\ ietwihOCsi, letwyhB 96,9. 
108,13. 110,1. 10. 288,7. 23. 298,5, ietweoh T», betwyh OCaB, 

96. 9. 158, 7. 324, 28. 328, 4. Die 9 formen mit betweohn (über 
diese formen mit n vgl. Sievers, Beitr. 9, 270) sind 68, 28. 70, 10. 

72. 10. 86, 33. 246, 32. 266, 5. 268, 8. 324, 24. 338, 28 (dazu be- 
tweomm 98, 17. 102, 18. 254, 22. 290, 25, bitweomm 290, 22, 
betweonan 266,4:); T^ betwih SSO, 10, betwiJm S88,b', T^ betweoh 

360.10. 372,20, betwih 370,29. 30. 31. 372,2. 24; T^ betwih 

408.11. 430,11. 432,22.24. 434,2. 438,3, betwioh ^28,7.19, 
betwihn 4:34:,!. 436,17; T^ hsit betwih il6, 17, betihn 412,12. 
Ein betwihn hat auch 242, 9. 

Anm. % erfährt brechung brechung zu go im ws. wnohtid, wEofod, 
Dagegen hat der Beda in T dialektisches wighed, ebenso OCa, aber B wider 
tceofod (abweichungen sind besonders notiert): T* tcigbed 106,6. 136,24. 
138, 15. 142, 5 (wihed 0), -hrcegl 90, 2 (tcigbid- Ca, wihed B), wigbedes 150, 13. 
218, 29. 334, 19. 204, 9 (wibedes 0), toigbede 232, 24 (mbede OCa), wügbede 
218,24, wigbedo lS6j 18 (weofodu Csl), -mw 64,7; T* wigbedes 416,16; 
ausserdem wigbede [464, 21] Ca, wibedas [466, 10] Ca, wibedum [52, 31]. 
(weofodum C). 

§ 29. Contractionen. 

I. Urspr. au aus wu oder vocalisiertem w wird zu ea 
(Sievers § 111, 1). Ebenso im Beda, also ])rea (für alle casus) 
68, 8 (acc. pl.). 68, 16 (gen. pl.). 74, 2. 162, 14 (dat. sg.). 110, 31 
(gen. sg.) etc. — Got. fawai erscheint im Beda als: T^ fea 
88, 29, fea monna 322, 1, feaum 252, 12 (= 0). 262, 15, feanis 
222, 29, feawum 92, 17 (3), mid feawa 358, 25 (nach fela ge- 
bildet); T2 fea 354,14 (= OCa), feaum 354,33, feaum 388,7; 
T* feoo 434,16 (OCa fea), feawe 438,26; T* feaum 410,30 
(= Ca), feaum [450, 18] 0. 

n. ürspr. ah + voc. wird nach dem ausfall des h (über 



242 DEUTSCHBEIN 

eah + voc.) zu ea (Sievers § 112, 2). Hier stimmt Beda völlig 
zum WS., also stets slean 104, 4, tear 86, 1, ]>wean 86, 1 etc. 

a 

Anm. 1. Interessant ist die correctiiT pwceles in 82,2. 

III. Urspr. e'Ä + voc. wird nach dem ausfall des h zu io, 
später CO, gemein ws. eo (Sievers §§ 113. 166,2). 1) Für Beda 
gilt in T^ T^. T«*. T^ eo, also stets seon, gefeon etc.; nur T^ 
sesion 416, 26, onsione 424, 19. — 2) In finden sich einige 
correcturen von e zu eo, z. b. ^efe^'nde 130, 21, ^efe^'nde 346, 33, 
^ese^'ndum 284, 22 Seh., ^esundum M., vgl. Brown § 24. 

IV. 1) Urspr. ^ + u wird über urags. lu zu altws. lo, 
dann gemeinws. eo (Sievers § 114, 1 und § 166). Im Beda er- 
scheint in T^ T3 stets eo, also nom. fem. heo, seo, preo (neutr. 
pl.), fem. sg, ])eos: T^ 1 Mo, 2 sio, 1 seo-^ T^ 10 Mo, b heo, 
19 seo (sio 392,8. 430,20. 432,10. 19), 1 äreo; T^ Mo 416,21. 
424, 1, 9 sio, 1 seo, 1 preo, — 2) Urspr. ? + urspr. a, S ver- 
schmilzt frühws. zu w, später eo. Die bei Sievers § 114, 2 
und § 114, anm. 1 angeführten Wörter erscheinen in T^.T^ stets 
mit eo (nur 1 iodon 196, 23), desgl. die schwachen verba freo^an 
und feo^an (Sievers § 416, anm. 7 und 8); T^.T^.T^ schwanken 
zwischen eo und io: T^ freolslicor SbijlS, friondscipes 354,25, 
heon 354, 30. 388, 19; T* deofles 438, 13, freolslice 434, 28, feon- 
dum 426, 31. 428, 15, feondas 440, 27, freondlican 440, 26, to- 
heotedon 428, 11, -an 428, 22, heon 396, 21 (17), beoä 426, 23 
(8) gegen diofla 428,6, -e 408,27, -w 440,15, Hon 394,29 (4); 
T^ eö: freonaman 422,3, beon 410,26. 424,28, deofol^eldum 
414, 14, diofol^eld i\9>,29i, — 3) Urspr. t + voc. wird zu alt- 
ws. lo, später eo: eo ist auch die normalform für Beda in T'.T^: 
stets tweo (subst.) 64, 10 etc., dazu üveo^ienne 234, 12, twy^eo ic 
190,21, tweoden ^Q%,2&\ part. praet. ^^<;eowdeO• T^ tweonde 
200, 23 (tweo^ende OCa, tweonun^ B), untweondlic 330, 24 (ww- 
^w;eö^ewdZ2cOCaB); T^ ^w;cöncie 360, 13 (tweo^ende OCdi, teondeB); 
T4 hat tö in twion (subst.) 402, 23. 

Anm. 2. Zu den verba contracta gehört auch teog(e)an, das wol ein 
poetisch-anglisches wort ist. Im Beda begegnen geteode (praet.) 332, 9 (B +, 

ho 

Ca geteohode, mit correctur geteode), geteod (part.) 234, 25 (= OCaB), 
forteode 138, 31 (= OCa; B ändert bezeichnenderweise in forecetyived); teode 
344, 13 im Hymnus zählt nicht (Ms. Bodl. hat hier tida). 



>) Vgl. Sievers §§ 414, anm. 5. 412, anm. 11. Dieses part. begegnet in 
der poesie und ist daher iin Beda als an^lisch anzusehen. 



DIALEKTISCHES IM A6S. BEDA. 243 

4. Urspr. t + i ergibt angl. l (Sievers § 166, anm. 5 und 
§ 374). Dazu im Beda: T^ ^esiiä 80, 32. 86, 21 C [480, 12] gegen 
^esyxst 190, 19, gesyhst 352, 24 {^esyxst OCa), ausserdem C 3.pers. 
<efeoö [480, 17] ausgeglichen. Charakteristisch ist [478, 32] C 
^ifeö (für geftff) (Ca +, B friS)', T* onwriid 70, 18. 

Anm. 3. Unerklärt ist mir eondes 196, 7 (endes 0, heowes Ca, hiwes B). 
196, 19 (endes 0, cm^es Ca, htwoes B). 

V. Urspr. =?+e ergibt im ws. le, l, y (Sievers § 114,4); 
in T erscheint dafür eo\ 1) das pron. heo (nom. acc. pl.) hat 
eo in T1.T3 (54, 7. 8. 10. 11. 15. 16. 19. 32 etc.) und dies ist als 
normalform anzusehen. Daneben nur 35 hy 60, 30. 62, 20 etc. 
(wofür 338, 18 OCa heo haben), 5 hi (82, 27 etc.) und 1 hice 
162, 14. Gegenüber ca. 800 heo fallen diese kaum ins gewicht 
und sind der Umschrift zuzuschreiben. — Der acc. sg. fem. lautet 
in T^. T3 normalerweise heo 76, 8. 78, 17 etc. (nur 3 hy 288, 32. 
316,14. 318,20); T^ hio (nom. acc.pl.) 11 mal neben 1 hi und 
2 hie\ acc. fem. hio 388,26. 27; T* Äeo (nom. acc. pl.) 23 mal, 
hio (nom. acc. pl.) 396, 31 (7), hie 440, 27. 442, 13; acc. fem. sg. 
heo 392, 9. 30. 392, 19, hie 392, 19. 29; T* nom. acc. pl. hio 
414,5.8 etc., 37 mal, 2 heo 412,8. 424,29, 4 hie 414,19. 416, 
8. 26. 420, 28, 1 hi 414, 18, acc. fem. sg. hio 424, 2.0 — 2) Der 
conjunctiv von wesan-, T^^eo 66,13. 74,14. 82,17.18. 100,1. 
278, 10. 290, 24. 322, 3 (8), seon 74, 9. 10. 86, 16. 278, 19. 21 (5), 
sy 68, 6. 8. 26 (34), syn 74, 1. 9. 76, 20. 102, 16. 278, 9. 23, si 
76,27. 80,24; T2 sion 356,12; T» sie 372,8; T^ sion 432,14, 
560^430,29, sie 394,8. 408,4. — 3) Das Zahlwort ^reö, da- 
neben pry\ öreo 290, 11. 258, 3. 300, 1 (= OCaB) neben öry 
112,3, >!/ 214,26. 296,6 (der dat. pl. lautet i>nm 86, 25. 300,18, 
prym 302,25, preom 102,10. 214,13. 312,5; in T* preom 
394, 17). 

*) Dass die heo von T auf die vorläge zurückgehen, beweist nicht nur 
das vereinzelte auftreten dieser form auch in den anderen hss., sondern auch 
die interessante stelle 120, 28. 29, wo das lat. ne paganorum possent societaie 
poUui in T^ mit pcet heo (nom. pl.) . . . besmiten ne wcere tibersetzt ist (conj. 
pl. ohne n, wie häufig im Beda), während OCa dafür lesen ßcet hi ... be- 
smiten ne ivcere (hi ist hier sicher nom. pl., denn der nom. f. sg. heisst in 
OCa stets heo, hio) ; B endlich liest ßoet heo . . . besmiten ne wcere, hat also 
hier nicht geändert, indem es heo als nom. fem. (einen plural heo kennt B 
nicht) und wcere als Singular auffasst^, 



244 DEUTSCHBBIN, DIALEKTISCHES IM AGS. BEDA. 

VI. Das ö (einerlei welchen Ursprungs) + voc. ergibt ö 
(Sievers § 115), so regelmässig auch im Beda (pn)fön, {pn)hön, 
(dön) etc. T^ hat daneben dialektisches doan 388, 13 neben 
forödoon 388, 25, dod 354, 14 und 1 onfoan 388, 22; in T^ findet 
sich doan 440, 19 neben don 392, 17. 438, 2. 11, sedon 390, 5, 
dod 440,20; vgl. noch ,5'oa^88,45, ^oiende 88, 17. 

VII. Besonders charakteristisch für das angl. sind con- 
tractionen nach ausfall eines inneren h in den fällen, wo das 
WS. und kent. das h unter synkope eines folgenden vocals er- 
halten (Sievers § 166, 6). 1) slceM 78, 4 (slyffB, slegöO, Ca vac, 
sledC), slosd 270,5 {slyhp OCa, sleaÖW)\ die ws. formen sind 
hier slieM (sUM, slead 270, 5 in B ist ausgleichung); ebenso 
kennt das kent. keinen ausfall des ä; die formen «Zöb^T 270,5 
und C sleö erweisen sich somit als angl.; slodhö T* 78,4 ist 
contamination; ebenso slyd 78,4 B. — 2) Die 2. und 3. pers. 
von onfön hat das h erhalten: T* onfehä 78, SS, onfehst24:4:,8; 
T^ onfehstu 432, 24 mit Verschmelzung. — 3) T» onwriiä 70, 18, 
^esii& 80, 32. 86, 21 C [480, 12] gegen ^esyxst 190, 19, gesyhst 
352, 24 (OCa ^esyxst), dazu C sg. ^efeoä [480, 17] angeglichen. 
Charakteristisch ist auch [478, 32] C ^ifeff (für ^eftä) (Ca vac, 
B frif). — 4) ^etM 78, 19 (gem Ca, ^eM 0, getitt [!] B), UM 
88,8 (tiffO, <ic?Ca[!], getyMB), — 5) T2 nestan 384,25; T* 
nestan 170, 17 Schipper, nehstan Miller. Die Ä-losen formen 
fallen sicher der vorläge zu: das beweisen die zahlreichen 
misverständnisse und falschen bildungen in den anderen hss. 

[S, 170, 12 V, u. l § 12, 4, d. — S, 171, 2 f. Z. § 27; z. 14 l § 12, 4, a. — 
S. 173, 4 V. u. l vgl. Cosijn 1, 56. — S. 182, 6 füge hinzu: vgl. Kluge, Beitr. 
8,508; z. 22 Z. § 5. — S. 183,3 l dblan. — S. 184, 16 l Gearaman. — 
S. 188, 18 t Ucumlic; z. 6 v. u. l T* gicestem. — S. 190, 12 l ahefen. — 
S. 196,3. 207,6 l wceroda. — S. 197,4 l eUreord-] z. 7 v. u.l. denu. — 
S, 198, 23 l. gemcBn^nisse ; z.9v. u. l § 27, 2, b. — S. 200, 18 l geacrcepe. 
— S. 205, 11 v.u. l. neotüeste. — S. 207, 5 l. 41 mal); T' u.s.w.] z. 20 l. 
hwcethugu. — S. 214, 7 tilge 14. — 5. 223, 13 füge hinzu: rec 202, 14. — 
S. 224, 20 l. deogolice 240, 9, deagoUce. — /S. 226, 9 Z. getreowodan. — 
S. 229, 13 l. bismrad. — S. 231, 18 v. u. l. regoUico; z. 14 v. u. l 242, 3 
Seh. [158,30]. 

LEIPZIG. MAX DEUTSCHBEIN. 



SAXONICA. 

2. Zum Gernroder psalmencommentan 

Die bruchstücke des altsächsischen psalmencommentars, 
die uns auf dem umschlage einer aus dem frauenkloster Gern- 
rode stammenden rechnung erhalten sind, sind derjenige text, 
der durch Wadsteins neue ausgäbe die erheblichste förderung 
unter allen erfahren hat. Bei dem zustande der pergament- 
blätter und der art der zu ihrer weiteren erhaltung notwendig 
gewordenen massnahmen (vgl. Wadstein s. 121) konnte nur 
allerpeinlichste akribie und entsagungsvolle, mehrfach wider- 
holte Prüfung zu einer sicheren grundlage der betrachtung 
führen. Es musste ein sozusagen rein inductiver weg be- 
schritten und jeder versuch einer ergänzung des fehlenden 
bis nach der feststellung der tatsächlich vorliegenden text- 
bestände aufgeschoben werden. Gerade umgekehrt scheint 
Gallfee bei seiner behandlung des denkmals (s. 224) vorgegangen 
zu sein : mehrfach macht es den eindruck, als habe er deductiv 
verfahrend seine ergänzungen in den vorhandenen text erst 
hineingesehen, so dass der tatbestand sich ihm vielfach anders 
darstellte, als er wirklich war; eine eingehende kritik seiner 
lesungen geben Wadsteins reiche anmerkungen zu seinem ab- 
druck der hs. (vgl. auch schon Steinmeyer, Anz. fda. 22, 280). 
Dankenswerterweise gibt Wadstein nicht nur einen recon- 
struierten text, in dem deutlich gelesenes, undeutlich gelesenes 
und durch conjectur gewonnenes durch verschiedenen druck 
klar auseinandergehalten ist (s. 12), sondern daneben auch 
einen rohdruck der handschriftlichen blätter in zeilengetreuer 
widergabe mit ausführlichen erläuterungen (s. 4); so wird eine 
selbständige nachprüfung ermöglicht. Der betrachter kann 
von der gegebenen ergänzung, so oft er will, abstrahieren und 



246 LEITZMANN 

sich die rätsei der vei^tümmelten Überlieferung jederzeit von 
neuem aufgeben. 

Ich gebe zunächst eine reihe von bemerkungen zu 
Wadsteins reconstruction des textes. Man könnte 
meinen, dass alle hierauf bezüglichen zweifei sich lösen 
müssten, wenn sich die genaue quelle nachweisen liesse, aus 
welcher unser Verfasser übersetzt hat, mit anderen worten 
wenn entschieden wäre, dass der commentar wirklich nichts 
als eine einfache Übersetzung einer lat. exegese ist, wie man 
wül gemeinhin annimmt (vgl. z. b. Steinmeyer in den Denkm. 
23, 373 und Koegel, Gesch. d. d. lit. 1, 2, 570). Ich für mein 
teil bekenne starke zweifei, dass von dieser seite her noch 
viel aufschluss zu erhoffen ist. Steinmeyers bedeutungsvoller 
hinweis auf die auch von Notker benutzte, in einem Münchener 
codex erhaltene Generalis expositio psalmorum (Anz.fda. 22,279, 
anm. 1) hat die quellenfrage erheblich gefördert; daneben 
aber sind die früher von Heyne nachgewiesenen beziehungen 
zu Cassiodor und Pseudo-Hieronymus nach wie vor wertvoll. 
Wer will sagen, dass die eigentümliche compilatorische arbeit, 
die unser commentar zeigt, schon lateinisch vorgelegen haben 
muss? Ich möchte glauben, dass sie ganz wol dem deutschen 
bearbeiter zugetraut werden kann. Der fragmentarische zu- 
stand des textes gestattet keine tiefer dringenden beobach- 
tungen: nur vereinzelt (wie z.b. in dem abschnitt 14,2) glaubt 
man zu erkennen, wie der commentator seine verschiedenen 
quellen stückweise ineinandergeschoben hat. Jedenfalls ist 
alles suchen nach einer genau entsprechenden vorläge (vgl. 
Wadstein s. 122 ; einige der von Scherer citierten commentare 
enthalten übrigens über psalm 4 und 5, die hier in betracht 
kommen, gar nichts) bisher vergeblich gewesen. Hauck, der 
(Kirchengesch. Deutschi. 2-, 664, anm. 8) unsere bruchstücke als 
willkommenes zeugnis dafür bucht, dass die arbeit an einer 
deutschen geistlichen prosa auf niederdeutschem boden sich 
weiter ins 9. jh. hinein erstreckt als auf hochdeutschem, berührt 
die quellenfrage nicht. 

Steinmeyer hat (s. 279, anm. 1) bemerkt, dass unser com- 
mentar, auch darin der oben citierten lat. compüation folgend, 
die erläuterung jedes einzelnen psalmenverses durch das lat. 



SAXOKICA. 2. 247 

citat seiner anfangsworte einleitet. So ist 13,12 verha mea, 
14, 21 introibo und 15, 7 domine deduc me überKefert. Auf 
diese gewohnheit hat Wadstein nur einmal rücksicht genommen, 
indem er 14, 2 odisti eingesetzt hat. Wenn wir von dem ver- 
stümmelten anfang 13, 2 absehen, so war auch noch an folgen- 
den stellen der lat. eingang in die ergänzung aufzunehmen: 
12, 3 a fructUj 12, 10 in pace, 13, 17 intende, 15, 17 quoniam, 
Gall6e hat dieser forderung teilweise genügt. 

Im ganzen kann Wadsteins reconstruction als gelungen, 
ja an manchen stellen als glänzend bezeichnet werden; man 
sehe, wie der ursprüngliche Wortlaut in Sätzen wie 12, 4. 13, 12. 
14, 2. 13 widergewonnen ist. Trotzdem scheinen mir ein paar 
anstösse zurückgeblieben zu sein, die ich im folgenden einzeln 
behandle. In den citaten schliesse ich die ergänzten worte 
und Silben in eckige klammern ein, ohne deutlich und undeut- 
lich gelesenes noch besonders zu scheiden (vgl. darüber Wad- 
stein s. 121). 

12,4 [Thiu heliga samnunga] wirvid tote them, t[hia the 
t]har be[fundane wer\fhed an iro githankon \gerna] flescli- 
Jc[ero thingo]; über dem on von githankon steht endi zwischen 
den Zeilen geschrieben. Das ganze gibt folgenden satz der 
Expositio wider: redit ad eos, qui rebus carnalibus probantur 
intenti. Als subject zu redit ist zweifelsohne die kirche zu 
ergänzen, die nach Cassiodors bemerkung im ganzen psalm als 
redend gedacht werden soll; die worte thiu heliga samnunga 
hat Wadstein daher ganz mit recht nach dem muster von 
stellen wie 13, 4. 12 eingesetzt. Die widergabe von probantur 
intenti durch gerna befundane erscheint mir nicht glücklich: 
probantur ist doch wol nicht viel mehr als dicuntur oder noch 
farbloser sunt; nicht dieser begriff sollte meines erachtens 
in dem participium mit be- ausgedrückt werden. Zu den 
Worten an iro gethankon muss noch ein part. im sinne von 
* beschäftigt mit, gerichtet auf, ergriffen von' kommen, um 
den ganzen Inhalt von intenti zur geltung zu bringen. Man 
kann zweifeln, was einzusetzen ist: denkbar wäre befangane 
oder begripane, nicht unmöglich auch mit einer nüance des 
Sinnes, die das trügerische der weltlichen Verlockungen zum 
ausdruck brächte, beswikane. Wer einer in mnd. prosa ge- 
läufigen phrase so hohes alter zutrauen will (vgl. Mnd. wb. 



248 LEtTZMAKN 

1,321a), könnte an beworrane denken, das im sinne von ^be- 
schäftigt mit' gebraucht wird. Durch eine derartige ergänzung 
wird zugleich der von Wadstein durch gerna besetzte räum 
verfügbar, und es kann nicht zweifelhaft sein, dass dafür eine 
von dem part. geforderte präposition, etwa fan oder mid, ein- 
zutreten hat. Der schluss des satzes würde dann fan (oder 
mid) then flescUkon thingon lauten. Von dem übergeschriebenen 
endi glaube ich mit Wadstein (s. 1 2, anm. 3), dass es fehler- 
hafterweise hier steht; es passt weder so noch so in den satz 
und ist wol an eine falsche stelle geraten. 

14,8 wird der vir sanguinum des psalmisten erklärt als 
derjenige, the thar io wid th[i]a fremitha[n] handflitid t[K\ia 
feru[uu]rdi te werTcenne\ die sübe hand steht zwischen fre- 
mitha und ilUid über der zeile als nachtrag. Der satz gibt 
Cassiodors worte qui . . . alienum operari nituntur exitium wider. 
Das übergeschriebene hand scheint mir Wadstein nicht richtig 
aufzufassen, wenn er darin das präflx and- mit prothetischem, 
lautlich bedeutungslosem h sieht und es mit dem folgenden 
fluid zu einem wortkörper verbindet. Solche prothetische h 
kommen zwar auch im as. vereinzelt vor (vgl. Holthausen, As. 
elementarb. § 216, anm.), wenn auch nicht so häufig als im ahd. 
(Braune, Ahd. gramm. § 152 a); es fragt sich aber, ob wir zu 
diesem auskunftsmittel hier zwingende veranlassung haben, 
zumal das präflx and- sonst in unserm texte regelmässig als 
an- erscheint (vgl. 13,3. 14,6). Ich glaube, dass hand das 
gewöhnliche subst. *hand' ist, und sehe in thia fremitha hand 
= alienus eine jener in verschiedenen germanischen dialekten 
vorkommenden Wendungen, in denen das wort *hand' ganz in 
den begriff der person übergegangen ist und die vielleicht 
ursprünglich der rechtssprache entstammen, wenigstens in ihr 
am gebräuchlichsten sind. Belege verzeichnen die Wörter- 
bücher: vgl. Mhd. wb. 1, 628a. Lexer 1, 1171. Mnd. wb. 2, 192b. 
Eichthof en, Af ries. wb. s. 825 a. Bedeutet mhd. vrie Jmnt einen 
freien, afries. schildige hand einen schuldigen oder tha sihbista 
honda die nächsten verwanten, so steht nichts entgegen fre- 
mitha hand als alienus zu fassen. Ausserdem möchte ich im 
drittletzten worte des oben angeführten satzes einen buch- 
staben anders als Wadstein ergänzen. Er setzt im sinne von 
exitium ein fem. ferwurdi an. Eine Wiener glossenhs. über- 



SAXONICA. 2. 249 

liefert uns exitium, verwerde (Ahd. glossen 3, 361, 9); das deckt 
sich genau mit got. frawardeins (1. Tim. 6, 9). Dasselbe wort 
stand wol auch in unserm texte, wo demnach ferwerdi zu lesen 
ist; ein ferwurdi hätte sonst keine parallelen. 

14, 14 ergänzt Wadstein ein -at der hs. zu undät: das ist 
sprachlich unmöglich, da unser Schreiber keinerlei hochdeutsche 
elemente in seiner Orthographie aufweist, also zweifellos undäd 
geschrieben haben würde. Das einfachste ist -at in that zu 
vervollständigen und weiterhin vorher that hösa statt thia bösa 
2u lesen; das neutr. entspricht auch viel besser dem mdlum der 
lat. vorlagen. 

14,25 möchte ich doch mit Scherer und Heyne himilisJca 
statt des überlieferten himüika lesen, das Wadstein im glossar 
(s. 192) als himillika deuten will. Wenn die Prudentiusglossen 
(95,5) caelitus durch himiliJco erklären, so ist das doch nicht 
ganz dasselbe, himilish ist durchaus die form des Heliand 
(15. 246. 1209. 1767. 2437. 3608. 5287. 5654. 5934); das einzige 
himilic im Cott. 2437 hält Sievers wol mit recht gleichfalls für 
einen Schreibfehler, zumal der Schreiber auch 1209 bei dem- 
selben Worte ausgleitet. Ebenso kennt die ältere mhd. poesie 
nur himelisch. 

15,2 kann that, das von Heinemann gelesen hat, als die 
hs. noch in besserem zustande vorlag, gehalten werden, wenn 
man liest: that ik scal bedon. Scherers änderung in thar ist 
dann unnötig. 

15, 21 fasst Wadstein in dem satze thiu tunga folgod thena 
selfkuri thes muodes das thena (im glossar s. 230) als dat., ebenso 
in der stelle 12, 14, obwol an zwei anderen stellen (12, 12. 
15, 19) der gleiche casus als themo erscheint und es einen dat. 
thena sonst nirgends gibt. Für unsere stelle hat schon Holt- 
hausen (As. elementarb. § 489, anm.) mit vollem recht an- 
genommen, dass folgon hier nach dem muster des lat. sequi 
mit dem acc. verbunden ist: dass wir sonst keinen weiteren 
beleg dafür aus so alter zeit kennen (fürs frühe nhd. vgl. 
DWb. 3, 1878), macht seine annähme um nichts unglaubhafter. 
Was den satz 12, 14 anlangt, so liegt die sache allerdings 
nicht so einfach: in dem thena dort muss irgend ein fehler 
stecken, der freilich nicht leicht zu bessern sein wird, da auch 
Gall6es von Wadstein gebilligte ergänzung ang[ehafted\ mir 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVI. j^7 



250 LEITZMANN 

auf sehr schwachen füssen zu stehen scheint. Die ganze 
logische Verbindung der beiden durch nevan in adversative 
beziehung gebrachten Sätze ist in der Überlieferung nicht 
deutlich; ich vermag jedoch keine irgend plausible besserung 
vorzutragen. Nur dass der dat. thena aus dem as. formen- 
bestande wider zu verschwinden hat, scheint mir sicher. 

Was die heimat unserer fragmente anlangt, so stehen 
sich zwei diametral entgegengesetzte ansichten heute schroff 
gegenüber: die eine setzt ihre entstehung in den dem fränki- 
schen benachbarten westen des altsächsischen Sprachgebiets, 
die andere in den durch Karl christianisierten osten, wo auch 
Gernrode, die heimat des codex, gelegen ist. Es gilt aufe 
neue die vorgebrachten gründe zu prüfen und zu versuchen, 
ob nicht nach einer der beiden richtungen hin Sicherheit zu 
erlangen ist. 

Die heimat des codex, das frauenstift Gernrode, musste 
von vornherein aus der betrachtung ausscheiden: der schrift- 
charakter weist, wie auch Wadstein (s. 121) übereinstimmend 
mit früheren gelehrten angibt, in das ende des 9. oder den 
anfang des 10. jh.'s, rund ins jähr 900, während die abtei 
Gernrode erst 961 gegründet worden ist (vgl. von Heinemann, 
Zs. d. Harzver. 10, 1 und Hauck 3, 1005). Zuerst hat dann Heyne 
(Klein, and. denkm. 2 s. xi) den commentar nach dem kloster 
Werden verwiesen, von wo er durch Vermittlung des bischöf- 
lichen Stuhles Halberstadt, in dessen diöcese Gernrode lag, in 
diese abtei gelangt sei: eine sprachliche begründung seiner 
hypothese hat Heyne nicht zu geben versucht, sich vielmehr 
mit der motivierung begnügt (s. ix), jeder müsse die bruch- 
stücke als in Werden geschrieben anerkennen, der die urkund- 
lichen Werdener denkmäler darauf hin ansehe. Während die 
herausgeber der Denkmäler dieser annähme Heynes gegenüber 
nicht Stellung nahmen, fand sie unbedingte Zustimmung bei 
Braune (Beitr. 1, 11) und neuerdings bei Kelle (Gesch. d. d. lit. 
1, 103); der letztere möchte nur ungewis lassen, ob auch das 
original der uns vorliegenden copie in Werden entstanden sei. 
Kauffmann verwies (Beitr. 12, 357) wegen des später zu be- 
sprechenden acc. mik die fragmente wider nach Ostfalen zurück 
und zwar nach Gernrode selbst, indem er der oben berührten 



SAXOKICA. 2. 251 

paläograpMschen tatsache, die Gernrode als heimat ausschliesst, 
nur zweifelnd in einer anmerkung gedenkt. Gleichfalls für 
Ostfalen haben sich dann aus demselben gründe Gall6e (As. 
gramm. s. 3) und nach einer notiz Schlüters (bei Dieter, Laut- 
und formenl. d. agerm. dial. s. xxix), der selbst sich keiner von 
beiden auffassungen mit entschiedenheit (vgl. s. xxx) zuneigt, 
auch Jostes auf der Cölner philologenversammlung von 1895 
ausgesprochen (in dem von Schlüter citierten referat über 
Jostes' Vortrag Zs. f dph. 28, 534 ist allerdings von dem psalmen- 
commentar überhaupt nicht die rede). Den von Heyne unter- 
lassenen sprachlichen nachweis für die Werdener oder doch 
extrem westliche, dem niederfränkischen nahe benachbarte 
heimat hat neuerlich Koegel (Gesch. d. d. lit. 1, 2, 567) mit aller 
nur wünschenswerten ausführlichkeit zu geben versucht. So 
scheint denn auch der jüngste herausgeber Wadstein (s. 122) 
die frage für in Heynes sinne erledigt zu halten. 

Ich beginne, indem ich die kirchengeschichtlich -persön- 
lichen erwägungen, die Heyne anführt, bis zum schluss auf- 
spare, mit einer kritischen prüfung der sprachlichen 
argumente Koegels. Je mehr die vielfach so dankens- 
werten und anregenden grammatischen excurse dieses ge- 
lehrten in seiner sog. literaturgeschichte mit dem anspruch 
auf exacte beweisf ührung und strenge, sozusagen mathematische 
methode auftreten, um so mehr ist es pflicht der kiitik, in 
dem vorliegenden falle das beweismaterial einzeln und punkt 
für punkt genau durchzugehen. Das wird nicht nur für das 
uns gerade beschäftigende problem förderlich, sondern auch 
in allgemeiner hinsieht für die beurteilung ähnlicher partien 
des buches von wert sein. 

Koegel teilt seine sprachlichen beobachtungen in drei 
hauptgruppen. In einer ersten sucht er den Wortschatz der 
bruchstücke auszunutzen. 

1. Es findet sich viermal (12,5. 14,22. 15,10. 11; Koegel 
sagt dreimal) die componierte (tautologische) präposition töte, 
uote: für sie gebe es weder as. noch mnd. belege, dagegen 
hersche sie ausschliesslich im mnl. und dem heutigen hollän- 
dischen. Zunächst muss hervorgehoben werden, dass abgesehen 
von dem te beim gerundium (14, 9. 15, 13. 15) auch in rein 
localer bedeutung einmal (15,3) das einfache te steht (Wad- 

17* 



252 LEITZMANK 

stein hat daher in demselben satze 15, 2 nach Scherers Vorgang 
richtig gleichfalls te und nicht tote ergänzt). Im allgemeinen 
ist auf Grimm, Gramm. 3 2, 251 zu verweisen. As. belege sind 
allerdings sonst nicht vorhanden, wol aber mnd., besonders 
aus prosaischer spräche: ein beispiel aus den Lübecker zunft- 
roUen steht im Mnd. wörterb. 4, 593 a, das von Koegel ohne 
ersichtlichen grund beargwöhnt wird; weitere verzeichnet 
Tümpel, Nd. stud. s. 46. 47. Neben diesen nd. belegen war aber 
nun ausser auf das mnl. vor allem auf das im mhd. häufige 
J8U0 ze (ein paar belege im Mhd. wb. 3,852 b; genauere Samm- 
lungen, die zugleich auf die etwaige Verbreitungssphäre einen 
schluss gestatteten, fehlen, soviel ich sehe), das Grimm schon 
aus Notker nachweist, hinzudeuten. Ferner begegnet toi im 
afries. (Richthof en s. 1087 b). Die hd. und nd. belege halten 
den nl. doch mindestens die wage; ausserdem ist eine derartige 
tautologische Verbindung so naheliegend, dass aus ihrem nicht 
einmal ausnahmslosen und consequenten vorkommen keine 
folgerung abgeleitet werden kann. Wenn absolut das nL ver- 
glichen werden sollte, so hätte Koegel in erster linie das 
to te der Psalmen (71,8) anführen müssen, eine stelle, die 
überhaupt füi' diesen pleonastischen gebrauch lehrreich ist. 

2. gereJcön * zubereiten' (nicht ^ hinleiten, hinführen', wie 
Wadstein s. 185 glossiert) steht 15, 9. 10. 15. Dies wort sei 
im as. und mnd. sonst nicht belegt; das simplex scheine in 
beiden dialekten vorzukommen, doch sei der identitätsnachweis 
nicht sicher zu führen; dagegen sei mnl. gher ecken, mfrk. ge- 
rechen vorhanden. Hier sind fast so viel misverständnisse als 
Sätze. Wie gesucht ist es, einen landschaftlich-lexikologischen 
unterschied zwischen einem simplex und seiner composition mit 
ge- statuieren zu wollen, wo doch schon durch das part. perf. 
die engste berührung zwischen beiden im Sprachgefühl vor- 
handen war und jeden augenblick eine analogische neubildung 
nach der einen oder anderen seite eintreten konnte. Auch 
sonst lässt es sich Koegel öfters zu schulden kommen, mit hilf e 
der starren Schemata des Wörterbuchs die lebendige entwick- 
lung einer sprachlichen erscheinung und ihre freie beweglich- 
keit in feste unlebendige formen zu zwingen. Wir werden 
auf diesen künstlich construierten unterschied keinen wert 
legen und das as. rehon des Heliand ohne weiteres mit dem 



SAXONICA. 2. 253 

vorliegenden gereJcön identificieren. Dass beide worte ein und 
dasselbe sind, lehrt ein blick auf die beiden Heliandstellen, 
wo reJcön vorkommt: 932 sagt Johannes der tauf er ik skal 
thit land relcon, thit werod aftar is willion und variiert damit 
nur das biblische parate viam domini (iJc skal im thana weg 
rümien 916); 3749 heisst es von Jesus, der die Wechsler aus 
dem tempel wirft, s6 rümde he tho endi rekode, riki drohtin, 
that Mlaga Ms}) Ich sehe nicht ein, welchen Identitäts- 
nachweis' man noch verlangen kann: wir bedürfen zur be- 
urteilung unseres gerekon des mnl. nicht. Ueber letzteres ist 
Koegels angäbe überhaupt unrichtig, wie mich Johannes Franck 
brieflich belehrt: nicht gherecken, was Koegel heranzieht, son- 
dern reken, ghereken 4n Ordnung bringen, zurechtmachen' ist 
mit unserm as. worte identisch, dessen Scheidung von (ghe)reken 
= mhd. reichen und (ghe)recken zu gherec 'ausrüstung, guter 
zustand, bequemlichkeit' nicht immer ganz leicht ist. Sicher 
zu dem as. rekön gehört dann die auch von Koegel erwähnte 
Weiterbildung mhd. gerechenen und die zugehörigen worte 
gerech, ungerech, gereche (Mhd. wb. 2, 1, 587 a), die dann wider 
im mnd. reke, reken ihre entsprechung haben (Mnd.wb. 3,454 ; 
vgl. auch Versuch eines brem.-nieders. wb. 3, 470). Das mfrk. 
gerechen (Karlm. 159, 24) ist wol vom Mhd. wb. 2, 1, 588 a rich- 
tiger beurteilt als von Bartsch, Ueber Karlm. s. 291 und ge- 
hört aufs engste zu unserem gerekon. Die ganze sippe, zu der 
dies wort gehört, ist auf sächsischem boden genügend ver- 
breitet, so dass wir auch hier den ausblick nach Holland ent- 
behren können. 

3. Scheinbar recht überzeugend sind auf den ersten blick 
die bemerkungen Koegels über das adversative nevan (12, 15. 
13, 17). Das wort steht sonst nur in folgenden denkmälern: 
in den Essener evangeliarglossen (50, 18. 55, 17. 59, 15) ; in den 
Essener Gregorglossen (63,16. 65,7); in den Werdener Pru- 
dentiusglossen (102,15); in den Oxforder Vergilglossen (113,22); 
im Gott, des Heliand (16. 66. 185. 536. 653. 861. 1513. 1519. 

^) Dieselbe alliterierende Verbindung der beiden nahezu synonymen 
verba findet sich in einer Bremer Urkunde von 1470 (Mnd. wb. 3, 4:55 b); die 
zugehörigen adjectiva erscheinen ebenso verbunden im afries. rekon and 
rüm (Richthofen s. 991b. 998 aj vgl. femer Versuch eines brem.-nieders. wb. 
3,471). . 



254 LEITZMAKN 

1856. 2188. 2323. 2774. 2790. 2844 [novan]. 3344. 4364. 5375. 
5932 [novan]] im Mon. dafür stets hütan; vgl. auch Braune, 
Bruclist. d. as. bibeldicht, s. 21); endlich als novan in den 
Psahnen (61,5.6.10. 67,22. 70,24. 72,18; vgl. Lipsiusglossen 
719. 720 und Borgeld, De oudoostnederfr. psalmen s. 142); die 
bei Koegel noch aus dem Leidener Williram citierte stelle habe 
ich in Seemüllers ausgäbe nicht auffinden können. Trotzdem 
alle bisher bekannten belege nach dem westlichen Sachsen 
weisen, glaube ich doch, dass bei dem geringen wortmaterial, 
das aus dem as. überliefert ist, die Unmöglichkeit, dass nevan 
auch im ostfälischen gebiete in gebrauch gewesen sein könnte, 
dadurch nicht bewiesen wird. Koegels hauptstütze ist der Cott, 
den er für in Werden oder gar in Niederfranken sicher loca- 
lisiert hält: ohne auf die schwierige frage hier näher eingehen 
zu können, bekenne ich mich doch allen bisher vorgebrachten 
localisationsversuchen der Heliandhss. gegenüber stark skep- 
tisch und kann jedenfalls nicht beistimmen, wenn auf eine 
derartige hypothese wider Schlüsse für die heimat anderer 
denkmäler gebaut werden sollen. Unmittelbar identisch mit 
as. nevan ist aber zweifellos ags. nefne, nemne (belege bei 
Bosworth-ToUer 3, 713); im afries. fehlt die entsprechende con- 
junction, und der begriff wird auf andere weise gegeben (vgl. 
Richthof en s. 944b). Es steht nichts entgegen, in dem as. 
nevan, anfrk. novan etwa einen ingwäonismus innerhalb der 
sächsischen und niederfränkischen spräche zu sehen: denn es 
ist an sich höchst wahrscheinlich, dass nicht nur laute und 
formen dieser dialekte, sondern auch der Wortschatz von anglo- 
friesischen elementen durchsetzt gewesen ist, die dann wie 
die übrigen allmählich untergegangen sind, so dass wir im 
späteren mittelalter keine spur mehr davon entdecken können. 
Aber auch abgesehen von einer derartigen deutung hat man 
jedenfalls wegen des ags. nefne kein recht, das as. nevan auf 
eine enge Verbreitungssphäre einzuschränken. Was die endung 
des Wortes sowie das nebeneinander von 7ievan und newan 
im Cott. betrifft, so ist auch auf Lachmann zu Nib. 2081, 2 
zu verweisen. Koegel hält nevan für eine compromissbildung 
aus neva und newan (ähnlich schon Grimm, Gramm. 3^, 698); 
ich möchte eher an Verschmelzung von neva 'wenn nicht' mit 
einem zweiten ne glauben, eine annähme, die der sonstige 



SAXONICA. 2. 255 

syntaktische gebrauch der negation im as., z. b. im Heliand, 
nahelegt (vgl. auch die doppelnegation in unserem texte 12, 13). 

4. ^Sehr bedeutsam' findet Koegel das vorkommen des 
verbums hewaldan (15, 20), das ausser hier und in den Lipsius- 
glossen 136 weder ahd. noch mhd. noch mnd. noch mnl. belegt 
sei und 'offenbar nur ein ganz kleines Verbreitungsgebiet' ge- 
habt habe. Abgesehen davon, dass bewalten, wenn auch als 
schwaches, nicht als starkes verbum, mhd. einmal vorkommt 
(Lexer nachtr. s. 79), kann ich in diesem zufall weder etwas 
bedeutsames entdecken, noch auch gar deshalb einer compo- 
sition ein ganz kleines Verbreitungsgebiet zuweisen, die jeden 
augenblick nach analogie anderer 6e-verba aus dem lebendigen 
Simplex waldan neu gebildet werden konnte; das wäre doch 
ein Schematismus schlimmster art. Unser autor scheint für 
compositionen mit le- eine Vorliebe zu haben: auch hetvandlon 
(12, 13 und vielleicht 19) ist sonst nirgends belegt. 

5. 'Ebenso bedeutsam' soll helire (15,4) sein; 'denn den 
sächsischen quellen der alten und der mittleren zeit ist das 
wort durchaus fremd, während es die mnl. in der genau ent- 
sprechenden form helre aufweisen (es gehört zu heüison 'ex- 
piare' und hat mit ahd. heiläri, mhd. heücere nur dann etwas 
zu tun, wenn diese als Umbildung daraus aufgefasst werden 
dürfen).' Richtig ist, dass diese Übersetzung des lat. salvator 
sonst nirgends vorkommt; i) gänzlich unrichtig ist es aber, 
dieses Mlire und das mnl. helre von ahd. heiläri zu trennen. 
As. zeigt das suffix -äri schon im Heliand abschwächung zu 
-m, woneben -iri ei'scheint (Schlüter bei Dieter s. 120. Holt- 
hausen, As. elementarb. § 131); aus den kleineren denkmälern 
sind weitere belege für unser -iri muleniron im Freckenhorster 
heberegister (37, 12) und makirin in den Werdener glossen. 
Das mnl. helre hat Koegel, wie mir Franck freundlich mit- 
teilt, ganz mis verstanden : -re ist im älteren flämischen die 
gewöhnliche entsprechung der hd. nd. endungen -eri, -ere, z. b. 
riddre, leedre, meerre, Iceire u. s. w.; vgl. auch Franck, Mnl. gramm. 
s. 21. So fällt also Koegels combination in nichts zusammen. 



^) SoUte vielleicht in dem helgen Krist des merkwürdigen nd. Credo 
(Denkm. 98,2) ein Mlire stecken, das Boxhom nicht verstanden und ver- 
derbt hätte? 



256 LEITZMANN 

Besässen wir eine anzahl kirchlicher denkmäler in as. prosa, 
wie wir sie in ahd. besitzen, so würden wir ganz gewis auch 
weitere belege für Mlire haben. Unser autor wechselt mit 
dem aus dem Heliand bekannten neriondo (13, 5). Etymologisch 
werden wir das wort nach wie vor an helian anknüpfen. 

6. mendislo (15, 12; so, wie auch Ahd. glossen 2, 320, 49 
überliefert ist, nicht mendisli, ist fürs as. gegenüber den anfrk. 
psalmen anzusetzen) soll sonst nur noch in den Psalmen (62, 6. 
64, 13) vorkommen. Diese behauptung erledigt sich durch einen 
hinweis auf Hei. 402. 

7. — 9. Die letzten drei punkte kann ich unbesprochen 
lassen: thurugthigen (13, 15; von Schlüter bei Dieter s. 276 
misverstanden) und worJcid (14, 3) weiss Koegel selbst für seine 
Werdener hypothese nicht zu verwerten, constatiert vielmehr 
nur Übereinstimmung mit dem hd., wodurch für die heimats- 
frage nichts gewonnen wird; stimna ist 6, 14 unrichtige lesart 
Gall6es (vgl. 13, 13) und steht überhaupt nicht im texte, fällt 
also ganz fort. 

Zweitens bespricht Koegel einige eigenheiten der flexion, 
die im psalmencommentar begegnen; ich kann ganz kurz über 
sie hinweggehen, da sie sammt und sonders nicht beweisen, 
was sie hier beweisen sollen. Dass unser text die längere 
dativendung des starken masc. in thtnemo (14,22. 15,8) auf- 
weist, während gerade der Cott. mit seltenen ausnahmen sich 
der kürzeren formen bedient, hätte Koegel schon verhindern 
müssen, beide nach Werden zu versetzen; er scheint jedoch 
diesen Widerspruch gar nicht bemerkt zu haben; im allgemeinen 
war vor allem auf Schlüter, Unterss. zur gesch. d. as. spr. 1, 113 
zu verweisen (vgl. jetzt auch Holthausen § 354, 4). Sicher ist 
jedenfalls, dass auf grund dieses dativs keine sichere locali- 
sierung möglich ist. Wichtig ist dagegen der acc. mik (15, 8), 
der schon von Kauffmann und Jostes als unwestfälisch erklärt 
und für eine Verweisung des denkmals in das ostfälische mik- 
gebiet als hauptstützpunkt verwertet wurde. Wenn Koegel 
dagegen (s. 553) behauptet, dass heute in der Werdener gegend 
mik nicht üblich sei, könne für eine um ein Jahrtausend ältere 
zeit nichts beweisen, so bedeutet das einen verzieht auf jeden 
versuch einer lösung des problems, und er gesteht damit zu, 
dass auch seine eigene ansieht auf nichts als vorgefasster 



SAXONICA. 2. 257 

meinung beruht. Ich halte mit Kauffmann (Beitr. 12, 357) ein 
mik in Werden für unbegreiflich und verweise noch auf Wredes 
jüngste ausführungen Zs. fda. 43, 343 und Holthausen, Anz. fda. 
26,35. Wir verlieren allen sicheren boden unter den fassen, 
wenn wir eine so deutliche dialektische eigenheit wie das mik 
links liegen lassen wollen ; Koegel verschliesst hier der theorie 
zu liebe seine äugen vor dem einfachen tatbestande. 

Zum schluss führt Koegel lautliche erscheinungen 
ins feld, die es noch kurz zu mustern gilt. Hier kommt zu- 
nächst die assimilation von 5w > mn in emnista (15, 11) in 
betracht, die von Koegel merkwürdigerweise unter den flexi- 
vischen eigenheiten behandelt wird, emni begegne nur noch 
in den Essener evangeliarglossen (49, 18. 55, 18), die assimila- 
tion fehle dagegen dem friesischen und hochdeutschen, beweise 
also die enge Zusammengehörigkeit des commentars mit den 
glossen. Zunächst ist jedoch die heimat dieser glossen selbst 
nicht sichergestellt und bedarf noch genauerer Untersuchung. 
Ich sehe nicht ein, warum man emni und seine entsprechungen 
in den verwanten dialekten nicht unter dasselbe lautgesetz 
wie stemna, hevan u.s.w. subsumieren und einen ursprünglichen 
Wechsel zwischen mn und dn annehmen soll, der dann nach 
einer der beiden selten hin ausgeglichen wurde (reiches material 
bei Noreen, Abr. d. urgerm. lautl. s. 140). Dann könnte natür- 
lich an verschiedenen stellen des sächsischen gebietes emni 
als normalform entstanden sein und das wort ist für eine 
localisierung nicht verwertbar. Aber auch für die ältere, 
neuerdings wider von Holthausen (§ 222, anm. 2) vertretene 
annähme einer rein lautlichen jüngeren assimilation haben wir 
parallelen im ags. emne, stemn (Sievers, Ags. gramm. ^ § 193, 2) 
und im afries. *stemne (Siebs in Pauls Grundr. 1 \ 740). — ge- 
ntiftsamidu (12, 8) beweist durch seine umgekehrte Schreibung 
den Übergang von ft > ht: dieser sei den eigentlich sächsi- 
schen mundarten fremd, finde sich aber in den Werdener 
Prudentiusglossen (90, 10) und in den Psalmen (3, 1. 3). Für 
das as. ist jetzt auf Schlüter bei Dieter s. 276 und Holthausen 
§ 196, für die anfrk. psalmen auf Borgeld § 81. 92, anm. 5 zu 
verweisen. Dass der wandel den sächsischen mundarten fremd 
sei, ist zu viel behauptet: wir wissen, dass er von westen 
nach Osten immer mehr abnimmt (Lübben, Mud. gramm. s. 61; 



258 leitzmäkn 

Jostes,Zs.fda.40,172), können jedoch bei unserer Unkenntnis der 
älteren dialekte keine localisierung darauf gründen, denn die 
heutigen grenzlinien (Wrede, Anz. fda. 19, 277) beweisen nichts 
für die alte zeit. Sein Verbreitungsgebiet kann damals gi-össer 
gewesen sein ; da sich derselbe Übergang auch im afries. findet 
(vgl. Wrede, Zs. fda. 43, 341), haben wir es hier vielleicht wider 
mit einem ingwäonismus zu tan. Wenn Koegel die von Lübben 
(s. 61) gegebenen mnd. beispiele, deren übrigens viel mehr als 
drei sind, anzweifelt, so hätte er sich leicht aus den betreffen- 
den artikeln des Mnd. wb.'s eines besseren belehren können; 
vgl. auch meinen Gerh. v. Minden s. lxv. Freilich sind wir 
noch weit auch nur von einer registrierung des factischen Vor- 
kommens dieser erscheinung in den quellen entfernt. Behaghels 
ansieht, der (Schriftspr. u. mundart s. 27) in unserem genuftsa- 
midu ein altes beispiel von hyperhochdeutsch sieht, kann ich 
nicht beistimmen. — Für thurug (14,23) verweise ich auf 
Holthausen § 234, anm. 1. Dieselbe Schreibung begegnet auch 
in den verwanten dialekten. — munthe ist 10, 22 falsche lesung 
Gall6es, fällt also fort: die hs. hatte müthe (15,19), überein- 
stimmend mit den beiden anderen stellen, wo das wort vor- 
kommt (13, 13. 15, 23). — Charakteristisch für unser denkmal 
ist die Schreibung des anlautenden sl als sei in Wörtern wie 
sclahan (14, 4. 5), mansclago (14, 17) und scläpan (12, 12). 
Koegel vergleicht ähnliche Schreibungen in den Psalmen und 
den Lipsiusglossen: scUp (3,5), seht (808); auch sciumo (807) 
dürfte für scliumo verschrieben sein. Dieselbe Schreibung 
findet sich aber auch im ahd. (Braune, Ahd. gramm. ^ § 169, 
anm. 3), im ags. (Sievers, Ags. gramm. ^ § 210, 1) und im afries. 
(Richthof en s. 1037 b), überall sporadisch und nur gelegentlich. 
Nach Holthausen (§ 209, anm.) ist die bedeutung dieser Ortho- 
graphie unsicher: Braune adoptiert Scherers ansieht (Z. gesch. 
d. d. spr. 2 s. 127), dass das c das explosivgeräusch eines stimmlos 
gewordenen l zum ausdruck bringen solle; ich möchte eher 
mit Schlüter (bei Dieter s. 271) darin den versuch erkennen 
einer beginnenden palatalen affection des s in der schrift ge- 
recht zu werden. 

Durch die vorstehenden erörterungen hat sich gezeigt, dass 
Koegels versuch. Werdener Spracheigentümlichkeiten 
in unserem psalmeuQommeutar nachzuweisen, voll- 



SAXONICA. 2. 259 

ständig mislungen ist, da sich kein einziges seiner 
vorgebrachten argumente als stichhaltig erwiesen 
hat; vielmehr wurde in dem acc. mik ein nicht gering zu 
achtendes kriterium gefunden, das Werdener Ursprung nahezu 
ausschliesst. Die ganze Werdener hypothese fällt also in sich 
zusammen, wenn sie nicht von anderer seite her überzeugende 
stützen zu gewinnen vermag. Das ist jedoch nicht der fall: 
denn auch die kirchengeschichtlichen erwägungen, 
die Heyne angestellt hat, stehen auf schwachen 
füssen und können nur den namen einer hypothese für sich 
in anspruch nehmen, für die ein beweis auch nicht in den 
gröbsten zügen erbracht werden kann. Heyne führt aus (s.xi), 
dass die hs. nach Gemrode natürlich durch den bischof Bern- 
hard von Halberstadt gelangt sei, in dessen Sprengel das neue 
frauenkloster lag und der es geweiht hat, bei welcher gelegen- 
heit etwa der codex mit anderen zur begründung einer stifts- 
bibliothek von Halberstadt hinüberwanderte; nach Halberstadt 
aber müsse er aus Werden (das wird, wie wir oben s. 250 
sahen, ohne genauere motivierung als sicher angenommen) 
durch bischof Hildigrim 11. (853—886) gebracht sein, der vor 
seiner erhebung auf den Halberstädter bischofsstuhl längere 
zeit in Werden gelebt und dem dortigen kloster auch später 
sein Interesse erhalten habe. Ueber Halberstadt hinaus ver- 
mag ich Heynes Wanderungsgeschichte des codex nicht zu 
folgen: den grossen schritt von dort nach Werden zu tun liegt 
auch nicht der schatten einer Wahrscheinlichkeit vor, ge- 
schweige denn ein beweis. Dass bischof Hildigrim II. vor 
seinem Halberstädter episcopat lange jähre dort zugebracht 
hat, da Werden, die Stiftung seines oheims Liudger, sein 
familienbesitz war, kann wol nicht als solcher angesehen 
werden; und was sein besonderes interesse für das kloster 
anlangt, so ist doch gerade er es gewesen, der es dem könige 
übergeben hat, wodurch die engeren beziehungen, die es bis 
dahin zu seiner familie gehabt hatte, sich lösten (vgl. Hauck 
22, 408). 

So bleibt von Heynes ausführungen nur der hinweis auf 
Halberstadt bestehen, und ich glaube, dass damit auch bereits 
ein punkt gewonnen ist, auf dem man sich beruhigen kann. 
Ich halte es für äusserst wahrscheinlich, dass der 



260 LEITZMANN 

psalmencommentar in Halberstadt geschrieben ist. 
Es liegt innerhalb des mik - gebiets , so dass von dieser seite 
her keine Schwierigkeit vorliegt; aber auch das geistige leben 
des schnell aufblühenden bischofssitzes im 9. jh. erscheint als 
ein geeigneter boden. Eine reiche bibliothek war vorhanden 
und literarische tätigkeit wird uns auch sonst bezeugt (vgL 
Wattenbach, Deutschi, geschichtsqu. 1 «, 344). Besondem rühm 
als gelehrter und fruchtbarer theologischer schiiftsteller genoss 
bischof Haimo (840 — 853), ein schüler Alcuins und Studienfreund 
des Rabanus, auf dessen exegetische compilationen neuerlich 
Wrede mit rücksicht auf den Heliand hingewiesen hat (Zs. f da. 
43, 350, anm.). Auch einen psalmencommentar hat Haimo ver- 
fasst: er liegt zwar unserer as. Übersetzung nicht als quelle 
zu gründe, aber vielleicht lag in der Wirksamkeit und den 
anregungen Haimos das treibende momeut, das dann in der 
zweiten hälfte des 9. jh.'s unsern versuch, die psalmen deutsch 
zu erklären, entstehen liess. 

3. Zu den Essener denkmälern. 

Die folgenden kleinen bemerkungen zu den beiden in 
Düsseldorfer hss. aus Essen überlieferten as. denkmälern, dem 
Beichtspiegel und der AUerheiligenhomilie Bedas, beschäftigen 
sich teils mit der erklärung einzelner strittiger stellen, teils 
mit Koegels behandlung ihrer spräche, besonders des Wort- 
schatzes. Diesmal ist es jedoch nicht das von Koegel ins 
äuge gefasste endresultat seiner darlegungen, was ich anzu- 
greifen mich genötigt sehe, da ich in bezug auf dieses voll- 
ständig mit ihm übereinstimme. Ich glaube mit Schlüter (bei 
Dieter s.xxx) und Wadstein (s. 124. 127), dass es Koegel (Gesch. 
d. d. lit. 1, 2, 545. 564) gelungen ist, Jostes' ansieht (Zs. fda. 40, 
132), dass diese denkmäler aus Hildesheim stammen, zu wider- 
legen, und kann mich daher auch nicht Holthausens totaler 
Skepsis (As. elementarb. § 24) anschliessen. So fördernd und 
klärend Jostes' behandlung des Beichtspiegels in allen übrigen 
hinsichten gewesen ist, so wenig scheint mir sein localisierungs- 
versuch aussieht auf allgemeinere Zustimmung zu haben. Starke 
blossen gibt Koegels darstellung dagegen, wie ähnlich beim 
Gemroder psalmencommentar, sobald er seine kriterien aus 
dem Wortschatz der denkmäler holt; nw die glaubwürdig^keit 



8AX0NICA. 3. 261 

und Zuverlässigkeit dieser gruppe seiner argumente schien mir 
notwendig durch einige kritische glossen zu erschüttern. 

Was zunächst den Beichtspiegel im allgemeinen angeht, 
so kann man den grundlegenden auseinandersetzungen von 
Jostes (s. 134), die ein wirkliches Verständnis des denkmals 
eigentlich erst ermöglicht haben, nur beistimmen, und Wadstein 
hat sich (s. 126) ganz mit recht so eng als möglich an sie an- 
geschlossen. In den anmerkungen (s. 124) teilt Wadstein den 
lat. Ordo ad dandam poenitentiam, in den unser denkmal un- 
geschickterweise eingefügt worden ist, im vollständigen Wort- 
laut mit: hier hätte neben dem älteren werke Wasserschiebens 
auch die neue tiefgreifende arbeit von Schmitz, Die bussbücher 
und das kanonische bussverfahren (Düsseldorf 1898) angeführt 
werden sollen. Dort findet sich (s. 199) ein kritischer text des 
betreffenden Ordo mit einem reichen Variantenmaterial, zu dem 
allerdings der uns hier beschäftigende codex, der dem Verfasser 
unbekannt geblieben zu sein scheint, nicht herangezogen worden 
ist. Bei unserem Beichtspiegel ist leider so wenig wie bei den 
übrigen deutschen beichten, die in den Denkmälern gesammelt 
sind, die lateinische formel erhalten, die in jedem einzelnen 
falle zu gründe gelegen hat. Wie diese etwa ausgesehen 
haben mag, davon kann man sich nur nach zwei bei Wassersch- 
ieben, Die bussordn. d. abendl. kirche s. 350. 437 abgedruckten 
stücken, einem inquisitorischen abschnitt des Poenitentiale 
Sangermanense und der beichtanweisung Otmars von St. Gallen, 
einen einigermassen deutlichen begriff machen (vgl. schon 
Denkm. 2 \ 393). Diese ganze gattung von denkmälern bedürfte 
dringend einer erneuten genetisch -kritischen durchforschung, 
die aber wol von theologischer seite geliefert werden mtisste. 
Es liegt mir natürlich bei diesem wünsche fern, Koegel bei- 
zustimmen, der (s. 540) die ansieht vertritt, dass diese dinge 
die Philologie nichts angiengen. Dass ihm, wie er selbst (s. 418) 
bekennt, theologische und kirchengeschichtliche dinge durchaus 
fern standen, auch insoweit deren kenntnis von dem älteren 
deutschen literarhistoriker verlangt werden kann und muss, 
wird in seiner behandlung der ahd. geistlichen prosa vielfach 
leider allzu stark fühlbar. 



262 l^EITZMANK 

16,3 allon stnon helagon wthethon, Heyne und Scherer 
haben hier mit recht nach dem muster der Lorscher beichte 
(Denkm. 72 b, 1) endi theson vor wthethon ergänzt. Unser 
Schreiber, der eine vorläge abschrieb (das beweist die correctur 
17, 12 oder macht es doch wahrscheinlich), hatte jedenfalls eine 
formel vor sich, die helagon im texte, wthethon für eventuelle 
einsetzung am rande beigeschrieben bot. Wurde die rand- 
bemerkung überhaupt verwertet, so geschah das natürlich in 
der weise, me es in der Lorscher beichte geschehen ist, d.h. 
mit hinzufügung der notwendigen verbindenden worte; unser 
Schreiber dagegen hat sie, wie das so häufig geschieht, ohne 
weiteres in den text aufgenommen, wo sie so, wie sie nun da- 
steht, keinen sinn gibt. Es sollte wol der gesammtheit der 
heiligen noch besonders die gruppe derjenigen beigeordnet 
werden, deren reliquien die betreffende kirche besass; falls 
überhaupt solche vorhanden waren, wurde der zusatz in die 
formel eingefügt, andernfalls blieb er natürlich fort. Ich sehe 
keine andere möglichkeit, das sonst in den deutschen beichten 
nicht vorkommende nebeneinander von helagon und wthethon 
als beichtempfänger zu erklären; die reliquien gelten hier als 
lebendige, fast persönliche kräfte (vgl. Hauck 1 2, 199). Dass 
der reliquiencult nirgends eifriger war als unter den sächsi- 
schen Stämmen, führt Hauck 2 2, 750 aus. Die jüngeren 
deutschen beichten setzen dann geradezu die namen der be- 
treffenden heiligen ein: vgl. Denkm. 94, 5. 95, 31. 96, 43 {disen 
gegenwurtigen heiligen und allen gotis heiligen). 

16, 9. Die hier vorkommenden bezeichnungen mester und 
herdom sind zuerst von Jostes (s.l36) als ^nächster vorgesetzter' 
und ^abt (stift)' gedeutet worden. Es ist ihm jedoch ent- 
gangen, dass beide worte in gleichem sinne auch in jüngeren 
ahd. beichtformeln begegnen. Nebeneinander finden sie sich in 
der ersten Wessobrunner beichte (Denkm. 90, 97): ih ne eroti 
noh ne gewirdota mtna forder on, mtna maistere, mtniu Mrtuom, 
heithaftiu liuta, noh ne was in getriu] wörtlich ebenso in der 
Bamberger beichte (91, 124); vgl. ferner hertuom allein in der 
zweiten Benedictbeurer beichte (94, 15). 

16, 15 ök iuhu iJc that iJc giwthid mos endi dranJc nithargot 
Jostes bemerkt hierzu (s. 135), Scherer habe die stelle mis- 
verstanden, wenn er sie auf die verschüttung des sacraments 



SAXONICA. 3. 263 

deute; der Zusammenhang ergebe, dass es sich um vergehungen 
gegen das eigentum des nächsten handle, mit dem man nicht 
vorsichtig und sparsam genug umgegangen sei, und giwihid sei 
nur hinzugefügt, um die Sünde noch schwärzer zu malen, da 
alle nahrung im mittelalter geweiht worden sei. Mir scheint 
behauptung wie begründung verfehlt, und ich werde in dieser 
ablehnung noch durch die mit der meinigen ganz überein- 
stimmende ansieht meines hiesigen theologischen coUegen Paul 
Drews bestärkt, der sich speciell mit liturgischen forschungen 
beschäftigt. Wir glauben entschieden, dass es sich hier, wie 
ja auch bei einem für cleriker bestimmten beichtspiegel nicht 
auffällig sein kann, um nichts anderes handelt, als um die 
schwere Sünde der sacraments-, insbesondere der kelchverschüt- 
tung. Man sehe nur zu, welche grosse rolle dieses vergehen 
in den mittelalterlichen bussbüchern spielt (vgl. Wasserschieben 
s. 228. 243. 269. 306. 339. 371. 399. 490. 545. 608. Schmitz s. 249. 
298. 637. 638. 670. 693); im Poenitentiale des Beda begegnet 
die directe frage contigit tibi ulla neglegentia de sacrificio? 
(Wasserschieben s.254. Schmitz s. 681). Die worte dranh ni- 
thargöt geben direct die lat. wendung calicem perfundere wider. 
Der Zusammenhang kann über die bedeutung unseres satzes 
nichts ausmachen, da das Verzeichnis der Sünden, wie schon 
Scherer (Denkm. 2 % 379) hervorgehoben hat, nicht systematisch 
angelegt ist. Die sacramentsverschüttung hat mit dem folgen- 
den minas herdomas raJca so ne giheld, so ik sJcolda, endi mer 
teridu, than ik sTcoldi so wenig etwas zu tun als etwa sündliche 
lust und versäumte hören (16, 12), die doch auch in ein und 
demselben satze durch endi verbunden stehen. Die alte, wol 
allseitig geteilte auffassung Scherers dürfte also auch weiter- 
hin unseres erachtens zu recht bestehen, wenn wir auch aus 
anderen beichtf ormeln keine parallelen beizubringen vermögen ; 
enthält doch unser stück auch sonst Singularitäten, wie z.b. 
die erwähnung der unhrenia sespilon (17,5). 

16, 16 mtnas herdomas rdka so ne giheld, so iJc sholda. 
Ganz nahe berührt sich mit diesem satze folgender aus der 
Eeichenauer beichte (Denkm. 75, 27): ih gihu gode, da^ ih . . . 
mines heren sachä so ne Malt, söse got habet gibodan. Zur 
Sache sei auf bestimmungen wie die bei Wasserschieben s. 241. 



264 LEITZMANN 

273. 410. 415 stehenden verwiesen. Auch hier fehlt eine ähn- 
liche Wendung in den anderen beichten. 

16, 24 begegnet ftrion, Koegel behauptet (s. 552), das wort 
sei unsächsisch; im as. stehe es nur noch in den Essener 
evangeliarglossen (52, 30), bei dem im Mnd. wb. 5, 259 b citierten 
einen mnd. beispiel sei wol hochdeutscher einfluss im spiele. 
Die belege aus den glossen von St. Peter (80,4. 83,33) sind 
allerdings in bezug auf ihre dialektische Zugehörigkeit zweifel- 
haft; warum aber das wort in Korners Lübecker chronik auf 
hd. einfluss beruhen soll, ist nicht abzusehen. Aus einer 
schwierigen stelle bei Gerhard von Minden (93, 54) scheint 
sogar hervorzugehen, dass das wort im nd. eigenartige be- 
deutungsnüancen entwickelt hat (vgl. meine anm. zur stelle). 
Und soll das afries. ftria (Eichthof en s. 743 a) auch aus dem 
hd. entlehnt sein? 

17, 7 meneth suor an wihethon, Koegel gibt an (s. 553), 
das wort wihetha sei as. sonst nirgends belegt und scheine 
auch mnd. nicht vorhanden zu sein. Das stimmt allerdings, 
beweist aber nichts für den westlichen Charakter des Wortes. 
Auch im afries. ist es als witha häufig (viele belege bei Eicht- 
hof en s. 1154b, darunter auch einige für den reliquieneid, das 
withjuramentum, von Grimm, Eechtsalt. 2\ 562 unrichtig ety- 
mologisiert). Ahd. begegnet es in derselben formel in der 
Lorscher beichte (Denkm. 72 b, 25; vgl. auch 91,128). Zur 
Sache vgl. Wasserschieben s. 190. 226. 238. 267. 539. 562. 593; 
Schmitz s. 691. 

17,8 mistumft vergleicht Koegel (s. 552) richtig mit ahd. 
messe^umft (Tat. 129, 7). Ein anderes gleichbedeutendes com- 
positum dieser ableitung von as. teman, ahd. ^eman ist unge- 
mmft (St. Petrier glossen 81, 23. Denkm. 90, 135. 91, 164). 

17, 18 so mid gilovon, so mid ungilovon. Dass diese worte 
^mit willen' und 'ohne willen' bedeuten und dem danJces oder 
undanlces anderer formein gleichwertig sind, hat Jostes (s. 134) 
ausgeführt, ohne zu wissen, dass Wilmanns (Gott. gel. anz. 
1893, s. 539) dieselbe erklärung nicht nur vorgetragen, sondern 
auch schon lautlich begründet hat, indem er uns gilovo von 
güövo trennen lehrte. Der satz unseres textes so ik it witandi 
dädi, so umvitandi, so mid gilovon, so mid ungilovon gibt 



SAXONICA. 3. 265 

wörtlich, nur in umgekehrter folge, das volens aut nolens aut 
seien s aut inseiens der beich tan Weisung Otmars (Wasserschieben 
S.437) wider. 

17, 25 gitlüngi ' Vermittlung' steht nach Koegel (s. 552) nur 
noch in der Allerheiligenhomilie (18, 17) und in einer mnl. 
stelle, während es im mnd. fehle. Auch hier ist die isolierung 
des Wortes auf Holland und seine nachbargebiete unrichtig; 
es findet sich auch in der ersten Benedictbeurer beichte (Denkm. 
87, 31): ieh hiie gewegedes unte gedinges mine frouun sancte 
Mariün. 

Zur Allerheiligenhomilie möchte ich folgendes an- 
merken. Die eigentümliche Schreibung b, die im Beichtspiegel 
nur für urgerm. betontes 6 dreimal gebraucht ist {gisonda, 
gisbnan 16, 30; dbn 17, 22), findet sich in diesem denkmal nicht 
nur in dieser selben Verwendung viermal {gbdlilm, gedbn 18, 12; 
hbdigo 18, 14. 17), sondern auch fünfmal für unbetontes o oder u 
{Bomb 18,4; worthbn 18,5; ieWÄow 18,11; hodigb \Q^\L\1), 
Koegel hat (s. 554) bemerkt, dass für betontes 6 dieselbe 
Schreibung 6 auch in den von Harless herausgegebenen alten 
Essener nekrologien einigemale vorkommt, und setzt den laut- 
wert dieses buchstabens als uo an. Mit rücksicht auf hbdigo, 
das Holthausen (§ 103, anm. 1) richtig als hüdigu umschreibt, 
und auf das vorkommen in unbetonter silbe, wo gewis kein 
diphthong möglich ist, möchte ich auch in den anderen fällen 
monophthongische ausspräche als ü annehmen. Koegel hat 
übersehen, dass auch dies b in unbetonter silbe einmal in den 
Essener namenlisten belegbar ist: derselbe name erscheint 
zweimal als Ernust, einmal als Ernbst (Arch. f. d. gesch. d. 
Niederrh. 6, 78. 79. 75). 

Von den lexikographischen bemerkungen Koegels (s. 565) 
sind wider zwei, die über afgod (18, 5) und gewonohed (18, 14), 
hinfällig; das lehrt ein blick in die Wörterbücher; beide worte 
sind weit entfernt, nur dem westlichen Sprachgebiet anzu- 
gehören. Dagegen scheint mir seine auffassung von hüdigu 
als adj., unserem 'heutig' entsprechend, plausibler als Holt- 
hausens annähme (§ 138, 7; ähnlich schon J. Grimm, Kl. sehr. 
6,361), dass es alte bildung und unter dem einfiuss von dag 
dreisilbig geblieben sei: dass der ursprüngliche Zusammenhang 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XX VI. ^g 



266 LEITZMANN, SAXONICA 3. 

mit dag zur zeit unserer as. denkmäler nicht mehr empfunden 
wurde, scheint mir sicher. Allgemein as. galt synkopiertes 
Jiiudti (vgl. darüber Kluge, Beitr. 12, 376), und davon ist hüdigu 
eine adjectivische ableitung. Ebenso wird afries. hiudega 
neben hiude, hioda (Richthofen s. 818 a) zu deuten sein und 
auch ahd. ist das adjectiv nicht so selten, wie man glauben 
möchte (vgl. Denkm. 77, 4. 88, 4. 89, 40. 95, 36. 96, 46). 

JENA, 6. juli 1900. ALBERT LEITZMANN. 



NACHTRAG 

(zu s. 150 ff.). 



Eine nochmalige durchvergleichung der zahlen hat mir noch folgende 
besserungen ergeben (zu änderndes cursiv). S. 182, 3 1. 354, 10. — 183, 4 
V. u. 1. 124, 31. — 184, 2 1. 316, ^; z. 6 1. 162, 37 (für 162, 17); z. 18 1. 92, 8; 
Z.20 1. 198,27. — 185,1 1. 258,-27; z. 8 1. 66,9; z. 11 1. ^8,21; z. 13 1. 
172, 16 und 17.5, 12; z. 15 1. 356, 24. — 187, 18 v. u. 1. 258, 58; z. 16 v. u. 1. 
214,-2 (für 214,3); z.ll v.u. 1. 86,10. — 189,17 1. 138,19; z. 19 1. 98,8. 

— 190, 19 1. 378, 24. — 192, 17 v. u. 1. 292, 22. — 193, 5 v. u. 1. 402, 15. 
194, 6 1. 380, 11. — 196, 4 1. 398, 25 (für 398, 29); z. 18 1. 438, 18. — 197, 1 
1. 440,9. — 198,13 v.u. 1. synd 200,5. — 199,1 1. 126,26; z. 12 v.u. 1. 
388,2; Z.9 v.u. 1. 388, ii (für 388,1). — 200, 1 1. 392,10; z.9 1. 168,16. 

— 201, 9 V. u. 1. 386, 19. — 202, 4 1. 424, 13; z. 6 1. 438, 59 (für 138, 2 [9]). 

— 203, 13 V. u. 1. 428, 36. — 204, 6 1. 426, 30; z. 7 v. u. 1. 216, 19. — 205, 5 
V. u. 1. 332, 4 (für 322, 24) und 386, 18 ; z. 1 v. u. 1. 414, 53. — 206, 4 v. u. 1. 
98, 4. — 207, 2 1. 418, 8; z. 14 1. 88, 9; z. 16 426, 50. — 208, 9 1. 278, 53; z. 16 
v.u. 1. 312, Ib; Z.2 v.u. 62, 2i. — 209, 1 1. 358, 18; z. 4 1. 192, 7; z. 12 1. 196, 6. 

— 210,4 v.u. 1. 84,58. — 211,12 1. 304,5. — 212,14 1. 100,12; z. 15 
V. u. 1. 358, 52. — 213, 16 1. 350, 10 (für 360, 10); z. 18 1. 200, 53. — 214, 14 
1. 294,25; z. 16 1. 84,24; z.8 v.u. 1. 154, i. — 216,9 v.u. 1. 352,26. — 
219,2 1. 358,16; z. 12 1. 94,16. - 224,13 1. 410,27; z.20 1. 328,18; z.24 
1. 370,^8; Z.25 1. 434,59; z. 12 v.u. 1. 364,17. — 226,1 1. 142, i8; z.2 1. 
96,5; Z.6 1. 130,34; z. 7 1. 316,56; z. 13 v.u. 1. 324,4. — 227,10 v.u. 1. 
62,20; z.6 v.u. 1. 420,26. — 228,11 v. u. 1. 175,28. — 229,1 1. 388,5; 
z.6 1. 282,5; z.8 1. /^i2, 117; z- 13 1. 84,25; z. 15 v.u. 212,^5; z.ll v.u. 
1. 368, 25. — 230, 2 1. 360, 24 (für 426, 19); z. 12 v. u. 1. 378, 7; z. 9 v. u. 1. 
422,50; z. 5 v.u. 1. 170,35. — 231,17 v.u. 1. 360,35; z.ll v.u. 1. 344,7. 

— 232, 11 1. 400, 5. 

MAX DEUTSCHBEIN. 



VOM RHYTHMISCHEN ZWISCHENACCENT UND 
SCHLUSSACCJPNT IM DEUTSCHEN VERSE. 

Zwischen den silben, die einen festen sinnwert haben, so 
dass sie überall einen ton tragen, einen hauptaccent, oder, 
wenn dieser von einem stärkeren tone gedrückt wird, einen 
nebenaccent, und denen, die, ausser bei willkürlicher betonung, 
immer tonlos sind, steht eine ^ehr grosse gruppe von solchen 
in der mitte — es sind fast durchaus einsilbige Wörter — 
die je nach dem zusammenhange der rede einen sinnwert 
haben, der sie zu tonsilben macht, oder keinen haben. Voss 
hat sie, recht unglücklich, mittelzeitige genannt. Unter ihnen 
nehmen diejenigen eine wichtige Stellung ein, die sich oft vor- 
wärts oder rückwärts an den ton eines anderen wortes oder 
einer unter einem tone stehenden Wortverbindung lehnen, die 
proklitiken und die enklitiken. 

Schlechtweg proklitisch sind in allen formen die beiden 
artikel: der adler, der schnelle adler, ein adler, einen adler 
U.S.W., femer die mit artikellosen Substantiven adverbialaus- 
drücke bildenden präpositionen : in acht nehmen, 8u ende (ja 
auch tuende geschrieben). Ferner sind die personalpronomina, 
ausser im gegensatze, je ihrer Stellung nach proklitisch oder 
enklitisch : du bist, bist du (einst bistu). Ebenso die possessiva, 
wo weder ein gegensatz noch ein gefühlswert vorliegt: seid 
ihr auch wohl, mein vater?, aber sein vdter? seiner? und der 
eure, nichte? und mein vdter, mein vdter ^ jetzt fässt er mich an! 
Ebenso die copula, wo sie auch allenfalls ohne einbusse an 
deutlichkeit fortbleiben könnte: vater ist fort (vater fort). 
Häufig ist ferner die präposition proklitisch. Einen fall haben 
wir schon vorhin gehabt. Aber auch wo kein adverbialausdruck 
gebildet wird, dürfte die präposition, vor allem die einsilbige, 

18* 



268 BRIE6ER 

oft als proklitisch anzusehen sein. Kaum bestritten dürfte das 
bei den jetzt veralteten ausdrücken werden wie in sessel, in 
himmel u. ä. Aber nicht anders steht es doch auch mit den 
Präpositionen, die mit dem artikel verschmolzen sind, und von 
hier ist wider nur ein ganz kleiner schritt bis zu dem falle, 
wo keine Verschmelzung stattfindet bei sonst gleichem werte 
der Präposition: und im herzen hats geklungen — in den herben 
wohnt das recht. 

Die enklitiken und proklitiken als solche sowie überhaupt 
alle tonlosen könnten nun offenbar nie eine hebung bilden, wenn 
zur bildung einer solchen durchaus ein logischer accent gehörte. 
Sie bilden aber oft genug hebungen: in ihrem langen schleier 
die gestalt lesen wir, doch wol ohne anstoss, bei Schiller, und 
zwei absolut tonlose biegungsendungen haben wir in dem 
Wielandschen verse den gra^ien und ihren Zöglingen, Wir 
sehen also, dass es noch einen anderen dynamischen 
accent gibt als den, welcher sinnton ist. Ueber diesen accent 
sind seit Jahrhunderten metriker gestolpert, ohne ihn zu er- 
kennen, und so hat er noch heute keinen namen. 

Friedrich Vogt hat eine vorzügliche arbeit von der 
hebung des schwachen e geschrieben. Sie steht in den 
^Forschungen zur deutschen philologie. Festgabe für Kudolf 
Hildebrand', s. 150 ff. Das gehobene e ist eben das e, das 
diesen bisher namenlosen accent trägt: aber es trägt ihn nicht 
als e\ jeder andere vocal trägt ihn unter denselben Verhält- 
nissen auch. So zeigt die Überschrift, was auch die arbeit 
bestätigt, dass der Verfasser über das wesen der behandelten 
erscheinung nicht im klaren gewesen ist. Dessen ungeachtet 
ist aber die Untersuchung, die für 6inen der möglichen fälle 
das historische material in reichlicher fülle und musterhaft 
geordnet beibringt, auch für die in einer richtung umfas- 
sendere erörterung, zu der wir uns hier anschicken, von 
grösstem nutzen. Es handelt sich bei Vogt, für die beiden 
klassischen zeiten wenigstens, um das des sinntons entbehrende 
gehobene e zwischen unbetonten silben. Von diesem sagt Vogt 
in einer kurzen Zusammenfassung des historischen, die ich 
später für ein kleines gebiet ergänzen werde, s. 178 f. u. a.: 
4n der mhd. blütezeit verliert das schwache e mehr und mehr 
die fähigkeit, überhaupt eine hebung zu tragen. Diese durch- 



RHYTHM. ZWISCHENACCENT UND SCHLUSSACCENT. 269 

aus spracligemässe entwickelung wird durch die silbenzählende 
technik der meistersinger gestört u.s.w. Als der anschluss 
der versbetonung an die wortbetonung wider zum principe 
wird, hat die nhd. Silbendehnung und der grundsatz des 
wechseis einsilbiger hebungen und Senkungen den gebrauch 
eines in dritter silbe stehenden e auf der hebung unvermeid- 
lich gemacht.' — Opitz ist in der theorie ziemlich streng, in 
der praxis erlaubt er sich viel, s. Vogt s. 165. Er und andere 
vorvossische theoretiker betrachten das ^gehobene' e als eine 
^icentia' oder, um mit Schottel zu sprechen, als eine ' Ver- 
günstigung und übersehung', s. s. 167. Vom wesen der sache 
hat keiner eine ahnung, wenn auch keiner so schlimm irrt wie 
Voss, der in der Zeitmessung der deutschen spräche s. 180 
schreibt: ^die natürliche zeit der silben kann durch die be- 
schaff enheit des taktes geändert' und 'die kürze kann durch 
die hebung zu einer unvollkommenen länge von zwei Zeiten 
verstärkt werden', s. 251. Er spricht hier so, als ob das 
deutsche eine quantitierende spräche wäre — übrigens eine 
anschauung, in die auch noch heute metriker zuweilen, ohne 
es zu merken, zurückfallen — , und er schreibt dem rhythmus 
eine Wirkung zu, die dieser im deutschen verse nicht haben 
kann. Er gestattet da schmetterte der dönnerstrahl und ver- 
wiiit, mit unrecht, die flüchtigeren stunden. Von dichtem be- 
handelt Vogt Goethe, und zwar vor allem Goethe als drama- 
tiker, mit besonderer liebe und Sorgfalt. Goethe ist von 
unseren klassischen dramatikern in der metrik bei weitem 
der feinfühligste. Seine praxis ist zu verschiedenen zeiten 
verschieden gewesen, aber er war auf dem richtigen wege, 
wenn er Schiller gegenüber bedenken äusserte, dem e über- 
haupt einen versaccent zu geben. Auf Goethes verfahren in 
der lyrik komme ich später. Hier erwähne ich nur noch, 
dass Vogt, im einklange mit Goethe, das gehobene c im reime 
ganz verwirft und es, vom trimeter abgesehen, auch am ende 
reimloser verse entschieden misbilligt. 

Dass das e nicht als solches gehoben wird, sondern als 
vocal, ist leicht zu beweisen. Man versuche Helena^ Lerici 
oder Bimini, Cicero, Ilion oder Ilios, Tantalus u.s.w. zu 
sprechen ohne den schlussvocal und damit die silbe zu heben, 
und man wird sich alsbald von der Unmöglichkeit überzeugen. 



270 BRIEGER 

Es mag übrigens bei dieser Gelegenheit bemerkt werden, dass 
nicht alle vocale als gleich stark, d. h. hier als gleich schwach, 
empfunden werden. Die silben mit tonlosem e geben die 
schwächsten hebungen. Das i und o haben immerhin mehr kraft 
als das e, das u desgleichen, ebenso en- u. s. w. Von schluss- 
consonanten verstärkt das r etwas: zauherer\ os, on, us u.s.w. 
schwächen den versrhythmus gleichfalls nur wenig, und im 
versausgange, im reime, wird davon : Ilion kaum als rhyth- 
misch unzureichend empfunden. Wenn wir bei Freiligrath 
lesen: 

Heiss und durstig sah die düne 
Auf das meer, ein Tantalu s; 
Wie ein grosser silberhalbmond 
Schäumte der oc6anus, 

SO klingt uns das pikant fremdartig, aber nicht unschön. Oft 
widerholt würden solche reime freilich unerträglich werden. 

Wenn aber im allgemeinen zugestanden werden muss, 
dass die gehobenen tonlosen keine zierde des verses sind, so 
ist damit nicht gesagt, dass sie ein Verstoss gegen das rhyth- 
mische gesetz unserer spräche wären. Sie entspringen ja gerade 
aus einer rhythmischen eigentümlichkeit derselben. Wir be- 
tonen: Jesus redete zum vollce und wenn wir das zum volke 
fortlassen: Jesus redete. Der accent auf dem e ist schwach, 
vielleicht schwächer als der schwächste logische nebenaccent, 
aber wir nehmen ihn doch als dynamischen ton wahr. Ebenso 
betone ich kühnere, zauberer, fanden es, freudige u.s.w., aber 
sprechen wir auch glücJclicher, hoffnungen, lächelnde so? Das 
ist bestritten worden, s. u. Man hat behauptet, wir sprächen 
glückVicher, hoffnungen, lächelnde, tvündirte. Ich kann nicht 
behaupten, dass man nirgends in Deutschland so spricht, aber 
ich bezweifle es, und meine, hier liegt eine Verwechslung der 
Zeitdauer mit der tonstärke vor. In kühnere, freudige u. ähnl. 
Wörtern ist die mittlere silbe kurz, in glückliche ist sie, ich 
will nicht sagen lang, aber doch etwas länger, wol weil der 
alte sinnwert des lieh noch nicht ganz erstorben ist. Die silben 
nung(en), lächelnd aber kann kein mensch kurz sprechen. 
Denn wenn gewisse consonantenhäufungen auch nicht einer 
silbe den wert einer hebungssilbe geben können, so folgt daraus 
doch nicht, dass sie die silbe in keiner weise verlängern. Es 



RHYTHM. ZWISCHEN ACCENT UND SCHLÜSSACCENT. 271 

scheint mir nun, dass das um ein geringes längere verweilen 
auf der beschwerten mittelsilbe den irrtum hervorgerufen hat, 
als trüge diese einen schwachen ton, was nach dem gesetze 
des rhythmus unmöglich ist. Bei daktylisch ausgehenden 
Wörtern, die eine unbeschwerte mittelsilbe haben und deren 
vocal so leicht ausfällt — andere, Jcönige und andre, kön'ge 
stehen einander übrigens sehr nahe — kann auch nicht einmal 
der schein entstehen, als würden sie betont. 

Der rhythmische accent steht nicht immer auf der mitt- 
leren von drei tonlosen. Nur in iambischen und trochäischen 
versen ist es immer so, in odenmassen kann auch die erste 
von dreien gehoben werden. Du o tod, du flüg z u dem genüss, 
dass ihn gbtt hört in des gebemfhals nacht Andere Klop- 
stocksche beispiele in der abh. *Vom gleichen verse', zuerst im 
vierten bd. des Mess. 1773 gedruckt, und in den öden. Der 
ohne vergleich wichtigste fall ist jedoch der der betonung einer 
mittleren tonlosen und der einer schliessenden zweiten ton- 
losen. Der erstere ist ein zwischen accent, der zweite ein 
schlussaccent. Das wesen beider, das ja dasselbe ist, be- 
zeichnen wir als ein rhythmisches. Es ist uns ein bedürfnis, 
im Innern einer reihe von drei oder mehr tonlosen, und am 
Schlüsse, von zwei tonlosen eine, im letzteren fall immer die 
zweite zu heben. Aber die spräche — ich rede hier nur 
von der deutschen — würde diesen accent nicht haben, wenn 
er nicht im reinen rhythmus begründet wäre. Dass er das 
ist, kann man natürlich nur am leeren rhythmus, z. b. an dem 
im trommeln sich darstellenden zeigen, und da weist mich 
herr prof. Sievers darauf hin, dass, wenn man einen stärkeren 
ton mit drei darauf folgenden schwächeren auf dem tische 
trommeln will, der mittlere, und wenn man nach einem stär- 
keren zwei schwächere zu trommeln versucht, ohne dass andere 
töne folgen, der letzte etwas stärker wird. Man trommelt 

statt J'J'J'J' vielmehr J^J^J^j^ und statt J'J'J' vielmehr J'J'J', 
wo der gravis zunächst nur eine kleine Verstärkung des tons 
bezeichnet, mit der freilich auch eine kleine vergrösserung der 
Zeitdauer verbunden ist. ^) 



[*) Man vgl. hierzu namentlich E.Meumann, Untei-suchungen zur Psycho- 
logie und ästhetik des rhythmus, Leipzig 1894, s. 75. E. S.] 



272 BRIEGER 

Es erübrigt noch, den rhythmischen accent zu bezeichnen. 
Ich schlage dafür einen punkt über dem betreffenden vocal 
vor und wende ihn hier an, also mit schauderndem gefühl, dem 
glücklichen, Helena, Cicero u.s.w. 

Wenn rhythmischer zwischen- und schlussaccent ihrem 
wesen nach auch gleich sind, so sind die bedingungen ihres 
Vorkommens doch verschieden. Der rhythmische schlussaccent 
tritt überall ein, wo eine sprechreihe auf mehrere tonlose aus- 
geht. Nicht einmal das wort Daktylus können wir daktylisch, 
d.h. ohne schwachen schlussictus sprechen, so wenig wie das 
gr. öäxTvXoq und die lat. Wörter corpora, omnia u. s. w., s. u. 
Der rhythmische zwischenaccent dagegen findet nicht tiberall 
statt, wo sich tonlose häufen. Ich gebe ein beispiel aus der 
Goetheschen prosa, aus den Noten . . . zum besseren Verständnis 
des W.-ö. divans. Wir haben den zwischenaccent in herrliche 
verstreute stellen, sittliche gebrechen und, bei vier tonlosen, in 
da^ glücklichste naturell, aber er ist nicht vorhanden bei ich 
habe in den spiegel geschaut, überall da nicht vorhanden, wo 
von drei silben zwei zu der folgenden logisch betonten gravi- 
tieren. Dies gilt aber nur für die prosa unbedingt: für die 
poesie nur insoweit, als hier nicht die rhythmische gewöhnung 
einen zwang übt. Wir lesen: was blasen die trompeten, weil 
wir von vornherein den freieren bau des verses merken, an 
den wir von früher her gewöhnt sind, aber wir würden be- 
tonen: was blasen die trompeten, wenn das gedieht iambisch 
gebaut wäre. Wir lesen in einem bekannten gesanghaften 
Wilh. MüUerschen liede: und auf den Karpdthen sind die wege 
beschneit, aber in trochäischer gewöhnung: ist es schnee wohl, 
oder sind es schwane? 

Der zwischenaccent ist naturgemäss in iambischen und 
trochäischen versen am häufigsten, denn die daktylisch — ich 
brauche diesen ausdruck wie auch die anderen den Griechen 
entlehnten namen der metra der kürze wegen — ausgehenden 
Wörter und die daktylischen Silbenverbindungen sind im deutschen 
zu häufig, als dass der dichter sie nicht ziemlich oft anwenden 
müsste, und sie ergeben in den beiden genannten versmassen 
den rhythmischen zwischenaccent, in reimlosen versen leicht 
auch den schlussaccent. Doch ist es nicht not, sondern schlechte, 
aus dem misverständnisse der griechischen Jamben entstammte 



RHYTHM. ZWISCHENACCENT UND SCHLUSSACCENT. 273 

manier, wenn Platen in der Einladung nach der insel Palmaria 
fast 20 ö/o rhythmischer schlussaccente und in den 21 versen 
von Philemon 11 (d.h. über 52 Vo) hat, darunter 10 mit ge- 
hobenem e: belagerte, neunundneumigjährige, l'omödie, musen- 
ähnliche, täf eichen u.s.w. Dass die besten rhythmiker unter 
den dichtem den rhythmischen schlussaccent, vor allem den 
mit e, im reime vermeiden, haben wir schon gesehen. In 
daktylischen und anapästischen versen wird der rhythmische 
accent nicht leicht ungesucht eintreten, und ihn suchen — 
Voss hat dem verherrlichenden Dionysos ersonnen — , ist eine 
Verkehrtheit. Vor der cäsur des pentameters ist überhaupt 
kein schlussaccent berechtigt; Goethes schäUe zu finden und 
sie glüclclich zu Iringen ans licht ist einer von den schlechten 
versen der Epigramme, die * antiker form sich nähern' sollen. 
Pentameterausgänge auf -^^^L hat Klopstock, und Platen 
einige mal, z. b. vollendetere. Sie sind höchstens leidlich. Ein 
Äwischenaccent im hexameter, wie eines gesonderten volks, das 
an den äussersten grenzen charakterisiert Bodmers Ungeschick. 
Im wiegenden (amphibrachischen) verse wäre es beinahe ein 
kunststück, zwischenaccente anzubringen. 

Eigentümlich verhalten sich in bezug auf die rhythmischen 
accente die antiken oder in nachahmung antiker verskunst 
frei gebildeten odenmasse, vor aUem derjenigen, die auf -^x 
ausgehende verse enthalten. W|lhrend nämlich in den öden 
im allgemeinen — aus guten gründen — die rhythmischen 
zwischenaccente sehr selten sind, verleiten die auf l^x aus- 
gehenden odenverse, deren es in der alcäischen ode 2, in den 
verschiedenen Strophen der asklepiadeischen öden bis zu vier 
gibt, und die analog ausgehenden verse von den dichtem selbst 
erfundener masse bei dem reichtum der spräche an daktylischen 
Wörtern und Wortverbindungen zu einer übermässigen Verwen- 
dung rhythmischer schlussaccente. Dazu kam bei Klopstock, 
wie wir sehen werden, noch ein misverständnis der betreffen- 
den antiken Strophen. 

Ein rhythmischer accent ist nach den vorangehenden er- 
örterungen überall anzunehmen, wo die Schlusshebung keinen 
sinnton hat, also nicht weniger bei Wörtern wie einige, Velleda, 
Romulus, als bei solchen, die auf heit, Jceit, ung u. s. w. endigen 
und bei solchen, die erst durch flexion oder comparierung zu 



274 BRIEGEK 

einem daktylischen ausgange kommen, ferner bei enklitiken 
oder zum nächsten verse gravitierenden proklitiken: denn auch 
das kommt vor, freilich als fehler: Ludewig ruft männer des 
Volks, dass sie \ ihm die lasten des volks leichten . . . Scham- 
lose kämpfen, immer entstirnter hey \ der neuen unscham, Klopst. 
1789 und 1793; ähnliches oft bei Hölderlin. 

Wenn man, wie es scheint, es ganz übersehen hat, dass 
der Schöpfer der antikisierenden ode den rhythmischen schluss- 
accent in grossem umfange gebraucht, so ist das sehr entschuld- 
bar, denn Klopstock selbst erkennt es ja nicht, ja er leugnet 
es, ohne worte. Er setzt über die meisten der betreffenden 
Oden ein Schema, in dem die pseudodaktylischen, im griech. 
und lat. auf eine hebung ausgehenden füsse mit -^^ enden. 
Damals verstanden ja die philologen selbst die griechische 
metrik noch nicht,") und andererseits konnte damals noch nie- 
mand ahnen, dass kein deutscher vers daktylisch ausgehen 
kann. So ist nicht Klopstocks irrtum merkwürdig, sondern 
vielmehr nur, dass er einigemal das richtige Schema ansetzt, 
nämlich über den öden Der lehrling der Griechen, An Fanny, 
Dem erlöser, An Young. Nun wissen wir ja aus Klopstocks 
praxis im Messias, dass er, als er die ersten gesänge des epos 
schrieb, Wörter wie Vaterland, ungetüm u. ä. noch für daktylen 
hielt, und seine auffassung erst mit dem elften gesang entschieden 
änderte (Gruppe, Deutsche Übersetzerkunst 1, 25), aber er hat 
dort, wo die Schlusssilbe ein daktylus sein soll, nicht selten 
sogar haupttonige silben, wie den frommen wünsch (Der 
Zürchersee), den frömsten wünsch (An Bodmer), menschlich hem 
— viel zu klein, mit stiller kraft — , erkauft (An Friedrich den 
fünften) und so wer weiss wie oft. Jaro Pawel, Wingolf, krit. 
ausgäbe etc. s. 137 sagt: 'nach Klopstocks Zeitmessung bestehen 
die ersten zeilen der alcäischen Strophe aus zwei Jamben mit 
einer nachschlagsilbe und zwei daktylen, von denen sich der 
zweite in der regel in einen creticus verwandelt'. So etwas 
rhythmisch unmögliches muss sich Klopstock allerdings gedacht 
haben. Tatsächlich besteht die weit überwiegende mehrzahl der 
Schlusssilben der betreffenden verse aus haupt- oder neben- 



^) Noch jetzt wird in Horazausgaben nicht falsch aber irreleitend der 
ausgang der betreffenden verse mit — w^ bezeichnet. 



EHYTHM. ZWISCHENACCENT UND SOHLUSSACCENT. 275 

tonigen silben, nämlich 1187 von 1518 = 84';'2%. In diesem 
falle muss nun unbedingt, wie mir scheint, das überwiegende 
als das normale gelten. Die 1518 verse sollten auf _w_ aus- 
gehen, und es ist eine 4icentia', wenn 331 = 15^/2 ^U das 
nicht tun. Natürlich kann eine solche abweichung von der 
norm unter umständen eine Schönheit sein, indessen kommt 
das hier nicht in frage. Und dafür, dass in der tat die 
häufung der rhythmischen schlussaccente nicht schön ist, 
dafür ist, ohne es zu wollen, der dichter selbst ein zeuge. 
Wir müssen in Klopstocks odendichtung drei perioden unter- 
scheiden : die der unfertigkeit, die der Vollendung und die des 
Verfalls. Genau lassen sich diese natürlich nicht abgrenzen, 
wenigstens die zweite nicht gegen die dritte, denn die erste 
hat ihre natürliche begrenzung im beginn der grossen pause 
zwischen der ode Für den könig 1753 und der Die gestirne 
1764. In der Zwischenzeit hat Kl. nui' hymnen (sog. freie 
rhythmen) geschrieben. Die zweite periode möchte ich nur 
bis zum j. 1772 ausdehnen. In der späteren dichtung erscheint 
das wahrhaft poetische doch mehr als ausnähme, so in dem 
herrlichen anlauf : der kühne reichstag Galliens dämmert schon 
(Die Etats Generaux) 1789, in dem abendlich schönen Hede 
Das widersehen und sonst dann und wann. Im ganzen ist 
der niedergang des geistes und der kunst nicht zu verkennen. 
Und nun sehen wir, wie es in diesen drei perioden mit dem 
rhythmischen schlussaccente steht. In der ersten haben wir 
17 auf 246, etwa 26 %, in der zweiten 36: 565, weniger als 
6 Vi ^'oj in der dritten — ich rechne nur die wirklichen öden, 
nicht die lieder, die elegien und jene mehrere hexameter ent- 
haltenden pseudooden — 131: 452, fast gleich 29^0- 

Platens öden stehen, was die Sparsamkeit der schwäch- 
lichen ausgänge betrifft, den Klopstockschen der besten zeit 
nahe, wenn er sein Vorbild auch nicht ganz erreicht. Sie 
haben in 446 auf -1 ^ x ausgehenden versen 45 mit gehobener 
tonloser, also rund 10 Vo- 

Weit zurück steht in rhythmischer beziehung hinter Platen 
Hölderlin. Auf 540 verse mit dem ausgang .l^x tat er 132 
mit gehobener tonloser, ungefähr 24 V2 ^/o- Aber das ist das 
wenigste. Er hat zwischenaccente, die die odenmasse durchaus 
nicht ertragen, in menge, darunter das monströse gastfreundlich 



276 BBIEGEB 

tönt dem tv anderer im \ friedlichen dorfe die ahendglocke. Dazu 
kommt die manier, an das versende, vor allem an das des vor- 
letzten Verses, eine proclitica zu stellen, deren tonwort im 
nächsten verse folgt. Kurz die öden des seelenvollsten und 
musikreichsten aller deutschen odendichter sind in rhythmischer 
beziehung elend. Doch das beiläufig. 

Die menge der rhythmischen schlussaccente in Klopstocks 
öden der ersten und dritten periode hängt mit dem stil der 
Klopstockschen ode zusammen. Einerseits lockte der daktylen- 
reichtum der metra zur bildung und reichlichen Verwendung 
daktylischer Wörter, und andererseits kam die bequemlichkeit 
dieser Verwendung dem streben des dichters nach einer ge- 
wählten, sich von der prosa möglichst weit entfernenden 
spräche entgegen. So finden wir denn in den ausgängen mit 
gehobener tonloser silbe sehr häufig edle und ungewöhnliche 
ausdrücke von daktylischem masse. Ich gebe von vielem 
weniges: donnerer, schattenbesänftiger, (verkündigerin), richterin, 
Lyäerin, v er einerin, unerbittlicher, begeisternder, sterblicher, un- 
sterblicher (in allen formen, sehr oft), etviger, unendlicher, ferner 
die ungewöhnlichen comparative gefeierter, empfindender (töne- 
voller und) lyrischer, beseelteren, delr edlere, dann die der antike 
nachgebildeten pluralia von abstracten wie umschattungen, 
bercdtsamkeiten, entmcJcungen, geniusbildungen und so fort. 

In den hymnen, deren erste. Die genesung 1754 und deren 
vollendetste. Die frühlingsfeier, ein wunder genialer sprach- 
rhythmischer kunst ist, müssen wir natürlich weniger rhyth- 
mische schlussaccente zu finden erwarten als in den öden, 
denn hier liegt kein grund vor, die auf l^x ausgehenden 
w^örter gerade ans ende des verses zu bringen. Und wir finden 
auch weniger; in den 758 versen der hymnen der zeit von 
1754 bis 1776 : 50, wenig über 6 o/o; bis 1792 bleibt der procent- 
satz derselbe und steigt dann bis auf 9 ^/o. 

Goethe zeigt sich in seinen freien rhythmen lange zeit 
von Klopstock stark beeinfiusst, so schon in den öden an Beh- 
risch (1767), die freilich schwunglos sind. Sie haben in 112 
versen 5 rhythmische accente. Klopstocksche kühnheit und 
doch Goethesche eigenart zeigt dann die nachstrassburgische 
hymnendichtung bis 1781. Ihre 767 verse haben 55 schwache 
endhebungen, über 7 7o- Nun nähert sich der dichter, seiner 



RHYTHM. ZWISCHENACCKNT UND SCHLUSSACCENT. 277 

ganzen entwickelung entsprechend, mehr dem regelmässigen: 
An Lida, Ganymed, Grenzen der menschheit, Das göttliche 
haben zusammen fast genau 4 o/q. Das Parzenlied hat keinen 
solchen accent und kann ihn nicht haben. Der dichter hat 
jetzt die freie form als zu form-los aufgegeben. 

Hölderlins hymnen sind schwach, oft fast prosaisch und 
verdienen hier keine berücksichtigung. Schön und man möchte 
sagen Goethisch ist Hyperions schicksalslied, mit drei gut 
wirkenden rhythmischen accenten. Auf der höhe steht Heine 
mit seinen Nordseebildern, mit denen er das meer für die 
poesie erobert hat. Zu ihrer grossen und feinen rhythmischen 
kunst stimmt es, dass sie nicht viel über 2 ^/o schwacher 
Schlusshebungen enthalten. Und wie malen sie doch, vor allem 
im ersten cyclus! 

Wie andere Unregelmässigkeiten, so können auch rhyth- 
mische schlussaccente von schöner poetischer Wirkung sein. 
Wer möchte in Goethes Schwager Kronos das schlotternde 
gehein missen oder in der Iphigenie das mit schauderndem ge- 
fühl, oder wer fühlt nicht, wie bezeichnend in den oben er- 
wähnten versen an Lida der einzige rhj'-thmische zwischen- 
accent ist, wenn er liest: 

Denn seit ich von dir bin, 

Scheint mir des schneUsten lebens 

Lärmende bewegung 

Nur wie ein leichter flor, durch den ich deine gestalt 

Immerfort wie in wölken erblicke . . . ? 

oder wer empfindet nicht den ganzen zauber des Vorganges, den 
er oft erlebt hat, bei Heines worten: 

Die glühend rote sonne steigt 
Hinab ins weit aüfschaüemde 
Silbergraue Weltmeer ? 

Erhält nun auch von zwei tonlosen, die eine rhythmische reihe 
beginnen, die erste berechtigterweise einen ictus? Die frage 
ist zu verneinen. Ein mit zwei tonlosen beginnender vers — 
die erste wird mit seltenen ausnahmen eine proclitica sein — 
würde, da es doch in der deutschen poesie einen anapästischen 
rhythmus gibt, als anapästisch beginnend aufgefasst werden, 
wenn — die rhythmische gewöhnung nicht wäre. Wir haben 



278 BRIEGER 

ja unendlich viel mehr trochäische als anapästische verse ge- 
lesen, und so bleiben wir, wenn der vers in einem trochäischen 
gedieh te steht, einfach in dem schon angefangenen rhythmus, 
oder, wenn er am anfang eines gedichtes steht, orientieren wir 
uns durch einen raschen blick, ob wir den uns geläufigeren 
rhythmus sprechen dürfen. Damit ist aber nicht gesagt, dass 
uns der bau eines solchen verses anspräche. Das ist unzweifel- 
haft nicht der fall bei Bas gegliederte gebilde und bei den 
gehalt in deinem htisen, und nur der tiefe und sprachschön ge- 
formte gedanke macht den rhythmischen mangel weniger 
fühlbar. Ebenso muss den für den rhythmus empfindlichen 
menschen das die beschattete bucht gerade in einem rhythmisch- 
melodischen meisterwerke, wie die kleine Symphonie Auf dem 
see ist, um so peinlicher überraschen, wenn er nicht merkt, dass 
der dritte teil des gedichtes nicht acht , sondern vier verse hat. 
Damit fällt auch der vielleicht noch grössere anstoss fort, dass 
die enclitica sich, die zxTbespiegelt gehört, in einer neuen zeile 
stände. Jetzt freilich heisst es, * dergleichen kommt ja täg- 
lich vor, seit man in Theben verse leimt', aber es ist doch 
immer eine störende nachlässigkeit. Peinlich wird die bloss 
rhythmisch accentuierte anfangshebung da empfunden, wo 
trochäische anfange mit daktylischen wechseln. So lahmt in 
Schillers Würde der frauen der vers in der mutter bescheidener 
hütte, der zwischen den versen warnend zurück in der gegen- 
wart spur und sind sie geblieben mit schamhafter sitte steht. 
Die häufung schwächlicher anfange und rhythmischer zwischen- 
accente, die besonders in trochäen vorkommt, ist hässlich. 
Wegen solcher häufungen ist vor allem Freiligraths Löwenritt 
berüchtigt, und sah man reichere Schabracken \ in der marstalh 
kammer einer königlichen hofburg liegen, ist ja nicht schön, 
aber ist der vers an dem ufer des Busento reihen sie sich um 
die wette aus dem fast für klassisch geltenden Grab im Busento 
wesentlich besser? 

Wo die tonlose anfangssilbe durch zwei tonlose von der 
ersten starken hebung getrennt ist, tritt der rhythmische accent 
mit voller berechtigung ein. So ist in jenem distichon aus 
Schillers Spaziergang der versanfang in des gebirges schluckt 
ebenso richtig wie der: aiis dem felsbruch falsch ist. 

Die verkennung des rhythmischen accentes hat in der 



RHYTHM. ZWISCHENACCENT UND SCHLÜSSACCENT. 279 

praxis wie in der theorie zu den grössten Verkehrtheiten ge- 
führt. Schiller hätte nicht könige auf berges höh' gereimt, 
wenn er diesen accent nicht empfunden und — gemisdeutet 
hätte, und Kauffmann würde nicht glauben nur die wähl zu 
haben zwischen der betonung mit schauderndem gefühl und 
der annähme, die fünffüssler der Goetheschen Iphigenie seien 
— dipodisch gebaut, wenn er eine ahnung vom rhythmischen 
accent hätte. Eine solche hat Schmeckebier, aber er geht irre. 
Einen ^ nebenton' sollen die dreisilbigen Wörter mit absteigender 
betonung haben, aber auf der mittleren silbe: ich wunderte 
mich, s. 0. Wenn noch eine tonlose folgt, soll der angebliche 
nebenton auf die letzte der drei silben gerückt werden: ich 
wunderte mich beständig. Den nebenton auf dert{e) habe ich 
niemals gehört, halte* ihn auch nicht für möglich, da er weder 
sinnton wäre, noch durch das rhythmische gefühl erfordert 
wird. Im übrigen verweise ich auf das s. 270 gesagte. 

Ganz nahe daran gewesen, den rhythmischen schlussaccent 
zu erkennen, ist Hild ehrend, Beiträge zum deutschen Unter- 
richt s. 405, wenn er darauf hinweist, dass wir Deutschen 
cörporä sprächen. Er brauchte nur nach der Ursache zu 
fi-agen, um inne zu werden, dass wir auf der letzten deutscher 
daktylischer Wörter denselben rhythmischen nebenton haben. 

Ich glaube bewiesen zu haben, dass der rhythmische 
accent in gewissem sinne minderwertig ist. Ist er das, so 
darf man annehmen, dass die grössten meister der beseelten 
form ihn in ihren vollendetsten gedichten, vor allem in den 
lyrischen, im allgemeinen, so viel es angieng, vermieden haben, 
und dem ist auch so. Ich glaube, wenn hundert kenner der 
Goetheschen lyrik die lieder bezeichnen sollen, in denen sich 
die seele, die empfindung, die schönrhythmische rede zum 
vollendetsten körper gestaltet. An den mond, Jägers abendlied, 
der Gesang der elfen in Faust n und Auf dem see nicht 
darunter fehlen werden. Nun finden wir in Jägers abendlied 
erst in der letzten Strophe zwei schwächere accente: niir an 
dich (niir an dich gäbe einen anderen sinn) und ein stiller 
friede kömmt auf mich. In füllest wider busch und thal (in 
36 versen) findet sich nur ein einziger rein rhythmischer accent. 
Der Elfengesang hat erst in der letzten seiner vier achtzeiligen 
Strophen accente ohne sinnwert, allerdings drei. Und Auf dem 



280 BBIEGER, RHYTHM. ZW18CHENACCENT UND SCHLÜ8SACCENT. 

See hat am sclilusse zwei rhythmische zwischenaccente, s. oben 
s. 278. Kann man zweifeln, dass der reiz, mit dem diese lieder 
das rhythmische organ unserer seele berühren, durch das so 
entschiedene überwiegen der sinnaccente bewirkt wird? Aus 
derselben Ursache wirken die lieder ähnlich, die Geibels reifste 
kunst offenbaren. Auch hier begnüge ich mich mit wenigen 
beispielen. Die gedichte Durch tiefe nacht ein brausen sieht, 
So half ich endlich dich umfangen, Du feuchter frühlingsabend. 
Und ivcyin die primel schneeweiss blinkt enthalten überhaupt 
keinen rhythmischen accent. Auf dem wasser und Es drängen 
lieder sich aus jeder brüst je einen. Habt ihr in hohen lüften 
— ebenso natürlich MU der Verzweiflung kraft — keinen. Es 
mag hier widerholt werden, dass gedichte, die einzelne rhyth- 
mische accente enthalten, deshalb nicht nach ihrem gesammten 
kunstwerte tiefer zu stehen brauchen. Aber hat der nach- 
goethesche meister der form nicht auch versanfänge mit ge- 
hobener tonloser silbe? In dem liede Herbstlich sonnige tage 
lautet ein vers in den bergen, an\ bach und ein anderer in 
harmonischem klang. Unzweifelhaft ist ein solcher vers als 
sprechvers nicht gut. Aber sprechend — d.h. in diesem fall 
schreibend — hat Geibel das lied auch nicht gedichtet, sondern 
singend, wenigstens innerlich. Geibel schrieb, nach einer münd- 
lichen mitteilung von Julius Grosse, seine gedichte erst auf, 
wenn er sie im köpfe vollendet hatte. Das gesanghafte dichten 
hat allerdings meistens die Wirkung, dass nebenhebungen nicht 
berücksichtigt werden: hei wie der weisse jüngling in'n sattel 
s^ich schwang! und bei demselben dichter: schläft im arme der 
grünen erd\ den versen: in die schlacht, in die schlackt hinein 
(hinaus) entsprechend. Aber das gesanghafte dichten hebt 
auch tonschwache silben. 

HALLE a. S. ADOLF BRIEGER. 



HERCYNIA. 

Schon vor zwölf jähren hat Much in der Zs. fda. 32, 454 ff. 
zu erweisen versucht, dass MüUenhoffs hypothese, die älteren 
Griechen hätten unter dem namen Hercynia die Alpen ver- 
standen, unrichtig sei und dass damit stets das deutsche mittel- 
gebirge gemeint sei, speciell die randgebirge Böhmens. Seine 
beweisführung wollte mir schon damals nicht einleuchten, aber 
erst vor kurzem bemerkte ich, dass man sie vielfach über- 
zeugend findet, weshalb es mir der mühe wert scheint, noch 
jetzt nachträglich meinen eindruck zu begründen. Neues kann 
ich dabei freilich nicht bringen, da MüUenhoffs ausführung 
schon alle wesentlichen elemente enthält; aber es lohnt sich 
doch, den wert der gegenseitigen argumente zu prüfen. 

Ganz richtig sagt Much (s. 461): ^keineswegs ist Hercynia 
und Fergunna unmittelbar zu verbinden; eine beziehung könnte 
nur in einer herkunft beider worte aus gleicher historischer 
grundform bestehen. ... Da beide namensformen die laut- 
gesetzlichen eigentümlichkeiten jener sprachen, denen sie an- 
gehören, deutlich aufweisen, kann hier an eine jüngere ent- 
lehnung nicht gedacht werden'. Aber fehlerhaft scheinen mir 
die darauf folgenden Schlüsse: 'Kelten und Germanen müssen 
den hercynischen wald schon mit dem namen PerMnia ge- 
meinsam benannt haben. Ich glaube daraus weiter zu dem 
Schlüsse berechtigt zu sein, dass diese beiden Völker schon vor 
jenen lautveränderungen, d. i. der gerra. lautverschiebung einer- 
seits und dem abf all des p im keltischen andererseits, an einer 
stelle jenes grossen Waldgürtels benachbart beisammen wohnten'. 
Diese Schlüsse beruhen darauf, dass das Erzgebirge im Chron. 
Moissiac. ad a. 805 (Pertz 1, 308) Fergunna genannt wird, 9 

*) Wahrscheinlich ist hier nicht das Erzgebirge, sondern das Fichtel- 
gebirge gemeint. Kossinna. 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXVI. j[9 



282 MULLER 

und dass auch ein anderer teil der alten Hercynia, eine wald- 
höhe im südlichen Franken und Riess, Virgunnia, Virgundia 
hiess. Nun kann letztere unmöglich je von den Gtermanen 
PerMnia genannt sein, da diese erst nach der lautverschiebung, 
weil frühestens beim anschlusse der helvetischen Teutonen und 
Tigurinen an die Kimbren in jener gegend und der darauf 
gefolgten einwanderung der Marcomannen, kenntnis ihrer exi- 
stenz bekommen haben. Andererseits aber beweisen das got. 
fairguni und das ags. firmen die existenz des Wortes als appella- 
tivum im germanischen mit der bedeutung 'gebirge', und mag 
nun dieses aus dem ursprachschatze stammen oder, was mir 
wahrscheinlicher vorkommt, vor der lautverschiebung, also an 
der nordseite des deutschen mittelgebirges, aus dem keltischen 
entlehnt sein, jedenfalls halte ich es für unmöglich, dass germ. 
Perkunia im südlichen Franken zu Virgunnia wurde, und kann 
die benennung nur auf diese weise stattgefunden haben, dass 
die ersten germanischen ansiedier den wald durch die Kelten 
Erkunia nennen hörten und dieses, wie an so vielen orten ge- 
schah, ») in ihr eigenes feryünia übersetzten. Beim Erzgebirge 
liegt die sache etwas anders. Denn da wir nicht wissen, ob 
die Germanen das gebirge schon vor der lautverschiebung 
erreicht haben, ist nicht zu entscheiden, ob der im Chron. 
Moissiac. bewahrte name Fergunna auf demselben wege wie 
bei der silva Virgundia in Franken durch Übersetzung von 
kelt. Erkunia in germ. feryünia entstanden ist, oder durch 
frühere Übernahme und lautgesetzliche Umbildung an ort und 
stelle von kelt. Perkunia; und mithin kann auch dort der name 
nicht als beweis dafür dienen, dass 'die beiden Völker schon 
vor der germ. lautverschiebung und dem abfall des p im kelt. 
an einer stelle jenes grossen Waldgürtels benachbart beisammen 
gewohnt haben'. 2) 



^) So ist z. b. der keltische ort Coriovallo auf der Peutingeriana im Lim- 
burgischen von den Franken germanisiert in HarjovaUon, woraus nl. Heerlen. 

2) Ich kann dieser auffassung, die ja in ähnlicher weise bereits von 
Hirt (Beitr. 23, 317 ff.) ausgesprochen worden , nach meinen letztjährigen 
archäologischen forschungen nur durchaus beitreten. Die festen daten für 
das letzte Stadium der germanischen lautverschiebung, für die Verschiebung 
der tenues, sind mir unter den bänden wider zerronnen. Ein neuer beweis, 
wie viel sicherer die archäologie gegenüber der Sprachgeschichte in besied- 



HERCYNIA. 283 

Als Much seinen artikel schrieb, im öctober 1887, war der 
zweite teil der Deutschen altertumskunde noch nicht erschienen, 
und er kannte somit nur die ausf ührungen Müllenhoffs im ersten 
teile über die Hercynien (s. 431 — 433), welche dieser selber im 
zweiten teile (s. 240) unvollständig nannte und erweiterte. 
Müllenhoff hatte seine annähme, dass die älteren Griechen 
unter dem namen Hercynia die Alpen verstanden, hauptsächlich 



lungsfragen entscheidet. Die Germanen meiden so lange als möglich den 
eintritt ins gebirge. Sie stehen bereits um 1000 v.Chr. in der nähe des 
Harzes, im gebiete der Bode (hansumen von Aschersleben und Hoym), aber 
noch im 8. jh. finden sich ungermanische skelettgräber bei Wernigerode, 
Aschersleben, Oschersleben , und südlicher bei Giebichenstein, Korbetha, 
Dürrenberg, Stedten bei Schraplau, Querfurt und weiter durch ganz Thüringen, 
zu einer zeit also, da die Germanen am linken Saaleufer aufwärts bis nahe 
an die Unstrutmündung reichen und der einfluss ihrer cultur sogar in Schlöben 
bei Jena und in Köstritz bei Gera fühlbar wird (8. — 7. Jh.). Die Finne, deren 
name sprachlich so wichtig erscheint, ist im 5. jh. bereits überschritten, Gotha 
und Gera aber im 5. — 4. jh. noch nicht erreicht, Gera bleibt sogar noch im 
3. jh. in den bänden der Kelten. Ebenso zeigt der Südharz noch im 5. — i. jh. 
ungermanische siedelung. Aehnlich steht es im nordwesten, wo die germa- 
nische besiedlung, wie die funde zeigen, weit früher stattgefunden hat, als 
ich noch 1895 aus sprachlichen gründen schliessen zu müssen glaubte. Die 
Weser wird im 9. — 8. jh. schon südlich des 53. grades überschritten (an der 
mündung noch früher); gleichzeitig oder noch etwas früher das Emsgebiet 
von der mündung bis an die hannoversch -westfälische grenze, endlich die 
holländischen provinzen Drenthe und Groningen besetzt, während am 
Dümmersee noch später sich ungermanische elemente zeigen. Im 5. — 4. jh. 
sind die gegenden zwischen oberster Hunte und Hase erreicht, ebenso unter 
Umgehung des Teutoburger waldes das mittlere Lippegebiet. Man sieht, 
dass, wenn MüUenhofs ansieht, die flussnamen auf -apa seien keltisch, 
richtig wäre, man mit der aussage der archäologischen funde arg ins ge- 
dränge käme. Ich habe darum, wie manche andere gelehrte aus anderen 
gründen, die MüUenhofsche ansieht aus archäologischen, aber auch aus 
sprachlichen gründen (1. diese flussnamen zeigen als erstes glied der Zu- 
sammensetzung oft zweifeUos germanische, niemals aber ausschliesslich und 
klar keltische stammworte; 2. die linksrheinischen fluss- und siedlungs- 
namen erweisen sich als widerholungen der altem rechtsrheinischen, nicht 
umgekehrt) längst aufgegeben. — Oestlich von Gtera ist die einzige stelle, 
wo Germanen um die wende des 5. und 4. jh.*s und bis ins 3. jh. (später 
nicht mehr in vorchristlicher zeit) das gebirge berührt haben können, das 
gebiet an der Elbe um Dresden und Pirna; doch bedarf die ethnologische 
Stellung dieser Latene-brandgräberfelder noch eingehenderer Untersuchung. 
— Schlesien bleibt ganz ausser betracht. 

[Pfingsten 1900.] G. Eossinna. 

19* 



284 MÜLLER 

gestützt auf dem nachweise, dass die nachricht, der Istros ent- 
springe in den Hercynien, nur aus der Argonautensage her- 
rühren könne, und dass diese, wie direct aus den Argonautica 
des ApoUonius erhelle, damit nur die Alpen meinen könnte, 
zweitens auf den stellen des Apollonius und des Alexander 
Ephesius, worin das gebirge geradezu als in Italien liegend 
bezeichnet wurde, und drittens auf der stelle in den Meteoro- 
logica des Aristoteles, worin gesagt wird, dass die Arkynien 
flüsse nach dem norden entsenden. Much bestritt diese aus- 
führung mit dem hinweise, dass erstens, als man die Hercynien 
als quellen des Isters kennen gelernt, daraus für die Griechen 
die voi-stellung fliessen musste, dass die Hercynien 'hesperisch' 
waren, welches wort im engem sinne auch italisch' oder * spa- 
nisch' bedeutete, woraus die localisierung des gebirges in Italien 
entstanden sei; dass zweitens die beweiskraft des Apollonius 
äusserst gering sei, weil die ganze geographische Vorstellung 
des nordens in den Argonautica mit dem sich dreifach teilen- 
den und nach verschiedenen meeren fliessenden Eridanus viel 
zu abenteuerlich und fabelhaft sei, um der angäbe bezüglich 
der Erkynien einigen wert beilegen zu können; und dass 
drittens die Arkynien bei Aristoteles nur im norden der Donau 
gedacht werden können, weil sie die ströme nach norden ent- 
senden und der Ister vorher als ganz Europa durchfliessend 
vorgestellt war. 

Fangen wir mit letzterm an, welches deshalb am schwersten 
ins gewicht fällt, weil die stelle von Aristoteles die älteste ist, 
welche den namen erwähnt. Die stelle lautet (Meteor. 1, 13) : 
ex dh rfiq ÜVQ'^vrjg {tovto 6' aörlv OQOg JtQog dvöfiTjv löijfie- 
QiVTjV iv rf] KeXrixfiJ giovöiv o rs lörgog xal ö TaQxrjöoq ' 
ovrog fihv ovv Igco öttjXcov, 6 d^'lOzQog 6c oXrjg x'qg EvQoijtfjg 
Big Tov Ev^eivov jcovrov, t<5v d' äXXoov jcoraficüv ol JcXetöroi 
jtQog aQXTOV kx t(5v oqcov t<5v ^Aqxvv'kov ' xavxa 6k xal vtpei 
xal jckr/d-ei fidyiöra jcsqI tov tojiov tovtov sötiv. Nun würde 
Muchs argumentation etwas für sich haben, wenn der passus 
als ein einheitliches ganzes aufzufassen wäre, aber das ist 
keineswegs der fall. Er besteht aus zwei grundverschiedenen 
teilen, die eigentlich einander innerlich widersprechen. Was 
über den Ister gesagt wird, ist einfach aus den stellen Hero- 
dots abgeschrieben (2, 33), 7oTQog re yaQ jcoxafidg aQ^dfisvog 



HEBCYNIA. 285 

ix KbXt&v xal ÜVQTjvjjg JcoXioq giei iieOfjv öxl^oov ttjv EvQci- 
nfjv, und (4, 49) giet yag 6^ 6iä JtaOriq r^g EvQcijcrjg 6 "lörgog] 
während die nachricht über die Arkynien neu war, aus einer 
ganz anderen bis jetzt unbekannten quelle stammte, und von 
Aristoteles dem herodoteischen excerpte unvermittelt zur seite 
gestellt wurde, obwol sie, was ihm entgieng, und eigentlich 
auch entgehen musste, innerlich den beweis der Unrichtigkeit 
der angäbe Herodots über den Ister enthielt. Ganz richtig 
sagte denn auch Müllenhoff (1, 432), dass Aristoteles über die 
läge des gebirges noch im unklaren war. Die nachricht sprach 
nicht von einem gebirge im norden der Donau, wie Much es 
vorstellt, sondern von dem an höhe und ausbreitung grössten 
gebirge Mitteleuropas, das die meisten flüsse nach norden ent- 
sende, und damit konnte im 4. jh. schwerlich etwas anderes 
als die Alpen gemeint sein. Es scheint sowol überflüssig wie 
gewagt zu versuchen irgend einen namen als quelle der nach- 
richt aufzustellen. Aber hierin wird man wol Müllenhoff bei- 
stimmen, dass sie Aristoteles, bez. den Griechen, von Massilia 
aus zugeflossen sein muss, denn es gibt meines wissens keine 
einzige andeutung, dass die Griechen im letzten drittel des 
4. jh.'s schon irgendwelche directe kenntnis von den ländern um 
die (spätere) Hercynia silva von ihrer ostseite her bekommen 
hatten. Das wenige, was sie damals von den ländern im norden 
der Alpen wussten, war ihnen, wie Müllenhoff m.a.n. über- 
zeugend dargetan hat, durch die Massilioten übermittelt. Wenn 
sie nun von diesen vernahmen, dass die meisten flüsse des 
nordens, d. h. Mitteleuropas, dem grössten und höchsten gebii'ge 
jener gegenden entsprangen — und man beachte, dass bei den 
Massilioten darunter sehr wol der Ister mitverstanden sein 
konnte, denn die herodoteische stelle hatte damit nichts gemein 
— so scheint es mir unmöglich, dass die Griechen unter dem 
gebirge etwas anderes verstanden als die Alpen. 

Diese Vorstellung geht auch klar hervor aus der Argo- 
nautensage und Apollonius Rhodius. Ohne zweifei war die 
geographie bei diesen vielfach abenteuerlich und fabelhaft. 
Wie sie zu der Vorstellung eines ungeheuere seen bildendes 
und sich dreifach teilenden flusses kamen, wodurch die Argo- 
nauten aus dem westlichen meere ins östliche gelangten, ist 
schwer zu erraten. Aber das alles berechtigt noch keineswegs, 



286 MÜLLER, HERCTNIA. 

nun alles aus der sage einfach zu verwerfen, nur weil das 
besser zur argumentation passt. Sowol die grossen seen wie 
die aus einer gemeinschaftlichen quelle stammenden drei grossen 
flüsse (Rhodanus, Eridanus = Ticino und Rhenus) weisen mit 
bestimmtheit auf in ihrer ursprünglichsten noch leicht erkenn- 
baren fassung vollkommen richtige nachrichten über die Alpen. 
Nur dieses eine war dabei irrtümlich, dass das gebirge Her- 
cynia genannt wurde, und es ist selbst nicht unwahrscheinlich, 
dass dieser Irrtum wider ursprünglich von den geographischen 
nachrichten über die Alpen unabhängig war, und damit erst 
von den Griechen verbunden wurde. 

Wo und wie der Irrtum entstand, ist schwer abzusehen 
und auch ziemlich gleichgiltig. Die Griechen müssen in Mas- 
silia den namen als den des grössten gebirges im norden ge- 
hört, darunter die Alpen verstanden, und dann mit dem namen 
alles verbunden haben, was sie von dem gebirge wussten und 
hörten. Erst Posidonius, so viel wir bis jetzt wissen, hat eine 
neue richtigere ansieht zui* geltung gebracht. 

ROTTERDAM, februar 1900. S. MÜLLER. 



GERMÄNISCHKS UND SLAVTSCHES. 

1. An. gUpr. 
Aksl. fflupü 'dumm', ein geineinslavisclies wort (Miklosich 
8,67), ist wahrscheinlicli eine alte entlehnung atis dem germ., 
wo ein stamm "(ßöpa- in derselben bedeulung vorhanden war: 
Tgl. ».n. gUpr 'an idiot, baboon', das mit gUpr 'a crime', glap 
'a flaw', afylapi 'an oaf, fool, simpleton', gtapna 'to grow blunt 
or dim', gkpja 'to coufuse, to confound, to begaCe' verwant 
ist (über etwaige anssergerm. beziehtmgen s. Zupitza, Germ, 
gntt. 8.203). Aksl. glupii aus germ. "glöim- ist in einklang 
mit andern alten lehnwörtern, wo germ. ö duich slav. fl ver- 
treten ist (s, Hirt, Beitr. 23, 339). 

2. Mhd. Iittder. 
Hirt (Beitr. 23, 334) meint, dass aksl. hotora (koiera) 'streit' 
aus mhd. hader 'zank, streit' entlehnt sei. Für diese annähme 
dürfte sprechen, dass die sippe von ahd. hadu-, ags. headti-, 
air. eath, gall. catu- 'kämpf, womit man mhd. hader zn ver- 
binden pflegt, wegen des aind. ^dtru- 'feind' palatalen anlaut 
gehabt haben muss. Anderei-seits fällt es aber schwer, aksl. 
kotora von armen, koior 'strage, uccisione' zu trennen, das 
nicht aus dem germ. stammen kann. Das armenische wort 
bedeutet auch 'frammeuto, pezzo', weshalb Zusammenhang mit 
ahd. hadara 'läppen, lumpen' wahrscheinlich ist. Darum glaube 
ich mit Bugge (KZ. 32, 49), dass mhd. Aadcr 'zank, streit' und 
ahd. hadara, yahA. hader 'läppen, lumpen' mit &Vs\. kotora and 
armen, kotor uiTei-want ,siud. Demnach wird hader von ahd, 
hadu- U.8.W. getrennt werden müs.'wn (vgl. Zupitza, Germ. gutt. 
8. 103). 




288 ÜHLENBECK 

3. AM. harfa. 

Ahd. harfa^ ags. hearpe, an. harpa 'harfe' ist bisher nicht 
genügend erklärt worden. Zupitza (Germ. gutt. s. 114 f.) stellt 
es zu an. herpask 'sich krampfartig zusammenziehen'. Besser 
vergleicht Schade 2 s. 374 (nach Fick) lat. crepäre 'rauschen, 
knarren, knistern', wobei aber das i? im germ. Schwierigkeit 
macht. Man könnte freilich *harpö auf "^harppö mit pp aus 
indog, pn zui'ückführen, doch ist dieses nur ein notbehell ') 
Ungleich näher liegt es, das wort mit . ahd. ruofen, ruofan, as. 
hröpan, ags. hröpan, got. hröpjan 'rufen, schreien' zu verbinden« 
Auch dann ist 'die klingende, tönende' als grundbedeutung an- 
zunehmen. Vgl. ferner an. skrapa, mengl. scrapien 'schrapen', 
lit. sJcrebeti 'rascheln', aksl. -skrebq. 'rado', skröbotü 'geräusch' 
und s. Johansson (Beitr. 15, 229). 

4. Ags. A^an. 

Ags. hlt^an 'to give a reputation for, to attribute to', hligsa, 
hlisa 'report, rumour, reputation, fame' scheinen vereinzelt da- 
zustehen. Ich vergleiche aksl. hliknqMy klikati, Tdicati, Miöatt 
'rufen, schreien', Mikü 'ruf, woneben mit r aksl. kricati 'schreien', 
krikü 'geschrei' (dazu stellt man mhd. reiger, ags. hrdgra 'reiher'). 
Eine ganze menge anklingender onomatopoetica findet man bei 
Zupitza (Germ. gutt. s. 123 f.). 

5. Ahd. ka/rpfOy finko. 

Loewe (IF. 10, 78) zweifelt, ob das germ. wort für 'karpfen' 
aus dem keltischen oder aus dem baltoslavischen stamme. Das 
letztere ist aber unmöglich, denn die gleichung mlat. carpa 
'karpfen' : lit. szäpalas 'döbel', aind. gaphara-, gapha/n 'cyprinus 
sophore' (vgl. auch gr. xvjcQlvog, das von Lewy, Semit, fremd- 
wörter s. 16 unrichtig beurteilt wird) beweist, dass wir von 
indog. *karp(hy, *kap(hy auszugehen haben. Schon vor einigen 
Jahren habe ich auf grund von gaphara- für karpfen keltischen 
oder italischen Ursprung angenommen (Beitr. 19, 331). Die slavi- 
schen Wörter sind natürlich deutschen Ursprungs und auch an. 
karfi, das Loewe zu weitgehenden Schlüssen über die Chronologie 

[^) Tatsächlich weist aber das pf etc. dieses wertes im mhd. wirklich 
auf germ. pp zurück , vgl. z. b. Sievers, Oxforder Benedictinerregel s. xii. 
Kauffmann, Beitr. 12, 525. E. S.] 



GEBMAITISCHES UND SLAYISCHES. 289 

der lautverschiebung verwertet, lässt sich am besten als ent- 
lehnung aus aM. Tcarpfo, mhd. harpfe erklären. Ich kann nicht 
unterlassen zu bemerken, dass ich den ganzen aufsatz Loewes 
für durchaus verfehlt halte. Ahd.jp/*ad, ags.^öpd^ ist wahrschein- 
lich kein fremd wort (s. Zupitza, Germ. gutt. s. 24), und ahd. finko, 
ags. finCy schw. fink darf kaum von schw. dial. spink getrennt 
werden, das nicht aus der romanischen sippe entlehnt sein kann. 
Vielmehr beruht mlat. pincio, it. pindone, franz. pinson auf 
einer 5-losen nebenf orm von schw. spink (engl. dial. pink), welche 
im gegensatz zu ahd. finko, das schon vorgerm. sein s ein- 
gebüsst hatte, erst nach dem Übergang der tenues in Spiranten 
durch satzsandhi aufgekommen war. Mit recht stellt man 
finko U.S.W. zu gr. cjclyyog *fink' (s. Prellwitz s. 297). Durch 
das gesagte ist den ausführungen Loewes über das relative 
alter der tenuisverschiebungen der boden entzogen. Nach wie 
vor bleibt es unsicher, ob vorgerm. 2>, t, k gleichzeitig oder 
aber in irgendwelcher chronologischen folge zu Spiranten ge- 
worden sind. 

LEIDEN, april 1900. C. C. UHLENBECK. 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 

1. Aalraupe. Kluge^ 1 meint, dass ahi.ruppa, mhi.rupe, 
ruppe 'aalraupe' kaum mit aksl. ryba * fisch' urverwant sein 
könne. Warum aber nicht? Es gibt ja mehrere fischnamen, 
denen wir auch ausserhalb des germ. begegnen. Ich erinnere 
an hd. lachs : russ. lososi : lit. lasziszä {läszis\ schw. norw. harr 
'thymallus vulgaris' : lit. karszts 'brassen' : kirszlgs 'thymallus' 
(Liden, Beitr. 15, 509 ff.), schw. gärs 'kaulbarsch' : aind.jÄa^a- 
' fisch, eine best, grössere fischart' (Ark. för nord. fil. 15, 154 ft), 
and. grimpo 'gründling' : gr. XQ^/^V^ ^^^ ßsch' (Holthausen, KZ. 
28,282), nl. elft : gr. iXetpirlq 'weissfisch', an. hdr 'hai' : aind. 
Qanku- 'ein best, wassertier' : gakulä- 'ein best, fisch' (vgl. 
Zupitza, Germ. gutt. 133), ags. sceadd : air. scatan 'herring' (vgl. 
Schrader, Reallex. 332 f.). Unsicher ist aschw. gyus 'ein best, 
fisch' : lit. mvis : gr. Ix^vg, lieber ein uraltes wort für 'karpfen' 
(lit. seäpdlas 'döbel' = aind. gaphara- 'cyprinus sophore') habe 
ich oben s. 288 f. gehandelt. Man beachte noch den namen des 
Walfisches ahd. Qi)wal, Qi)welira, ags. hwcel, an. hvalr, der gewis 
mit apr. kalis 'weis' und vielleicht auch mit lat. squalus 'eine 
art Seefisch' zusammenhängt (vgl. Zupitza, Germ. gutt. 55). Und 
soll uns nicht die sichere gleichung hd. fisch : lat. piscis : air. 
iasc bei der beurteilung proethnischer fischnamen vor zu grosser 
Skepsis warnen? 

2. Anger. Ahd. angar 'grasland, grasplatz, ackerland' ist 
nicht nur verwant mit an. eng f., engl n. 'wiese, anger' (Kluge« 15), 
sondern auch mit mnl. enck (dat. enghe) m. 'grasland', nnl. dial. 
eng 'ackerland' (Verdam, Mnl. wb. 2, 670). Bekanntlich gehören 
diese Wörter in die weitverbreitete sippe von aind. äficati 'biegt, 
krümmt', ankd- 'biegung, haken, bug, schoss, zeichen, mal' (s. 
Zupitza, Germ. gutt. 128 f.). Ursprünglich werden angar und 



ZÜB DEUTSOHBN ETTMOLOGhlB. 291 

eng Hiefliegendes land' bedeutet haben wie das ebenfalls hierher 
gehörige gr. ayxog Hai'. Kluge scheint die gleichung ahd. angar 
: aind. aflc- * biegen' abzulehnen, jedenfalls erwähnt er sie nicht. 
Nimmt er etwa anstoss an der bedeutungsentwicklung? Mit 
unrecht, denn von 'biegung, Vertiefung' zu Hiefliegendes land, 
tal, wiese' ist nur ein kleiner schritt. So gehört lat. campus 
zu gr. xafiJtTco und lit. lanJcä 'tal', poln. lq,ka * wiese' zu lit. 
leükti, aksl. l^ti 'biegen'. 

3. Bilch. Nach Kluge ^ 44 wäre ahd. bilih urverwant mit 
russ. belka 'eichhorn', das aber eher eine ableitung von slav. 
belü 'weiss' sein wird. Neben b^Uca stand früher in derselben 
bedeutung b^ica, und davon ist das noch jetzt gebräuchliche 
adjectiv beliöij abgeleitet. Belka und belica sind beide demi- 
nutivbildungen von aruss. bela, das kaum etwas anderes sein 
kann als das substantivierte und in seiner bedeutung specia- 
lisierte femininum von belü 'weiss', denn das eichhom des 
nordens wurde wegen seines weissen pelzes geschätzt, und es 
lag nahe, ihm einen namen beizulegen, wodurch man es als 
'weisses tier' charakterisierte. So heisst der lepus variabilis 
beljak und sein weisses pelzwerk beljaöij mech. Vgl. auch belij 
mech, das 'weisses pelzwerk' im allgemeinen bezeichnet. Ist 
belka aber eine ableitung von büüy dann ist Zusammenhang 
mit ahd. bilih kaum denkbar, denn belü aus indog. ^bhelo- ge- 
hört sicher zur wz. *bhe- 'glänzen'. Auf dieselbe grundform 
führen uns an. bdl, ags. bcel 'Scheiterhaufen' und aind. bhäUi' 
'glänz, Stirn'. Die einzige aussergerm. entsprechung von bilih 
ist cymr. bele 'marder' aus "^belego- (vgl. Stokes, Urkelt. Sprach- 
schatz 173), das von Kluge mit recht herangezogen wird. 

4. Bohren. Aind. bhurij-, das Kluge ^ 51 f. hierher stellt, 
bedeutet nicht 'schere' und ist gewis ferne zu halten. Was 
Kluge als stütze aus dem irischen anführt, ist mir durchaus 
unklar. Die ausführliche behandlung von bhurij- in den Ved. 
Studien (1, 239 ff.) ist ihm entgangen. Dort hat Pischel gezeigt, 
dass unter bhurijau stets zwei arme (z.b. deichselarme) zu 
verstehen sind. Wol mit recht hat Johansson (IF. 2, 23 ff.) es 
mit hd. balken zu vermitteln versucht. Diese ansprechende 
gleichung fehlt bei Kluge ^ 28, wie er sich überhaupt der jüngeren 
etymologischen f orschung gegenüber zu ablehnend verhält. Wa- 
rum erwähnt er z. b. mit keinem worte die von Kern (Tijdschr. 



292 UHLENBECK 

V. ned. taal- en letterk. 4, 316) herrührende etymologie von hoch 
( : aind. hhaj- 'brechen')? Auch das zweifelsohne mit lach ver- 
wante russ. hagno 'sumpf — eine alte vrddhi-bildung — suchen 
wir bei ihm vergebens. Unter här'^ fehlen aind. hhalla-, bhalläka-, 
hhalluka- (vgl. Kern a. a. o. 5, 49 ff.). Bei haxim hat er weder 
Johansson (Beitr. 15, 224 f.) noch Loewe (Die ethn. und sprachl. 
gliederung der Germanen s. 5 fussnote) zu rate gezogen. Die 
evident richtige erklärung von leere als ableitung von norw. 
las, läse 'kleines gebüsch' (Bugge, Beitr. 21, 421) scheint ihn 
nicht überzeugt zu haben. Nach ihm hat llöde keine ver- 
wanten ausserhalb des germ., obwol der vergleich von gr. 
q)XavQoq doch sehr nahe liegt. Der Ursprung von loot, ags. 
Idt ist nicht unbekannt (vgl. Kern, Tijdschr. v. Ned. taal- en 
letterk. 17, 237 ff. Lid6n, Uppsalastudier 86). Bei hraut finden 
wir wol lat. Frutis, nichts aber über möglichen Zusammenhang 
mit aind. Irü-, avest. mru-. Unter luche fehlt kurd. lüjs (Bar- 
tholomae, IF. 9, 271 f.). Bugsieren ist keine 'dunkle ableitung 
zu nl. lbeg\ sondern das wort ist überzeugend von Kluyver 
(Tijdschr. v. ned. taal- en letterk. 13, 158 f.) aus portug. pitxar 
erklärt worden. Diese wenigen beispiele ungenügender berück- 
sichtigung der etymologischen literatur liessen sich erheblich 
vermehren, doch das wäre eine wenig erfreuliche aufgäbe. Mit 
lohren — denn auf diesen artikel bei Kluge will ich näher 
eingehen — ist zwar nicht aind. bhurij- zu vergleichen, sondern 
vielmehr aind. Ihrmäti 'versehrt', avest. 3. pl. IrlnQnti, np. bur- 
{rjidan 'schneiden', aksl. Iriti 'scheren'. Aus dem lateinischen 
gehört noch das mit foräre ablautende ferlre hierher. Es ist 
nicht schwer, noch andere Wörter in diesen kreis hineinzuziehen, 
und dies ist dann auch schon längst geschehen. Die angeführten 
formen genügen aber, um Hübschmanns ansatz *6Äeräi-, *6Än- 
zu rechtfertigen (Pers. Studien 28). Jedenfalls ist *lheräjr der 
Klugeschen wurzel "^Ihar- vorzuziehen, denn diese reicht nicht 
aus, das Verhältnis von foräre zu ferlre aufzuklären. Die grund- 
bedeutung der wurzel war einfach 'schneiden', und daraus sind 
'bohren', 'scheren', 'schlagen' erst abgeleitet. Zur bedeutungs- 
entwicklung von lat. ferlre und an. lerja vergleiche man russ. 
seci 'schneiden, hauen, peitschen'. 

5. Brunnen. Bei Kluge« 60 lesen wir: 'man stellt ftrwwwew 
zu brennen, für das man eine grundbedeutung 'wallen, sieden* 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 293 

(vgl. mhd. nnd. sot 'brunnen, Ziehbrunnen') voraussetzt, ohne 
sie erweisen zu können'. Ich frage aber, ob wir brennen von 
air. brennim ^sprudele' trennen dürfen. Die bedeutungen liegen 
einander doch nahe genug, wie z. b. der gebrauch von hd. 
wallen oder an. ösask beweisen kann (vgtnin ösask, eldr nam 
at ösash). Wenn mhd. söt, ags. sea^ ^brunnen' zu sieden oder 
mnl. welle, ags. wielle, wiell{a) * quelle' zu wallen gehört — 
und darüber kann doch kein zweifei obwalten — , dann wird 
brunnen auch mit brennen, air. brennim zu verbinden sein. 
Aehnlich gehören aksl. virq,tükü, serb. vrutdk ^quelle', slov. 
vröcnica 'quellwasser', serb. vrelo, czech. vHdlo ^quelle' und. 
andere Wörter mit derselben bedeutung zu aksl. vWeti * wallen, 
sieden, sprudeln, kochen', variti 'kochen', und hängt gr. q)QeaQ 
{*<PQ7jfaQ) 'brunnen', armen. aXbeur 'quelle' mit hd. braten, 
brodem (ahd. brätan, brädam) zusammen. 

6. Bulle. Kluge® 64 und Franck 158 betrachten nd. bulle, 
nl. bul, engl, bull 'stier', an. boli 'dasselbe' als urverwant mit 
lit. biilius, das natürlich ein lehnwort aus dem niederdeutschen 
ist. Kluge lässt bulle unerklärt, Franck aber stellt es zu 
bullen, bullen, das in deutschen mundarten 'brüllen' bedeutet 
und mit bellen in ablaut steht. Doch könnte bulle ursprüng- 
lich 'grosses, starkes tier' bedeutet haben und. zur indog. wz. 
"^bheuä- 'wachsen' = *bheuä- 'werden' gehören (vgl. Osthoff, 
Suppletivwesen 66 f.). Dazu gehört u. a. aind. bhüri- 'reichlich, 
viel, gross, gewaltig'. Diese auffassung von bulle findet eine 
stütze in aind. mahishd- 'büffel', eig. ein adjectiv mit der be- 
deutung 'gross, gewaltig', und in got. aühsa, aind. ukshdn-, 
falls es auf *aweks- 'wachsen' (got wahsjan, diini. ükshati, gr. 
ai^cai) beruht. 

7. Butte. Nd. butte, mnl. butte, botte 'ein seeflsch' harrt 
noch immer der erklärung. Das daneben stehende starke mas- 
culinum mnl. but, bot ist wol nicht ursprünglich. Ich gehe aus 
von urgerm. *buttön- (woneben vielleicht *buttjön- wegen butte 
neben botte) und stelle dies mit tt aus dhn zu indog. '^bhudhno- 
'boden, grund, meeresgrund' (aind. ftiidÄna- u.s.w.). Vorgerm. 
%hudhn{^ön- ist also eigentlich 'zum meeresgrunde gehörig, 
in der meerestiefe lebend'. Denominative bildungen mit -öh- 
iriön-) sind im indog. gar nicht selten (vgl. Brugmann, Grundr. 
2, § 114 115). 



294 UHLEKBECR 

8. Drohen. Ahd. drouwen, ags. prea^ean 'drohen', ahd. 
drö, Sig&.prea 'drohung' sind kaum von russ. travit^, poln. tratoid 
* hetzen, jagen' zu trennen (indog. wz. *trau-). Meines Wissens 
hat niemand diese gleichung aufgestellt. Anders Schade 109. 
Kluge« 83. 

9. Duft. Nach Kluge« 85 ist mhd. tuft, dufl 'duft, dunst, 
nebel, tau, reif dunkeln Ursprungs. Schade 965 vergleicht nL 
duf, nd. dtiff 'feucht, dumpfig, dumpf, das mit hd. taub, toben 
verwant ist und wol zunächst auf indog. *dhttbh' beruht Wir 
können duft aber auch aus ^dhttp- herleiten und aind. dhüpa- 
'räucherwerk', dhüpdyati 'räuchert' vergleichen. Jedenfalls 
gehört duft, wie schon Persson (Wurzelerw. 285) angenommen 
hat, zu einer labialerweiterung der wz. *dhu- (^dheuä-). 

10. Düster. Nd. düster, and. thiustri, eLgs.pystre, peostre 
scheint nach Kluge « 87 vereinzelt dazustehen. Eine indog. wz. 
*teus' liegt aber vor in russ. tusk 'triibung', tusUyj 'dunkel, 
trübe', tusknuU, ^wsAweW dunkel, trübe werden', serb. natuätiti 
se, stuititi se 'sich verfinstern'. Falls der begriff 'dunkel' sich 
aus dem der ruhe und stille entwickelt haben kann, dürfen wir 
an die folgende sippe anknüpfen: aind. tüshyati 'ist zufrieden' 
(eig. 'ist ruhig'), tushnim 'stille, schweigend', apr. tusstse 'er 
schweige', tusnan 'stille', bulg. ra^tusa 'tröstet' (eig. 'beschwich- 
tigt'), ^dhi. potuszyö 'ermutigen'. 

11. Eben. Ahd. eban, got. ibns wäre nach Kluge« 87 
vielleicht mit got. ibuks 'sich rückwärts bewegend' und mit nd. 
ebbe zu verbinden. Diese nur auf gleichklang beruhende und 
semasiologisch unbegründete Vermutung ist mit bestimmtheit 
abzulehnen. Aber weshalb verwirft Kluge die von Johansson 
(Beitr. 15, 229 f.) vorgeschlagene anknüpfung an lat. imitor, 
imägo, aemulor? Woher kann er wissen, dass die vorgerm. 
grundform *epno- oder *ebhno- lautete? Warum nicht Hmno-? 
Denn auch dieses konnte im germ. nur zu ^ebna- werden (ags. 
emn ist bekanntlich zunächst aus efn entstanden, denn sonst 
würde das e vor m zu i geworden sein). 

12. Eis. Ich deute germ. *i5a- n. (m.) 'eis' als 'das schlüpf- 
rige' und stelle es zu aind. esÄa^i 'schleicht, gleitet'. Dieselbe 
bedeutungsentwicklung vermute ich bei aksl. ledü 'eis', das 
vielleicht aus indog. \s)ledho- entstanden ist und mit an. sUÖ 
'spur', «üöiJi 'was nachgeschleppt wird', 5i^(Ja 'schleppen', äW^mt 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 295 

pl. * schleppendes kleid, schleppe' ablautet. Weitere spuren 
einer wz. *sledh- ^gleiten' hat Johansson (Beitr. 14, 324 f.) nach- 
gewiesen. Ich erwähne nur isl. slgär * Vertiefung', norw. slad 
Masselbe', slade *ein sanft geneigtes fast flaches feld', schw. 
dial. sladar 'geneigt', sladd 'ackerwalze', ags. slced Hai', in 
denen die stufe '^slodh- vorliegt. Grössere Verbreitung als 
"^sledh- hat die wurzelvarietät *sleji,dh- (ags. sUdan * gleiten', 
slidor 'schlüpfrig', lit. slt'düs 'glatt', slysti 'ausgleiten', aksl. 
sledü 'spur' u.s.w.). 

13. Elbs. Mit recht stellt Kluge« 92 ahd. elbi$, ags. iel- 
fetu, an. elptr, ^Ipt, aksl. leiedt zu lat. albtcs. Hierher gehört 
auch nl. elft, alft 'weissflsch', auf dessen identität mit ahd. 
eibig ' Schwan' Franck 232 aufmerksam gemacht hat. Man 
beachte das wurzelverwante gr.iXa(fiTlg 'weissflsch' {-AXi^äq 
'elfenbein' : aXq^oq 'weisser fleck auf der haut'). 

14. Esche. Ahd. asc, ags. msc, an. askr aus indog. '^a'sk{h)0' 
ist am nächsten verwant mit gib. armen, hathsi aus ^a'^skhio- 
(Hübschmann, Armen, gramm. 465), das wir bei Kluge « 99 ver- 
gebens suchen. Als entferntere anverwante von esche nennt 
er slav. jasika und lit. üsis, ohne aber auf die bedeutungs- 
differenz aufmerksam zu machen. Lit. 4sis, apr. woasis be- 
deutet 'esche', gerade wie russ. jaseni, südslav. czech. jasen, 
poln. jasien, welche sla vischen Wörter bei Kluge fehlen. Süd- 
slav. jasika aber bezeichnet nicht die esche, sondern die espe 
(populus tremula), weshalb Miklosich 100 und Schrader (Real- 
lex. 206 f.) vorziehen, es mit hd. espe, ahd. aspa, ags. tesp, apr. 
abse, lett. apsa, lltapuszis, r\iS8,osina, poln. ö^'Ära, osina u.s.w. 
zu verbinden (Kluge« 99 vergleicht espe nur mit lat. arbor, das 
nach aus weis der baltoslav. formen nicht dazu gehört: wenn 
Kluge hd. wespe mit aksl. osa, lit. vapsä als verwant betrachtet, 
warum trennt er dann hd. espe von seinen slavischen ent- 
sprechungen?). Ich möchte aber ^'a^iia trotz der abweichenden 
bedeutung gerne mit jaseni zusammenhalten, umsomehr weil 
auch das wahrscheinlich hierher gehörige gr. dxsQ - colg nicht 
die esche, sondern die pappel andeutet. Bei Kluge vermissen 
wir noch lat. ornus aus *ösinus 'bergesche', das sich nahe an 
russ. jasen^ anschliesst, und die bei Stokes 51 s. v. onnä ver- 
zeichnete keltische sippe. 

15. Etter. Ahd. etor, ags. eodor, an. ja^arr 'zäun' scheint 



296 UHLENBECK 

nach Kluge« 100 ausserhalb des germ. nicht widergefunden zu 
sein. Ich vermute Zusammenhang mit aksl. odrü *bett' (eig. 
^gesteir), czech. odr 'pfähl', odry 'gerüst in der scheune' u.s.w. 
(s. Miklosich 219 f.). Wir haben dann auszugehen von indog. 
*edhrO' (hd. etter) : *odhro- (slav. odrü). 

16. Faser. Ahd. faso, fasa 'faser, franse', ags. fces 'franse' 
werden bei Kluge« 105 nicht erklärt. Doch hat Miklosich 23i 
ansprechend slav. pasmo 'gebind, bindgam' herangezogen. Zu 
pasmo gehört wahrscheinlich bulg. pasmina 'rasse', und so 
dürfte es als möglich erscheinen, dass auch ahd. fasal 'junges, 
nachkommenschaft' mit faso, fasa verwant wäre. Schon Mi- 
klosich hat pasniina mit fasal verglichen. Zwar vermutet 
Kluge (s. V. faselschwein) Zusammenhang von fasal mit lat. 
pario, dessen r aber auf grund von partus und von lit. periü 
'brüte' als ursprünglich zu betrachten ist. Schade 200 stellt 
fasal zu mhd. visel 'männliches glied', was jedenfalls als mög- 
lich bezeichnet werden muss. Dennoch glaube ich auf grund 
von pasmina eher verwantschaft von fasal mit fasa, faso an- 
nehmen zu müssen. Die grundbedeutung von fasal ist dann 
'faser, faden', woraus sich leicht 'geschlechtsfaden, nachkommen- 
schaft' entwickeln konnte. Eine treffende parallele bietet uns 
aind. tdntu- 'faden, schnür, saite, ausläufer, faser, geschlechts- 
faden, reihe der nachkommen, nachkommenschaft'. 

17. Fehme. Mhd. veime 'Verurteilung, strafe, heimliches 
Strafgericht' gehört wahrscheinlich zur indog. wz. *p^*- in got. 
faian 'tadeln', fijan 'hassen', lat. p^or 'schlechter', gr. jc^/ia 
'leid, verderben', aind. piyati 'schmäht, verhöhnt', piyakar 
'schmäher', piyü-, ptyatnü-, ptyäru- 'schmähend, höhnisch', 
päpd- 'schlimm, böse, schlecht', päpmdn- ' Unheil, schaden, sünde'. 
Anders Kluge« 107. Franck 1060 f. 

18. Fessel. Ich möchte ahd. feggil 'band, fessel, schwert- 
gehenk', ags. fetel 'schwertgehenk', an. fetill 'band, binde, 
schwertgehenk' nicht von ahd. fe^^era, as. fetur, ags. feter, 
an. fjgturr 'fessel' trennen (anders Kluge« 110): beide Wörter 
gehören zweifelsohne in die sippe von hd. fassen. Eine spur 
von germ. yatila- = hd. fessel glaube ich im slavischen nach- 
weisen zu können: vgl. dikBl.petlja 'band, gehenk', das sich als 
entlehnung aus einer niederdeutschen form mit umlaut (etwa 
*fetilja f.) erklären lässt. 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 297 

19. Fisch. In meinen bemerkungen zu aalraupe : aksl. 
ryba habe ich einige flschnamen besprochen. Nach Kluge 
wären diese wol alle als wandernde culturwörter zu betrachten, 
denn selbst über fisch äussert er sich f olgendermassen (« 114): 
'vielleicht ist das wort fi^ch ein wanderndes culturwort ge- 
wesen, dessen quelle für uns unauffindbar ist'. Ach, die arm- 
seligen, culturlosen, flschlosen Urindogermanen! So hat 
Kretschmer (Einl. in die gesch. der griechischen spräche 21) 
hijoch, IdiLjtigum, gr. gvyor, aind. ywjfam für ein altes wander- 
wort erklären wollen. Freilich gibt es keine Wörter ohne 
Wanderungen. Doch soll uns die hyperkritik nicht zu weit 
abführen von der nüchternen beurteilung sprachlicher tatsachen. 
Mir bleibt es wahrscheinlich, dass unsem vorfahren der weitest 
zurückliegenden proethnischen perioden, ja den palaeolithischen 
menschen Europas, die fische nicht unbekannt waren. Nun 
gibt es zwar kein in allen indog. sprachen auftretendes wort 
für 'fisch': hier ^pe^ko- : ^piski-, dort i^^vtj — zuvis — deukn, 
bei den Slaven ryla, im fernen osten matsya-. Aber es gibt 
auch kein wort für 'vater', das allen indog. sprachen gemein 
ist (das baltoslavische ist ja auch indogermanisch). Vermutlich 
wird der eine oder der andere sociologisch geschulte forscher 
bald auch in indog. *x>9ter- ein wanderndes culturwort erblicken, 
dessen Verbreitung mit dem aus matriarchalischen zuständen 
emportauchenden begriffe der Vaterschaft hand in band geht! 

20. Flieder. Mni, vleder, BJ8,fliodar,*fliothar, nl. vUe(de)r 
(Klügeln?) kann mit \it putinas 'wasserholunder' zusammen- 
hängen, falls dieses unter dem einfluss von püti 'faulen' an die 
stelle von *plutinas getreten ist. 

21. Föhre. Mit Kluge« 120 betrachte ich verwantschaft 
von ßhre mit lat. quercus als sicher; nui* haben wir von in- 
dog. p im anlaut auszugehen (vgl. Hirt, IF. 1, 479 ff.). Mit 
staunen lesen wir bei Kluge in diesem artikel: ^ flehte, hirke, 
buche, föhre sind die wenigen baumnamen, deren existenz über 
das germ. hinaus zu verfolgen ist'. Wo bleiben ähorny eiche, 
erle, esche, espe, felber, ha>sel, lehne, linde, sal(wetde\ weide 
u. a. m.? Mit solchen behauptungen soll man doch vor- 
sichtig sein. 

22. Geck. Mhd. gec {ck) 'alberner mensch, narr, possen- 
hafter mensch', nl. gek 'narr', isL gikkr 'a pert, rüde person' 

Beiträge xur geschichte der deutschen spräche- XXVL 2Q 



298 ÜHLENBECK 

ist bisher nicht erklärt worden (vgl. Kluge ^ 136. Franck 275). 
Ich vermute eine grundbedeutung 'schief, fehlgehend' und ver- 
gleiche an. geiga 'to take a wrong direction, to rove at ran- 
dom', lata augun geiga Ho look askance', geigr *a scathe, a 
serious hurt, danger, a squint, a leer', ags. for^ce^an, ofer^ce^an 
* seine pflicht verletzen, übertreten'. Das kk von geck ist dann 
auf ghn zurückzuführen. Man beachte noch poln. ssessowaö, 
zezem patrzec 'schielen', zezowaty, zezooki 'schielend' i^äisü 
aus *ghigho'?). Nicht ganz sicher ist verwantschaft von aind. 
jihmd- 'schräg, schief (vgl. Kern, Taal en letteren 9, 189). 
Bestimmt abzulehnen ist die gleichung an. geiga : lit. zvaigineju 
(Zupitza, Germ. gutt. 97), denn indog. ghu im anlaut vor anderen 
vocalen als u hätte im germ. nur w ergeben können. 

23. Gerte. Trotz Kluge ^ 142 hat ahd. gartea, gerta, ags. 
^erd, ^ierd, ^yrd nichts mit got. gazds zu schaffen. Dies hat 
Cosijn (Tijdschr. v. ned. taal- en letterk. 13, 19 fl) gezeigt. ») 
Die gleichung gerie i aksl. zrüd^ wird von Kluge mit unrecht 
Cosijn zugeschrieben. 

24. Grau. Ahd. gräo, ags. grceg, an. grdr gehört vielleicht 
zu lit. zereti 'glänzen', aksl. ztreti 'glänzen, sehen' (so jetzt 
Hirt, Indog. ablaut 80). Andererseits lässt germ. *grewa- sich 
auch auf indog. "^ghreuo- (mit labiovelarer media aspirata im 
anlaut) zurückführen, denn vor consonant gieng die labialisa- 
tion lautgesetzlich verloren : vgl. got. gretan, mhd. grämen 'weinen' 
und got. *grötjan, ahd. gruo^an 'grüssen' zu gr. ^jpagco. Dann 
aber ist es möglich, *grewa- mit aksl. zeravü 'glühend' zu 
verbinden, das auf *indog. gheröuo- beruhen kann und mit aksl. 
5fore7i 'brennen', gfre^i 'wärmen', hi.warm, Simi. gJiarmd- n, s.w. 
verwant ist. Die bedeutungsentwicklung von *grewa- wäre also 
''glühend, glänzend, weiss, grau'. Danach ist Kluge ^ 150 zu 
vervollständigen und teilweise zu berichtigen. 

25. Hagel. Ich vermute, dass ahd. hagal eigentlich 'das 
weisse' bedeutet hat, und stelle es mit gr. xax^rj^ 'kiesel' (ur- 
spr. 'weisses steinchen') zu aind. kahlära- 'weisse Wasserlilie'. 
Vgl. Kluge «157. 

26. Hager. Kluge« 157 kann das wort nicht erklären. 

[^) S. aber jetzt auch Sievers, Zum ags. yocalismus, Leipzig 1900, 
s.24ff. E. S.] 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 299 

Zupitza (Germ. gutt. 104) lässt es aus "^karger dissimiliert und 
mit aind. Irgd' verwant sein, was allerdings möglich ist. Das 
wahrscheinlichste ist mir aber, dass hager mit aksl. cemq>ti 
^deflcere' auf einer indog. wz. ^kegh- beruht. 

27. Hauste. Mhd. huste ^auf dem felde zusammengestellter 
häufen getreide, heu' kann mit an. haust ^herbst' in ablaut 
stehen, falls dieses ursprünglich * ernte' bedeutet hat. Beide 
Wörter gehören vielleicht zu einer indog. wz. ^keus-, "^kous-, 
"^hüs- ^schneiden', wozu sich noch russ. hust * Strauch' und bulg. 
jfcw5 ^gestutzt, kurzgeschwänzt' stellen lassen. Jedenfalls wird 
es kaum gelingen, an; haust mit hd. herbst zu vermitteln. 
Anders Kluge« 165. 172. 

28. Heister. Mhd. heister * junge eiche oder buche' aus 
Viaistra- steht nach Kluge « 170 und Franck 351 ohne an- 
knüpfung da. Bei der erklärung des wortes dürfen wir von 
der allgemeinen bedeutung 'unerwachsener bäum, niedriges 
holzgewächs, Strauch' (nl. heester) ausgehen. Vielleicht geht 
"^haistra- auf indog. *ka^sro- zurück, welchenfalls es mit aind. 
kesara- aus *kesra- identisch sein kann. Dieses bedeutet: 
'haar, mahne, Staubfaden, faser, rottleria tinctoria, mesua 
ferrea, mimusops elengi' ('als pflanzenname zu belegen, aber 
nicht näher zu bestimmen' Böhtlingk). Das Verhältnis von 
kesara- zu lat. caesaries 'haupthaar' ist nicht ganz klar: jeden- 
falls ist kesara- aus *kesra- entstanden, denn sonst hätte es 
"^keshara- lauten müssen (vgl. Wackernagel, Aind. gramm. 1, 232). 
Anders über heister Prellwitz 149 (: gr. xlod^agog, xiod^og, 
xlöTogy wozu Lewy, Die semit. fremdwörter 46 f. verglichen 
werden soll). 

29. Hinde. Bei Kluge« 175 finden wir die alte und be- 
währte gleichung ahd. hinta, ags. an. hind : gr. xsfiag (-arf-). 
Der dental des germ. wortes braucht aber nicht ableitend zu 
sein, denn der gr. genitiv xsfiäöog wird sein d statt des zu 
erwartenden t von stammen wie ösigdö-, aind. drshdd- über- 
nommen haben. Germ. *hindjö- aus ^kemt^d- (für indog. "^kemtii-) 
ist eine femininbildung zu indog. *kefn9t; gr. ^xsfiar- (xsfidg). 
Falls gemse, ahd. gami^a, gamu? ein lehnwort aus dem kelti- 
schen ist (vgl. Kluge « 140), kann es ebenfalls hierher gehören. 
Spätlat. camox, ital. eamozza u.s.w. scheinen mit ahd. gavm^a^ 
gamug auf gall. ^kamat- hinzuweisen. Gemse als urverwant 

20* 



300 UHLENBECK 

mit xsfiag zu betrachten, wie man früher wol getan hat, ver- 
bieten die lautgesetze. 

30. Ka backe. Das von Kluge ^ 188 verzeichnete dialek- 
tische wort für 'baufälliges haus' erinnert an russ. Icabak 
'schenke'. Ist es vielleicht daraus entlehnt? 

31. Kegel. Kluge« 200 sagt: 'Ahd. hegü 'pflock' (got. 
*kagils) könnte mit gr. yo/i^og (g) für gh) 'pflock, hölzerner 
nagel, keil' — mit nasalierung der Wurzelsilbe — verwant 
sein'. Und für knebel, got. *]cnabüs (213) vermutet er eine 
Wurzel *gombh', ^gonhh-, welche ebenfalls durch gr. y6fiq)og 
repräsentiert sein könnte. Die Wahrheit ist natürlich, dass 
yofKfog weder zu kegel, noch zu knebel gehört, sondern dem 
freilich in der bedeutung etwas abweichenden kämm entspricht, 
wie man bei Kluge« 191 lesen kann. Es sollte einem doch 
nicht einfallen, y6fiq)og von aksl. jsq,bü und aind. jdmbha- zu 
trennen! Dann zweifelt Kluge, ob lit. iaginiat pl. 'palisaden, 
pf Osten', zägaras 'dürrer ast' zu kegel oder zu kufe 'Schlitten- 
kufe' gehören. Aber germ. /'ist doch nicht lit. g\ Wahrschein- 
lich ist kufe 'Schlittenkufe' eine Umbildung von ahd. chuohha 
(s. Kluge« 230) unter dem einfluss von kufe 'gefäss'. Das buch 
Zupitza's hätte Kluge in diesem und in vielen andern fällen 
zur vorsieht mahnen können. Er hat es nur ausnahmsweise 
berücksichtigt. Was kegel anbetrifft, so sind zunächst drei 
möglichkeiten in erwägung zu ziehen: 1) es kann mit lit. ia- 
giniat, zägaras zusammengehören; 2) es lässt sich mit lett. 
dzeguli 'zinken an tischlerarbeiten', bulg. zegla, zegül 'holz- 
zapfen zur Verbindung der beiden jochteile' vergleichen; 3) es 
beruht vielleicht mit aksl. zedü, zMü 'rute, stab' auf einer 
WZ. "^gegh- (vgl. Beitr. 21, 101 f.). Natürlich ist für *kagils auch 
eine grundform mit indog. tenuis im inlaut zulässig, doch findet 
eine solche keine stütze in den verwanten sprachen (an Zu- 
sammenhang mit lat. baculum, nd. pegel ist natürlich nicht zu 
denken) und kann deshalb ausser betracht bleiben. 

32. Kot. Die betrachtungen über etwaigen Zusammenhang 
zwischen hd. kot 'stercus' und aind. gutha- hätte Kluge« 222 
unterdrücken sollen (vgl. Brugmann, IF. 5, 375 f.). 

33. Krawall. Das nach Kluge« 225 erst nach 1830 auf- 
gekommene wort ist vielleicht slavisch: vgl. russ. kramola 'auf- 
ruhr' (s. Miklosich 131). Bei der physiologischen verwantschaft 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 301 

von w und ni ist der ersatz des einen lautes durch den andern 
in einem fremdworte kaum auffällig. 

34. Kreischen. Das von Kluge ^ 226 citierte mhd. hyen 
ist identisch mit mnd. Icrtten, mnl. crUen, nl. krijten (s. Franck 
518). Wenn Busbeck got. gretan, krimgot. "^grlten durch criten 
widergibt, so kommt das dadurch, dass er irrtümlich an nl. 
Jcrijten * weinen' dachte. Dies hat Loewe (Die reste der Ger- 
manen am Schwarzen meere 133) nicht erkannt. Vermutlich 
ist germ. "^hrltan ^schreien' mit germ. *kritjön, ahd. Icrizjzön 
'einritzen' verwant, wie schon Franck vermutet hat. Die be- 
deutungsverschiedenheit hat ein analogon in got. hröps, hröpjan : 
an. slcrapa (Johansson, Beitr. 15, 229). Dann aber haben wir 
^krltan als eine nebenform von got. -sTcreitan (disskreitan ^zer- 
reissen') zu betrachten. Anders Persson, Wurzelerw. 195. 

35. Kriechen. Ahd. kriohhan darf nicht ohne weiteres 
mit ags. creopan, an. krjüpa ( : as. krüpan, mhd. krüfen) gleich- 
gesetzt werden. Mit kriohhan vergleicht Zupitza (Germ. gutt. 
212) ir. gruc 'runzeP, was ich dahingestellt sein lasse. Aber 
der labial von germ. Vcreopan, *krüpan ist zweifelsohne vor- 
germanisch, wie aus lit. gruhineti ^straucheln, stolpern', grüblas 
'rauhe Unebenheiten, holpern' hervorgeht. Dagegen darf aksl. 
grubü 'rücken' nicht herangezogen werden (urslav. *gürbü 
wegen russ. gorb u.s.w.). Eher gehört ir. grobach 'runzelig' 
hierher, das Zupitza (a.a.O.) mit *kreopan vergleicht. Jeden- 
falls aber genügen die von mir genannten lit. Wörter, um für 
^kreopan eine vorgerm. wurzel ^greub- zu erweisen. Eine 
Wurzelvarietät mit indog. tenuis im auslaut scheint in gr. ygvjtog 
'gekrümmt' vorzuliegen (vgl. Kluge ^' 229. Franck 513. Zupitza 
a. a. 0.). Anders Kluge <^ 227. 

36. Lab. Kluge 6 234 vermutet Zusammenhang mit got. 
lubja-, an. Zy/'u.s.w., indem er sagt: 'das ablautsverhältnis 
von lab zu lubja entspricht etwa dem von hd. nase zu ags. 
nosu, engl. nose\ Dies kann nicht richtig sein, denn lubja- 
hat vorgerm. u (vgl. air. luib 'kraut, Strauch, pflanze'). 

37. Laub. Die nicht gerade neue etymologie dieses 
Wortes, welche an lat. lüpti, aksl. lupiti 'schälen, abziehen' 
anknüpft, fehlt auffälligerweise bei Kluge ß 238. Zur stütze 
derselben weise ich hin auf czech. lup 'schuppe, blättchen', 
lupen 'blatt' (s. Miklosich 176). 



302 UHLENBECK 

38. Liederlich. Ob liederlich mit ags. lyäre ' elend, schlecht ' 
zusammengehöi-t, weiss ich nicht. Sicher aber ist lydre von 
gr. eXtv^tQOQ zu trennen, denn dieses gehört mit lat. liber, 
osk. luv fr eis (vgl. Brugmann, Grundr. 1^, 107. 197) zur wz. 
Heudh- in got. liudan u.s.w. Ich stelle ags. lyäre und unter 
vorbehält auch liederlich, lotter- zu aksl. IjutU ^saevus' (s. Mi- 
klosich 172), womit Prellwitz 187 und Berneker (IF. 10, 153) 
ansprechend gr. Xvöoa 'kriegswut, raserei, leidenschaft' {^Xvriä) 
verbunden haben. Anders Kluge « 249. 

39. Linde. Am nächsten stehen die von Schrader (Sprach- 
vergl. und Urgeschichte 2 341) und Mikkola (BB. 21, 220) ver- 
glichenen slav. Wörter: poln. l^t ^abgeschälte linde' (im aus- 
druck jak l^t goly), klruss. lut 'rute', lute 'weidenzweige, 
lindenbast', wruss. lut 'hast einer jungen linde', russ. lutje 
'lindenwald für hast', aksl. Ig^ta 4anze' (*lg,^a). Vgl. jetzt 
auch Schrader (Reallex. 503), der auf die bedeutung des linden- 
bastes im alten Europa hinweist. Mit unrecht aber hält er 
russ. lapott 'bastschuh' für dunkel, denn es ist wol sicher eine 
ableitung von indog. *lep' * abschälen, abrupfen, abblättern' in 
slov. lepen 'blatt', bulg. lepen ' Schierling', sorb. lopjeno 'blatt', 
lit. läpas 'dasselbe', gr. Xijcog, Xojioq 'rinde', XtJtG) 'schäle 
ab'. Ursprünglich wird lapott ein synonym von lyho und luh 
gewesen sein. Gern möchte ich auch das anklingende aksl. 
lipa, lit. lepa 'linde' auf eine wurzel mit der bedeutung 'ab- 
schälen' zurückführen (vgl. die russischen ausdrücke obodrali 
jego hak lipku, lipka oiodrannaja): vielleicht stand neben Hep- 
(gr. Xsjtw) und Heup- (aksl. lupiti) auch eine varietät ^leip-. 
Dazu noch aksl. lisu 'fuchs' aus *lipsü wie lit. läpe zu Hep-? 
Vgl. Schrader, Reallex. 259. Die ursprüngliche bedeutung von 
*lep', Hej^', *leup' war eine allgemeinere als 'abschälen' und 
läpe] lisu könnten den fuchs als 'räuber' bezeichnet haben. 
Auch aksl. listU 'blatt' (Hipstü?) wäre möglicherweise hierher 
zu stellen, doch fällt es schwer das wort von lit. laXsekas zu 
trennen. Soviel über lipa. Was linde — Iqt anbetrifft, haben 
wir eher von dem begriffe der geschmeidigkeit auszugehen, 
denn trotz Kluge« 249 f. ist es wol mit lat. lentus 'biegsam, 
geschmeidig, träge', hd. lind, gelinde zu verbinden. Eine 
Wurzel Hent-, Hnt- 'biegsam sein' vermute ich weiter noch in 
ahd. lindf lint, an. linnr 'schlänge' (mit urgerm. n^ und des- 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 303 

halb nicht zu lit. lendü ^krieche') und in aind. lata * Schling- 
gewächs, liane, ranke' (aus *lnta). Ob gr. kXdxi] ^flehte' und 
lit. lentä 'brett' in diesen Zusammenhang gehören, ist mir jetzt 
fraglich. 

40. Mark. Falls man auf grund von ahd. mar(a)g, as. 
marg, ags. mearg, an. mergr mit Kluge® 260 aksl. mozgü und 
avest. majsga- auf indog. *ma^gho- zurückführt, dann fordert 
aind. majjdn- eine besondere erklärung, denn hier kann von 
'regelrecht aufgegebener aspiration' keine rede sein. Auch 
kann "^mazgho- (*mo^gho-?) wegen seines gh nicht unmittelbar 
zu aind. majj- gehören. 

41. Meiden. Die bei Kluge« 265. 270 behandelte sippe 
von meiden, missen zeigt die bedeutungen 'entbehren, ver- 
meiden, verhehlen'. Ich vergleiche zunächst apr. m^itint 'ver- 
lieren' (anders Zupitza, BB. 25, 99). 

42. Meinen. Ich beurteile dieses wort anders als Kluge ^^ 
265. Hier will ich nur bemerken, dass ags. mcenan, "^mdnian, 
engl, to moan 'klagen' wahrscheinlich in einen ganz anderen 
Zusammenhang gehört. Ich halte es nämlich für eine ableitung 
von indog. *m<J^'- 'brüllen, blöken, schreien' in aind. mimäti, 
mäyü-, Dass wir mit einer dff Wurzel zu tun haben, geht aus 
formen wie mimeti, dmlmet, mimäya, memyat genügend hervor. 

43. Moder. Kluge« 271 scheint den versuch Hoffmanns 
(BB. 18, 290 f.) mudde u.s. w. mit gr. äoig 'schlämm eines flusses' 
zu vermitteln, durchaus abzulehnen. Auch ich glaube, dass 
aoig sich besser erklären lässt. Nicht dass ich es mit Jo- 
hansson (IF. 2, 58) zu ahd. mäsa stellen möchte. Eher meine 
ich, dass aoig sich am besten mit ags. adela 'schmutz' und 
sippe (s. Franck 2 f.) vergleichen lässt. Bei dieser auffassung 
ist äöcg auf indog. "^ati-s zurückzuführen und können wir der 
immerhin etwas bedenklichen annähme von m im wortanlaut 

o 

entbehren. Warum fehlt bei Kluge die alte combination von 
moder — mudde mt di.Yest. mupra- 'unreinigkeit, schmutz', aind. 
mütra- 'harn'? Vgl. Franck 640 f. und die bei Persson (Wurzel- 
erw. 155) behandelte gruppe. 

44. Möwe. Germ. *m>aixwa-, *m^i(g)wi- 'möwe' ist nach 
Kluge 6 274 in den anderen sprachen nicht widergefunden. 
Schon früher habe ich die Vermutung ausgesprochen, dass wir 
es mit einer alten farbenbezeichnung zu tun haben, und aind. 



304 ÜHLENBECK 

mecaJca- ^dunkelblau, dunkelfarbig' herangezogen. Wir brauchen 
aber nicht anzunehmen, dass mötve ursprünglich der name eines 
dunkeln vogels gewesen sei, denn die begriffe ^hell' und ^dunkel' 
stehen einander semasiologisch sehr nahe. Wahrscheinlich be- 
ruhen möwe und mecaJca- beide auf einer indog. wurzel *meiq-, 
*mojiq' 'glänzen', welche in lat. micäre 'funkeln, blinken' und 
in obersorb. milcac 'zwinkern', niedersorb. miknuS 'schimmern' 
vorliegen kann (die anklingende sippe von aksl. mignq^ti hat 
wol indog. gh, vgl. J. H. Kern, IF. 4, 110). Dann ist die möwe 
unmittelbar nach ihrer glänzendweissen färbe benannt worden. 

45. Nachen. Die erklärung von germ. "^naqan- aus "^nawan- 
zu gr. vav(; u. s. w. scheitert nicht so sehr an der Unsicherheit 
der lautentwicklung w > q, wie an dem umstand, dass indog. 
*wäw- festes ä hat (s. Streitberg, Zur germ. Sprachgeschichte 
48 ff. 53 f. IF. 3, 336 f. 359 f.). Wir hätten wenigstens ""noqan- 
zu erwarten. Ebenso verwerflich ist der erklärungsversuch 
Zupitzas (Germ. gutt. 92), der "^naqan- mit einer ursprünglichen 
bedeutung 'waschtrog' und mit ablautsentgleisung zu gr. vi^m, 
t^jizw, aind. nenekti stellt. Eher hätten wir mit Lidfen (Stud. 
zur aind. und vergl. Sprachgeschichte 34) aind. naga- 'bäum' 
zu vergleichen. 

46. Napf. Wie verhält sich germ. ^hnappa- (ahd. hnapf, 
ags. hncep) zu aksl. konohu 'pelvis', das Miklosich 127 heran- 
zieht? Beruhen beide auf einer zweisilbigen wurzel ^ka^'na^b- ? 
Vgl. etwa aind. kambu- 'muschel' neben garribu-. 

47. Nock. And. *ÄwoMa, älter-nnl. wocÄe, nl. nö7c (woraus 
nhd. nock nach Kluge« 284 entlehnt ist)^) zeigt die bedeutungen 
'gipfel, spitze, dachfirst' und gehört nach Franck682f. mit 
isl. hnükr (hnjükr) 'bergspitze' zusammen. Femer vergleicht 
er isl. hnokinn 'gekrümmt' ( : hnüka 'kauern') und an. hnykkja 
*to pull or tug', deren bedeutungen aber zu weit abliegen. 

\}) Dass das wort noch im hochd. überall lehnwort sei, ist jedoch 
unwahrscheinlich angesichts seines auftretens in nicht gerade wenigen berg- 
namen der deutschen Alpen. Vgl. z. b. in dem einen typischen Verbreitungs- 
gebiet dieser namen (zwischen dem kämm der Zillertaler Alpen und der Rieser- 
femergruppe: ein andres grosses '^ocä;- gebiet' liegt in Kärnten) beispiele 
wie Breit-, Gamslaner-, Gatter-, Gelenk-, Hirber-, Klaus-, Knutten-, Pfaffen-, 
Putzer-, Schaflaner-, Stutten-, Zintnock, Schneebiger Nock etc., andererseits 
z. b. den Nockstein bei Salzburg, die Nockspitze (= Saile) bei Innsbruck, 
U.S.W. E. S.] 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 305 

Auch ausserhalb des germ. meine ich eine wahrscheinliche 
anknüpfung gefunden zu haben. Nl. nocke, nok ist bis auf das 
geschlecht identisch mit air. cnoc(c) ^hügeP, falls dieses näm- 
lich auf vorkelt. "^hnugno- zurückgeht (vgl. air. bocc aus *bhugn6-). 
Freilich pflegt man air. cnoc(c) aus *knogno- zu erklären und 
mit hd. nacken zu verbinden, was immerhin möglich ist. Doch 
stehen die bedeutungen von nocke — hnükr der des keltischen 
Wortes näher. 

48. Oft. ^Ein ursprüngliches adj. *w/?a^ »frequens« zum 
adv. ahd. ofto »saepe, frequenter, quondam, olim« ist möglich' 
(von Grienberger, Unterss. zur got. wortkunde 223). . Wie ich 
aus Kluge« 287 ersehe, hat man an eine participialbildung zu 
aind. ücyati gedacht. Dieser gedanke ist aber durchaus abzu- 
lehnen, denn die wurzel *w(n)7c- konnte im germ. nur als *#x- 
auftreten. Tatsächlich liegt in got. hi-ühts ein nasaliertes 
participium dieser wurzel vor (vgl. lit. jünktas). Ja selbst 
wenn wir von indog. *u(n)q- mit labiovelarem auslaut auszu- 
gehen hätten, was kaum der fall ist (vgl. armen, usaniml), 
auch dann wäre got. ufta ferne zu halten, denn vor t verlor q, 
germ. x" lautgesetzlich seine labialisation , wie aus got. leihts 
( : grJXaq)Q6g U.S.W.) hervorgeht. Es wird zeit, dass dem germ. 
labialunfug feste schranken gesetzt werden! Einen anfang hat 
Zupitza schon gemacht. 

49. Polder, liühpolder, hd.lw.jpöZder 'marschland (Kluge« 
802) hat natürlich mit jpö Wer ^hühnerpark' dius mlsit puUarium 
nichts zu schaffen (vgl. Franck 745). Vielleicht beruht polder 
*marschland' auf vorgerm. *&^rö- und ist es mit nl. poel, hd. 
pfuhl, ags. pol, lit. bald, aksl. blato u. s. w. zu verbinden (ähn- 
lich Vercoullie 2 225). Nebenbei sei bemerkt, dass der artikel 
pfuhl bei Kluge« 298 wol etwas mehr hätte bieten können als 
die hoffnungslose äusserung, dass die Vorgeschichte des wortes 
dunkel sei. Kluge« 293 hält freilich die annähme, dass die mit 
hd. pf, nd. p anlautenden Wörter nicht echt germanisch sein 
können, im allgemeinen für richtig. Möglicherweise gelingt 
es jetzt Johansson (KZ. 36, 342 ff.) ihn zu einer anderen ansieht 
zu bekehren. 

50. Rabe. Zunächst gehört ahd. {h)rabo, {h)raban, ags. 
hrcefn, an. hrafn zu lat. crepo (vgl. Persson, Wurzelerw. 50. 
Zupitza, Germ. gutt. 124), womit aind. kjrpate ^jammert, fleht, 



306 ÜHLENBECK 

ersehnt' urverwant ist. Genn. *hräbna- ist also eigentlich 
dasselbe wort wie aind. krpand- * jämmerlich, erbärmlich, arm, 
elend, geizig', wovon es sich nur durch ablaut (^kropnö-, 
*hrpon6') unterscheidet. Die grundbedeutung von Icrpand- und 
"^hrabna- ist ^schreiend, krächzend, klagend'. Anders über 
rdbe Hirt (Beitr. 23, 306), über hrpand- Zubaty (Arch. f. slav. 
phil. 16, 397). 

51. Ratte. Alle Schwierigkeiten lösen sich, wenn man 
von der bedeutung ^nager' ausgeht und das wort als echt 
germ. betrachtet. Es gehört zu lat. rudo, rädo, aind. rddati 
(Beitr. 22, 196). Vielleicht haben wir für maus eine ähnliche 
grundbedeutung anzunehmen, denn dieses ist wol sicher ein 
wurzelnomen zu aind. mushnäti 'stiehlt, raubt' und der begriff 

* stehlen, rauben' kann auf 'reissen, rupfen' u. dgl. beruhen 
(vgl. Persson, Wurzelerw. 144). Eine parallele dazu ist rauben, 
got. -rauhön, np. rubüdan * rauben' : an. rjüfa, ags. reofan, lat. 
rumpo U.S.W. Aind. lumpdti bedeutet so wol 'zerbricht' wie 

* plündert, raubt', und die hierhergehörigen mit l anlautenden 
Wörter im baltoslav. (lit. lüpti, aksl. lupiti) zeigen die bedeu- 
tungen 'abziehen, abrupfen, schälen, abblättern'. Die artikel 
maus, ratte, rauben bei Kluge ^ bedürfen einer revision. 

52. Reh. Nach Kluge ^ 313 f. darf germ. "^raiha- kaum zu 
aind. rgya- 'antilopenbock' gezogen werden. Kluge hätte sich 
stärker ausdrücken sollen, denn von Zusammenhang zwischen 
reh und rgya- kann überhaupt nicht die rede sein. Eine germ. 
i-epenthese gibt es nicht, auch nicht in der modificierten form 
Bugges. Bekanntlich gehört rgya- in die sippe von hd. eich. 
Eine ansprechende erklärung von reh hat Lid6n (Stud. zur 
aind. und vergl. Sprachgeschichte 96) gegeben, doch diese hat 
Kluge noch nicht benutzen können. Hoffentlich wird er sie 
in der siebenten aufläge seines buches berücksichtigen. 

53. Reiben. Ahd. (w)riban beruht vielleicht mit klruss. 
ripity 'knirschen' (aus *repeti) auf einer wurzel ^ure^p-, Dass 
anlautendes u im baltoslav. vor r, l schwinden konnte, hat 
Liden (Ein balt.-slav. anlautgesetz) gezeigt. 

54. Reue. Ahd. {h)riuwa, ags. hreow 'kummer, trauer, 
reue', an. hryggr 'traurig', ahd. hriuwan 'schmerz oder reue 
empfinden, betrübt oder reuig machen', ags. hreowan 'betrüben', 
an. hryggva 'dasselbe' gehören zu apoln. kry, aksl. hrüvi, air. 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 307 

crü, lat. cruor ^blut' u.s.w. Dass der begriff * traurig, betrübt' 
sich aus 'blutig' entwickelt haben kann, beweist ags. dreori^, 
engl, dreary zu ags. dreor 'blut'. Reue ist also mit roh verwant. 

55. Rufe. Nhd. rufe 'kruste einer wunde', ahd. (h)ruf, 
Siii.hrufa 'schürf, ahd. (Ä)no6, digs.hreof, BH.hrjüfr 'aussätzig' 
werden bei Kluge « 322 nicht erklärt. Sie gehören entweder 
zu lett. ifer'e^p^ 'verschrumpfen', kraupa^grini^ u.s.w., wie z. b. 
von Persson (Wurzelerw. 169) und Zupitza (Germ. gutt. 126) 
angenommen wird, oder aber zu aksl. strupü 'wunde', bulg. 
strup ' Schorf, serb. strup 'art kinderausschlag', czech. strup 
'kruste', poln. strup 'grind', russ, strup 'kruste, schorf . Letztern- 
falls wäre strupü aus '^srupu (indog. "^kreupo- oder ^kroupo-) 
entstanden. 

56. Rüssel. Kluge ^» 324 vermutet Zusammenhang von 
germ. *wröt- 'aufwühlen' mit lat. rödo 'nage'. Aber lat. rödo 
und das damit ablautende rädo 'schabe, kratze' haben kein u 
im anlaut verloren: vgl. aind. rddati 'kratzt, ritzt, gräbt, hackt, 
nagt', bal. ra^ag 'den boden aufreissen'. Nicht rüssel, sondern 
ratie ist mit lat. rödo verwant (vgl. oben). 

57. Sattel. Lidens untadelhafte erklärung dieses wortes 
(Beitr. 15, 515) wird von Kluge ^ 328 — wie so manche andere 
wahrscheinliche etymologie — stillschweigend verworfen. Nach 
Kluge wäre sattel vielleicht ein altes lehnwort aus einer anderen 
indog. spräche. Vieles ist möglich. Das einzige wort aber, 
das als quelle von sattel in betracht kommen könnte, nämlich 
aksl. sedlo, hat leider e, woraus sich das a des germ. wortes 
nicht erklären lässt. Welche culturhistorischen tatsachen 
zwingen uns, in sattel ein lehnwort zu sehen? Konnte bei 
dem bekanntwerden der reitkunst nicht ein altes wort für 
'sessel' die specielle bedeutung von 'sattel' annehmen? Mit 
slav. sedlo (aus *sedulo oder *sedUo) ist dies doch sicher der 
fall gewesen, denn die nahezu entsprechenden Wörter der 
anderen sprachen (got. sitls u.s.w.) bedeuten alle 'sessel'. 

58. Scheren. Kluge« 336 fragt, ob aind. kshurd- hierher 
zu stellen sei. Bezweifelt er denn die Identität von kshurd- 
und gvpd-? Indog. *ksur6- lässt sich nicht mit *sker- ver- 
mitteln. 

59. Schmollen. Mhd. smollen 'aus Unwillen schweigen, 
lächeln' ist nach Kluge « 347 eine junge bildung zu mhd. smielen 



308 UHLENBECK 

Mächein', dem älter-nl. smuylen 'subridere' (Kilian) entspricht. 
Das neben smuylen stehende smollen ist vielleicht nicht echt 
niederländisch, sondern wol eher aus Deutschland zu uns 
herübergekommen: sonst würde es ein ziemlich hohes alter für 
mhd. smollen erweisen. Jedenfalls hätten nl. smuylen, smollen 
(vgl. dazu Franck 909) bei Kluge berücksichtigung verdient. 
Schon vor einigen jähren habe ich auf ein verwantes wort im 
slavischen hingewiesen: russ. u-ehmyljatXsja Mächein'. 

60. Schwelgen. Die bedeutungen ^herunterschlucken, 
verschlingen, schwelgen' können sich aus 'gleiten lassen' u. dgl. 
entwickelt haben. So gehört ahd. slinian, got. -slindan mit 
mhd. Sitten, ags. sUdan 'gleiten' zusammen. Eine ähnliche 
bedeutungsentwicklung vermute ich für die sippe von schwelgen 
(Kluge ^ 358). Germ. *swelx-, "^swelg- deckt sich, was das laut- 
liche anbetrifft, vorzüglich mit indog. *suelk- 'ziehen, schleppen' 
in gT.iXxo) 'ziehe', öXxog, Isit sulcus 'furche', ags. 5w?ä 'pflüg', 
woneben ohne s im anlaut aksl. vleka, lit. vellcü 'ziehe, schleppe'. 
Gehört schwelgen zu dieser weit verbreiteten wurzel und ist 
es eigentlich 'durch die gurgel ziehen'? 

61. Silber. Trotz Kluge« 365 halte ich noch immer aksl. 
strebro mit seinen zwei r für die ursprünglichere form, woraus 
got. silubr durch dissimilation hervorgegangen ist. Auch lit. 
sidSbras, lett. sudrabs, sidrabs, apr. siraplis, sirablan lassen 
sich am besten aus einer grundform *sirabra-, ^sirapra- (ahd. 
silabar, silapar) erklären. Darum kann ich die etymologie 
von Grienbergers (Unterss. zur got. wortkunde 186) nicht wahr- 
scheinlich finden. Auch ist silber wol ein lehnwort aus dem 
Orient. 

62. Stab. Nach Kluge » 374 wäre stab vergleichbar mit 
einem altsla vischen worte, das er als stabu, stabü anführt. 
Vermutlich meint er aksl. stapu 'stock, stab', das aber eher 
als lehnwort auf ahd. stap zurückgeht (die mit stab, got. stafs 
urverwanten Wörter im baltoslav. wie apr. stabis 'stein', lit. 
stäbas 'götzenbild, schlagfluss', lett. stabs 'pf eiler, säule' zeigen 
b aus bh, nicht jp!). Es gibt auch ein mit aksl. stapü syno- 
nymes stapü, doch Zubaty (Arch. f. slav. phil. 16, 414) hat gezeigt, 
dass dieses mit slov. scap auf *sJcepü = lett. §keps ' Speer, spiess' 
hinweist. Mit stab hat es nichts zu schaffen. 

63. Staub. Ahd. stoup, stuppi, got. stubjus 'staub', ahd. 



ZUR DEUTSCHEN ETYMOLOGIE. 309 

stiöban 'stieben' gehören vielleicht zu gr. oxv(fm 'mache dicht, 
ziehe zusammen', (>Tt;gp(fc)^d^'dicht, fest, hart', crvtpoQyCxvipvoq, 
öTvg^Qog 'zusammenziehend, herb, hart, fest'. Mögliche balto- 
slav. verwante von gr. orvcfcD findet man bei Zubaty, SB. der 
kön. böhm. ges. 1895, heft 16, 260. 

64. Staude. Wol mit recht denkt Kluge »^ 376 an ver- 
wantschaft mit gr. örvo) 'starre'. Zunächst aber beruht ahd. 
stüda auf einer dÄ-erweiterung von *st(h)euä', *si(h)eu9', '^stQijü" : 
vgl. aksh styfKjtti (^stydnq^ti) 'kalt werden', studü, studX ^^\\j^\ 
studenu 'kalt', stydeti s§ 'sich schämen', studu 'schäm'. Dass 
Miklosichs styd- 1. und styd- 2. zusammengehören, lässt sich 
kaum bezweifeln, denn aus dem begriffe des erstarrens können 
die bedeutungen 'kalt werden' und 'sich schämen' sich leicht 
entwickelt haben. 

65. Tuch. Kluge ß 401 führt ahd. tuoh, and. dök auf vor- 
germ. *dhägo- zurück, welche grundform an sich denkbar 
wäre, m. e. aber nicht wahrscheinlich ist. Mit an. dükr aus 
*dhügo-, das durchaus nicht entlehnt zu sein braucht, wie 
Franck 186 annimmt, würde Kluges *dhägo- sich auf eine 
langdiphthongische wurzel * dhä{u)g-, *dhüg- zurückführen 
lassen. Eher aber ist tuch aus *d(w)öka- entstanden und 
haben wir von indog. *dhuägo- oder *dhuögO' auszugehen. 
Diese erklärung finden wir schon bei Franck, der aind. dhvajd- 
'fahne' heranzieht. Dass an. dükr mit westgerm. *d{w)öka- in 
regelmässigem ablautsverhältnis steht, braucht kaum hervor- 
gehoben zu werden. Zusammenhang mit ags. decan 'an- 
streichen, färben', lit. daiyti 'eintauchen' (s. Zupitza, Germ, 
gutt. 196 f.) ist mir wegen an. dükr und aind. dhvajd- nicht 
annehmbar, denn diese erfordern eine wurzel mit dhu im 
anlaut. 

66. Ufer. Die grundform "^uiss-far (Kluge <^ 403) ist mir 
nicht wahrscheinlich. Eine einleuchtende erklärung von germ. 
^öfara- finden wir aber bei Prellwitz 403, der es mit gr. 
i]jteiQog, aeol. ajteQQog 'festland' zu aind. dpara- 'der hintere, 
andere' stellt. Dem griechischen worte entspräche eine aind. 
vrddhi-bildung äparya-. Bei ufer ist es nicht sicher, ob wir 
von *öfara- oder *öfra' auszugehen haben, doch ist letzteres 
aus morphologischen gründen wahrscheinlicher. Vom germ. 
Standpunkte aus ist ^öfara-, dessen ursprüngliche bedeutung 



310 UHLENBECK 

'die andere seite, das andere ufer' gewesen sein muss, eine 
regelmässige vrddhi-bildung zu afar wie ahd. huon zu hanOy 
mhd. gruose zu gras, gr. i^vefioeig (^ävsfio-fevT-) zu ävsfiog. 
Ufer mit aind. äp- ^wasser' zu verbinden, scheint mir nicht 
empfehlenswert, zumal eine andere, lautlich und begrifflich 
untadelhafte erklärung vorliegt. Will man aber doch von 
einer bedeutung ^wässerig' oder ^zum wasser gehörig' aus- 
gehen, so ist die möglichkeit einer secundären -ro-ableitung 
von äp- nicht zu bestreiten, denn bildungen wie aind. tdmisrä-, 
lat. tenebrae, ahd. dinstar zu aind. tdmas und lat. membrum, 
air. mir zu got. mimz erweisen, dass das suffix -ro- seit uralter 
zeit auch als denominatives secundärsuffix gebraucht wurde 
(vgl. Brugmann, Grundr. 2, 169 ff.). Doch scheint es mir nicht 
geraten, ufer von i^jisigog zu trennen. 

67. Vogel. Mit recht erwähnt Kluge« 409 die alte 
gleichung ahd. fogal : lit. paühsztis. Dagegen kann lit. pühas 
^daune, flaumfeder' nicht mit fogal verwant sein, denn es ist 
sicher aus poln. wruss. klruss. puch entlehnt (vgl. lit. pukütas 

^flaumig' aus wruss. klruss. i>t(cÄa^2/i)- Diese aufifassung finden 
wir schon bei Brückner (Die slav. fremd Wörter 123), und Ber- 
neker (IF. 9, 361 f.) hätte nicht davon abweichen sollen. Die 
weiteren combinationen Bernekers sind ebensowenig als ge- 
lungen zu betrachten. Russ. puh ^büschel, bündel, strauss' 
mit seinen ableitungen und verwanten ist gewis von fogal zu 
trennen; es geht ja nach ausweis von poln. p^h, pqk auf 
"^pqkü zurück. Das ungenügend beglaubigte aind. phuJca- 
WogeP ist fern zu halten, weil seine existenz äusserst frag- 
lich ist. So schrumpft die wui'zel ^pheuq- ^schwellen, sich 
aufblähen' in nichts zusammen. Nur schade wegen der an- 
lautenden tenuis aspirata! 

68. Volk. Ahd. folc ^leute, volk, schar, heereshaufe' ist 
nicht genügend erklärt, denn von Zusammenhang mit lat. vulgus 
kann nicht die rede sein (s. Zupitza, Germ. gutt. 9). Germ. 
*folka- lässt sich aber auf *fulkka-, indog. *plkn6- zurück- 
führen, weshalb wir an aind. prndkti ^mischt, mengt, füllt', 
part. prktd- anknüpfen dürfen. Die genaue entsprechung von 
*folka- wäre ein aind. part. *prknd-. Trifft meine Vermutung 
das richtige, so haben wir für *folka- als vorhistorische be- 
deutung * menge, fülle' anzusetzen. Die gleichung Sbiai. prndkti : 



ZUR DSDTSCHEN BTTH0L06IH. 



311 



air. ercaim wird aiifzngeben sein. Zum schlnsse sei bemerkt, 
dass aksl. pWiü unmittelbar ans dem germanischen, lit. pulhas 
aber erst aus dem slaviscLen entlehnt ist. 

69. Wacbholder. Ahd.weA/ia?-, *M'e7iAaw- (Khge» 410f.) 
steht ohne anknüpfung da. Vielleicht dürfen wir lit. kadagi}s 
'wachholder' heranziehen, nämUch falls dieses aus *gagad§s 
entstanden sein kann. Das anlautende k für g liesse sich 
durch dissimUation (g — g), die consonantenfolge (ß^g statt 
g — d) durch Umstellung erklären. Ahd. teehh- aus urgerm. 
*weli- könnte mit lit. *yagadgs auf einer wurzel *gheg- beruhen. 
Die labiovelare media aspirata im anlaut wird regelmässig 
durch germ. w vertreten. 

70. Wald. Vielleicht ist auch das w von germ. *toaipu- 
aus einer labiovelaren media aspirata entstanden. Ich ver- 
gleiche die bei Miklosich 71 zusammengestellte gmppe von 
aksl. goli 'ast', slov. gol 'abgehauener junger bäum', czech. 
Ml 'gehölz', obei-sorh. }toTa 'wald' u.s.w. Anders Kluge« 413 
(m. e. gehört aind. vaia- mit pkr. / aus rt als vrddhi-ableitung 
zu vfU- 'einzäunung, zäun, hecke'). Die mir bekannten belege 
von geim. w im anlaut aus gh sind jetzt: got. tvamba : aind. 
gahhd; ahd. tvarm : aind. gkarmä-, got. wöpeis : gr. <pr6Tioi', 
ahd. wahs : gr, (pogöc, ahd. wehhaltar : lit. kadagys, ahd. wald : 

\ aksl. golt 

71. Weif. Germ. *hw'elpa- 'tierjnnges' beruht vielleicht 
auf einer zweisilbigen wurzel *qeleh- 'sich herumbewegen, 
schwanken' : vgl. aksl. kolcbati, koUbiti 'schwanken machen, 
schaukeln, schütteln', Ktrusd. kolybaty und russ. kolybelt 'wiege' 
haben anorganisches y durch den einfluss von kolychali. 

72. Wolf. Zusammenhang von indog. *nlqo- mit *uHk- 
'ziehen' anzunehmen, ist wegen der verschiedenen gutturale 
und wegen des neben *uelk- stehenden *suelk- äusserst bedenk- 
lich (vgl. oben no. 60). 

73. Zeidler. Alal. bücela bedeutet 'biene' und hat mit 
^L ahd. eidaltceida, eidaläri nichts zu scliaffen (vgl. Kluge« 433). 
^H Vielleicht gehört eidal-, urgerm. *ii-Jila- 'bienenschwarm' (vgl 
^P Schade 1255 f.) zur indog. wurzel *rfi- in gr. d/f/rni 'eile', öti'og, 
^M dtvfi 'wii-bel, Strudel', lett. deiju 'tanze', aind. diyati 'fliegt' 
^K und anderen Wörtern. 



312 UHLENBECKy ZUR DEUTSCH. ETYMOL. — IHM, SUMMA THEOL. 

74. Zeihen. Dass aind. dtgdti im germ. durch reihen, 
ahd. zihan und zeigen, ahd. zeigön vertreten wird, ist allgemein 
anerkannt (Kluge ^ 433). Es scheint aber noch nicht darauf 
hingewiesen zu sein, dass auch. aind. degd- ^gegend' seine ge- 
naue entsprechung im germ. hat: an. teigr 'streifen landes' 
kann, falls ursprünglich ein a- stamm, mit degd- auf indog. 
^dojifcö- zurückgehen. 

LEIDEN, december 1900. C. C. UHLENBECK. 



ZUR SUMMA THEOLOGIAE. 

Die Wolfenbütteler Suetonhandschrift cod. Gudianus 268 
enthält eine randnotiz, die schon in orthographischer hinsieht 
die germanisten interessieren dürfte. Folio 172' steht am 
oberen rand: probatio, Got uater etmich der ist daz anegeggi 
aller, fol. 173 am oberen und rechten seitenrand: (ein buchstabe 
radiert oder verwischt) gtioeten digge (das erste g ist aus w 
corrigiert) der gebunden habet den tiufel des maginckraft \ diu 
uuonen \ uberal \ diu obene \ diu dinge \ richten \de un\ der 
uf I habende. Es ist, wie mir herr prof. Burdach mitteilte, der 
anfang des von Jos. Diemer (Deutsche gedichte des 11. und 
12. jh.'s s. 93 ff.) aus der Vorauer hs. herausgegebenen und 
'Die Schöpfung' betitelten gedichts, das er um die mitte des 
11. jh.'s entstanden glaubt (unter dem titel Summa theologiae 
abgedruckt bei MüUenhoff und Scherer, Denkmäler no. xxxiv). 
Der Suetontext ist im 11. jh., allem anschein nach in Deutsch- 
land, geschrieben; die obige randbemerkung fast gleichzeitig. 
Es scheint fast, als ob der Schreiber etwas von griechischer 
Orthographie gewusst hat; das erste dinge hat er selbst in 
digge geändert. 

HALLE a. S. MAX mM. 



DIE KKIMaOTEN. 



I 



l 



Koiirad Gesner bringt in seiner vorrede zu Jostia Maalers 
Deutschem wörterbucli (Zürich 1561) einige bemerkungen über 
die Krimgoten, die sich von den aus seinem Mithridates be- 
kannten mannichfach unterscheiden. Zunächst auf der dritten 
Seite: . . . kodieque in Taurica Chersonneso, ad quam usque fere 
Moscouitantm fines pertingunt, multa milUa kominum, Jacobo 
Zieglero teste, Germanica utuntur lingua. Dann auf der vierten 
Seite: Nam et quae hodie ultra Balthieum nuo'e Gothia dicitur, 
iota Germanice sonat: et Gothi alij, bis» Getae potius dici de- 
heant, circa Tauricam Chersonnesum, similiter, ut in Mitkridate 
dictum est. Am ausführlichsten aber sind die bemerkungen 
auf der fünften seite: Matthias Mickouita multa de Goihis 
tradit, in Sarmatiae Äsianae descriptione, cap. 10. et 11. ac 
inter aUa, quod e Scytkia Asiatica {quam primum Amaeones 
oeeupauerint, postea Scythae, demum Gothi) pulst Gothi a Juhris 
siue Sungaris (non prorsus tarnen: aUquas enim äuitates ei 
castra retinuerunt) partim circa Tauricam pentnsulam, et mare 
Ponticam conscderint: partim cum Ragaso eorum rege, plus 
quam ducenta millia, Italiam inuaserint: et quod Ostrogothi 
{id est, orientales Gothi) sint Uli, qui circa Pontum remartserunt : 
Visigothi vero, qui ex ijsdem in Italiam et Galliam profecti 
sunt duce Älai-ico: quodque Gothis ilUs, gut Damae regi subiecti 
sunt, falsa aliqui Ostrogotkorum et Visigothorum nomina tri- 
buant. denique Gothos cum Seythiam adhuc inhcAitarent, a 
Micinis Poloucos fuisse nuncupatos, quod Sciawonica lingua ra- 
paces et spoliatores sonat. Cum uero Juhri, inquit, in Pan- 
noniam migrassent, Crofkorum in Scytkia reliquiae atietae et 
mulUplicatae sunt: quas Tartari ab Oriente superuenientes, 
anno Domini MCCXI penitus deleuerunt: ita ut in Taurica 



»chid)le der dcuu 



21 



peninsula sohtm reliqui imienirentur : unde postea etiam 
Tartaris eieeti sunt, dueibus de Mancup generis et I4ngu( Go- 
ihonim, äumtaxat castrum Mancttp retinentibus. quos iondem 
Mahumetes octauus imperator Taurica peninsula occupata, gUtdio 
peroissit: ita ut Goihi peniius tarn circa Sarmatias, guatn n 
Italia, Gallia, Hispaniaque extincti sint, nee eortim geneahgia 
amplius eompareai. H^c illfi: cui doetissimus Bilibaldus Pir- 
keimerus contradicit: et Ostrogothos in montania Tauricae CheT' 
sonnest loeis superesse, Turas tributarios, et Germanica adhtie 
Ungua uti afßrmat: sicul ei Jac. Zieglerus, ut superius scrip- 
simits. Josaphat Barbaras quoque ante annos cträter nonaginUt, 
hoc est circa annum MCCCCLXX. a Venetis legatus ad Tanaim 
missus, Goihiatn testatur silani esse circa tnsuUim Capltae {id 
est, Tauricam Chersonnesum: et ultra illam esse Alanos 
quibus duobiis populis permixlis GoOialanos dictos conijcit: tit 
Gothas Germanice loqui ait: nam famulum suum Germania»- 
illorum linguam fädle intellex^sse. 

Gesner citiert hier hauptsächlich schon bekannte litera- 
rische quellen. Michow führt er hier grossenteils wörtlich an, 
Während er ihn z. b. Mitliridates^ 76a aus dem köpfe citiert, 
von Pirkheimer entlehnt er den a.usdrnck montana Tauricae 
Chersonesi und auch von Barbaro muss ihm etwas schriftliches 
vorgelegen haben, da hier offenbar durch versehen aus den 
beiden I in MCCOCLU zwei X geworden sind. Anders steht 
es mit Jakob Ziegler, dessen name zweimal hier und ausserdem 
noch einmal im Mithridates'^Slb genannt wiid. Da bisho- 
alle diese erwälinungen übersehen zu sein scheinen, fehlt sein 
name in der Uteratur über die Krimgoten. Ueber seine persön- 
lichkeit ist mir nichts bekannt. In Jöchers ÄUgemeinem ge- 
lehrten lexikon steht 4, 2197: Ziegler (Adrian), ein Patrieius 
aus dem Canton Zürch, dessen Vater gleiches Nahmens ein 
Mitglied des Eaths zu Zürch gewesen und in verschiedeuea 
Gesandtschaften gebraucht worden, lebte um die Mitte des 
17. Seculi, war Landvogt zu Sax und trug aus Osw. CroUü, 
Jos. Quercetani und anderer seine Pharmacopaeam spagyricam 
zusammen, die in Zürcli 1616 in 4 durch den Druck bekannt 
gemacht worden. Li. Ferner s. 2201: Ziegler (Job. Jac.) ein 
Bruder des vorherstehenden Adriani von Zürch, war Medieini 
Doctor und Zuofftmeister daselbst, florirte in der Mitte des 




iJib 



DIE KSmOmXS. — ZUIDEHA, ZU BEITB. 24, 476 ff. 

17. Seeuli it.s.w. Vielleicht ist Jakob Ziegler der grossvater 
dieser brüder und ergeben nachforschiingen in der durch die 
helege angedeuteten richtung näheres fiber ihn und seine 
kenntnis der Kiimgoten. 



LEIPZIG. 



ALFRED GOETZE. 



NACHTRÄGLICHES ZU BEITR. 24, 476 ff. 

Dmtscher durst. Een JDuylschen dronk doen heisst in 
Hoofts Nederl. Historien (1642) 'sich anheitern', Buyts weeen 
in desselben lustspiel Warenar (1617) 'sich nicht vor einem 
kräftigen trnnk fürchten'. Im Don Olarazel de Gontamos 
(aus dem franz. übers., 1697): die ... teg&n ses Duytsers gc- 
I gopen had. 

veränUsdtcn = 'erklären'; aber diets(ch) maJcen = 'glauben 
^: machen was uiclit wahr ist'. 

In der angezogenen Lutherstelle (b.477) ist 1. Cor. 14, II 
l'flbersetzt, also undt-utlich = ßÜQiioQoc. Desgl. nl. onduHsch 
1 Koord = 'fremdwort' (veraltet). 

Kölnisches gewicht ^= 'zu leichtes gewicht' ist mir nicht 
bekannt, obgleich das Kölnische pfund liier ziemlich gebräuch- 
lich war. 

Gös (s. 481). Der landläufigen erklärung aus jenem ce 

n'est qu'un tas de guettx widerspricht ein brief Margretens an 

Philipp, in welchem sie ihm das aufkommen dieses namens 

^fOr die verbündeten edeln bekannt macht, aber hinzusetzt, 

[sie wisse nicht was er bedeute oder woher er stamme. 

Ketzerisch = 'sodomitisch' (s. 481). Franz. bougre, woher 
t engl, bugger =^ 'sodomit', war am ende des 17. jh.'s ein schimpf- 
l'liame für die Huguenotten. 

Sdiweinigel (s. 498). Die Groninger mundart nennt das 
ftier selber igelswin, wendet aber das wort auch (freilich selten) 
f eineu schmutzigen oder cynischeu menschen an. 



316 ZUIDElfA, ZU BBITB. 24, 476 ff. 

Zu no. 19, s. 500. In Brederoos lustspiel Moortje (1615) 
wird vom sclavenhandel gesagt: 

OnmeuBchelyck gebrnyck! Godloose schelmery, 
Dat men de menschen yent^) tot paertsche 

slavemy ! 

Ebenda. Nl. hengstig = 'brünstig', nur von der stute 
gesagt; loopsch, dass., von hund und katze utr. gen. 

Abgöttisch bei Fischart offenbar dem afgodisch des Origi- 
nals nachgebildet. 



^) feil bietet. 

AMSTERDAM. W. ZÜIDEMA. 



zu HEITR 25, 567 ff. 

Leitzmann hat in dem soeben ansgegebnen hefte dieser 
zeitechrift (25, 567 ff.) über das Sächsische taufgelöbnis gehan- 
delt nnd durch eiugehende Würdigung des denkmals neue und 
sichere ergebnisse zu erreichen gesucht. Wenn ich auch nicht 
allem zuzustimmen in der läge bin und z. b. bei der dialekt- 
frage noch allerhand zweifei habe, so dürfen wir, denke ich, 
doch die hauptresultate annehmen. 

Nur seine zunächst bestechende conjectur {and wordum 
= andwordwm, das nach ihm ein lateinisches responsts über- 
setzt; a. a. 0. s. 575 f.) halte ich für ganz unmöglich und möchte 
sie wider streichen, ehe sie etwa bei den fachgenossen glauben 
findet. Leitzmann will das handscliriftliche resp. und respon. in 
responsis auflösen {responso, das er daneben vorschlägt, würde 
nicht auf and wordum führen). Ich concediere die mfiglichkeit 
vom paläographischen Standpunkte, venieine sie aber materiell. 
Ausser anderen gründen') scheint mir der eine, den im gemein- 
samen gespräche College Betlie geltend machte, schon hin- 
reichend zu sein, um die Unmöglichkeit darzutun. Ein lat. 
responsis setzt eine folgende frage voraus und der text wäre 
aufzulösen: 'und nachdem geantwortet «ich entsage dem teufel« 
[soll er fragen oder sagen (inquirat oder dicat)]^) »und allem 
teufelsopfer?"' Es ist unmöglich, dass die letzte antwort dureh 
ein responsis eingeleitet wird und keine neue frage folgt. Ua- 

■) Z. b. halte ich en für äusserst nnwahncheinlich, daas sni raude der 
ha. regp. thunaer en deiitiodtn n.s.w, gestanden habe, statt dass tkunaer 
en daiuoden n.s.w. einfach oder mit einfügnngszeicheD tun rande nach- 
getragen sind. Woraof sollte sich das resp. beziehen? 

*) Dbh in klammern gesehlossene tat bei Leitemanna annähme still- 
i Bchweigend zu ergänzen. 




318 MEIER, Zu BEITR. 25, 567 ff. 

mit aber wird Leitzmanns erklärung hinfällig, denn man müsste, 
um sie zu retten, zu der unwahrscheinlichen annähme greifen : 
es sei sonst stets respondeat oder responsum gemeint, und nur 
bei dem zusatze die abkürzung in responsis aufzulösen. Alle 
weiteren f olgerungen, die Leitzmann daraus über das eindringen 
des Zusatzes zieht, entfallen damit und wir sind scheints nicht 
weiter als früher. 

Aber ich glaube, wir dürfen uns einen teil des Leitzmann- 
schen gedankens aneignen und in der tat die Übersetzung eines 
von dem Schreiber des Zusatzes verwanten lateinischen Wortes 
annehmen; nur nicht eines resp,, das dreimal unübersetzt stehen 
würde und einmal übertragen wäre, sondern eines ac verbis 
= 'und zwar mit werten' (expressis verbis), eines ausdrucks, 
der eine nähere ausführung zu dem begriffe diobol gibt Die 
specialisierung, ein späterer zusatz, soll möglicherweise in allen 
fragen eingefügt werden und steht deshalb am Schlüsse. Mir 
scheint dies wahrscheinlicher als die annähme, die jedoch auch 
bei unsrer erklärung angängig ist, der zusatz habe am rande 
gestanden und sei an die falsche stelle, zur dritten antwort, 
gerutscht, während er zur ersten gehörte. Damit erledigen 
sich auch die bedenken, die man gegen eine Zugehörigkeit 
des Zusatzes zum dritten punkte geltend gemacht hat, da die 
antwort nur den Inhalt der frage umschreiben und nichts neues 
hinzufügen dürfe. Die frage nach dem Urheber dieser speciali- 
sierung lasse ich hier unerörtert. 

Wir werden nach den obigen ausführungen m. e. Leitz- 
manns conjectur mit Sicherheit zu verwerfen haben und die 
von mir vorgeschlagene Vermutung dürfte wohl einen gewissen 
grad von Wahrscheinlichkeit besitzen. 

BASEL, am 1. december 1900. JOHN MEIER. 



ZUM KAMPF DES VATERS UND SOHNES. 

In seiner abliandlung 'Sagengeschichtliches zum Hilde- 
brandsliede' (Beitr. 26, 1 ff.) stellt Busse alle ihm bekannt ge- 
wordenen Versionen der sage voni kämpf des vaters und sohnes 
zusammen. Ihm wie seinen Vorgängern scheint nun eine 
isländische fassung entgangen zu sein, auf die ich hier auf- 
merksam machen mftchte. Sie gehört zu dem sogenannten 
'tragischen tjiius', unterscheidet sich aber dadurch von der 
bei Griechen, Kelten, Persem, Russen und Deutschen vor- 
kommenden sage, da-ss nicht der vater den söhn, sondern dieser 
den vater tötet. Insofern stellt sie sich zur griechischen 



Die isländische erzählung findet sich in der Kialnesinga 
88ga (islendinga sögur 2, 397 — 460, Kopenliagen 1847). Diese 
saga, die sich, ohne historisch zu sein, doch ein historisches 
colorit gibt, verlegt ihre handlung in den schluss des 9. und 
anfang des 10. jh.'s. Verfasst worden ist sie am schluss des 
13. jh.'s (vgl. fortale XLVI). Der Inhalt nun, soweit er hier 
in betracht kommt, ist in kürze folgender. 

Büi, der söhn des Andril?r und der Iiurif'r, war nach Nor- 
wegen gekommen zum könig Harald dem schönhaarigen. Als 
dieser erfuhr, dass Biii einmal auf Island einen tempel mit- 
sajumt den götterbildem verbrannt hatte, sante er ihn zur 
sahne auf eine gefährliche fahrt aus, von der bisher noch 
niemand lebend zurückgekommen war. Er sollte zu dem 
mythisclien pflegevater des kßnigs, dem riesenkönig Dofri, dem 
herm des Dovrefjelds. ziehen und dessen brettspiel dem könige 
bringen. Es gelingt Biii, die liebe der riesentochter FripT zu 
erringen und, nachdem er den ganzen winter im reiche Dofris 
geweilt, erhält er auf bitten seiner geliebt«n zum abschied 
von deren vater das kostbare brettspiel als gastgeschenk. Zu 
gleicher zeit teilt ihm Frifr mit, dass sie schwanger sei. 
Würde sie ein mädchen gebären, so wolle sie es behalten, sei 
68 aber ein knabe, so würde sie ihn im alter von zwölf jähren 



320 KAHLE, ZUM KAMPF DES VATERS UND SOHNES. 

zum vater schicken. Er solle ihn gut aufnehmen, andernfalls 
würde er es an seinem amulet merken. Diese worte bezogen 
sich auf einen wunderbaren waffenrock, den Büi von seiner 
zauberkundigen pflegemutter Esia erhalten hatte. Diesen rock 
konnten waffen nicht leicht zerschneiden, nicht leicht konnte 
ihm Zauber etwas schaden. 

Büi überbringt nun dem könig das brettspiel und kehrt 
wider nach Island zurück. Nach zwölf jähren kommt eines 
tages ein norwegisches schiff dorthin. Unter der bemannung 
war ein junger mann namens Jökull, der sofort zur wohnung 
Büis ritt und sich ihm als sein söhn von FriJ?r, der tochter 
des königs Dofri, vorstellte. Dem Büi kommt der junge mann 
zu unansehnlich vor, als dass er das kind solcher eitern sein 
könnte, worauf Jökull erwidert, dass er ja erst zwölf winter 
zähle. Zugleich erinnert er ihn an die worte, die seine mutter 
beim abschied gesagt hatte. Aber der alte lässt sich nicht 
darauf ein, sondern will durch eine kraftprobe den söhn er- 
kennen. Er fordert ihn zum ringkampf heraus. Unwillig nur 
geht der jüngling darauf ein, da es unerhört sei, dass ein 
zwölfjähriger knabe sich mit einem so berühmten ringkämpfer 
messe. Gleichwol beginnt der Kampf. Als nach einer weile 
Büi anfängt müde zu werden, schlägt ihm Jökull vor, sie 
sollten den kämpf abbrechen und Büi solle ihn als söhn an- 
erkennen. * Aber dieser, der offenbar in zom geraten ist, dass 
er den jüngling nicht werfen kann, lehnt den Vorschlag mit 
den Worten ab: ^fallen muss einer von uns beiden '• Da be- 
ginnen sie aufs neue zu ringen, und schon war Jökull nahe 
daran zu fallen, da wars dem Büi plötzlich, wie wenn ihm 
beide füsse unter dem leibe fortgezogen würden. Er fiel vor- 
wärts nieder und es entstand ein grosses getöse. Da sprach 
Büi: ^vollkommen bin ich nun zu fall gebracht, und deine 
mutter dürfte nicht ohne anteil daran sein'. Als man sie 
trennte und den Büi aufhob, sah man, dass seine brustknorpel 
zerrissen waren, und alles darunter zu stein geworden war. 

Jökull verliess sofort das land. Ueber seine ferneren 
Schicksale, die hier nicht weiter interessieren, gibt es noch 
einen fabelhaften bericht aus späterer zeit (Islend. sog. 2, 461 ff. )• 

HEIDELBERG. B. KAHLE. 



DAS ARTIKELLOSE SUBSTÄNTIVUM IN DEN 
PREDIGTEN 13ERTH0LD.S VON REGENSBURG.') 



Der unbestimmte artikel wird angewendet, um einen 
einzelnen gegenständ einer gattung oder (bei abstracten nnd 
Stoffnamen) eine einzelne erscbeinungsforra des durch das 
Substantiv ausgedrückten begriffes als eine dem zuliörer vor- 
läufig uocli niclit näher bekannte Vorstellung in die rede ein- 
zuführen, der bestimmte weist auf eine Vorstellung als auf 
etwas bekanntes hin. Wird beiderlei art der kennzeichnung 
unterlassen, so geschieht es, weil entweder das Substantiv 
eine nur einmal existierende pei-son oder sache bezeichnet, die 
einer hervoihebung ihrer Individualität nicht bedarf, oder weil 
das Substantiv nicht in individueller, sondern in allgemein 
begrifflicher auffassung gebraucht wird, oder endlich weil die 
function des artikels durch andere grammatische mittel bewirkt 
wird.^) Demnach kann das ausbleiben des artikels in der 
bedeutung des Substantivs oder in besonderen syntaktischen 
Verhältnissen seinen grund haben. Doch möge zunächst voraus- 

_ geschickt werden, dass bisweUen der artikel einfach der kürze 

ft^regen gespart wird. 

" ') Citiert ist nach der ausgäbe von Pfeiffer-Strobl. An Byntakliselien 

dftret^I langen sind die von .T. Grimni, 0. Erdiuaiin, H. Pan) (Hhd. gr.*), 
Behaghel (Heliand) Ijenutzt; femer L. Edman, lieber deu gebrauch des 
utikela im Hhd., 1862, Tomauctz, ädz. fda. 14, 1 ff., SchGnbach ebda. 
^,342 ff. 

■) Daia kommt noch ein rein gewohnheitamassiger , formelhafter ge- 
inch des artikellosen snbstautiva in gewissen Verbindungen. Er iüt meist 
der oben begrilnileteu gebranchawei^en erwachsen nnd wird des- 
halb im folgenden immer im anschluss an die erJirteniDg seines nmprunga- 
gebietes besprochen werden (s. 323. 345. 346). 

Bvtnfü mi jtirhirhir dci dcuucbcp iprachs» XXVI. 






322 ZIMMERT 

I. Ersparung des artikels um der kürze willen. 

Sie findet statt in befehlsätzen, um zeit zu sparen oder 
den eindruck der entscMedenheit zu machen. Hierher gehören 
die bei Erdmann, Grundz. § 26 ohne erklärung angeführten 
beispiele tuo her schilt, iuo her ros, tvä nü ros. Vgl. Mhd. wb. 
2, 517 wä nu slü^sel, wä nü sper (nhd. Icopf weg! hut ab! 
DWb. 2, 986); bei Berth. wan als der mensche die sünde getan 
hat, sä isehant 'fride üz', niht min zarte tohter 2,38,21, ähnl. 
1, 57, 4. 81, 32. 238, 18. 28. ez ist bezzer kämpf danne hals abe 
2,2,32. Dieser Sprachgebrauch mag in der befehlenden rede 
sich ausgebreitet haben auch auf fälle, wo solche kürze eigent- 
lich unnötig ist; so wüi'de sich erklären lä leidster äne win 
2, 52, 39. 

II. Artikellosigkeit des Substantivs in folge seiner bedeutung. 

1. Eigennamen. 

a) Personennamen haben, wenn sie allein stehen, keinen 
artikel. Tritt zu dem namen ein adjectiv, so wird der artikel 
gesetzt: der edel Davit 8, 38 u. v. a. Nur sant macht eine aus- 
nähme: eng mit dem namen verwachsen, mit dem es zusammen- 
gesprochen wird, erscheint es wie ein notwendiger bestandteil 
desselben: sant Paulus 45, 1 u. v. a. Bei sanctus kommt noch 
die lateinische form hinzu: sanctus Paulus 1, 10 u. a. Erscheint 
aber neben sant noch ein adjecAiv, so verlangt es den artikel: 
der guote sant Paulus 5, 17 u. v. a. 

Die eine würde bezeichnende substantivische apposition 
erhält meist den artikel: 

der (dem, den) künic Davit 136y 20. 280,10. 69,22. 230,17.18. 2,71,20, 
Säule dem Tcünige 136, 4; andere 62, 9. 89, 16. 204, 1. 10. 173, 33. 175, 26. 29. 
182,8. 186,15. 257,13. 2,100,4. 1,211,3. 230,18.20. 276,21. 280,8. 349,18. 
26. 547, 27. 2, 71, 18. 25. 232, 14. 1, 378, 29. 398, 25. 31. 399, 23. 422, 15- 
2, 15G,3. 1,272,7. Bei vorausgehender bezeichnung der würde darf der artikel 
auch fehlen: der künic Constantimis unde der heiser Heinrich unde künic 
Karle unde künic Stephan^ ein herzöge sant Mauricius 450, 1; andere 24, 24. 
91, 39. 151, 33. 359, 34. 2, 3, 3. 192, 5. 223, 22. 271, 26. 

Die Worte her und frou vor dem namen haben auch in 
3.person gewöhnlich keinen artikel: 

her Sälomön, hem Dävides sun 69,27, hem Davide und hem Con- 
stantinö 24,24, froun Jesaheln 115,31. 228,20; andere 36, 19. 34. 72,10.11. 



DAS ARTIKELLOSE SüBST. BEI B. VON REGENSBURG. 323 

19. 153,16. 374,10. 103,10. 115,5. 151,36. 174, 26. 27. 31 u. o. Unverkürzt: 
zuo Herren Isaac und Herren Davit 2, 59, 3; andere 2, 60, 15. 97, 3. 34. 103, 3. 
23. 139,34. 

Diese beiden worte sind durch den (am vocativ erwachsenen) 
häufigen gebrauch in so enge Verbindung mit dem namen ge- 
bracht worden, dass ihre bedeutung ganz abgeschwächt er- 
scheint; es kann daher dasselbe wort nochmals als apposition 
beigesetzt werden, und zwar in unverkürzter form und mit 
dem artikel ausgestattet: des herren kern Dävides 1S6,S2, der 
frotiwen froun Sella 260, 25. i) Aus demselben gründe erscheint 
her indeclinabel: in her Moyses hüechern 2, 117, 13. 

Selten tritt einfaches Herre mit dem artikel zu dem namen: des Herren 
Herödes 211,2, gen dem Herren Josue 2,97,1 {dem fehlt M); vgl. ze Hern 
Jos, 2, 96, 12; sonst nur noch 2, 102, 37. 269, 6 und der Herre sunt Nicölaus 
1, 23, 5. 

b) Völkernamen werden wie gewöhnliche plurale be- 
handelt (vgl. unten ü, 3, p). 

Im prädicat nach Heizen schwankt der Sprachgebrauch: die Heizent 
die FHilister 37,24, diu siben volk Heizent CHananet, Eihei etc. 184,3; 
ähnl. 130, 30. 

c) Ländernamen, die gewöhnlich mit präpositionen ver- 
bunden erscheinen, haben meist keinen artikel: 

von Kdldeä 69,33, der von BeHeim 91,36; andere 74,27. 264,15. 
89,25. 91,39. 148,17.18. 264,12. 271,12. 2,18,23; auch diejenigen, die 
ursprünglich volksnamen sind: ze Beigem 54,15, von Kriechen 186,34. 
227,34. 264,14. 2,198,12; andere 251,2. 571,8; auch die mit rtcHe und 
Zant zusammengesetzten: in FrankricHe Qi^lO. 64,7. 51,38. 52,2. 170,6, 
von Fr. 91, 37, in (uz) Egyptenlande 203, 37. 39. 2, 198, 13, die von SaHsen- 
lande 251,3; sogar die von Oherlant 250,39 (dagegen die von dem ohem 
lande 251, 4), die von Niderlande 251, 2 und so nider- und oherlant in über- 
tragener bedeutung für himmel und höUe, s. s. 332. 

Mit dem artikel nur daz Miez 79, 13. 

d) Städtenamen haben keinen artikel: 

gegen Begensburc 3, 1 ; andere 5, 29. 20, 25. 69, 31. 79, 11. 174, 15. 16. 
211,15 u. m. Hinzutretendes adjectiv fordert den artikel: in die Hirne- 
liscHen Jerusalem (bildlich) 219, 5. 15 u. ö. Bisweilen tritt syntaktisch an 
stelle des namens das mit dem artikel yersehene wort stat, während der 



^) Das zweite beispiel zeigt, dass man 136, 32 nicht mit Schönbach zu 
schreiben braucht des Heren Herren D.; man müsste denn lesen wollen 
under dem fanen frou/n SeUa, was aber nicht angeht, weil A vor a immer 
V schreibt. Vgl. Herre, Her nHter 15, 20 und Seifr. Helbl. 15, 779 (freilich 
vocativ). 

22* 



324 ZIMMBRT 

name mittels der präpos. ze beigefügt wird: gein der stat ze Gähaön 185, 16; 
ygl. 211,12. 218,33. 2,246,2. Nur einmal heisst es gein stat Gähaön 
2, 97, 27. 

e) Fluss- und seenamen haben den artikel: der Jordan 
67, 3. 11. 184, 13. 14. 2, 37, 6, die von dem Bodensetve 251, 4. 

f) Die namen der sterne, die ursprünglich götternamen 
sind, erhalten abweichend vom heutigen gebrauche keinen 
artikel (vgl. DWb. 2, 1002): 

Mwenne Mars und Satwmus üf gent 64, 7, unz an den mänen, unz an 
Mercurium, unz an Venus, unz an Söl, unz an Jupiter 2, 246, 17; nach 
heizen: der erste planete heizet Sol 52, 7; ahnl. 54, 13. 16. 55, 32. 35. 57, 34. 
61, 11. 62, 30. 63, 11. 29. 

Die mit sterne zusammengesetzten haben ihn: so heizet ir in den 
morgenstemen 63,20; ähnl. 21. lieber sunne und mäne s. s. 325. 

g) Die namen der Wochentage haben stets den artikel: 

der suntac 52,10; ygl. 2,33,6.7. 253,10, selbst nach präpositionen: 
vor der mittewochen 55, 37 und so 53, 22. 61, 15. 23. 26. 401, 4. 446, 8 ff. 
2, 190, 10. 198, 31. 253, 19. Nur nach heizen kann wie bei allen gattungs- 
namen der artikel wegbleiben : der tac heizet suntac 52, 8. 53, 21. 54, 16 u. ö. 
Sonst nur die sameztaeiiaht 2,195,16. — Die namen der feste bedürfen 
nach Präpositionen keines artikels : vor östern 21, 30. 322, 16. 2, 15, 19. 
33,13.20, ;s'6 ösiem 455, 39. 2,257,23, vor |)/?w^es<en 322, 18, nach p f. 2yU,l. 
vor winahten 2, 48, 38. 249,, 7, ze w. 2, 131, 15. Nur einmal heisst es vor 
den pfingesten 401, 4. 

Die mit tac zusammengesetzten yerlangen den artikel: an dem öster- 
tage, an dem pfingesitage 21, 10. 446, 18. 502, 12. 2, 131, 18. 

h) Büchertitel. Abweichend vom gewöhnlichen nhd. 
gebrauche (DWb. 2, 1003) fehlt der artikel bei dem als buch- 
titel verwendeten personennamen: 

man liset in Thohfä 33,38. Der ausdruck ist wol lateinisch gedacht 
wie in apokalipsi 202,22.23. 233,24. 247,35. 266,15. 310,35. 2,107,21. 
108, 2, in Examerön 2, 88, 20. 

2. Appellativa, welche nur einmal vorhandene 
Personen oder gegenstände bezeichnen. 

Unter ihnen hat ein einziges sich bis auf unsere tage 
durchweg artikellos erhalten, es ist dies das wort got Es 
erhält bei Berthold nur dann den artikel, wenn ein adjectiv 
hinzutritt: der ahnehtige, der minnecUche got 6, 39. 156, 8 u. ö., 
oder ein relativsatz: der got, der nie deheine lügen getete 234, 28 
u. ö. Solche bestimmende zusätze fingieren einen vergleich mit 
andern göttern: deshalb wird das wort dann wie ein gattungs- 



DAS AETIKELLOSE SÜBST. BEI B. VON REGENSBÜRG. 325 

name behandelt, während es sonst am besten mit den eigen- 
namen verglichen werden kann. 

Das wort gotheit erhält auch da, wo es mit got ganz synonym ist, 
den artikel: wan diu sele gote als gelich ist unde wider zuo der gotheit 
Jcumet ... daz si nach der gotheit gebildet ist 222,15; vgl. noch 98,16. 
240, 29. 

Sonst verlangen solche Wörter, gerade weil sie notorische 
Personen bezeichnen, den bestimmten artikel, wie endehrist, 
tiuvel, habest (weder hruoder, noch ahhet, noch hischof noch 
cardinäl noch der habest 2, 224, 46). heiser erscheint ohne 
artikel bisweilen als bezeichnung der würde bei eigennamen 
(s. 332), ferner im prädicat (s. 336), endlich dreimal in appo- 
sition: aller engele herre, heiser über alle Jcünige, hätdenpfluoc 
selbe gehalten 2, 238, 13, got, aller engele herre und heiser aller 
hünige 1, 172, 39. 291, 7. 

Auch sachnamen dieser art erscheinen mit wenig aus- 
nahmen stets mit dem artikel. 

So die Wörter sunne und mäne. 

Nur als artbestimmender genetiv erscheint stmne ohne artikel: dem 
simnen schine 2, 30, 12. Dagegen allen der stmnen schtn 1, 165, 1. Sogar 
in sprichwörtlicher rede steht der artikel : der sunnen haz 6, 26. 255, 15, 
mere danne stoubes in der sunnen 30, 1. 39, 33. 72, 3 u. ö. In der zwei- 
gliedrigen formel heisst es: sunne und mäne 95,35. 292,16; dagegen die 
sunnen unde den mänen 264, 13. 393, 1. 

werlt erscheint im partitiven genetiv, wenn er dem quan- 
titätsworte folgt, bald ohne artikel, bald mit ihm: 

vil werlte 188, 32. 235, 34. 39. 340, 31. 380, 35. 526, 2. 530, 31, vil mir 
werlte 65, 17, waz werlte 274, 15, aher vil, daz merre teil etc. der werlte 
528,10. 530,2.8. 2,125,4. 126,36. 226,16; vor dem quantitätswort hat es 
stets den artikel: der weite vil 237,32. 478,18. 2,138,36. 206,30; der w. 
daz merre teil 239,1. 529,7. Sonst immer mit dem artikel, sogar in der 
coordination: gein gote unde der werlte 35,13. 36,14.39. 37,1. 155,25 und 
so immer (ausgenommen 515, 33 gein gote v/nde werlte, 188, 32 so vil werlt 
und engele\ und nach präpositionen : in der werlte 60, 26, zer werlte 31, 13 
und so immer. lieber aUiu diu werlt und alliu werlt s. unten HI, 3 unter al, 

himel erscheint artikellos nur nach manchen präpositionen 
und (allerdings nicht immer) in der zweigliedrigen formel: 

geinhimelelb,dO.S7. 282,17. 2,36,25.29. 37,29. 42,8. 128,37. 247,30. 
250, 1. 

von himeU 398, 33. 399, 24. 465, 2. 505, 16. 2, 35, 21. 64, 35. 94, 15. 
102, 22. 130, 27 (9 mal) ; aber von dem himeU 104, 12. 132, 36. 2, 223, 30 (3 mal). 

ze himele (wohin?) 69,8. 161,36. 237,18, 296,24. 306,38. 371,21, 



326 ZIMMERT 

377, 16. 553, 33. 564, 39. 2, 12, 3. 34, 12. 36, 10. 38, 30. 39, 18. 41, 20. 59, 22. 
70, 29. 76, 1. 77, 22. 92, 11. 100, 9. 102, 22. 125, 26. 126, 27. 35. 37. 39. 127, 7. 
129, 3. 6. 139, 6. 142, 32. 150, 12. 154, 22. 155, 22. 24. 156, 35. 157, 7. 14. 16. 
163, 5. 167, 14. 31. 168, 21. 172, 32. 174, 5. 211, 25. 213, 33. 234, 37. 237, 8. 
246,13.22. 248,25.26 (54 mal); aber zem himele 69,14. 179,34.36. 2,25,1. 
155,14. 213,12.15 (7 mal). 

-ercÄme?e(wo?)15,32. 51,24. 69,8. 170,10. 188,18. 220,10.15. 235,20. 
23. 274, 31. 292, 34. 336, 35. 344, 4. 371, 27. 33. 39. 372, 11. 383, 35. 390, 1. 2. 
399, 30. 460, 4. 493, 20. 29. 537, 15. 538, 14. 27. 541, 15. 2, 26, 32. 41, 16. 36. 
68, 13. 14. 82, 28. 107, 22. 142, 5. 150, 13. 21. 156, 5. 171, 13. 175, 1. 178, 26. 
181,10.25. 182,33. 191,14. 212,3.32. 226,22. 227,15.31. 236,8. 240,34.37. 
42. 241,4.11. 244,10.25. 251,13.25 (61 mal); aber zem himele 2,150,16. 

in himele 514, 8. 2, 178, 17 (in dem himele M); aber in dem himele 5, 11. 
21,35. 22,11. 24,38. 49,37. 57,20. 61,6. 101,29. 105,35. 115,23. 122,4. 
127,39. 149,28. 175,2. 177,29. 188,39. 201,38. 260,22. 264,11. 274,26. 
293,28. 298,39. 304,3. 329,15.16. 337,18.19. 380,29. 385,2. 444,18. 450,39. 
460,7.14. 493,26. 517,11. 550,30. 2,40,39. 42,5.12. 74,17.19. 86,19. 92,8. 
25. 94,20. 95,7. 106,21. 110,33. 124,16. 135,1.10. 139,29. 146,14. 150,36. 
157,28. 167,13. 177,17. 198,11. 212,39. 213,17. 215,3. 226,7. 227,23. 
228, 13. 20. 240, 13. 39. 243, 7. 244, 3. 18. 245, 10. 251, 3. 4. 255, 6. 256,29. 30. 
— in den himel 166, 3. 550, 26. 28. 32. 554, 19. 2, 92, 3. 155, 19. 172, 8. 178, 

an dem himele 19, 14. 48, 28. 49, 33. 35. 51, 6. 15. 53, 25. 59, 21. 22. 24. 
157, 9. 11. 161, 12. 179, 25. 202, 24. 257, 28. 391, 27. 393, 16. 18. 398, 34. 
400,30. 402,6. 506,29. 507,13. 539,18. 2,24,20.22. 25,2. 88,14. — cm den 
himel 161, 9. 19. 168, 29. 2, 228, 10. 249, 11. — miz an den himel 126, 27. 39. 
127, 30. 299, 23. 318, 9. 

durch den himel 280, 21. 337, 9- 379, 37. 

üf dem himele 14, 24. 331, 36. 335, 29. 379, 11. 402, 1. 424, 18. 444, 3. 
14. 501, 27. 549, 18. 2, 78, 34. 117, 3. 124, 10. — imz üf dm himel 305, 12. 

under dem himele 50, 6. 14. 19. 410, 11. 2, 254, 16. 

Es steht also bei gein immer, bei ze fast immer, bei von überwiegend 
ohne artikel, bei an, durch, üf, under stets, bei in fast immer mit dem 
artikel. 

In der zweigliedrigen formel herscht schwanken: himel tmd erde 
80, 15. 302, 16 u. ö., an himel wnd an erden 161, 5, in himel vmd {oder) üf 
erden 130, 10. 452, 29. 560, 8; vgl. 2, 255, 38 n. a. Dagegen der himel unde 
diu erde 48, 26, gen. 13, 8, acc. 560, 6 n. ö., an dem himel und an der erden 
157,11 u.a. Sonst hat das wort stets den artikel, z. b. 19,13. 31, ll» 
96, 2 n. 0. 

Auch helle erscheint im allgemeinen unter denselben be- 
dingungen ohne artikel wie die gattungsnamen: 

Copulatiye Verbindung: heUe imde vegefiures 9, 36, als ob nie helle 
oder tiufel worden wcere 167, 8 u. a. Vorausgestellter genetiv: an dem 
heUe gründe 204, 14. 



DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON REOENSBUBG. 327 



Nach Präpositionen: 



gein heUe 5,8. 23,27. 213,26. 217, 
5. 444,20. 568,81. 2,44,21.28. 61, 
35. 62, 1. 81, 16. 118, 25. 228, 4 (13 
mal). 

von heUe 2, 34, 22. 27. 

ze heUe (wohin?) 41, 27. 80, 20. 87, 
7. 100,14. 207,36. 212,10.16. 218, 
38. 241, 14. 15. 386, 17. 394, 5. 2, 34, 
12. 44,24. 54,17. 66,24.25.27. 67, 
10. 81,15. 110,24. 118,20. 128,39. 
129, 7. 148, 27. 160, 30. 32. 161, 6. 27. 
162,11. 163,30. 182,38. 183,11. 203, 
16. 17. 229, 35. 36. 230, 16. 26. 32 (40 
mal). 



ze heüe (wo?) 3, 8. 8, 27. 23, 23. 31. 
36. 41, 21. 61, 6. 69, 17. 77, 9. 78, 16. 
80,22. 82,39A. 115,36. 127,35.38. 
128,1.3.12.15. 133,36. 204,22.24. 
225,30. 228,28. 261,9. 283,1.24. 
333,35. 336,17. 386,2.8.14.15.26. 
33. 414,24. 444,17. 470,34. 471,9. 

517.10. 521,19. 541,15. 558,16. 569, 
28.30. 2,34,22. 38,28. 40,39. 41,37. 
38. 39. 44, 8. 26. 49, 3. 10. 62, 29. 69, 
16. 81,13. 89,22. 91,7. 92,18.25. 

112. 11. 129, 28. 189, 3. 150, 35. 159, 
25. 161,38. 163,33. 175,8. 179,4. 
181,26. 182,13.34. 189,8. 214,36. 
215,5.7.8.9.11.18. 222,30. 223,36. 
226,26. 227,6.10.15.29.30. 248,1. 
251,16 (91 mal). 

in helle kommt nicht yor, nur in 
hellenche 2, 54, 26. 



gein der helle 5, 10. 282, 35. 463, 4. 
570,4 (4 mal). 



von der heUe 77, 5. 188, 6. 305, 12. 
2, 34, 25. 42, 21. 32. 62, 10. 

zer helle 4, 31. 15, 30. 32. 35. 38. 
16,2. 18,11. 23,25. 41,28. 80,37. 
81,29.39. 82,1.12. 83,12. 84,2.7. 
19.39. 87,20.31. 101,1. 104,10. 108, 
30. 129,6.7.8.29. 132,14. 159,23. 
160, 7. 182, 24. 203, 3. 209, 1. 212, 9. 
34. 218, 3. 27. 214, 1. 30. 215, 1. 3. 10. 
22.34. 216,8. 217,30.32. 218,4. 241, 
16.18. 261,39. 268,28. 272,2. 278, 
39. 279,7. 287,21. 289,26. 293,23. 
30. 307,26. 309,21. 330,5. 342,35. 
343,26. 344,34.37. 348,19.38. 352, 
27. 354,16. 362,9. 382,22. 384,33. 

420. 19. 423, 3. 450, 39. 471, 1. 11. 13. 
19. 21. 22. 36. 480, 22. 491, 17. 30. 
494,37.39. 522,11. 570,11. 2,110,39. 
111,1. 127,15. 128,36. 129,1.3. 130, 
5. 180,32. 181,9. 12. 217,36 (101 mal). 

zer helle (wo?) 3,25.29. 133,13. 
222,26. 260,27. 281,17. 326,32. 327, 
22. 362,13. 380,28. 385,2. 386,7.29. 
422, 9. 24. 440, 5. 444, 10. 471, 7. 17. 

492.20. 533,38. 2,34,19 (22 mal). 



in der heüe 5, 12. 9, 32. 24, 37. 41, 
32. 72,32. 75,36. 127,32. 175,1. 
177,29. 183,10. 188,12.15.38. 189, 
11. 203,22.26. 207,8. 212,27. 228, 
23. 327,21. 350,22. 354,1. 369,37, 



328 ZIMMEBT 

386,23. 431,11.17. 438,14. 471,6. 
481,8. 492,18. 501,31. 514,8. 516, 
31. 527,37. 529,28. 559,9. 573,12. 
2, 2, 1. 5, 16. 6, 3. 26. 8, 13. 9, 14. 16. 

22.32. 18,15.18. 38,32. 95,8. 125, 
31. 159, 24. 176, 32. 179, 33. 190, 15. 

195.14. 215,4.18.22. 226,6. 227,4. 

230. 15. 243, 7. 244, 7. 251, 7. 264, 9. 
— in die heüe 66, 4. 13. 80, 29. 188, 
31. 191, 1. 37. 216, 29. 37. 229, 21. 
282,38. 309,3.24. 321,30. 342,16. 
343,18. 385,9. 422,7. 429,2. 501,33. 
573, 17. 2, 1, 27. 5, 24. 6, 9. 18, 9. 11. 
21. 21, 1. 39. 22, 36. 23, 8. 19. 37, 10- 

56. 33. 111, 39. 121, 13. 192, la 246, 
12. 264, 14. 

üz der helle 76, 33. 2, 18, 26. 22, 31. 
39, 21. 
vor der heUe 126,28. 290,1, 2,171, 1. 

Es steht demnach bei gein und ee auf die frage wo? viel häufiger 
ohne den artikel, bei ze auf die frage wohin? und bei von tiberwiegend, 
bei in, üz und vor stets mit dem artikel. — Auch in der coordination 
kann der artikel erscheinen : der tiuvel unde diu helle 557, 36 ; ähnl. 167, 11. 

— Ausserhalb formelhafter Verbindung hat es immer den artikel, z. b. 41, 15. 
73, 4. 77, 6. 7. 10 u. o. 

erde erhält, wenn es unsern weltkörper oder soviel als 
'boden' bezeichnet, den artikel: 19,13. 81,11. 109,8.22. 160,85 
ti. ö.; wo es stoffliche bedeutung hat, wird es wie die übrigen 
stoffiiamen behandelt, vgl. unten III, 5. 

Nach den präpositionen in und üf steht es artikellos, wo es die irdische 
weit im gegensatz zu himmel und hölle bezeichnet: (hie) in (en) erde(n) 
138, 15. 498, 21. 2, 226, 11. — üf erden 65, 7. 103, 22. 109, 18. 130, 10. 237, 13. 
14. 265,17. 276,15. 364,38. 369,36. 417,19. 466,39. 508,16. 2,99,5. 105,32. 
125,33. 126,25. 168,19.22. 178,35. 183,36; auch unseren weltkörper im 
gegensatz zum Sternenhimmel: üf erden bO^ß. 51,8. 82,37, ja sogar die 
erde als nährboden und wohnplatz der lebewesen: üf e. 113,30. 2,183,84. 

— In der erden heisst immer *im erdboden' (die toürme, der Up in der e.): 
50,13. 125,34. 182,22. 236,16. 237,6. 374,24. 478,14. 506,39. 2,33,15. 
125, 28. 195, 8. 209, 12, in die erden graben 119, 27. Dieselbe bedeutung 
des subst. liegt vor in oh der erden (kriechen) 375, 28, üf der erden (hüwen 
etc.) 151, 16. 2, 33, 15. 116, 17. 181, 2, üf die e. treten 304, 19. 22. 2, 90. 20, 
under der erden 264, 12. 2, 260, 34, üz der e, 49, 20. 81, 12. 375, 19. 506, 30 
(aber in derselben bedeutung: dö kom niemer mer üz erde niht 2,152,22), 
von der e. 87, 22. 183, 2. 395, 11. 429, 8. 2, 249, 11 (von erde hinz an den 
himel 2, 228, 10), für die e. 353, 26. Den weltkörper bedeutet es in an der 



DAS ARTIKELLOSE SÜBST. BEI B. VON REGENSBURG. 329 

e. 19, 15. 48, 28. 161, 10. 507, 11. 12. 2, 24, 24. 25, 3 u. ö. immer mit artikel, 
üf der e. 506, 36, üf die e. 402, 1. Aber auch ganz gleichbedeutend mit 
dem formelhatfen üf erden (= irdische weit) heisst es üf der erden 57, 21. 
264, 12. 477, 12. 495, 36. 497, 12. 501, 29. 502, 4. 2, 202, 2. 216, 18, von himel- 
rtche üf die erde komen 2, 135, 29. 

In der coordination schwankt der Sprachgebrauch: himel und erde 371, 12, 
an himel und an erden 161, 5, vgl. 452, 29. 568, 8 u. m., den himel unde die 
erde 2, 24. 17, an dem himel und an der erde 157, 11, Tgl. 157, 12. 168, 27. 
549, 18 u. a., weder in himel noch üf der erden 358, 3, weder in dem himele 
noch üf erde 2, 198, 11 u. a. 

mer hat den artikel, auch nach der präposition in stets. 
Nach einigen präpositionen erscheint es consequent artikellos: 

jenhalp ineres 148,15. 234,10. 314,22. 316,26. 390,31. 425,22. 
2,243,24. 249,3; disesiXe mers 175,35; über mer 3,18. 176,8.29. 209,35. 
37. 234, 11. 33. 37. 390, 32. 398, 38. 400, 7. 421, 37. 483, 29. 494, 14. 503, 29. 
533, 25. 563, 15. 570, 7. 2, 49, 3. 52, 33. 112, 15. 21. 177, 35. 224, 12. 243, 27. 
248, 27. 29. Nur einmal steht 399, 38 über daz mer und über lant 

Während die bisher genannten die uralte artikellosigkeit 
nur in formelhaften Wendungen bewahrt haben, finden wir 
himelriche auch sonst nicht selten ohne artikel: 

als liep uns himelriche st 113,15. 119,5. 130,21. 154,14. 242,33. 
307,31. 326,14. 352,10. 480,20. 492,28. 2,83,17. 116,21. 179,39, sonst 
nom. 2, 177, 22. 23. 178, 11. 13. 34; so mügent die Hute himelriche wol ver- 
Uesen 97, 24. 26. 38. 109, 29. 142, 2. 14. 166, 4. 296, 14. 23. 377, 13. 415, 20, 
sonst acc. 314, 4. 317, 21. 359, 23. 381, 37. 416, 29. 474, 9. 483, 28. 491, 9. 
524,15. 552,38. 2,68,21. 176,22. 178,15; iu ist ouch not himelrtches 4^,22. 
414, 4, sonst gen. 2, 75, 19. 141, 22. 162, 29. 163, 1. AUerdings häufiger mit 
dem artikel: als liep iu daz h. st 238,5. 301,17. 460,26. 2,10,23. 19,3. 
60,17. 63,18. 90,29. 128,16. 142,33. 263,10, sonst nom. 22, 6. 48,22. 60,32. 
73,8. 104,27. 110,23. 120,1. 130,38. 132,37. 140,1.5.11. 141,5. 235,1. 
236, 10. 336, 39. 337, 4. 357, 1. 4. 388, 1. 2, 36, 5. 124, 14. 16. 159, 35. 212, 3. 
238,1. 242,7.9. 258,1; daz himelr. Verliesen: 22,13.15. 397,7. 564,28. 
2, 60, 32. 120, 10, sonst acc. 43, 33. 45, 16. 60, 36. 67, 36. 97, 5. 8. 101, 33. 
102. 23. 104, 30. 114, 13. 141, 39. 160, 25. 172, 1. 192. 2. 227, 22. 238, 15. 20. 
239,25. 242,14. 256,2. 275,39. 306,34. 310,34. 330,6. 397,33. 399,34. 
476, 18. 491, 7. 16. 501, 23. 564, 28. 2, 76, 1. 125, 22. 163, 1. 191, 39. 251, 14; 
gen. 3, 26. 15, 12. 33. 36. 23, 2. 9. 31, 23. 33, 23. 27. 35, 2. 60, 33. 77, 11. 
155,12. 223,4. 258,38. 296,31. 346,23. 377,8. 474,16. 488,19. 491,22. 
494, 33. 506, 8. 561, 29. 2, 38, 7. 8. 9. 121, 7; dat. 73, 10. 140, 8. 27. 141, 12. 
142, 17. 160, 6. 311, 8. 10. 2, 121, 13, kein himelr. 455, 15. 558, 34. Im prä- 
dicat: du hast dir daz zeime himelriche erkoren 385, 37; vgl. darüber s. 337. 

Mit adjectiven: von dem frönen himelr. 118,30; vgl. 145,28. 203,1 
u. a. Nur einmal erscheint es auch mit einem adjectiv artikellos, noch dazu 
im gegensatze, wo man ihn unbedingt erwartet: er hat nider himelriche 
rehte geordent als daz ober 2, 186, 6. 



330 ZIMMERT 

In der coordinierenden fonnel finden wir neben ausdrücken wie hitnel' 
riche und helle 384. 38 (vgl. 47, 12. 370, 31 u. a.) auch got unde daz himd' 
riche 281, 10. 

Bei den präpositionen ze (auf die frage wo?) und von steht es häufiger 
ohne als mit artikel, bei an, gein, in, umhe und besonders bei ze auf die 
frage wohin? überwiegend mit dem artikel: 

ze himelriche (wo?) 22,6. 23,4. zuo dem (zem) h. 170.19. 228,16 
84,23. 100,11. 142,20. 144,5. 336, 328,19. 343,31. 380,24.414,7. 2,244 
32. 372,16. 378,39. 386,6. 389,22. 10 (7 mal). 
436, 25. 490, 25. 538, 18. 550, 11. 
2,129,25. 179,4. 244,22. 247,2. 
249,4. 251,20 (21 mal). 

von himelr. 56, 7. 8. 19. 57, 2. 27. von dem h. 97, 2. 3. 203, 1. 238, 13. 
142,6. 183,25. 191,3. 237,9. 238,21. 253,8. 293,12. 296,12.16. 326,22. 
340, 11. 451, 32. 458, 12. 32. 527, 37. 327, 9. 340, 14. 474, 17. 481, 10. 526, 
535, 15. 39. 2, 99, 19. 135, 29. 170,19. 22. 2, 170, 15. 181, 23. 193, 17. 246, 5 
236,1 (21 mal). (18 mal). 

an h. 2, 266, 9? {in dem E). an dem h. 103, 7. 384, 36. 

gein h. 41, 12. 296, 27. gein dem h. 170, 16. 171, 32. 399, 

33. 2, 36, 15. 246, 8. 
in h. (wo?) 22, 36. 23, 8. 13. 14. 57, in dem h. 3, 30. 22, 10. 75, 37. 76, 
28. 76, 25. 94, 23. 95, 7. 96, 5. 97, 7. 39. 97, 22. 27. 98, 1. 120, 18. 180, 23. 
106, 10. 109, 5. 124, 12. 169, 6. 227, 188, 19. 200, 25. 220 titel, 221, 26. 
25. 36. 234, 20. 372, 13. 397, 25. 389, 222, 33. 233, 26. 242, 22. 260, 3. 262, 
17. 390,15. 391,28. 413,4. 444,16. 24. 281,17. 287,35. 299,3. 329,1.6. 
445,4. 451,35. 455,30. 493,8. 506, 10.15. 330,15. 333,33. 336,25.31. 
19. 526,5. 530,1. 538,25. 539,31. 337,7. 368,10 369,29. 371,15.30. 
540, 3. 547, 36. 567, 23. 2, 32, 29. 41, 372, 9. 376, 31. 379, 3. 9. 12. 383, 31. 
17. 83, 24. 106, 23. 154, 13. 167, 9. 384, 4. 438, 15. 458, 19. 488, 15. 492, 
178, 14. 191, 28. 196, 37. 214, 5. 263, 35. 501, 36. 526, 18. 537, 12. 16. 538, 
33 (47mal). 32. 36. 539, 31. 541, 38. 550, 17. 553, 

36. 555,14. 556,29. 569,20. 2,4,3.8. 

9, 19. 23. 30 11, 34. 39. 12, 4. 6. 51, 4. 

74,15. 77,24. 80,14. 94,17. 123,6. 

124, 18. 135, 18. 144, 3. 167, 26. 171, 

19. 178,36. 183,39. 251,23. 260,4. 

264,8. 265,4. 266,7. 269,12 (84mal). 
in h. (wohin?) 2,181,34. 182,22. in daz h. 41,8. 48,26. 66,2. 132, 

25. 178,3. 180,6. 182,22. 227,26. 

327,39. 348,19. 456,36. 489,29. 505, 

21.28. 550,13.14. 564,22. 565,7. 

2,20,39. 21,13.28. 36,32. 269,39 

(23 mal). 
umbe h. 29, 5. 337, 24. 340, 8. 474, umbe daz h, 73, 7. 142, 12. 223, 39. 
15. 2,137,26 (5 mal). 224,18.23. 386,38. 475,11. 552,39. 

2,54,8. 212,26 (10 mal). 



DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON REGENSBÜRG. 331 

ze Ä. (wohin?) 15, 35. 28, 8. 58, 10. zuo dem (zem) h. 2, 37. 3, 23. 37. 

67. 16. 80, 25. 28. 101, 38. 113, 25. 16, 1. 49, 7. 51, 21. 55, 33. 65, 12. 15. 

168, 36. 173, 14. 183,12. 235,27. 293, 16. 18. 20. 23. 28. 66, 7. 11. 23. 67, 8. 

33. 328, 7. 11. 359, 37. 361, 26. 353, 10. 68, 8. 69, 4. 71, 37. 73, 3. 75, 28. 

34. 373,9. 388,2. 491,22. 521,27. 76,13.94,22.97,12.101,34.140,12. 
549, 10. 2, 76, 21. 80, 22. 127, 3. 141, 13. 161, 24. 26. 30. 162, 3. 13. 17. 19. 
39. 142, 34. 155, 23. 156, 28. 31. 172, 25. 163, 2. 165, 19. 170, 18. 19. 22. 23. 
6. 202, 39. 247, 5. 260, 35. 264, 18 25. 171, 13. 15. 20. 21. 23. 25. 28. 172, 
(36 mal). 3.4.5.27.34. 177,9. 179,15.16.18. 

180,3.28.30. 183,23. 195,27. 210, 
31. 218,25. 220,23.26. 221,16.22. 
224,27.31. 228,32. 231,30.35. 234, 
30. 236, 7. 237, 22. 30. 33. 39. 249, 23. 
250, 5. 7. 25. 252, 23. 257, 12. 14. 262, 
38. 274,25.33.36. 278,39. 289,19.21. 

23. 297,34. 299,17. 309,1.7.9.12. 
14. 27. 310, 11. 13. 311, 9. 330, 1. 5. 8. 

16. 336, 15. 337, 14. 342, 32. 346, 10. 
357,5.7.8. 373,7. 382,23. 390,27. 
400,5. 411,25. 414,3.5. 423,22. 443, 
21.22.36. 460,28. 471,36. 475,17. 
18.31.35.38. 476,4. 480,7. 485,35. 
488,10. 491,31. 492,30. 494,38. 505, 

17. 507, 13. 521, 23. 524, 30. 525, 37. 
529,19. 537,25. 538,5.6. 544,6. 548, 
11. 553,38. 556,28. 558,19. 561,11. 
564. 1. 7. 2, 2, 29. 23, 6. 36, 22. 34. 38. 
37,14. 43,12.15. 74,23. 75,3.5.13. 
21. 81,25. 92,14. 124,4. 125,17. 
126,32. 127,16. 136,6. 137,9. 154, 

24. 155, 11. 16. 157, 20. 163, 18. 164, 
13. 172,22.25. 181,7. 184,7. 192,24. 
212,2.28.30.33. 213,11. 296,10.14. 
24. 250, 3. 259, 2. 260, 6. 262, 2. 274, 
28 (207inal). 

Vereinzelt finden sich noch: nach dem Ä. 224,35, üf dem h. 379,6, 
wider dem h. 2, 124, 11, üz dem h. 2, 176, 34, man lobt ttigent vür himelriche 
2, 177, 20. 21. 

Bei ertriche unterbleibt die anwendung des artikels nur 
nach Präpositionen: 

üf ertriche (dat.): 9,29.30.35. 17,22. 18,26. 19,28. 22,5.12.14—16. 
30.37.39. 23,3.6.7.11.38. 56,14. 59,24. 64,11. 80,23. 81,15.18. 82,39. 
88, 37. 90, 5. 97, 23. 27. 29. 34. 35. 37. 39. 99, 13. 22. 104, 33. 109, 22. 119, 35. 
120, 10. 127, 33. 131, 5. 132, 8. 141, 12. 144, 33. 157, 9. 164, 20. 182, 3. 6. 188, 
22. 26. 191, 33. 196, 7. 220, 9. 12. 222, 32. 227, 15. 24. 228, 10. 249, 7. 257, 31. 
271, 10. 279, 21. 292, 24. 293, 34. 301, 33. 333, 10. 339, 15. 366, 7. 10. 371, 13. 



332 ZIMMERT 

377,7.12.15. 3a5,30. 386,26. 389,18. 391,12. 405,4. 422,18. 427,10. 439,9. 
442,19. 445,4. 448,15. 477,22.23.25.27. 484,35. 489,10. 493,7. 498,16. 
500,11. 505,26. 508,16. 527,23. 539,33. 550,19.20.22.23. 554,2. 559,6. 
2, 1, 11. 2, 33. 5, 29. 32. 33. 6, 1. 11. 18. 27. 31. 36. 7, 4. 37. 9, 5. 8. 10, 17. 
11, 31. 12, 21, 26. 13, 13. 22. 22, 25. 25, 27. 32, 22. 41, 14. 35. 36. 42, 4. 66, 13. 
83, 17. 24. 91, 39. 94, 4. 116, 2. 38. 135, 2. 167, 25. 27. 168, 23. 184, 1. 212, 4. 
31. 213, 17. 245, 21. 251, 26. 253, 2 {iif eHrichen 2, 5, 28. 6, 31. 22, 8 nur 
hs. a, üf dem ertr. 306, 21. 379, 13. 399, 1. 428, 17. 2, 42, 17 [dem fehlt DK 
Mm], üf disem erir. 97, 38. 219, 2), üffe erir. 254, 16, üf ertriche (acc.) 56, 32 
57, 12. 27. 183, 29. 237, 7. 238, 21. 2, 68, 15. 139, 33 (üf daz erir. 188, 21. 
337, 2. 400, 32. 535, 35), in ertriche (nur in coord. mit himel etc.) 506, 19. 
567, 23. 2, 255, 38, von ertr. 127, 30. 372, 14 (von dem ertr. 126, 37. 179, 24. 
235, 22). 

Ferner in der coordination: 

himelriche und ertr. 370, 31. 2, 196, 12 u. ö. Sonst wird es artikuliert: 
49, 3. 151, 13 (hüwen\ 302. 27. 337, 1. 393, 19. 400, 32. 2, 124, 12. 212, 3, und 
80 immer; auch nach präpositionen, und zwar nach durch 393, 14. 15, nach 
486, 31, wider 235, 8. 337, 4. 

finnament, vegefiwer, paradise, auch luft (wo es nicht stoff- 
liche bedeutung hat) werden stets mit dem artikel versehen, 
auch nach präpositionen. 

Synonyma für himmel und hölle: 

apgründe erscheint hisweilen nach präpositionen artikellos : von apgr. 
126, 38, in apgründe (acc.) 527, 38 A, in apgründe der heUe 218, 9 A, 531, 19 a. 
Gewöhnlich aber heisst es ht, an dem gründe der hellen, in daz apgründe, 
an, in den grünt der hellen. 

oberlant (vgl. die von Oberlant, dort her von Zürich 250, 39 und s. 323, 
W. Grimm zur Gold. schm. xxvn, 32) einmal ohne artikel; die mit der milte- 
keit oberlant besezzen hant 257, 15. Dagegen daz oberlant 250, 14. 253, 26, 
gein dem obern lande 262, 20, in dem obern lande 252, 30, in daz oberlant 
252, 23, von dem obern lande 253, 8. 496, 5, zuo dem obern lande 250, 7. 
254, 36. 262, 33. 

niderlant. Wir finden neben einander niderlant büwen 252, 12. 257, 1, 
gein niderlande 262, 17, in niderlande 262, 13 (dat.). 260, 5. 261, 23 (acc), 
und andrerseits daz niderlant 250, 14. 256, 18, gein dem niderlande 262, 19. 
30, in dem nidem lande 260, 9. 29. 261, 4, in daz niderlant 250, 12. 253, 9, 
von dem nidern lande 496, 5, zuo dem niderlande 260, 16. 

Es zeigt sich also, dass, von den eigennamen abgesehen, 
die substantiva, welche als bezeichnungen einzigartiger personen 
und gegenstände in der älteren spräche des artikels nicht be- 
durften, im mhd. den bestimmten artikel geradezu erfordern, 
weil sie notorische dinge bezeichnen. Nur got entbehrt immer, 
himelriche öfters, apgründe, oberlant und niderlant als Synonyma 
von himmel und hölle bisweilen des artikels. Bei den übrig^en 



DAS ARTIKELLOSE SÜBST. BEI B. VON REGENSBURO. 333 

unterbleibt seine anwendung nur nach manchen präpositionen 
und in der coordination. 

lieber die Wörter tot, leben, kristengloube wird bei den 
abstracten gehandelt werden; die von Strobl und Schönbach 
zu 193,20 angeführten substantiva gehören nur zum teil hierher. 

3. Gattungsnamen. 

Nur bei dem werte man ist es fester und allgemeiner 
Sprachgebrauch, dass der artikel wegbleibt, wenn über die 
ganze gattung in begrifflicher allgemeinheit ausgesagt wird. 
Die substantivische bedeutung des wortes wurde wol zu Ber- 
tholds zeit nicht mehr deutlich gefühlt, denn nur selten wechselt 
es mit dem gleichbedeutenden der man (mit dem generischen 
artikel): 

swaz man da verheile . . . daz der man verswiget 217, 14 (auf der- 
selben Seite man 9. 11. 12. 19. 32 ff.), reht als der man hie scewet, als smdet 
er dort 383, 37, Do hrähte man goie alle tage zwei opfer, ie dar nach und 
der man mohte 2, 79, 10, vgl. 14. 

Ebenso steht in begrifflicher allgemeinheit an pilwiz glouben 
2, 79, 32 (der plural heisst gewöhnlich hüwihten oder büww^en), 
femer als liep iu lip si 518, 3 und 1, 96, 2 ej3 wart sele nie 
kein dinc als glich als das einige dinc, wo nicht die negation 
das ausbleiben des artikels rechtfertigt, da in solchen all- 
gemeinen negierten Sätzen nur der unbestimmte artikel häufig 
vermisst wird, während es sich hier um den bestimmten 
handelt, i) 

Wenn es 531, 28 heisst wcere sünde als groz alse die pfaffen 
machent, so ist hier sünde = * Versündigung, das sündigen' und 
fällt daher unter die allgemeine regel über die abstracta (s. u.), 
desgleichen wol auch ich wil sünde über ein niht läsen 4, 34. 

wunder erscheint gerne ohne artikel wegen seiner bald 
abstracten, bald coUectiven bedeutung: 2, 243, 21 ff. 244, 1, häu- 
figer wunder unde wunder 1, 179, 17. 20. 227, 39 u. ö. (vgl. jedoch 
ir tribet das wunder von hohvart 485,27). 

') Uebrigens soll nicht yerschwiegen werden, dass unberechtigte aus- 
lassnngen des artikels und demonstrativs in der hs. A nicht selten sind. 
Artikel: 51,1. 54,5. 99,25. 111,34. 125,2. 132,12. 147,37. 156,2. 159,14. 
162,14. 178,9. 180,18 u. ö. Demonstr.: 131,20. 186,6, desgleichen relativ 
und coDJunction daz u. a. 



334 ZIMMEBT 

Im übrigen ist die Verwendung des artikellosen Singulars 
von gattungsnamen nur in bestimmten Verbindungen allgemein 
und häufig. Es sind folgende: 

a) Substantiv mit adjectiv in sehr deutlichem begriff- 
lich allgemeinen sinne: 

daz sich gewär got und war mensclie verwandelt in ein bröt 53,4; 
ähnl. 163, 3. 453, 34. 458, 20. 459, 19 und so immer, so müget ir leiden blic 
an im werden sehen 35, 11, altiu gurre bedarf wol fuoters 417, 16. 418, 23. 

487. 2. 2, 143, 16, armer Hute höhvart und alter mit unkiusche unde rtcher 
lügener, diu driu sint fremde geste 397, 24, der niuwen funt vindet 2, 161, 25, 
reines (lindes) herzen sin 411, 30. 456, 7. 8. 480, 28. 2, 242, 23, daz er dir 
ganzen erbeteil gebe 2, 134, 39, vgl. noch 121, 18. 216, 12. 285, 12. 531, 23. 
2, 249, 9. 2, 39, 38 und s. 336. 338. 340 k, besonders s. 341. Nur einmal fehlt 
der artikel bei individueUer bedeutung des Substantivs: ir sult im ein 
smitzelin tuon an blöze hüt, ir sult ez aber an blözez houbet niht slahen 35,7. 

b) Wenn eine Wechselbeziehung zwischen ver- 
schiedenen wesen der gleichen gattung ausgedrückt 
wird (Paul § 223, 3), kann der artikel ausbleiben: 

swenne daz kint den vater unde die muoter verdampnen sol ... oder 
mäc den mäc 188,3. Doch kann auch der artikel gesetzt werden: fride 
zwischen dem menscJien unde dem menschen 56, 9. 12. 

Den artikel verschmähen besonders präpositionalverbindungen, welche 
das durchschreiten einer reihe gleichartiger dinge ausdrücken: von tage ze 
tage 37, 11. 41, 25. 98, 2. 474, 18 und so immer, von wile ze wile, von järe 
ze järe 98, 2. 421, 20. 450, 11 und so immer, von ewen ze ewen 66, 13. 73, 1. 
87, 24 u. ö., marc für marc, pfunt furpfunt, schillinc für schillinc etc. 73, 38, 
137, 5. 224, 24. 258, 32 und so immer, umnder über umnder 372, 10. — Anders 
vmi einem unnkel in den andern 483, 14, daz krenzd hin unde krenzel her 

415. 13. 

c) Neben verallgemeinernden adverbien steht das 
Substantiv häufig ohne artikel: 

wä wart ie künic oder keiser sd ^etraZ^tc 80,11; andere 84,5. 140,15. 

349.38. 385,18. 439,8. 519,18. 570,37. 2,71,3. 109,31. 160,11. 176,39. 
208,21. 256,5. — daz du iemer pfenninc oder helbelinc oder ei oder sm 
wert iemer genemest 281,11, wie selten die iemer guoten tac gewinnent 230, 30; 
andere 323,24. 324,7; — der munt, der nie lügen getet 138,9. 307,16. 

521. 14, der nie stich gesach 383, 15 (in diesem sinne nur ist Schönbachs 
anmerkung zu 143, 20 richtig, dass dieses wort keines artikels bedürfe) und 
so 69, 31. 97, 12. 166, 39. 210, 27. 222, 16. 227, 15. 228, 35. 247, 3. 256, 5. 

288.3. 348,35. 370,17. 390,21. 429,11. 444,36. 493,12. 498,22. 501, la 
508,25. 548,9. 566,25. 570,34.35. 2,9,9. 12,30. 50,34. 66,13. 102,15. 
122,30. 152,17. 222,32. 244,8. 245,15. — daz ez niemer munt voUesagen 
mac 94, 26. 100, 23. 227, 35. 228, 7. 291, 6. 22. 329, 7. 339, 27. 372, 2. 379, 39. 

383.39. 384,27. 2,75,25. 82,4. 124,22. 185,5. 201,7. 226,26. 228,38. 



DAS ARTIKELLOSE SüBST. BEI B. VON REGENSBURO. 335 

245, 14, niemer guoten tac geleben 59, 9. 68, 31 n. ö. ; andere 9, 18. 40, 1. 
51,21. 184,5. 199,15. 226,13. 265,28. 270,34. 351,29. 395,4. 412,37. 467,4. 
468,29. 2,38,18; über niemer ende gewinnen s. s. 339, niemer wirt ende 
s. unten unter ü, 8, schluss; daz iendert zäher in iu belibe 195,25; ist 
niendert Sünder so arger 271,30; andere 2,103,8. 121,36. 122,19. 127,2. 
132,35. 206,35; wä scehe du zeichen 2,70,34. 

Für artikelloses Substantiv bei einfacher negation findet 
sich kein beispiel; die Verbindung zweier substantiva durch 
weder — noch fällt unter einen andern gesichtspunkt, s. s. 346. 

Doch kann auch ein gesetzt werden; 

bei ie und iemer in affirmativer bedeutung: daz ein mensche ie zer 
Wochen ('jede woche') eine mervart möhte erzittgen 445,7, vgl. 552,36; in 
negativem und conditionalsatz als zahlwort (DWb. 3, 131): nie eine wochen 
491, 3, möhten mich niemer einer tötsünde benceten 347, 11, daz niendert ein 
heilige noch ein enget bUbet 2, 94, 16, vgl. 2, 61, 22. 103, 11. 124, 18. 134, 31. 
204, 5, käme iendert ein tropfe 2, 96, 33, vgl. 2, 179, 31. 1, 60, 4, swenne ein 
man eine frouwen ansiht 516, 16, vgl. 568, 15. 22. Gerne steht ein mit dem 
Substantiv vor dem adverb : daz sie die juncfrouwen einen tac von in nie 
geliezen 527,24; vgl. 420,35. 552,35. 572,36. 

In der grossen mehrzahl der fälle wird jedoch dehein oder 
kein gesetzt: 

pß dich, daz ie dehein touf üf dich kam 71,26. 93,8. 118,33 u. o., 
der munt der nie deheine lügen getet 234, 28. 334, 6. 426, 27, gewinnet niemer 
mer kein ende 29, 7. 431, 16. 247, 2, so mac nieman den andern deheiner 
Sünde genceten 347, 32 u. v. a. Beispiele fast auf jeder seite. Es erscheint 
auch in der coordination: nie dehein künic noch keiser 305,7; bei stoff- 
namen und abstracten, die doch an und für sich schon artikellos hingesteUt 
werden können : geliez im niemer dekeine ruowe 136, 26. 31, vgl. 271, 26, 
dir git got nie mir keinen Ion 26,32, ich ensülle niemer mere deheines 
fleisches enhizen 304,17. 2,90,12; auch beim plural: den grcesten schaden, 
den diu werlt von deheinen Hüten ie gewan 208,16, bei himelriche (vgl. s. 329): 
daz in got niemer kein himelr. gegeben wil 68,1. 

d) Nach der präposition äne bleibt regelmässig der 
artikel weg: in der Uhte und äne Uhte 114, 18, äne touf er- 
sterben 32, 12. 126, 23. 299, 2. 4. 2, 227, 35 (aber äne den touf 
31, 27) u. V. a. 

e) Das prädicative Substantiv kann den artikel ent- 
behren, wenn von einer person ausgesagt wird, dass sie die 
eigenschaften einer gewissen menschenklasse (geschlecht, stand, 
beruf) an sich trage oder die derselben eigentümliche tätigkeit 
ausübe. Vielfach decken sich solche deutsche nominalprädicate 
mit verbalprädicaten anderer sprachen (regnat, ßaaiXevei, 
CaTQajtevBi). 



336 ZIMMERT 

Daher steht 2, 169, 31. 33 daz min vint teuer wirt in minem wingarten 
synonym mit teilende wirt 2j 168j Sb. 39. 169,33. — Beispiele: herre, pfleger, 
fürste, voget stn über 94, 7. 110, 13. 164, 38. 366, 8. 9. 459, 5. 2, 170, 12, diu 
frouwe ist über alle fromoen 248,4, ähnl. 240,39; bürge stn = * bürgen* 
573,9, er söl dich niht noeten boten sin 348, 15, keiser sin über . . . 563,7; 
ähnl. 428,15; mensche werden 2,39,19. 82,10.13. 172,39. 267,1. 273,1, 
der wart mensche gebom 443,2; ähnl. 103,25. 188,25. 206,24. 302,12. 
2,199,45; swie du maget sist an dem fleiscJie 337,32. 2,192,2. 258,13; 
andere 14, 10. 44, 8. 80, 13. 209, 22. 334, 37. 443, 28. 447, 15. 517, 30. 531, 20. 
2,99.18. 112,6. 141,13. 170,9. 265,5. — Mit adjectiven: swer niht gmt 
meister si 154, 8, er ist wärer got und war er mensche 188, 25. 206, 24. 302, 12, 
got wcere atiders niht rehter rihter 205,1. 484,35 (einr.r. 491,32); andere 
241, 18. 2, 207, 10. 1, 282, 4. 2, 199, 40. 2, 129, 12. 17. 

Doch ist auch in dieser bedeutung ein zulässig: als got ein herre im 
himelriche ist 3,30. 5,11. 61,6. 75,37 u. ö. (31 mal), als der bäbest ein 
ßrste ist über ... 366, 4 ff.; ähnl. 2,239,25; swie si ein maget si 283,35. 
2, 188, 3 (dagegen ebenda 15 die sich maget uzen zeigent, 21 bist du maget 
am dem fleiscJie, vgl. oben), ein mayi sol ein man sin, ein frouwe sol ein 
frouwe sin etc. 325,34.39. 326,10. 2,85,33; andere 214,26. 282,23. 361,1. 
2, 27, 24—26. 87, 34. 141, 13. 267, 3. — Mit adjectiven: er ist ein rehter rihter 
382, 30 (vgl. oben), ist er ein guot meister 509, 28. 2, 46, 6. 13. 51, 36. 

Das gleiche schwanken zeigt sich bei prädicativen präpo- 
sitionalausdrücken dieser bedeutung: 

ze keiser machen 2, 106, 27 (zeinem künige 2, 3, 8. 34, 34, verwerfen 
1, 276, 22. 2, 223, 30. 232, 1. 6), ze rihter setzen 143, 23. 535, 2. 11, ze vriunde 
machen 200, 20 (zeinem vriunde 465, 12. 526, 17). Die allgemeine bedeutung 
des prädicates ist der grund, dass es im Singular stehen kann, obwol es 
auf ein coUectiv bezogen ist: wir suln Dävtdes geslehte niht mir ze künege 
han 152,19. Mit ein: zeinem undertänen geben 275,32, zeinem bäbeste 
machen 316,39; andere 152,20. 291,18. 439,20.36. 443,1. 2,58,31. 205,1. 

Fester erhielt sich der ältere Sprachgebrauch bei sach- 
namen : 

ze teile werden 38, 37. 138, 34. 185, 27 und so immer, ze vorgäbe geben 
99, 20, ze lehen hän 261, 9, ze eigen, Upgedinge geben 437, 32, ze worte han 
415, 1, ze gelte nemen 2, 39, 28, ze antivürte geben t, 58, 16. Doch steht 
vereinzelt auch bei solchen der unbestimmte artikel: ze 'einem opfer bringen 
499,29 {ze opfer 499,25. 448,23), ze einem steine werden 437,6; ähnlich 
2, 271, 16. 

Abstracta und stoffnamen erhalten im allgemeinen wie 
sonst (unten 11, 5 und 6) auch im prädicate keinen artikel: ee 
löne werden, ze luoze, dienste, nutze geben etc. Soll jedoch an- 
gedeutet werden, dass die prädicierung nur eingeschränkte 
geltung hat (nur für eine bestimmte person oder nur für eine 
bestimmte gelegenheit), so wird sie durch das unbestimmte 



DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON BEOENSBUBG. 337 

pronomen abgeschwächt, auch bei stoffnamen und abstracten, 
die sonst in begrifflicher bedeutung den artikel verschmähen, 
sogar beim plural. Der satz drückt dann aus, was das subject 
in den äugen jemandes ist, oder was es für einen besondern 
fall oder für eine gewisse person tatsächlich zu bedeuten hat. 
Im lateinischen entsprechen die constructionen mit pro, loco, 
numero, tamquam, quasi und der prädicative dativ. 

dtrre werlte wisheit ist vor gote ein törheit 2, 19, ez ist dir ein ver- 
dampnisse 26, 33. 544, 15, ez ist mir niwan eine müewe in den oiigen 174, 37. 
176, 20, si (die seele) ist rehte ein vnrtin in dem Übe 2, 128, 3, so ist er dir 
niwan ein segen 283, 6, diu tugent ist vor gote ein gespöiie 96, 31. 34. 173, 7. 
176,4.11; ähnl. 224,3. 415,12.14. 435,15. 453,17; andere 82,22. 179,2. 
224,6 a. 226,37. 250,18. 273,10. 281,33. 284,36. 342,38. 377,29. 397,15. 
504, 8. 2, 221, 15. 258, 14. 16 n. m. ; so in ein leit heschiht, daz machent sie 
in selber zeinem liebe 425, 25, hast dirz zeiner verdampnisse genomen 16, 33, 
daz sie ein wenic widergceben ze einer glichsenheit und ze einen eren 420, 2, 
wellent ez zeinen rehten hän (als angebliches recht ausnützen) 2, 161, 19, 
daz (weltüche guter) hast du dir zeime himelriche erkom 385, 37. 427, 10. 
13, got hat im den menschen ze einem tempel gemachet 566,9, du solt 
dich niht legen an den wec ze einem steine 2, 271, 16; andere 34, 1. 81, 10. 
99,12. 229,17. 233,17. 261,6. 335,22. 364,7, vür einen kristen hän 467,5; 
andere 539, 11. 14. 545, 38. 562, 9. 2, 142, 24. 165, 11. 258, 12. 265, 7. 269, 20. 
271,8. 

Von diesem gesichtspnnkte aus werden auch folgende ausdrücke zu 
betrachten sein : daz du hast, daz ist gar ein niht wider . . . 174, 27. 176, 13. 
273, 10. 383, 39. 397, 4. 414, 27. 510, 39. 538, 2. 2, 68, 19. 256, 9. 39, aUiu diu 
martel ist ein wint 203, 21. 

Seltener fehlt der artikel: daz im gröz schade ist 191,61, /wr eigen 
geben 477, 5, daz man ez für sünde niht haben wil 555, 22, vm nihte hän 
42, 7. 2, 256, 4, daz machent si in zeinem tröste unde ze freuden 428, 28, 
du solt dich des niemer ze unscelden an gesagen 160, 24, daz get dir aUez 
ze ftuoche umde ze verdampnisse 258,29. 

Die Wörter, welche stand und amt bezeichnen, erhalten 
den artikel, wenn vom subject nicht die ausübung der tätigkeit 
oder der besitz der wesentlichen eigenschaften der klasse, son- 
dern bloss die Zugehörigkeit zu der klasse ausgesagt wird: 

etelicher wolte gerne ein gräve sin, so muoz er ein schuochsüter sin 
u. s.w. 14,4. 146,1. 271,14. 2,27,24.29; ähnl. 14, 10. 180,36. 234,18. 
247, 17. 265, 3. 320, 13 u. a. Auch im griechischen würde in solchen fäUen 
nominales prädicat angewendet. 

Notwendig ist der artikel ferner, wenn das prädicat zu- 
fällige Charaktereigentümlichkeit bezeichnet: 

sin sun würde ein morder 36, 21 ff., ob er ein swnder wcere 138, 18 und 

Beiträge zur geschickte der deutschen spräche. XXVI. 23 



338 ZIMMERT 

SO 40, 17. 43, 10. 55, 36. 59, 10. 62, 24. 71, 33. 104, 34. 115, 24 n. v. a.») Bei 
snbst. mit a^*.: ich hin ein alter priester 161,2, ein getriiMcer kneht 110,9 
n. a.; beim substantivierten a^ectiv: daz er ein dürftige sin müeste 62,38, 
vgl. 323,27. 342,39; endlich bei sachnamen: daz ez ein schenäMh wart ist 
55, 12, und so 79, 22. 82, 2. 99, 4. 18 u. o. 

Der bestimmte artikel bezeichnet die identität: ich bekenne 
dich wol, daz du diu küniginne bist 118, 89, wer ist nü der 
acker? ... der schätz? (des gleichnisses, also vorher genannt) 
140,5 und so häufig. 

f) Das accusativobject kann den artikel entbehren, wenn 
es nicht ein individuum, sondern die gattung von dingen be- 
zeichnet, die von der im prädicat ausgesagten tätigkeit be- 
troffen wird. Es wird dadurch nur die richtung und art der 
tätigkeit angegeben, die häufig durch ein blosses verbum aus- 
gedrückt werden könnte (hüs haben = ^wohnen'). Diesen 
Sprachgebrauch als ausdruck einer ^gewohnheitsmässigen tätig- 
keit' aufzufassen, ist, wie die beispiele zeigen, nicht statthaft. 
Bei Grimm hat diese erklärung ihren grund in der vermengung 
derartiger ausdrücke mit stoffnamen und collectiven, die auch 
als object nur den allgemeinen f üi- sie geltenden regeln folgen 
(Jbier brauen, frucht tragen etc., DWb. 2, 991). 

Beispiele : ampt hän 2, 27, 23. 28. 38 (er enhabe ein a, 23. 27), hihte 
hceren 190, 26. 510, 26. 518, 22, c brechen 364, 9, hant anhaben 39, 2a 30. 
476, 30, Oberhaut gewinnen 82, 28. 241, 33. 246, 2. 363, 18. 394, 20. 496, 10. 
527, 35 (die ob. nemen Iw. 1537), herberge hän 261, 25, hof han 203, 16. 
2, 212, 19, hüs haben 79, 15, hüfen machen = * häufen ' 562, 34 {einen h. 39), 
kint gebeten Sllj 1 (wie ein maget ein k, gebasre 2, 235, 10), kint tragen 
2,109,33. 115,17, kröne tragen V^,n. 306,24. 2,239,9, warÄ^Äan 2, 253, 3. 
messe /rumew 3, 28. 25,33. 190,13. 332,20. 333,1.2. 501,20. 510,25. 516,15. 
23. 26. 563, 1. 2, 195,' 38 (messen fr. 516, 19), messe hceren 4, 1. 206, 14. 323, 38, 
452,30.31. 493,6. 494,3.14. 503,30. 2,69,12. 230,13. 249,21 (dee w. 503,35, 
eine [zahlw.] w. 531, 3. 2, 27, 10. 257, 11), messe singen (sing., s. Mhd. wb. 2, 
1, 160 a oben) 447, 9. 460, 5. 510, 25 (nach niemer 351, 28. 2, 223, 46), namen 
geben 36, 20. 153, 15. 2, 228, 30 (sing. s. 551, 15), predige hceren 323, 39. 
493, 6. 2, 180, 14, mettin, prime, terz singen 2, 131, 1, pfant behoben 364, 9, 
houbetsünde tuon 267, 5, State hän 304, 27 (öfter mit sin), teil hän 2, 272, 8, 
urteil sprechen, geben 15, 28. 282, 21 (daz urt. 29), emew wort sprechen 
2,29,4, zeichen tuon (übers. Notk. Signum faeis, also sing.) 323,29. 

Nur mit adjectiven: guot bilde vortragen 134, 17. 143, 36. 2, 231, 2 (daa 
b. 541, 17); über reinez herze, übel zv/ngen tragen vgl. s. 334, a. — ende han 

^) Keine aosnahme ist 2, 171, 33 daz er ze allen ziten ginölf tvil sin; 
das prädicat drückt deutlich die ausübung der tätigkeit aus. 



DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON BEGENSBUKG. 339 

11, 23, nemen, gewinnen nach niemer, iemer 9, 34. 77, 32. 102, 30. 408, 22. 
451, 9. 511, 10. 546, 13. 2, 5, 14. 15. 120, 18. 152, 35, sonst 58, 23. 487, 12. — 
ein wird zugesetzt, wenn zu ende ein a^jectiv tritt: ein imreht (heilic etc.) 
ende nemen 90, 3. 230, 23. 367, 29. 485, 13. 16. 491, 6 ff. 509, 19. 512, 36. 
560, 14. 2, 16, 36. 39. 19, 16. 18. 71, 12 (vgl. bezzer e, nemen 88, 21 f., niemer 
reht e. n. 2,71,17), ferner nach einer Zeitbestimmung: nw29, 6. 30,13. 
102,30. 408,21. 546,12 (ohne art. 475,5), scÄtere 44,30. 58,24. 59,5. 331,32. 
431, 16. 565, 11. 2, 120, 18, und anderen 224, 34. 384, 35. 2, 160, 22, modal- 
bestimmung 115,26, aber auch ohne grund: dine tage sint gezelt, daz die 
müezen ein e. hän 450, 35. 2, 2, 13. 7, 17, sogar nach niemer steht ein 565, 11. 
2, 152, 35 und kein 11, 24. 29, 7. 59, 6. 247, 2. 331, 33. 431, 16. 2, 5, 12. 

Der artikel erscheint, wo ihn ein besonderer grund fordert: er treu 
die kröne 305, 24 (priesterliche haartracht, DWb. 5, 2368, 6), ir diebe, ir habet 
otich ein michel Herberge 261, 16 u. a., bisweilen aber auch, wo er entbehrt 
werden könnte: dw solt ein pfant von im nemen 280, 39 f., daz ir einen eit 
umb einigen Holzapfel swert 266, 25 (*er schwört jeder kleinigkeit wegen'; 
doch hat eit auch sonst stets einen artikel: 279,13. 274,9. 282,9. 344,22). 

Immer heisst es den sie an beHaben 241, 34. 246, 18. Mhd. wb. 2, 2, 264. 

Dass der gebrauch des artikellosen Substantivs nur bei objecten mensch- 
licher tätigkeit sich festgesetzt hat, zeigen folgende beispiele: da wolte er 
im sine wiüekür niHt binden als dem esel, der muoz den sac tragen 50, 24, 
also muoz der oHse den wagen ziehen oder den pfluoc 296,4; ähnl. 13,12. 

Ausdrücke wie urloup nemen, schaden tuon etc. folgen den gewöhn- 
lichen regeln über die abstracta. 

g) Adverbialer accusativ. Ausser adverbien, deren 
substantivischer Ursprung nicht mehr gefühlt wurde wie jen- 
halp, heim etc. finden sich nur samztac naht 2, 159, 13, femer 
halben wec 3, 18. 17, 8. 374, 38, durchgenden tae 255, 19, also 
subst. mit adj., vgl. s. 334, a). Wegen der coordination fehlt der 
artikel in tae und naht 197, 14 u. ö. 

Den artikel erhalten stets: die rihte fwr sich gen 170,22. 171,3 u. ö., 
die gcehe unde die slihie varn 171, 7, die lenge hin umbe gen 172, 29, die 
witen unde die breiten 393,27, die wile und alle die wile. — 'Den ganzen 
tag' heisst allen tae 35, 25, allen den tae 273, 8. 409, 29. 423, 23; *das ganze 
jähr' allez daz jär 122,12; *die ganze woche' aUe die wochen 269,9 u. ö. 

h) Artbestimmender genetiv. Ein genetivus posses- 
sivus wird ohne artikel dem Substantiv vorangestellt, wenn der 
gegenständ, den dieses bezeichnet, nicht einem individuum als 
eigentum zugewiesen, sondern durch angäbe der gattung, deren 
gliedern er zukommt, in seiner eigentümlichkeit bestimmt 
werden soll, in des priesters handen 188, 24. 458, 11. 20 be- 
zeichnet die bände eines bestimmten priesters, desjenigen, der 
eben das messopfer darbringt, dagegen ge priesters handen 31,35. 

23* 



340 ZIHMEBT 

36. 162, 28. 298, 10. 29. 501, 34 meint überhaupt priesterliche, 
d.i. geweihte hände, hände irgend eines priesters; auch hier 
könnte die aussage durch anwendung einer andern Wortklasse, 
diesmal des adjectivs, bewirkt werden. Neben dem für diese 
function hinreichenden gen. singularis finden sich auch einzelne 
artikellose genetive pluralis in gleicher bedeutung, die ich hier 
mit anführe: 

mit hischoves wihe 446, 26, hockes bluot 2, 143, 39. 144, 7, in fuoders 
wtse 46, 5, in sintflüete mse 84, 7. 87, 31, frouwen namen 2, 148, 34, an dem 
heUe gründe 204, 14, die gebüres Hute 479, 32, herzen lounne 2, 199, 1, ein 
edelez Tcüniges kleit 99, 19, in leien ms 2, 119, 26, den martelcere wec 179, 13, 
mannes herze 245, 30. 32. 36. 246, 1. 20. 247, 11. 248, 7, under mannes kUnne 
208, 14, mannes gewant 325, 33, allez menschen künne 125, 25. 292, 7 u. ö. 
(allez menschlich k, 124, 6. 167, 16. 210, 11. 236, 17. 412, 39 u. ö.), menschen 
anhlic 223, 25, menschen lip 2, 160, 8, w. ileisch 2, 147, 32, m, bluot 2, 147, 34. 
39. 148, 1, muoter bam 184, 5, ein ougen blic 223, 6, ein Schalkes herze 
, 229, 15, von vögelin sänge 389, 32, wibes herzen 114, 29, an den heiligen 
zweifboten tagen 268, 11, und so alle unechten composita. Das regierende 
subst. kann selbst im gen. stehen: daz er menschen bekorunge sicher was 
254,29. 

Bei gleicher auffassung ist auch der generische artikel zulässig: dtn 
amen klinget . . . alse des hundes bellen 109, 35. 195, 34, des menschen künne 
132, 21. 199, 10. 535, 16. 2, 45, 36, des mannes herze 2, 134, 14. 27. 135, 5, 
des menschen sele 98,35 u. ö., auch der unbestimmte: durch einer nadeln 
cere 164, 39, eine schüzzel als einer katzen vaz 91, 5, gleich darauf aber din 
katzenvaz. 

Der bestimmte artikel erscheint femer da, wo nicht die qualität eines 
dinges, sondern dessen träger, eigentümer gezeigt werden soU: des menschen 
frte willekür 66, 1 u. v. a., femer bei individueller bedeutung des im genetiv 
stehenden Substantivs. 

Der seinem substant. nachgestellte genetiv bedarf in allen 
fällen des artikels (die s. 341 erwähnten partitiven genetive 
ausgenommen). 

i) Genetiv bei adjectiven: 

niM häres grdz4ßf2b, 529,19; dagegen mit dem zahlwort: eines vingers 
hmc 2, 265, 6, einer klaftern lanc 179, 35, eines häres niht schcener 438, 38. 

k) Genetiv bei verben: 

Nur dinges geben 16,4. 20,32 u.ö., und meines swem2, 118,36. 1,446, 13. 
Als prädicativer genetiv finden sich nur substantiva mit adjectiven: reines, 
lindes herzen sin, guotes muotes werden u. ä. ; vgl. s. 334, a. 

1) Genetivus partitivus bei quantitätswörtern. Es ist 
eine eigentümlichkeit der älteren spräche, dass gattungsnamen 
im Singular als partitiver genetiv zu einem pronomen, quan- 



I 



DAS ÄRTtKELLOBE 8DB8T. BEI B. TON REGBNBBURG, 341 

titätswort (oder zur negation niM) gesetzt werden können. 
Dabei fehlt in der regel der artikel. Sehr deutlich ist hier 
das Substantiv bezeichnung der ganzen gattung: 

irdieh ende eg neme und wan eades dran geam viüge 8, 24. 10, 26, hmte 
er irt niht libes gegeben 124,27, diu nihl endes hat 224,12; Shul. 451,9; 
doi sehen wir an vil dinges 213, 14; Siaü. 572, 5; ob d& niht kindes hast 
806, 34, sie welle niht mannes fiemen 334, 36, ei git niht meges eem himel- 
ri(Ae il» der heidenadtaft 357, 7. 8, wai frouwen ist dan? 414, 33, wax 
iegolicher ambeles habe 2, 199, 9, niht teileg hän 2, 140, 9, habt ir anders 
Jümelriches niht 2, 68, 20, waa reichen tet er 2, 207, 27. 208, 1. 

Besondere grllnde können den artikel fordern: so er der harpfen niht 
enhörte 136, 28 (der genetiT hängt wol von niht ab, vgl, 27), ir müget der 
(enrer) kuobe niht gebüvien 152, 24, er gibst der rehten m&se niht 151, 4, 
ich gibe dir des rockes niht (von dem die rede war) 859, 17. 

m) Artikellose adverbiale genetive sini morgens GS, IQ, 
naktes 87, II. 168,24 (noch als substant. gefühlt trotz der un- 
organischen endung: des selben nahtes 115,21. 450,38), glicher 
wise 125, 7, danies, Undankes 2, 57, 1. 

Oefter aber nehmen solche anedrUcke den artikel zu sich, nnd zwar 
nicht bloss, wenn eine bestimmte Ursache ihn fordert, wie 189,26 des 
(demonstr.) tagcs (am jüngsten tage), des taget, dö sie sieh wol gevencet 
fceie 228,22, dia »ahles 324,10, 2,19,29, des mor^wts 250, 35. 2,19,29, des 
Abendts, dö »cA ... 370,12, des morgens an dem heil kaifrttage 370,26. 
S, 62, 12, vierisvi des j&res (generischer artikel in distrihntiTem einne) 2ö8, 7, 
vil des tages 555, 12, sondern anoh sonst: des morgens 10, 21. 44, 17. 85, 19. 
163, 15. 273, 1. 324, 20. 370, 12. 467, 8. 493, 21, 571, 12. 2, 47, 36. 63, 30, des 
iwAieg48,16. 49,32. 228,23. 324,2. 356,16. 409,19.21. 505,4. 506,27. 
847, 3. 563, 12. 2, 63, 30. 30, 14 (Gr. gr. 3, 133), des winten 49, 14, des tages 
48,16. 49,32. 409,22. 505,3. 553,12, des tages unde des nahtes 48,18. 

Die adverbialen dative morgen, mome. d&heime etc., die instrumentale 
Atute und hinl^e werden nicht mehr als snbstantiva empfanden; daher der 
pleonaBmns Mute ze tage 163, 25 n. o. Stets hat den artikel den warten 
5, 35. 41, 32 u. o. 

n) Formelhafte präpositionalverbindungen.') Aus- 
zusondern sind zunächst substantiva mit adjectiven, welche, 
mit einer präposition verbunden, einen nominal- oder verbal- 
begriff bestimmen und so ein adjectiv oder adverb vertreten. 
IEs ist dies dieselbe erscheinung, die s. 334, a betrachtet wurde. 
U {mit) gesundem (siecltem) Übe 112, 21. 114, 23. 119, 6 n. o., das kint 
Wiirt gehorn mit offenem munde 159,28, mit lüterm {innigem, triirigem etc.) 
nh 



') Tgl. OmlT, Die ahd. prSpositionen, 1824. Knabe, Zur syntax der 
I Bihd. klassiker, a) die prfipoeitionen. Progr. des domgyninnainnts zu Magde- 
I tnig, 1874. 



342 ZIMMERT 

herzen 26, 3. 15. 43, 21. 109, 33. 269, 13 u. o., von ganzem herzen 2, 15, 34, 
in welscher f tiutscher zurufen 52, 3. 57, 31. 61, 9 u. o., mit heswnderem namen 
183, 13, mit hluotigem swerte 2, 100, 10, mit blözer (voUer) hant 563, 35. 
2, 145, 18 u. ö., m/* trockem lande 398, 38, ttf guote gruntvesten bimen 44, 29 
u. a. Selten steht der artikel : bi dem lebenden Übe 516, 16. 

Anderer art sind die eigentlichen präpositionalformeln, bei 
denen das ausbleiben des artikels nicht von der Verbindung 
mit einem adjectiv abhängt: 

ab wege fliehen 37,27.29, 2,57,34, heizet bi namen Satumus 63,11; 
adv. bezite 33,20; biz mitte naht 547,5; heim gein lande 43,29, g, himei, 
heUe etc. s. s. 325 ff. ; ein ros triben in wagen oder in pfluoge 147, 31. 281, 32, 
in kintbette ligen 285, 20. 322, 19 (in eime k. 16, 14), swie si ein awester an 
Orden in klöster si 316, 14, in himele etc. s. s. 326 ff., in tiusche, latme 44, 4. 
46,15. 51,38. 52,2. 64,4. 165,24. 180,16. 423,16. 453,38. 2, 19,27. 63,31. 
174, 9. 235, 24 (in der latine 520, 5. 2, 234, 31), in buochischem 44, 4, in 
kintwesen 2, 12, 28, in anegenge 526, 10, adv. enwec 556, 23, inzH 2, 105, 12. 
113,3 u. ö.; nach wünsche 346,9, rehte (nach dem R.) 453,29; stt ane- 
genge der werlte 1, 15. 2, 10. 48, 22 und so immer; stt males 314, 14 (stt 
des m, und ez dm gemechede wart 18); über lant 161, 17. 268, 13. 399, 1. 38. 
400, 7. 563, 15, über mer s. 329, über dank 488, 9, über alter (altar) komen 
(nach niemer) 2, 223, 46, naht 32, 10. 90, 11. 16. 546, 32. 563, 17. 19, winter 
79,27, velt 268,13; üf pfant lihen 438,7, üf erden, ertriche s.328. 331; 
umbe mitten tac, mitte naht, vcsper 63, 24. 25. 362,15. 2,131,10, umbe 
pfennic geben 2, 30, 33. 34; und er hant nemen 319, 10, henden (individuell) 
479,12, under wegen 289,10. 388,5. 563,11. 2,244,20, w??7en 401, 15; ume 
naht 324,1, morgen 393,22. 547,5; üzer toufe heben (artikel? <om/* liebt 
ihn, doch bevorzugt Berth. das masc.) 313, 24. 27. 32 f. 314, 11. 315, 2 (üz 
dem t. 314,1. 315,11); von anegenge der werlte 61,27. 103,5. 194,4.12. 
227,3a 250,8. 278,17. 339,10. 370,15. 372,23. 409,36. 410,17. 505,22. 

535. 32, des lebens 196, 17, von kinde 35, 13, kintheit 44, 27. 539, 38, kirUr 
wesen 45, 3 (kintUcher jugent 44, 1), herzen 277, 6. 344, 18. 23. 26. 370, 29. 

573. 33. 2, 122, 11 (mit dem h, 12). 199, 7, v. primezit her ze sexte 10, 21, 
V, Oriente ze occidente 392, 36, heime 2, 97, 13, v. latine ze diutsche 423, 11 ; 
vor gerihte 282,30, ow^cn 481, 13 (ebenso metaphorisch vor diu otogen 
füeren 2, 20, 11), adv. vormäles 313, 10, Vorteiles (vor der teilung) 379, 17. 
2 187,5.11; wider äbent 63,21.24, w. berc fliezen 397,28; ze acker gen 
269,27.39, ze banne tuon 12djd0. 39. 130,11. 364,10. 452,28. 530,35. 531,11. 
2, 230, 6, ze bihte komen 568, 27. 571, 27. 2, 224, 6, ze bodem 505, 10, ze 
ende komen 131, 12. 212, 20. 230, 4. 265, 6. 289, 9. 396, 32. 409, 34. 410, 17. 
414, 26. 429, 7. 442, 13. 26. 2, 66, 10. 102, 9. 174, 7. 183, 10. 203, 12 (sämmt- 
liche nach nie etc., vgl. ende nemen s. 339), ze gevaticnisse angrifen 530, 37, 
ze handen komen 463, 9. 572, 18. 2, 207, 37, ze gerihte 2, 193, 33. 194, 4, ze 
herzen gen 467, 12, ze hüse (laden etc.) 6, 25. 330, 35. 544, 13, ze hüfen legen 
426, 23. 562, 27. 32 (zeinem h, 563, 9. 2, 64, 26. 202, 27), ze kirchen gen 102, a 
444, 27. 30. 466, 35. 2, 101, 6, ze messe, predige(n) 5, 16. 61, 38. 102, 8. 21. 
249, 23. 269, 15. 392, 1. 444, 28. 31 (A). 466, 35. 493, 30. 516, 37. 532, 30. 



DAS ABTIKBLLOBE BDBST. BEI B. TOH BEQENSBITBO. 



343 



8,27,30. 203,19 {pred. dediniert stark 444,31 imd Bcliwaoh 444,27), se 
Opfer gen 2,142,22, nalier (altar) 2, 268, 17, ze Hehle tragen 62,29.30. 
I 860, 26. 2, 98, 36. 102, 33, eougen 350, 26, hin xe morgen 646,35, naht 230, 35. 
'824,11. 356,14. 393,21. 646,37. 2,22ö,14, rate 500,24. 2,96,26 n. ö., 6Ü 
« tage 547,6, se töde (rfnftett etc.) 15,9. 40,37. 43,8. 92,4. 83,38. 117,26. 
128,2. 184,5.6.21. 260,20. 266,37. 267,9. 274,3. 349,12. 363,3. 427,29. 
454,26. 465,29. 524,14. 557,27. 2,67,20.30. 71,23. 198,27. 229,21 (tot 
liebt sonst den «rtikel); ne veUe cam 37,34. 175,38; — se (wo?) veide, 
waUe, hohe 503, 33. 2, 236, 16. 252, 27, dorfe 2, 118, 39. 119, 3; hie ee lande 
57,33. 58,a 314,31. 2,24,9.10. 236,7 (in dieaem l), ee tiutschem Imde 
52, 1. 58, 1, plur. 2, 205, 18, se kirchen 31, SO. 85, 28. 102, 12. 175, 16. 532, 1. 
2,191,4. 256,36, se strafe, tische, bade 2,191,4, ne äder l&n 2,206,13, ee 
«Mnde 2,204,36, «e banne sin 530,38. 531,10, ze wazeer mde ee bröte 
2, 235, 28; u maricte stm 31, 30. 266, 21. — se naht 163, 15, «e mitter 
naht 393, 4, bii ee tage 547, 5, Mute m tage 163, 25. 173, 34. 174, 3. 270, 12. 

■ '88. 289,27. 489,31. 492,89 (zem i. distrib. 'jeden t.' 503,26), se miOen tac 
36, ee järe 330, 11, ee mettln 506, 7. 2, 233, 5. — ze e 2, 218, 24. 28. 

■ 262, 15, ee une 2, 187, 36. 199, 29. 229, 9. 262, 15 (sonst immer eer i, zer imi 
1, 278, 8. 30. 279, 5. 307, 22 n. o). — ee tiwsche 44, 3, latine 61, 9. Zu ad- 
Terbiea erstarrt; ze iai, berge, male, rehie, not, eite, kant, atunl n. a. Nicht 
hierher gehören ausdiflcke wie ee löne geben, sich ze v>er seteen n.s.w., da. 
stoE&iaraen und abatracta iu allgemeiner bedeutung des artitels auch sonst 
entTaten, vgl. s. 352. 

Einige dieser Verbindungen dulden den artikel auch in 
fällen, wo eine stärkere individuelle beziehung nicht erwiesen 
werden kann: 

über daz mer varn 399, 38, iiz dem toufe heben, in eime kintbette, 

w» hUfen legen fl. oben, euo der predige gen 2, 33. 3, 32. 414, 11. 444, 27. 

I aO. 532, 21. 563, 13, zer kirchen gen 4, 1. 268, 39. 269, 4. 11. 378, 1. 414, 9. 

«7, 16. 470, 6. 563, 12, zer messen 249, 23. 459, 8, zer kirchen (wo?) 255, 20. 

I 273,1. 322,1. 397,3. 448,35. 460,1. 493,33; zer predige 460,1; zer sträze, 

1 tiseke 322, 1; vgl. das schwanken bei von und ze himeU, gein, von, ee 

I AeSe, Hf erden, gein, in. «mbe, con ee himelriche, iif, ^on erirSche s. 325 ff., 

. se herzen (». oben) und zem lierecn gen 427, 2, ze opfer und zao dem opfer 

[ gin 397, 2. 

Andrei-seits haben manche der oben aufgezählten artikel- 
[ losen formein deutlich individuelle bedeutung: hie se lande, 
hiute ee tage, heim gein lande, da . . . 43, 13. 

Ferner lässt Berth. den artikel zu, wo ihn (nach den 
[ wörterhüchern) andere denkmäler sparen: 

W der floht 48, 9. 49, 1. 161, 10. 12. 401, 11. 506, 6. 13. 539, 19. 2, 30, 19. 
\M dem tage 48,10.28. 161,11. 393,15. 401,12. 606,6.16. 539,19. 2,30,16. 
[ .«on dem lüche gäken 91, 15, eem Kine gh\ 273, 3, ligen 19, 35. 92, 5. 469, 14 
[ (K w. Weinschw. 369), »nder di» ougen sehen 531,27. 2,46,20. 209,25, zer 
i wuain fliegen 137, 38 (Tgl. Nib. 946, 3. 1189, 4). 



344 ZIMMEBT 

Daraus geht hervor, dass für die Setzung und auslassung 
des artikels nicht die bedeutung des Substantivs allein ent- 
scheidet, wenn auch nicht zu verkennen ist, dass die eigen- 
tümlichkeit der artikellosen formein vielfach in einer all- 
gemeinen, sogar bildlichen auffassung des Substantivs besteht 
(z. b. ze tische, under wegen, von Jcinde). Dass vielmehr noch 
ein anderer umstand in betracht zu ziehen ist, zeigt die tat- 
sache, dass dieselben substantiva, welche nach ge- 
wissen Präpositionen keines artikels bedürfen, den- 
selben nicht entbehren können, sobald sie mit andern 
Präpositionen verbunden werden. 

ze Uehte tragen und an daz lieht tr. 52,31. 2,77,33. 235,2, an dem 
Uehte (= in der Öffentlichkeit) 2, 70, 24; ze velde (ina freie) 175, 38; an daz 
velt 119, 16. 29. 122, 23. 32. 2, 117, 24, an dem veUe (gegensatz zur Stadt) 
303, 9. 2, 3, 7, üf daz velt 119, 24. 467, 14, üf dem velde 176, 1. 236, 16. 
269,12. 303,23. 347,21. 451,20. 479,23. 2,70,34. 222,41; zende: an ein 
ende komen 401, 30, an daz ende 424, 10. 2, 237, 7; ze kirchen: in die k. gen 
201, 28. 493, 21, in die h unde ze opfer 2, 142, 22, in der k. 408, 11. 448, 23. 
30. 460, 5. 533, 33. 2, 142, 19. 252, 35; ze mettin: in der m. 21, 8; ze markU: 
üf den market 2, 48, 21. 253, 25, an einem m, 2, 180, 19; hi namen: mit dem 
namen 418,8; ze walde: in dem w. 478,9. 506,39, in einem w, 446,27. 
543, 13 ; ze sträze: üf der str, 514, 31; ze töde slahen: in den t geben 528, 26, 
an den t. sich gehen 422, 12. 523, 24, an dem t ligen 42, 36. 522, 25. 534, 36. 
2, 34, 37. 47, 18. 48, 3. 7. 16. 62, 6. 20. 22. 63, 32. 64, 4. 10. 23. 65, 18. 22. 143, 
24. 28. 35; ze banne sin = in dem b. 121,22. 530,33. 2,121,18, bi dem 
b. gebieten 2, 16, 7; sit anegenge\ bi dem a. 80, 37. 81, 21, an dem a. 230, 27. 

Die bedeutung der präposition kann schwerlich einen ein- 
fluss auf den gebrauch des artikels ausüben; wol aber scheint 
hier die geschichte der präpositionen in betracht zu kommen. 
Die Präposition an, welche im ahd. vor Notker als präposition 
wenig im gebrauche war (Graff s. 68. 73), bildet fast gar keine 
artikellosen formein. Bei Berthold findet sich nur einmal an 
himelriche 2,266,9 (nicht ohne widersprach der hs.); in der 
reichen Sammlung von Knabe fehlen sie gänzlich, überhaupt 
sind sie im mhd. selten (aus dem ahd. führt Graff s. 76 ff. einige 
beispiele an). 

Deshalb heisst es an den tac komen 182, 19 (vgl. nhd. zu ta^ge treten)^ 
an einem rate sitzen 2, 230, 39 (= ze räte\ an daz herze gen 428, 18 (= ze 
herzen)^ verzaget an dem herzen 39, 11 (vgl. von Ä.), an der sträze 406, 6. 
2, 101, 29, an dem blatte sten 62, 32. 122, 29. 209, 11. 471, 18 u. ö., an einem 
tanze hupfen 2, 242, 25, an die wäge läzen 546, 35 = ^c wäge setzen Wb., 
ausdrücke, statt deren artikellose formeln sehr wol denkbar wären. 



DAS ABTIEBLLOSE BÜBST. BEI B. VON BEGEHSBÜKGI. 345 

Wenn also mit einer jüngeren präposition solche formeln 
selten gebildet werden, so muss man schliessen, dass sie aus 
älterer zeit überkommenes gut, also etwas gegebenes, fertiges 
sind. In der zeit, da das Substantiv des artikels nocb nicht 
bedürfte, schlössen sich in manchen häufiger gebrauchten aus- 
di'ücken Substantiv und präposition in der ausspräche so enge 
aneinander, dass sie gleichsam ein wort bildeten. So haben 
sie sich als feste forme! der späteren regel, die den artikel 
verlangte, auch in fällen entzogen, wo die bedeutung des Sub- 
stantivs eine individuelle ist: 

mir get te lierzen, hie ee lande. Mute ze tage, du soU gein im üf- 
springen, so er gi hin ze hüst 330,35 (zu deinem hause), aller ungeslalt 
ist eine an iuck niht, Tceder ander ougen noch Bus 228, 8 a. 

Eine folge der engen Verbindung mit dem Substantiv war 
die vocalei'leichterung mancher präpositionen in vielgebrauchten 
fonneln (behende, enwec, enovuie, enkant etc.). 

Dass wir es hier mit einer rein gewohnheitsmässigen, 
formelhaften festhaltung eines älteren Sprachgebrauchs zu tun 
haben, dafür spricht auch die tafsache, dass Wörter vrie himel, 
helle, erde, tot, die sonst im mhd. als bezeichnungen notorischer 
dinge stets den bestimmten artikel verlangen und einer be- 
grifflieh allgemeinen auffassung nicht fähig sind, nach manchen 
Präpositionen ohne den artikel ei-scheinen können, weil sie in 
älterer zeit seiner überhaupt nicht bedurften (Erdmann § 25). 

In manche Verbindungen drang der artikel doch allmählich 
ein, daher das schwanken in einzelnen dieser redensaj-ten. 

o) Coordinierte substantiva erhalten sehr häufig 
keinen artikel. 

So werden Bjnonjma in formelhafter rede neben einander gestellt: 
geriht imde gemalt 18, 25. 56, 14 n, Ö., liegen wuk iriegcn 16, 8, gcdinge 
und hoffenunge 165,33 u.a., oder es werden teilhegriffe rerbnnden, um 
über die gesammtheitaaBEnsagen: die Sterne habent kraft über böume und 
über wintBohs, über ioufi ande gras, über kriit und Kurze äO, 10, tac wtde 
naht •= zaSer zit 88, 8 n. o., tac noch naht 20, 29 a. a. 

Dabei können die einzelnen BubBtantiva für sich in indiTidneller be- 

siebung sleheo: der rihter sol im hat und här abe heizen sloften 287,18 

(fehlen des dai posiegsiv vertretendet) artikels), nü ist man und toip tot 

, (Adam und Eva) 3i5, 39, die nagele giengen i't» dweh hende ttnde durch 

■ fiteze 356, 15. 

^V Aber nicht blosB wo über die gesamintheit ausgesagt wird, sondern 

^H »uch wo die eiozelglieder hätten hervorgehoben werden sollen, kann der 



I 



346 ZIMMEBT 

artikel fehlen ^ so sehr war man gewohnt, ihn in solchen verbindimgen zn 
sparen : so ist ein ganzer fride zwischen Übe tmde sele 241| 29, nennen wae 
frouwen unde man hahent 256, 16. 

Am häufigsten stellt und die Verbindung her: Up und sele 6,19. 35 
n. 0., Übe (dat.) unde sele 179, 2. 481, 33, an Übe und an sele 47, 24 n. o., 
berc und tal 399,2 u. v. a. — an Übe oder an guote 27,38, böume oder 
walt 204, 37 n. a. 

Bei weder — noch könnte auch die negation der grund der artikel- 
losigkeit sein: ir suU davon nihtes niht nemen^ weder ei noch sin wert 
26,29, weder güsse noch wint noch regen 44,33, weder ganzen tac noch halben, 
weder wile noch stunde 281,29, und so 76,16.28.34. 225,16. 257,33n.v.a. 

Auch hei fehlender coigunction kann der artikel ausbleiben: er rihUt 
über houbetj über ougen, über zungen, über hant 2, 19, 10, der bäbest noch 
engd, noch bischof, noch priester 2, 63, 3. 

Nicht allzuselten ist der genetiv solcher Verbindungen: der sadtkeit 
Ubes unde sele 18, 2. 322, 22. 345, 26. 350, 11. 434, 10. 457, 8, vgl. 9, 36, 
18, 18. 20, 4. 35, 26 u. m. 

Beim plural bleibt der die gesammtheit, die klasse als bekannt kenn- 
zeichnende artikel aus: jüden, heiden unde ketzer 2,34. 3,35 u. o. 'Alles 
schwebt auf nichts': berge unde wazzer und weide 80,7 ^ vgl. 18,27. 142,31. 
34, 35. 349, 12. 2, 119, 2 u. a. 

Hierher gehören auch substantiva, die durch ez st — oder verbunden 
sind: ob dir din kint niht volgen wil, ez st sun oder tohter 26, 28, ez stwip 
oder man 228, 13. 252, 3 u. o., ez si got oder Hut oder ander dinc 267, 34; 
andere 255, 26. 273, 4. 305, 14. 340, 24. 377, 36 u. m. Die auffassung Erd- 
manns (§ 22 ez wcere künic oder roch), dass die prädicativische fnnction 
den artikel hier entbehrlich mache, scheint zwar eine bestätigung zu finden 
an ausdrücken wie er si rieh oder arm, frowtjoe oder man 12,17. 66,10. 
377, 35, du sist man oder wtp 317, 26, vgl. 313, 8. 28. 314, 33. 437,35. 477,14. 
510,11. 2,37,11, allein dem steht entgegen 72,35: er si mörder oder 
ebrecher; denn nur Wörter, die einen berufsstand, eine würde oder das 
natürliche geschlecht bezeichnen, dürfen im prädicat ohne den artikel ge- 
braucht werden (vgl. s. 335, e). Vielmehr ist die formelhafte Verbindung der 
alleinige grund; das alleinstehende Substantiv erhält in ähnlichen Wendungen 
den artikel: wech, sprichet ieglicher (wenn es sich um einen mann handelt) 
. . . oder ist ez ein wip, man sprichet daz selbe 107, 4, ist ez ein frouwe 
gewesen 315, 10. Femer erscheint er bei fehlender coigunction : ez si der 
Zimmermann, ez st der smit 90, 14. Dass wir es hier gar nicht mit prftdi- 
caten zu tun haben, sondern ez si — oder als coi\junction beliebige Satz- 
teile verbindet, zeigen folgende beispiele: du solt dich niht amders under- 
winden, dan daz du gesehen oder gegrifen mäht, ez st unmden oder geswer 
oder gestözen oder geslagen 154,26; daz eine sint alle die ir magettuom 
mit der e verlorn hänt, ez st man oder frouwen 330,18; ähnl. 223,13 a 
(frouwe A); da muoz ez dir zweinziger wert drumbe arbeiten, ez si an 
spinnen oder an unngarten arbeiten oder an dinem hopf garten 108, 17; vgl. 
54, 32. 122, 1. 171, 37. 218, 2. 501, 11. 2, 118, 9. — Wirkliches prädicat ist 
aber anzuerkennen, wo statt des ez ein er, du, daz, der u.8.w. erscheint; 



DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON BEGENSBURG. 347 

aber auch dann ist nicht die prädicative fanction die Ursache der artikel- 
losigkeit. 

Auch ausdrücke, die nur einmal vorkommende gegenstände bezeichnen 
und sonst regelmässig mit dem artikel erscheinen, entbehren ihn bisweilen 
(nicht immer) in der coordination: s. s. 325f. 329 f. 332; dazu weder tiuvel 
noch vegefiwer 170,24. Doch zeigt sich immerhin das bedürfnis nach dem 
artikel: weder bruoder, noch abbet, noch bischof, noch der bäbest 2, 224, 39, 
in der ähte noch in dem banne 121,22. 
Sonst finden wir den artikel: 

1) Wo die beiden glieder nicht einen gesammtbegriff ausmachen, son- 
dern in zufälliger Verbindung stehen: waz hete er durch got geläzen? ein 
netze und ein schiffelin 26, 12, in dem diln oder in der want 35, 6 ; vgl. 
32, 23. 35, 7. 22. 44, 31. 86, 15. 111, 37 u. a. 

2) Bei loserer aneinanderreihung: dar umbe den Up verliuset und die 
sile dar zuo 35,23, der sele unde dem Übe ouch 173,36; vgl. 49,2. 50,3. 
119, 30. 158, 11. 161, 7 u. a. 

3) Bei gegensätzlicher hervorhebung der einzelglieder : ir sult sie von 
einander legen diu knehtelin unde diu diemelin 36, 1, die niderlender v/nde 
die oberlender sint gar ungelich 250, 38; ähnl. 30. 255, 5, er gap die wisunge 
des tages (durch wölken) umle des nahtes (durch die steme) 48, 19. 

4) Wenn die einzelnen glieder bestimmungen bei sich haben, jedes für 
sich oder beide gemeinsam : über die vogel in den lüften und über diu tier 

An dem walde 50, 12. 236, 15, durch den haz unde durch den ntt, daz er , . . 
200, 37. 339, 27 (befremdlich, wenn richtig überliefert, ist 209, 28 : daz kint 
von dem vater oder bruoder von der swester). 

5) Um misverständnisse zu vermeiden: die reinen menschen unde die 
engele 377,5; reinen gehört bloss zu menschen, 

6) Wo eine besondere nötigung dazu nicht vorhanden ist, in Verbin- 
dungen, die sonst häufig ohne den artikel auftreten oder ihn wenigstens 
entbehren könnten. Er steht dann entweder: a) bei beiden gliedern: des 
ersten an der sele u/nd an dem jungesten tage an dem Übe und an der sele 
28, 23. 120, 35. 156, 13 (dieselbe Wendung ohne den artikel 64, 19. 71, 39 f. 
90, 5. 93, 24. 123, 13. 139, 3 u. o.), got geschuof die engel u/nde die menschen 
95, 8. 101, 26 (ohne art. 96, 18. 20. 22 u. ö., beide enget unde menschen 95, 18; 
beide hat keinen einfluss: der artikel fehlt wie 37, 17. 178, 17. 188, 37. 286, 7 
u. ö. oder erscheint 146,11. 178,8); — b) oder bloss beim ersten: irmüezet 
des Ubes sorge han und eren u/nde guotes 224, 37, so mit dem Übe hohver- 
ticUchen gebären, so mit ähseln, so mit houbete, so mit gange 515,3; vgl. 
95, 20. 2, 76, 25. 111, 13. 202, 16, namentlich ein der ganzen Verbindung ge- 
meinsamer artikel: die heiden, jüden unde ketzer 116, 34; vgl. 99, 4. 132, 15. 
134, 24. 29. 150, 8 u. a., auch bei verschiedenem geschlechte : einen kneht 
oder dierne 273, 19, an dem Übe und an sele 507, 32; vgl. 554, 10; — c) oder 
beim zweiten: ze Übe unde zer sele 157,3. 506,5 (14 ze Übe unde ze sele); 
vgl. 255, 27. 411, 1. 

Mehrgliedrige verhalten sich verschieden: weder wolf noch der ore 
noch der ber 425, 9, die hungrigen unde die durstigen unde die na^cketen 
unde die eilenden 108, 33, jüden unde heiden unde die ketzer 455, 19. Häufig 



348 ZIMMERT 

zeigt sich dabei Vorliebe für paarweise gliederung: ein schedelichtu sünäe 
Ubes unde sele, der eren unde des guotes 279, 11; vgl. 82, 19. 145, 2. 146, 11. 
188, 37. 361, 18. 522, 36. 526, 26. 

Die Präposition wird gewöhnlich bei allen gliedern wiederholt; aus- 
nahmen habe ich, freilich ohne mich eigens dämm zn bemühen, folgende 
gefunden: gein gote unde der werlte 35,13, über lowp unde gras 50,10; 
andere 88, 28. 139, 4 A, 360, 6. 431, 10. 466, 22 (vgl. 26), 548, 12. 2, 239, 31. 

p) Wenn die aussage nicht den gegenständ, den das Sub- 
stantiv bezeichnet, sondern das wort als solches betrifft, so 
kann der artikel wegbleiben: 

Sehr häufig nach heizen: diu vierde Sünde heizet übel ztmge 83,30. 
2, 71, 33. 230, 33, so fürhtent sie allez einz, daz heizet predige 201, 25, dciz 
wort, daz da heizet witewen 336, 26, witewe daz ist ir name 330, 27, Homo, 
daz strichet mensche 404,24, sie hiezen in meister 145,13, engel sprichet 
in kriechisch ein böte 2, 174, 9. — Bisweilen findet sich heizen in ab- 
geschwächter bedeutung als copula: diu erzenie heizet (= 4st') diu heilige 
firmunge 299, 39; ähnl. 307, 19 (vgl. ist 297, 39. 300, 29 u. ö.). — Aus dieser 
ähnlichkeit mit der gewöhnlichen prädicativen satzform ist es zu erklären, 
dass wie beim prädicat, so auch nach heizen etc. der artikel häufiger gesetzt 
als weggelassen wird, auch wenn das verbum seine volle bedeutung hat: 
Jovis pater heizet ein helflich vater 57, 35. 2, 236, 10, Assur qui interpretatur 
ein forst 204, 16. 18, und so 73, 4. 85, 25. 140, 10. 171, 2. 205, 18. 402, 21. 
403, 6. 18. 2, 101, 1. 18. 26. 102, 2. 109, 1. 22 u. ö. 

Der bestimmte artikel erscheint unter denselben bedingungen wie bei 
gewöhnlicher bedeutung des wertes: der ander steme heizet der mäne 53, 20 
(s. 325), ir heizet in den morgenstemen 63, 20. 21; ähnl. 2, 234, 18; der heizet 
der meier oder der schultheize (bekannte person) 115, 6 und so 37, 24. 87, 37. 
93,4.5. 95,3. 126,29 u. o. Im gleichnis ein: got heizet die kristenheit ein 
himelriche 2, 185, 8. 15. 186, 18. 32. 238, 5. Ueber völkernamen s. s. 323. 

q) Der plural erhält im allgemeinen keinen artikel, wenn 
eine dem hörer noch nicht näher bekannte mehrheit von dingen 
in die rede eingeführt wird: wölken giengen über in 48, 16, ir 
sult gen, da gevangene liute ligent 269,22; andere beispiele auf \ 
jeder seite. 

Der genetivus partitivus erhält keinen artikel, wenn das 
quantitätswort vorangeht: 

vil (swaz etc.) guoter dinge 3, 27. 134, 36 u. o., vil liute 118, 30. 135, 30 
u. ö., waz liute Sit ir? 185, 3, niht tugende 98, 6. 11, vol stricke 39, 36, 197,26. 
408, 17. 474, 14. 2, 138, 15, sibenzehener lei bceser zungen 83, 3 u. v. a. Geht 
aber der genetiv voraus, so kann der artikel zwar fehlen: Übernamen hat 
sie vil 93,2, zite genuoc 322,8; vgl. noch 2,35,37. 215,4; häufiger aber 
wird er gesetzt: der liute vil 130, 36. 171, 31. 235, 33. 281,3. 284,3. 2, 124,26. 
125, 7. 126, 38, der engel hundert tüsent und ahtzic tüsent menschen 117, 25, 
der löuber ist gar vil ...die vil löuber hant 159, 30, vgl. 159, 34. 379, 19. 



DAS ARTIKELLOSE SUB8T. BEI B. VON BBGENSBURG. 349 

401, 28 (vgl. 30). 474, 27. 2, 89, 30 (ähnlich bei werlt vgl. 8. 325). Dasselbe 
zeigt sich bei freierer Stellung des genetivs; also einerseits wie ml der 
mensche Sünden hat 5, 3, cUs manic tüsent jdr als tropfen in dem mere ist 
72,33. 82,34. 221,7. 257,7. 2,149,22. 244,6.19; vgl. noch 45,20. 84,27. 
239, 13; anderseits: der Sünden wirt mir danne böume oder wait este haben 
204,37. 

Ob beim vorausgestellten genetiv der artikel den zweck 
hat, die flexion deutlicher hervortreten zu lassen (was beim 
nachgestellten unnötig ist), wage ich nicht zu entscheiden.*) 
Dafür zu sprechen scheinen Sätze wie 212, 24 tegeltcher sünden 
ist noch mere und 212,2 vindent sie toetlicher sünden üf im, 
wenic oder vil, wo diese function schon von der starken flexion 
des adjectivs ausgeübt wird. Untersuchungen über die spräche 
der folgenden Jahrhunderte müssten zeigen, wie alt diese dem 
nhd. eigentümliche Verwendung des artikels ist. 

Statt des genetivs beim quantitätswort kann das Substantiv 
auch der syntaktischen fügung des satzes eingegliedert werden: 
vor ein wenic Hüten 284:,S8] vgl. 134,19. 147,17. 154,22. 171,15. 
20. 173, 13 u. a. 

Formelhafte präpositionalverbindungen sind: under wegen 
län 289, 10. 388, 5, der wirt von ougen so hcese 52, 36, ige staten 
Jcomen 18, 2, ze handen komen 295, 33. Dagegen fehlt bei aus- 
drücken wie M guoten witzen 381, 14, mit triuwen, freuden, 
nach genäden, ze hulden etc. der artikel aus keinem andern 
gründe als sonst bei pluralen. 

Da dem Singular mit unbestimmtem artikel der artikellose 
plural entspricht, so ist das fehlen des artikels regel beim 
prädicat in der mehrzahl: sie sint itel tören 2, 26 ff., ir werdet 
ze wisen liuten 5, 38 u. o. 

Beim artbestimmenden genetiv schwankt der gebrauch: 
in wirt weder eliute Ion noch witewen Ion, in wird der nescher 
Ion unde der nescherinne 337,26, den wirt der eliute Ion 38; 
vgl. s. 339). 



Auch der objective genetiv erhält bisweilen den artikel, obwol eine 
nnbestinmite menge als neue vorsteUung eingeführt wird: zuo den kinden, 
die der gense hüetent 403,34 (nhd. ^gänse hüten', weil acc.) swenne ir der 
Sünden muot gewinnet 241, 24, während das a^ject. den artikel entbehrlich 
macht: swewne dir übeler dinge ze muote wirt 343,8. 11; vgl. 241, 11. 31. 
34. 36. 38. 117, 34 u. a. 



350 ZIMMBRT 

Selten wird dem plural ein beigegeben: zeinen ztten 2, 37, 2. 
71, 22. 255, 14, vgl. s. 337. 

Der bestimmte artikel wird gesetzt, wenn von dingen 
die rede ist, die dem hörer wie dem redner schon bekannt sind. 

Z. b. wenn sie vorher in die rede eingeführt worden sind: diu Meinen 
stiudeUn 37, 10 (eingeführt 37, 2); vgl. 6, 19 : 34. 42, 18 ff. 88, 3 : 5 n. v. a. 
Auch wenn sie noch nicht genannt sind, sofern nur durch den ganzen Zu- 
sammenhang ihre Vorstellung nahe gelegt ist, so dass bei der ersten erwäh- 
nung niemand über ihre art und bewantnis im zweifei sein kann: daz du 
hast geJcoufet körn oder win . . . unde du im die Pfenninge (die kaufsumme) 
druf gasbe 73, 25, so mac ez toufen »wer ez ist, der diu wort (die zur 
ceremonie gehören) ze rehte kan gesprechen 127, 13. 15, als verre ir die (von 
euch bewucherten) Hute wizzet 119,13. 224,26; vgl. 184,25. 217,1. 286,20 
u. a. — In possessiver beziehung: eteltche sint üzsetzic an den hiusem 
121,7.24, vgl. 127, 6. 195,13. 198,27 u.a., besonders beim dativ: dir 
hangent die schuohe von den fuezen 368, 37. So erhalten benennungen der 
körperteile gewöhnlich den artikel. 

Oder der artikel weist auf allbekannte dinge: die Sternen 2, 19. 27 u. o., 
namentlich auf gewisse kirchliche oder biblische Vorstellungen: als man 
diu kriuze treit an sant Markes tage 322, 17, in der kimige buoche 230, 24 
u. a. Oder er weist auf die ganze klasse von gegenständen oder personen 
hin, über deren gesammtheit ausgesagt werden soll, während das fehlen 
des artikels eine beliebige, unbestimmte anzahi andeutet. Beispide aUent- 
halben. Nicht immer sind sämmüiche Individuen der gattung gemeint, es 
kann sogar eine ganz beschränkte anzahi sein, deren tun der gesammtheit 
angerechnet wird: 

einer frouwen, die wolten die Juden verstevnet han 353,24 (nhd. *die 
Franzosen haben das stück ausgepfiffen', wo nur ein teil der Pariser ge- 
meint ist) 2, 16, 24; vgl. 551,33. 2,8,28. 23,1. 198,12. — So bekommt 
Hute häufig den artikel, ohne dass ein besonderer anlass ersichtlich wäre: 
die den Hüten schedeliche fuoter snident 121,27, mörder, die da die liute 
tcetent 154,22; vgl. 106,38. 147,38. 206,12. 226,36. 256,39. 287,8. 303,31. 
348, 16. 403, 8. 457, 26. 477, 7. 478, 37. 530, 26, besonders von der mensch- 
lichen gemeinschaft im gegensatz zur einsamkeit: bi, ze, von den Hüten 
530,26. 533,17. 552,32. 2,118,12.27. 119,12. 230,24. 249,17. 258,6. 268,12. 
Andrerseits fehlt bisweilen der artikel, obwol sich die aussage auf die ganze 
gattung bezieht: also müezent geistliche liute des almuosen leben 18,22, 
geistliche rihter suUen sie villen 267,15; vgl. 144,22. 209, 3 (mit art. 215, 36 f.). 
2, 186, 21. 22. 36. 187, 15. 17. 202, 12. 15. 16. 38. 255, 34. 

In verkürzten nebensätzen, die mit wan, danne, äne eine 
ausnähme einführen, ferner nach niwan fehlt gern der artikel: 



^) Das komma nach gap 24 muss faUen, wenn sinn in die steUe kommen 
soll, vgl. 438, 16. 



DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON BEGENSBURG. 351 

ez ist manic tüsent sele verlorn, die nie verlorn wasren, wan übel zungen 
159, 22, des bedürfent niwan kleiniu kint 162, 27; vgl. 2, 4. 2, 154, 16. 166,39. 
1,379,17. 2,146,30. 1,318,33. 377,28.30. 2,115,21 (dasselbe zeigt sich bei 
abstracten, s. no.6), aber nicht immer: ane diu Meinen kint 537, 26. 2, 25, 22. 
62, 17. 74, 24. 76, 9 u. ö., äne die priester 2, 115, 10, wan die gar grözen 
Hute, die . . . 477, 35. 

Wird das Substantiv zunächst selbständig im nominativ 
dem Satze vorangestellt und dann durch ein demonstrativ ver- 
treten, welches der syntaktischen fügung des satzes unterliegt, 
so erhält das subst., auch wenn über die ganze gattung aus- 
gesagt wird, keinen artikel: 

büliute, der möhte lihte rät werden 152, 34, man, die süln üz varn, 
frouwen, die suln da keime sitzen 563,20; vgl. noch 209,1. 

Ein dem Substantiv beigegebener relativsatz macht den 
artikel nötig, wenn eine Vorstellung, die zunächst nur dem 
redner eine bekannte ist, d. h. mit andern vorstellungsgruppen 
m Verbindung steht, durch den relativsatz auch für den hörer 
in den rechten Zusammenhang gerückt wird, der hat dann 
stärkere, demonstrative bedeutung: 

er begerte niht mir wan der brösemen, die von dem tiscfie vielen 103, 36 ; 
vgl. 2, 8. 18, 28. 4, 39. 203, 2. 256, 33. 304, 18 u. a. 

4. Collectiva. 

Sie erhalten wie der plural keinen artikel, wenn anzahl 
und nähere bewantnis der dinge noch unbekannt sind, also 
bei erster einführung in die rede: in dem lande wehset obez 
93, 16, vil Volkes 9, 10, du solt ir guot niht gumpelvolke geben 
318, 18, sich in geistlichen orden tuon 335, 12, mit groisem her 
2, 98, 18 u. a. 

Einige können auch ein einzelnes Individuum bezeichnen 
und erhalten dann den artikel: daz er ein obez az 72, 19, ähnl. 
113,34 u.v.a. 

Aber auch bei collectiver bedeutung erscheint der artikel, 
und zwar der unbestimmte, wenn eine abgegrenzte, aber 
in der Vorstellung der zuhörer noch nicht vorhandene, also 
noch nicht besprochene menge bezeichnet werden soll: die er- 
morten ein michel volk 129, 13, eine michel groze werlt 129, 18, 
der bestimmte: a) wenn eine individuell abgegrenzte menge 
oder eine besondere art der gegenstände als bekannt bezeichnet 
wird: daz silber, daz sie im da gäben umbe daz kam 74,29 



352 ZIMMEBT 

ir verwerinne mit dem gelwen gehende 367,22; vgl. 111,33. 37. 
114,15. 118,3. 249,1. 257,24. 276,36. 329,32. 346,15 u. a,; 
besonders wenn vorher davon die rede war: daj3 öbez 346,20; 
vgl. 17; in anschaulicher darstellung, indem alle umstände leb- 
haft vorgestellt werden: der heuschrecke in dem grase 368,34. 
369, 1 — 3. — b) wenn die gesammtheit als bekannt bezeichnet 
wird: daz arme liutech 101, 9 u. a. Doch kann bei dem voraus- 
gestellten genetiv der artikel ausbleiben: er was gräwes ordens 
ein hischof 572, 15, wider meisterschaft (der schon genannten 
klosterobrigkeit) willen 2,264,2. 

Gattungsnamen, die einer collectiven bedeutung fähig sind, 
bedürfen des artikels nicht: so ein wildener vederspil vceht 467,37. 

5. Stoffnamen 

erhalten keinen artikel, wenn begrifflich die Wesenheit des 
Stoffes oder concret eine unbestimmte menge desselben ge- 
meint ist: 

side ist gar stark 360, 31, ez gie wazzer zuo 81, 11, säme tragen 50, 11, 
ir müezet iuch davon hegen spise unde gewandes 18, 18, kom ze hröte hacken 
151, 7 und so 25, 30. 36, 41, 33. 55, 1. 76, 4. 118, 4. 147, 27. 151, 8. 9. 174, 21 
u. y. a. — erde in stofflicher bedeutnng: üz, von, ze erden 229, 2. 13. 
486, 31. 33. 

Ebenso gattungsnamen, wenn sie stoffliche bedeutung 
haben: 

met und win unde visch 59, 19, von oleiboum 68, 12. 2, 35, 15. 41, 30, 
dar umhe gap er dem menschen irdenischen Up (das irdisch -schwere im 
gegensatze zu den engein) 98,20, einem acker, da schätz inne lit 110,24. 

357. 1. 2, 238, 1, fünf Schillinge wert koufschatzes 198, 38, da enist ohläten 
500,38, diu ämeiz treit guot dinc und edelez zehüfenb62f^'j ähnl. 499, 39. 
572, 5. 2, 143, 10, vgl. noch 575, 18. 2, 39, 38. 213, 1 ff. 

Der artikel erscheint unter denselben umständen, die ihn 
bei collectiven und beim plural fordern: ein bei begrenzter 
menge oder individueller erscheinungsform des Stoffes, sofern 
sie dem zuhörer noch nicht näher bekannt ist: 

ein holz (eine führe) füeren 16,34; vgl. 3,19. 87,5. 90,34. 146,23.29. 

160.2. 163,7.10. 188, 24 u.V. a. Heute ist uns dieser gebrauch minder 
geläufig, deshalb bat das nhd. oft den bestimmten artikel, wo im mhd. ein 
steht: in ein wazzer vallen 80,33. 2,85,20, der ze gitecUchen an ein ezzen 
vellet 429y26; ähnl. 32,11. 366,27. 375,38. 2,41,9.11, oder wir setzen keinen 
artikel, wo das mhd. ein hat: du gibest ein muoterin fleisch für herginez 
2, 28, 28; vgl. 386, 30. 2, 23, 14. 21. 71, 11. 89, 6 u. a. 

Besonders in vergleichender oder eingeschränkter prädicierung (vgl. 



DAS AETIKELLOSE SÜBST. BEI B. VON BEGENSBÜRG. 353 

s. 337) : daz eiter wart in ein vergift 291, 30, als ob alliu diu werlt ein fiwer 
wcere 386,38. 2,40,14; aber auch sonst beim prädicat: so ist daz hröt ein 
bröt, der win ein win 2, 88, 6. 89, 8; vgl. 1, 19, 16. 2, 68, 19. 

Bisweilen zeigt sich ein schwanken: der schiltkneht vert in einer 
dünnen wät 230, 35, vgl. maniger ist daher geloufen in vil dünner wcete 
58,22; ähnl. 248,1. 390,36. 

Der artikel kann dem worte ganz den Charakter eines gattungs- 
namens verleihen: ein (stück) holz 33,18, vgl. 147,27. 227,1.3, loup, spise 
n. ähnl. 

Nicht artikel ist ein im gegensatze zu ander: daz reht ein bluot in 
daz ander fliuzet 91,32. 

der bezeichnet 

a) eine dem angeredeten bekannte individuelle menge oder erscheinungs- 
form des Stoffes: ich wil daz guot niht lenger hän 7, 12 (spricht ein mann, 
der sich eines unrechtmässigen besitzes bewusst ist). — Früher genanntes : 
daz unrehte guot 76, 4. 11 (vgl. 75, 31) 243, 30 (27), daz alte gewant 194, 34 
(31); andere 195,6.10 (3). 300,38 (35) u. m. — Durch den Zusammenhang 
bestimmtes: der brötbecke swemmet den teic mit hefel, so hast du den luft 
für bröt kouft 285, 13. 152, 29. 2, 28, 34, man muoz im daz guot (das honorar) 
geben 294, 12; vgl. 8, 9. 17, 26. 38, 15. 39, 14. 41, 6. 82, 26. 150, 33 u. v. a. — 
Wenn das Substantiv durch einen relativsatz eine individuelle bedeutung 
erhält: daz fiwer, da die seien inne brinnent 83,2; vgl. 19,38. 25,28.37. 
26,1.18 u. V.; oder durch einen genetiv: mit der vergift des ewigen tödes 
135, 37. 159, 39 u. a. ; oder durch eine apposition : in den edeln weizen, daz 
ist die heilige kristenheit 366,30; oder wenn eine allgemein bekannte art 
des Stoffes gemeint ist: daz heilige bröt 261,26, daz ewige fiwer 287,19 
u. ö. — Für fehlen des artikels bei so individueller bedeutung des Substan- 
tivs habe ich kein beispiel gefunden: 247,30 scheint der nach M?ee?er in der 
hs. ausgefallen zu sein: daz din herze als versteinet ist, daz ez weder win 
mit der wären mimie noch alliu diu geseUeschaft aller gotes Jieiligen über- 
winden mac. 

b) der weist auf den stoff überhaupt als auf etwas bekanntes hin: 
in izzet der haz als der rost tuot isen 106,20; vgl. 50,12. 79,27 u. v. a. 

Im allgemeinen vergleiche wird eigentlich nur die begriff- 
liche eigenart des Stoffes in betracht gezogen; trotzdem fehlt 
der artikel selten (im nhd. immer): 

vester danne stahel oder glockspise 417,9, der eine wec ist linde als 
Pfeiler, balmät unde side 66,14. 2,36,17. 37,31; vgl. noch 2, 40, 15. — 
Gewöhnlich aber ist die auffassung eine concretere und es erscheint der 
artikel ein. So unmittelbar nach dem eben erwähnten beispiel 66, 15 : unde 
sieht als ein hermeltn unt als lieht als ein geliutert golt v/nd ist süeze u)id 
ouch gar senfte als zucker und honig und als baisam; femer alle die bitter 
sint als ein galle 189,16; andere 52,26. 178, 25 ff. [250,22]. 265,21. 484,2. 
542, 15 ; besonders wenn die individuelle bedeutung des verglichenen deut- 
licher ist: durhsihtic als ein isen, daz durchsmolzen unde diirchglüewet ist 

Beiträge zur geschichte der deutschen spräche. XXV L 24 



354 ZIMMERT 

127, 28, daz st wider jenem fiure als ein gemältez an eine want 127, 33. 
82, 89 A. 

Der bestimmte artikel bezeichnet das verglichene als ein bekanntes: 
liehter danne der sunnenschin ... und vil gefüeger danne der luft 99,9; 
vgl. 417, 10. 

6. Abstracta 

erhalten keinen artikel, wenn nicht eine individuelle er- 
scheinungsf orm, sondern der blosse begriff oder eine unbestimmte 
stärke, art, häufigkeit der durch das Substantiv bezeichneten 
eigenschaft, tätigkeit, des zustandes etc. ausgedrückt werden 
soll. Beispiele auf jeder seite des textes. 

annuot ist oft untugenthaft 27, 1, predigen ist min amt 14, 1, reht 
haben 44, 22, einem tmkiusche helfen 27, 16, der nam sich spinnens ane 
325, 24, sich an koufe hüeten 73, 31. 118, 27, sich Mieten vor tanzen 31, 24, 
wider reht 114, 20, ze rate, sende gen 184, 26. 237, 29 ff., sich ze wer setzen 
39, 17, ze koufe, wuocher geben 16, 28. 27, 4. 48, 21, ze rehte 15, 27, unrehte 
74, 8, ze not 24, 19 u. v. a. 

ein wird gesetzt, um eine dem angeredeten noch nicht näher bekannte, 
aber individuelle art, häufigkeit, stärke der eigenschaft oder tätigkeit zu 
bezeichnen: einen tröst gewinnen 7,33, ir liezet daz gewant e erfiUen, e 
daz ir eine miltekeit da von begienget 60, 15, in eime troume (4m tr.') 211, 14, 
in eime spotte 2,85,20. 228,23; vgl. 8, 30.34.39. 9,27. 23,33. 35,6. 43,13. 
20. 46, 29. 54, 31. 33. 38. 91, 38. 104,^0. 35 u. v. a. 

Bei den substantivierten Infinitiven zeigt sich, dass im 
mhd. die auffassung für das individuelle eine feinere war als 
jetzt: eine tätigkeit von unbestimmter dauer, die durch den 
Zusammenhang eine besondere beziehung, sei es auf einen 
bestimmten Zeitpunkt oder auf eine bestimmte Ursache u.s.w. 
erhält, wird durch ein gekennzeichnet: 

also wirt (zwischen dem geizigen und seinem kinde) ein widerfluochen 
und ein grisgramen und ein zannen 193, 31 ; vgl. 223, 39 ff. a. 562, 37. 

In individueller bedeutung nähern sich manche abstracta 
den gattungsnamen, bilden dann einen plural und werden unter 
denselben bedingungen wie die concreta mit dem artikel ver- 
sehen, z. b. tugent, sünde, Jcunst 

Bisweilen finden wir schwanken zwischen anwendung und 
ersparung des artikels in denselben redewendungen: 

daz ein fride si zwischen ... 57, 8, wir wellen einen fride mit iu machen 
185, 8. 11 ff. 195, 7. 236, 26. 28. 31. 33. 36. 38. 237, 2. 8. 10, einen stceten, vesten 
fr. 57,14. 238,7.22. 364,19; dagegen fride machen 56,3.22.25.33. 238,9. 
35. 238, 9. 35. 239, 2 ff. 15, ir lät gote etewenne fride 244, 12 : einen fr. 



DAS ARTtKBLLOSB 3UBBT. BTSI B. VON RBGEtTSBUBG. 



IftM.S, kutitet sin in eine 


gew 


tJi6it 266,25 


2, 10, 32 


da^ 


heü komm M, 36. 266, 7 


vgl 


295, 39 : 296 


3; 197,1. 


81,3 


128,24; 221, 31 : 39 Tl. a. 











9,37: 



Ein zum Substantiv tretendes adjectiv hat im allgemeinen 

keinen einfluss anf die Verwendung des artikels; doch ist be- 

I merkenswert, dass bei adjectiven mit verneinender be- 

I äeutung Qcurs, klein) der artikel wegbleiben kann, 

wenn aui der negation der nachdruck liegt, also das adjectiv 

den satzton trägt: 

ir habet dar vmbe kleiw norge 112, 7. 400, 18, in alu hurier stunde 
222, 4, daz ir wnb als Iciirze freude viattic tment marlel müeset liden 
260, 31. 391, 12, der tdl kamt in bU kurtem sü 421, 32, vanbe geringem gdt 
467, 20, mit mUeler hoit 498, 12, wai aMel got &f so lOein dmc 201, 12. 
— AUerdingg kann auch ein gesetzt werden: untb einett kursen gebtat 
278, 24, «Mite dise gröztn Ure muoie ich einer kleinen gäbe 425, 25 nad ao 
146,28. 177,36. 209,26. 351,3.13. 449,11. 458,31. 523,28. 532,11. 2,142,25. 
160,4.7.15. 207,15. — Ueber wA.m vgl. a.361. 

DemiiiTitiva von abstracten bezeichnen individuelles: 
ein gestüppelin 173,1, ein khinee r orliUilin 280,13, vgl. 337, 11. 391,15. 
2,60,32; dagegen elwa^ vntältTts 228,18 a., vgl. a. 341 f. 

Der bestimmte artikel bezeichnet: a) eine individuelle art 
i zustandes, der tätigkeit n.s.w. als etwas bekanntes: 

em kunsl (interne medicin) 154, 20, din freude dines herren 
vki, 6. 26 n. ö., die freude die er verlorn fiete 1, 13 n. Ü., der iritcen unde der 
sie bi im beliben 142, 15 ; pöBsesaiv : er si kiirdich in die keUerie 
I) 243, 13; andere beUpiele anf jeder seite. 
b) Er weist auf die tätigkeit, eigenschaft, den zustand im 
[Unzen als auf etwa» bekanntes hin: 

diu yUihcii ist diu schedelkJiesle aller aniugetide 108,24. Namentlich 
laben die namen der aacramente regelm^ig den artikel: der touf, 
diu firme, din wilie 112, 14. 16. 315, 36 (aber aüe die priesterlidie leihe en- 
pfangeii li&nt 315, 34), ebenso bnoie, wo die kircldiche einricbttmg, das 
sacrament, gemeint ist.' grifet an die buose 72,20. 73,2 n. o.; wo ei die 
BtStighett bedeatet, bedarf das wort keines artikela; den gebt huote nach 
^■^"den 72,7.24 n. o. Ancli bei bihU kann er in äbnlichen fällen fehlen: 
r bihU gewinmn 218, 12. 312, 32 n. ö. lieber le 6 nnd xer e n. s. 343. 
Bisweilen finden wir den artikel, wo ihn das nhd. fehlen 
last, indem es den begriff allgemein und unbestimmt fasst: 

ä gewobnbeit' = von der gewonlieii 80,5. 82,3. 2,109,3, swer 
wer frowren aller geUeheat ist mit der kiim-he {au kenaobheit) 256,9, 
k der rehtikcit gelten 70, 13; sß liez er im die ruuwe 136,28: braeh den 
e mil der höhiiart 238,26, starji im dem ihrale 61,22; vgl. lOl.SOf. 
1,6. 150,28. 180,32. 239,37. 207,14. 3(^,21. 2,106,i>. 218,36 u.a. 

34» 



356 ZIMMERT 

Seltener ist der entgegengesetzte fall, dass wir den artikel 
gegen unsere erwartung nicht finden: 

diu edelkeit aller engel diu woere ze nihtiu, wart tugent 98, 4 (vgl. 
s. 350 f.), vil Hute kcemen ze himele, man unrehtiu vorhte 2, 59, 23, iu kan niht 
geschaden wan sütide 436, 33 (danne diu sünde 426, 18. 428, 30. 440, 31. 
554, 32. 2, 201, 20, vgl. iuwer wurde rät, wan diu höhvart 485, 34), äne huoze 
die nim ich alle zit uz 483,6, an dem mäntage umd alle tage nach orde- 
nunge 57, 6 ; vgl. noch 401, 19. 

Manche abstracta, die wichtige begriffe der christlichen 
lehre bezeichnen, erscheinen als ausdrücke für allgemein be- 
kannte dinge überwiegend mit dem artikel: 

der gelouhe, daz gedinge, der ungelouhe. Dagegen erscheint kr ist en- 
gel ouhe gern ohne artikel: nom.52,24. 250,17. 361,11. 2,62,38. 77,3.35. 
186,27. 30 (mit adj. meist artikel: der heilige, rehte etc. kr,, aber auch 
an rehtem kr. 2,63,7); acc. 44,38. 46,12. 165,17. 180,8. 294,21. 295,12. 
15. 361,5.10. 491,35. 530,28. 542,20. 2,78,2; dat. 542,26; präp. 45,6.11. 
13. 171,37. 204,20. 250,30. 252,11. 262,31. 295,14. 361,5.10. 542,18. 
546,26. 2,62,36. 77,38. 155,31. 211,25. 254,30.31. Mit artikel: 52,20. 
165,26. 172,17. 361,8. 403,16. 405,13. 491,36. 542,14.29. 564,10. 2,77,37. 
247,20. — Ebenso leben: leben ist daz beste daz got ie geschuof 124,16. 
125, 1. 5. begert anders niht danne lebens 125, 28, durch leben 125, 30. 32 
und so 131, 33. 145, 4. 440, 5. 560, 3. 2, 211, 15. Ebenso landeben 275, 20. 
569,32. 2,216,18 u. ö. und geistlichez leben. Anderseits finden wir: begert 
des lebens 125,31.35, vgl. 125,7. 230,38. — Das wort tot wird als aus- 
druck eines allgemein bekannten begriffes fast immer mit dem bestimmten 
artikel versehen, auch nach präpositionen. Ausnahmen sind nur; maniger 
hant tödes 2, 2, 7 und die formein ze töde slahen und ze töde ziehen, vgl. 
S.343. Ist aber eine todesart gemeint, so steht entweder ein: er nam einen 
stinkenden tot 89, 21 ; ähnl. 28. 367, 19 ; daz er einen schemeltchen tot ver- 
diente 115, 25; vgl. 276, 3; eines biUern tödes sterben 153, 37. 293, 7. 508, 35, 
für vam 323,34, warten 368,39, oder gar kein artikel: rehien, tmrehten 
tot nemen 80, 25. 88, 11. 369, 6, rehies, unrehtes tödes sterben, für vam 80,34. 
89, 29. 230, 21. 231, 17, also feste Verbindungen. In Wendungen wie 198, 34 
wir sin des bittern tödes, 345, 21 müezen sorge han des jcemerlichen tödes 
(vgl. 354, 18. 402, 37) bezeichnet das adjectiv nicht eine todesart, sondern 
eine dem tode überhaupt zukommende eigenschaft. Wenn es 80, 32 heisst : 
der stirbet des gcehen tödes, 231, 7 sie fürhtent des u/nrehten tödes niht, so 
wird die todesart als etwas bekanntes hingestellt. 

Die adjectiva war und reht heben unter den erscheinungs- 
formen einer tätigkeit diejenige hervor, welche das wesen des 
begriffes rein darstellt. In dieser bedeutung verlangen sie den 
bestimmten artikel: 

diu wäre minne 100, 28. 166, 34. 180, 10. 20. 34 u. ö., die kimnent des 
wären kochens 220, 16, diu rehte buoze 76, 22. 77, 9. 132, 18. 208, 32. 394, 9 



DAS ARTIKELLOSE SÜBST. BEI B. VON BEGENSBÜRG. 857 

n. ö., diu reihte wärhett 75, 38. 179, 32 und so immer. — Doch können sie 
auch eine schwächere, allgemeinere bedentung haben: war = 'anfrichtig, 
gut*, reht = * gerecht, ehrlich, gut'; dann bedürfen sie des artikels nicht: 
gewinnet wären riuwen 10, 30. 21, 19. 42, 23 u. o., reht gerihte haben 18, 26 
u. ö., umbe rehten (ehrlichen) kouf 418, 23, ze rehter buoze komen 344, 15 
u. a., können ihn aber auch erhalten: die daz gebüezet hänt mit der wären 
riuwe u/nd mit lüterre bthte und mit buoze 187,2; vgl. 57,15.22. 72,27. 
78,6 u. ö. — Artikellos erscheint rehter gloube: die den Up gäben an die 
martel dtirch rehten glauben 186,19, wo wir den artikel erwarten; ebenso 
144, 14. 194, 13. 2, 63, 6. 18, andrerseits der rehte gloube 43, 2. 16. 30. 45, 22. 
26. 194, 15. 250, 21. 2, 64, 2. 

Gattungsnamen in übertragener, abstracter bedeutung 
können des artikels entbehren: den wil got tegelichen ^wigez 
Jcünicriche geben 237, 25. 

Bisweilen erscheint bei stoffnamen und abstracten der 
bestimmte artikel anstatt des unbestimmten, indem die Situation 
lebhaft vorgestellt wird: 

umi in daz wazzer in den munt get 82, 26, so müezet ir den angel 
tiuhen, als ir daz hünic da süget 216, 36, rüemen zimt rehte in der bthte 
als der fluoch bi dem segene 353, 9. 

7. Substantivierte adjectiva gen. neutr., 

welche stoffliche oder abstracte bedeutung haben, werden wie 
die eigentlichen stoffnamen und abstracten substantiva be- 
handelt: 

daz übel guot st wnde guot übel st 398, 15, vil (waz etc.) guotes 4, 38. 
61, 33 u. 0., wiUekür ze übel unde ze guote 295, 35; auch das substantivierte 
adverb: schiebent die buoze üf, hiuwer biz fürwerter, und als danne für- 
werter kumt 569, 39. — Bestimmter artikel beim vorangestellten part. gen. : 
ir solt des Übeln wenic tuon umde des guoten vil 46,20. 27; bei indivi- 
dueUer bedeutung: so keret ir dem apfel daz fule hin under unde da,z 
schcene her üz 17,3; oder auf die gesammtheit hinweisend: daz guote tuon, 
daz übel läzen 5,21 u.a. Bisweilen schwankt der Sprachgebrauch: man 
sagt fürköufer üf daz nceher 18, 36. 2, 111, 14. 131, 6, umbe daz minner 
40, 18, dingesgeben üf (umbe) daz tiurre 18, 37. 20, 33. 40, 19. 73, 31, aber 
auch dingesgeben umbe tiwerrez 271, 24. 2, 131, 6. 

Solchen Substantivierungen kommt in der bedeutung sehr 
nahe das wort dinc mit adjectiven; wir finden es denn auch 
artikellos: 

Absalön tet so getan dinc, da mite er ... 6, 35, si wolten gote gröz 
dinc erbiten 271,2; ähnlich 499, 39; andere 201,12. 242,28. 30. 401,32. 
562,27. 2,6,35. 238,19; aber auch mit ein: ich wü ein gröz dinc reden 
411, 7. 427, 36. 444, 38 u. ö., ich ml in ein so getan dinc liren 2, 202, 7, daz 
ez ein klein (betont) dinc st 458, 31. 523, 28. 2, 160, 4. 7. 207, 15, vgl. 532, 11. 



358 ZIMMERT 

575,3. 2,259,31, fälle, in denen die individuelle anffassung bevorzugt 
wurde. 

8. Eine anzahl 

unpersönlicher und formelähnlicher Wendungen 

folgen nur den gewöhnlichen regeln über die abstracta, wenn 
«ie ohne artikel erscheinen: 

eines dinges wirt rät, ich vinde rät, mir ist not, unnöt, nötdurft, 
emest, liebe, ez ist site (dagegen in der alten e was der site 499,21), ztt, 
reht, vmnder (2, 71, 9), swenne ez in zit dunket 569, 21, ich han toiUen, 
reht, rät, State, gewalt, orden. 

Auch die folgenden ausdrücke, die einen zustand oder 
Vorgang bezeichnen, sind am besten mit den abstracten zu 
vergleichen: 

ez ist naht 393, 19, ez si winter oder sumer, ez st guot weiter oder 
bcesez 271, 26, wirt bisezze oder reise 258, 11, ez si bisezze, ez si hagel oder 
niht 244, 35, denn nur in diesen Wendungen erscheinen sie artikeUos, vgl. 
ersieht ez in der hagel 426,20, ez trückent aber der winter 375,36 und 
44, 31. 35. 45, 3. 5. 7. 425, 10. 11, der liutesterbe 9, 5. 30, während 10, 13 üh 
wil nemen liutesterben drte tage es sich um die dauer handelt, also stoff- 
liche auffassung herscht. ein^s dinges wirt ende findet sich ohne artikel 
9, 23. 125, 15. 135, 25. 2, 6, 17. 220, 33, doch jedesmal nach niemer (s. 338 f.), 
vgl. wanne der martel kein ende ist 2, 5, 16. 

« 

III. Grammatische beschränkungen des artikels. 

1) Der vocativ bedarf keines artikels. 

Er fehlt in allen den zahllosen beispielen mit ausnähme einer steUe: 
ir die tiuvele, die nemet ouch ze iu 469, 31 (die fehlt a). Gerne tritt das 
persönliche pronomen vor ir frouwen u. a. Dabei erscheint niemals du vor 
coUectiven: tr junge werlt 78,2 u.v.a., niemals das ir der höflichen an- 
spräche beim Singular, eine einzige stelle ausgenommen: ir gitiger 2, 235, 29 
(geitigen DM). 

2) Der artikel fehlt, wenn die individualität durch ein 
anderes pronomen ausser zweifei gesetzt ist: 

a) Persönliches pronomen: wir pf äffen ^^1 ^ uns gewahsen Uute 
12,8 u. a. Der artikel fehlt auch bei der dritten person: von sin einiges 
Worte 399, 10, vgl. Joh. Schmidt, Priest. Konrads deutsch, predigtb. : er vü 
lieber herre 11, 13. 39, in vil lieben vater 10, 3; andere 8, 9. 23. 26. 9, 1. 6. 
10, 16. 25. 11, 6. 16. 20. 23. 27. 31. 33. 34. 37. 12, 3; er töre Walth. 22, 28. 
28,21. 15,38 Mhd. wb. 'er', auch nhd.: er pfarrer Grimmelsh. (Kürschn. 
NL. 33, s. 90, 15). 

b) Neben dem possessiv um erscheint der artikel nicht häufig: einer 
din genöze 17, 36, einem andern dinem ebenkristen 283, 5, durch einen minen 
friimt 347, 4, so get einer hin unde swert einen eit für einen sinen friunt 



DAS ABTIKELLOSE SÜBST. BEI B. TON BEGEKSBÜBG. 359 

27, 18. Lasse ich den artikel weg, so entsteht ein anderer sinn: für stnen 
friunt bezeichnet einen in der Vorstellung schon vorhandenen, bestimmten 
freund. Deshalb erscheint ein sogar beim plural: in der predigt von den 
dienern des teufeis heisst es von den boesen Muten üf dem graben 2, 148, 38 : 
ir ttuveU, daz eint ouch eine iuwer diener. Bleibt eine weg, so werden sie 
schlechthin als diener des teufeis bezeichnet, eine bewirkt, dass sie als 
kategorie den andern arten von dienern des teufeis angereiht werden, von 
denen vorher die rede war. 

Im negierten satze erscheint dehein statt ein: daz du kein dinc tuon 
solt durch dekeinen dinen friunt 27,11; andere 40,39. 167,5. 193,6. — 
Ueberflüssig ist dagegen der bestimmte artikel; dennoch finden wir ihn 
zweimal: daz du daz sin armez güetel hcetest zuo dem dinen guote 62,39, 
zuo der einer rehten hant 2, 23, 25. 

Sollen coordinierte substantiva in eine possessive beziehung gesetzt 
werden, so erhalten entweder beide (von mehreren jedes) das Possessiv- 
pronomen: mit dinem herzen und mit dtner triuwe u/nd mit dinem toillen 
und mit dtner erbermede 359,26, in siner edeln blüete wnd in siner lebe- 
liehen kraft Slb^ 23 u. a. ; oder das zweite statt des pronomens bloss den 
artikel: stns herzelieben ackers unde des Schatzes 362, 3; oder das erste erhält 
den artikel: von anegenge des lebens und ir libes 196,18; oder bei einem 
der beiden glieder erscheint weder artikel noch pronomen: daz st itelkeit 
und ir üppikeit voüebringen 118,19, dtne friheit oder verläzenheit 85,14; 
vgl. 96, 19. 350, 3. — Bei mehrgliedrigen kann es verschieden gehalten 
werden: 127,25.26. 390,11. 

c) Neben dem demonstrativum ist der artikel unzulässig. 

d) Neben dem interrogativum und relativum welch in der be- 
deutung qui steht meist kein artikel: weihen wec gen ich rehte? 2,39, 
swelhez Meinez kindeltn des niht enhdt 162, 13 und so 2, 20. 44, 12. 28. 76, 15 
u. 0. — Eine ausnähme bilden die ausdrücke: welich der tiuvel hat dir den 
gewalt gegeben? 7^jb. 75,17. 316,37.39. 404,5. 2,40,21 (dagegen t(7cZAer 
tiuvel hat den von dannan geholfen? 2, 18, 10, welher tiuvel wendet dich 
einer guoten gewizzen? 2, 261, 3), welich der tiuvel heizet dich kempfen umde 
welich der tiuvel hat dir den kampfkolben erloubet 325,21, Se, welch dem 
tiuvel klagest du daz in der kirchen? 448, 35. In allen drei fällen ist tiuvel 
nur fluchwort, die frage dagegen geht nicht auf einen teufel, sondern ist 
allgemein: ^wer in des teuf eis namen hat dir die gewalt gegeben?' Es 
scheint also eine Vermischung zweier satzformen vorzuliegen. 

Zu welch in der bedeutung qualis und quantus (vor adjectiven quam) 
tritt meist ein hinzu: seht, weih ein gelichiu ebenmdze 70,2. 185,28; vgl. 
96,28. 136,22. 221,29. 222,6. 226,6. 235,14. 280,20. 399,6.28. 412,33. 
413, 34 u. 0. Doch kann es auch fehlen : pft, weih geschrei über dich wirt 
2, 217, 37 (weih ein geschrei ebda. 7). 

3) Unbestimmte pronomina und Zahlwörter. 

Neben al haben manche coUectiva niemals einen artikel: vor aUer diet 
88, 6. 331, 26. 535, 3. 541, 14, aOez himelische her 107, 5. 109, 5. 144, 3. 12 



360 ZIMMERT 

und so immer; aUez menschlich künne 124, 6. 125, 25. 167, 16 und so immer; 
aUiu kreatiure 125,13. 377,27. 552,9. 2,183,32. 126,2.4.5; andere 164, 24. 
245, 24. 351, 5. Bei andern schwankt der Sprachgebrauch: aUiu schrift 259,2: 
in (üler der sehr. 448, 16, aUiu diu pfaffeheit 2, 147, 8: alliu pf, 2, 120, 38, 
allezvolc 2,216,31. 219,16: allez daz volk (ohne relativs.) 2,216,8. 217,20. 
25. 219, 28. 220, 10, für alle kristenheit 497, 20 : aUe die kr. 503, 37. 537, 8. 
2, 167, 18; es heisst fast immer alliu diu icerlt (im zweiten bände allein 
73 mal, im ersten ausser 2 stellen immer), auch nach präpositionen; aMiu 
werlt steht nur 278, 37, 439, 30. 2, 5, 27. 8, 31. 10, 17. 18, 38. 82, 24. 221, 9. 
16. 227, 16. 230, 17. 236, 2. 27. 

Er fehlt bei abstracten, stoffnamen und pluralen, tritt aber hinzu, 
wenn sie nähere bestimmungen bei sich haben, die ihn fordern: alle die 
wisheitj die alle meister kunnent 5, 24. 26, aUiu diu geseUeschaft aller gotes 
heüigen 247, 31, alle die wege, die gein Begensburc gent 3, 1. Doch kann 
er auch dann ausbleiben : zuo aller martel, die du hast 257, 9, vgl. 340, 15. 
371,24; alle fügende, der wir bedürfen 48,3, vgl. 22,7. 50,6. 55,33. 66,37. 
101, 17 u. V., im zerrinne danne alles fiures daz er iendert hat 2, 110, 18 
(sonst alles des fiwers, z. b. 56, 31 u. o.). 

Nicht hierher gehören die ausdrücke aller fugende beste, die diu werlt 
ie gewan 104,5, aller lügen wirste, die diu werlt ie g. 136,35 u.s.w., denn 
der relativsatz bezieht sich auf den Superlativ: aller dinge beste, daz got 
ie geschuof 96, 8. *) 

Bisweilen drückt der artikel eine possessive beziehung aus, welche die 
heutige spräche nicht andeuten würde: got hat uns aller der gelider wer 
gegeben wan der zungen 159, 7, alle die kelre voll wtnes und alle dtne stedd 
vol kornes 272, 31 ; oder er weist auf bekanntes hin : alle die stenien des 
himels 390,7 (alle Sternen des h. 391,18); alle die Hute steht 297,30 ohne 
grund, weil Hute überhaupt gerne mit dem artikel versehen wird, vgl. 
s. 350. 

Zu gattungsnamen im singular tritt dl ohne den artikel nur in 
formelhaften ausdrücken : von allem herzen 230, 5, ollen tac, s. s. 339, g, aUe 
naht unde tac 48, 12. 

Bei iegelich ist der artikel entbehrlich: zieglicher stunde 22,18, wir 
müezen ieglich pfunt zivivalt widerreiten 12, 35 und so 22, 26. 27. 98, 37. 
133, 14. 153, 12. 16. 201, 8. 18. 294, 2 u. o. Doch kann auch ein hinzutreten : 
ein ieglich mensche 8, 15. 13, 37. 33, 35. 44, 16. 46, 11. 100, 17. 111, 22 u. o. 
(ieglich mensche nur 377,20. 2,79,8. 84,9.20); andere 3,16. 9,15. 18,14. 
35,16. 56,27. 111,12 u. v.; auch abstracta finden sich so: ein ieglichiu üz- 
setzikeit 116,38, vgl. 153,20. 509,26; — substantivisch: ein ieglichez 4:9,88, 
ein ieglicher 544, 30, iegltchez 544, 32. 551, 18. 564, 9. 

ietweder, einfweder, weder kommen nur in folgenden beispielen 



^) Aehnliches ist auch in Wendungen wie 205, 38 der grcesten sünde 
einiu, die die werlt ie gewan, in denen man dies noch weniger erwarten 
würde, wirklich der fall; vgl. du bist der aller wirsten üzsetzel einer, den 
diu werlt ie gewan 117,4. 



-eslich: 
i 158,35 



! 3,21 i 



DAB ABTIKRtLOSE SUBST. BEI B. VON BBOBKBBüBQ. 

r was fetwederiu behlietei 211, 25, in eintwederre ieile 2, 95, 36, h 
[ *«re« 2, 145, 25. 

Stets fehlt der nrtikel h«i manic, eielich, »vmelic 
\ manic memclte 14,36 n. v. a., an etlicher sfat 11,0, elfliche 6 
raget sumeiielien 102,7, so aprecīi( mmeliche 
samdiche liuif 80,9 n. ö., ieslichm hfiden 365,33. 

Bei einie ist der nnbestjmmte axtikel unnötig: ah off er einigem 
paler noater sprichel 22,24, des einiger tropfe mer teiget 47,11 und so 
21,18. 23,5. 59,21. 61,1. 73,8. 80,11 u.o.; kann aber auch gesetzt werden : 
s einigen are Marid mer 23,5 und so 57,33. 72,8.10. 82,33. 83,7.9. 
82,4. 113,8 u. o., daher neben einander: umi einen einigen helbelinc'oder 
nigenpferMifte in,9. Der bestimmte artikel darf nicht feblen, wenn 
grilnde ihn fordern: die einigen idte, vm er d&iuo kome 33,1, daz einige 
dinc 96, 3. (i (verweist auf 95, 29} und so ö. 

wenie als adjectiv erhält den arükel nach den Honat geltenden regeln: 

' die wenigen kiU, als ... 136, 26, in dem winigen büechelln, dn ,. , 249, 10. 

Beim anbatantiTischeu oder adTerbialen gebrauch kann entweder die positive 

I oder die negative bedentung stärker hervortreten. Das erste ist der fall, 

L schlechthin von einer gewissen, wenn unch geringen menge (inten- 

I mtät der handlnng etc.) die rede ist (gegeasatz: nichts, allea). Dann ist 

I ein notwendig: dcu er hitire ein wente nceme und /SriPfrt aber ein tc. 75, 15. 

17. 2,40,17.18, dae sie ein ic. widergwben (= 'doch etvras') 137,5 und so 

ü,39. 152,23. 216,5. 271,13. 325,5.10. 420,1. 5i9,a 565,8. 2,30,19. 

89,35. 40,29, 51,26. 61,29. 120,28. 133,33. 134,34. 149,m 191,32; auch 

wenn die geringfttgigkeit betont ist: da bist getriuioe gewesen übei' ein 

KäiicguoUn n,U. 12,25. 28,10. 111,6. 2,24,6. 25,27. 32,22; andere 74,14. 

: 80,24. 120,21. 138,7.22. 246,32. 258,35. 284,38. 334,1. 477,4. 2,40,31. 

I 113, 3. 150, 30. — Dagegen fehlt der artikel gewöhnlich, wenn der gegen- 

latz mit vil ausdrücklich hingestellt wird: du soll des Übeln winie tuon 

unde des gmten Vit 4e,W. 2,20,18; andere 14,37. 24,3a 212,2. 465,5. 

521, 15. 528, la 2, 11, 6. 35, 27. 52, 3 (vgl. dagegen der eht atn vil hat des 

unrektea gnotes ... der sin ein wSnic hat 519,5). In diesem gebrauche 

uShert sich das wort der negaüon, der es bisweilen völlig gleichkommt. 

In dieser Überwiegend oder ganz negativen bedeutang fehlt der artikel: 

i dich geteit 193,6, dai ekt er wenie tiamie 2,119,23; 

l widere 226, 17. 2, 155, 16. 20. 156, 13. 18. 29, vgl. s. 355. Adverbitm: positiv 

c54,15. 136,34. 138,21. 179,26. 187,21.259,17.349,30.486,21. 

[2,44,5.231,36. 232,11.236,32, negativ: toefifc 61, 11. Auggcschlossen ist 

> täs, gar tuenic. Substantivisch: 19,20. 25, 6. a 58,32. 60,25.81. 

I 907,32. 269,3. 406,18, 484,84. 569, R 2,36,4; adverbial: 46,20.22. 76,1 ff. 

3,34.35. 223,11.14 n, B. 

solich verleiht abstracten nnd stofiiamen einen individuellen sinn. 
[ Trotzdem kann der artikel fehlen: mit tolichrr untugentSb,dO; vgl. 163, 29. 



i, 13, '. 



9,35. ; 



5,21 c 



ei beide kann der artikel fehlen, obwol das wort stets auf be- 
I kanntes hinvreist: fuoren durch bSdiu wauer 67, 6, so itt heiter, tU ceril 



362 ZIMliEBT 

mit einer hant in daz himelriche, danne mit beiden zer helle 348, 19 und so 
457,2.7. 459,23. Doch kann er auch gesetzt werden: fuorte in durch die 
huote bede 211, 11 ; swer der beder niht behaltet 361, 13. 

Neben dehein, kein steht bei Berthold nie ein artikel. 

4) Neben dem cardinalzahlwort fehlt wie beim pinral 
überhaupt der artikel, wenn eine noch unbekannte Vorstellung 
in die rede eingeführt wird. 

Kommt dann der redner wider auf diese vorsteUung zurück, so wird 
sie durch den artikel als eine bekannte bezeichnet: daz er drier buoze eine 
nceme 9, 1 : er muoste der drter buoze eine nemen 9, 7. Der ausdruck * bisher 
ungenanntes' darf nicht zu sehr gepresst werden; wird z. b. am Schlüsse 
einer erörterung zusammenfassend wider zur ausdrucksweise des anfangs 
zurückgekehrt, so bleibt der artikel wider weg: und also hat uns got er- 
zöuget zwene wege in der alten e 67, 1, nachdem von den zwei wegen schon 
die rede war. Der artikel erscheint unter denselben bedingungen wie sonst 
beim plural: diu zehen gebot 27,25 (allbekanntes), ob du die zwo ein oder 
die drie gen liezest 146, 24 (durch den Zusammenhang bestimmtes), zuo den 
fünf meiden, die . . . 228, 20 (relativs.), die zwo wtle, tac und naht 331, 38 
(apposition), die höhesten drie kcere 141,20 (superl.). Wird aus einer 
grösseren zahl eine kleinere herausgehoben, so erhält sie den bestimmten 
artikel: da^ wir des sunnen diu zwei teil küme gesehen 401,1, und so 
141, 20. 274, 19. 388, 5. 2, 33, 18. 

5) Die Ordinalzahl verlangt den bestimmten artikeL So 
auch die substantivierte der zehende 112,34. 36. 39 u. ö.: 

Bei den aus ordinalzahlw. und halp zusammengesetzten a^'ectiven 
fehlt er : in ahthalbem järe 69, 30. 38. Auch 108, 13 hat ihn die hs. nicht 
(Pfeiffer: umb ein anderhalbez gelt). 

ander als ordinalzahlw. in der aufzählung erhält den bestimmten 
artikel: der ander fride 56, 31 namentlich im gegensatz zu der eine: 66, 14. 
19 u. 0. Das entgegengesetzte ein erhält nicht immer den bestimmten 
artikel; vielmehr gentigt stark betontes ein, wo die beiden einander ent- 
gegengesetzten glieder aus einer grösseren anzahl gleichartiger heraus- 
gehoben werden: frizzest unde trinkest einen kröpf über den andern 103, 13, 
der ist ei}ier ie wirser dann der ander 126, 20 und so 74, 36. 135, 2 u. a. — 
ander = ^der folgende' hat den bestimmten artikel: u/nz an den andern 
tac 268, 9. 18. — Im übrigen erscheint und fehlt der artikel bei ander ganz 
nach den gewöhnlichen regeln für die verschiedenen gattungen der sub- 
stantiva. — Beim plural steht der artikel, wenn nafch abzug des einen 
gliedes die gesammtheit der übrigen bezeichnet werden soU: die andern 
Sünder 280, 3 ; ferner wenn ander eine zweite gruppe oder klasse bezeichnet : 
die ersten Hute . . . die andern Hute 142, 34 u. ö. 

6) Adjectiva beim Substantiv haben keinen einfluss auf 
die Verwendung des artikels, ausser wenn sie in der s. 834, a. 



I 



I 



DAS ABTIEELLOSX 8DB&T. BBl B. TON REQBSrBBnRO. S63 

838. 339, g. 340, k. 341, n erwähnten weise dazu dienen, dem 
Substantiv eine begiifflich allgemeine bedeutung zu geben. 

Dasselbe gilt für den comparativ; der artikel erscheint 
bei ihm unter denselben bedingungen wie überaU, 

Bemerkenswert ist, liaas bei ie — ie mit comparatiT der artikel 
st«ta wegbleibt: «e mamaxdter Bunde, ie manicvaller ■marier und ie tiefer 
helle 128,10.17. 203,25. 204,26.39. 386,36. 2,229,3. 

Auch gattungsnameii im aing. bleiben in dieser ftigimg artUtelloa: ie 
grauer s&nder, ie tiefer heUe 2, 229, 7, ie hezger gemiMen hie vddenan, ie 
ÜLierre sile dort 260, 35, ie iMher berc, ie liefer tat Mhd. wb. 1, 744. Das 
Blibatantir steht in begriSlicber allgemeinheit. Dagegen heisst es im toU- 
Btäudigeu Satze ; so diu lit ie hteher und heiliger ist, so diu sünde ie grce-ser 
ist 128,30; ahnl. 26. 16. 13. 

Der Superlativ, der unter einer grösseren anzahl von 
dingen eines heraushebt, dasjenige welches eine bestimmte 
eigenschaft im höclisten grade besitzt, verlangt den bestimmten 
wtikel. Dieser bleibt nur dann weg, wenn dem Superlativ 
-das Substantiv mit dl im partitiven genetiv vorausgeht: 

derguoleJob, aUermanne beste 188,10, vgl. 43,24. 54,19. 59,31. 71,25. 
83,30. 94,19. 95,29. 96,8 u.v.a. Auch ohne aller: dai ir iht Äutnf in 
Bünden wirste 2,148,6. Eine einzige ausnähme habe ich bemerkt: aller 
wishtit diu beste 8, 25. Anders ist es, wenn das partitire TerhSUnis mittels 
einer prBposition ausgedrückt wird; imder allen dtni/en das beste 2, 175,7. 

Folgt der genetir nach, so wird der artikel gesetzt: diu sehedeltclieste 
aller imtugende 108, 25. Ebenso, wenn bloss aUer yorangebt, während dae 
■ubstantiv dem enperlativ in gleichem casus folgt: der aller beute smac 
68, 12, vgl. 133, 10. 345, 15 u. a. Eine ausnähme bildet 550, 20 doi aller 
minneste wird« hat 

Der höchste grad der eigenschaft kann aber nicht bloss 
einem einzelnen, sondern auch einer mehi-heit zugesprochen 
werden. Soll nun aus dieser mehrheit ein einzelner heraus- 
gehoben werden, der gleich den andern die eigenschaft iin 
höchsten grade besitzt, so kann das geschehen durch ein mit 
dem i>artitiven gen. pl.: also ist din sunge der wirsien mort- 
exte einiu, davon man gereden niac 133, 10, du träat der hcesten 
gungen eint, diu dem iiuvcl ie dienst erbot 84, 5 u. o. Es kann 
aber auch dadurch geschehen, dass das Substantiv mit dem 
Superlativ und dem bestimmten artikel in dem syntaktisch 
regierten casus steht und ein hinzutritt: du inst dem ttuvel 
'«t« der liebeste hneht, den er iendert hat 84,4. 208,20. 



864 ZIMMEBT 

ein hebt hier aus der mehrheit der liebsten knechte einen heraus, wie 
ein lügener aus der mehrheit der lügner einen heraushebt, der neben ein 
konnte nicht wegbleiben, wenn der Superlativ den höchsten grad ausdrücken 
sollte ; ein liehester kneht hätte einen andern sinn. Auch ein konnte nicht 
wegbleiben, weil es neben dem ketzer auch noch andere arten von sündem 
gibt, die auch zu den liebsten knechten gehören ; sie werden in der predigt 
von den dienern des teufeis aufgezählt, ivan sie dem tiuvel aller liebeste 
sint ... sie selbe zw elfte (2,147,21): mörder, ketzer u.s.w. 

Wird nun eine dieser kategorien nicht durch den singular (wie in den 
oben genannten beispielen), sondern durch den plural ausgedrückt, so er- 
scheint ein auch beim plural: daz sint ouch eine tuwer diener, die liebe st en 
eine, die ir habt 2,148,38. Das ov>ch, der wenig geläufige plural eine, 
die widerholung desselben hinter dem Superlativ beweisen, dass der redner 
sie nicht einfach als die liebsten diener bezeichnen will, sondern dass er 
sie bloss mit zu den liebsten rechnet. Aus demselben gründe heisst es 
gleich darauf von einer anderen kategorie, der geizigen: die sint tuwer 
diener ouch eine die liebesten, die ir iendert habt 149, 7. Es könnte ebenso 
gut heissen der liebesten eine und im singular statt ein der liebeste: der 
liebesten einer. Dafür spricht auch 2, 151, 6 daz sint zwo die unreinesten 
Sünde von aUer der werlde verglichen mit 15 da sint ez zwo der unreinesten 
Sünden die diu werlt ie begienc. 

Tobler (Beitr. 15, 382) leugnet dies; er meint ein der beste sei geradezu 
*der beste'. Nun muss zugegeben werden, dass an einigen stellen der sinn 
diese auffassung fordert (Nib. 1173 les., zwen die besten Gudr. 472), andere 
widerstreiten ihr (Iw. 334 an ein daz schceneste gras); ich kann hier nicht 
alle nachprüfen, jedenfalls geht aus dem oben gesagten hervor, dass wenig- 
stens für einen teil der stellen Grimm recht behält, der (Wb. 3, 136) ein der 
beste dem nhd. eine der schcensten gleichsetzt. 

Von den Superlativadverbien erhalten manche stets 
den artikel, andere nie: 

des ersten 4, 9. 90, 4. 93, 17. 23. 123, 12 und so immer, an dem ersten 
260, 28. 403, 32, bi dem ersten 260, 7. 12. 332, 8. 9. 475, 21, mit dem ersten 
332, 15, zem. ersten 71, 39. 120, 34. 156, 12 und so immer, zem höhsten 438, 35. 
513, 23, mirmesten 453, 31. 33. 458, 7, an dem jungesten 372, 24. Mhd. Wb. 
776, a, zem boesten unde zem ungcebesten2Sj24:\ aber eiste 257,7, von erste 
4, 16. 6, 5. 75, 12. 126, 8 und immer, ze jungest 171, 11. 439, 14. 489, 20 und 
immer, ze vorderst 214, 15. 551, 9, aller erste 73, 24. 81, 26. 256, 15. 2, 161, 31 
und immer, aUer meiste 101, 3 und immer, aller liebeste 203, 19. 27, aUer 
minneste 331, 26. 344, 39 (zem a. minnesten 298, 14. 453, 33), dUer noßheste 
203, 10 u. ö., ze {aller) niderst 379, 2. 384, 5, a. beste 386, 26, a. gemem- 
licheste 392,4. 

Gehören zu einem Substantiv mehrere adjectiva, so 
wird der artikel gerne bei jedem widerholt: 

der edele unde der frie herre 13, 12, vgl. 19. 27. 36, 16 u. v. a., auch niit 
widerholung des subst.: gar ein guotfunt und ein nützer fimt 43^22; vfcl. 



D AS ABTIKELLOSTE SüBST. BEI B. VON BEGENSBUBG. 365 

123,2. 221,31. 237,34 u. a.; seltener wird nur einmal der artikel gesetzt: 
ein smcBher boeser widerwertiger sac 99, 18, einen vesten fride halten und 
stcetm 238, 7; vgl. 38, 35. 79, 27. 98, 22 u. a. 

Haben mehrere substantiva ein gemeinsames adjectiv, 
so genügt der artikel bei diesem: diu schoensten rinder und 
ros 349,16, kann aber auch sammt dem adjectiv bei jedem 
gliede wiederholt werden: eime toten menschen oder eime töten 
hohe oder einem toten steine 351,15; vgl. 94,22. 95,14. 

8. Substantiv mit abhängigem genetiv. 

Der dem Substantiv vorangestellte possessive genetiv macht den be- 
stimmten artikel entbehrlich, da er zur kennzeichnung der Individualität 
ausreicht: der werlie wollust QSj SS; sant Franciscum, des hohgezit mir hegen 
65, 4, und so häufig, besonders zahlreich fügungen wie drter (maniger etc.) 
leie, slahte, hande. 

Auch genetiv von genetiv abhängig: verkauf er gotes zit 21, 16, zerrer 
gotes rok 534, 19. 27. 38. 535, 9 (flexionsloser gen., Weinhold, Mhd. gr. s. 479); 
vgl. noch 2, 220, 1 (bei David v. Augsb. häufig) und s. 340. 

Der artikel fehlt selbst dann, wenn das subst. von dem gen. getrennt 
ist: der stricke ist so vih daz ir nieman zal weiz 408,25. 

Hat der genetiv selbst keinen artikel, so kann der zum tibergeordneten 
Substantiv gehörende artikel vor dem genetiv stehen, aber auch fehlen: mit 
der gotes hilfe 280, 4. 421, 2, mit gotes hüfe 307, 6, äne den gotes Itchnamen 
2, 150, 27, gotes Uchn. 205, 28. 206, 15. 19 u. ö., vgl. s. 339 f. 

Der unbestimmte artikel ist nach vorangestelltem genetiv nicht aus- 
geschlossen: er was wisers ordens ein bruoder 65,5. Freilich ist er nur 
nach partitivem genetiv häufiger, der nicht so enge zum Substantiv gehört 
wie der possessive: der andern ein michel teil 2,14. 68,23. 79,8 u. o., vgl. 
98, 9. 112, 36 u. V. a. 

Wird der genetiv nachgestellt, so bedarf das Substantiv des artikels: 
die kröne des lehens 14, 27 u. v. a. 

9. Substantiva, die durch einen relativsatz 

bestimmt sind. 

Es ist oben s. 351. 353. 355 gezeigt worden, dass plurale, 
Stoffnamen und abstracta den artikel zu sich nehmen, wenn 
sie durch einen relativsatz bestimmt sind. Doch finden wir 
auch in diesem falle das Substantiv ohne den artikel: 

a) wenn der sprechende in dem augenblicke, da er das 
Substantiv ausspricht, die nachfolgende bestimmung noch nicht 
im sinne hat, wenn also der relativsatz einen epexegetischen 
Zusatz darstellt. Das Substantiv wird einstweilen in begriff- 
licher allgemeinheit hingestellt: 



366 ZIMMERT, DAS ARTIKELLOSE SUBST. BEI B. VON REGENSBÜRG. 

die müezent schaden haben, da vü tmscBlden von kümt 178, 15 ; vgl. 
we gewaltes dens an mir begät MF. 162, 6 und MF. 156, 30. 

b) In pathetischer darstellung werden zu grösserer rheto- 
rischer Wirkung substantiva, deren bedeutung durch den Zu- 
sammenhang bestimmt ist oder durch den relativsatz bestimmt 
wird, und die deshalb den artikel erhalten sollten, lieber mit 
betontem adjectiv und ohne artikel in begrifflicher allgemein- 
heit hingestellt: 

wament iuch gen zomiclichem gerihte (von dem schon mehrmals die 
rede war), da niht n/ngerihtet bUbet! 2, 102, 32, Nit seht gröze gnade, die 
uns got erzeiget hat 292, 8 ; ähnlich 354, 4 (dagegen Nu merket mir die 
grözen unde die edelen gnade, die der priester iu tuo . . . 354, 11). 

c) Aber auch in fällen, wo keine dieser erklärungen zu- 
trifft, wo der relativsatz eine notwendige bestimmung enthält, 
auf welche durch den artikel beim substantivum hingewiesen 
werden sollte, kann der artikel ausbleiben, sogar bei gattungs- 
namen: 

da von hänt die tiuvel den alten Unten stric geleit, den nieman ge- 
brechen mac 486,12, dar umbe sult ir tugende hant an haben, diu da 
heizet demüetikeit 476,30 (vgl. dar umbe sult ir iuch der tugende under- 
winden, diu . . . 477, 30). Zu den von Paul, Mhd. gr. § 223, 7 und Tomanetz, 
Anz. fda. 14,16 angeführten beispielen füge ich noch folgende: MF. 170,7. 
178, 25. Myst. 1, 355, 12 da ist wirdekeit, die sie mit disen tugenden erworben 
habent. Beispiele aus Otfr. s. bei Erdmann, Untersuchungen 1, 131. Ob 
seine erklärung auch für das mhd. angenommen werden kann? 

Im nhd. ist diese erscheinung nicht nachgewiesen; die 
stelle aus Gryphius, die Tomanetz anführt, ist anderer art: 
an port enthält den mundartlich verkürzten und inclinierten 
artikel, wie er bei Goethe häufig erscheint (s. DWb. unter Der. 
Rapp, Herrigs Arch. 5, 461); vgl. um die du deine seel in tod 
gestellt Gryph., Sonnette (Lit. ver. 171) 1. buch, 55. son., v. 6 und 
ähnliche 1, 60, 13. 2, 12, 11, s. 369, v. 159. 200. 

BIELITZ, märz 1901. FERDINAND ZIMMERT. 



ÜBER 

RUHE- UND RICHTUNGSCONSTRUCTIONEN 

MITTELHOCHDEUTSCHER VERBA, 

UNTERSUCHT IN DEN WERKEN DER DREI GROSSEN 

HÖFISCHEN EPIKER, IM NIBELUNGENLIED 

UND IN DER GUDRUN. 

L 



Vorbemerkungen . 

Die frage, auf der die folgenden Zusammenstellungen f ussen, 
hat hinsichtlich der germanischen sprachen und zwar speciell 
des ags. E. Sievers in fluss gebracht und als problem für sich 
formuliert: in den scharf ablehnenden artikeln gegen G.Sarrazins 
auf Satz *Der Schauplatz des ersten Beowulfliedes und die heimat 
des dichters' (Beitr. 11, 159 — 183), die Sievers in den Beitr. 11, 
354—362 (speciell 361) und 12, 168—200 (speciell 188 ff., nach 
Sarrazins entgegnung Beitr. 11, 528 — 541) erscheinen liess, zu- 
erst ganz nebenher mit eingeflossen, verdichtete sich der durch 
das misverständnis der nun so bekannten Beowulfstelle von 
selten Sarrazins actuell gewordene fragepunkt für Sievers 
selber im zweiten artikel zu einem problem. Zwei seiner 
Schüler untersuchten es dann in andern germ. Sprachgebieten: 
J. Borrmann, Ruhe und richtung in den got. verbalbegriffen, 

*) Citate nach folgenden ausgaben: Hartmann: Erec nach Haupt* 
1871; Gregor nach PauP 1900 (Altd. textbibl. 4); Der Arme Heinrich nach 
Paul 2 1893 (ebda. 5); Iwein nach Benecke und Lachmann ^ 1877; das I.Büch- 
lein nach Haupt-Martin 1881, die Lieder nach MF. — Gottfried: Tristan 
nach Bechstein^ 1890. — Wolfram: nach Lachmann <^ 1891. — Nibe- 
lungenlied: nach Lachmann^ 1851. — Gudrun: nach Martin 1883. — 
Otfried: nach Erdmann 1882. 



368 WIESSNEB 

Halle 1892, und R. Steitmann, Ueber raumanschauung im Hel- 
jand, Leipzig 1894. Ich verdanke die anregung, dieselbe frage 
in der ahd. oder mhd. spräche an einigen denkmälern zu ver- 
folgen, der gute Richard Heinzeis. 

Ursprünglich war meine absieht, das erhaltene ahd. sprach- 
material auf die gleiche weise zu durchforschen wie Borrmann 
die gotische bibelübersetzung und Steitmann den Heliand. Eine 
aus Otfrieds werk und Notkers Boethius angelegte Sammlung 
zeigte aber dürre resultate. 

Der grund dafür ist bei näherem zusehen nicht in der 
spräche, sondern im Charakter des überlieferten Sprachmaterials 
zu entdecken. Die vorliegenden Untersuchungen haben es mit 
wesentlichen capiteln der raumanschauung zu tun, soweit sie 
sich in der spräche widerspiegelt: gerade in diesem punkte 
sind nun die erhaltenen ahd. Schriftdenkmäler schwerlich ge- 
eignet, einen rückschluss auf die allgemeinheit zu gestatten, 
und zwar vermöge ihres Inhaltes. Dieser ist grossenteils un- 
sinnlicher, abstracter natur. Das locale element, Schilderung 
von örtlichkeit und örtlicher bewegung, tritt stark in den 
hintergrund. Otfrieds spräche z. b. — von Notker nicht zu 
reden — verflüchtigt sich, von der realen frische des as. 
Werkes weit entfernt, stets vom kerne lebendiger erzählung 
in übersinnliche, abstracte Sphären. 

Und ein weiteres. Die Verfasser der ahd. Sprachdenkmäler 
sind in der mehrzahl lateingelehrte, mönche! Selbst wo sie 
also nicht nach lateinischen quellen arbeiten — und das ist 
ja selten genug der fall — muss man vorsichtigerweise die 
frage offen lassen, ob und inwieweit ihr deutsch unter dem 
banne der ihnen so wol vertrauten gelehrtensprache steht, 
umsomehr, da gerade in den hier erörterten erscheinungen 
die lateinische spräche manche momente zeigt, die mit ags. 
und as., zum teil auch mhd. Sprachgebrauch, abweichend vom 
nhd., sich decken. Es fällt mir nicht ein, Otfried ^völlig im 
banne des lateinischen Stiles geknechtet' zu nennen, wie Wunder- 
lich (Unsere Umgangssprache s. 172) es tut, in einer kühnen 
behauptung, um deren realen beweis er gewis verlegen wäre. 
Immerhin hätte man damit zu rechnen, dass die deutsche 
Übersetzungsliteratur damals eben erst schüchtern aufkeimte, 
dass ihre autoren mit dem lateinischen in einer weise vertraut 



V 






■tio 



HlHir 



■ RÜHE- DSD aiCHTDUGSCONSTECCTIOSE^ 369 

ftraren, von der wir Iieute kaum mehr eine rechte Vorstellung' 
haben, dass trotzdem selbst heute noch vorzügliche Über- 
setzungen aas dem lateinischen oft ohne mühe als solche zn 
erkennen sind, u.s.w. 

Weit dankbarer als die unter theologischem einflusse oft 

icht abstracten ahd. literaturproducte mussten mhd. denkmäler 
epische werke, die vorwiegend zustände und ereignisse 
des concreten lebens schildern. Es wurde also in der vor- 
liegenden arbeit in sämmtlichen werken Hartmanns und Wolf- 
rams, in Gottfiieds Tristan, im Nibelungenlied ■ und in der 
Grudnm eine reihe von ruhe- und richtungsconstructlonen unter- 
sucht, die von dem heute allgemein geltenden Sprachgebrauch 
abweichen. Die grenzen der arbeit sind ungefähi- die gleichen 
wie bei Borrmann und Steitmann. Es wurden nur construc- 

ionen berücksichtigt, denen wirklich räumliche Verhältnisse 
gründe liegen — natürlich mit einschluss aller eigentlich 
metaphorischen Wendungen — oder übertragene, wo solche doch 
deutlich durchschimmern, ohne dass hier besonderes gewicht 
auf die schärfe der umrisse gelegt worden wäre. Eine solche 
Scheidung bleibt, bei der Unbestimmtheit der übergangsgebiete, 
ja nie frei von willküi-. Es wurden sich die grenzen bei einem 
nnternehmen dieser ai't sogar in der heute lebenden spräche 
nach den einzelnen individuen, ja nach der Stimmung des ein- 
zelnen Individuums ganz merklich verschieben: um wie viel 
mehr in der alten spräche, die uns in toten lettem vorliegt, 
die wir nur durch unsere eigene, aus anderem material geholte 
erfahrung beleben können, in der beständigen gefahr, moderne 
anschauung in die alte spräche hineinzutragen! Eine Scheidung 
war aber notwendig, sonst hätte sich der ralimen der gesteckten 
anfgabe ungemein erweitert, zu einer abhandlang über die 
Präpositionen, die casusrection überhaupt; bedroht ist dabei 
nur die Vollständigkeit der Untersuchungen, nicht das gegebene 
mateiial selber. Unberührt bleibt hier daher die lehre von der 
einfachen casnsrection, d.h. von casus, die nicht von präposi- 
inen 'regiert' werden, ausser bei Verschiebungen in der con- 
Ln'cnz mit präpositionaler constructionsweise. Der einfache 
accusativ ist bekanntlich von haus aus Zielangabe, der genetiv 
und seine nebencasus bezeichnen den ausgangspnnkt, der dativ, 
wenn die verti'eter der localistischen theorie recht haben, die 

DekräGC lur gcichidilc d« iIculKhtn 5prai:he. XXVI. 25 



370 WIESSNER 

richtung: also mit dem locativ alle wesentlichen phasen der 
räumlichkeit. Der fernen periode, wo diese Verhältnisse 
herschten, steht das mhd. so fremd gegenüber wie das nhd.: 
längst hat sich ins gebiet des räumlichen ausdrucks der volle 
Strom der localen partikeln, der präpositionen ergossen. Die 
casussuffixe, nur der ureinfachen widergabe locaJer beziehungen 
gewachsen, waren wehrlos den gesteigerten anf orderungen 
entwickelterer generationen hinsichtlich prägnanterer fassung 
der rauraverhältnisse gegenüber gestanden und erlagen end- 
lich dem neuen wortcomplex. 

Somit sind diese Zusammenstellungen nur ein kleiner bei- 
trag zum grossen capitel der lehre von der mhd. präposition, 
wie Borrmanns arbeit für die got., Steitmanns für die as. 

Bei der fülle des Stoffes sind ruhe- und richtungsconstruc- 
tionen, die in die kategorie des temporalen gehören, unerörtert 
geblieben, trotzdem unsere spräche zum ausdruck zeitlicher 
Verhältnisse durchwegs metaphern aus der raumanschauung 
verwendet. 

Der historische Standpunkt, d. h. ausblicke nach rückwärts, 
wie nach vorwärts, oft wesentlich zum Verständnis einzelner 
mhd. erscheinungen, konnte nur durch verweise auf vorhandene 
arbeiten zu seinem rechte kommen. Aus dem ahd. gebiet ist 
Otfried öfters selbständig herangezogen, zur überbrückung der 
kluft zwischen dem mhd. des 13. jh.'s und der heutigen Schrift- 
sprache Grimms Wb.; bei einer syntaktisch -lexikalischen arbeit 
im mhd. musste naturgemäss diese periode stets im Vordergrund 
stehen, andere dienten nur zur illustration einzelner tatsachen. 
Und doch bot sich von selber das heutige schriftdeutsche als 
massstab dar, an dem das mhd. material zu messen war; d. h. 
es wurde das Interesse auf differenzen zwischen beiden Sprach- 
gebieten concentriert; identische, bez. parallele erscheinungen 
wurden nur kurz gestreift oder einfach übergangen, ausser 
wo sie durch concurrenz mit abweichenden bemerkenswert 
waren. 

Ein rückschluss aus den ergebnissen der arbeit auf den 
allgemeinen mhd. Sprachgebrauch wäre nur unter reserve ge- 
stattet. Aus dem ganzen corpus der mhd. literatur des 13. jh.'s 
— vom 12. und 14. ganz abgesehen — kamen nur poetische 
werke zur spräche. Zur controle der prosa wurde Vergleichs- 



BUHE- UMD BIOHTOSGSCONSTRDCTrONETr. 



371 



I 



I 

I 



I 



■*eise der 3. band der Altdeutschen predigten, herausgg, von 
A, R. Schönbach, herangezogen, ohne Bonderlich interessante 
ergebnisse: was bei der schwerfälligen, stark formelhaften und 
dazu nnsinnlichen spräche dieser predigten leicht begreiflich 

FeiTjer darf nicht übersehen werden, was für starke 
iadividualitäten Gottfried und Wolfram sind! Wenn auch bei 
tieiden an eigenfliehe Vergewaltigung der spraclie niclit zu 
denken ist, schalten sie doch souverain mit ihr; neben manchen 
kühnheiten im Wortschatz würden Verwegenheiten in der con- 
stmction nicht befremden. Wie man also die resultate der 
arbeit Borrmanns nicht ohne weiteres für die got. Sprache 
Überhaupt in ansprucli nehmen dürfte, da der Gote doch Über- 
setzer ist, wie man aus den erörterungen Steitmanns über die 
gleiche frage im Heliand nicht direct, d. h. ohne vorbehält, 
auf das gemein-as. schliessen könnte, da uns dies unbekannt, 
der Hetiand aber immerhin ein dichterwerk ist, im banne der 
metrischen gesetze und der epischen formel, so gilt alles im 
folgenden gesagte in erster linie von der spräche des ab- 
gesteckten niaterials: rückschlüsse auf die allgemeiuheit haben 
hierbei ihre geltung unter den Voraussetzungen, die schliess- 
lich jeder lexikalischen arbeit zu gründe liegen. 

Was die gruppierung des ganzen Stoffes anbelangt, war 
"der weg im allgemeinen durch die arbeiten von Borrmann 
raid Steitmann vorgezeichnet. BoiTmann scheidet die behan- 
flelt«n verba in drei gnippen, Steitmann in zwei, nämlich 
verba sinnlicher und geistiger tätigkeit. Er scheint das miss- 
liche und schwierige bei der aufstellung einer dritten gruppe 
zwischen beiden, 'verba sinnlich-geistiger bedeutung' (so Borr- 
mann s. 22 f.) durchgefühlt zu haben und teilt das Übergangs- 
gebiet nach beiden selten hin auf. 

Ich hätte diese Scheidung in zwei gi'osse gruppen auch 
in meiner arbeit durchführen können. Der kleine gewinn 
einer rein äusserlichen Übersicht ohne rechten inneren wert 
schien mir aber die einbusse, die der organische Zusammen- 
hang erlitten hätte, nicht aufzuwiegen. Vor allem durften zu 
gunsten einer logischen Scheidung nicht tatsachen auseinander 
gerissen werden, die einander wechselseitig beleuchten. Nun 
reichen aber die begiiffssphären einer nicht unerheblichen 
mizahl von verben von einer der beiden gmppen in die andei'a 



372 WIESSNEB 

Um dem aufgeschichteten material also durch den versuch 
einer streng logischen gliederung keinerlei zwang anzutun — 
eine gefahr, der syntaktische arbeiten in diesem fall schwer 
entrinnen — ordnete ich nach dem formalen gesichtspunkt, 
bei einem vorgenommenen verbum ruhe- oder richtungsconstruc- 
tionen, die vom nhd. Sprachgebrauch aus auffallen, auf einmal 
zu erledigen, auch wenn das verb mit einer bedeutungsfärbung 
ins sinnliche, mit einer andern hingegen ins geistige gebiet 
wies. In den allgemeinsten umrissen folgte ich dabei der 
anordnung Steitmanns in den entsprechenden teilen seiner 
arbeit. Der Übergang von einem verbum zum andern, von 
einer verbalgruppe zur andern ergab sich meist ganz zwanglos 
durch ähnlichkeit der bedeutung, parallele constructions weise 
u. s. w. 

Sollte durch dies princip der anordnung die architektonik 
der arbeit gelitten haben, so wird dieser mangel, praktisch 
mindestens, durch ein genaues register der behandelten con- 
structionen hoffentlich wett gemacht werden. 

Bezüglich des Verhältnisses des mhd. zum nhd. in der hier 
erörterten frage, im allgemeinen, lehrt schon der gesammt- 
eindruck, den man bei der lectüre mhd. texte erhält, sowie 
ein flüchtiger überblick über die hier gebotenen tatsachen: so 
befi-emdende, wesentliche abweichungen im sprachlichen aus- 
druck localer Verhältnisse, wie sie die spräche des Beowulf 
und anderer ags. denkmäler, des Heliand, ja auch der got 
bibelübersetzung, wenngleich in weit geringerem grade, dann 
besonders des altnordischen von der gegenwärtigen deutschen 
Schriftsprache trennen, bestehen zwischen dieser und der zeit- 
lich wie örtlich viel näher gelegenen mhd. literatursprache 
nicht, was ja historisch unmittelbar einleuchtend ist. 

Dennoch haben von der einen Sprachperiode zur andern 
Verschiebungen in der raumanschauung stattgefunden, insofern 
sie die basis entsprechender phrasen bildet, Verschiebungen 
oft recht schroffer natur, oft auch weniger aufdringlich. An 
sich sind die einzelnen für die mhd. spräche charakteristischen 
constructionen dieser art bekannt und als solche öfters betont 
in lexikalischen, grammatischen arbeiten, in commentaren 
U.S.W. Bei näherem zusehen freilich ergibt sich oft, dass 
gerade in diesem punkt die mhd. wbb., aber weit mehr noch 



BUHE- UND BICHTÜNGSCONSTBÜCTIONEN. 373 

die nhd., dürftige auskunft geben, oder gar völlig schweigen. 
Ueber die Verbreitung einer solchen construetion bei einem 
autor, seine auswahl aus den ihm verfügbaren synonymen 
constructionen etc. ist — und das soll ja absolut kein Vorwurf 
sein — in unseren lexikalischen werken wenig zu holen; durch 
erschöpfende Zusammenstellung aller tatsachen bei einigen 
interessanten autoren bez. denkmälern die frage klar zu 
stellen, wobei sich vielleicht auch nicht wertlose beobachtungen 
für den stil des einzelnen ergeben konnten, das war der zweck 
dieser arbeit. 

Zur fixierung der begriffe, die hier wesentlich, durchweg 
aber unmittelbar verständlich sind, wie verbum der bewegung, 
des zustandes, art der Verbindung solcher mit angaben des 
ausgangspunktes, der richtung, des zieles, aufenthaltes, mediums 
u. s. w. verweise ich, um widerholungen zu vermeiden und diese 
Vorbemerkungen nicht noch weiter auszudehnen, auf die ent- 
sprechenden ausführungen bei Borrmann und Steitmann, be- 
sonders auch auf die klare darstellung bei Behaghel, HS. 
§ 179 ff. Wenn es nötig ist, wird im folgenden an ort und 
stelle davon die rede sein. Speciell hinweisen möchte ich nur 
noch auf eine neuerung Behaghels in der terminologie dieses 
gebietes: er ersetzt die schon eingebürgerten bezeichnungen 
^ruhe-, richtungsverba' ohne weitere begründung durch die 
abstract klingenden lat. ausdrücke 4ntralocale, translocale 
verba'. i) Diese würden sich vielleicht neben den alten em- 
pfehlen, falls man unter ^ntralocalen' verba alle verstünde, 
die mit Ortsangaben auf die frage ^wo' verbunden auftreten, 
also gewöhnlich verba der ruhe, des zustandes, aber auch verba 
der bewegung. Denn auch diese construieren auf die frage 
'wo', wenn damit das locale medium, innerhalb dessen die 
ganze bewegung erfolgt, angereiht ist. In diesem sinne also 
ist die allgemeinere bezeichnung 'intralocal' vielleicht neben 
der alten, 'ruheverbum' (= zustandsverbum), willkommen. 

Andrerseits ist bei der fixierung der gruppe der verba 
der bewegung zu beachten, dass auch zweifellose verba des 
zustandes eine Verbindung mit angaben der richtung eingehen, 
also Hranslocal' construiert werden können: bei rückschlüssen 



Vgl. V. E. Mourek, Anz. fda. 24, 346. 



374 WIBSSKEB 

aus der anfügung localer angaben der ruhe oder richtung auf 
die actionsart des betreffenden verbums ist also unbedingt vor- 
sieht geboten: es bedarf dieses kriterium, da es nicht unzwei- 
deutig ist, stets der controle durch betrachtung des Zusammen- 
hangs der rede. — 

Der umfang meiner Zusammenstellungen ward naturgemäss 
ein recht beträchtlicher, da in den wesentlichen punkten stets 
Vollständigkeit der belege aus dem relativ ohnehin bescheidenen 
material angestrebt ist, wobei nach der genauen controle des 
ganzen Stoffes hoffentlich nicht viele versehen untergelaufen 
sind. Eine blosse auswahl aus dem gesammten material hätte 
manchen ausführungen den boden entzogen, den einblick in 
die Verteilung der einzelnen erscheinungen auf autoren und 
werke verwischt u. a. Auf die gefahr hin, der arbeit ein 
schwerfälliges äussere zu geben, liess ich in wesentlichen 
fragen stets alle tatsachen sprechen, mit beherzigung der oft 
citierten schönen worte Beneckes im Wörterbuch zu Hartmanns 
Iwein^ s. iii: ^auslassen und abkürzen konnte nur auf Willkür 
beruhen; die auf Zählung aller fälle ist es, aus der sich gesetze 
sowol als ausnahmen ergeben.' Specialarbeiten, wie diese von 
Benecke, sind für Hartmanns andere werke, für Wolfram und 
Gottfried eben noch immer ein pium desiderium. 

Betreffs des citierens sei noch bemerkt, dass stets die 
zahl desjenigen verses angegeben wird, in dem das eben 
wesentliche wort sich befindet. Störend mögen vielleicht einige 
Unebenheiten in accentuation und Orthographie der alten texte 
wirken: ich konnte mich nicht entschliessen, diesen kleinen 
mangeln zu liebe das princip des strengen citierens nach den 
oben bezeichneten ausgaben zu opfern. 

§ 1. samenen u. ä. Unser nhd. sammeln^ versammeln, 
refl. sich versammeln erscheint regulär mit ruheangaben (des 
Versammlungsortes) verbunden: also in Umschreibung ^personen 
an einer sammelstätte vereinigen, Sachen an einem orte zu- 
sammenbringen' und 'an einem Versammlungsorte eintreffen, 
zusammenkommen'. Das biblische 'zu seinen vätem versam- 



^) Meine citate beziehen sich stets auf die zweite ausgäbe dieses biiohes 
VQü E, V^^ükeu, Göttinnen 1874. 



BUHE- ÜHD KICHTÜiJOSCOSSTaUCTIOKBN. 

jnelt werden' klingt archaistisch, ein fall wie J. Grimm RA. 797 
'noch jetzt trifft man in den meisten deutschen dörfern, z. b. 
den hessischen, eine linde auf einem hügel, wohin der grebe 
die bauern versammelt' nicht gewöhnlich. Bei sachlichem 
object dagegen befremdet Zielangabe im nhd. kaum: 'blumen 
in die schürze sammeln'. ') 

Zielangaben scheinen nun dem alten sächs. anch bei 
persönlichem object ganz gelänfig; vgl. Sievers, Beitr. 12, 195 
und Steitmann s. 11; ein fall, der natüi'lich sehr an die be- 
kannte rege] der lat. schulgrammatik (convenire, congregare, 
concurrcrc etc.) erinnert. Die auffassung wäre liier, in para- 
phrase verdeutlicht, folgende: 'personen oder Sachen an eine 
Sammelstätte hinbringen' und 'sich an einen Versammlungsort 
hinbegeben'. Im ags. und as. ist also samnon auch rein dnrativ 
verwendet, d.h. der nachdruck liegt dabei auf dem andauern 
der bewegung nach einem ziele hin. Wird einmal auf ab- 
schluss der bewegung an einem ziele gewicht gelegt, so er- 
scheint folgerecht ruheconstruction (Steitmann s. 11). Und 
dieses ist die im nhd. überwiegende auffassung. Wenn Steit- 
mann (s. 11) das as. samnon als durativ dem uhd. smiimcbi 
als perfectiv gegenüberstellt, ist diese trennung mindestens 
ungenau: das nhd. verb ist vielmehr durativ-perfectiv, d.h. 
die bewegung ist eine andauerade, wobei der moment ihres 
abschlusses ins äuge gefasst wiid. 

Die ){leJche coiiHtnictionBweise wie im aga, und os. ist auch im abd. 
J lebendig. Vgl. Otfr. 5, 11,2 Warun thie jungoron iho . . . in einaz Aus 
I güamanot; 1,28,12 Wir unsih muasi'n samatton xtn gotea drutlhtganon, 
' Mit werkon (ilu Hche xi ihemo hohtn himllHehe, m hoho guatticJw, theist 
T thai liiniilrichi; mit Bächl. oly. 1, 27, 67 Thm er iz (= (Ad* Äom) ^iu 
garaii-o in ginu gaäum samano. Vgl. aucb QrUnm, tir.4,812. Graff, Ähd, 
präp. B. 23 und 2ö7. An latiniBmoB ist hier natUilkb nivlit xa deiüteii: das 
agB. und as. leigen die Verbindung des verbs mit Zielangaben antochlhon 

Iim germ., niiEweidentige mhd. fglle aucb im denischen. 
§ 2. Die ausbeute aus den hier berücksichtigten mhd. 
texten war freilich in diesem falle sehr dürftig: samenen, 
f/esamenen mit localaugaben begegnet im ganzen sehr selten, 
teuä 
kbr 
».VU 



I 

I 



>) BetreOa der liitdnng eigener beispiele für constmctionen, an di?ren 

ItetiSchlichc cuHtens: eine ernste Skepsis sieb nicht heranwagen durfte, bin 
ich minder bedenklich gewesen als z. b. Wunderlich (Unsere nmgangsfip räche 
».viu£.). 



876 WIESSNEB 

Hartm. kennt hier, nnserem Sprachgebrauch ähnlich, nur construction 
der ruhe: Greg. 2742 wir stdn ez bringen dar zuo daz tms noch got gdiche 
gesamne in svnem rtche. Andere fälle Er. 9766 hie samenten sich die besten ; 
Iw. 40 wan sich gesament üf erde bt niemens ziten anderswä so manec guot 
ritter also da besagen wenig, da Ortsangaben so allgemeiner natur bei jc^em 
bewegungsverb möglich sind. Sonst nur noch übertragene Wendungen, vgl. 
Greg. 2646 in wären diu beide gesament in glicJiem leide, beidiu sSle unde 
Up (s. K. Zwierzina, Zs. fda. 37, 414), wo in wol schon modal zu fassen sein 
dürfte; unsinnlich auch Iw. 8066 daz diu vremde von tu zwein wurde gesa- 
menet enein, — Bei Wo 1fr. begegnet ruheangabe nie, richtungsangabe 
einmal Wh. 123, 16 zuo zim (Amalt nämlich) gesamenten sich die: wenn auch 
die präpos. ze in solchen fällen zweideutig ist, da sie in ruhe- und richtungs- 
bezeichnungen verwendet wird, so ist mir doch von der Verstärkung zu4) 
;ere bei Wolf ram und sonst im mhd. kein fall bekannt, wo auf die frage ^ wo' 
zu construieren wäre. Vgl. femer Wh. 367, 18 sich samelierten dicke dar 
(reim auf schar) aber die FroMzoyse tvidr: vgl. Nib.-l. B(artsch) 2291,5 
Swie vü von manigen landen gesamnet wcere dar, vil fmsten Tcreftecltche 
gegen ir kleinen schar i im Nib.-l. und der Gudr. erscheint sonst samnen 
mit ruhe- oder richtungsangaben in dieser bedeutung nicht. — Wh. 427, 6 
sich samelierten aber gar ir sehs vanen zein ander: richtungsconstruction 
nach dem context. In concurrenz mit samenen tritt im Wh. schäm mit 
Zielangaben: z. b. 364, 13 fürriten die Aräboyse, die zuos ricJies vanen warn 
geschart ; 378, 7 . . . gröz her daz zuo zin was geschart', 419, 29 mamsc fwrste 
umb in gestreut lac, die smorgens zuo zim warn geschart. — In Gott- 
frieds werk kommt für samenen und seine ableitungen hier nur eine stelle 
in frage: Trist. 1377 Morgan sin vient hoste geboten ein starke samenung* 
in sin lant: also richtungsconstruction; der fall ist aber mindestens un- 
sicher, da gebieten mit Zielangabe der mhd. spräche ganz geläufig ist (s. 
später). Eine ganz ähnliche stelle AI td. p red. 3, 14, 40 do heten och die 
Juden eine vil groze samenunge da ze Jerusalem gebotten, wo die local- 
bestimmung wol attributiv zu samenunge zu ziehen ist. Deutliche ruhe- 
angabe 112, 25 u/nde besamten sich alle vor dem huse\ vgl. richtungsconstruc- 
tion in einem ähnlichen falle 256, 34 wan . . . swa sich also maniges mannes 
muot u/nde herce uf ainen man . . . verceinen sol *in einem, bei einem m.*. 
— Im Nib.-l. wäre hier höchstens noch 580,3 vor des sales stiegen ge- 
samden sich dö sit Kriemhilt und Frünhilt ^trafen zusammen' heranzu- 
ziehen; das für die spräche der Gudr. charakteristische sich samnen = 
*armis congredi' (513,1. 1414,1. 1417,1) tritt ohne localangaben auf. 

§ 3. samenen bedeutungsverwant ist lesen ^sammle mit 
sondernder auswahl', wie es das Mhd.wb. (1,1006a — 1009a) 
umschreibt. Siehe Borrmann s. 16 galisan sik du = jtQog c. acc. 
(ein fall) ; s. 18 lisan in c. acc. = elg (ein fall) ; Graff, Ahd. 
präp. s. 257. 

Metaphorisch öfters bei Gottfr. mit Zielangaben: Trist. 336 Nu daz 
der herre Biwalin wol und nach grözen eren sin wol driu jär ritter wa9 



BUHE- UND RICHTÜNGSCONSTBÜCTIONBN. 377 

gewesen tmd haste wol hin heim gelesen gänzliche kwnst ze rüterschaft; oder 
1033 . . . und allez in min herze las, swaz loheliches an im was ; 8310 swer 
dö da bi dem moere was und ez rehf in sin herze las; 9105 in sin herze 
er aüez las, reM alse ez ouch ergangen was; 10135 und sin dinc allez so 
gar besunder in mhi herze las; 13542 Nu Marjodoc erwachet was, den 
troum er in sin herze las *rief er sich alle nmstände des traumes ins ge- 
dächtnis zurück'. Anders Nib.-l. (B) 1394,2,11. Trist. 12236 wir müezm 
daz her wider lesen etc.: bild vom feldbau. 

Einige male steht lesen mit Zielangabe auch bei Wo 1fr.: Parz. 32, 25 
in dem herrlichen bilde dö hete diu müede sunne ir liehten blic hitiz ir ge- 
lesn ; 79, 30 sine Sicherheit er an sich las vereinzelt, vielleicht witzig gesagt, 
weil der gegner am boden liegt. ^) 

In einem begrifflichen gegensatz zu diesen verben steht sundern 
* jemand (etwas) vereinzelt irgendwohin schaffen ' : Parz. 723, 15 er hete der 
werden hundert in ein gezelt gesu/ndert. Das Mhd. wb. belegt sundem mit 
Zielangabe recht selten: eigentlich heranzuziehen wäre aus den gegebenen 
belegen nur Silv. 2737 (Grimm) wol vierzic v/nde viere bischove sach (man) 
tleix dar, die niht aUe in einer schar riten vü geliche, wan si von manigem 
riche sich hasten dar geswndert. Vgl. unser absondern, bei dem DWb. 1, 121 
allerdings keine Zielangabe verzeichnet, aber sie ist wol gestattet: 'in eine 
zelle absondern' u.a. — Merkwürdig mutet eine stelle in Otfried an, 
3,1,1 Mit selben kristes segenon wiU ih hiar nu redinon in einan livol 
swntar ihiu seltsa/nv/n wtmtar, die hier einzureihen wäre, wenn 0. Erdmann 
recht hat, der in seinen Untersuchungen über die syntax der spräche Ot- 
frieds (Halle 1874/76, 2, § 167) übersetzt *sie redend in ein buch sammeln', 
d. h. redinon in ganz prägnanter bedeutung, dem gedanken nach ähnlich 
3, 7, 54 in buah sie iz duent zisamane. Wenig wahrscheinlich dünkt mich 
Graffs deutung, der (Ahd. präp. s. 53 anm. 2) die stelle den phrasen anreiht, 
wo Otfr. für unser 'in einer spräche schreiben, dichten' das seltsame in 
c. acc. setzt. 

§4. suochen, Got. sökjan (forschen, fragen, fordern) hat 
du nach sich, wo wir blossen acc. oder von setzen: vgl. Borr- 
mann s. 33; ähnliche Verhältnisse begegnen im Heliand (Steit- 
mann s. 12), wo söJcian gerne mit richtungsangaben auf die 
fiage ^ wohin' Verbindungen eingeht. Kuheangaben sind nach 
Steitmanns auffassung enge zu dem vom verb abhängigen 
object zu ziehen. 

Ganz ebenso zeigt nun mhd. suochen in der Verknüpfung 
mit rieht ungsbestimmungen auf die frage ^ wohin' gegenüber 
dem heutigen Sprachgebrauch zum teil recht auffallende diffe- 
renzen und zwar in ganz bestimmten bedeutungsschattierungen. 



1) Wegen des folgenden vgl. Chr. Starck , Die darsteUungsmittel des 
Wolframschen humors, Rostock 1879, s. 16. 



378 WIESSNEB 

§ 5. Es stellt sich z.b. in übertragener Verwendung in 
die reiche gruppe der verba des f orderns, begehrens u. s. w., die 
im folgenden zu behandeln sind, und weicht dann im gleichen 
sinne von der gegenwärtig in der spräche zum durchbrach 
gekommenen auffassung ab. Suchen im sinne von 'postulare, 
petere' ist uns ja noch geläufig: ich suche gcld bei dir = 4ch 
glaube, dass du geld besitzest', oder = 4ch will, dass du geld 
hast', oder sogar = 4ch Avill geld von dir haben '. Vgl. ferner 
Wendungen wie jemand um etwas ersuchen, um ettvas ansuchen, 
gesuch Veraltet sind dagegen andere constructionen : etwas an 
einem suchen, das Luther und Goethe noch gebrauchen (Paul, 
Wb. s. 449), wie an einen suchen bei Goethe, Kückert, Lessing, 
Schiller (vgl. ebda.). 

ZweifeUiaft ist Otfr. 3, 14, 79 So icer so ihes ruahta, thaz fruma zi 
imo suahta ..,, um so mehr, als die phrase sonst nicht in seinem werk 
erscheint. 

H artm. gehraucht dieses suochen mit klaren richtungsangahen : Greg. 
3218 daz begunden st von herzen klagen dem der in beruochet der gnade 
an in suochet (nach Zwierzina, Zs. fda. 37, 414); 1260 er suochte gnade unde 
rät zollen ziten an got (reim auf gebot, acc. sing.). Unsicher Er. 3150 rtcher 
got der guote, ze dtnen gnaden suoche ich rät. — Ganz ähnlich Wo 1fr. 
Lieder 7, 23 Min sanc wil genade suochen an dich, güetlich tüip. Femer 
Parz. 617, 21 swer den pris hei erstriten, an den solt ich minne suochen; 
633, 8 so daz er helfe suochet durch tröst an iwer minne, — Ebenso bei 
Gottfr. deutlich richtungsconstruction auf die frage * wohin*: Trist. 7881 
swaz ir dar über geruochet und her ze mir gesuochet ; 15742 er fUeget unde 
suochet an, da man^z an in gesuochen kan; Bechsteins Übersetzung * ver- 
suchen* sagt nichts; der sinn ist *wenn man es nur versteht, ihn darum zu 
ersuchen*. Ist Trist. 7881 ze mir durch vorangehendes her als richtungs- 
angabe markiert, so bezeugt begleitung von da ruheauifassung Altd. pred. 
3, 137, 23 wan da ze der winrebe da endarf man der dornsiehe nith suochen, 
also endarf man ouch da ze dem dorn der winbere niht suochen^ wo suochen 
einem * verlangen* auch recht nahe steht. 

§ 6. Interessant, weil die eigentümliche prägnanz der 

bedeutung, wie die dabei auftretende Zielangabe dem modernen 

Sprachgefühl völlig entfremdet scheint, ist mhd. suochen im 

sinne von 'aufsuchen in feindlicher absieht, feindlich anfallen': 

vgl. den ähnlichen bedeutungsübergang in lat. petere und unser 

heimsuchen im schlimmen sinne. 

Zielangabe begegnet dabei öfter, spec. im Nib.-l. 142, 4 Liudgast und 
Uudger die wellnt iuch suochen inz lant\ 148,2 man teil u/ns suochen her 
in unser lant\ 164,3 welln si mich aber suochen her in mtniu lant\ 174, 1 



BUHE- UND RICHTÜNGSCONSTRÜCTIONEN. 379 

Die iuch da wölden suocheti ze Wormz an den Bin ; ruheconstruction aber 
Nib. 157, 3. 4 daz si mich weUent suochen mit herverte hie. daz getäten uns 
noch degiie hie ze lande nie: B aber auch hier her zuo disen landen; ge- 
täten vertritt suochen und schmiegt sich dabei, wie gewöhnlich mhd. (vgl. 
Paul, Mhd. gr. § 386), dessen regulärer gebrauchsweise ' an , und diese ist 
eben richtungsconstruction auf die frage ' wohin '. Nicht unerwähnt möchte 
ich lassen , dass sich sämmtliche belege derselben in Lachmanns n. lied 
concentrieren. — Die Gudr. verwendet wol suochen in dieser prägnanten 
bedeutung, z. b. 634,4. 1314,4, aber ohne Zielangabe. 

Merkwürdig ist, dass es unter den drei grossen höfischen epikem 
gerade Wolf r. allein verwendet, ein ganz kleiner zug, aber nicht ganz dem 
blinden zufall preiszugeben, wenn man die nahe berührung der dichtungen 
des Eschenbachers mit dem volksepos erwägt, die sich sonst in spräche und 
Stil öfters bemerkbar macht. Parz. 31, 14 vür die andern ähte (sc. porte) 
uns suochet noch des stolzen Fridehrandes her. Vgl. auch Parz. 663,29 
wellents uns hie (fehlt Ggg) suochen mit ir (Grgg hers) kraft, wo Bartsch 
lesen will wellnt s' uns suochen her mit kraft Zweifelhaft Wh. 178, 2 ich 
pin gesuochet ze allen torn. Allgemeine localbestimmung der ruhe Parz. 
43,29 dazs uns hie suohten mit ir her {hie fehlt Ggg) und Wh. 466,28 
der admiräty der mich nu hie gesuochet hat; vgl. Wh. 350, 9 Franzoyse und 
Alemäne durch si üf disem plane mich suochent hie mit riterschaft. 

Altd. pred. 3,92,13 unz daz der chaiser ain hervari suochen solte 
uf die Äe/flfen gehört die richtungsbezeichnung jedesfalls zu hervart: vgl. 
Gudr. (12.) Aveniiure, wie Her wie herverte üf Hetelen, 

§ 7. In der allgemeinen function 'zu finden trachten' ist 
suochen von ruheangaben begleitet wie im nhd.; gegenüber 
dem heute wol verwendbaren 'nach allen richtungen hin suchen' 
fallen gleichwertige mhd. phrasen nicht auf: 

Iw. 1250 so beginnent si iuch zwäre in manegen enden (vgl. Lach- 
manns anm. zur stelle) suochen; vgl. auch 1145 dö suochter wider unde 
vür; bei Gott fr. Trist. 9181 und suochte her unde hin; 10023 daz der als 
irrecliche von riche ze riche sine nötdürfte suochen sol; oder Nib. 1473, 1 
Dö suohte er näh den vergen wider unde dan. — Auffallend ist aber bei 
Wo 1fr. P. 377,22 tmgezalt mans (sc. tjoste) in da bot, allen den dies 
mochten unts uz ze velde suochten (vgl. die anm. bei Bartsch), wo im nhd. 
richtungsconstruction unerhört wäre. 

Hingewiesen sei noch auf Verbindung von suochen mit 
richtungsbezeichnung auf die frage 'woher': 

Die stelle im Wh. 462, 17 swaz hie künege lige erslagen, daz ir die 
suochet üz dem wal (nhd. *auf der wahlstatt') steht vereinzelt da. Recht 
begreiflich ist uns eine dem volksepos eigene phrase dieser qualität: Nib. 
275, 1 Dö wart üz den schrinen gesuochet guot gewant : vgl. unser aus- 
suchen; 529,7 di suochen üz den kisten diu aller besten kleit; 1593,2 si 
suohten üz den kisten diu herlichen kleit; vgl. auch 1210,2 si suohten üz 
der Volten dßs vil dar inne lac^ 749, 4 dö wart er für gesuochet manic her- 



380 WIESSNEB 

licJi gewant * hervorsuchen*. — Gudr. 972,1 Do suohtens üz den leisten 
die aller besten wät\ 1299^2 dö suohte man üz dem gademe manege 
maget guot. 

§ 8. Gottfrieds eigentum ist ansuochen, trennbare verbal- 
composition, in seltsamer bedeutungsnuance: 'sich anschmiegen' 
von kleidungsstücken. 

Trist. 10916 der roc der was ir heiriltch, er tete sich nahe ztio der 
lieh: ern truoc an keiner stat hin dan, er suochte aUenthalben an al von 
ohene hin ze tal; 15741 . . . daz der vü tugenthafie Krist teintschaffen alse 
ein ermel ist: er füeget unde suochet an etc. Subject ist Krist; bildlich 
wird Ton ihm ansuochen gesagt, was eigentlich nur zn ermel passt. 
Beachte zugleich den stilistischen Wechsel in der folgenden verszeile da 
man'z an in gesuochen kan. 

Nur Gottfrieds schüler Konrad von Würzburg gebraucht noch 
suochen in diesem sinne und zwar leicht modificiert mit der präp. an mit 
acc: Engelh. 3080 (Haupt) daz hemde stuont gelenket nach einem fremden 
schrote v/nd suochte so genöte an ir Up vü uz erkom daz etc. 

§ 9. Im gleichen sinne wie das simplex weicht auch 
ver suochen {ez versuochen) in seinen constructionen vom 
heutigen Sprachgebrauch ab. Dem nhd. etwas bei einem ver- 
suchen, d.h. ^ einen versuch machen bei ihm, sich mit einem 
ansuchen an ihn wenden, etwas von ihm erlangen wollen' 
steht schroff mhd. richtungsangabe (präp. an c. acc.) gegenüber. 

Hartm. Iw. 2913 Nu versuochter zehant andievrouwen daz ervant, 
eine bei Hartm. vereinzelte stelle, in der die hss. schon unsicher schwanken. 
— Wo 1fr. P. 504:, 29 ez wurde iedoch versuocht an sie (sc. frou Kamtüe\ 
op si mir striten hüte alhie, in prägnanter, feindlicher bedeutung; 568,4 
vml den der helfe nie verdröz, swer in sinem kumber gröz helfe an 
in versuochen kan, — Gottfr. verwendet zwar nie dabei an c. acc. der 
person, doch zeigen ähnliche auffassung phrasen wie Trist. 9208 genuoc 
ver suochte erz an den kragen; 17435 er versuochte ez an die krumhe. Vgl. 
11807 si versuochte ez manegen enden. Aber Trist. 14241 Nu da>z der 
iruJisceze sach, daz sines wiUen niht geschach, er versuochte ez aber anderswä 
(reim auf dä)j wo anderswar nach den oben gegebenen beispielen wol be- 
greiflich wäre. 

Immerhin ist versuochen in diesen phrasen bei den drei meistern 
relativ recht spärlich gesäet; öfter im Nib.-l.: Nib. 622, 4 mit ungefueger 
krefte satzter ir sich wider, versuocheiide angesüichen an froun Prünhüde 
sider (C aber er versuocht ez angestlichen an der kuniginne sider, also 
deutlich dativ); 1049,4 si versuohtenz vriunütchen an vroun Kriemhüde 
sint: Bartsch (im Wörterbuch s. 340) fasst beide fäUe dativisch; ebenso meint 
Piper, in der anm. zu der steUe, vr. Kr, sei hier dat., nicht acc: 'denn in 
versuochen liegt hier der begriff des an gewinnen versteckt*: eine nichts- 
sagenäe begründung, da sie auch auf die im folgenden anzuführenden fälle 



RÜHE- UND RICHTÜNGSCONSTEÜCTIONEN. 381 

passt, wo der acc. formal gesichert ist. Da also för an c. acc. mehrere 
sichere stellen ins gewicht fallen, für an c. dat. in A kein einziger (in B 
einer, Bartsch 726, 1, in C auch Bartsch 674, 4), so werden neutrale fälle, 
in A mindestens,, mit grösster Wahrscheinlichkeit für an c. acc. in anspruch 
zu nehmen sein ; um so mehr, da ez vers. an einem auch sonst recht selten 
erscheint: aus dem Mhd. wh. ist eigentlich nur noch die stelle in der Bahen- 
schlacht heranzuziehen, wozu ich Er, 8045 er entmrt des niht erlän, . . . ezn 
werde an im versuochet fügen könnte: diese stelle heweist aher gar nichts, 
wenn man die üherlieferung des Er., die sonstige yerhreitung der dativischen 
phrase und das schwanken der hss. Iw. 2913 hedenkt Es ist sehr fraglich, 
oh nicht der schreiher das ihm schon seltsame an in der vorläge durch ihm 
verständlicheres an im ersetzt hat. — Zweifellose fälle von vers. an c. acc. 
sind jedesfalls Nih. 669, 1 Si versuohte an den kü/nic etc. ; 1086, 3 so sol 
manz doch versuochen an daz vil edel wip; Gudr. 630,4 mit oMen stnen 
mägen versuohte erz an die maget vUziclichen, 

Prägnant vom feindlichen angriff (wie Wo 1fr. P. 504,29, der hier 
wider in einem kleinen zuge nahe an die spräche des volksepos herantritt, 
und Er. 8045, wo von Hartm. noch manchmal das gleiche zu sagen ist) 
Nih. 1819,4 si versuohtenjg an die Hiunen; Gudr. 829,3 si versuohtenz vil 
sire a/n die von AlbaMne, 

Bichtungsangahe bei vers, ist auch in den Altd. pred. anzutreffen: 
3, 16, 22 ob irz versuochet hinz sinen gnaden, — An suochen, versuochen 
als verba postulandi schliessen sich leicht an die 

Verba des Verlangens, begehrens, forderns u. ä. 

§ 10. Besonders die angliederung der person, auf die sich 
die tätigkeit dieser verba erstreckt, der person, 'von der' man 
etwas begehrt u. s. w., kurz vielleicht die mitteilende zu nennen, 
erfolgt im mhd. oft auf eine weise, die auf dem wege zu dem 
heute herschenden sprachgebrauche starken Veränderungen 
unterworfen war und gegenwärtig recht befremdlich klingt, 
trotzdem die spuren solcher absterbender constructionen öfters 
noch weit herauf ins nhd. zu verfolgen sind. 

§ 11. gern, Schrift- und Umgangssprache ist jetzt am 
geläufigsten die Wendung ich begehre etwas von einem, d. h. 
dass er es besitzt oder dass er es mir zukommen lässt, also 
richtungsconstruction auf die frage 'woher', richtung der verbal- 
tätigkeit vom persönlichen ob ject aufs begehrende subject : eine 
phrase, bei deren ursprünglicher bildung wol anticipation der 
gewährung vorgeschwebt haben muss. Sie ist auch bei allen 
drei höfischen epikem zu belegen: 

Hartm. A. Heinr. 939 ichn sol ouch niht me von dir gern; Iw. 4541 
eine gäbe der ich von iu ger; 1. Büchl. 639 swer so lönes von in gert. — 
Wo 1fr. P. 83,20 sone getar och ichs von iu niht gem\ 214,28 wes gersiu 



«S82 WIESSNEB 

von mir mere? 373,29 sit du diens von im gerst (Ggg an in), — Gottfr. 
Trist. 19550 fne niac von ir niht des gegern, — Nib.-l. (A) und Gndr. 
(vgl. s. 384) verwenden die phrase in dieser gestalt nicht. 

§. 12. gern — von einem, der nM. herschend gewordenen 
gebrauchsweise entsprechend, hat bei Hartm. und Grottfr. vor 
andern gleichbedeutenden constructionen mindestens keinen 
vorsprung, bei Wolfram tritt es relativ sogar stark zurück. 
Bei allen dreien steht es in concurrenz mit gern an einen, also 
richtungsconstruction auf die frage ^ wohin' (vgl. ein begehren 
stellen an jemand), richtung der verbaltätigkeit vom begehren- 
den subject aufs persönliche object: eine phrase, die dem älteren 
nhd. noch geläufig ist (vgl. DWb. 1, 1289. Kehrein, Gr. d. d. spr. 
des 15. — 17. jh.'s 3, § 230; auch Vemaleken, Deutsche syntax 
2, 203). 

Hartm. Greg. 284 er phlac ir so (ich sage iu wie\ daz er si nifUes 
entwerte swes si an in gerte von kleidern wnd von gemache; 2616 richer 
got vil guoter, des hast du anders mich geicert danne ichs an dich hän gegert; 
Iw. 428-1 er hete iuch alles des geicert des ir an in het^t gegert. Vgl. anch 
A. Heinr. 939 lesart B. — Besonders beliebt bei Wo 1fr. P. 33, 25 so wasr hint 
sän an iuch gegert eins phlegens des ich wcere wert; 124,6 nu sich, swer 
an mich strites gert, des selben wer ich mich mit slegn; 611,25 soTher not 
als ich hän an iuch gegert, der etc.; 634, 14 swes er an mich gert] 741,29 
er solte helfe an den gern, der in sorge freude Jctmde wem; 745,23 sone 
darf es niemen an mich gern (Tit. 60, 2 H ich beger genäde an dich; dagegen 
J gnade ich von dir gemde bin); Tit. 150,2 die fürsten uz ir riche eins 
herren an si gerten; Wh. 156, 16 swes du an mich gerst; 298,20 ir guete 
mich gewerte al des ich an si gerte. — Gottfr. Trist. 14046 als ir an in 
es wellet gern: der einzige fall. 

An sich mindestens unsicher sind fälle wie Wolf r. P. 370, 26 ob iemen 
tjoste gein mir gert; 674,7 op der noch strites gein mir (Gdgg ane mihi 
vgl. oben Parz. 124,6; Dd gein mir) gert; da Wolfram aber in keinem 
unzweideutigen fall gern gein einem gebraucht, sicher jedoch tjostieiren, 
tjoste gein einem etc., so ist die richtungsbezeichnung auch in diesen fäUen 
hier mit aller Wahrscheinlichkeit zum subst. zu ziehen. Parz. 420, 23 mirst 
in den strit der wec vergrabt, gein vehten diu gir verhabt ist kein gleich- 
wertiger beleg, da gein nicht die mitteilende person anreiht. Wh. 60, 2 mit 
spern gein dem (sc. gegen Vivianzes schilt) man tjoste gert ist die Zugehörig- 
keit der richtungsangabe zu tjoste ausser zweifei. 

Im Nib.-l. und in der Gudr. ist gern an c. acc. durchaus die ge- 
wöhnliche construction ; Wolframs spräche rückt hier wider durch auf- 
fallende bevorzugung dieser constructionsweise unverkennbar in die nähe 
der volksepik^): vgl. Nib. 312, 3 und gerent stoeter suone an mich und mtne • 



^) Der grund hierfür ist natürlich in der gleichheit des dialekts eu 



RÜHE- UND BICHTUNGSCONSTBÜCTIONEN. 883 

man', 499,5 des ger ich an iuch, Stfrü; 1310,3 swes ieman an si gerte, 
des wären si bereit — Gudr. 174,3 wie wenic er des lieZy des si an in 
gerten] 280, 3 der künic leiste gerne swes man an in gerte; 309, 3 der künic 
gap in allen, swer an in ihtes gerte ; 622, 4 daz er edeler minne an höhe 
vrouwen gerte hilUchen; 724, 3 daz si rittei'schaft niht wol gegeben künden, 
so man es an si gerte-, 1679,3 swaz si haben mohten und ieman an si 
gerte: in der Gudr. also weit mehr als doppelt so häufig (relativ) als im 
Nib.-l. 

Nur einmal begegnet statt an c. acc. das gleichwertige hin ze: Nib. 
147G, 4 des er do hinze in gerte, wol beschieden si im daz; ebenso bei 
Wol fr. einmal: Parz. 552,27 het er iht hin zir gegert; öfter bei Gott fr. 
Trist. 12606 swes er hin zir gegerte; 15002 des gert er her ze uns beiden; 
vgl. dazu Trist. 1104 daz er hin z'ir enJiate deheine ger. Dieselbe constnic- 
tion in den Altd. pred. 3, 28, 8 nu hastu mich^ herre, gewert alles des des 
ich hinz dir ie gert» 

§ 13. Auch blosses gern ze einem ist bei Hartmann und 
Wolfram anzutreffen; wie die eben erörterten erweiterungen 
(durch hin, her) beweisen, war richtungsauffassung dabei manch- 
mal lebendig; da aber mhi. ee auch auf die frage 'wo' ant- 
wortet (Mhd. wb. 3, 855 a), kann in den fällen, wo blosses ze 
steht, auch ruheconstruction vorliegen, um so eher, als gern, 
wie das gleich zu besprechende gern an einem zeigt, auch 
ruheconstruction verträgt. 

Hartm. MF. 216,24 Er ist alles des wol wert, ... des ein man ze 
wibe gert; Er. 9506 swes si gert ze mir. — Wo 1fr. P. 99,25 unz ir mich 
gewert des minnen werc zer minnen gert; Wh. 135,2 ziu noch ze niemen 
ich des ger; 244, 8 zen andern fürsten ichs ouch ger. 

Vgl. dazu die bei Otfr. vereinzelte stelle 1,11,32 Sun bar si tho 
zeizan ther was uns io giheizan; sin was man allo worolti zi gote wunsgenti, 

§ 14. Deutliche ruheconstruction ist das schon erwähnte 
gern an einem, das zwischen gern an c. acc. (oder hin ze) und 
dem im nhd. durchgedrungenen gern von einem die mitte hält 
(wohin — wo — woher), ohne die richtung der verbaltätigkeit 
zum ausdruck zu bringen. Ueber die gleiche construction in 
frühnhd. zeit vgl. DWb. 1, 1289. Vernaleken, Deutsche syntax 
2, 203. C. Franke, Grundzüge der Schriftsprache Luthers, Görlitz 
1888, s. 257. 



suchen. — Ueber Wolframs Stellung zum volksepos vgl. die bemerkungen 
von G. Bütticher, Germ. 21, 257—332, spec. 278 f. E. Jander, Ueber metrik 
und Stil in Wolframs Titurel, Rostock 1883, s. 3 und 30 fF. ; ferner auch 
0. Jänicke, De dicendi usn Wolframi de Eschenbach, Halle 1860. 



384 WIESSNEB 

Hartm. MF. 217,27 an dem ich triuwe und ere ie vant und swes 
ein wtp an manne gert; Iw. 2900 daz ich an iu niht wandeis ger; 6469 
des der tounsch an wihe gert. — Wo 1fr. P. 370,4 sit och min vater helfe 
gert an friwenden u/nde an mägen; 619,22 an dem ir minne hat gegert 
(An den alle ausser DG); 642, 16 op der helfe an iu ger; Wh. 196, l^.wan 
daz ern schöne werte dl des er an im gerte. 

Auch dem modernen Sprachgebrauch ist übrigens ruhe- 
construction bei begehren nicht völlig fremd; das DWb. gibt 
hier freilich keine auskunft; vgl. aber Wendungen wie 'ich 
begehre fleiss und aufmerksamkeit bei meinen schülem'. Un- 
gebräuchlich scheint diese nhd. ruheconstruction im sinne von 
'verlangen, dass jemand uns etwas mitteilt', z.b. 'ich begehre 
bei dir ein federmesser' (d. h. dass du es mir gibst). Zwischen 
all den aufgezählten mhd. constructionsweisen der mitteilenden 
person bei gern ist ein merklicher bedeutungsunterschied nicht 
vorhanden. Ihre Verteilung möge noch einmal, übersichtlicher, 
eine kleine tabelle illustrieren: 

Hartm. Gottfr. Wolfr. Nib. und Gudr. 

gern von einem 3 13 — 

gern an einen 3 19 9 

gern an einem 3 — 4 — 

gern ze einem 2 — 3 — 

gern hin ze einem — 2 1 1 

§ 15. Getrennt behandle ich die geschlossene phrase ur- 
loubes gern mit angaben der richtung, weil letztere öfters ent- 
schieden nur vom subst. dictiert sind und also nur mittelbar 
zu gern gehören. 

Von den drei höfischen epikem kommt hier nur ein fall bei Hartm. 
in betracht: Er. 2861 wlouhes gert er sä von dem Mnege Artuse, wo von 
d. Je, A. zweifellos enge zu gern zu ziehen ist. — Anders Nib. 69,4 wr- 
loubes er (Siegfried) dö gerte zuo den Burgonden dan: wer die personeu 
sind, von denen S. abschied nimmt, zeigt sogleich der folgende vers: 
In werten ti^wricUche der künic und sin wip\ zuo d, B. dan gehört also 
unmittelbar zu urloubes, so dass die stelle zu vergleichen ist z. b. N i b. 68, 1 
Dö nähte in ir reise ze den Burgonden dan. Ebenso Nib. 1419,3 si gerten 
tegeltche urlouhes von dan. — Gudr. 694,1 Der wirt urlouhes gerte von 
sinem wibe dan; Piper sagt in der anm. ^ dan gehört zu urlouhes^; offenbar 
construiert er das dazwischen stehende von sinem unbe nur zu gern; mög- 
lich; vielleicht gehört aber die ganze richtungsangabe mehr zu urloubes, 
als zu gerUf wenn man dagegen hält Gudr. 1087, 1 Die boten urloubes gerten 
von im dan ze Wäleis in die marke, wo diese auffassung noch näher liegt 
(vgl. auch Gudr. 409,1 wir wellen hinnen urloubes gern). 



RUIIE- UND BICHTUNOSOOKSTBUCnONEN. 

An anderen stellen ixt alier <ler präpoaition&lBtudnick aumiltelbftr 
zam rerb zn couBtruieren ; K ib. Kßß. I Sine yerteti urlouheii da « heineiii 
»1(111; Gudr. 430,4 Si geHen ttrlonbea roiu kütirge viid von allen ttlneii 
tnamten, fUle, die alea unbedenklich auf 8.382—884 nachgetrageii werden 
kCnnen. 

§ 16. Zielangabe ist bei gern auch mflgUch, wenn orts- 
verändernng des begehrten objectes gewünscht wird: 

Wolf r. I*. 71,5 mir seihen le/i icol gunde lies er het n« dtnltii gegert; 
234,26 vorm ailber kömtn fruwcen icert. der dar te diensle wa» gegert; 
244,22 aU min her ßr i«c/i i»t gegert; 437, 19 er gert ir aw venKier dar; 
464, 30 diu mettscheit tat immer teert, der eiw dem gr&le wirt gegert (eine 
■teile, die im nenen &bdmck yod Grimms Gr. 4 unpasaend, weil wesentlich 
anderer art, aeben N. pa. 90b eines Unges kereta ih ze gote eingereiht ist); 
764, 3 etüwenne ich onvh den pria eralreit, dai man min drüber (vgl. 763, 29 
lavelrunderf gerte. Diese gedrungene oonstroction von gern ist Wolfram 
eigentHmlicb : bei Eartmann und Gottfried begegnet sie niclit. Sind 
schon die gebrachten f^lle unserem Sprachgefühl nicht ganz fremdartig, so 
steht uns noch nüher Wli. 459, 2 Der etsUelier ist so irert, des l'erramer hin 
wider ijerl; Tgl. anch Wh, 2(37, 14 and unser etwaa turäckbegehren, turüek- 
verlnngen. 

Gleichwertige richtungsconstroction zeigt mhd. wünschen: 

Bei Wolfr. Wh. 141,11 f. elxUciter u-vnschle in »us von im, a Känadt 
od te Ätsint, in die kitte ee Alamanaurä, od teidr te ScandiTtäeiä Über- 
vroren in dem ige . . . ad umn»chte in einer äne wer üfden wert int lebermer: 
Tgl. nhd. ich Künsche ihn ina land, wo der Pfeffer leäehsl n. 5. — Bei 
Hartm., Gottfr. und in den beiden rcilksepen nichts ähnliches; Tgl. 
dagegen Walth. 35, 18 teänacke mir te relde und niht te icalde; 21 u>ün- 
kAu M mieh eon in; 24 wie häat du aua getan, daz ieh dich an din 
getaaeh geieünachet hän, und da mich a» min ungemnch? Vgl. Lachmanns 
eingebende anm. za dem schwer verständlichen gedieht. 

Nach analogie dieser couatructionsweisen ist gewis anch Walth. 8, 18 
EU verstehen: die volle ich gerne in einen siJirin: von einer 'verbalellipse', 
wie Vcrnaleken, D. S. 2, 518 annimmt, ist hier so wenig die rede wie in all 
den oben angeführten beispielen von gern imd icänscheH in gleicher Ver- 
wendung. Es ist daher auch die Vermutung Grimm, Gr. 4*, 1&5 abznweisen, 
als oh Ivan oder legen za ergfinseu wäre. Aehnlick die stelle bei Gott fr. 
Trist. 2325 »iget, irü wellet ir mich hin? Vgl. Grimm, Gr. 4', 161 (138); 
nachtrage 4, 12<)0 offenbar versebensweiee noch einmal citiert. 

Nhd. sind übrigens constrnctionen von 'wünschen' gleicher 
art öfters anzutreffen; vgl. Goethe, Iphigen. z. 627 (Weim. aosg. 
10, 28) Mick leünschl^ ich bald nach Troja, ihn bald her. 

ERichtnngsconstruction älmlicher natur kann endlich bei 
11 noch eintreten, wenn das subject eine Veränderung des 
enen Standpunkts begehrt: Wendungen, die für das nhd. 
Baitrigi lur ^ichiuhu der dcuUchen iptucha. XXVI. 2H 



386 WIESSNER 

Sprachgefühl schon gar nichts mehr auffallendes haben; ich 
verweise auf die beispiele im DWb. 1, 1289 oder vgl. Grottfried 
Keller, Ges. werke (Berlin 1897) 2, 227 (Der grüne Heinrich) 
Doch heswang sie ihren Jcummer und hielt tapfer aus, ohne na^ch 
hause zu hegehren (dieselbe erscheinung im griech.: Homers Od. 
223 aXXa q:6a)<; dh räxiora XiXaleo-, vgl. die anm. bei Faesi- 
Hinrichs z. st). 

In dem hier berücksichtigten mhd. gebiet übrigens recht selten: 
Wo 1fr. P. 433,3 so gert ir zengem r&me] vgl. Walth. 76,31 wir gern zen 
swebenden ünden. 

Bei Hartm. nnd Gottfr. finden sich nur ähnliche oonstractionen 
des snbst. ger mit dem verb. snbst., z. b. Er. 2780 ztw ein ander was m 
ger; ebenso Greg. 2119 zuo ein ander wart in ger; vgl. 1800 ja ist min 
gir noch merre zuo der werlte denne e; 1589 ouch wo« mir ie vü ger für 
den griffe! zuo dem sper, für die veder ze dem swerte; Gottfr. Trist. 452 
da hin (sc. zu Marke) was Biwaiines gerS) 

Die constructionen gern nach (vgl. Wolfram, P. 812, 5 u. ö.) 
und gern üf c. acc. (vgl. Grimm, Gr. 4 ^^ 1013), z. b. Gudr. 770, 4 
oder Wh. 204, 8, sind hier, die erste als dem nhd. Sprachgebrauch 
völlig gleich, die zweite als ganz abstract, übergangen. 

§ 17. Es sind nun einige concurrenzen im ausdruck des 
begriff es von gern zu betrachten, die begreiflicherweise, was 
ruhe- oder richtungsconstruction betrifft, identische erschei- 
nungen zeigen mit dem im allgemeinen ja bevorzugten gem. 
Bei muoten allerdings erscheint die person, an die sich das 
begehren richtet, auch im präpositionslosen dativ. 

Gottfr. Trist. 14725 daz ir mir ze dirre zit deheiner spräche muotet\ 
16228 waz ist iu liep? wes muotet ir? herre Criiän, ich muote iu ,., (so die 
gmppe MH; in der andern hss.-gmppe schwanken in präpositionalformeln). 
Hartm. nnd Wolf r. ist übrigens diese gebranchsweise von muoten fremd. 
Es verdient daher bemerkt zu werden, dass im sog. 2. Büchl. (wo Hartm. 
als autor nach den entscheidenden einwänden von F. Saran, Beitr. 24, 1 f. 
nnd besonders C. Ejraus, Abhh. znr germ. philol., Festgabe für B. Heinzel, 
Halle 1898, schwerlich mehr in frage kommt) v. 215 daz ich leider niht 
gar genendecUchen getar den liuten des gemuoten diese constmction er- 
scheint. 

Im Er. speciell gebraucht Hartm. muoten von einem zweimal: 4467 
ichn muote mere von iu deheiner ere\ und ganz ähnlich 5688 n4 muote ich 
einer ere von iu; vgl. Altd. pred. 3,35,39 da si eines Zeichens von im 
muote. Formal ähnlich, aber anderer natur, ist der fall Iw. 5881 dö muot 



*) Ueber gleichartige coi uctionen bei wellen vgl. § 124. 



itUfiE- #NI) RICHTUltGSCÖNSTRüCTIONEN. 387 

in mittem swerte der iruhsceze, als er gerte, von stnen hruodem zwein, wo 
man es mit ganz anderem muoten und anderem von (= 'abseits von') zu 
tun hat; vgl. Beneckes anm. 

Für muoten an mit acc. wie mit dat. bieten die angezogenen mhd. 
texte keinerlei belege; ygl. aber z. b. Walth. 110,22. 

Hierher gehört Gottf r. Trist. 6130 st et an gote gemuothaft und 7230 
der was niwan an siner kraft tmd niht an gote gemuothaft. Ohne präp. 
begegnet das wort noch Trist. 13101; Hartm. und Wo 1fr. verraten keine 
kenntnis von dem adj.; auch sonst ist es nicht anzutreffen, und wol, wie 
Bechstein vermutet, eine neubildung Gottfrieds, dem sie sein schüler 
Eonrad von Würzburg ablauscht (zweimal im Troj. krieg, vgl. Lexer). 
muoten an c. acc. setzt voraus Gudr. 435,1 wir haben eines dinges, her 
känic, an iuch muot. In anderer wendung, nämlich absolut, einen zustand 
bezeichnend, einmal bei Wolfr. Wh. 257,27 zem marcräven hän ich muot, 
muot haben begegnet im Nib.-l. relativ sehr häufig (vgl. Lttbben, Wb.' 
s. 122), aber ohne anreihung der mitteilenden person, ein einziges mal da- 
gegen muoten (2278, 1; 3, 2 ist gewis in muote zu lesen), das in der Gudr. 
nicht selten ist, stet« aber ohne präpositionalbestimmung. 

Die Alt d. p red. 3, 188, 10 swes ir da zim gemuot rehtes wnde guotes 
erscheinende wendung ist in den behandelten poetischen denkmälem nicht 
zu treffen. Vgl. aber unser ich mute einem etwas zu. Zu den oben an- 
geführten fällen von gern, wo das subject ortsveränderung anstrebt, wäre 
hier zu stellen Gudr. 991, 4 ja muote ich aUer tegeliche hinnen. 

Im ganzen ist muoten also Hartm. und Gottfr. recht 
wenig geläufig, ob es Wolfr. überhaupt kennt, bezweifle ich, 
wage aber keine sichere behauptung; gewis gebraucht er es 
aber nicht mit präposit. ausdrücken verbunden. Hartmann, 
der es im Er. noch öfters verwendet, meidet es im Iw. gänz- 
lich: und doch war so oft gelegenheit den ausdruck anzubringen 
(vgl. die mehr als dreissig belege zu gern in Beneckes Wb.); 
auch für den reim war das verb ja nicht spröde. 

§ 18. Ist das besprochene muoten heute ziemlich erloschen 
(vgl. zumuten)^ so gewann andrerseits das bei Hartm., Wolfr. 
und Gottfr. noch sehr seltene vordem eine recht breite ge- 
brauchssphäre; wo es auftaucht, zeigt es ganz die constructions- 
weise seines concurrenten gern. 

Die stellen, die in betracht kommen, sind: Gottfr. Trist. 5878 uy^ 
vorderte von Marke mit kampflichen handen den zins von beiden landen, 
— Hartm. 1. Büchl. 1480 und wtsen sin, den vordert mir noch niemen 
zuo, die trennbare verbalcomposition (vgl. zumuten), — Nib. und Gudr. 
verwenden vordem gar nicht. — Vgl. in prosa: Altd. pred. 3,37,34 nu 
du daz her ze mir vorderste 169,30 den graif er an unde vordert sin gelt 
an den vil unscone\ 202, 38 den scatz den du hie ze mir vnder vordest C^aat 



388 WIESSNER 

ganz ebenso 203, 8) : dies hie ze mir und das obige her ze mir zeigt zugleich 
schlagend den in diesem fall zwischen ruhe- und richtungsauffassung 
schwankenden gebrauch von ze. 

Ueber nhd. fordern vgl. DWb. 3, 1892: ^es heisst von einem, 
0u einem, an einen fordern^ worauf für das erste kein beleg 
folgt, weil gewöhnlich, für das zweite nur ein mhd., für das 
dritte melirere nhd. Ich gebe aus eigener gelegentlicher lec- 
türe: Goethe (Stella) 11, 185, 1 Was habt ihr an mich zu fordern? 
und (Tasso) 10,221,2867 wie sehr ich ganz vergessen, dass ich 
eigentlich an ihn (vgl. laa.) zu fordern hätte, — Ueber erfordern 
an c. acc. im alt. nhd. vgl. Kehrein, Gr. 3, § 230. 

§ 19. ruochen, geruochen in der bedeutung 'verlangen' 
uns abhanden gekommen, ist auch bei den drei höfischen epikern 
nicht häufig. 

Hartm. gebraucht dabei von einem: 1. Büchl. 195 wes si von mir 
geruochte-, Iw. 522 ob du iht von mir geruochest, daz ist allez getan; 5442 
. . , al die ere der er von in geruochte (= 'erwartete'). — Aehnlich Wo 1fr. 
P. 115, 25 swer des von mir geruoche, dem zels ze keinem buoche. Anders 
aber Wh. 337,6 swes dan dm wille ruochet an mich mit lehfie oder mit 
gebe, des wart üf mich . . . , wo die hss. stark schwanken (An [ane K] mich 
JKJopt, Vff mich z, Gein mier mn). 

§ 20. Was übrigens die concurrenz im ausdruck des all 
diesen verben zu gründe liegenden begriff s betrifft, so soll 
nicht unerwähnt bleiben, dass das unserer schrift- und Umgangs- 
sprache vielleicht willkommenste wort dafür, verlangen, nicht 
nur den drei höfischen epikern und Nib.-l. und Gudr., sondern 
dem mhd. Sprachgebrauch, so weit ihn literarische denkmäler 
reflectieren, überhaupt sehr fremd ist: wenigstens steht im Mhd. 
wb. 1, 934 b ein einziger beleg dafür. 

Bei Gottfr. vgl. Trist. 18608 nu belangete in vil sere hin wider in 
die künde : ebenso nhd. mich verlangt irgendwohin, angestrebte ortsverände- 
rung des subjects (vgl. oben unter gern s. 885). Ueber die concurrenz- 
verhältnisse gegenüber synonymen schweigt das DWb., ebenso über die 
art der anreihung der person, an die sich die verbaltätigkeit richtet; 
durchaus regulär ist wol von. 

§21. ei sehen, das speciell Wolfr. gerne gebraucht, con- 
struiert er einmal mit von: 

Parz. 126, 19 Der knappe . . . iesch von der muoter dicke ein pfert, 
also ganz wie nhd. heischen, das freilich nur noch in gehobener rede vor- 
kommt. Vgl. aber Altd. pred. 3,170,12 daz er diu da wider an im 
QLiskete. Im ahd. 1 fr. 4, 16, 44 er eischota avur sar tho zi in, wenan si^ 



RUHE- UND RICHTUNGSCONSTRÜCTIONEN. 389 

thar suahtin, allerdings in der bedeutung 'fragen'. Ueber eiscon zi bei 
Notker s. Graff, Ahd. präp. s. 254. — Zu Parz. 471, 7 oh man ir kint eischet 
dar (== 'zum gral') vgl. 454,30, s.385. — Bei Gottfr. erscheint eischen 
selten (12642. 13736), bei Hartm. meines Wissens gar nicht, ebensowenig 
im Nib.-l., in der Gudr. selten (295,1: das. 145, 1 ist iesch conjectur). 

Vereinzelt gebraucht Hartm. einmal gesinnen an c. acc. 
im sinne von ^zumuten, verlangen'. 

1. Btichl. 1840 fr02ve, durch daz so behalt, als ich an dich gesinne, an 
mir dm tugent manecvalt, wofür ich bei ihm selber, Gottfr. und Wo 1fr. 
keine parallelstelle auftreiben kann. 

Ebenso steht merkwürdig bei Wo 1fr. Wh. 222,8 mit deheinen dingen 
mohter (sc. Teiramer) si (sc. Gyhurc) des überlisten, sine wolte Oransche 
fristen, und ir lip unde ir kranken diet, unz an in der von ir schiet nach 
helfe an den roßmschen vogt vereinzelt da: ich reihe den fall hier an, weil 
ich an d. r. v. ursprünglich brachylogisch verstanden hatte, d.h. mit der 
annähme, Wo 1fr. habe dabei ein gern oder suochen im sinne gehabt. Dem 
ist aber kaum so. Mhd. scheiden construiert öfters, befremdlich für unser 
Sprachgefühl, auf die frage 'wohin'. Das Mhd. wb. 2,2,97b citiert unsere 
stelle freilich nicht; ähnlich ist aber Parz. 420, 28 do er von Wormz gein 
Hiunen schiet; noch näher stehen zwei stellen im Er., die das Wb. hier 
nicht verzeichnet : 9990 ouch schiet . . . der künec Guivreiz . . . engegen 
stnem riche und 9996 nü schieden si sich u/nder in . . . Guivreiz gegen Ir- 
lant, Erec gegen Kamant, Dass die Wh.-steUe so zu verstehen ist, wird 
noch einleuchtender, wenn man Trist. 16655 f. vergleicht: sin gesinde bat 
er got bewarn und hiez si wider ze lande varn an stnen vater Büälen. 

Verba des erwerbens, gewinnens u. ä. 

§ 22. Wie die verba, die ein begehren, verlangen, fordern 
u. ä. bezeichnen, also einen willensact oder eine willensdispo- 
sition, ^erreichen, erwerben, gewinnen wollen', bes. hinsichtlich 
der anreihung der person, an welche die verbaltätigkeit ge- 
richtet ist, bemerkensw^erte differenzen zwischen mhd. und nhd. 
Sprachgebrauch aufzuweisen haben: so auch eine andere, sinn- 
verwante gruppe von verben, nämlich diejenigen, welche das 
durchsetzen solcher Willensbestrebungen, ein erwerben, gewinnen 
u. ä. ausdrücken. 

§ 23. Zwischen beiden gruppen schwankt als Übergangs- 
glied mhd. werben, eine Proteusgestalt, schwierig in hinsieht 
der bedeutungsanalyse, weil heute das verb, nach völligem Ver- 
lust der einstigen geschmeidigkeit, in einigen recht prägnanten 
fassungen erstarrt ist. Einerseits nßigt es zu den verbis postu- 
landi, andrerseits ist es öfters fast verbum efficiendi, ja manch- 



390 WI£SSN£B 

mal sogar nuntiandi. Der entsprechende artikel im Mhd. wb. 
(3,722 a) ist reich ausgestattet und bringt auch die mehrzahl 
der hier anzuführenden stellen aus dem abgegrenzten gebiete. 
Mhd. werben erscheint nun, in mannigfachen bedeutungs- 
schattierungen, mit ziel- bez. richtungsangaben verbunden, die 
uns vom nhd. Standpunkte aus befremdlich vorkommen, da wir 
gewöhnt sind, es allgemein mit 'betreiben, ins werk setzen' 
zu paraphrasieren. Weit weniger seltsam stellen sich aber 
solche constructionen dar, wenn man die etymologische her- 
kunft des verbums fest im äuge behält (vgl. den ausdrück- 
lichen hinweis im Mhd. wb. 3, 722 a, 201): 'sich um eine achse 
drehen (wtrbeT) — und so fortbewegen' (? vgl. wirbeln, got. har- 
bön^) = wandeln, gehen): diese sinnliche kraft ist im mhd. 
werben weitaus nicht so verblasst wie im heutigen; vgl. nur 
Wolfr. Tit. 68, 3 nu sich wie minne üz fröude in sorge werbe 
'sich verwandelt'. 

Bei den nun zu erürteraden richtungaconstructionen von werben 
kommt Wolfr. fast allein in frage. Er gebraucht w, an c. acc. der person, 
in der bedeutung recht nahe der gleichen gebrauchsweise von gern: Parz. 
266, 1 da wart der fürste schiere hedtcungen swes man an in warp (D an 
im); 539,21 Gäwän ivarp Sicherheit an in] 539,29 mit rede warb erz an 
in so ; Wh. 269, 11 daz er genade wurb an sie. *) 

Auch werben gein einem verwendet Wolfr. öfters: Parz. 345,15 dö 
leiste der fürste Lyppaut al daz sin herre der künec Schaut an tödes legere 
gein im tcarp ; Wh. 184, 10 al die dwh mich in räche sint umbe Vivianzes 
sterben, die läz ich gein mir werben u. s. w., 273, 6 gein dir ich werben m,uoz 
'ich habe eine bitte an dich'. Vgl. auch Wh. 222,1 Terramer der warp 
also, Mute vlehen, morgen drö, gein stner lieben tohter. 

werben ze einem erscheint bei Wolfr. im Parz. dreimal kurz hinter- 
einander: 650,29 ... Gäwäns klage und sin werben, döne liez och mkt 
verderben der knappe zal den frouwen warp dar an sin kunst niht ver- 
darp^): w. ist natürlich nicht absolut zu fassen; das object liegt im satze 
mit dar an etc.; der fall ist also ganz parallel dem folgenden: 651,2 Artus 
warp herzevdiche zer messente dise vart (* betrieb, suchte durchzusetzen 
bei'); 651,5 Ghjnover diu kurteise warp zen frouwen dise stolzen reise. 



^) Zu kairban-j in gleicher bedeutungsfunction as. hwerban, ags. 
hweorfan. 

2) lieber werben an mit acc. im alt. nhd. vgl. Kehrein, Gr. 3, § 230. 

3) Dasselbe spiel mit den beiden verben in zwei aufeinander folgenden 
reimpaaren und zwar in verschiedener form bei Hartm. Iw. 3815 f. dajss 
umbe den würben von deme st niht verdürben, dan si sich den liezen er- 
werben von deme si müesen verderben. 



RÜHE- UND RICHTUNGSCONSTRÜCTIONEN. 891 

Und einmal später Parz. 795, 9 hie si riter oder magt, werbet mir da zin 
den tot: dieser fall scheint wegen des begleitenden da für ruheanffassung 
in der phrase zu sprechen. 

Bei Hartm. und Gott fr., wie in den beiden volksepen findet sich 
keine der drei genannten constructionen von werben, trotzdem das wort 
allenthalben recht geläufig ist. Auf die unsinnlichen constructionen w. 
nach oder umbe, beide mhd. sehr gebräuchlich, näher eiiizugehen, ist hier 
keine Veranlassung. 

Auffallend ist Nib.-l. 105, 3 mich vnmdert diser moere, . . . von wanne 
ir, edel Sifrit, sit Jcomen in ditze lant, oder waz ir wellet werben, ze Wormz 
an den Bin. Piper erklärt in der anm. ^ze W, an d, B. hängt in der con- 
struction von dem verb der bewegung komen ab, so dass der satz mit oder 
wie ein parenthetischer Zwischensatz erscheint'. Das ist Lachmanns auf- 
fassung, wie seine interpunction zeigt. Der grund, warum er dem nächst- 
gelegenen (d.i. V. 3 als ^inen satz zu fassen) aus dem wege gieng, liegt 
auf der band: die seltsame richtungsangabe bei werben. Sie ist aber tat- 
Sache: vgl. bei Wo 1fr. P. 51,20 teil min her KyUifja^cac inz her werben 
als t'n bite, wo der moderne Deutsche das verb der bewegung vermisst, 
annähme einer ellipse desselben aber den geist der alten spräche vergewal- 
tigte {w, steht hier übrigens sehr prägnant, * eine botschaft ausrichten', zur 
gruppe der verba nuntiandi neigend); so ist also auch die stelle Nib. 105, 3 
zu verstehen und in der tat Mhd. wb. 3,723 b. 37 f. und von Bartsch (inter- 
punction) so verstanden worden.*) 

Die Gudr. 604,3 er enweste waz si wv/rben in dem sinem lande ge- 
braucht im gleichen falle construction der ruhe. Ebenso Wo 1fr. P. 625, 11 
daz er des niemen da gewüege noch anderswä, wan da erz werben solte; 
und bei Gottfr. Trist. 8531 daz min her Tristan ... iuwer boteschaft da 
werben wil\ 9484 wä bistu her Jcomen od toie oder waz mrbestu hie? 

Nib. 53,3 ich entmirbe dar min herze gröze liebe hat: Mhd. wb. dar 
= da dar] das localadverb steht hier wie mhd. so oft in Vertretung einer 
person: 'um eine solche frau, zu der'. Vereinzelt scheint Nib. 2266,2 me 
habt ir so geworben, Günther, hünic rieh, wider mich eilenden? Ganz 
synonym tuon. Merkwürdig Gudr. 1259,3 werben, swie tvir kimnen, über 
unser vromcen, E. Martin (grosse ausgäbe, Halle 1872, anm.) und J. Grimm, 
Gr. 4*, 1014, unter dem strich) stehen der stelle ratlos gegenüber, über w. 
vr, zu hüMnen zu ziehen, wie letzterer andeutet, geht absolut nicht an. 

§ 24. erwerben. Wird werben == 'etwas bei, von jemand 
erreiclien wollen' mit dem präfix er- versehen, das in der verbal- 
composition auch sonst deutlich perfective, ja resultative kraft 
hat (durch die handlung des verbs zu einem resultat gelangen), 
so bedeutet dies compositum die Verwirklichung der durch 



*) Die gleiche ansieht vertrat R. Heinzel in seiner Nibelungenvorlesung 
im Wintersemester 1896/97. 



392 WIESSNER 

werben ausgedrückten absieht: zum ziele des werhens gelangen, 
erlangen. 

Hartm. gebraucht erwerben in einer reihe von stellen, ohne aber je 
die person anzureihen, von der (bei der) etwas erworben wird. Greg. 1469 
mi wil ich dir für war verpflegen daz ich dir nu erwirbe, swenn ich dar- 
nach (Zwierzina, Zs. fda. 37, 413) erstirhe, umh unser samenunge, alte unde 
junge, daz si dich Clement ze herren, eine unsinnliche construction, ist bei 
Hartm. vereinzelt. — Ebenso kennt Gott fr. das verb, verbindet es aber 
auch nicht mit angäbe der mitteilenden person. — Im gegensatz zu beiden 
ist dies öfters bei Wolf r. der fall. erv). von einem verwendet er allerdings 
höchst selten: ich kann nur Parz. 277, 1 Keie erwarp dö niwen haz, von 
rittern, frouwen dafür beibringen. Häufiger an einem : Parz 156, 13 . . . prises 
des erwarp sin hant an dem von Kuhümerlant] 445, 11 . . . den gewin den 
er encarp an Farziväl; 540,18 bistujz Gringuljeie? daz Urjäns mit valscher 
bete, er weiz lool icie, an mir retvarp ; 545, 14 daz (sc. das runzit) erwarb 
an mir sin strit-, 652,21 der knappe dan mit freuden reit, wand er an 
Artuse (da ze artuse Ggg) erwarp da von sins herren sorge erstarp ; 674, 13 
ich erwirb wol an der herzogtn. 

Während also unser heutiger Sprachgebrauch es liebt, bei 
den verben des erwerbens, gewinnens u. ä. die richtung vom 
object (persönl.) auf das subject, vom mitteilenden zum em- 
pfangenden zu betonen, construiert Wolframs spräche die 
mitteilende person auf die frage ^wo' als den ort, an dem die 
handlung des verbs statthat. Fremd ist uns diese auffassung 
auch nicht; vgl. hei dem ist nichts zu holen, verdienen u.s.w., 
etwas hei jemand durchsetzen, erreichen. Gerade erwerhen 
scheint aber nur die construction mit von zu vertragen; das 
DWb. und Heynes Wb. geben darüber keine auskunft. i) 

Wh. 203,20 die erwarp min hant mit eime sige an dem hünec von 
Persiä habe ich vorsichtshalber aus den angeführten beispielen ausgeschieden: 
an d. k. könnte nach mhd. Sprachgebrauch (sigen, sige nemen an einem) 



*) Es wäre misslich und auch müssig, zu erörtern, welche von beiden 
gebrauchsweisen das prädicat 'anschaulicher' verdient. Der vorstellungs- 
gehalt, der sich mit jeder von ihnen verbindet, ist und war gewis nach 
anläge und entwicklung der Individuen, ja nach Stimmung und laune des 
einzelnen bedeutenden Schwankungen unterworfen. Unser etwas erwerben 
von einem ist unzweifelhaft für die meisten ein eingefahrenes geleise, er- 
starrte redewendung. Während der eine die richtung, den weg des erwor- 
benen objects von der mitteilenden person zu ihm durchfühlt, scheint dem 
andern von völlig unsinnlich, d.h. causal. Dass aber solche und ähnliche 
phrasen ihre entstehung einer mindestens einmal vorhandenen klaren an- 
schauung verdanken müssen, deren sprachlicher ausdruck zur formel er- 
starrte, kann nicht bezweifelt werden. 



Rühe- und richtungsconstrüctionen. 393 

vielleicht auch von sige ahhängen. Hierher würde noch Wh. 124,22 min 
bruoder ungemach genuoc het an unsich erworben gehören, wenn Panzers 
Vorschlag (Beitr. 21, 232), die la. an v/ns in den text zn setzen, zn recht 
bestünde. C. Kraus hat aber (Beitr. 21, 550 f.) Lachmanns textgeiftaltung 
erfolgreich in schütz genommen. Panzers Übersetzung von an unsich Q ohne 
dass wir ihn dagegen schützten ') verfehlt gewis den sinn der stelle. Kraus 
übersetzt: * abgesehen von uns (d.i. den dreizehn seines geschlechts, mit 
denen Amalt sich identificiert)'. Liegt nicht eine andere auffassung des 
an unsich näher: 'ohne unser zutun', d.h. ohne dass wir ihm auch noch 
ungemach zufügen (wofür die andern, seine feinde, schon genügend gesorgt 
haben) ? Vgl. Parz. 182, 22 sit ir vtenüiche her komen, herre, deist an not 
an iuch man uns vil hazzens pöt. 

Dieses bei Hartm. und Gott fr. ungebräuchliche erwerben an einem 
findet sich, wie bei Wo 1fr., in den beiden volksepen: Nib. 213,2 den 
sie gedäht erwerben der helt von Niderlant an den küenen Sahsen ist aller- 
dings kein ganz sicheres beispiel (vgl. das oben zu Wh. 203, 20 gesagte); 
wol aber Gudr. 434,3 an dem uns unser mäge erworben habent hulde; 
1369, 3 die wein an uns erwerben mit strite michel ere. 

Vgl. Altd. pred. 3,140,16 unde im mit sime scaden friuntscaft da 
zim (1. zin mit beziehung auf das vorhergehende an sinen luten) er- 
worven hete. 

§ 25. Als concurrent von erwerben ist bei jedem der drei 
meister das der heutigen spräche verlorene iejagen (nebst 
dem subst. iejac) in gebrauch. 

Wolfr. construiert es, genau so wie erwerben, mit an c. dat. der 
person: Lieder 7,4 der u/nverzagte an ir bejagte daz sorge in ftöch; 7,32 
und ein liebez ende an dir bejagen; Parz. 302, 23 waz möht ich prtss an 
iu bejagen? 510,29 den gewin^ den ir mit minne an mir bejagt ] 587,2 nu 
weit ir pris an im bejagen] 615,6 ir megt wol zandem ziten diens Ion an 
mir bejagen; 692,27 waz prtss möht ich an dir bejagen] 745, 1 Waz prtss 
bejagete ich dawne an dir? Wh. 241,22 niht anderr urbor moht er haben 
wan als der u/nverzagte an den vinden bejagte] 331,15 mac min hant da 
pris an den Sarrazin bejagen. Im ganzen also sogar etwas häufiger als 
erwerben an einem. 

Einmal gebraucht Wolfr. auch bej. von einem: Wh. 370,12 da von 
si bejageten ze beder sit noch flüste mir u/nd aber niwe herzeser von den 
diez tuon getorsten. 

Hartm., der bejagen, bes. im Er., sehr gern verwendet, zeigt die 
phrase bej. an einem nur Er. 4307 und hete . . . den pris an manegem man 
bejagetj Gottfr. hat sie gar nicht, trotzdem auch er das verbum kennt. 
Also ganz ähnliche Verhältnisse wie bei erwerben (vgl. s. 392). 

Auch Nib. (A) und Gudr. weisen hier keine ähnlichen constructionen 
auf; im Nib.-l. ist das wort sehr selten (vgl. 30,2 und 168,2), in der 
Gudr. fehlt es ganz. Vgl. aber Nib. 429,6 so mac diu küneginne lücel 
iht bejagen an dir deheines ruomes. 



894 WIESSNEB 

§ 26. In dieselbe gruppe wie erwerben, bejagen ist nach 
bedeutung und construction gewinnen einzureihen. Betreffe 
der bedeutungssphäre des Wortes ist zu betonen, was das Mhd. 
wb. 3, 709b, 1 mit 'gelange zu etwas überhaupt' nur leicht an- 
deutet, dass sie mhd. viel umfassender ist als gegenwärtig. 
Mhd. gewinnen ist nämlich, entgegen seiner etymologischen 
gestalt, indifferenter natur, in gutem oder üblem sinne ver- 
wendbar (vgl. Paul, Wb. s. 182). Nhd. ist gewinnen, ganz in 
der richtung der etymolog. herkunft, wider prägnanter gef asst 
und nur im guten sinne verwendbar (gegensatz verlieren). 

Wider sei zunächst erörtert, wie die person angereiht 
wird, 'von der' (so der reguläre nhd. Sprachgebrauch) man 
etwas gewinnt. 

Hartm. constmiert hier recht oft ganz dem nhd. entsprechend gew, 
von einem : 1. Büchl. 1291 daz er si gewinne von dem mit schcmem sinne, 
der si in sime gewalte hat; Er. 137 ichn gereche mich an disem man von 
des gettcerge ich mal gewan; 2709 sin gnöz des tages manec man der von 
im da vil gewan; 6742 ouch vorhte er in dem lande schaden unde schände 
von dem lantvolke gewinnen; 6755 des wenigen man von dem er die wimden 
gwan; 8385 ouch ist mir masre geseit daz hie ein aventiwre hi mit starkem 
gewinne si von einem guoten Jcnehte, das sahst, in gleicher gehrauchsweise. 
Vgl. auch Er. 815 st liezen zsamen strichen also JcreftecUchen so st meiste 
von ir sirmen uz den rossen mohten gewirmen. Greg. 3992 der gert dar an 
gewirmen , . . ze löne von iu allen (nach Zwierzina Zs. fda. 37, 415). Iw. 5732 
so ma^ st mit minnen vil wol von mir gewinnen swaz si des mines ruochet; 
7453 ich vürhte lauster ode den tot von iu gewinnen morgen. 

Hartm. gebraucht auch gewiwnen an einem ^): Er. 8031 . . . ein man, 
an dem si ze gewinne stät; Iw. 1607 daz diu Minne nie gewan groezem 
gwalt an keinem man (c vher)\ der faU ist zweideutig; an k. m. könnte 
nach mhd. Sprachgebrauch auch von gewalt abhängen, vgl. Mhd. wb. 3, 475a, 
z. b. Trist. 10357 ich mac wol disen gewalt an minem vtnde üeben. Oder 
belege, die ich gelegentlich sammelte: 1. Büchl. 46 wan des gewaltes ist so 
vil des dir an mir verläzen ist (dagegen 1. Büchl. 527 wcer ich gewaltic 
über dich so du bist über mich wie nhd.); oder Eeinmar MF. 152, 17 
daz ich deheinen den gewalt an minem lieben friunde hän; noch näher 
Parz. 649, 16 ob triwe an mir gewan ie kraft. So verstand unsere stelle 
der Schreiber von c; seiner spräche (ende des 15.jh.'s) war wol gewalt an 
einem gew. schon fremd; er setzt dafür das uns heute allein mögliche über 
ein. Selbstverständlich ist mit der auffassung eines Schreibers nichts be- 
wiesen: der fall ist nur nicht sicher. 

JedesfaUs ist die genannte construction Hartm. sehr wenig geläufig 

^) Vgl. Hildebrandslied doh mäht du nu aoälihho, ibu dir dtn eUen 
taue, in sus heremo man hrusti giwinna/n. 



RÜHE- UND BICHTÜNÖSCONSTRUCTIONEN. 395 

und im nhd. nicht mehr verwendhar. Ganz anderer natnr sind phrasen 
wie er hat an ihm einen tretien freund gewonnen (= indem er ihn gewann, 
gewann er einen tr. fr.). Vgl. Gottfr. Trist. 9294 em gemnnet niemer 
wip noch frouwen an Isöte; ebenso Wo 1fr. Wh. 65,16. 325,10. Ist da- 
gegen die mitteilende und die gewonnene persönlichkeit nicht dieselbe, so 
klingt uns die phrase undeutsch, z. b. er gevnnnt die braut an den eitern. 

Wegen der concurrenzverhältnisse sind auch die trenn- 
baren Verbalcompositionen einem ein dinc an oder ahe gewinnen 
nicht zu übersehen, angewinnen ist heute so ungebräuchlich 
wie gewinnen an, wol aber macht abgewinnen dem gewinnen 
von beträchtliche concurrenz. Ueber angewinnen mit dativ im 
älteren nhd. vgl. Kehrein, Gr. 3, § 204; das DWb. 1, 352 f. gibt 
auch meist frühnhd. belege. Etwas naiv klingt die mahnung 
*doch sollte das gute, kräftige wort, gleich angesiegen, wider 
in gebrauch kommen'. 

Hartm. verwendet einerseits ahe getc: Greg. 574 mit bete gewiwnet 
uns abe daz wir der vrouwen hulde swern] 913 er gewan ir ahe die besten 
stete und ir (nach Zwierzina a.a.O. s. 412) vesten; Iw. 2608 ich enger niht 
iuwer habe, zehn gewinne ius anders abe; 2886 und gwinnet mit minnen 
der hüneginne ein urloup abe; — andrerseits an gew. Er. 3401 Also dö 
der eine man den ßmven sige an gewan; Greg. 3026 sin wip im enkunde 
. . . daz niht an gewinnen; Iw. 2545 em beschirmte sinen brunnen, er um/rd 
im an gewunnen; 5368 dochn mohten si ime dehein ere vürnames an ge- 
winnen. 

Gottfr. verwendet selten gewinnen von: Trist. 1774 und swer von 
wibe ie muot gewan oder iemer wil gewinnen. Viel umstritten ist 5626 er 
(sc. Tristan) was von dem herr' unde man, von dem sin vater nie niht 
gewan: am nächstliegenden scheint es ja, mit Bechstein (anm. in der 3. aufl.) 
von dem auf Morgan (bei Bechstein verdruckt Morolt) zu beziehen;*) der 
sinn ist aber kein glücklicher. Das richtige scheint mir J. Kottenkamp, 
Germ. 26, 396 zu treffen, der von dem auf Tristan selbst bezieht: die stelle 
ist scherzhaft gemeint, der 'belehnungsact' in diesem besonderen falle eine 
parodie auf die gewöhnliche Situation, unsere stelle nur eine weitere aus- 
führung des schon 5622 f. hie mite was Tristande stn lehen und sin sunder- 
lant verlihen uz stn selbes hant begonnenen bildes. Sonst verwendet 
Gottfr. in dieser phrase nur trennbare verbalcomposition , und zwar ver- 
einzelt abe-gewinnen. Trist. 6248 er wände im abe gewinnen etc., häufiger 
ane-gewinnen. Trist. 6924 biz er'm mit siegen an gewan; 7596 sus gewan 
ich in mit ncßten an diz selbe Meine schiff elin; 13895 das si dem einvalten 
man sinen ztoivel allen ane gewan; 14010 biz daz sim lösende ane gewan 
beidiu zwivel unde zom; 14226 biz daz sim aber an gewan, daz er etc.; 
— geio. an einem kennt Gottfrieds spräche nicht. 



*) Anders, kaum treffend, H. Paul, Germ. 17, 396. 



396 WIESSNER 

Anders Wo 1fr.; er setzt oft gew, von einem, wie wir heute: Parz. 
97, 29 wan daz ich schilt von ir gewan, ez wcer noch anders ungetan; 272, 23 
Sit si gewan zom an ir schtdt von liebem man; 292,6 wan der nie tröst 
von tu gewan; 297, 15 vil hazzes er von in gewan; 331, 13 koem imer in sölhe 
not sin lant als ez von Clamide geican. — Wh. 47, 20 dien westen niht 
von wem gewan Terramer so grözen schaden; 53,27 bt dem tage gröz un- 
gemach der marcgräve von den gewan; 85,2 den man von dem Ptnel den 
tot gewan; 209,25 und daz äne schtdde not sin eines lip von in gewan; 
254,30 teer mer üf Ali schanz gewan sin oide vonn getouften; 299,2 Daz 
wir von den heiden sölhiu phant gewinnen ; 419, 1 si heten grcezer ungemach, 
dise äht, von im getounnen. 

gewinnen an einem tritt, dagegen gehalten, auch hei Wolfr. stark 
zurück : Parz. 72, 12 und aMers manegen werdest man, an den (dativ plur., 
constr. ad sensum; Gdgg dem) er Sicherheit gewan; 577,15 wan einiu sol 
gewinnen an vier küneg innen daz potenhröt. Nicht gleichwertig ist Wh. 
7,20 denne almuosens dort gewan an sinem toten Heimrtch. 

Von den entsprechenden trennharen verhalcompositionen gehraucht 
Wolfr. ahe- gewinnen gar nicht, an- gewinnen recht selten: Lieder 4,37 
naht was ez dö mit druck an brüst din kus mim an gewan; Parz. 154, 15 
ouch min leben, möhtestu mirz an gewinnen; ehenso 419,30 swer dem sin 
leben an gewan. 

Wie drücken nun die beiden volksepen den gedanken * ich gewinne 
etwas von einem' aus? Vor allem so wie der heutige Sprachgebrauch: Nib. 
45, 4 von der (s. v. 2 ein schoeniu meit) er sit vil fröuden unde arebeit gewan; 
sonst finde ich (in A) keinen gleichen fall, wobei hoffentlich kein versehen 
untergelaufen ist. Vereinzelt auch Nib. 335, 2 die kappen . . . die der helt 
küene ... gewan ab eime getwerge. — Spärlich auch in der Gudr.: 89,2 
des er von den grifen gröze not gewan; 666, 2 da von er gewan von un- 
künden recken michel arbeite. 

gew. an einem in gleicher bedeutung erscheint im Nib.-l. und der 
Gudr. gar nicht. Nib. 2226,3 sin aller grcestiu not, die er da het ge- 
wunnen an mag und och an man ist anders zu fassen: die magen und 
mannen sind (durch ihren tod) gegenständ seines (i. e. Hagens) Schmerzes; 
die mitteilende person (die feinde) ist hier sprachlich nicht ausgedrückt. 

Von den beiden trennbaren verhalcompositionen ist abe-gew. (einem) 
im Nib.-l. und in der Gudr. so wenig zu belegen als bei Wolfr.; an- 
gew. (einem) ist recht geläufig: Nib. 98,3 da er die tarnkappe sit Albrtche 
an gewan; 326,3 der muose ... driu spil an gewinnen der vrowen wol 
geborn; 442, 15 dö der vogt von Bine diu spil iu an gewan; 662, 8 hey waz 
im ungelücke sit der vriunde an gewan; 783,4 der dir den magetuom an 
gewan; 1048,3 ob wirn (sc. den bort) ir an gewinnen (B); 1571,4 dem von 
Troneje Hagne ein starkez wäfen an gewan ; 2241, 2 dem der küene Hilde- 
brant sin leben an gewan. — Gudr. 223,4 der im eine bu/rc an gewinne; 
942, 4 swaz halt die vtnde . . . uns mugen an getvinnen. 

Vgl. in prosa Altd. pred. 3,210,40 dem gewunnen idoch vil bosiu 
wip Wide vil ubeliu wip sin vil heiligen lip ane. 



llÜHE- UND ftiCHTüNGSCONSTRUCTIONEN. 397 

Nicht zu finden ist in den hier angezogenen texten eine construction, 
die Walther im gleichen sinne gebraucht: 111,36 swer küssen hie ze mir 
gewinnen wil, der werbe ah ez mit fuoge und dne spil: deutlich ruheauffassung 
(hie) und ganz parallel z. b. 86, 9 daz hat ir mir an geivunnen mit dem 
iutvern minnecUchen lobe. 

Dass diese constructionen von gewinnen mit anreihung 
der mitteilenden person bei Hartm. z. b. so viel häufiger auf- 
treten als bei Wolfr., trotzdem gegen c. 26000 verse des ersteren 
c. 39000 des letzteren in betracht kommen, erklärt sich leicht 
angesichts der concurrierenden gebrauchsweisen von erwerben, 
hejagen, hemln, die in Wolframs spräche ungleich mehr lebendig 
sind als in der Hartmanns. 

§ 27. Unerörtert blieb bisher eine hier einzureihende 
phrase von gewinnen, nämlich hint gewinnen ht einer, 
einem (von der mutter, wie vom vater gebraucht), und zwar 
deshalb, weil die ruhebestimmung dabei fest gewahrt bleibt, 
ohne die sonstigen Schwankungen in der constructionsweise 
des verbums mitzumachen. Die geringe anzahl der belege 
begreift sich aus der bedeutung der phrase. getvinnen er- 
scheint nhd. in keiner derartigen Verbindung mehr, in ähn- 
lichen Wendungen ist uns aber durchaus von geläufig: vgl. 
kinder belcommen, haben von jemand, ebenso Trist. 18705 einen 
sun und eine tohter hcef er von stnem wtbe. Zur erklärung 
der mhd. phrase ist wol U ligen heranzuziehen: beides sind 
Wendungen aus dem sexuellen leben; ich halte es für nicht 
unwahrscheinlich, dass unter dem einfluss des geläufigen und 
anschaulichen bt ligen das minder verständliche leint gew, M 
entstanden ist. Ueber ähnliche phrasen im älteren nhd. vgl 
Kehrein, Gr. 3, § 245. 

Hartm. Greg. 181 des selben landes herre gewan bi sitiem wibe zwei 
1cint\ vgl. 399 alsiis wart st der selben naht swanger bt ir bruoder, — 
Wolfr. P. 455,21 bt der Gahmuret ein hint gewan\ vgl. Wh. 310, 11 des- 
war ich liez ouch minne dort . . . und schceniu kint, bi einem man, an dem 
ich niht geprüeven kan etc., brachylogisch. Wh. 386, 19 ein Mcerinne uz 
Jetakranc Josweiz bt im gebar. — Gottfr. und das Nib.-l. zeigen die 
phrase nicht. — Gudr. 573,1 Hilde ... zwei kindeltn gewan bi Hetelen 
dem künege, wie in der prosa auch ähnlich A 1 1 d. p r e d. 3, 57, 14 daz er 
eins erben bi der bechöme. 

Ganz parallel diesem kint gew. bi erscheint in der Gudr. speciell kint 
tragen bt einem = * schwanger (trächtig) sein von jemand', wobei tragen 
manchmal nicht mehr den zustand der Schwangerschaft (durativ), sondern 



898 wnes8N«fi 

den act der gebnrt (raoraentan-effectiv) kh bezeichnen Bcheint ') : G n d r. 22, 
81 btgutide M dem künege ein edel hhil tragen; 197,2 diu vromee bi dem 
reekeii truoc eine tohter gducne; 1253, 1 wä «ttit iuwer kinf, diu ir hl Hart' 
imwlett habet getragen sint ...; einmal auch im Nib.-I. G62, 1 Nm hett 
... bi Günther rf«M riehen emm gun gelragen Priinln'll diu »chame. 

Ueber tragen, mit imterdi'ückung des objects, von schwan- 
geren vgl, Heyne, Wb. 3, 1010. Ton tieren ist es in nnserem 
dialekt ganz üblich, also dieselbe specialisierung der bedeutung, 
wie einst bei bem. 

Mit obj.-acc. vgl. die stelle im Wh. 58,15 iV gunerien Sarrtuht, ob 
bediu hvitt tmde sirfn iuck Irüegen vtid da euo diu wlp «jw mauegen wer- 
litAen ttp, wo Tielleicht die iuterpunctiou von J. StMCh, Za. fda. 33, 127 sich 
empfiehlt: komma hinter icip, 'so das» sus ni. w. Up appoaition eq t«cA 
bildet'. 

§ 28. Schliesslich sind noch einige richtnngsconstrnctionen 
von gewinnen ganz anderer art als die besprochenen gebrauchs- 
weisen zu beachten, wo es sich um eine tatsächliche local- 
veränderung des gewonnenen objects handelt;') dem heutigen 
Sprachgebrauch ist gewinnen in dieser Verwendung schon völlig 
fremd. 

a) Richtungsangabe auf die frage 'woher': 

Hartm. Iw. 3199 von herzdeide gesehitdi im das dat er 
unde rersaz das mz (6m ringerlin nttmlicb) im ah der hani gewtm 
Uinlich Ijottfr. Trist 2942 die zimeren er abe getran rou dem Ude, <M 
dem »i tcai, wo geic. in TÖllig concreter bedeutung sieht (= 'herabnehmen'); 
'n olfr. bietet nichts dergleichen; !Nib. 319,4 GixeSier der junge von der 
reise in (sc. Siegfried) geiran gehört hierher, wo die richtangsangabe aller- 
dings in übertragenem sinne zu fassen ist, von der Sndemng der willens- 
richtnng des persOnliclien objects, 'brachte ihn ab von seinem entschltuse, 
abzureisen'. 

b) Viel häufiger nchtungsangabe auf die fi-age 'wohin': 
Hartm. Er,') 3878 mit lisle er mich ßrz lor gtu'an: 48ie als er dag 

TOS luo im geii-an, ganz concret; 7574 wit ers (st. Lanrente) /" «ftim gicait 
geuan 'in seilte gewalt bekam'; Oreg. 85S dö s! dtu lant zuo ir gewani 
2892 ein ranß von haberbröte wart im dar getetmnen; ebenso ^18 



I 



') tragen begegnet anch sonst in momentan -eüTectiTer tonctioQ =^1 
'bringen'; vgl z. b. Nib. 423,3 n» er danket sieh sä küene, s6 traget NtJ 
ir gewatit ; oder 1G39, 3 diu vroiee truoe in Ilagtien, er nam in an die hani','r 
oder Parz. 390,26. 

') Vgl. die parallele constmctionsvieiBe von gern n. I, s.3ä5. 

') Er. 1830 als er diu hiuäer eim gewan ist conjectnr für tu in : 
der bs. 



ttÜHE- I^D ÄtÖHTimaSCONSTRÜCTIONEN. 399 

ein böte wart gewtmnen dar (reim : ervar) nnd A. Heinr. 1463 do er st aUe 
dar gewan, beide mäge unde man; Iw. 6805 wie gar mtne sinne eins andern 
wtbes minne in ir gewalt gewtmnen hat. 

Auch widere gewinnen ist hierher zu ziehen: Greg. 2881 Do si in 
her widere gewan-, vgl. nhd. sein geld zurückgewinnen. — Ganz ebenso 
bei Wo 1fr. P. 112, 22 dö diu künigtn ... ir kiiidel wider zir gewan; 117, 20 
ir volc si gar für sich gewan: Bartsch *liess sie alle ihre leute vor sich 
kommen*; 439, 24 durch einen lieben man, des minne ich nie an mich gewan; 
580, 10 frowjoe, mtne sinne, die mir warn entrunnen, die habt ir getvunnen 
wider in min herze; 710, 12 der liebste man, den magt inz herze ie gewan; 
für uns recht auffallend Parz. 482, 27 wir gewunn des tieres herzen über 
des küneges smerzen, wo in nhd. Übersetzung zur Verdeutlichung der Ziel- 
angabe einschub eines verbs sinnlicher tätigkeit (z. b. * legen*) nötig wird. 

— Wh. 13, 18 und der pfalnzgräve Bertram, der nie zageheit genam under 
brüst inz herze sin, mit der la. gewan, Klop, die H. Paul (Beitr. 2, 326) in 
den text setzt; 415,12 er (sc. Rennewart) brach die dillen nach in dan, 
unz er si gar her für gewan. 

Spärlich fliessen die belege für diese constructionsweise in den beiden 
volksepen: Nib. 645,2 ir edel ingesinde vrou Kriemhilt zir gewan; 729,2 
alle sine recken der wirt zuo im gewan; 1068,4 daz si so manegen man 
in ir dienst gewünne ; 1191, 1 Bö hiez man dar gewinnen die Etzelen man. 

— Gudr. 1071,4 wie sie da nach gesünne, wie si ir lieben tohter üz Or- 
mantelande gewünne. 

Gott fr. Trist. 5905 ritter und särjande, die er mit stnem guote oder 
mit höfschlichem muote zuo z'ime gewinnen ktmde; 6628 Nu daz der lobe- 
beere, der genceme kindesche man, Tristan den schilt an sich gewan; 7042 
nu er den heim ze sich gewan; 7193 si besande ein kleinez zängeltn, da 
mite reichte st dar in unde gewan die scharten dan; 7598 sus gewan ich 
in mit noeten an diz selbe kleine schiffeltn und so vil sptse dar tn, daz ich 
ir hän biz her gelebet: zu dar tn ist natürlich gewan zu ergänzen 'da hinein' 
(vgl. 6758. 7346); 13411 nu er Isolde z'ime gewan; 16268 Tristan dö er 
daz hundeltn gewan in die gewalt stn. 

§ 29. In der bedeutung steht den genannten verben recht 
nahe holn, erholn; angaben des ausgangspunktes oder Zieles 
folgen dabei im allgemeinen ungefähr der gleichen auffassung 
wie nhd.; statt der ersteren oder vielmehr neben ihnen begegnet 
auch localconstruction auf die frage 'wo': vgl. ich hole etwas 
bei dir ah u. ä. 

Die betreffenden stellen bei Hartm. haben gegenüber dem heutigen 
Sprachgebrauch nichts auffallendes: Er. 5851 wcerent ir nu totse, ir holtent 
iuwer spise hie mit vollem munde; A. Heinr. 378 dö holte der arme Hein- 
rich tiefen süft von herzen; 475 manegen suft tiefen holte st von herzen. — 
Gott fr. kommt hier gar nicht in betracht. 

Um so mehr aber Wo 1fr., dessen spräche mannigfaltige variationeu 
in der constmction dieses verbs zeigt: 



400 WIESSNER 

a) Da« geholte object ist concreter natur: Parz. 604,27 sine holten 
hie durch hölien pris ab mime boume cUsus ein rts: hie allgemeine Orts- 
angabe, durch die folgende richtungsbestimmung präcisiert. Blosses hie 
147,7 wan holent sim hie sin goltvaz? Das ortsadverb könnte allerdings 
auch attributiv zum subst. goltvaz gehören 'sein goldgefäss hier' = das 
ich hier in der band halte. Parz. 277, 12 frou Jeschüte wart geholt üf vr 
pfärde wäre nhd. wol *von' gewöhnlicher. Fälle wie 471,9 man holt se 
(die kinder) in manegen landen; 552,16 mit einem pfeJlel, simder golt verre 
in heidemchaft geholt sind in wörtlicher widergabe nhd. möglich. Parz. 
686, 15 ein vingerUn . . . daz ir hruoder teert erkant holte über den Sabbins: 
zweideutig, über d. S. kann, woran man zunächst denkt, angäbe des zieles 
sein ; vgl. nhd. er holte sie ab ins theater u. ä. ; Wh. 286, 17 em hiez üf 
in niht salzes holn, oder Wb. 1, 702 b, 46 daz in der schifman über holte 
Flore 3516 S. ; es könnte über d. S. nach mhd. Sprachgebrauch aber auch im 
sinne von * jenseits' stehen (vgl. § 162), in welchem falle dann ruheconstruc- 
tion vorläge. Gedanklich passen beide auffassungen. 

b) Das geholte ist abstracter natur: Tit. 127,4 daz er den pris in 
mangen landen holt: Lachmann allerdings schreibt hielt, in den laa. hiet'i 
Wackemagel (und Bartsch) setzt holt ein ; J daz er den pris bezalte in 
landen vil\ der fall ist ziemlich sicher, immerhin aber einige reserve nötig, 
ebenso 128, 4 nu hol da zim die troesüichen fröud, unde er sorge über dich 
niht verhenge, wo in Lachmanns text wider halt steht; in den laa. vermutet 
er selber hoHj wie es das Mhd. wb. 1, 702 b (und Bartsch) auch einsetzt. 
J Nu hol (fiel oder hilf) daz im diu (din) troestUch freud iht ander sorgen 
über dich verhenge: daz offenbar als coiyunction gefasst — der Schreiber 
verlas däzim in dazim, daz im, musste daher unde im folgenden fallen 
lassen — im als dat. ethicus, wenn die zeile überhaupt einen sinn geben 
soll. Bartsch übersetzt 'und er möge verhindern, dass die sorge keine 
gewalt über dich hat': steht das im text? Der sinn unserer stelle ist: 
' schöpfe daraus (aus seinem, nämlich Schionatulanders rühm) frohe Zuversicht, 
und möge er (der prts) dir keinen kummer bringen', also fast adversativ. 

— Wh. 303, 6 nu denket, helde, ir habt gedolt in Francriche mangen pris : 
Wackernagels conjectur geholt war gegen alle hss. ; vgl. H. Paul, Beitr. 
2, 334; Panzer, Beitr. 21, 237 (hinweis auf Parz. 311, 30) und C. Kraus, Beitr. 
21, 559. Vgl. auch Wh. 94, 21 dazs an den zingelen riterschaft und hie zen 
porten müesen holn. 

Ebenso verwendet Wolfram das compositum erhöht mit sse, 
an einem: 

Parz. 742, 10 er was schumpfentiure ein gast, daz er se nie gedolte, 
doch si manger zim erholte, wo die Schreiber verlesen, ähnlich Tit. 128,4. 

— Wh. 231, 12 diu mir her nach die not klaget, als ir durh mich habt 
gedolt unt iwer dienst an mir reholt ; Parz. 342,23 hän ich sölhen pin mit 
unfuoge an iu erholt (Bartsch * habe ich solchen spott durch ungebürliches 
betragen euch gegenüber verdient'): Ggg an iuch, wahrscheinlich kein 
blosses verschreiben der accusativform statt der des dativs (die präpositional- 
formel kann nur vom verb abhängen, nicht vielleicht von unfuoge, wenn 



BUHE- UND RICHTUNGSCONSTRÜCTIONEN. 401 

man an die stelle Parz. 510, 1 Wie habt ir minne an mich erholt? erinnert. 
Eiclitung vom snbject auf das persönliche object, eine dem nhd. diametral 
entgegengesetzte auffassung (richtung vom persönlichen object anfs snbject), 
heute ganz unverständlich, aber auch mhd. vereinzelt. G hat mir, 

gein steht prägnant Parz. 759,6 gein wem erholt ir disen pin? *wem 
gegenüber, im kämpfe gegen wen'. 

Aus dem Nib.-l. ist hier nichts bemerkenswertes beizubringen; fälle 
wie N i b. 1490, 2 nu hol mich hie, verge und 2225, 4 si holten üz den helmen 
den heiz fliezenden bach, die einzigen, die in frage kommen, sind nhd. ganz 
gut wortgetreu widerzugeben. 

Sehr auffallend ist aber Gudr. 135,3 er (sc. Hagen) holte bi dem 
häre wol drizic in die ünde: Piper tibersetzt kurzweg *warf in die wogen', 
was der Zusammenhang verlangt. Aber Hagen steht auf dem schiffe. 
holn zu sagen wäre nur möglich, wenn er selber in den wellen sich be- 
fände und die gegner hineinzeiTte. holn mit Zielangabe, wenn dieses ziel 
und der Standpunkt des subjects nicht zusammenfallen, ist mhd. so un- 
erhört wie nhd. ; es ist daher R. Sprengers conjectur boln (Zu Kudrun, Germ. 
32, 330 ff.) sehr wahrscheinlich, wenn auch das wort sonst in der Gudr. so 
wenig erscheint wie im Nib.-l. 

Hingewiesen sei endlich noch auf die heute befremdende construction 
von *sich erholen' Gudr. 706,1 Herwtc von Sewe^i wolte sich erholn an 
den von Alzabe, einem sich rechen an sehr nahe und in zwiefacher hinsieht 
vom jetzt geltenden Sprachgebrauch abweichend: 1. setzen wir die präp. 
*von', 2. reihen wir damit keine personen an. Vgl. aber DWb. 3, 854 
unter 8. 

§ 30. In bedeutung und constructionsweise der eben be- 
sprochenen Verbalgruppe verwant ist eine reihe anderer verba, 
die gewaltsamen, unfreiwilligen besitzwechsel bedeuten, ein 
erwerben durch kämpf, zwang oder überhaupt besiegung des 
vom erstbesitzenden geleisteten Widerstandes. In die kategorie 
des gewalttätigen besitzüberganges gehören ja auch viele der 
schon oben besprochenen constructionen. Auch hier nun zeigt 
der mhd. Sprachgebrauch, soweit ihn die berücksichtigten texte 
widerspiegeln, gegenüber dem nhd. eine gewisse Vorliebe, die 
mitteilende person auf die frage 'wo' zu construieren; z. b. 
ertwingen. 

Bei Hartm. kommt kein fall in betracht. Vgl. aber Wolf r. P. 49, 29 
waz tüoltste an mir ertwingen? Nhd. von (bei) jemand etwas erzwingen, 
häufiger vieUeicht jemand etwas abzmngen,^) abnötigen, bei Luther aus- 



^) Vgl. Goethe, Faust 1,675 Geheimnisvoll am lichten tag lässt sich 
natur des scMeiers nicht berauben, und was sie deinem geist nicht offen- 
baren mag, das zwingst du ihr nicht ab mit liebeln und mit schrauben. 

Beiträge zur geichichte der deutschen iprache. XXVI 27 






402 WIESSNEB 

zwingen. So Gottfr. im Trist 17922 dem wtbe enmag ir minne niemen 
uz erttcingen. 

Wie in der vereinzelten stelle bei Wo 1fr. tritt die constmction im 
Nib.-l. aof: 56, 4 ich irouwe an im erdwingen beidiu Hute unde lant; 109, 3 
ich wü an iu erttcingen swaz ir muget hän; ähnlich hetwingen Nib. 216, 4 
doch muoser tcerden gisel in Cruntherea lant: daz het an im beiwungen diu 
Sifrides hant 

Trennbare verbalcomposition Gndr. 1017,4 anders kan irz nieman 
an erttcingen: Tgl. den Wechsel gewinnen an einem und einem an ge- 
toinnen. 

In prosa ebenso: Altd. pred. 3,221,24 niwan also er in daz mit 
forhten muose an ertwingen, 

erdröuwen erscheint in dem behandelten gebiete nur 
einmal nnd zwar in trennbarer composition bei Hartm. A. Heinr. 
1074 ob ir iht ir herre die rede hete üz erdrot Hingegen ist 

er zürn ef^ ah einem Parz. 798, 3 sit ir ah got erzürnet hat 
(vgl. Bech, Germ. 7, 302), in trennbarer composition Parz. 463, 1 
Im megt im ab erzürnen niht ('durch zorn abnötigen, abtrotzen') 
Wolframs specielles eigentum. Hartm. und Gottfr. gebrauchen 
die phrase nie (vgl. G.Bötticher, Germ.21,329). Gleichartig unser 
einem etwas dbsohmeicheln = 'durch schmeicheln abgewinnen'. 

an ertriegen gebraucht wider nur Gottfried: 

Trist. 11592 den (dat. plur.) habet ir mich nu an ertrogen = 'durch 
betrug abgewonnen'; 13418 wan daz ir mit dem rottenspü dem künege 
Marke ertrüget an, daz füere ich mit der harphen dan. Vgl. abtrügen bei 
Luther. Aehnlich Trist. 16158 dö hcete im Tristan an erlogen einen stich 
zem ougen ('durch eine linte beigebracht'). 

In dieselbe kategorie von verben wie die eben genannten 

fällt dann die gruppe derer, die ein erwerben, gewinnen^) 

durch kämpf, streit bezeichnen; wider zieht das nhd. anknüpfung 

der person, ^von der' etwas erkämpft etc. wird, auf die frage 

^ woher' vor; das mhd. construiert daneben gerne auf die frage 

^wo', z. b. erstriten. 

In Hartmanns Sprachschatz kommt keine hier anzuführende con- 
stmction vor; Iw. 5137 Mugen si mirz ane striten, sine länt mich niender 
riten setzte Benecke ed. I. erstriten, das BDabcd haben, ed. n. aber nach 
AE striten. Der bedeutung nach ist freilich dieses simplex ganz identisch 
mit erstriten ('durch kämpf abnötigen'). — Gottfr. Trist. 10282 biz doch 
diu süeze wipheit an dem zome sige erstreit ist vielleicht besser unter die 
phrasen von sige (s. § 37) zu steUen. — Wo 1fr. gebraucht meist ab einem: 



1) Vgl. die etymologie des Wortes. 



RÜHE- UND RIOHTÜNGSCONSTRÜCTIONEN. 403 

Parz. 393,22 er hat si gehen Sicherheit, die er des tages ah in erstreit', 
520,12 dö Parziväl erstreit ah Orilus die hidde; 559,14 swaz er hat ah in 
erstriten; 583,27 und Erek der Schoydelakurt erstreit ah Mähonagrtn; Wh. 
56, 8 der heidenschefte leide mit jämers geseUekeit der marcräve ah in (näm- 
lich den brüdern) erstreit, — Trennbare composition mit ah : Wh. 308, 2 
Nu gelouht ouch daz diu mennescheit den engelen ir stat ah erstreit — 
Nur einmal an einem: Parz. 424,25 ... Sicherheit, die stn hant an mir 
erstreit. — Auch gein: Parz. 461,20 ... werdekeit die Schildes amhet mir 
erstreit gein werlichen handen. — Nicht hierher gehört Wh. 412, 17 waz 
half sin gröziu hers kraft, die im sin vater schuof ze wer, mange sunder- 
rotte, üher mer? uz den het er sich erstriten, daz er in ze verre was entriten, 
wo das verb in prägnanter function steht ^sich kämpfend entfernen'. 

Nib. (A) und Gudr. bieten für erstriten in solchen phrasen keine 
belege; vgl. Nib. (Bartsch) 93,8,11 mit ir vater swerte, daz Palmunc was 
genant, erstreit ah in der küene den hört unt Nihelunge lant. 

Mit erstr. auf einer stufe steht das im ganzen weit seltenere 
ervehten, das Hartm. einmal mit an c. dat. verwendet: 

Er. 8017 swer si hie sol hejagen, daz hat er im ze rehte daz ers an 
im ervehte. — In trennbarer composition Wo 1fr. P. 128,5 der stolze küene 
Lähelin dinen fürsten ah ervaht zwei lant 

Schliesslich noch einige yereinzelte föUe: Hartm. Iw. 4493 swenn er 
(der riese) mirs (die tochter) an heherte. Tgl. Beneckes anm.,*) Wo 1fr. 
und Gottfr. verwenden das wort, aber nicht begleitet von einer ruhe- 
oder richtungsangabe. — Oder Wo 1fr. P. 743,27 ... unt an ir werden 
minne, die er mit swertes schimpfe erranc ... vor Pelrapeire an Ciamidi, 
— Endlich Hartm. 1. Bttchl. 889 daz dehein din meisterschaft an mir 
neme die kraft, daz ich etc. (Bech^ *dass je, irgendwie deine Überlegenheit 
es über mich vermögen werde ')^ eine phrase, die unter dem einfluss von 
erstriten, sigen, sige nemen an gebildet sein mag. 

§ 31. Eine andere Unterabteilung in der reichen verbal- 
gruppe, die am besten durch ihre häufigsten Vertreter erwerben, 
gewinnen repräsentiert wird, bilden diejenigen verba, die ein 
* erwerben durch dienste' bezeichnen. Nhd. erfolgt der anschluss 
der mitteilenden person dabei regulär durch von, welcher phrase 
nhd. ebenso wie mhd. starke concurrenz gemacht wird durch 
die construction mit um, umbe. In der bedeutung 'geld ge- 
winnen' setzt die Umgangssprache bei dem verb auch angäbe 
der ruhe: bei dem mann ist nichts isu verdienen. Mhd. ist aber 
auch verdienen an einem möglich, das noch bei Luther anzu- 
treffen ist (vgl. DWb. 12, 225 mitte, auch 228 oben). — Häufig 
ist die construction v. an einem auch mhd. keineswegs. 



1) Das. Ues Trist. 6805 (statt 6505). 

27* 



404 WIESSNEB 

Hartm. z. b. gebraucht niemals verdienen, erd., ged. oder einfach 
dienen mit an c. dat., noch auch mit ab (von) c. dat., wie nach analogie 
bedeutungsverwanter verba zu erwarten stünde, sondern stets umbe, z. b. 
Greg. 3543 ich hän umb wisern herren got verdienet leider verre baz stnen 
zomlichen haz\ A. Heinr. 383 Ich hän disen schemelichen spot vil wol ge- 
dienet umbe got; 1439 die heten ouch vil wol umb in verdienet ere wnde 
guot; Iw. 4501 hab ich den lästerlichen spot verdienet iender umbe got; 
8094 gedienen müez ich noch umb in daz er mich lieber welle hän, — 
Wo 1fr. verwendet solche phrasen recht spärlich und setzt dabei entweder 
auch umbe, wie z. b. Parz. 258, 9 doch müez iu freude unt ere got immer 
geben mere denne ir um mich gedienet hat, oder an c. dat. : Parz. 357, 15 
der nie gediende an tvibe Meincet. Anderer natur ist Wh. 120, 8 man mac 
an ir gedienen gote und unseres landes ere: hier steht ged. nicht im sinne 
Ton * durch dienste erwerben', sondern = *dienste leisten', ir vertritt daher 
auch nicht die mitteilende person; der sinn der stelle ist 'indem mau ihr 
dient, dient man zugleich auch gott und der ehre unseres landes'. — Bei 
Gottfr. nichts entsprechendes. Trist 13774 wan alse er an Isolde der 
liebe dienen tcolde, so xcante es in der arcwän hat nur äusserliche ähn- 
lichkeit. Verschiedene deutungsversuche bei Bechstein in der anm.; nach 
meiner meinung hat allein der Übersetzer Kurtz das richtige getroffen, der 
die phrase mit *der liebe fröhnen wollte' widergibt, d.h. dienen = nhd. 
* dienen' und der liebe als dativ fasst; doch ist letzteres wol (mit R. Sprenger, 
Germ. 10,411) in der bedeutung * freude' zu verstehen, im gegensatz zu 
V. 13770. Der fall wäre dann dem im Wh. 120, 8 ganz gleichwertig. 

In der Gudr. kehrt dienen und composs. an c. dat. öfters wider: 17, 4 st 
wart Sit hüneginne und diente an dem helde michel löne; 141,1 Der nu 
welle dienen an mir michel guot; 206, 2 der verdiente sint an Hetelen deme 
hünegCy daz etc.; 1355,4 da mite si gröze miete an vroun Küdrünen dienen 
wolte (1404, 4 sam er mit siner Jiende an u/ns erdienen welle ein hünicriche 
ist conjectur). — Das Nib.-l. construiert im gleichen fall ebenso: 2038,4 
ujie hän ich an den Hiunen hie verdienet den tot? 2110, 4 an uns wil dienen 
Büedeger stne bürge u/nd siniu lant, ein fall, wo dienen schon in die be- 
deutung * durch dienste vergelten' tibergeht; der besitzwechsel steht nicht 
bevor, sondern liegt bereits in der Vergangenheit. Ganz klar ist diese 
function von dienen Nib. 2199,3 und lät uns an im (dem gefallenen Rü- 
diger) dienen daz er ie hat getan etc. 

In beiden bedeutungen concurrenz von umbe: 1. * durch dienste er- 
werben': Nib. 932,4 daz hete ouch wol verdienet umbe alle Hute der helt 
gemeit; 975,4 got läze in gelingen als sie umb uns gedienet hän; 2. * durch 
dienste vergelten': 159,4 daz dien ich immer umbe dich; ^b, 4: daz toil ich 
immer diende umbe Kriemhilde sin; vgl. auch Nib. (Bartsch) 854,4. In 
dieser bedeutung ist uns dienen fremd. — (Auch das trennto,re compositum 
erscheint einmal Nib. 1052, 10 waz ober ir an verdienet daz si noch wirdet 
vrö? = * vielleicht erreicht er es noch durch dienste von ihr'.) — Wh. 120, 8 
und Trist. 13773 gleich ist Nib. 838,3 Kriemhilt, liebiu vronwe, ja sult ir 
mir sagen vne ich iu müge dienen an Sifride iwerm man, daher nicht hierher 
gehörig. 



RUHE- UND MCHTUNGSCONSTRUCTIOKBN. 405 

Unerhört in den werken der drei höfischen epiker, wie (sonst) in den 
beiden nationalepen ist richtnngsconstmction neben dienen in der bedentung 
* durch dienste vergelten*, wie sie Ni b. (Bartsch) 1418, 4, n steht: daz wölde 
ich immer mere hinz im dienende sin. Vgl. dazu Altd. pred. 3,258,39 
xran der was idoch vil, die sie vil rainen mait dar an versuhten, ob iemen 
so scone . . . tcare, der daz . . . hinze ir verdienen mohte, ob si iht anders 
durch in tuon loolte (* durch dienste erreichen'). — N ib. 56, 2 swaz ich 
friuntlicJie niht ab in erbitj daz mac sm erwerben mit eilen da min hant 
sei wegen ähnlichkeit der bedeutung hier angeführt. 

§ 32. Das Simplex dienen, das im mhd. Sprachgebrauch 
mit ruheangabe dem nhd. verdienen mit richtungsangabe auf 
die frage 'woher' gegenüberstand, gehört zugleich mit einer 
anderen gebrauchsweise in den kreis dieser Untersuchungen: 
es wird in der bedeutung 'dienste leisten' auch mit richtungs- 
bestimmung auf die frage 'wohin' verbunden und zwar speciell 
mit dem adverb des ortes dar, wobei dieses sonst ganz blasse 
wörtchen oft recht prägnante bedeutung annimmt: nämlich 
Vertretung der person, 'der'*) (nach unserem Sprachgebrauch) 
die dienstleistungen zugedacht sind, also = 'zu ihr (ihm) hin '.2) 

In Hartmanns epischen werken finde ich diese formel sowenig wie 
in Gottfrieds Trist.; wol aber in den Liedern einmal: MF. 207,22 so 
wil ich dienen anderswar: s. die anm. bei Bech' s. 60: anderswar = * einer 
anderen dame'. — Geläufiger ist sie Wo 1fr.: P. 670, 16 . . . bi ieslichr ein 
riter, der ir pflac unt der sich diens (dienstes alle ausser D) dar bewac: 
dar = 'der dame'. Wh. 179,25 wü tu daz versmähen, so dien ich aber 
anderswar (d. h. als euch, dem markgrafen). 

Auf gleiche weise wird das subst. dienest mit dar verbunden: Parz. 
471,4 icol die muoter diu daz kint gebar d<iz sol ze dienste hoeren dar ist 
kaum hierher zu stellen, da dar jedesfalls von hceren abhängt. Sicher aber 
Parz. 495, 3 Sus git man vorne gräle dan offerdich meide, verholn die man, 
durch fruht ze dienste wider dar, (und weiter ausgeführt, zur erklärung der 
ungemein gedrungenen verszeile) ob ir kint des gräles schar mit dienste 
suln vieren: Bartsch 'um kinder zu erzeugen, welche wider zum dienste 
beim gral bestimmt sind\ Vgl. auch Parz. 820,15 min sun ist gordent 
üf den gräl: dar muoz er dienstlich herze tragen. 

In andern fällen, wo die person (im dativ) genannt ist, 
wird die bedeutung des dar natürlich weit farbloser: 

Parz. 645,23 ich tuon im werden dienest dar, was Bartsch übersetzt 



^) Betreffs des dativs bei diesem yerb vgl. Erdmann, Gnmdz. 2, got. §273; 
as. § 274; ahd. § 275; mhd. § 276; nhd. § 277. 

') Die beiden mhd. wbb. erwähnen die fügung (unter dienen, ge- 
dienen) nicht 



406 WIES8NRB 

'ich komme dienstwillig dorthin', also in ganz prägnanter fassnng des 
dienen. Parz. 599, 20 so wart nie not so hert erkant, ine st ze ädenste iu 
dar benant (ßgg ze dieneste dar): Bartsch constroiert dar-benant (wie 
seine Übersetzung zeigt), ebenso gut wäre auch die constmction dienste 
dar möglich; 607)3 nu gelobet ouch min dienst dar gein der meide wol 
gevar zieht Bartsch dar zu dienst ('in dieser richtung, beziehung'). gein 
d, m,, an sich neben dienst wol möglich nach mhd. Sprachgebrauch, ist hier 
jedesfalls zu geloben zu construieren. Unsicher, ganz wie Parz. 599,20, 
ist auch eine frühere stelle 24, 24 swaz iu war od wirret, swä daz wenden 
sol min hant, diu si ze dienste dar benant — Bei Wh. 19, 2 Monschoy 
was der getouften ruof, die got ze dienste dar geschuof könnte man auch 
daran denken, dar zu dienste zu ziehen, da die wendung öfters formel- 
haften Charakter zu haben scheint; besser aber ist wol die constmction dar 
geschuof = * dorthin brachte', wenn man sich erinnert an Wh. 344,5 wen 
Terramer zuo zim dö schuof; 350, 14 ander dtnen vanen schaffe ich dar 
daz her etc.; 351,11 ich schaffe dinem vanen bt den sun des hünec Ähkt; 
399, 1 si solden bt den goten vam, die dar zxio warn geschaffet, — Auch 
Parz. 766, 30 uz heidenschaft gefuor nie man üf toufpftegenden landen, den 
mit dienstlichen ha^iden ich gemer diens werte, swar des dtn unUe gerte ist 
hierher zu stellen. 

Auch gein braucht Wo 1fr., wie gesagt, zur anreihung der person, 
der man dient: Parz. 476, 7 dich solden hazzen werdiu wtp durch stnen 
minnecltchen Itp: sin dienst was gein in so ganz; 495,7 swer sich diens 
(ßienstes alle hss.) geim gräle hat betcegen; 587,1 die wolt ir niht erldn, 
sine müesen dienst gein iu tragen, Wh. 378, 20 sin dienest wcer gein in so 
gröz; vgl. auch Wh. 10,2 Terramers rtcheit was kreftic wit unde breit, 
und daz a/nder känge , . . dienst gein im begiengen. 

Auffallend für das nhd. Sprachgefühl ist Parz. 493,21 es suln m^eide 
pflegn . . . des gräls, dem si da dienden für, Bartsch *Tor welchen sie 
dienend traten'. Vgl. oben Parz. 645,23. 

Aber eben diese uns heute so kühn anmutende gedrungene phrase 
hat wider schlagende parallelen im Nib.-L, sie ist also kein eigenproduct 
des kecken sprachbildners, sondern leises anklingen an die spräche des 
Yolksepos: 

Nib. 554,7 dienen schanen tvtben für den pälas wit; dienen in der 
eingeschränkten bedeutung Humieren'; 702,4 sold ich herverten durch si 
in drizec lant, da müese in dienen gerne hin diu Sifrides liant; 818,3 so 
lobet er iu dar dienen, Piper ^euch dahin zu folgen und daselbst zu diensten 
zu sein'; wenn er aber bemerkt 'Vermischung zweier constructionen' 
(offenbar dienen + verbum der bewegung), so ist das ein hineintragen 
des nhd. Standpunktes ins mhd. und falsch: dienen mit solcher Zielangabe 
ist hier und in den vorher citierten stellen einfache construction mit stark 
prägnanter bedeutung. Vgl. auch noch Nib. (Bartsch) 617, 3 an daz gagen- 
sideU man Stfride sah mit Kriemhilde sitzen, dar diende im manic ma/n, 
— In der Gudr. nichts dergleichen; zu verzeichnen ist nur 917, 4 sUwart 
ez (das kloster) also riche daz dar dienten wol driu hundert huoben. 



RÜHE- UND RICHTÜNG8C0NSTRUCTI0NEN. 407 

§ 83. Dem 'erwerben, gewinnen' steht in der bedeutung 
nahe Jcoufen = 'durch kauf etwas von jemand erwerben'. 
Nhd. regulär ettvas von jemand kaufen, doch auch bei jemand 
in etwas veränderter färbung. Mhd. scheint constmction der 
ruhe vorzuliegen. 

Bei Hartm. A. Heinr. 430 nu koufest du und mtngemdhele und din 
wip an mir den ewigen Up] 662 du muost von gotes hulden iemer sin ge- 
scheiden: daz koufest an uns beiden.^) In beiden steUen ist es aber nicht 
die eigentlich mitteilende persönlichkeit, die mit an angereiht wird. 

Eine merkwürdige richtungsconstruction bei Gottfr. Trist. 16873 
man luete in allen landen deheine fröude fanden, die si zwei ze den stunden 
wolten haben gekoufet dar in: nämlich in die wüesie (v. 16852), * durch kauf 
irgendwohin schaffen' o. ä. widerzugeben. Vgl. dazu Altd. pred. 3,73,2 
duz ist vrüde unde gnade unde sin selbes lip, da er iuch mit erchoufet hat 
hinz dem eicigen libe unde hinz der ewigen urstendi: die stelle ist kaum 
anders zu verstehen als (in nhd. paraphrase) * erkaufen ([= erlösen] und 
dadurch bewirken, dass einer) irgend wohin (gelangt)'. Wäre eine andere 
deutung möglich, so müsste der fall wol beiseite geschoben werden; denn 
gerade diese und ähnliche formein mit hin ze zeigen sich in diesen pre- 
digten ziemlich oft sehr lässig und lose an ein beliebiges verb geknüpft, 
ohne eine ziel- oder richtungsangabe zu bedeuten, sondern durch 4n Mn- 
blick, mit rücksicht auf' widerzugeben. Ich citiere nur einige fäUe yon 
vielen (im dritten bände): 84, 41 als ir da mit genesen suU hinz dem emgem 
libe; 247,15 wan da mit habent si die heiligen christenhait ... erwasken 
unde erflout hinze dem etvigen lip ; oder 70, 28 sunder daz er iuch mit siner 
voeterlichen zuht behalten wil hinz dem ewigen libe ; vgl. ähnlich 80, 14. 93, 35. 
114, 5. 136, 1. 148, 37; 34, 35 so sult ir ,,, aUe iu/wer not unde aUe iuwer 

angest überwinden hinz got; 64,2 da ir in disem eilende mit gespiset sult 
werden hinz dem ewigem libe; 98, 16 die im da dient hinz dem ewigen libe; 

53,42 durch daz och wir vil arme uns hinz dinen gnaden siUen diemütigen; 
146,15 une aver er sich selben ... diemüteget hinz unserm herren; ebenso 
19 und 21, U.S.W. 

Bei Wo 1fr. sind solche Zielangaben bei koufen und compositis nicht 
anzutreffen. Uebertragen Wh. 323, 4 und die von Paveye Irmenschart het 
erkoufet üf die vart; die person, von der man etwas kauft, construiert er 



*) Vgl. K. Ludwig, Der bildliche ausdruck bei W. v. Eschenbach 1. 2. 
Gymnasialprogr., Mies 1889 f. s.49: * Merkwürdigerweise erscheint auch das 
ewige leben als eine art kaufobject.' Die tropische Verwendung von koufen 
hat ja überhaupt im mhd. einen viel stärkeren umfang als nhd. ; ich erinnere 
nur an die geläufige parallele von kämpf und kauf, vgl. Iw. 7190 f. (und 
Beneckes anm.), heute nicht minder auffällig, wenn auch in manchen Wen- 
dungen noch anklingend, wie tetier bezahlen, hoch zu stellen kommen 
(vom kämpf leben). Es ist nur schwierig, eine grenzlinie zwischen wirk- 
lichem vergleich und bedeutungsübergang {kaufen = erwerben) zu ziehen. 



408 WIBSSNEB 

wie das nhd., bez. gleichartig: Wh. 260, 21 i daz uns TybcUt Cryburge nasme 
mit gewalt oder si ah uns erkoufte; auch mit umbe: Parz. 561, 7 ein krämer 
sitzet vor dem tor: ... kouft umh in, enruochet waz] die Verbindung etwas 
kaufen um einen in der gleichen bedeutung belegt das DWb. 5, 326 noch 
öfters aus dem älteren nhd. Vgl. Parz. 564, 1 Uhte ir megt gedtngen um 
mich, Bartsch 'so könnt ihr leicht mit mir handeln'. — verkoufen gein: 
Wh. 255, 2 wer mir üf Alischanz gewan sin ende vonn getouften die ir leben 
gein in verkouften. 

Andere interessante richtungsconstructionen bei häufen, 
die in der alten spräche lebendig waren, auf dem wege zur 
heutigen Schriftsprache jedoch abstarben, z. b. wider einen oder 
an mit accusativ, auch mit m (belege DWb. 5, 326), sind in 
dem hier behandelten mhd. gebiete nicht anzutreffen. 

§ 34. In constructionsweise und bedeutung berührt sich 
mit dem eben besprochenen t;erd«ewew: verschulden, versoln. 
Manche der im mhd. dabei auftretenden präpositionalconstruc- 
tionen gestatten keine wörtliche nhd. widergabe. 

Z. b. Hartm. A. Heinr. 1486 nu ratet mir alle durch got, von dem 
ich die genäde hän, die mir got hat getan, daz ich gesunt worden bin, ujie 
ichz verschulde vnder in, in der besonderen, heute erloschenen bedeutung 
'vergelten'.^) Oder 1. Büchl. 1245 wä mite verschulde ich daz ze dir? (= nhd. 
* verschulden, verdienen * im schlimmen sinne). — In überlegener concurrenz 
damit umhe: 1. Büchl. 35 du haltest wol versolt um mich; Er. 5883 hete ich 
umbe den versolt daz im geviele min Up] Iw. 4641 unde ez hat der künec 
Artus verschuldet umbe mich wol daz ich gerne ledegen sol mine vrouwen 
sin wtp. Ebenso in der function von 'vergelten*: Er. 6208 vil gerne icä 
ich immer daz umb iuch verschulden unz ich lebe ; Iw. 7985 . . . e ich die 
grözen minne ze rehte umb iuch verschulden müge als ez dem dieneste tüge 
den ir mir nu habt getan, — Vgl. ähnlich vom nhd. abweichende substan- 
tivconstructionen Iw. 2040 icider den hän ich schulde (anlass) gnuoc daz 
ich im vient si\ 2053 und machte im umschult wider si (nach Lachmanns 
conjectur) 'sprach ihn von der schuld gegen sie frei'. 

Wo 1fr. zieht in gleichartigen phrasen Hartmanns und Gott- 
frieds wider die bei ihm ungemein beliebte präposition gegen (gein) vor 
(wie z. b. auch das Nib.-l.), eine erscheinung, die noch öfters im folgenden 
zu beachten sein wird. Z. b. Lieder 5,31 diu nu den schuldehaften lip 
gegen mir treit, daz läze ich sin\ Wh. 69,6 swaz ich ie schult getruoc gein 
dir; 81,3 Nu sich, dort stet Volatin daz ors, da mit diu schulde min gein 
dir wcere vergolten gar. Oder Parz. 266, 10 ir schulde ist gein mir ze grcez- 
Itch. — Auffallend gegenüber dem nhd. Sprachgebrauch ist Wh. 120,5 da>z 
hat si wol verschuldet her, daz ieslich werder Franzoys wer stnes dienstes 
zir geböte 'das hat sie sich hier (= bei uns) wol verdient* — wenn nicht 



Vgl. verdienen ebenso, s. 404. 



RUHE- UND RTCHTUNGSCONSTRÜCTIONEN. 409 

vielleicht her temporal zu verstehen ist * bisher* (über temporales her vgl. 
Mhd. wb. 1, 688 a, 31 f.). 

Gottfr. setzt hier die in seiner spräche auch sonst sehr beliebte 
Präposition iciderf ein zug, der seinen Sprachgebrauch offen von dem Wolf- 
rams scheidet, an sich wol sehr äusserlicher natur ist, aber wegen der 
masse der fälle bei einem bilde der sprachlichen eigenart beider meister 
doch nicht zu vergessen wäre. Hartm. scheint ziemlich in der mitte